Bauhins~ Schwiegermutter ihrer Tochter bei Anlaß eines Unwohlseins 1582
schrieb, sie hoffe, „eß soll eine gute lebendige kranckheit werden,
daß es veber ein Jahr Jm züberlin pfladern werdt“[521]. Bademoder und
Bademome hieß im Niederdeutschen Hebamme[533], in Hildesheim kommt
1544 Bademöme dafür vor[52], eine Münchener Handschrift hat im 15.
Jahrhundert „Badmueter“[46]. Im Niederdeutschen heißt auch Taufpate
„badegode“[553]. 1526 begehrte Anna, Herzogin zu Mecklenburg, geb.
Markgräfin zu Brandenburg, vom Rat zu Berlin die Zusendung einer
„Bademuhme“[191].
Das Waschen des Herzogs Ludwig von Württemberg hatten unter Obhut der
Mutter die Mägde besorgt, bis im Jahre 1562 die Erziehung Männern
übertragen wurde und damit auch des Leibes Reinigung. Die Instruktion
für den Hofmeister, den Lehrmeister und den Untergehülfen lautet: „Es
soll auch der Jung fürst, In 14 tagen Einmahl zue Morgens vor dem
essen, schwaißbaden, unnd allwegen Hofmaister, oder Präceptor, unndt
der Jung Maister Conradt Bausch, auch mit Ime baden, sonnst alle acht
tage soll Ime der Kopf gewäschen werden, durch gemellten Conradten, mit
der laugen, wie Ime der Jungen frewlein Hofmaisterin ordnen wurdet.
Das haar soll Ime durch gedachten Conradten, doch annderer Zeit nicht,
dann im zunemenden Mon, unnd ußerwellten Zaichen beschnitten werden.“
Wenn von nöten, sollte Meister Conrad Bausch auch den Kopf und die Füße
waschen[579]. Als Hans Christoph von Venningen 1582 als Hofmeister
des acht Jahre alten Kurprinzen Friedrich von der Pfalz angestellt
wurde, schrieb ihm der Kurfürst nach Angabe des Dr. ~Strupp~ in seiner
Bestallung vor: „Er soll auch daran seyn, daß vnser Sohn vnd andere
ihm zugeordnete Knaben jederzeit am Haubt oder Leib durch die Balbirer
vnd Bader der Gebür mundirt werden“. Im selben Jahre heißt es in einer
Ordnung für die Hofmeisterin von Fräulein Christine, Pfalzgräfin,
des Herzogs Friedrich Schwester, „die nötige vnschädliche Säuberung
des Haubts, Füßen vnd ganzen Leibs wird gegenwärtige Hofmeisterin
wohl wissen, sonderlich auf die Sonnabend nützlichen ahnzustellen.
... Solche des Leibs Badungen aber sollen nit nüchtern, sondern vmb
Vesper-Zeit, auch nit in Schweiß- sondern Wasserbäden wegen ihrer
truckhenen Natur vnd Complexion geschehen“[583].
[Sidenote: _Die Kinder in der öffentlichen Badestube_]
Aus diesen Anweisungen geht hervor, daß auch Kinder Schweißbäder
nahmen. Auf einem Konstanzer Wandgemälde aus den ersten Dezennien
des 14. Jahrhunderts ist dies dargestellt (Abb. 86), ebenso auf
mehreren Bildern ~Beham~s (z.❆B. Abb. 40). Aber auch zum Wasserbade
nahm man Kinder mit in die Badestube (Abb. 36). Für den Besuch der
öffentlichen Badestuben durch Kinder sprechen viele Badetaxen, in der
von Gerolzhofen in Franken aus dem Jahre 1557 sind sogar Kinder, die
man ins Bad trägt, berücksichtigt[239]. Die Bamberger Baderordnung
von 1480 verbot Sechswöchnerinnen und saugenden Kindern den Zutritt
zur Badestube[144]. Nach der Nabburger Schulmeisterordnung von 1480
sollten die Schulkinder am Mittwoch ins Bad gehen, weil die Bäder am
Samstag von Erwachsenen zu sehr besetzt seien[46]. Die Ordnung der
Fürstenschule von Meißen aus dem Jahre 1580, welche das Baden im Flusse
wegen Gefährlichkeit untersagte, schrieb vor, den Knaben einen Mittwoch
um den anderen die Badestube zu heizen. Am dazwischenliegenden Mittwoch
wurden die Köpfe durch den Bader gewaschen und die Haare geschnitten.
Überdies war eine Frau angestellt, um den Kindern zu den Häuptern zu
sehen, und so es vonnöten, sie zu reinigen[118].
[Sidenote: _Das kalte Bad der Juden_]
Eine besondere Berücksichtigung verlangen die Bäder der Juden. Nach
~Preuss~ schreibt der jüdische Ritus den Frauen vor, den Zustand der
„Unreinheit“ durch ein Bad zu beseitigen, sei er durch eine Blutung
aus den Genitalien auf physiologischer (Menstruation, Wochenbett) oder
krankhafter Grundlage hervorgerufen. Der ganze Leib muß sich zu diesem
Zwecke im Wasserbad befinden, d.❆h. jede Stelle der Körperoberfläche
mit dem Wasser in Berührung kommen (Abb. 64). Dieses kalte Tauchbad
soll in „lebendigem Wasser“, das sich aus Quellen ergießt, genommen
werden, das durch ein Rohr in ein Bassin geleitet werden kann. Es
ist unzulässig in einer Wanne zu baden. Da Quellwasser nicht überall
vorhanden ist, verwendet man als Ersatz auch Regenwasser. Die jüdischen
Gemeinden haben fast durchweg Bassins dafür angelegt, deren Inhalt
durch Zuschütten von heißem Wasser erwärmt wird. Vor dem Tauchbad nimmt
man ein warmes Reinigungsbad[522]. Die zahlreichen Abbildungen von
Bathseba und Susanna im Bade, die vielleicht auch ein gewöhnliches Bad
nach orientalischer Sitte darstellen, zeigen stets ein unter freiem
Himmel gelegenes Bassinbad (Abb. 62).
[Illustration: Abb. 62. Bathseba im Bad von David beobachtet. Kpfr. von
~Jakob Binck~. 16. Jahrhundert.]
[Sidenote: _Die kalten Judenbäder zu Speier und Friedberg_]
Als rituelle Bäder haben wohl die meisten bei den Judenschulen
(Synagogen) angelegten zu gelten. Sie führten den Namen „Judenpitz,
puteus Judeorum, lapis lavationis Judeorum (Cöln)“[580]. In Karlsbad
ließ Kaiserin Maria Theresia 1762 ein neues Badehaus errichten, das den
Mühl-, Neu- und teilweise auch den Garten-, späteren Theresienbrunnen
aufnahm und neben fünf Badezimmern, einem Tropfbade auch eine
„Judentauche“ für Judenfrauen enthielt[347]. Das älteste Frankfurter
Judenbad, das urkundlich 1323 zuerst erwähnt wird, lag der Judenschule
gegenüber und diente nur zu kalten Bädern[127]. In Mainz war mit dem
Bad eine Judenherberge verbunden, „die Herberg im kalten Bad“[205],
die aus zwei Häusern bestand. Im 15. Jahrhundert war es das einzige
Judenbad bei der Stadt[581]. Zwei hierher gehörige, architektonisch
bedeutende Judenbäder aus alter Zeit haben sich bis heute wohl wegen
ihrer unterirdischen Lage trotz Judenverfolgungen erhalten. Das eine
liegt in Speier nahe bei der Judenbadgasse und stammt aus romanischer
Zeit (12. Jahrhundert). Eine Treppe führt zum Wasserspiegel hinab, der
5 m unter der Erde liegt[523]. Das Judenbad zu Friedberg in Hessen ist
ein gotisches Tiefbauwerk aus der Mitte des 13. Jahrhunderts (Abb.
63). Urkundlich wird es 1350 zuerst erwähnt, als es samt Judenschule,
allen Judenhäusern und Hofstetten verkauft wurde. Der Wasserspiegel
liegt ca. 30 m tief, der mittlere Wärmegrad ist 6°R. Heute wird
es fälschlicherweise das Römerbad genannt. 1856 erkannte es Dr.
~Dieffenbach~ als Judenbad[524]; die im Innern an einigen Stellen
angebrachten hebräischen Inschriften legen Zeugnis dafür ab[319].
Übrigens war es ~Zeiller~ 1655 als solches bekannt und nach ihm noch in
Gebrauch. Es lag in der Judengasse und ist ein „wunderbarlich weiter
Brunn, sehr künstlich, vnd sonder Zweiffel, mit großer Gefahr, vnd
Kosten, erbauet. Dann der Brunn ist rund, vnd hat 84 steinerne Staffeln
biß auff das Wasser, vnd 13 oder 14 vngefährlich in das Wasser hinab;
ist bogenweiß also geschlossen, daß man, von oben herab, biß zum
Wasser, und wieder hinauff, steigen kann“. Nach ihm haben die Juden den
Brunnen um eine Summe Geldes erstanden[83].
[Illustration: Abb. 63. Das Judenbad zu Friedberg in Oberhessen aus der
Mitte des 13. Jahrhunderts. Nach ~Kratz~.]
[Sidenote: _Beaufsichtigung der Kellerquellenbäder_]
In kleinen Gemeinden entbehrten die Bäder nicht nur jeden Schmuck,
sondern waren recht oft in einem derartig unhygienischen Zustande, daß
~Mombert~ 1830 für ihre Abschaffung eintrat[582]. Später kamen die
Bäder in Bayern unter bezirksärztliche Kontrolle. In den ersten Bänden
der Balneologischen Zeitung wird z.❆B. 1856 und 57 berichtet: „Die in
Mittelfranken existierenden Kellerquellenbäder der Juden entsprechen
durchaus der Gesundheitspolizei“ oder „Die Kellerquellenbäder der
jüdischen Gemeinden sind zweckmäßig und zur Erwärmung des Wassers
eingerichtet. In Schwabach wurde das alte schlechte Kellerbad durch ein
neuaufgebautes ersetzt“[I].
[Illustration: Abb. 64. Judenbad. _a_ das warme, _b_ das kalte Bad.
Kpfr. aus: ~T. C. Kirchner~, Jüdisches Ceremoniel. Nürnberg 1726.]
[Sidenote: _Die Badestuben der Juden_]
Neben den kalten Judenbädern finden sich solche, die den öffentlichen
Badestuben entsprechen, „rechte Bäder“, wie sie die Frankfurter
Juden 1460 selbst nennen[133] (Abb.64). Das Wiener Konzil hatte im
Jahr 1267 den Juden das Benutzen der christlichen Badestuben[16],
König Wenzel sogar das Betreten der Bader Behausung[286] verboten,
das Konzil zu Freising 1440 das Zusammenbaden von Juden und
Christen[144]. Nach den Nürnberger Polizeiordnungen des 13. und 14.
Jahrhunderts sollte kein Christ in der Judenbadstube baden und die
Juden in der eigenen[201]. Ein gleiches Gesetz erließ Augsburg 1276.
Infolgedessen wurde 1290 den Juden auf ihre große Bitte erlaubt „ein
badhous zu machen des Haerpheres house und des spitals badhouse“. Auch
das christliche Gesinde der Juden hatte dort zu baden und nicht in
anderen Badstuben[541]. München verfügte in der ersten Hälfte des 14.
Jahrhunderts, es solle wie zu Augsburg gehalten werden[203].
In Nürnberg verlegten die Juden schon 1349 die Badestube in ihr neues
Schlachthaus zur weißen Krone in der Judengasse. Sie hatten vorher das
Zottenbergerbad, eines der ältesten Bäder Nürnbergs benutzt[195]. Die
Badestube „Wunderburg“ in Wien hatte 1314 ein Jude Liebmann inne. 1385
kaufte die Judengemeinde daselbst von Ulrich Pader eine Badestube[16].
Von 1416–1447 wird das Judenbad zu Hildesheim mehrfach genannt. 1443
wurden Juden mit 2½ ℔ 3 Schillingen und 4 Pfennigen bestraft, weil sie
„auf den heiligen Tag“ gebadet hatten[52]. In Speier wird 1340 „der
Juden Badstobe“ erwähnt[273], eine „stupa balnearis judeorum“ im 14.
Jahrhundert zu Bamberg, in Erfurt im Mittelalter ein Judenbad[16], 1449
ein solches zu Görlitz[202].
Die Konzilbeschlüsse, welche den Christen gemeinsames Baden mit
den Juden verboten, wurden, wie aus der Nürnberger Polizeiordnung
hervorgeht, nicht gehalten. In Frankfurt badeten die Juden bis etwa zum
Jahre 1450 in allen öffentlichen Badestuben mit den Christen vermischt,
und niemand nahm Anstoß daran. Erst um jene Zeit, als das Volk auch
hier angefangen hatte, sie zu mißhandeln, wurde ihnen nur eine
öffentliche Badestube, die obere in Sachsenhausen (1348 zuerst erwähnt)
zu besuchen erlaubt. In einer Bittschrift der Frankfurter Juden kommt
unter anderem vor: „Als vormals, davon vns nit czwifelt uwerer wißheit
wissentlich sin mag, die Jutscheit czu Franckfurt myt dem Christenen
volcke, wo vnd welich zit iglichem eben was, czu bade ginge, han vnsere
herren der Raidt czu der czit im besten der Jutscheyt ein badestobe,
nemlich die czu Sassenhusen, czubescheyden vßgesundert vnd darinne
czugeen bevolhen, das auch also bißhere gehalten ist, wir vns auch
darinne vnd myt den Christen czuchtlich vnd schicklich gehalten vnd
verdragen han.“ Schon 1444 verfügte der Rat: „Die Juden lassen baden
uff die frytage, obe sie wollen; wil sie aber der beder uff ander tage
baden, das moge er tun oder nit, oder sie in Meyne lassen czum kalden
bade geen.“ Manchmal aber verweigerten die Bader oder die Besitzer der
oberen Badestube zu Sachsenhausen den Juden überhaupt den Zutritt.
Im Jahre 1491 ersuchte der Rat Claus von Rückingen, daß er, „wo er
mit fugen moge, die Judescheit in der batstoben zu Sassenhusen baden
laiße“. Diese Bitte ward jedoch nicht erfüllt, und der Rat beschloß
infolgedessen, eine besondere jüdische Badestube in der Judengasse
erbauen zu lassen[127]. Die Juden von Frankfurt müssen aber doch
schon vor dieser Zeit eine eigene Badestube gehabt haben, wenn sie
auch die christlichen besuchten. Als auf kaiserlichen Befehl die der
Judengemeinde gehörigen Häuser, die bei der Pfarrkirche des Stifts
S. Bartholomäus lagen, weggerissen werden sollten, wurden die Juden
1460 beim Rat vorstellig: „vnd sulichs als jne vnser Schule ist, auch
eynß Kalden Baddes vnd Buwe darzu vnder der Erden, das müssen wir
Nachts gebruchen vnd nit zu dem Meyn komen känen, mogen wir auch mit
nit entpheren, auch eynß rechten Badß des wir daher auch jne bresten
gewest sin, vnd vnsere Herre fast darume angelegen han, vnß eyn Bat zu
bestellen, oder uff das Ende uwer Ersamkeit vnß gegünt, vnd geheyschen
han, wir sullen selbst eynß buwen, wir haben doch Fleckens genonck
vnd wie dann solches geluydet hait; Also gnedigen lieben Herrn han
wir eynß gebuwet, vnd schwerlich vnd großen Kosten dran gewant.“ Als
der Rat von Frankfurt der Judengemeinde ihre Häuser auf seine Kosten
in der Judengasse wieder aufbaute, da wurde 1461 in der Baurechnung
verzeichnet: „Heile dem Cleiber, von dem Gehäuse da das kalde Bad
insteet, zu stecken, zu cleiben und zu binden XVII. ℔. VIII. ß“[133].
Eine Badestube wird nicht erwähnt.
[Sidenote: _Die Juden in den Mineralbädern_]
Auch in den Mineralbädern badeten die Juden abgesondert. Töplitz hatte
1706 zwei Judenbäder[81]. In Baden bei Wien lag das Judenbad 1649 vor
dem Städtlein und wurde vom „Abfall“ gespeist[371]. 1734 mußten die
Juden doppelte Taxe bezahlen[499]. In Baden (Aargau) hatten die kleinen
Bäder 1790 ein Judenbad[424], in Schinznach wohnten um die gleiche Zeit
die armen Juden abgesondert im „Judenhüttchen“, reiche nahmen eigene
Zimmer unter den anderen Gästen, kochten und aßen aber für sich[421].
[A] Diese Mitteilung verdanke ich Herrn Professor ~Weber~ in Jena.
[B] Die Nachricht darüber verdanke ich Herrn Dr. ~Hampe~.
[C] Nach einer Abbildung in ~Ryff~s Vitruv von 1575[466] waren die
metallenen Badewannen aus großen Blechstücken zusammengenietet.
[D] Dabei kann Badschild außerdem die Badewanne bedeuten, wie
Badestube das Badehaus, die Stube selbst und auch das Gefäß, in dem
man badete, bezeichnet.
[E] Die in Abb. 34, 53 und 54 wiedergegebenen Apparate finden sich
in mehreren Büchern des Egenolfschen Verlages, namentlich in ~Ryff~s
großer Chirurgie.
[F] Diese Stelle stützt die Ansicht ~Heyne~s, daß die Italiener das
Wort Stufa aus dem Deutschen entlehnt haben[3]. Auch ~Faloppius~
(1523–62) aus Modena sagt — nach der deutschen Übersetzung von
~Bauhin~s Buch über das Bad von ~Boll~ 1602 —, daß die in Italien
vorkommenden großen Bäder voller warmer Dämpfe (über den heißen
Quellen, die heute noch Stufen heißen) von den neuen Skribenten
Stufen genannt werden[331].
[G] Der Striegel wird textlich nur noch einmal erwähnt. Im Höllenbad
von ~Hans Sachs~ „thet man mit scharpffen strigeln krawen“[29].
Krauen, das heute am besten durch „krabbeln“ wiedergegeben wird,
war ein erhöhter Grad von Reiben, das sich bis zum Kratzen steigern
konnte und im Schwitzbade stattfand. Aber auffallenderweise ist
auf keinem Schweißbadbilde ein Striegel zu finden. Er kommt
öfters und zwar in der auf Abb. 59 angegebenen Gestalt, aber
nur bei Wasserbädern vor, z.❆B. auf dem Titelblatt zu ~Murner~s
Badenfahrt[6], dem zum Buche ~Etschenreutter~s über Mineralbäder
(Abb. 101)[449], dem zu ~Phries~’ Wildbädern (Abb. 117)[429], auf
dem Männerbade ~Dürer~s (Abb. 138) und einem Mineralbadbilde in
~Münster~s Cosmographey (Abb. 111)[351].
[H] Der schwangeren Frau rät der Kalender nicht zu baden.
„Doch so ist eß inen gůt vnd gesundt
Wenn der hinderst monat kunt
Denn sol ein bad syn gemacht
Von ypschen bappelen ge schlacht
Beren klawen vnd vyol krut
Sy da by mit sunder trut
Wenig sol sy darin schwitzen
Vnd zelang nit darin sitzen
Das sy ein omacht köme an
Wenn sy den vß dem bad wil gan
So sol man sy den salben
Mit öle allenthalben
Das von vyol sy gemacht
Oder populeon geschlacht
Nach dem bad sond sy geflissen sin
Mit essen vnd trincken gůten win.“
[I] Ich halte ein bei Pyrmont gelegenes Bad, das von Schriftstellern
des 18. Jahrhunderts beschrieben wird, aber nicht erklärt werden
konnte[394, 381], für ein rituelles Judenbad. Für Pyrmont fiel auf,
daß es mit gewöhnlichem Wasser versorgt wurde. Es war ein altes
(schon 1706) Gewölbe, oben mit Moos und Hecken überwachsen, das die
Einwohner den Eichenkeller nach den auf dem Hügel stehenden alten
Eichen nannte. Die Länge desselben betrug 60, die Höhe 7, die Breite
auf Handhöhe beim Eingang 9, weiter hinten 5 Schuh. Oben war es noch
enger. Wegen Erde und Schlamm konnte man die Tiefe des Wassers nicht
messen, das aus 4 in den Berg getriebenen Löchern hervorquoll. Zu
beiden Seiten waren gemauerte Absätze angebracht, die man für Bänke
hielt, wohl aber doch die Stufen zum hinabsteigen waren. Der Ausfluß
des Wassers geschah durch ein Loch, das leicht zugestopft werden
konnte. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts benutzten die Einwohner von
Pyrmont den Keller zum Aufbewahren von Milch während des Sommers.
DIE VORGÄNGE IN DEN ÖFFENTLICHEN BADESTUBEN
[Illustration: Abb. 65. Bademägde. Deutsche Wenzelbibel. Anfang des 15.
Jahrh. Nach von ~Schlosser~.]
Unter den älteren Schilderungen der Vorgänge in der Badestube ist die
eingehendste im Seifried Helbling[214], einem Gedicht aus dem Ende des
13. Jahrhunderts enthalten, das Wiener Badegebräuche beschreibt.
„‚Sit nû diu frâge ist volbrâht,
sô hân ich eines mir gedâht,
daz nâch unmuoze niht schat:
ob bereit sî daz bat,
des nim war frumer kneht.‘
‚herr, ir welt wol und reht.
ob ich dâ bî die wârheit kies?
ich hôrte, daz der bader blies
und sach mit niugebürstem hâr
barfüez ân gürtel slîchen dar
unser nâchgebûren drî:
dâ kius ich die wârheit bî.‘
‘ich wil dar, wol dan nâch mir!
nim mîn badhemd mit dir.‘“
[Sidenote: _Ankündigung des Bades_]
„Ich hôrte, daz der bader blies“, versichert der Knecht seinem Herrn
als Zeichen, daß das Bad bereitet ist. Auch in späteren Zeiten
bestand diese Sitte noch. ~Thomas Murner~ sagt in seiner Badenfahrt
(1514): „Got hat vns selb ins bad geblasen“, und auf dem zugehörigen
Bilde bläst Christus auf einer Posaune zum Fenster hinaus[6]. In
der Schweiz hat sich das „in’s Bädli blasen“ oder „gugen“[557] bis
in die neueste Zeit erhalten. Im Tale von Pfäffikon (Kt. Zürich)
blies der Bäcker (siehe S. 112) noch 1866 ein Horn zum Zeichen, daß
die Badestube bezogen werden könne[529]. Der Brauch bestand auch in
Zell[557], in Stegen bei Wetzikon (Mitteilung von ~Ferdinand Keller~ an
~Meyer-Ahrens~) und in einzelnen Ortschaften der Kantone Thurgau und
St. Gallen. Der Bäcker verließ sogar sein Haus und machte auf einem
großen Horn (Ochsenhorn) blasend die Runde, um auch die Bewohner der
umliegenden Ortschaften zum Bad zu blasen (noch 1871)[564].
„Wir wöllend auch das unnötige Badrüeffen am h. Wienacht Abend
verboten haben“, lautet ein Züricher Mandat von 1636 und ähnlich eins
von 1650. In Beromünster (Kt. Luzern) wurde die Badestunde in Versen
angezeigt: „Giri giri Geiss, euses Bad ist heiss; wer will baden,
ist früntlich ing’laden!“ Ein ähnlicher Ruf ertönte im Einsiedeler
Gebiete: „Giri giri Geiss, ’s Bad ist heiss; wer will schräpfen und
z’ Oder lon, sell zuem runden Turen (Turm) in’s Badhus chon“![557].
Auch in einem hochdeutschen Baderufe kommt 1606 die Ziege vor: „Bock,
Bock, Bock, Geiß, ich lauf, daß ich schweiß, kommt her, die Badstub ist
sehr heiß“![437]. Fast unglaublich klingt folgende Badeankündigung,
die Antistes ~Rudolf Stumpf~ in seiner Lebensbeschreibung erzählt:
„Es hat sich A. 1567 am Pfingsttag in der Kirche zu Kilchberg (bei
Zürich, wo Stumpf damals Pfarrer gewesen) begeben, daß Jung-Hans ab
Egg, von Rüschlikon, Wirth im Nydelbad, während der H. Communion
vor dem Tisch des Herrn offentlich ausgeruffen: „Wer im Nydelbad
baden, Lan (Aderlassen), oder Schräpfen wolle, solle auf Morn am
Pfingst-Montag ins Nydelbad kommen“[551]. In der deutschen Bearbeitung
des griechischen Romans vom König Apollonius von Tyrus durch ~Heinrich
Steinhövel~ von Wil, „Doctor der Arcni“, vom Jahre 1461 lautet der
Baderuf:
„Hört reich vnd arm
Das bad ist warm
Wer sich wöll waschen vnd salben
Am hobt vnd allenthalben
Er sey herr, Knecht, frow, oder man
Dem wirt gewarttet schon“[A].
Nach ~Hans Sachs~[29] (1553) hörte Apollonius „mit eim beck ein knaben
klopfen an das bad“[B]. Sachs bringt den Baderuf nicht, hat aber die
Beschreibung des Baderhandwerks in seinen Ständen[208] als solchen
gefaßt:
„Wolher ins Bad Reich vnde Arm,
Das ist jetzund geheitzet warm,
Mit wolschmacker Laug man euch wescht,
Denn auff die Oberbanck euch setzt,
Erschwitzt, denn werdt jr zwagen vnd gribn,
Mit Lassn das vbrig Blut außtriebn,
Denn mit dem Wannenbad erfreuwt,
Darnach geschorn vnd abgefleht“[C].
[Sidenote: _Aushängezeichen der Bader_]
Nach ~Zinken~s Allgemeinem ökonomischen Lexikon (Leipzig) ging 1740
an den Tagen, an welchen das Bad geheizt wurde, ein Junge durch die
Gassen, auf ein „messigen Becken mit einem kleppel schlagend“, in
Eger wurde im 18. Jahrhundert in den Straßen eine kupferne Pfanne
angeschlagen und ausgerufen, daß das Bad bereitet sei[16]. ~Wildvogel~
sagt 1754, daß zur Zeit nach allgemeiner Sitte am Tage, an dem das
Bad bereitet, jemand durch die Straßen der Stadt läuft und auf einem
messingernen oder eisernen Becken oder mit einem hölzernen Instrumente
einen Ton hervorruft und so das Bad öffentlich anzeigt[242]. Schon im
Ring heißt es von Gunterfay, dem Spielmann:
„Und cham her aus gestoben
Gerumpelt und geflogen
Mit seinem bekkin, daz war new.
Bertschi sprach: Nu plew und plew
Und lass uns heynt hofieren! ...
Uber al daz bekk erschal,
Daz es erchnal in perg und tal.“
Diese Beckenmusik, die ein Ständchen vor Tagesanbruch darstellen
sollte, wird auffallenderweise gleich darauf als Pfeifen bezeichnet. Es
fand wohl beides zusammen statt.
„Wes schlaist uns heint mit deinem pfeyffen?
Wilt, daz wir dir dhant derstrichen?
Des antwurt in der Schollentrit:
Lieben herren, zürnet nicht!
Mich dunkt, er hab ins pad gschlagen,
Wier schüllen uns da hin dertraben.
Schollentritten glaubt man do,
Yederman der ward so fro,
Daz er also zsteite
Sich huob von seinem beite
Wen seu pey allen iren tagen
Häiss pad chonden nie gehaben“[230].
[Illustration: Abb. 66. Inneres einer Badestube. ~Philipp von
Allendorf~, Der Juden Badstub. Titelholzschnitt. 1535.]
Die im Morgenschlaf gestörten Bauern lassen sich also durch die Angabe
beruhigen, der Spielmann habe ins Bad geschlagen, worauf sie sich von
ihren Betten erheben und dem Bade zueilen.
Mir scheint fast, daß die Aushängezeichen der Bader wegen ihrer
Vergänglichkeit nur an den Badetagen — wie die Aderlaßbinde an
den Aderlaßtagen — ausgehängt wurden. In Zerbst war dies 1620 ein
weißes Laken[242], in Abbildungen zu ~Murner~s Badenfahrt[6] und zu
~Allendorf~s Judenbadestube[234] ein Badehut mit darunter hängendem
Badewedel (Abb. 66).
[Sidenote: _Bekleidung beim Gang zum Bade_]