Das ungebadet Scheren wurde also als etwas Unangenehmes empfunden,

was gar nicht überrascht, da man wahrscheinlich den Seifenschaum beim

Rasieren noch nicht verwendete. Ich fand die älteste Darstellung des

Schaumschlagens auf der in Abb. 39 wiedergegebenen Züricher Scheibe von

1524. Im Bad ging das Rasieren schmerzlos vonstatten, weil durch das

Wasser oder die Dämpfe das Barthaar erweicht war. Heute noch rasieren

sich die Finnen im Dampfbad, und ~Retzius~ sagt, daß das stumpfeste

Messer den Bart ohne Beschwerden abnimmt (Abb. 2)[5a]. Kein Wunder,

wenn man in älteren Zeiten dem Putzen auf nassen Bänken den Vorzug

gab. Zudem war es billiger. In Bräunlingen bei Donaueschingen kostete

es „1 Haller, trucken scheren 1 Pfennig“, also das Doppelte[219]. Für

das häufigere Scheren in der Badestube als im Schergaden spricht auch

die ehemals größere Anzahl der Bader gegenüber den Scherern, während

in späterer Zeit das Verhältnis umgekehrt wurde. Schon 1375 bildeten

die Hamburger Bader eine anerkannte und bestätigte Zunft, während

sich die Bartscherer erst 1452 zu einer geistlichen Brüderschaft

vereinigten[220], in Frankfurt am Main hatten erstere um 1400 Artikel

ihrer Zunft und einer Brüderschaft, die Scherer waren aber 1406 noch

mit Sattlern, Schildnern, Malern, Glasern und Kummetern in einer

gemeinsamen Zunft untergebracht. In einer dortigen Ratsverordnung

von 1454 heißt es: „Die beder lassen baden vnd im bade czu scheren

als +von alder+“[127]. Als weiterer Beweis möge dienen, daß die

Scherer an zahlreichen Orten den Badern das Scheren beim Bade zu

entreißen suchten; aber nirgends gelang es ihnen. Die Bader hatten

alte verbriefte Rechte. Wie bittend klingt es, wenn der Frankfurter

Rat auf Klage der Scherer hin den Badern 1491 sagen ließ, „das scheren

nit so strenglich in der batstoben zu vben“[127]. Die erste Scherstube

entstand zu Nürnberg im Jahre 1565, während die Bader in ihren

Streitigkeiten mit den Scherern nachwiesen, daß das sogenannte Rosenbad

schon vor siebenhundert Jahren unter dem Namen Burgbad bestand, wie

~Roth~ 1792 berichtet[195].

Im eigenen Hause ließ man sich, falls mans nicht selbst besorgte,

im Badestübchen vom Bader scheren, so daß für den Trockenscherer

kein großes Feld seiner Rasiertätigkeit übrig blieb. Darum suchte er

wenigstens der Bürger Badstübchen für sein Schermesser zu erobern. Wie

weit ihm dies gelang, soll bei den Streitigkeiten der beiden Handwerke

untereinander erörtert werden.

[Sidenote: _Rasiermesser / Scheren / Kämme_]

Bemerkt soll hier werden, daß die Klinge des Rasiermessers, für

das noch im 16. Jahrhundert neben Schermesser Scharsach gebraucht

wird[221], bis ungefähr 1500 unbeweglich mit dem Griffe verbunden

war. Das zeigen die Bilder zum Sachsenspiegel aus dem 13. und 14.

Jahrhundert (Abb. 67 u. 68) und der Holzschnitt von 1498 (Abb. 27).

Im 16. Jahrhundert finden sich nur noch zusammenlegbare Messer; als

Ausnahme kommt ein solches schon in einem Reichenhaller Gräberfeld

vor[3]. ~Ryffs~ große Chirurgie[221] zeigt spitz auslaufende und

ein dem heutigen ähnliches, vorn abgerundetes, das als Badermesser

bezeichnet wird. Die Scheren waren in alter Zeit und bis ins 16.

Jahrhundert hinein pinzettenartig, die beiden Blätter kreuzten

sich nicht. Diese Form ist auf den Sachsenspiegelbildern und in

den Darstellungen ~Simsons~, z.❆B. am Züricher Großmünster (12.

Jahrhundert) und auf einem Holzschnitte von ~Lucas van Leyden~[222]

wiedergegeben.

[Illustration: Abb. 27. Badknecht gegen Ende des 15. Jahrhunderts.

Holzschnitt aus: Hortus sanitatis. Straßburg, Joh. Pryss, ca. 1498.]

Kämme, ein- und zweireihige, waren seit den ältesten Zeiten in

Gebrauch. Auch die Verwendung von Bürsten ist alt. Von den Seligen im

Himmelreich heißt es: „ane straelaere unde bursten wirdit in daz har

geslihtet“[223], und ~Seifried Helbling~ sieht sonderbarerweise die

Nachbarn mit „niugebürsten hâr“ zur Badestube gehen. Codex 760 der St.

Galler Stiftsbibliothek aus dem 15. Jahrhundert empfiehlt zur Erhaltung

der Gesundheit tägliches „Har erpürsten vnd kempten“. Im 13. bis 16.

Jahrhundert hatten die Bürsten Pinselform (Abb. 40).

[Sidenote: _Kopfwaschen_]

Dem Scheren folgte das Kopfwaschen, kurz zwahen, waschen genannt.

~Zappert~ glaubt, daß die häufige Anwendung desselben durch die

Kreuzzüge aus dem Orient über Italien nach Deutschland kam, doch führt

er selbst eine Quelle aus dem 10. Jahrhundert an, nach der sich in der

Abtei Farfa die Mönche nach der Rasur die Köpfe waschen mußten. Die

heilige Elisabeth schor einem siechen (aussätzigen) Bettelmann das

Haar. Darauf

„Di frouwe selic unde clůg

Ime ouch daz sieche houbet twůg

Mit einer scharpen laugen“[224].

Auch bei den Frauen des 13. Jahrhunderts war es üblich.

„sie hiezen, daz ist wâr,

ir houbet twahen und ir hâr

straelen unde slihten

und ir scheiteln rihten,“

heißt es von den Frauen, die sich Eraclius zur Brautschau für Kaiser

Focas vorstellten[225]. Eine Äbtissin ordnete in der ersten Hälfte des

14. Jahrhunderts an:

„rôswazzer sol man balde haben,

dâ mit sol man mîn houbet laben;

daz ziucht ûz boese hitze“[226].

Die Nonnen des Klosters zu St. Verena in Zürich, die anfangs nach der

Regel des heiligen Augustin lebten, später aber zu Dominikanerinnen

wurden, hatten siebenmal jährlich den Kopf zu waschen und die Haare zu

schneiden, obschon in ihrer Regel die vom heiligen Augustin gegebene

Vorschrift des monatlichen Bades fehlt[227].

Der Mann ging nach dem König vom Odenwalde (Anfang des 14.

Jahrhunderts) ins Bad, „daz man imez haubet twahe“[228]. Daheim

besorgte ihm die Frau das Haar. In ~Paulis~ Schimpf und Ernst (16.

Jahrhundert) wird einer Frau vorgeworfen, sie habe in dreißig Jahren

ihrem Manne nie das Haar gestrehlt[16]. ~Hermann Fressant~ von Augsburg

schrieb 1447 ein Gedicht „Ehefrau und Bulerin“. Der Mann kehrt nach

weiter Reise beraubt in die Heimat zurück. Zwei Buhlerinnen empfangen

den Armen schlecht, seine Frau aber hieß ihm

„ein guot bad bereiten

si zwuog im wol daz houbet,

Wan si was aller tugend vol“[212].

Die Arbeiter des Klosters Denkendorf nahmen jedoch, wenn sie nicht

verheiratet waren, ihre „Zwagerin“ mit ins Bad[73]. Als Kaiser Wenzel

1375 bei Nikolaus Muffel, einem vornehmen Bürger in Nürnberg, zu Gaste

war, bat er dessen Ehefrau, „das si im das haubt twige“. Sie tat es und

erhielt dafür von ihm ein Stück von einem Span des Kreuzes Christi, den

Wenzel am Halse trug[207].

Das regelmäßige Kopfwaschen war ein unentbehrliches Bedürfnis. Auch

im Kriege vergaß man es nicht. Der Baseler Hauptmann Meltinger hat

auf dem Zuge in die Lombardei, der 1513 zur Entsetzung des Herzogtums

Mailand unternommen wurde, für Zwahen seiner Person und der Überritter

einen Posten in den Ausgaben für den Scherer verzeichnet[229]. Neben

dem Sinn für Reinlichkeit, und vielleicht mehr als dieser, war die

Sorge um das Wohlergehen des Gehirns die Triebfeder der Kopfreinigung.

Die zahlreichen Anweisungen zur Körperpflege, welche für sich allein

und in den Volkskalendern erschienen und bei ihrem Befolgen dauernde

Gesundheit garantieren, berufen sich mit ihren Ratschlägen auf Meister

~Avicenna~, welcher spricht, man soll ein- oder zweimal in vierzehn

Tagen das Haupt waschen oder so oft des Menschen Gewohnheit ist, wie

es in Wiener Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts heißt[16]. Im

Ring läßt ~Wittenweiler~ (erste Hälfte des 15. Jahrhunderts) den Bauern

Bertschi Triefnas vom Dorfarzt Straub folgende Belehrung zuteil werden:

„In der wuchen ze dem mäysten (höchstens)

Einest (einmal) scholt daz twahen läysten

Deinem haubt, so tuost du wol,

Und ze dem minsten (mindestens) tzwahen schol

Der mensch sein haubt an widersprecht

In einem mänat (Monat), daz ist recht“[230].

[Sidenote: _Häufigkeit des Kopfwaschens_]

Die Kalender nach Dr. ~Küngsberger~ verlangen es aller fünfzehn Tage,

der Züricher vom Jahre 1507 setzt hinzu, es nicht über zwanzig Tage

zu unterlassen. Die Instruktion für den Hofmeister des Herzogs Ludwig

zu Württemberg vom Jahre 1562 schrieb es aller acht Tage vor[16],

ebenso ~Hero~ in den Schachtafeln zur Gesundheit 1533 jede Woche mit

der sonderbaren Begründung, „vff das dir der bart nit vssfall“[231],

und ~Brunssfels~ (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts) aller sieben

Tage[47], ~Dryander~ 1547 aller fünfundzwanzig Tage[233], ~Wittich~

1590 den Monat ein- oder zweimal[16], der erwähnte Codex der St. Galler

Stiftsbibliothek aus dem 15. Jahrhundert nur im Sommer und zwar oft mit

kaltem Wasser. Im allgemeinen aber verwendete man Lauge.

„Wer baden wel, muoß sich besachen

Das er auch künd ein laugen machen,

Die vnser haubt vnd alle sinn

Wesch, vnd alles das ist din....

Zuo laugen muoß man eschen (Asche) han,

Durch einen sack abrinnen lan

Das wasser, so wirt laugen dan,“

heißt es bei ~Murner~[6].

[Illustration: Abb. 28. Der Barbier. Holzschnitt von ~Jost Amman~ aus:

~Hans Sachs~, Beschreibung aller Stände. Frankfurt 1568.]

Zur Verwendung kam nach ~Brunssfels~ Rebenasche, doch war auch andere

gute brauchbar, nach ~Wittich~ neben Reben- auch Weidenasche. In

der Regel begnügte man sich mit gewöhnlicher Lauge. Die erwähnte

Instruktion für den Hofmeister des Herzogs Ludwig in Württemberg

schrieb nur diese vor. Beim armen Mann wird der Bader gewiß nicht die

beste Qualität verwendet haben. In einem satirischen Gedicht von 1535,

„Der Judenn Badstub“, heißt es vom „Zwagen“:

„Wär nur die laugen nit so scharff,

So wolt ich lassen zwagen mich,

Dweils doch můß sein, gedultiglich....

Nun her die laug ist schon gemacht,

Gezwagen das die schwarten kracht.“

Vornehme Leute wurden besser behandelt:

„Man zwegt sie mit kamillen blůmen.

Dieweil es die nit schmirtzen thůt“[234].

[Sidenote: _Mittel zum Kopfwaschen_]

Unter den zahlreichen Rezepten zum Kopfwaschen spielen die

Kamillenblüten neben vielerlei anderen Kräutern eine Hauptrolle. Sie

wurden entweder in der Lauge gesotten (nach den Wiener Handschriften

in einer „ring laug, die nit zu stark sei“) oder fein geschnitten in

Säckchen genäht und in die heiße Lauge geworfen. ~Hero~ schlägt zur

Entfernung des Schweißes aus dem Haar auch das Reinigen mit Salz vor,

und nötigenfalls setzt er der Kräuterlauge „leüß samen safft“ hinzu,

„das tödtet die leüß vnd nyßz“[231].

Gegen Läuse und Nisse (Lauseeier) hat man häufiger als heute kämpfen

müssen. Schon der Sachsenspiegel rechnet „nizkemme“ zur Gerade der

Frau[213], und bei ~Helbling~ wird neben dem „strêler“ auch der

„nizkamp“ genannt[214], wie ja heute noch im Volke der engzahnige

Staubkamm Lausekamm heißt.

„Ein Bürsle eym zwaghub vnd ouch ein Strel Do mit reyn dyn houbt vnd

der Lüse nit fel“,

heißt es 1514 im Straßburger Gedicht vom „Hußrat“[257]. Es ist nicht

richtig, wenn die heutigen Ärzte das mit Nissen und Läusen durchsetzte,

verfilzte Kopfhaar als Plica polonica oder Weichselzopf bezeichnen.

Der deutsche Ausdruck stammt aus einer Zeit, wo der berüchtigte, vom

Aberglauben beschützte Zopf nicht nur auf die Weichselgegend beschränkt

war, und lautete Wichtelzopf, weil man den Wichtelmännchen das

Zustandekommen der Haarverwirrung zuschob.

Kehren wir zum Kopfwaschen zurück. In der einfachsten Form vollzog man

es an sich selber, so eine Frau auf dem ~Dürer~schen und auf dem diesem

nachgebildeten ~Beham~schen Holzschnitte (Abb. 40). Die Abbildungen

zeigen häufig Schwämme, vermittels derer gewiß das Haar mit Lauge

durchtränkt wurde. Fast nie fehlt ein Gefäß, in das die abrinnende

Lauge aufgefangen wird. Möglicherweise ist dies das öfters, so von den

Meistersingern ~Hans Foltz~[12], ~Hans Sachs~ und in dem Straßburger

Gedichte von allem Hausrat[257] erwähnte „badbeck“. Das Kopfwaschen der

Kinder besorgte die Mutter in der Badestube, so in ~Amman~s Holzschnitt

zu ~Hans Sachs~’ Ständen[208] und in einer Darstellung der vier

Elemente aus dem 15. Jahrhundert[123].

[Illustration: Abb. 29. Kopfwäsche des Königs Wenzel von Böhmen durch

eine Bademagd. Miniatur aus der deutschen Wenzelbibel. Anfang des 15.

Jahrhunderts. Nach ~von Schlosser~.]

[Sidenote: _Der Zwagstuhl / Der Trockenofen_]

Häufig fließt die Lauge aus einem halbkugeligen, seltener

walzenförmigen Gefäß, das von der Decke oder von einem an der Wand

befestigten Stabe herabhängt, dem Laugenkessel (Abb. 28 u. 71).

Am Erwachsenen vollzog der Bader die Kopfwäsche. Im Dresdener und

Wolfenbüttler Sachsenspiegel (14. Jahrhundert) liegt der Badende auf

einer Bank, und der Bader tritt von hinten an ihn heran (Abb. 68),

ebenso die Bademagd, die dem am Boden sitzenden König Wenzel den Kopf

wäscht (Abb. 29, s. auch Abb. 66). Doch kommt in der Wenzelbibel

(14. Jahrhundert) eine zweite Abbildung vor, auf der Wenzel am Boden

kniet und den Kopf mit nach unten gewandtem Gesicht auf eine Bank

stützt. Ähnlich ist das Kopfwaschen in einem Manuskript der Züricher

Kantonsbibliothek aus dem 15. Jahrhundert dargestellt (Abb. 30). Aus

der einfachen Bank wurde schließlich ein besonderes Instrument, der

Zwagstuhl. Er hatte wohl den Zweck, die Kleider beim Kopfwaschen zu

schützen, weswegen ihn die Abbildungen von Badestuben nicht zeigen,

wohl aber die der Scherstuben. Auf einer im Musée de Cluny zu Paris

befindlichen Schweizerscheibe von 1559[235] kniet der Kunde des

Scherers auf der nur wenig über dem Boden erhabenen Stufe und stützt

die Arme auf die hohe Lehne, über die der Kopf hinausragt. Eine

ähnliche Darstellung zeigt ein ~Lucas Cranach~ zugeschriebenes Bild

im Dresdener Kupferstichkabinett[236]. Der ~Amman~sche Holzschnitt zu

~Hans Sachs~’ Balbierer bringt den Stuhl noch mehr entwickelt (Abb.

28) und ebenso ein von diesem beeinflußter Berner Scheibenriß mit dem

Monogramm H P vom Jahre 1575[199].

[Illustration: Abb. 30. Kopfwaschen im 15. Jahrhundert.

Papierhandschrift. Kantonsbibliothek Zürich.]

Nach dem Waschen wurde der Kopf mit einem Tuche abgetrocknet, das

auf dem ~Cranach~schen Bilde von einer Frau bereitgehalten wird. Die

~Amman~sche und die Berner Scherstube, auch der Züricher Kalender von

1585, zeigen auf einer senkrecht stehenden Stange einen kugeligen,

durchlöcherten Apparat, auf dem ein Tuch liegt (Abb. 28). Die Erklärung

desselben gibt die Ausgabe des ~Dryander~schen Arzneispiegels vom Jahre

1547, die den Apparat auch im Bilde bringt. Er dient zum Erwärmen der

zum Haarabtrocknen benutzten Leintücher und wird „balbierer Trückenofen

oder pfann“ genannt. „Soliche sind küpffern oben mit einem gelöcherten

deckel, der ob den kolen, so in der pfann gethon werden sollen, geheb

zuschließe. Etliche machen auch jrden Trücken hüt daruff wärmet man

die leinen tücher, damit das haar, haupt vnd glider zu trücknen vnd

bereiben“[233].

Noch im 17. Jahrhundert treffen wir in der Badestube das Waschen des

Kopfes an. Im Privileg der Wiener Barbiere von 1662 ist vorgeschrieben,

daß die Mittler (junge Gesellen) alle Abend den „Zwagtuell“ zu

reiben haben[16]. Dagegen scheint es im 18. Jahrhundert nicht mehr

üblich gewesen zu sein. Der erwähnte Berner Scheibenriß hat einem

satirischen Kupferstich auf den 1712 geführten Toggenburger Krieg zum

Vorbilde gedient (Stadtbibliothek Zürich). Der Zwagstuhl ist jedoch

verschwunden, und an Stelle des „balbierer Trückenofens“ steht wohl auf

einer Stange ein nahezu kugeliger Körper, der aber als Perückenständer

dient[237].

[Sidenote: _Schröpfen_]

Eng mit dem Baden war das Schröpfen verbunden (Abb. 31). Die Kalender

handeln beides in einem Kapitel ab. Es wurde nicht nur bei bestehenden

Krankheiten vorgenommen, sondern auch, wie man glaubte, um den Körper

bei Gesundheit zu erhalten. Wo wegen Ansteckungsgefahr bei Epidemien

vor Besuch der öffentlichen Badestuben gewarnt wird, ist stets auf

die ans Schröpfen gewöhnten Leute Rücksicht genommen. „Schräpffen,

sonderlich wer sich daran gewänt hatt, soll man nicht unterlassen“,

sagt ~Huggelin~[80] 1559, und ~Ellenborg~[16] empfiehlt es 1484 alle

Monate oder so oft man meint, wenn man daran gewöhnt ist, ebenso ein

anonymer Druck aus dem 15. Jahrhundert[238].

Das Schröpfen war wegen seines innigen Zusammenhangs mit dem Baden

mancherorts in den Badepreis inbegriffen. In der Stadt Gerolzhofen

mußte 1557 „yedes alts mensch, Weip oder Mansperson, es las schrepfen

oder nit“, zwei neue Pfennige fürs Bad bezahlen[239]. In Zürich hatte

man es 1604 für einen halben Batzen samt zehn Hörnli; wer noch mehr

verlangte, zahlte für jedes darüber einen Haller[240].

[Illustration: Abb. 31. Schröpfen im Bad. Holzschnitt aus dem Kalender

von 1481. Augsburg. Johannes Blaubirer.]

Das Schröpfen war Sache des Baders. Niemals wurde es ihm streitig

gemacht; ja es war den Scherern verboten, und wo diese es doch ausüben

durften, waren sie Bader zugleich, oder beide Berufe waren zu einem

verschmolzen. Auch die Frauen hatten sich vom Bader schröpfen zu

lassen. „Er tuot in dem bad howen, Man und och den frowen“, heißt

es in des Teufels Netz (Anfang des 15. Jahrhunderts)[241], und in

Darstellungen von Frauenbädern sehen wir als einzige männliche Person

den Schröpfer, während die übrigen Funktionen von weiblichem Personal

übernommen sind (Abb. 40 u. 72). Selbst in Nonnenklöster fand der

Schröpfer Eintritt, z.❆B. 1474 im Frauenkloster Urspringen und 1304

im Kloster der Benediktinerinnen zu Schönfeld in Rheinbayern[16].

In Zürich brachte 1542 eine Pfuscherin, die geschröpft hatte, als

Entschuldigung vor, sie wäre nicht nachgelaufen, sondern es sei zu

ihr geschickt worden, „etwann eine eeren frowen die nit gern einen

bader gehept“ zu schröpfen[209]. In den gerichtlichen Verhandlungen

vor der Züricher Baderlade und den höheren Instanzen habe ich öfter

Frauen als Angeklagte gefunden, die unbefugterweise geschröpft hatten.

Als männliche Schuldige kommen nur Baderknechte und Besitzer von

Mineralbädern vor. In letzteren beanspruchte selbstverständlich der

Inhaber der nächstgelegenen ehehaften Badestube das Schröpfrecht für

sich. Dies war in Zürich nach Verordnungen von 1593 und 1659 an den

Betrieb einer Badestube gebunden[209], ebenso in Sachsen-Weimar nach

der noch 1754 gültigen Baderordnung[242]. Nicht einmal der Besitz

einer Badestubengerechtigkeit, bei der der Inhaber die Badestube nicht

betreiben wollte, genügte 1774 in Zürich, wenigstens nach Ansicht der

Meister Bader, das Schröpfen in den Bürgerhäusern auszuüben[243].

Es brachte dem Bader gewiß mehr Gewinn als das Baden. Schon im 15.

Jahrhundert heißt es in einem Aderlaßzettel über einem beigefügten

Badestubenbild[244]: „Schröpfen fristet mir min leben.“ Das Ansetzen

der Schröpfköpfe und Hörner wurde meist stückweise bezahlt. Nach

der Bamberger Baderordnung von 1480 hatten Vermögende einen Pfennig

fürs Bad zu geben. Für zwei Pfennig erhielt man noch einen oder zwei

Schröpfköpfe; jeder darüber wurde mit einem Heller berechnet[144]. In

Bräunlingen bei Donaueschingen kostete das Bad für Erwachsene einen

Pfennig und zwei „winttusen seczen“ einen Haller, drei einen Pfennig,

vier ebensoviel[219]. ~Guarinonius~ tadelt 1610 die Habsucht der Bader

und wirft ihnen übertriebenes Schröpfen vor, weil jeder Köpfel um einen

Pfennig mehr trug, wodurch die Leute mit höchstem Schaden an Leib und

Säckel geschunden würden[134]. Zu Konstanz bestand jedoch 1483[219],

zu Böblingen vor 1554[198] ein Einheitspreis unabhängig von der Zahl

der Köpfe. Als im 18. Jahrhundert und im Anfang des 19. die Badestuben

selten und vielleicht nur noch des Schröpfens wegen benutzt wurden,

wird in den Züricher Protokollen Bader und Schröpfer für dieselbe

Person gebraucht. Der Baderberuf war also in dem des Schröpfers

aufgegangen, wenigstens an den Orten, wo er sich nicht zur Ausübung der

Chirurgie emporschwingen durfte.

[Sidenote: _Schröpfen in der Badstube_]

Das Schröpfen in der Badestube hatte seine Gründe. Da durch die

Wärme die Hautgefäße erweitert werden, erfolgt unter ihrer Anwendung

eine reichliche Blutentleerung beim Schröpfen. Die als Ersatz des

Bades empfohlenen Mittel bezweckten dasselbe. Doch hatten die

Schriftsteller zu Ausgang des Mittelalters und zu Anfang der Neuzeit

unter Zugrundelegung der Lehren alter Meister eine andere Vorstellung

von der Mithilfe des Bades. Durch Schröpfen allein konnte man nur

„subtiles“ Blut aus dem Körper entfernen. Wer Überfluß an diesem zu

haben glaubte und ihn ablassen wollte, bedurfte nicht des Bades. Anders

bei Leuten von „grobem gepliet“! ~Arnoldus~ sagt „das einn jeder der

solch gepliet hat im selber schaden thät, so er nitt im bad schrepffte,

dann vmb gröbe willen gieng allein das subtil vnd gut gepliet haraus

vnd nitt das grob, welches durch das bad flüssig wirt vnd von stat

mag“ (~Pictorius~ 1555)[246]. ~Ryff~[221] empfiehlt in seiner großen

Chirurgie zu diesem Zweck innerlich geeignete Nahrung, äußerlich

„bereiben, baden vnnd dergleichen“, und der schon angeführte anonyme

Druck aus dem 15. Jahrhundert[238] neben Baden im Wasserbad oder in

der Badestube „anheim in deinem haws bey warmem ofen schrepfen“.

Dies letztere nennt ~Guarinonius~ (1610) „trucken schrepffen“ (siehe

da). Er tadelt die dadurch verursachte Überhitzung der Stuben, die

unverständige Balbierer und Bader herbeiführten, weil sie meinten, das

Blut könne sonst nicht rinnen, und will dafür reiben mit einem warmen

Tuch bis zur Hautröte haben. 1484 brach in Nürnberg ein großes Feuer

aus, weil einer im Juli ein „stibla“ geheizt, „er hat im weln vorn ofen

schrepfen lassen“[248].

[Illustration: Abb. 32. Anlegen der Aderlaßbinde. Holzschnitt aus dem

Kalender von 1481. Augsburg. Johannes Blaubirer.]

[Sidenote: _Aderlaß _]

Neben dem Schröpfen spielte im Mittelalter und bis in die neuere Zeit

eine andere Art der Blutentziehung eine große Rolle, ich meine den

Aderlaß, auch Lässe und Läse genannt. Der Gesunde ließ ihn viermal

im Jahr an sich vornehmen; in den Klöstern war dies Vorschrift[249].

Hier fand er im Calefaktorium, dem Warmraume, statt, nicht etwa, wie

~P. Gregor Müller~ meint, damit die Hand des Chirurgen nicht vor Kälte

zittere[249], sondern aus den schon beim Schröpfen erwähnten Gründen,

die wohl auch die Leute deshalb ins Bad gehen ließen. Die Operation war

einfach. Mit einer um den Oberarm gelegten Binde, der Aderlaß-, Laß-

oder Läserbinde wurde das Blut gestaut (Abb. 32) und die dadurch stark

hervortretende Vene angeschnitten. Der Aderlaß fand auch an anderen

Körperteilen statt, worüber das Aderlaßmännchen vom 15. bis ins 19.

Jahrhundert genaue Auskunft gab.

Das Volk zog das Schröpfen dem Aderlassen vor. Auch die Ärzte, so

~Pictorius~, tun es „by denenn so adelassen nit wol erleiden mögen,

diewil es nit so hart schwechet, spricht ~Rases~, als aderlassen,

welches gar einn starcke euacuation ist, wie ~Galenus~ bezeugt, darumb

auch fil das schrepffen setzent für aderlassen“[246]. Besonders tat

man dies bei schwachen und alten Leuten und Kindern. Doch scheint man

bei kleinen Kindern nicht geschröpft zu haben; Ryff sagt, die alten

Ärzte täten es und zwar vom zweiten Jahre an. Aus ~Guarinonius~’

Schimpfereien geht hervor, daß es an Sechsjährigen zu den Ausnahmen

gehörte. Er verwirft es aber auch bei älteren Kindern mit der

Begründung: „Die Kinder die treiben kein Mutwillen mit Vberfressen vnd

Vbersauffen, noch mit anderer Vnzucht, so ist nit billig, daß sie jhr

vnschuldiges Blut ... vergießen sollen“[134].

[Sidenote: _Trocken schröpfen_]

[Sidenote: _Schröpfen mit Kopf oder Horn_]

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 8 / 53 段