P.: Du weißt, was gute Lehrer in jeder Kunst ausrichten können und was
eine anhaltende Übung, die beste Lehrmeisterin, vermag; dazu kommt als
neuer Reiz ein herrlicher Fluß und der nahe See. Man möchte behaupten,
daß die Kinder die Kunst mit ihrer Geburt fast spielend erlernen.
E.: Die Kunst der Enten meinst du, nicht der Menschenkinder.
P.: Der Unterricht in dieser Fertigkeit geht gleichsam von einer Hand
in die andere. Kurz, du könntest da, wie das Sprichwort sagt, die
echten Schwimmer aus Delos sehen. Und nicht nur Knaben, sondern auch
Mädchen würden dir ein angenehmes Schauspiel bieten.
E.: Mädchen sagst du?
P.: Ja freilich. An hellen Sommerabenden, wenn das Wasser durch die
Sonne des Tages erwärmt worden, baden sie scharenweise nach dem
Nachtessen; man möchte glauben, daß Delphine im Wasser spielten.
E.: Es wäre nicht zu verwundern, wenn alle Seegötter und Göttinnen als
Schutzgeister des Ortes da wohnten.
P.: Von den Erwachsenen lernen die Knaben; und es gibt auch hierin
gewisse Lehrer; wie wir von den Delphinen lesen, daß sie ihren Jungen
einen bejahrten Meister anweisen, von dem sie lernen können, was ihnen
einst zum schnellen Erhaschen der Beute von Nutzen sein wird.
E.: Glaubst du, daß dies wahr sei?
P.:Gewiß ist es wahr. Doch ich will zu meinem früheren Gegenstande
zurückkehren.
E.: Ganz recht.
P.: Vom frischen Bade gehen sie meist bald schlafen ohne Kleider.
E.: Die zärtlichen Asiaten!
P.: Wir sahen so oft Paare gleichsam im Wettstreite weite Strecken
hinausschwimmen, Manns- und Frauenspersonen, ähnlich wie zwei
zusammengespannte Rosse.
E.: Was höre ich?
P.: Was ich sage.
E.: Was sagst du, Pampinus?
P.: Was du hörst, oder vielmehr, wie es wirklich zugeht.
E.: Wie, schämen sich jene nackten Mädchen denn nicht?
P.: Sie tragen Hemden, die hierzu bequem eingerichtet sind.
E.: Ich glaube, daß Mädchen, wenn sie einmal sich die Fertigkeit
erworben haben, in dieser Kunst mehr Gewandtheit zeigen als Männer.
P.: Über den feinen und trefflichen Mann! Glaubst du das wirklich?
Wärst du nicht ein wenig neugierig?
E.: Wenn ich nicht irre, pflegt man wohl unter dem Baden süße
Gespräche, wofern nicht traute Umarmung gestattet ist.
P.: Ja bisweilen wird auch eine Vermählung geschlossen, nicht mit dem
Beistand der Juno, nur der Nereiden.
E.: Nach Art der Frösche! Es sind völlige Amphibien wie in der Fabel.
P.: So etwas siehst du kaum anderswo.
E.: Wer lehrt denn die Enten, Gänse, Wasserhühner und Taucher sogleich
schwimmen, wie sie geboren sind? Denn über die Fische wundere ich mich
nicht.
P.: Die Natur.
E.: Aber wie schwimmen sie denn so leicht einher?
P.: Ihre breiten, biegsamen Füße gebrauchen sie ganz bequem wie die
unteren Enden der Ruder. Sie breiten sie aus und falten sie beim
Zurückziehen wieder zusammen. Denn die Federn, welche bei diesen Vögeln
nur wenig benetzt werden, mögen in nichts hindern und eher in die
Höhe heben als senken. Ja, du kannst dasselbe an mehreren Vierfüßern
bewundern.
E.: So ist also der Mensch das einzige Geschöpf, das unglücklich und in
allen diesen Dingen unwissend zur Welt kommt?
P.: So will es unser, der Sterblichen, Los. Aber noch mehr würdest
du dich wundern, wenn du sähest, wie man sich von hohen Brücken
herabstürzt, was auch in Basel und Konstanz geschieht. Es gibt
in Zürich eine schöne Kirche, welche gleich einem Schiffschnabel
hinausgebaut ist und nach dem Wasser genannt wird.
E.: Und weiter!
P.: Ringsum ist dieselbe von Wasser umgeben, außer da, wo auf schmaler
Strecke eine kunstvolle Brücke an die Kirche angebaut ist.
E.: Erzähle weiter.
P.: Dort könntest du im Sommer einen merkwürdigen Wettstreit der
jungen Leute sehen. In diesem Umkreise folgen sie einander schnellen
Zuges gegen den äußern Teil der Kirche hin, wo wie am Vorderteil eines
Schiffes die Strömung des Flusses anprallt und nach beiden Seiten sich
teilt.
E.: Und dann?
P.: An dieser Stelle stürzen sie sich in die Tiefe des Flusses und
zwar nach der Reihe. Es ist vom Rate erkannt, daß, wer im Begriffe
herabzustürzen, den nächstfolgenden nicht beim Namen ruft, oder wer
nicht aus der Tiefe irgend ein Zeugnis, z.❆B. ein Steinchen oder etwas
anderes mit sich heraufbringt, dadurch gestraft werden soll, daß er mit
angezogenem Hemde von anderen herabgeworfen wird.
E.: Eine harte Bestimmung.
P.: Dir, mein Erotes, wäre das wohl unerträglich. Du sähest da zuerst
geflügelte Knaben, dann Forellen, zuletzt Grundeln; denn der Fluß ist
durchsichtig wie Glas.
E.: Man dürfte sich nicht wundern, wenn sie im Herabstürzen mit dem
Kopf gefährlich auf den Grund aufstießen.
R: Sie werfen sich nieder mit vorgehaltenen Händen.
E.: Warum nicht mit den Füßen voraus?
P.: Willst du das wissen?
E.: Allerdings.
P.: Es ist weniger Gefahr dabei. Denn nicht gering ist die Gefahr,
daß, wenn du mit ausgebreiteten Füßen herabspringst, dich das heftig
strömende Wasser mitten durchschneide, was anderswo öfter begegnet ist.
E.: Du sprichst da von unerhörten Dingen. Etwas so Weiches soll einen
Körper verletzen können?
P.: Verletzen? Wisse, das Wasser, welches in seiner Strömung
aufgehalten wird, ist etwas so Gewaltsames, daß, wenn du die Klinge
eines Schwertes hineinstößest, diese schneller bricht, als ein noch so
harter Stein.
E.: Du erzählst von einer wunderbaren Eigenschaft des Elementes.
P.: Wenn ich noch etwas werde beigefügt haben, werde ich von den
Zürichern Abschied nehmen, was vielleicht schon früher hätte geschehen
sollen.
E.: Sei versichert, daß mir alles, was du erzähltest, sehr angenehm war.
P.: Wir sahen in jenem See einmal einen Schulherrn, der unglücklich
aufgefangen wurde.
E.: Wieso?
P.: Da er allein schwamm, widerfuhr ihm, daß er mit seinen etwas zu
tief gestreckten Füßen in Wasserkräuter sich verwickelte; nachdem er
lange vergeblich sich zerarbeitet hatte, sank er zuletzt müde zusammen.
Als einige Fischer dies bemerkt und ihn mit Mühe aufgefunden hatten,
zogen sie ihn mit einer Stange heraus. Nachdem er ans Ufer getragen
worden war, wurde er auf Befehl einer abergläubischen alten Frau,
nutzlos, aus dem kalten in ein warmes Bad getragen.
E.: Eine unangenehme Waschung war das[B].
P.: Damit er, denke ich, durch die Wärme, erquickt wie eine Feldgrille
wieder neu auflebe. Etwas Ähnliches ist daselbst einer Schwimmerin von
schöner Gestalt begegnet, wie ich mit eigenen Augen gesehen.
E.: Meinst du eine Wasserschlange?
P.: Nein, sondern ein hübsches Mädchen, eine Nymphe, würdest du sagen.
E.: Warum bist du denn nicht mitleidig der zugrunde Gehenden zu Hilfe
gesprungen?
P.: Was sollte ich tun, da ich noch Knabe war ... Das herrlich
schöne Mädchen starb in der ersten Blüte ihrer Jahre eines traurigen
Todes[C]. O hätte doch ein gütiger Gott sich ihrer Jugend erbarmt und
sie demselben entrissen, auch wenn er sie plötzlich in einen Vogel
verwandelt haben würde!
E.: Für eine runzlige Alte oder einen alten Kracher hättest du, das
weiß ich sicher, nicht soviel Mitleid empfunden.“
[Sidenote: _Zwinglis und anderer Ansicht über das Schwimmen der Jugend_]
Nicht gerade wohlwollend drückt sich ~Zwingli~ über das Schwimmen
aus: „Schwimmen syhe ich wenig leütten dienen wiewol es zuweylen dem
leyb gut ist das man schwimmet vnd zu ainem visch wirt. Doch ist das
schwimmen vnder weylen zu ettlichen fellen gutt gewest. Also ist etwa
ainer auß dem Capitolio geschwummen der dem Camillo der Römer obristen
Feldthauptman von dem erbermlichen zustandt der stat Rom botschaft
bracht. So ist die edel Römisch Junckfraw Clelia auch wider zu den
jren geschwummen“[171]. 1525 wurde folgendes Mandat erlassen: „Unser
Herren Bürgermeister und Räte der stadt Zürich gebietend mänklichem
der iren, jungen und alten, daß hinfür niemas mer so man im Sew badet,
uf die räder beider bruggen stigen und darab in Sew springen solle;
deßglichen, daß keiner hinfür mer, so er badet, ein sölich unwesenlich
geschrei und brüelen füere, als dann bishar beschechen ist, alles
bi 10 s. buoß“[172]. Allzulange wurde dieses Verbot nicht befolgt.
Der ~Murer~sche Stadtplan von 1576, auch ein Glasgemälde von 1661
zeigen das Hinunterspringen von der Brücke[173], und eine Scheibe im
Seidenhofzimmer des Schweizerischen Landesmuseums von 1581 (Abbildung
bei ~Rahn~[174]) stellt den Kopfsprung eines völlig nackten Knaben vom
Wasserrade dar. 1576 sagt der Züricher ~Josias Simler~: „Darzu acht
ich, das nit ein volck in der Christenheit funden werde, weliches sich
also übe mit schwümmen, also daß sy über die großen See, deren vil in
dem land sind, auch mächtige vnd starcke rünnende wasser leychtlich
schwümmen, etwan hoch hinab in die wasser springen“[60]. 1586 zerbrach
sogar an der unteren Brücke „die Lähne nächst dem Wasserrad“ von
der Last des vielen darauf gelegenen Volkes, welches jungen Knaben,
die sich mit Springen und Schwimmen in der Aa (Limmat) ergötzten,
zuschaute. Ein gut Teil davon stürzte ins Wasser[173].
[Sidenote: _Eschers Bericht vom Jahre 1692 über die Schwimmkunst der
Züricher Jugend_]
Hundert Jahre später finden wir die Badelust unverändert bestehen.
~Escher~ hat uns 1692 in seiner Beschreibung des Zürichsees[175] eine
eingehende Schilderung hinterlassen. Das Titelbild zeigt das Treiben
auf dem See, darunter einen breiten Kahn, von dem Stufen ins Wasser
hinabführen, und um ihn herum in Badehosen Schwimmende. „So ist auch
nicht eine von den mindesten Ergetzlichkeiten, wann Sommerszeit, in
der großen Hitz, Junge und Alte Leuth in disem See mit schwümmen sich
erlaben; ja, es gibet wenig Manns-Personen die nicht schwümmen können,
ursach, weilen das Wasser nächst dem Land keinen Morast noch tieffenen
hat, sonder sich nach und nach vertieffet: Derohalben gibt es solche
erfahrne Schwümmer, die sich nichts scheuhen über den See zuschwümmen,
wie dann Hans Heinrich Sutz in dem Meiler-Feld, von daselbsten gen
Horgen geschwummen, ist drey starke viertheil stund wegs. Ob der
Statt Zürich, da der See eine starke vierthel stund breit, seind
sehr viel hinüber geschwummen, haben das Gelt in die Bruch gebunden,
in dem Wirtshaus bey dem Sternen getruncken, und seind widerum
heimgeschwummen. So ist auch bei Mannsgedencken eine gewüsse Jungfrau
hinüber geschwummen.
Es gibet auch deren, die sehr lang under dem Wasser schwümmen, auch
sich etliche Klafter tieff under dasselbige hinab lassen bis an den
Boden, und bringen zum Wahrzeichen mit sich von dem Boden einen Stein
oder Kraut: Dises hatte bey guter Gesellschaft zum öftern gethan Herr
Hans Caspar Thoman, der Buchbinder.
Wann einer lust hat, wol versuchte und erfahrne Schwümmer zusehen, kan
er sich nur Sonntags nach der Abend-Predig zu Zürich auf der oberen
Brugge einfinden, so wird er die noch gar junge Knaben (deren etliche
nicht über acht oder neun Jahr alt) mit verwunderung sehen auf dem
Wasser hin vnd wider schwümmen, welche bald liggen als ob sie todt,
bald mit einem, bald mit beyden Füßen, auf dem Ruggen liggende, darein
schlagen, daß das Wasser viel über Manns-höhe sprützet, zun zeiten das
Wasser, aufrechtstehende, mit den Füßen tretten, als wann Sie grund
hetten, vnd auf dem Boden einhar giengen, auch andere Posturen vnd
Lustbarkeiten mehr machen. Das verwegneste aber an disen Knaben ist,
daß sie sehr hohe sprüng in das Wasser thun. Es ist lustig zusehen, wie
sie in großer Anzahl ab der Oberen Brugge über Kopf und über Hals in
das Wasser hinunder bürtzlen, und die Statt, mit jauchzen und schreyen,
hinunder schwümmen: Aber, es machet einem die Haar gen Berg stehen,
wann man sie siehet ab dem Helmhaus-Tache ja gar ab dem Rahthaus, ab
der Lauben vor der Rathstuben, sich in das Wasser stürzen, welches
eine entsetzliche höhe von vielen Ruthen ist. Ich habe selbs einen
gesehen, der einen anderen auf dem ruggen getragen, und mit ihme ab
dem oberen Helmhaus in das Wasser gesprungen. Darneben aber seind sie
sehr kunstlich in ihrem springen, indem sie sich kein bedenken machen,
auch ab den höhesten Oertheren in das Wasser zuspringen, darinnen sie
dennoch grund haben, und nicht viel über drey schuhe tieff, da sie sich
dann in follem sprung wüssen zuwenden, daß sie die Füße so geschwind
widerum aus dem Wasser herfür strecken, daß einer meinen sollte, sie
weren nicht einmahl under dem Wasser gewesen; in disem dünnen Wasser
kommen sie gleichwolen niemahlen auf den Boden: Und aber, so bekommen
sie der gar hohen sprüngen halben etwan keine bessere belohnung, als
daß sie in dem Alter um das Gehör kommen.“
An anderer Stelle sagt ~Escher~: „Auch gibet es in disem See,
mancherley See-Gewächse, da ich auch des einten und anderen mit wenigem
gedenken wil: als nammlich: Großer Bintz, (Juncus maximus) ist in die
acht Schuhe, und noch höher, eines Fingers dick, hat innwendig gleich
anderem Bintz viel Marck. Die jungen Knaben binden desselbigen in dem
Sommer viel zusammen, legen sich darauf, und lehrnen also schwümmen;
Etwann flechten sie zum Lust eine große Burde zusammen mit dünnen
Stricken, biegen denselbigen, machen ihme einen aufgerichteten Hals,
formieren ihn wie einen Schwanen, binden ihme an den Schnabal einen
Zaum; ein theil der Knaben setzen sich alsdann darauf, fahren darvon,
und führen selbigen mitsich in die Statt hinein, der Lindmat nach hinab
bis in den Schützen-Platz; andere schwümmen selbigem nach, setzen sich
bald darauf, springen wieder darab in das Wasser, und ergetzen sich
darmit mit Jauchzen und frolocken.“
Dem zuletzt geschilderten Brauche hat ~Runge~[78] einen mythologischen
Hintergrund gegeben.
In anderen Schweizer Orten, in Glarus am Fridolinstag (6. März), in
Winterthur am Fastnachtssonntage wurden früher kleine Schiffe und
Holztröge geteert, bewimpelt, nachts mit brennenden Kerzen besteckt,
die man die Bäche hinabschwimmen ließ, und noch früher wurden in den
bayrischen Donaugegenden Kähne mit Feuer auf den eisernen Mastkörben
auf Rollen durch die Ortschaften gezogen[78]. Schon ~Tacitus~ spricht
von dem Wagen der Isis in Germanien, der den Sterblichen Friede und
Fruchtbarkeit verleiht. Auch etwa um 1133 wurde in einem Wald bei
Jnda in Ripuarien ein Schiff gezimmert, mit Rädern versehen und durch
vorgespannte Menschen nach Aachen, dann nach Mastricht und weiter im
Land herum gezogen, überall unter großem Zulauf und Geleite des Volkes.
Wo es anhielt, war Freudengeschrei, Jubelgesang um das Schiff herum bis
in die späte Nacht. Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an,
welche ihre Tore öffneten und ihm entgegengingen[19].
[Sidenote: _Zusammenhang von Schwimmgebräuchen mit dem Urgermanentum_]
Alle diese Gebräuche stellen einen feierlichen Einzug des
Frühlingswassers dar, und ~Runge~ glaubt in dem Binsenschwan eine
Darstellung des fließenden Elementes zu sehen, das von der Jugend in
die Stadt geleitet, aber nicht hinaus geleitet wurde, weil die Knaben
nur bis zum Schützenplatz, der Stadtgrenze, schwammen. Man könnte in
der Schilderung ~Wynmann~s Ähnliches vermuten. Auch er schwamm mit
seinen Genossen in die Stadt und zwar von der St. Nikolaussäule, der
Stadtgrenze aus, wo man demnach das Frühlingswasser empfing. Doch
schildern sowohl ~Wynmann~ als ~Escher~ die Bräuche als allgemeine
Vergnügungen und erwähnen nichts von einem bestimmten Tage. ~Runge~
sagt allerdings, daß der Überbringer des Binsenschwans von der
Obrigkeit einen Trunk erhielt. Auch anderorts wurde der erste Melder
von Frühlingsboten belohnt, bekannt ist dies vom Turmwächter (z.❆B.
in Bern), der noch im 18. Jahrhundert den ersten eintreffenden Storch
anzublasen hatte und dafür einen Ehrentrunk aus dem Ratskeller
erhielt[34]. Doch habe ich nirgends eine Quelle gefunden, die von
einer obrigkeitlichen Belohnung spricht, welche dem Überbringer des
Binsenschwans zuteil wurde.
[Sidenote: _Rückgang des Badens im Freien_]
Im 18.Jahrhundert haben wir auch in Zürich die anderorts üblichen
Klagen. ~Murer~, ein Lehrer an der Realschule, gedenkt 1785 mit
Wehmut der Väter Erzählungen und seiner eigenen Jugendzeit. „Reitzend
war uns das Baden und Schwimmen im See und in der Sihl.“ Jagen
und Schlittschuhlaufen ausgenommen soll der Geschmack der Zeit die
Vergnügungen der Jugend als pöbelhaft, niedrig und kindisch verboten
und sie bis auf armselige Überreste ausgerottet haben[176]. Zehn Jahre
früher hatten die Gebrüder ~Stolberg~ durch nacktes Baden am Tage
in einem Teiche bei Darmstadt solchen Skandal erregt, daß ~Goethe~
beschloß, die Abreise zu beschleunigen. Er nennt im Anschluß daran das
Baden im Freien unter offenem Himmel eine der damaligen Verrücktheiten,
die aus dem Begriff entstanden, man müsse sich in einen Naturzustand
zu versetzen suchen. Wollten dergleichen Naturübungen in Deutschland
~Goethe~ nicht gut zu den modernen Sitten paßlich erscheinen, so konnte
auch er in der Schweiz „beim Anblick und Feuchtgefühl des rinnenden,
laufenden, stürzenden, nach und nach zum See sich ausbreitenden
Gewässers“ der Versuchung nicht widerstehen. „Ich selbst will nicht
leugnen“, schreibt er in Wahrheit und Dichtung, „daß ich mich im klaren
See zu baden mit meinen Gesellen vereinte, und, wie es schien, weit
genug von allen menschlichen Blicken. Nackte Körper jedoch leuchten
weit, und wer es auch mochte gesehen haben, nahm Ärgernis daran.“ Den
Gebrüdern ~Stolberg~ legten Freunde nahe, sich etwas weniger oft nackt
wie heidnische Gottheiten sehen zu lassen. Da zogen sie in den Sihlwald
hinauf und badeten dort. „Dies geschah freilich nicht ohne Geschrei,
nicht ohne ein wildes, teils von der Kühlung, teils von dem Behagen
aufgeregtes Lustjauchzen, wodurch sie diese düster bewaldeten Felsen
zur idyllischen Scene einzuweihen den Begriff hatten.“ Dafür mußten sie
von unbekannter Hand Steinwurf auf Steinwurf über sich ergehen lassen.
Ihr „wildes, unbändiges, unchristliches, ja heidnisches Naturell“
führte schließlich auch hier in der „gesitteten, wohlgeregelten Gegend“
zu einem Skandale, daß ~Lavater~, bei dem sie zu Gaste waren, sie
abschob, um Unannehmlichkeiten zu entgehen, noch ehe ~Goethe~ aus der
Innenschweiz zurückgekehrt war.
1796 brachte die Gesellschaft (der Chirurgen) auf dem schwarzen
Garten in ihrem für Kinder bestimmten Neujahrsstücke eine Abhandlung
über Baden und Schwimmen und im Jahr darauf eine über Rettung
Ertrunkener[177]. Sie spricht von der immer weichlicher und zärtlicher
werdenden Erziehungsart, infolge deren viele Kinder beinahe nicht
wüßten, was es heiße, sich im kalten Wasser zu baden. Dafür würden
allenfalls warme Bäder benutzt, weil keine Gefahr dabei vorhanden
sei. Auch hören wir hier wieder den Gebrauch der Väter gerühmt, die
ehemals von der unteren Brücke in die Limmat gesprungen und bis zum
Spitz (Zusammenfluß von Sihl und Limmat) geschwommen seien, ja den See
durchquert hätten.
Diese Klagen sind entschieden übertrieben; denn 1789 weiß das Journal
des Luxus und der Moden aus Zürich zu melden, daß man zur körperlichen
Ausbildung der Jugend ein Kadettenkorps gebildet habe, in dem neben
anderem auch das Bad im See und in den Flüssen unter Aufsicht geübt
werde[165].
[Sidenote: _Wiedereinführung des Badens im Freien / Baden im
Stadtbrunnen_]
1804 erfahren wir von ~Diethelm Lavater~, dem Bruder des
Physiognomikers ~Johann Caspar~, daß auch Frauen badeten, aber aus
wohlverstandener Delikatesse nicht an den öffentlichen Plätzen und
nur abends. Im selben Jahre schlug die Regierung einen Ort an der
Kohlschanze und einen in der Sihlwiese als Badeplätze vor. ~Lavater~
fügte einen dritten im See an der St. Nikolaussäule (also den alten,
schon von ~Wynmann~ und ~Escher~ genannten) hinzu, weil dort der Grund
sich langsam senke, mit flachen Steinen besetzt sei und rechts und
links keine Abgründe vorhanden wären. Das Ideal sieht er der alten
Leute und Frauen wegen in Badeanstalten, doch schränkt er schließlich
sein Verlangen auf mit Pfählen umgebene Badeplätze ein, bei denen ein
Aufseher angestellt ist, der Schwimmunterricht erteilt[178].
Auf Betreiben des Arztes und Chorherrn ~Johann Heinrich Rahn~
(1749–1812) wurde wenigstens das Sihlbad errichtet[179]. Dieses war für
Knaben und Mädchen bestimmt, auch das an der Kohlschanze, das man kurz
danach angelegt zu haben scheint. Beide hatten einen Aufseher[180].
In seinen Erinnerungen schreibt ~Kölliker~ (geb. 1817), er und sein
Bruder hätten im Sommer die meiste Zeit mit Baden und Schwimmen,
Indianer- und Ritterspielen zugebracht[181]. Sie werden sich an die
Badeplätze wohl kaum gehalten haben, was auch andere alte Leute von
sich berichten. 1837 ließ die Stadt in der Nähe der Bauschanze am
Ausfluß des Sees eine Badehütte für das weibliche Geschlecht mit
einem Kostenaufwande von tausend Gulden errichten. Da immer noch viel
an ungeeigneten Stellen im See gebadet wurde und Unfälle vorkamen,
traf man 1839 auch dort eine Einrichtung für Männer, die aus zwei
Abteilungen bestand, einer für Schwimmer der Bauschanze gegenüber,
die 1840 in eine ordentliche Badehütte umgewandelt wurde, und einer
für Nichtschwimmer etwas seitwärts davon mit einer Badehütte. Neben
derselben errichtete man eine Abteilung für Knaben. Die beiden
letzteren wurden mit Pfahlwerk umschlossen. Jede Abteilung hatte ihren
Aufseher. Wer in den Vormittagsstunden badete, bezahlte eine kleine
Gebühr[180]. 1843 wurde die Frauenbadeanstalt an die Bauschanze neben
die der Männer verlegt, 1844 eine neue Badeanstalt für Knaben und neben
derselben auch eine Vorrichtung für ein Männerbad am Hafen errichtet,
die 1847 erweitert wurde[245].
Vom Jahre 1858 berichten die Züricher Merkwürdigkeiten: „Die neuen
Badeanstalten im See kosten der Stadt 50000 Franken“[182].
Zum Schluß muß ich einer etwas sonderbaren Abkühlung von des Tages
Hitze gedenken. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts badeten in Zürich
Dienstmägde und andere nicht gerade scheue Dirnen nachts in den
laufenden Brunnen, und als ein Verbot des Rates kein Gehör fand,
wurden sie von jungen Männern auseinandergejagt, die lebendige Katzen
unter sie in das Brunnenbecken warfen, wobei der Rat gern die Augen
zudrückte[124]. Derartige Ungezogenheiten kamen übrigens auch an
anderen Orten vor. In Freiberg in Sachsen wurden zwei Männer im 15.
Jahrhundert „verzellt“ (aus der Stadt gewiesen), weil sie nächtlich
Unfug und Geschrei getrieben und in den Brunnen gebadet hatten[183].
[Sidenote: _Errichtung der ersten deutschen Seebadeanstalt_]
Im engsten Zusammenhang mit der Einführung der kalten Bäder in
Deutschland steht die Errichtung von Seebadeanstalten. England war
vorbildlich.
[Illustration: Abb. 25. Die erste deutsche Seebadeanstalt zu Doberan in
Mecklenburg. Kpfr. aus: ~Samuel Gottlieb Vogel~, Über den Nutzen und
Gebrauch der Seebäder. Stendal 1794.]