[Illustration: Abb. 13. Kaltes Bad auf dem Wepchen. Holzschnitt aus

Stumpf, Schweizerchronik. Zürich, Froschauer. 1548.]

Eingegangen ist das einst viel benutzte kalte Bad im Krauchtal

(Kanton Glarus), das ~von Stumpf~(1546)[9] irrtümlich als Bad

auf dem Wepchen (Bad auf dem Vepioberg)[88] bezeichnet wird[86].

Beschreibung und Bild (Abb. 13) stimmen nicht mit der dortigen Quelle

überein, sondern mit dem Krauchtaler Bade. Auch ~Wagner~[93] und

~Scheuchzer~[94] vereinigen beides zu einem und sprechen von einem

Krauchtaler Bad auf dem Wepchen. In früherer Zeit zog während der drei

ersten Sonntage im August, die deshalb „kalte Badsonntage“ genannt

wurden, viel Volk ins Krauchtal zum Zwecke des Badens. Noch in den

vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Bad benutzt, doch bei

weitem nicht mehr wie früher, 1867 gar nicht mehr[86]. Nach ~Stumpf~

vollbrachte es Wunder; verfinsterte Augen wurden erleuchtet, etliche

ihm bekannte Personen bekamen das Gehör wieder; doch fügt er hinzu,

daß etliche Gebrechen auch böser geworden seien. Das Bad ist ein

Wasserbecken von mehreren Minuten Umfang, in das sich einige kalte

Quellen ergießen[86], nach älteren Schriftstellern ein Sammelbecken von

Schnee- und Gletscherwasser. Zu ~Wagner~s Zeit (1680) besuchten es die

jungen Leute aus dem Glarner und Sarganser Land um den Anfang August,

mehr um sich zu erfrischen als krankheitshalber. Dasselbe berichtet

~Tschudi~ (1714)[92]. Wegen Erkrankung wurde es auch noch zuweilen

besucht, „habe aber, die Wahrheit zu bekennen, noch von keinen Proben

gehört, die mir den Glauben darvon geben könnten“.

Eine dem Rigi-Kaltbad ähnliche Wirkung schrieb ~Cysat~ einem Kaltbad

im Entlibuch nicht weit von den Brüderen zu[77]. Das in der Jeninser

Alp eine Meile von Malans gelegene galt 1717 für gut gegen Fieber und

Raud[94]. Der vor Kälte kaum genießbare Jakobsbrunnen in Appenzell

und der Kaltwehbrunnen auf dem Pilatus, den ~Konrad Gessner~ 1555

erwähnt, scheinen vornehmlich zum Trinken benutzt worden zu sein und

zwar bis zum Erbrechen gegen Malaria, eine Behandlungsart, der sich

auch ~Priessnitz~ bediente; andere Brunnen trank man gegen Dysenterie

und Aussatz. 1826 waren noch sichtbare Merkmale der ehemaligen

Badeeinfassung einer Quelle auf dem Falknißgebirge (in der Nähe von

Ragatz) oberhalb der Alphütten sichtbar, 1830 waren sie unbekannt[88].

~Rüsch~ führt auch eine Quelle im Maschanzertobel in der Gemeinde

Trimmis an. In der Nähe von Thun lag das Juckibrünnelein, das noch

1832, wenn auch selten, benutzt wurde[88]. 1707 tauchten sich die

Leute in allerhand Krankheiten mit und ohne Kleider darin ein. Ein

zweiter Brunnen in der Nähe von Thun, der zu Dießbach am Schlag-Weg,

wurde vorzüglich gegen Migräne, Hemikranie und andere Hauptschmerzen

gerühmt[20].

Man gebrauchte diese sehr kalten Brunnen demnach besonders gegen

Kopf-, Lenden- und Bauchschmerzen, sowie gegen Fieber, wie es scheint

besonders gegen Kaltweh, Malaria.

[Sidenote: _Sonstige kalte Bäder_]

Bei den zwei genannten Brunnen in der Nähe von Thun bemerkt

~Scheuchzer~ 1707, daß sie in die Zunft jener Kaltwehbrunnen gehören,

welche hin und wieder in schweizerischen Gebirgen zur Heilung dieser

Krankheit angewendet werden. Der Kaltwehbrunnen auf dem Pilatus wurde

besonders gegen das dreitägige kalte Fieber getrunken. ~Rüsch~ führt

an, diese Bäder seien auch gegen Rachitis gebraucht worden, doch ist

mir in dieser Hinsicht in der Schweiz nur der erwähnte Brunnen der

heiligen Columba bekannt. Im Württembergischen schrieben die Bauern

(1840) dem „Heilbrönnle“ bei Möhringen Kraft gegen die englische

Krankheit zu[154]; ob sie den Brunnen kalt gebrauchten, wird nicht

gesagt. Des weiteren galt er, wie die schweizerischen, als Heilmittel

von Hautkrankheiten. Dies wußte auch ~Paracelsus~. Räude (pruritus)

und Krätze (scabies) werden nach ihm durch Schneewasser in Gebirgen

geheilt. Die erkrankten Glieder seien darin zu baden, wodurch sie

narkotisiert (wohl in bezug auf das Jucken) und die Krankheit

vertrieben würde[95].

Seit wann die kalten Quellen in Gebrauch waren, ist nicht bekannt. Das

dreimalige Eintauchen läßt auf Beziehungen zur Taufe schließen, doch

wurde schon im Vorhergehenden auf den Zusammenhang mit dem Heidentum

hingewiesen.

[Sidenote: _Kalte Bäder in England und ihr Gebrauch_]

Eine ganz auffallende Ähnlichkeit im Gebrauch der kalten Bäder bestand

zwischen dem Kontinent und England, und diese englischen Kaltbäder

waren es, welche den Anstoß zur späteren Kaltwasserbehandlung der Ärzte

und dem Abhärtungssystem der Pädagogen gaben.

In England waren nicht alle kalten Brunnen Heiligen gewidmet, doch

galten diese als die heilsamsten, und ~Floyer~ klagt 1702, daß zu

seiner Zeit mit dem Glauben an die Kraft der Heiligen der Glaube an

die Kraft der kalten Bäder verloren gegangen sei[96]. Aus dem Umstande

aber, daß die Kirche das Eintauchen in Brunnen verbot, geht hervor,

daß es sich auch hier um altheidnischen Brauch handelte. Nach ~Floyer~

stammte er aus vorgeschichtlicher Zeit.

Die Benutzungsart der kalten Bäder in England ist uns eingehender als

anderorts überliefert worden. ~Floyer~ erkundigte sich bei Bekannten

nach den heiligen Brunnen und veröffentlichte 1702 die eingegangenen

Berichte in seiner Psychrolusia, aus denen ersichtlich ist, daß das

Eintauchen und Baden in den kalten Bädern doch nicht ganz abgekommen

war.

Das englische gemeine Volk hat nach ~Floyer~ entdeckt, daß

Doppelglieder (Rachitis) und Flußschmerzen (dolores rheumatici) durch

kalte Bäder kuriert werden. Hier also dieselben Indikationen wie in

der Schweiz; denn die Haupt-, Rücken-, Lenden- und Mutterschmerzen

waren nach damaliger Auffassung Flüsse, Rheumatismen. Auch wurden die

heiligen Brunnen, wie auf dem Festlande, als Heilmittel gegen Krätze

und Aussatz, die wir wohl allgemein als Hautkrankheiten bezeichnen

können, Malaria und böse Augen angewendet. Am berühmtesten waren St.

Winfreds Brunnen[D], der schon im Jahre 644 Wunder bewirkte, St.

Mongahs (auch St. Mungos genannt), St. Bedes und Honwick-Brunnen.

[Sidenote: _Eintauchen der Kinder in kaltes Wasser mit nachfolgendem

Schwitzen_]

Ich teile hier einige Auszüge aus den interessanten, an ~Floyer~

gerichteten Briefen mit. ~Ellison~ schreibt 1700: „Nichts ist gemeiner

in diesem Lande, und wird gemeiniglicher nützlich zu Verhütung oder

Curirung der Rhachitis befunden, als Kinder von einem Jahre, und

drüber, zu St. Bede’s, Honwick oder St. Mungo’s Brunnen (welches sehr

kalte Quellen sind) zu schicken, und in den Monaten Junii und Julii

des Abends 14 Tage lang, und länger, einzutauchen; wenn aber die

Kinder sehr schwach sind, in der ganzen Zeit etwan 1 oder 2 Tage mehr

auszusetzen. Einige tauchen sie 2 bis 3 mal über den Kopf, in ihren

Nachthemdern und Kappen, und lassen sie zwischen jedem Eintauchen ein

wenig verblasen. Andere tauchen sie nur bis an den Hals (weil das

Wasser ihnen den Atem benehmen könnte), tunken aber die Nachtkappen

treulich ein, und setzen sie naß auf ihr Haupt. Andere (wo der Brunnen

nicht räumlich genung) sind zufrieden, ihre Kinder in einen Kübel voll

von der Quelle gesammleten Wassers zu stecken, und ihnen das Wasser

über den Kopf zu gießen. Welches alles so geschwinde, als möglich,

verrichtet wird, damit das Kind nicht länger im Wasser bleiben dürfe,

als es nöthig, das ist, bis sein Leib, Hemde und Nachtkappe recht

naß. Andere sind aus Zärtlichkeit gegen das Kind, oder in Ansehen

der Schwachheit des Kindes zufrieden, daß sie nur das Hemde und

Nachtkappe eintauchen, und sie ihnen so naß anlegen. So bald als die

Kinder eingetauchet worden, werden sie in ihren nassen Kleidern in

warme Decken über das Haupt und ganzen Leib eingehüllet, und bald

zu Bette geleget, worauf sie in kurzem heftig schwitzen; in welchem

Zustande sie die ganze Nacht bis gegen den Morgen liegen, da denn

nach und nach die Bedeckungen weggethan werden, daß sie nach und

nach sich abkühlen; des Morgens aber bekommen sie trockene Hemden

und Hauptkappen. Innerhalb 3 Minuten erholen sich die Kinder von dem

Schrecken, worein sie das Eintauchen gebracht; und ob sie gleich

gegenwärtig schwächer sind (indem sie durch heftiges Schwitzen die

Geister erschöpfet), so erholen sie sich doch gradatim, durch Beyhülfe

stärkender Gallerten von Hirschhorn, Kalbsfüßen u.s.w. so gar, daß wenn

das Laub zu fallen beginnet, sie entweder völlig gesund, oder doch viel

besser sind. Hat das Eintauchen eines Jahres nicht geholfen, wird es

das nächste Jahr wiederholet. Es werden auch zur Vorbereitung, oder

hernach keine Purgirmittel gebrauchet, oder Herzstärkungen gegeben,

außer 1 Löffel voll Sectwein bald vor und nach dem Eintauchen, wenn

es die Kinder nehmen wollen. Es wird ihnen auch ihre gewöhnliche Diät

und Ergezlichkeit nicht benommen; nur muß Acht gegeben werden, daß

ihr Nacken warm gehalten wird, damit sie sich nicht erkälten.“ Er

versichert, daß kein Todesfall bekannt geworden und seine eigenen vier

Kinder mit guter Wirkung eingetaucht worden seien.

Ich habe diesen Brief ziemlich ausführlich wiedergegeben, weil wir

über das Eintauchen bei Rachitis in den Brunnen der heiligen Columba

so wenig wissen, und in Anbetracht des Alters dieses Brauches, der

vielleicht gemeinsamen Ursprung hat, das Verfahren in der Schweiz und

in England das gleiche war. Wir sehen auch, daß hier die sogenannte

~Priessnitz~sche Einpackung gebraucht wurde, eine Einrichtung, die also

schon vor ~Priessnitz~ bekannt war. Aus einem zweiten Briefe, der die

Mitteilungen eines Dr. ~Davison~ enthält, erfahren wir, daß Leute vom

6. Monat bis zum 80. Jahre die Brunnen gegen eingewurzelte Schmerzen

in Gelenken und Muskeln nach langwierigen Flüssen (Rheumatismen) und

Quartanfiebern, wie auch von Verdrehung der Flechsen und Quetschungen,

gegen Rachitis und alle Schwäche der Nerven entweder überhaupt oder

eines besonderen Gliedes anwandten. Die Behandlung der Kinder wird wie

im vorigen Briefe beschrieben, nur wird noch Massage der gelähmten

Glieder nach dem Eintauchen erwähnt. Erwachsene Leute blieben ¼–½

Stunde im Wasser. Kranke schwitzten darnach im Bette, Gesunde kleideten

sich an und bewegten sich bis zur Erwärmung. Die Badekur erforderte

keine Vorbereitung und Wechsel der Lebensweise. Sie dauerte vierzehn

Tage. Täglich wurde zweimal eingetaucht. ~Davison~ macht den Erfolg

allein von der Kälte abhängig, obwohl einer der Brunnen mineralische

Bestandteile enthielt.

[Sidenote: _Des Arztes Floyer und des Erziehers Locke Ansicht über die

kalten Bäder_]

~Floyer~s Verdienst liegt darin, daß er das bis dahin in den heiligen

Brunnen geübte Baden wieder mehr zur Geltung brachte und betonte,

daß der Erfolg auch bei jedem anderen kalten Brunnen zu erwarten

sei[E]. Er erweiterte die Indikationen, ja allzusehr; es gab beinahe

keine Krankheit, bei der er nicht Heilung erwartete. Mit Nachdruck

verteidigte er seine Lehre gegen seine Gegner. Er konnte sich jedoch

auch von hergebrachten Vorstellungen nicht frei machen. Im Gegensatz

zum Volksbrauch verlangte er eine Vorbereitungskur durch Purgieren.

Das Auftreten der Rachitis verlegte er ins Jahr 1620 und schob es dem

damals abgeschafften Eintauchen bei der Taufe zu, weswegen er die

Wiedererrichtung des alten Brauches forderte. Das Volk sollte durch

Eintauchen des Kindes in kaltes Wasser bei der Taufe zu der Erkenntnis

gebracht werden, daß kaltes Baden den Kindern nicht schädlich sei; er

ging aber auch hier zu weit, indem er erklärte, allein das dreimalige

Eintauchen bei der Taufe verhindere Rachitis und viele erbliche

Krankheiten. Das Schwitzen nach dem kalten Bade verlangte er bei

Lähmungen, Rachitis und verschiedenen Krankheiten. Bei anderen sollte

es wegfallen, ebenso da, wo das Bad zur Erhaltung der Gesundheit dienen

sollte. Hierzu gibt er folgende Anleitung: „Ich kann keine bessere Art

zu Bewahrung der Gesundheit anraten, als die kühle Lebensart, alle

ihre Kinder in der Taufe einzutauchen, hernach oft zu waschen, bis sie

¾ Jahr sind, wodurch die Rachitis und Schwerenot verhütet wird; die

Kinder zu kühler Luft und Wassertrinken zu gewöhnen, und wenige Kleider

tragen lassen, welche, wenn sie zuviel sind, nur das Fleisch verzehren,

und die Kinder zu Flüssen geneigt machen; sie, wenn sie Knaben sind,

zum Baden in Flüssen, und wenn sie Männer werden, zu kalten Bädern

gewöhnen, damit sie ihre Haut wider die Veränderungen der Luft

abhärten, und den Appetit und Dauung, wie auch die Stärke der Glieder

vermehren. Es ist auch die Erhaltung der Gesundheit, die Reinligkeit,

und die angenehme Erfrischung nach kalten Bädern, genung, derselben

Gebrauch zu recommandieren.“

In der Empfehlung des kalten Wassers zur Abhärtung der Jugend hatte

~Floyer~ in seinem Landsmann, dem Philosophen und Pädagogen ~John

Locke~[99], einen Vorgänger, der 1693 in seinen Gedanken über Erziehung

das Baden im kalten Wasser während des Sommers vorschlug, sowie eine

Abhärtung der Füße durch Baden in immer kälter genommenem Wasser

verlangte. Er stützt sich auch auf den Gebrauch der heiligen Brunnen:

„Nicht jedermann ist geneigt zu glauben, es sei ein Wunder oder eine

besondere Kraft von St. Winifreds Brunnen, welche es bewirkt, daß

das kalte Wasser dieser berühmten Quelle den zarten Körpern, die

darin baden, keinen Schaden zufügt. Jedermann ist gegenwärtig voll

von Wundern, welche kalte Bäder an heruntergekommenen und schwachen

Konstitutionen für die Wiederherstellung der Gesundheit und Kraft

wirken; daher können sie nicht untunlich oder unerträglich sein für

die Stärkung und Abhärtung des Leibes bei Leuten, welche in besseren

Verhältnissen sind.“

~Locke~s Ideen über Abhärtung der Kinder wurden von ~Rousseau~[100]

aufgenommen und nach dessen Art erweitert. Beider Lehre ging an die

Philanthropen über. In ärztlichen Kreisen (~Tissot~[389] und dessen

Nachfolger), glaube ich, hat aber ~Floyer~ den Anstoß zu weiteren

Arbeiten über Abhärtung der Jugend mit kaltem Wasser gegeben.

[Sidenote: _Ansichten von Schweizer Ärzten über den Gebrauch der kalten

Bäder_]

Auch in der Schweiz war das Eintauchen Kranker in die kalten Quellen

den Ärzten nicht unbekannt geblieben. Der Züricher Arzt ~Wagner~[93]

stellte in seiner 1680 erschienenen Helvetia curiosa die zu seiner

Zeit in der Schweiz gebräuchlichen Bäder zusammen. Er vergißt nicht,

neben den Mineralquellen die kalten aufzuzählen, auch die Krankheiten,

gegen die sie gebraucht wurden, anzugeben; weiter geht er aber nicht.

Hier war es der Züricher Stadtarzt und Professor der Mathematik

~Johann Jakob Scheuchzer~[94], der die Heilwirkung nicht bestimmten

Brunnen, sondern dem kalten Wasser zuschrieb. 1717 schließt er seine

Beschreibung der bekannten „sogenannten kalten Bäder“ der Schweiz

mit den Worten: „Es wäre zu wünschen, daß man nicht nur von jetzt

erzehlten, sondern auch anderen kalten Berg-Brünnen (dänn zweifelsohne

alle von gleichen Wirkungen, folglich auf allen Bergen, ja auch in

Thäleren und Dörfferen dergleichen Wasser anzutreffen) mehrere und

genaue Proben wurde machen, damit diese Materi zum Nutzen des Menschen

in mehrere Heitere könte gebracht werden“, und beim Kaltwehbrunnen

auf dem Pilatus schlägt er vor, ihn gegen dreitägiges Wechselfieber

nicht nur zu trinken. „Es lasset sich aber auch reden von dem Baden,

mit erforderlicher Vorsicht, dänn durch einmalige starke Einzeuhung

der Haut-Zäseren die Zähe in denen außeren Röhrlein sich steckende

Materi solcher gestalt kan conquassiert, zerrieben, und flüssig gemacht

werden, daß der Kreis-Lauff hernach desto besser geschehen, und die

Fiebrische Materi durch den Harn oder Stuhlgang ausgeführt werden kann.“

~Scheuchzer~ bringt außerdem eine umständliche Schilderung der

physiologischen Wirkung der kalten Bäder. Als Indikation gibt er

an: „Blutflüsse, Entzündungen, Rothlauff, allerhand, insonderheit

von Flüssen kommende Schmerzen, Gliedersucht, Gichter“. Besonders

empfiehlt er sie den Weichlingen, „welche durch Mißbrauch des Weins,

warmer Bädern, der lieben Venus, der Thee- und Coffee-Getränken sich

verderbet, den Leib und sonderlich die nervosen Theil geschwächet

haben“.

Ist ~Scheuchzer~ von ~Floyer~ beinflußt worden? Die Frage läßt sich mit

ja und mit nein beantworten. ~Floyer~ berichtet, daß einige Engländer

das kalte Bad im Winter gebrauchen, wie es die Römer getan. Er spricht

sich nicht über den Nutzen oder die Schädlichkeit dieses Verfahrens

aus. Der Brauch selbst war ~Scheuchzer~ bekannt. Er schreibt: „Es haben

auch vor wenig Jahren die kalten Bäder, selbst in Mitten des Winters,

wiederum eingeführt die Engelländer, ob sie aber damit fortsetzen

werden, und ob es nicht auch Experimenta per mortes geben werde, stehet

zu erwarten.“ Vielleicht war diese Tatsache ~Scheuchzer~ auf anderem

Wege als durch ~Floyer~s Buch zur Kenntnis gekommen. Er beschäftigte

sich mit der englischen Literatur und übersetzte sie auch ins Deutsche.

Auffallend ist es jedenfalls, daß er ~Floyer~s Namen nicht nennt,

während er sonst peinlich genau sogar die Seitenzahl seiner Quellen

angibt. Wie dem auch sei, ~Scheuchzer~ hat vor ~Floyer~ voraus, daß

er vorurteilsfreier und weniger einseitig den Gegenstand behandelte.

„Es können“, sagt er, „die kalten Bäder viel beytragen zu Erhaltung

und Wiederbringung, aber auch zur Verstörung der Gesundheit. Es gehet

mancher naher Baden, oder in andere gewärmte Bäder, der sich weit

besser befunden bey unserem kalten Sil-, Limmat- oder See-Bad. Hergegen

gibt es auch solche welche sich der kalten Bäderen bedienen, denen

gesünder und angemessener wären die warmen.“

Blicken wir noch einmal zurück, so müssen wir die Tatsache

feststellen, daß unsere heutige Kaltwasserbehandlung von uralten

Volksgebräuchen ausgegangen ist, die jedoch zur Heilung von

Krankheiten nur Wasser bestimmter Brunnen zuließen. Ärzte waren es,

welche die Kaltwasserbehandlung von diesem Banne befreiten. Seit

~Floyer~s Auftreten wurde unaufhörlich am Ausbau der Hydrotherapie

weiter gearbeitet. Nicht mehr, wie es vorher in einzelnen Fällen

geschah, fiel das Errungene wieder der Vergessenheit anheim, und ehe

des Laien ~Vincenz Priessnitz~ Ruf durch Europa ging, war ein Teil

der Hydrotherapie, die Behandlung fieberhafter Erkrankungen, der

Nervenschwäche, aber auch mancher anderen, von ärztlicher Seite so fest

begründet und in einzelnen Universitätskliniken praktisch zur Anwendung

gekommen, daß es unbegreiflich erscheint, wie heute noch behauptet

werden kann, nicht Ärzte, sondern Laien hätten im 19. Jahrhundert den

Grundstein zur Hydrotherapie gelegt. Doch davon weiteres in einem

anderen Kapitel.

[Sidenote: _Kaltwasserkuren im Mittelalter_]

Von Kaltwasserkuren erfahren wir schon im Mittelalter. Die erste, von

der uns berichtet wird, wurde an einer Friesin, die an Verkrümmung

und Zittern der Glieder litt, vorgenommen. Sie erhielt von den sie

bedienenden Frauen beinahe eine Stunde lang ein kaltes Wasserbad. Die

Folge davon war eine Verschlimmerung der Lähmung und Verkrümmung. Erst

am Grabe des heiligen Alexander ward sie geheilt. Später aber nahm

der Bischof Otto von Bamberg eine Kur an sich mit Erfolg vor, als die

Kälte seine Füße bis aufs Mark angegriffen hatte. Er wies warmes Wasser

zurück, steckte die Füße in kaltes und vertrieb so Kälte mit Kälte[3].

In einzelnen Gegenden war diese Behandlung erfrorener Gliedmaßen

Volksgebrauch, doch nicht überall. Im 17. Jahrhundert warnte ~Fabricius

Hildanus~[101] vor Wärme und schlug Benetzung mit kaltem Wasser oder

Reiben mit Schnee vor. Er selbst gibt an, dies sei bei den Nordländern

Sitte, und bringt ein Beispiel, nach dem ein ihm bekannter Herr einen

vor Kälte erstarrten Menschen dadurch rettete, daß er den ganzen Körper

in kaltes Wasser warf.

Auch ~Scheuchzer~ schlug 1705 Begießungen mit kaltem Wasser vor und

hielt es für nötig, den erstaunten Leser durch eine längere Begründung

von der Wirksamkeit dieser Behandlung zu überzeugen[20].

Der in einer Speierer Urkunde 1344 vorkommende Wasserarzt[102] dürfte

kein Hydrotherapeut, sondern ein Wasser, also Urin beschauender Arzt

gewesen sein.

[Sidenote: _Osterwasser_]

Wie aus dem Vorhergehenden ersichtlich ist, schrieb das Volk nur dann

dem Wasser eine besondere Kraft zu, wenn es an der Quelle gebraucht

wurde. Man scheute beschwerliche Reisen in entlegene Gebirgsgegenden

nicht und stellte lieber einen Stellvertreter, als daß man das Wasser

holen ließ. Geschöpftes Wasser genügte nur in seltenen Fällen, wenn

es nämlich an besonderen Tagen und zu bestimmter Stunde geholt und

nicht von der Sonne beschienen worden war[19]. Ich erinnere an das

Osterwasser, das heute noch unter strengstem Stillschweigen in Bädern

oder Flüssen gegen den Strom geschöpft wird. Es hält sich das ganze

Jahr frisch, soll nicht nur Krankheiten heilen, sondern auch gegen

Hexen und Ungeziefer das Jahr hindurch schützen. Das gilt in Böhmen

auch für das in der Nacht vor dem Tage der Heil. drei Könige geholte

Wasser[75].

[Sidenote: _Heilawag_]

Das größte Ansehen genoß früher das in der heiligen Weihnacht

geschöpfte Wasser, das heute seine Bedeutung vollständig verloren

hat. Es führte noch in späteren Zeiten den Namen heilawâc, heilwâc,

heilwaege[19]. ~Grimm~ hebt das Alter des Ausdrucks hervor, der sich

nur wegen des großen Ansehens des Heilwags so lange in der alten Form

erhalten konnte.

Die erste Erwähnung geschieht durch ~Reinmar von Zweter~:

„Man seit von heilawage uns vil,

wie heil, wie guot ez si, wie gar volkomen der saelden spil,

wie gar sin kraft verheilet, swaz wundez an dem man verseret ist“[103].

1482 nennt ~Anshelm~ in seiner Berner Chronik neben anderen

vermeintlichen heiligen Dingen auch „heilawag“ als Mittel gegen

Gespenster, Hexenwerk, Zauberei und Ungewitter. Das hatte eine zu

Murten verbrannte Hexe angegeben. Aber schon ~Anshelm~ bekämpft den

Aberglauben[104]. Die letzte Erwähnung geschieht durch ~Philander von

Sittewald~ 1677, der ebenfalls gegen den Aberglauben predigt. „Das

fließend brunnwasser, so man in der H. Weynacht so lang die Glock

Zwölffe schlägt, samlet, und Heilwag genant wird, ist gut wider das

Nabelwehe“[76].

In etwas veränderter Bedeutung und unter entstelltem Namen kommt

es um 1600 im Baseler Gebiete vor. Dort führte der Landmann um die

Weihnachtszeit das Vieh an gewisse Brunnen oder Quellen zur Tränke.

Diese Örtlichkeiten sind bald als „hellewag“ oder „hellenwag“ (1599

und 1601), bald als „heiliger Wegbrunnen“ (1572) bezeichnet[39].

Hier ist die ursprüngliche Bezeichnung des Wortes, heilende Woge,

kaum zu erkennen. Ähnliche Zusammenstellungen sind „Badwag“ (1462)

für Badeplatz[73] und Babenwag. Heute noch wird im Kanton Zürich vom

Volk eine Sihlbrücke als „Brücke an der Babenwag“ bezeichnet. Schon

1267 kommt in der betreffenden Gegend eine Furt, Babenwag genannt,

urkundlich vor[105].

[Sidenote: _Taufwasser_]

Besondere Kraft schrieb man auch dem Taufwasser zu. Der Aberglaube zu

Osterode am Harz verlangte (1788), ein Kind so lange mit demselben zu

waschen, bis es aufgebraucht sei, um unreine Ausschläge zu verhüten[74].

[Sidenote: _Wasserurteil_]

Zum Schluß muß ich der unfreiwillig genommenen Bäder gedenken, die mit

altgermanischen Rechtsgepflogenheiten in Zusammenhang stehen.

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 3 / 53 段