Im 19. Jahrhundert war man anderer Ansicht. Die „Kinder im Feld“

(Aussätzigen) zu St. Georg bei Winterthur hielten in der Mitte

des 16. Jahrhunderts ihre jährliche Badekur in der Badestube des

Sondersiechenhauses ab. „Wenn sie im Mai baden, giebt man einem jeden,

so viel im Hause sind, alle Fleischtage sein Pfund Fleisch und eine

halbe Maß Wein und in der Badenfahrt 7 oder 8 Pfund süße Butter, auch

einen Teller mit Eiern und Zieger (Kräuterkäse) und nach der Badenfahrt

2 Pfund Badgeld und in der Badenfahrt 1 Viertel Mehl für Küchly“[58].

1813 hatten die Siechen noch ähnliche Vergünstigungen; nur der

Kräuterkäse und die Küchly werden nicht mehr erwähnt, und die Badekur

fand in den 30 (!) Juliustagen statt[57]. Der Glaube an den Mai war

verloren gegangen.

[Sidenote: _Die Sommersonnenwende_]

~Guler~ erwähnt in seiner Rätia (1616)[59] das schon besprochene

Hervortreten der Therme von Pfäfers im Mai. Ein-oder zweimal habe

er aber erlebt, daß sich die Ankunft des Wassers hinausgezogen und

zwar bis auf „St. Johansen deß Täuffers tag“, „daß man darvor nicht

hat baden können, vorbehalten etlich personen im Kessel (einer

der Quellen).“ Der Zusatz zeigt, daß das Wasser doch schon vorher

eingetreten war. Das rechnet ~Guler~ aber nicht mit; für ihn kommt erst

der Johannistag in Betracht, weil diesem nach dem Volksglauben gleich

dem Mai oder Walpurgis besondere Bedeutung im Badeleben zukam. Ein

einziges Bad in der Johannisnacht wirkt so viel als 9 Bäder zu anderer

Zeit, sagte man besonders im Württembergischen[34]. Es war über fast

ganz Europa, ja außerhalb desselben verbreitet[19]; nach dem Zeugnisse

des heiligen Augustin (395 n. Chr.) war es ein heidnischer Brauch[34].

Für unsere Vorfahren galt der 24. Juni, der Mittsommertag, der Tag der

Sommersonnenwende als festliche Jahresmitte, deren Feier mit vielerlei

Bräuchen verbunden war[B][19]. Klagte die alte Kirche über heidnische

Sitte, so bekämpfte die evangelische das Johannisbad als päpstliche

Einrichtung. Das zeigt folgendes Gutachten der Stuttgarter Synode:

„Es ist Im Herbst Synodo Anno 1591 einkhommen, wie an Joannis Baptistae

uff die Achzehn doch mehrentheils weibspersonen das Badt In der

Eßlinger Vorstatt allhie besucht, die ganze nacht und den Tag, und

allßo zwanzig vier stundt gebadet, welches auch andere Jahr uff Joannis

Baptistae abends beschehen.

Daruff der Synodus das unterthänig bedenkchen gegeben, weil es ein

Superstition seye, möchte dem Vogt bevolchen werden, den Bädern

ernstlich uffzulegen, solches baden nit mehr zu gestatten, sonst werde

man sie und die Badleute gepürlich straffen.

Der meynung seyn unterzeichnete Consistoriales auch noch, darumb sie

dem Sulzbäder zu Canntstat die St. Johanns Bäder zu halten allerdings

abstricken ließen, doch zu der Oberkait fernerem Erwägen. Geben

Stuttgart den 6. July 1602. Consistorium.“

[Sidenote: _Johannisbäder in Kannstatt_]

Der zu diesem Gutachten eingeholte Bericht des Vogts von Kannstatt

lautete dahin, daß diese Bäder ein Überrest des Papsttums seien und

hauptsächlich nur noch von den benachbarten Katholiken zu Hofen und

Öffingen gebraucht würden, und deswegen um so mehr abgeschafft zu

werden verdienten, als sie nur Veranlassung zu Unfug gäben[63].

[Sidenote: _Johannisbäder im Baseler Gebiete_]

Des Kampfes der Baseler Geistlichkeit gegen die Johannisbäder wurde

schon beim Maibad gedacht. Die Kirchenakten zeigen zugleich, daß

das Bad in der Walpurgisnacht gegen das Johannisbad zurückstand,

was wohl darin zu suchen ist, daß dem Volk das Verständnis für

die Walpurgisnacht verloren gegangen war, während das Bad zur

Sommersonnenwende in dem Glauben an die Taufe Johannis des Täufers

weiter unterhalten wurde. Dafür spricht auch das Bestehen des

Johannisbades in einem viel größeren Gebiete. Wir dürfen annehmen,

daß zu der Zeit, aus der die Quellen stammen, das Walpurgisbad an

den meisten Orten nicht mehr gebraucht wurde. Sonst wäre es erwähnt

worden. Die Baseler Akten berichten noch 1600: „Im bad zu Ramseln wirt

uff St. Johannis abend und nacht neben großem muttwillen superstition

und Aberglauben getriben, sonderlich von unsern Leuten (d.❆h. denen

aus dem Baseler Gebiet), welche diß tags halben dem Bad große Krafft

zuschreiben“, und 1605 „wird geklaget von wegen der Bädern Ramsen und

anderswo, dz man deren kraft auf gewisse tag lege, sonderlich auf den

tag S. Johannis Baptistae“. Im Jahre darauf erfolgte dann jener schon

erwähnte Beschluß, der dem Aberglauben ein Ende bereiten sollte.

[Sidenote: _Johannisbäder zu Köln_]

In einem Briefe von 1330 hat uns ~Petrarca~ die älteste Nachricht

über das Johannisbad auf deutschem Boden hinterlassen. Am Vorabende

des Johannisfestes beobachtete er selbst den alten Brauch. „Kaum war

ich bei meiner Ankunft zu Köln in der Herberge abgestiegen, wo meine

Freunde mich empfingen, als sie mich an den Rhein führten, um ein eben

an diesem Tage bei Sonnenuntergang aus dem Altertume überkommenes

Schauspiel in ihrer Gesellschaft anzusehen. Das ganze Ufer war mit

einer langen Reihe von Weibern bedeckt. Ich stieg auf einen Hügel,

um eine bessere Aussicht zu gewinnen. Unglaublich war der Zulauf.

Ein Teil der Frauen war mit wohlriechenden Kräuterranken geziert,

mit zurückgeschobenem Gewande fingen Weiber und Mädchen plötzlich

an, ihre weißen Arme in den Fluß zu tauchen und abzuwaschen. Dabei

wechselten sie in ihrer mir unverständlichen Sprache lächelnd einige

Sprüche miteinander. Man antwortete mir, daß dies ein +uralter Brauch+

unter der weiblichen Bevölkerung Kölns sei, die in der Meinung lebt,

daß alles Elend des ganzen Jahres durch die an diesem Tage bei ihnen

gewöhnliche Abwaschung im Fluße weggespült werde und gleich darauf

alles nach Wunsch gelinge. Es sei also ein jährliches Reinigungsfest,

welches von jeher mit unverbrüchlicher Pünktlichkeit gefeiert

werde“[19].

[Sidenote: _Johannisbäder im Unterelsaß_]

Der Hagenauer Physikus ~Heliseus Rösslin~ berichtet in seiner

Beschreibung des Soolbades Niederbronn im Wasgau (Unterelsaß) von 1593,

daß „sonderlich vmb Johannis Baptistae alle jar ein große menge vom

Landvolck dahin kommen, so ein tag zwen da gebliben, tag vnd nacht

im wasser gesessen, in den Burgers Heusern dasselbig wärmen lassen,

vnd darein in Bütten gesessen, daß das gantz Dorff voll Badgest vnd

erfüllet gewesen, vermeynend, sie seien das gantz Jar hernacher von

kranckheiten verwaret vnd sicher“[64].

Von dem ebenfalls im Unterelsaß gelegenen Sulzbad schreibt ~Sebiz~ in

seinen Mißbräuchen der Bäder 1647: „Ich habe gesehen, zwar nicht in dem

Sauerbrunnen, sondern in vnserm Sultzbad, das gemeine Leuthe an St.

Johanns tag 24 stunden continue nach einander in dem bade gesessen, die

baden Cur in solcher Zeit zu ende geführt, vnd in dem bade gessen,

getruncken, geschlaffen, auch wol, wann sie in der grösten hitze

gewesen, vnd köpffe so roth als die Zinßkappen gehabt, ein Glaß nach

dem andern von dem gesaltzenen Wasser auß getruncken“[65].

[Sidenote: _Johannisbäder in Biberach_]

Aus dem Württembergischen liegt ein weiteres Zeugnis vom Jahre 1673

vor. ~Salomon Braun~ spricht bei Beschreibung des 1673 nach der

Zerstörung im Dreißigjährigen Kriege wieder errichteten Biberacher

Bades von den Mißbräuchen beim Baden, „darunter auch noch einer, als

nicht der geringste zu mercken, daß auch bey uns dieser übele Gebrauch

bey vielen sich gefunden, die da zu verkürtzung der Zeit und Bade Cur

desto länger, und wol gar continuirlich 24 Stunden im Zuber sitzen

blieben, darinnen geessen, getruncken, geschlaffen, und ja theils

so eine sonderliche Zeit, nemblich S. Johannis Baptistae Nacht dazu

erwehlet, und meynen solche Leuthe, wenn sie nur frisch wider heimgehen

können, haben sie die Sache wol getroffen, gedencken aber nicht, wenn

ihnen darnach ein und anderer Zufall anstösset, daß der Mißbrauch deß

Bades daran schuldig sey, welches aber viel mit Schaden erfahren“[66].

[Sidenote: _Johannisbäder in Baden-Baden_]

Als ~Zeiller~ auf einer Reise abends um 8 Uhr nach Baden-Baden kam,

berichtet er 1632, konnte er erst nach eineinhalbstündigem Suchen

Unterkunft finden, „weiln so viel Badleuthe, sonderlich Bauern,

vorhanden waren, die wegen der S. Johans Nacht jhnen einbildeten, wann

sie selbigen Abent badeten, daß sie hierdurch das gantze Jahr für

Kranckheiten solten befreyet sein“[67]. Auch im Mineralbade Laimnau

(1840 Badhütten bei Laimnau genannt[154]) wurde in der Johannisnacht

gebadet[68].

[Sidenote: _Johannisbäder in Warmbrunn_]

Mit einem Beispiele aus Schlesien will ich die Johannisbäder

beschließen. 1607 schreibt ~Schwenckfeldt~[69] von Warmbrunn bei

Hirschberg: „Vnd weil man zur selbigen Zeit, von den Warmen Bädern

hier zu Lande, wenig Wissenschafft gehabet, ist es von den lieben

Alten vor ein Wunder Wasser gehalten worden, in dem sie aus Gottes

Wort von dem Teiche Bethesda zu Jerusalem beym Schaffhause vernomen,

daß er Järlichen zu gewisser Zeit, von einem Engel, der das Wasser

trübete, sonderliche Krafft vnd Wirckung vberkommen, daß es den ersten

Menschen, welcher sich darein tauchete, von aller Leibes Kranckheit vnd

Schwachheit, wie die auch sein möchte, entledigte. Allweil sie dann

befunden, daß dieses Warme Wasser zu vielen gefährlichen Kranckheiten

nützlich vnd gut, vnd die beste fürnemeste Krafft vmb Johannis

darinnen beruhete (weil vmb dieselbige zeit, wegen der nahegelegenen

Schne Gebürgen, dasselbige zu brauchen die bequemeste vnd lustigste

Zeit gewesen) haben sie solche Krafft dem H. Johanni zugeschrieben,

als wenn er, gleich wie der Engel zu Bethesda, daß Wasser im Warmen

Brunnen bewegete, vnd dadurch die Krafft erweckete (vgl. Abb. 12).

Welcher Aberglaube heutiges Tages bey dem gemeinen Volcke noch sehr

tieff eingewurtzelt. Denn an S. Johannis Abendt, vnd an Johannis Tage

vberaus viel Volckes von nahen vnd fernen Orthen, dahin sich findet,

Gesunde, gesunden Leib vbers Jahr zubehalten, Krancke, Lahme, Krätzige,

Außsetzige, Gichtbrüchige, jre Kranckheit zuwenden. Fellet hauffenweise

vbereinander in Brunnen wie die Gänse, gäntzlicher meinung, daß Warme

Bad, were diesen Tag viel kräfftiger, als andere Zeit deß Jahres, vnd

gebe in einer halben Stunde dem Leibe mehr Krafft, als sonsten Vier

oder Fünff Wochen. Derowegen die Alten S. Johanni zu Ehren eine Capell

erbawen lassen, in welcher vor zeiten Jährlichen an Johannis Tage eine

Messe gelesen worden, denen, welche das Warme Bad gebrauchet haben. Wie

denn vor Jahren eine große Wallfahrth dahin gewesen ist.“

[Sidenote: _Reinigung der Brunnen am Johannistage_]

Auch die Trinkbrunnen entfalten mit dem Johannistage neue Tätigkeit,

nachdem man sie gereinigt hat. Dies geschieht im Elsaß[70], am Rhein,

wo man einen neuen Brunnenmeister wählt, sich die Nachbarn zu einem

kleinen Feste zusammenfinden und die Kinder in der Nachbarschaft

herumziehen, um Eier zu sammeln[71]. Am bekanntesten ist die

Brunnenfege in Thüringen. In Blankenhain hat man gar eine Feier der

Augsburger Konfession aus dem altheidnischen Gebrauche gemacht, die mit

einem Gottesdienst und fröhlichem Treiben auf der Straße verbunden ist,

wobei man den eigentlichen Zweck, die Reinigung des Brunnens, nicht

vergessen hat. Nachdem dieser ausgepumpt und gesalzen ist, wird er

verschlossen, mit Blumen bekränzt, um am anderen Tage von neuem seine

Tätigkeit aufzunehmen[72].

Nach ~Grimm~ fordert die Saale jährlich ihr Opfer auf Walpurgis oder

Johannis. Der Glaube, daß der See oder der Fluß sein Opfer verlange,

ist weit verbreitet; daß dies aber am Johannistage geschehen solle,

läßt sich nicht gut mit der Häufigkeit des Bades an diesem Tage in

Einklang bringen. Auch ist mir der erwähnte Aberglaube in etwas anderer

Fassung bekannt: Es soll nicht +vor+ Johannis gebadet werden wegen des

angeblich geforderten Opfers. Der Johannistag ist demnach für das Volk

der Anfang der Badesaison. In Schwaben wird im Neckar erst gebadet,

wenn am Fronleichnam das Allerheiligste über den Fluß getragen, und

in der Donau, wenn der Meßner am Pfingstmontag das übrig gebliebene

Weihwasser in die Donau geschüttet hat[73].

[Illustration: Abb. 12. Der Teich Bethesda. Holzschnitt aus der

Züricher Bibel. Zürich, Froschauer. 1545.]

[Sidenote: _Ostern als Badetag_]

Auch Ostern kam als Badetag in Betracht. Zu Osterode am Harz galt das

am Ostermorgen vor Sonnenaufgang genommene Bad für gut gegen Grind

und andere Gebrechen (1788)[74], in der Bunzlauer Gegend nahm man

an, daß der das ganze Jahr gesund bliebe, der sich am 1. Ostertag im

kalten Wasser badete (1791/92)[19]. ~Wuttke~ gibt diesen Glauben für

die Gegend der Niederelbe und Mitteldeutschland an. Er besteht in

Böhmen für das Flußbad am Tage der Heiligen drei Könige. In Bayern,

Böhmen und im Erzgebirge schützt man sich durch Baden am Karfreitag

vor Sonnenaufgang gegen Fieber und vertreibt damit Ausschlag und

Krätze[75]. Wer am Fastendienstag morgens nüchtern badet, der bekommt

das ganze Jahr kein Rückenweh (1650)[76].

[Sidenote: _Heilige Brunnen_]

Quellen, neben denen oder auch über denen Kapellen errichtet waren,

wurden natürlich am Namenstage ihres Schutzpatrons besonders eifrig

benutzt, und ~Cysat~[77] vergißt nicht (1661) zu betonen, daß im

kalten Bad auf dem Rigi +neben+ der Wallfahrt die Wirkung dem Bade

zugute komme. Bei manchem dieser Gesundbrunnen läßt sich trotz ihrer

Beziehung zu christlichen Heiligen nachweisen, daß ihre Verehrung aus

heidnischer Zeit stammt. So führt das eben erwähnte kalte Bad auf dem

Rigi, dessen Kapelle dem Erzengel Michael geweiht ist, auch den Namen

Schwesternbrunnen, und die Sage erzählt, daß zu Kaiser Albrechts Zeit

drei leibliche Schwestern vor der Landvögte Tyrannei und Übermut dort

hingeflohen und ihr Leben am Brunnen heilig beschlossen hätten.

Trotz dieser lokalen Sage finden sich Schwesternbrunnen von den

Alpen bis nach Norddeutschland, und ~Runge~[78] verweist darauf, daß

die drei heiligen Schwestern von der Kirche nicht angenommen sind

und sich mit St. Einbett, St. Warbett und St. Wilbett, die ~Panzer~

für Bayern häufig nachgewiesen hat, decken; diese sind aber nach

~Wolf~[68] die drei Schicksalsjungfrauen, die Nornen. Auf dem Kronberg

in Appenzell befindet sich der noch heute benutzte St. Jakobsbrunnen,

auch der Wunderbrunnen genannt, in der Nähe einer Kapelle der Apostel

Bartholomäus und Jakobus; der letztere soll von hier aus seinen

Wanderstab bis nach San Jago di Compostella geschleudert haben.

~Runge~ hat nachgewiesen, daß sich unter dem schleudernden St.

Jakobus Donar verbirgt, dessen Hammer Miölnir sich in manchen Sagen

in einen Stab verwandelt. Bei Courfaivre im Berner Jura und am Ufer

der Sorne liegen der heiligen Columba (nicht Columbus oder Columban)

gewidmete Heilbrunnen. Die Kirche kennt keine Heilige dieses Namens,

und man glaubt sie zu den keltischen Feen rechnen zu dürfen[78].

Ich könnte die Beispiele noch vermehren, die zeigen, daß die Kirche

heidnische Traditionen auf Heilige übertrug, nachdem ihre Ausrottung

mißlungen war, ein Zeichen, daß derartige Heilbrunnen schon in uralter

Zeit benutzt wurden. Das letztere gilt auch für die Heiden- oder

Guggers-(Teufels-)brunnen. Sie galten trotz ihrer Bezeichnung für

heilkräftig und wurden wie die heiligen Quellen benutzt[78].

[Sidenote: _Maibrunnen_]

Auch die Maibrunnen suchte übrigens die Kirche in Verbindung mit

heiligen Zeiten zu bringen. Von einigen dieser Quellen behauptet das

Volk heute noch, daß sie genau an einem Marientage (Verkündigung,

25. März) hervorkommen und an einem anderen (Geburt, 8. Sept.)

abstehen[78]. Zu diesen gehört „Unserer Lieben Frauen Brunnen“

im Leuker Bad[79]. Andere fließen zwischen zwei Kreuztagen

(Kreuzerfindung, 3. Mai bis Kreuzerhöhung, 14. September). ~Cysat~ gibt

1616 diese Zeit für einen Brunnen in der See-Enge (Vierwaldstätter See)

zwischen Lopp und Rotzberg an. Nach ~Huggelin~ (1559)[80] fließt die

Pfäferser Therme vom 3. Mai bis zum 24. September, wobei irrtümlich 24.

für 14. gedruckt ist. (~Kempfe~[81] gibt 1706 den 4. September an).

1749 wendet sich ~Walthier~[82] gegen die „fabulöse Vorgebung“, daß

das Wasser „nicht ehender, als bis mans in Festo S. Crucis mit Creutz

und Fahnen hohle“, komme.

[Sidenote: _Die heiligen Brunnen der Schweiz_]

Von heiligen Heilquellen in der Schweiz seien hier nach ~Runge~[78]

einige angeführt. Bei dem Kirchlein zu Munzach zeigte sich einst

die Mutter Gottes. An der Stelle, die ihr Fuß betrat, entsprang der

treffliche Brunnen, der jahrhundertelang von Pilgern mit Scheu und

Ehrfurcht getrunken wurde, wenn sie, Heilung von körperlichen Leiden

suchend, hierher kamen. Man leitete ihn als Heilbrunnen in das ziemlich

entfernte Siechenhaus. Die Quelle von Sakramentswald in Unterwalden

entstand, als Räuber auf der Alp das gestohlene Sakrament niedergelegt

hatten. Man errichtete sofort über ihr eine Kapelle, und sie zeigt

drei wunderbare Eigenschaften, befreit nämlich den Badenden von allen

Krankheiten, läßt sich nicht trinken und kann auch nicht herausgeführt

werden[C]. In der Kirche zu Beinwyl stellte der Brunnen des heiligen

Pfarrers Burkhardt so viele Krüppel her, daß von den in der dortigen

Kirche aufgehängten Krücken, Stelzen und wächsernen Gliedern der Ort

selbst den Beinamen Ghanget-Beuel empfing.

[Sidenote: _Die heiligen Brunnen Steiermarks_]

Für Steiermark hat ~Wichner~[84] die beim Volk im Rufe besonderer

Heilkraft stehenden Quellen zusammengestellt. Sie sind nicht selten.

Öfters wölbt sich auch hier über diesen eine Kapelle. So zu Cilli der

„Fons decollationis S. Maximiliani“, zu Kaltbrunn bei Göß, Ulrichsbrunn

bei Graz, Schüsserlbrunn, Heilbrunn, der schon im 17. Jahrhundert

gegen Augenleiden gebraucht wurde. Bei Mautern fließt in einer Kapelle

das Wasser aus der Seitenwunde des Heilands. Zu Dietrichshag bei St.

Gallen (in Steiermark) steht die Kapelle neben der bei Augenleiden

gesuchten Quelle. Auch die Kapelle „Maria zum guten Rate“ im Hauswalde

bei Strechau birgt einen für Augen und Haut nützlichen Brunnen. Kleine

Kreuze, an Baumstämmen angebracht, bezeugen die Dankbarkeit der

Geheilten. Dasselbe geschieht beim „heiligen Brunnen“ ob Bärendorf im

Paltentale. Am „Stein“ bei Mitterndorf am Fuße des Grimming entspringt

seit „undenkbarer Zeit“ eine Quelle gegen Gicht und Geschwüre und heißt

„Heilbrunn“. In alten Zeiten war ein steinernes Becken vorhanden,

und noch sieht man dort ein Bild, Personen vorstellend, die ihre

Füße baden. In Studenitz war schon vor Gründung des Klosters eine

wundertätige Quelle. Um 1249 bekam ein blindes Mädchen dort das Gesicht

wieder.

[Sidenote: _Die heiligen Brunnen des übrigen deutschen Landes_]

[Sidenote: _Die kalten Bäder und ihr Gebrauch_]

Im übrigen Deutschland finde ich zwei Quellen, die beim Volke eine

besondere Beachtung fanden, von denen „des Merkwürdigen und Wundersamen

viel erzählt wurde“, das sind die Ludgeriquelle bei Helmstädt, der

heilige Born, und der Ottoborn bei Pyritz in Pommern, wo die ersten

Sachsen von St. Ludgerus, bezw. Pommern vom Bischof Otto von Bamberg zu

Christen getauft wurden[85]. In Königsberg lag ein heiliger Brunnen an

einer Kirche, und die eine Quelle der Pegnitz bei Lindenhart in Bayern

wird heute noch der heilige Brunnen genannt[70]. Über Mineralquellen

oder vermeintliche Mineralquellen, welche den Namen Fons sacer oder

heiliger Brunn führten, wird später berichtet werden. Die meisten

dieser Bäder sind eiskalt und wurden gewöhnlich ungewärmt an ihrem

Ursprunge benutzt. Darauf weisen in der Schweiz die Namen Kaltbad, in

Steiermark Kaltbrunn hin. Im Tobelbad, einer Therme bei Graz, ließ

die Landschaft 1546–47 ein kaltes Bad für Arme erstellen[84]. Die

Quelle wurde also in einer Temperatur, wie sie die Natur gab (25–29°

C), benutzt. In Pyrmont gebrauchte man 1597 den siedenden (späteren

Bad-) Brunnen zum kalten und warmen Bade[56]. 1719 war der niedere

Badbrunnen daselbst mit eichenen Bohlen 22 Schuh in der Länge, 16 in

der Breite gefaßt und hatte 4 Schuh Wassertiefe. Er wurde als kaltes

Bad von den Armen gebraucht, welche den Sommer über hineinstiegen[381].

Der schon erwähnte Brunnen der heiligen Columba im Berner Jura liegt

in einer prächtigen Grotte, welche durch ihre fast regelmäßige Wölbung

die Gestalt eines Backofens erhält. Das Gewölbe ist fast zwanzig Fuß

hoch, die Grotte fünfzehn Schritte breit und dreißig bis vierzig

Schritte tief. Im Grunde der Grotte fällt von der Wölbung der letzteren

senkrecht eine ziemlich starke Quelle in ein schmuckloses Bassin. In

dieses beständig mit kaltem Wasser gefüllte Becken tauchen Eltern ihre

rachitischen (nach anderer Mitteilung verkümmernden) Kinder. Oft, wenn

man die Straße entlang geht, hört man ein Gebrülle und Geschrei; das

sind die Kinder, welche man eben in das kalte Wasser taucht. Dieser

Brauch datiert schon seit undenklicher Zeit (1867)[86]. Nach ~Runge~

geht der Eintauchung ein Gebet voran, und der Volksglaube verbietet ein

Eintauchen Unerwachsener am Freitag.

[Sidenote: _Die kalten Bäder der Schweiz_]

In der Schweiz nannte man die „Kaltbäder“ auch „Kaltwehbrunnen“, weil

sie gegen Kaltweh, Malaria, benutzt wurden. In der Regel bestand die

Kur in einem dreimaligen Eintauchen. „So hat man gnug“, wie ~Stumpf~

(1546)[9] sagt. Im kalten Bad auf der Rischi-Alp hinter der Eck in

Unterwalden (jetzt Schwendikaltbad), das bis ins 19. Jahrhundert sehr

schwer zugänglich war, bestand vormals die Sitte, Leute für Geld

zu dingen, um sich für einige Minuten ins kalte Bad zu setzen für

Rechnung und Frommen irgend eines Kranken, welcher diese Verrichtung

an dem wilden, sehr entlegenen Orte selbst übernehmen nicht wollte

oder konnte[87]. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts behielt man, wenn auch

nicht immer, beim Eintauchen die Kleider an[20]. Auch noch 1826 war

es vielfältig Sitte, daß man den ganzen Körper oder einzelne Teile

samt den Kleidern in das Wasser tauchte und sie dann an der Sonne

trocknete[88]. Von ärztlicher Seite wurde jedoch das nackt genommene

Bad befürwortet[88].

Obenan stand Rigikaltbad, ein großer Trog, in den der nie über 5°

C warme Schwesternbrunn floß. Zum ersten Male wird er 1661 von

~Cysat~[77] erwähnt, dem glaubwürdige Personen versicherten, das

Bad habe Fieber und andere Gebrästen geheilt. Noch 1826 bestand es

aus einer Badewanne; 1832 fand sich neben dieser (als ausgehöhlter

Baumstamm bezeichnet) 50 Schritt davon eine kleine Hütte mit 2 Wannen,

wo man um 24 Kreuzer ein Waschbad nehmen konnte[88]. Daneben wird schon

ein größeres Gebäude, die Molkenkuranstalt, erwähnt, aus dem sich

allmählich die jetzige Anlage auf Rigikaltbad entwickelte.

Außer diesem hat es nur noch der genannte Brunnen hinter der Eck auf

Rischialp, das heutige Schwendikaltbad, zu einem blühenden Kurorte

gebracht. 1576 wird es von ~Adam von Bodenstein~ zum ersten Male

erwähnt: „In Vnderwalden ist ein solch kalts bad, das sich in klüfften

in welchen der schnee zu keiner ewigen zeit abgeschmoltzen nimmet, hat

seinen cataracten durch die alabaster vnd gewaltige kreuter, wirt von

vilen besucht, aber sie verharren nit lang darin, vertreibt etliche

kranckheiten gar schnell“[89]. Es scheint erst seit 1706 gewärmt

benutzt zu werden; denn in diesem Jahre wurde eine aus Baumstämmchen

bestehende Hütte erweitert und ein Kessel zum Erwärmen des Wassers

eingestellt[90]. Das Bad erhielt trotz des beschwerlichen Zugangs

großen Zulauf. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde es in acht Jahren von

über fünftausend Personen besucht[88]. ~Rüsch~[88] führt 1826 an,

daß die Kur dort sehr schnell vollendet werde; zehn Tage genügten in

der Regel. „Zum Beschluß pflegt man gewöhnlich noch einige Male den

Körper oder das leidende Glied in kaltes Wasser einzutauchen, welches

freilich nicht überall anwendbar ist.“ Ein letzter Rest von der alten

Gebrauchsart des Bades war im Volksbewußtsein doch noch erhalten

geblieben.

Auch der schon erwähnte Brunnen Unserer lieben Frauen zu Leuk, der

mit einer Temperatur von 0–0,6° C mitten unter den heißen Quellen

entspringt[91], wurde nach dem warmen Bade, allerdings in direktem

Anschluß, benutzt, nach ~Collinus~ (1574) zum Schaden der Patienten[79].

Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen · 第 2 / 53 段