Die alte Auffassung, daß die metrischen Verhältnisse eines Körpers --

die Art, wie sich seine Größe und Länge, der Winkel seiner Kanten,

die Krümmung seiner Flächen aus Messungsdaten berechnen -- von der

Natur unabhängig seien, läßt sich nicht mehr aufrecht erhalten. Diese

metrischen Regeln sind abhängig geworden von der gesamten umgebenden

Körperwelt. Was man früher ein Rechenverfahren der Vernunft genannt

hatte, ist jetzt eine spezielle Eigenschaft des Dinges und seiner

Einbettung in die Gesamtheit der Körper. ~Die Metrik ist kein

Zuordnungsaxiom mehr, sondern ein Verknüpfungsaxiom geworden.~ Darin

liegt eine noch viel tiefere Verschiebung des Begriffs vom Realen,

als sie die spezielle Relativitätstheorie gelehrt hatte. Wir sind

gewöhnt, die Materie aufzufassen als etwas Hartes, Festes, das wir mit

dem Tastsinn als Widerstand fühlen. Auf diesem Begriff der Materie

beruhen alle Theorien einer mechanischen Welterklärung, und es ist

bezeichnend, daß in ihnen immer wieder der Versuch gemacht wurde, den

Zusammenstoß fester Körper als Urbild jeder Kraftwirkung durchzuführen.

Man muß mit diesem Vorbild endgültig gebrochen haben, wenn man den

Sinn der Relativitätstheorie erfassen will. Was der Physiker seinen

Beobachtungen zugrunde legt, sind Messungen von Längen und Zeiten, und

keine Tastwiderstände. Darum kann sich auch nur in der Längen- und

Zeitmessung die Anwesenheit von Materie ausdrücken. Daß etwas Reales,

eine Substanz, da ist, drückt sich physikalisch in der speziellen Form

der Verbindung dieser Längen und Zeiten, in der Metrik aus; real ist

das, was durch die Raumkrümmung beschrieben wird. Und wir bemerken

abermals eine neue Methode der Beschreibung: das Reale wird nicht mehr

durch ein ~Ding~ beschrieben, sondern durch eine Reihe von Relationen

zwischen den geometrischen Dimensionen. Gewiß enthält die Metrik

noch ein subjektives Element, und je nach der Wahl des Bezugssystems

werden auch die metrischen Koeffizienten verschieden sein; diese

Unbestimmtheit gilt auch noch im Gravitationsfeld. Aber es bestehen

Abhängigkeitsrelationen zwischen den metrischen Koeffizienten, und wenn

man 4 von ihnen für den ganzen Raum beliebig vorgibt, sind die anderen

6 durch Transformationsformeln bestimmt. In dieser einschränkenden

Bedingung drückt sich die Anwesenheit von Materie aus; dies ist die

begriffliche Form, das materiell Seiende zu definieren. Im leeren Raum

würden die einschränkenden Bedingungen fortfallen; aber damit wird auch

die Metrik unbestimmt; es hat keinen Sinn, von Längenbeziehungen im

leeren Raum zu reden. Nur die Körper haben Längen und Breiten und Höhen

-- aber dann muß sich in den metrischen Verhältnissen auch der Zustand

der Körper ausdrücken.

Damit ist der alte auch noch von ~Kant~ benutzte Begriff der Substanz

aufgegeben, nach dem die Substanz ein metaphysischer Urgrund der

Dinge war, von dem man immer nur die Veränderungen beobachten konnte.

Zwischen dem Ausspruch des ~Thales von Milet~, daß das Wasser der

Urgrund aller Dinge sei, und diesem alten Substanzbegriff besteht

erkenntnistheoretisch genommen gar kein Unterschied, nur daß an Stelle

des Wassers eine spätere Physik den Wasserstoff oder das Heliumatom

oder das Elektron setzte. Die fortschreitenden physikalischen

Entdeckungen konnten nicht den erkenntnistheoretischen Begriff, nur

seine spezielle Ausfüllung ändern. Erst die ~Einstein~sche Änderung

der ~Zuordnungsprinzipien~ ging auf den ~Begriff~ des Seienden. An

diese Theorie darf man nicht mit der Frage herantreten: Welches ist

denn nun eigentlich das Seiende? Ist es das Elektron? Ist es die

Strahlung? Diese Fragestellung schließt den alten Substanzbegriff ein,

und erwartet nur seine neue Ausfüllung. Daß etwas ~ist~, drückt sich in

den Abhängigkeitsrelationen zwischen den metrischen Koeffizienten aus;

da wir diese durch Messung feststellen können -- und ~nur~ deswegen --

ist das Seiende für uns konstatierbar. Daß die Metrik viel mehr ist als

eine mathematische Ausmessung der Körper, daß sie die Form ist, den

Körper als Element in der materiellen Welt zu beschreiben -- das ist

der Sinn der allgemeinen Relativitätstheorie[F].

[F] Es ist kein Widerspruch hierzu, wenn in der physikalischen

Praxis immer noch der alte Substanzbegriff benutzt wird.

Neuerdings hat ~Rutherford~ eine Theorie entwickelt, in der er

über den Zerfall des positiven Stickstoffkerns in Wasserstoff-

und Heliumkerne berichtet. Diese überaus fruchtbare physikalische

Entdeckung darf den alten Substanzbegriff voraussetzen, weil

dieser sich mit hinreichender Näherung für die Beschreibung

der Wirklichkeit eignet, und ~Rutherfords~ Arbeiten schließen

nicht aus, daß man sich den inneren Aufbau der Elektronen im

~Einstein~schen Sinne denkt. Diese Fortdauer alter Begriffe für

die wissenschaftliche Praxis dürfen wir einem bekannten Fall der

Astronomie vergleichen: Obwohl man seit Kopernikus weiß, daß die

Erde nicht im Mittelpunkt des kugelförmig und rotierend gedachten

Himmelsgewölbes steht, dient diese Auffassung heute noch als

Grundlage der astronomischen Meßtechnik.

Es ist nur eine Konsequenz dieser Auffassung, wenn die Grenzen

zwischen materiellem Körper und Umgebung nicht scharf definiert sind.

Der Raum ist ausgefüllt von dem Feld, das seine Metrik bestimmt; es

sind nur Verdichtungen dieses Feldes, was wir bisher als Materie

bezeichneten. Es hat keinen Sinn, von einer Wanderung materieller

Teile als einem Transport von Dingen zu reden; was stattfindet, ist

ein fortschreitender Verdichtungsprozeß, der eher der Wanderung einer

Wasserwelle verglichen werden muß[G]. Der Begriff des Einzeldings

verliert jede Bestimmtheit. Man kann beliebig abgegrenzte Gebiete

des Feldes herausgreifend betrachten, aber sie sind nicht anders

zu charakterisieren als durch die speziellen Werte allgemeiner

Raum-Zeit-Funktionen in diesem Gebiet. Wie ein Differentialgebiet einer

analytischen Funktion im komplexen Bereich den Verlauf der Funktion

für den ganzen unendlichen Bereich charakterisiert, so charakterisiert

auch jedes Teilgebiet das gesamte Feld, und man kann seine metrischen

Bestimmungen nicht angeben, ohne zugleich das gesamte Feld mit zu

beschreiben. So löst sich das Einzelding in den Begriff des Feldes auf,

und mit ihm verschwinden die Kräfte zwischen den Dingen; an Stelle der

~Physik der Kräfte und Dinge~ tritt die ~Physik der Feldzustände~.

[G] Allerdings nur als eine grobe Analogie. Denn man pflegt sonst

umgekehrt den „scheinbaren“ Lauf einer Wasserwelle auf die

„wirkliche“ Hin- und Herbewegung der Wasserteilchen zurückzuführen.

Einzelne Teilchen als Träger des Feldzustandes gibt es aber nicht.

Vgl. für diese Auffassung der Materie auch die in diesem Punkt

erkenntnislogisch sehr tiefgehenden Ausführungen bei ~Weyl~,

Anmerkung 21, S. 162.

Wir geben diese Schilderung des Gegenstandsbegriffs der

Relativitätstheorie -- die keineswegs den Anspruch macht, den

erkenntnislogischen Gehalt dieser Theorie zu erschöpfen -- um die

Bedeutung konstitutiver Prinzipien zu zeigen. Im Gegensatz zu den

Einzelgesetzen sagen sie nicht, ~was~ im einzelnen Fall erkannt

wird, sondern ~wie~ erkannt wird, sie definieren das Erkennbare, sie

sagen, was Erkenntnis ihrem logischen Sinne nach bedeutet. Insofern

sind sie die Antwort auf die kritische Frage: wie ist Erkenntnis

möglich? Denn indem sie definieren, was Erkenntnis ist, zeigen sie

die Ordnungsregeln, nach denen sich der Erkenntnisvorgang vollzieht,

und nennen die Bedingungen, deren logische Befolgung zu Erkenntnissen

führt; in diesem logischen Sinne ist das „möglich“ jener Frage zu

verstehen. Und wir begreifen, daß die heutigen Bedingungen der

Erkenntnis nicht mehr dieselben sein können wie bei ~Kant~: ~weil sich

der Begriff der Erkenntnis geändert hat, und der veränderte Gegenstand

der physikalischen Erkenntnis auch andere logische Bedingungen

voraussetzt~. Diese Änderung konnte nur in Berührung mit der Erfahrung

erfolgen, und daher sind auch die Prinzipien der Erkenntnis durch

die Erfahrung bestimmt. Aber ihre Geltung beruht nicht nur auf dem

Urteil einzelner Erfahrungen, sondern auf der Möglichkeit des ganzen

Systems der Erkenntnis: das ist der Sinn des Apriori. Daß wir die

Wirklichkeit durch metrische Relationen zwischen vier Koordinaten

beschreiben können, ist so gewiss wie die Geltung der gesamten Physik;

nur die spezielle Gestalt dieser Regeln ist zu einem Problem der

empirischen Physik geworden. Dieses Prinzip bildet die Basis für die

begriffliche Auffassung der physikalischen Wirklichkeit. Jede bisherige

physikalische Erfahrung, die überhaupt gemacht wurde, hat das Prinzip

bestätigt. Aber das schließt nicht aus, daß sich eines Tags Erfahrungen

einstellen, die wieder zu einer stetigen Erweiterung zwingen -- dann

wird die Physik abermals ihren Gegenstandsbegriff ändern müssen, und

der Erkenntnis neue Prinzipien voranstellen. Apriori bedeutet: vor der

Erkenntnis, aber nicht: für alle Zeit, und nicht: unabhängig von der

Erfahrung.

* * * * *

Wir wollen diese Untersuchung nicht beschließen, ohne dasjenige

Problem gestreift zu haben, das gewöhnlich in den Brennpunkt der

Relativitätsdiskussion gestellt wird: die Vorstellbarkeit des

~Riemann~schen Raums. Wir müssen allerdings betonen, daß die Frage

der ~Evidenz~ apriorer Prinzipien in die Psychologie gehört, und es

ist sicherlich ein psychologisches Problem, weshalb der euklidische

Raum jene eigentümliche Evidenz besitzt, die zu einer anschaulichen

Selbstverständlichkeit seiner sämtlichen Axiome führt. Mit dem

Schlagwort „Gewöhnung“ läßt sich dies nicht abtun, denn es handelt

sich hier gar nicht um ausgefahrene Assoziationsketten, sondern um

eine ganz besondere psychische Funktion, und gerade weil der Sehraum

Verhältnisse aufweist, die von den euklidischen abweichen, ist jene

Evidenz um so merkwürdiger, die uns etwa die Gerade als kürzeste

Verbindung zweier Punkte erkennen läßt. Dieses psychologische Phänomen

ist noch vollkommen unerklärt.

Aber wir können, ausgehend von dem entwickelten Erkenntnisbegriff,

einige grundsätzliche Bemerkungen zu dem Problem machen. Wir konnten

nachweisen, daß nach diesem Erkenntnisbegriff der Metrik eine ganz

andere Funktion zukommt als bisher, daß sie nicht Abbilder der Körper

liefert im Sinne einer geometrischen Ähnlichkeit, sondern der Ausdruck

ihres physikalischen Zustands ist. Es scheint mir psychologisch

einleuchtend zu sein, daß wir für diesen viel tiefergehenden Zweck die

in uns liegenden geometrischen Bilder nicht verwenden können. Was uns

an die euklidische Geometrie so fesselt, und sie so zwingend erscheinen

läßt, ist die Vorstellung, daß wir mit dieser Geometrie zu Bildern

der wirklichen Dinge kommen können. Wenn es aber klar geworden ist,

daß Erkenntnis etwas völlig anderes ist, als die Herstellung solcher

Bilder, daß die metrische Relation einen ganz anderen Sinn hat, als

die Abbildung in ähnliche Figuren, dann werden wir auch nicht mehr den

Versuch machen, die euklidische Geometrie auf die Wirklichkeit als

notwendige Form anzuwenden.

Als im 15. Jahrhundert die Ansicht sich durchsetzte, daß die Erde

eine Kugel sei, stieß sie zuerst auf großen Widerspruch, und gewiß

ist ihr der Einwand gemacht worden: es ist anschaulich unvorstellbar.

Auch brauchte man sich ja nur in der räumlichen Umgebung umzusehen,

um festzustellen, daß die Erde ~keine~ Kugel sei. Später hat

man diesen Einwand aufgegeben, und heute ist es jedem Schulkind

selbstverständlich, daß die Erde eine Kugel ist. Dabei war der Einwand

in Wahrheit vollkommen richtig. Es ist auch gar nicht ~vorstellbar~,

daß die Erde eine Kugel ist. Wenn wir den Versuch machen, diese

Vorstellung zu vollziehen, so denken wir uns sogleich eine kleine

Kugel, und darauf, mit den Füßen an der Oberfläche, mit dem Kopf

hinausragend, einen Menschen. Aber in den Dimensionen der Erde können

wir diese Vorstellung gar nicht vollziehen; jene Merkwürdigkeit,

daß die Kugel gleichzeitig für Gebiete unserer Sehweite einer

Ebene gleichwertig ist, die doch erst die sämtlichen beobachteten

Erscheinungen auf der Erde erklärt, können wir nicht vorstellen. Eine

Kugel von der geringen Krümmung der Erdoberfläche liegt außerhalb

unserer Vorstellungsmöglichkeit. Wir können diese Kugel nur durch

eine Reihe sehr kümmerlicher Analogien irgendwie begreiflich machen.

Wenn wir jetzt behaupten, wir konnten die Erde als Kugel vorstellen,

so heißt das in Wahrheit: wir haben uns daran gewöhnt, auf die

anschauliche Vorstellbarkeit zu verzichten, und uns mit einer Reihe von

Analogien zu begnügen.

Genau so, glaube ich, steht es mit dem ~Riemann~schen Raum. Es wird

von der Relativitätstheorie gar nicht behauptet, daß das, was früher

das geometrische Bild der Dinge war, nun plötzlich im ~Riemann~schen

Sinne krumm ist. Vielmehr wird behauptet, daß es ein solches Abbild

~nicht gibt~, und daß mit den Relationen der Metrik etwas ganz anderes

ausgedrückt wird, als eine Wiederholung des Gegenstandes. Daß für

die Charakterisierung eines physikalischen Zustandes die in uns

liegenden geometrischen Bilder nicht ausreichen, erscheint eigentlich

selbstverständlich. Wir brauchen uns nur daran zu gewöhnen, nicht daß

die Bilder falsch seien, aber daß sie auf die wirklichen Dinge nicht

angewandt werden können -- dann haben wir das gleiche vollzogen, wie

bei der sogenannten Vorstellbarkeit der Erdkugel, nämlich auf die

anschauliche Vorstellbarkeit endgültig verzichtet. Dann werden wir

uns mit Analogien begnügen, wie der sehr schönen Analogie von dem

zweidimensional denkenden Wesen auf der Kugelfläche, und glauben, daß

sie die Physik vorstellbar machen.

Es muß Aufgabe der Psychologie bleiben, zu erklären, warum wir die

Bilder und Analogien für die Erkenntnis so nötig haben, daß wir ohne

sie das begriffliche Erfassen gar nicht vollziehen können. Aufgabe der

Erkenntnistheorie ist es, zu erklären, worin die Erkenntnis besteht;

daß wir dies durch eine Analyse der positiven Erkenntnisse tun müssen,

ohne Rücksicht auf die Bilder und Analogien, glaubt die vorliegende

Untersuchung aufgezeigt zu haben.

Literarische Anmerkungen.

[1] S. 3. Poincaré hat diese Ansicht vertreten. Vgl. Wissenschaft und

Hypothese, Teubner 1906, S. 49-52. Es ist bezeichnend, daß er für

seine Äquivalenzbeweise die ~Riemann~sche Geometrie von vornherein

ausschließt, weil sie die Verschiebung eines Körpers ohne Formänderung

nicht gestattet. Hätte er geahnt, daß gerade diese Geometrie von der

Physik einmal aufgegriffen würde, so hätte er die Willkürlichkeit der

Geometrie nicht behaupten können.

[2] S. 4. Ich hatte es nicht für nötig gehalten, auf die gelegentlich

auftauchenden Ansichten, daß die ~Einstein~sche Raumlehre sich mit der

~Kant~ischen vereinen ließe, näher einzugehen; denn unabhängig davon,

ob man ~Kant~ oder ~Einstein~ recht gibt, läßt sich der ~Widerspruch~

ihrer Lehren deutlich feststellen; aber ich finde zu meiner großen

Verwunderung, daß auch heute noch aus den Kreisen der Kantgesellschaft

die Behauptung aufgestellt wird, die Relativitätstheorie ließe die

~Kant~ische Raumlehre völlig unberührt. E. ~Sellien~ schreibt in „Die

erkenntnistheoretische Bedeutung der Relativitätstheorie“, Kantstudien,

Ergänzungsheft 48, 1919: „Da die Geometrie sich ihrer Natur nach auf

die „reine“ Anschauung des Raums bezieht, so kann die Erfahrung sie

überhaupt nicht beeinflussen. Umgekehrt, die Erfahrung wird erst

möglich durch die Geometrie. Damit aber wird der Relativitätstheorie

die Berechtigung genommen zu behaupten, die „wahre“ Geometrie ist

die nichteuklidische. Sie darf höchstens sagen: Die Naturgesetze

können bequem in sehr allgemeiner Form ausgesprochen werden, wenn wir

nichteuklidische Maßbestimmungen zugrunde legen.“ Leider übersieht

~Sellien~ nur eines: wenn der Raum nichteuklidisch im ~Einstein~schen

Sinne ist, dann ist es durch keine Koordinatentransformation möglich,

ihn euklidisch darzustellen. Der Übergang zur euklidischen Geometrie

würde den Übergang zu einer andern Physik bedeuten, die physikalischen

Gesetze würden dann materiell anders lauten, und ~eine~ Physik kann

nur richtig sein. Es gibt hier also nur ein entweder - oder, und

man versteht nicht, warum ~Sellien~ nicht die Relativitätstheorie

als ~falsch~ bezeichnet, wenn er doch an ~Kant~ festhält. Befremdend

erscheint auch die Ansicht, daß die Relativitätstheorie aus

Bequemlichkeitsgründen von den Physikern erfunden worden sei; ich

finde, daß die alte ~Newton~sche Theorie viel bequemer war. Wenn

~Sellien~ aber weiterhin behauptet, der ~Einstein~sche Raum sei ein

anderer als der von ~Kant~ gemeinte, so stellt er sich damit in

Widerspruch zu ~Kant~. Freilich läßt es sich durch keine Erfahrung

beweisen, daß ein Raum, den ich mir als bloß fingiertes Gebilde

euklidisch vorstelle, nichteuklidisch sei. Aber ~Kants~ Raum ist gerade

wie ~Einsteins~ Raum derjenige, in dem die Dinge der Erfahrung, das

sind die Gegenstände der ~Physik~, lokalisiert werden. Darin liegt

die erkenntnistheoretische Bedeutung der ~Kant~ischen Lehre, und

ihre Unterscheidung von metaphysischer Spekulation über anschauliche

Hirngespinste.

[3] S. 4. Es liegt bisher keine Darstellung der Relativitätstheorie

vor, in der diese Zusammenhänge mit hinreichender Schärfe formuliert

sind; denn allen bisherigen Darstellungen kommt es mehr darauf an,

zu überzeugen, als zu axiomatisieren. Am nächsten kommt diesem

Ziel, in einer glücklichen Verbindung von Systematik des Aufbaus

und Anschaulichkeit der Prinzipien, die Darstellung von ~Erwin

Freundlich~ (Die Grundlagen der ~Einstein~schen Gravitationstheorie,

Verlag von Julius Springer 1920. 4. Aufl.). In dieser Schrift wird

mit großer Klarheit die Unterscheidung von prinzipiellen Forderungen

und speziellen Erfahrungen durchgeführt. Es kann deshalb für die

physikalische Begründung der Abschnitte II und III dieser Untersuchung

auf die Schrift ~Freundlichs~, besonders auch auf die Anmerkungen

darin, hingewiesen werden.

Als eine gute Veranschaulichung des physikalischen Inhalts der

Theorie sei auch die Schrift von ~Moritz Schlick~, Raum und Zeit in

der gegenwärtigen Physik, 3. Aufl., Verlag von Julius Springer 1920,

genannt.

[4] S. 6. Vgl. zu dieser Auffassung des Apriori-Begriffes Anmerkung 17.

[5] S. 9. A. ~Einstein~. Zur Elektrodynamik bewegter Körper, Ann. d.

Phys. 17, 1905, S. 891.

[6] S. 13. Wir müssen diesen Einwand auch der ~Natorp~schen Deutung

der speziellen Relativitätstheorie machen, die er in den „Logischen

Grundlagen der exakten Wissenschaften“, Teubner 1910, S. 402, gibt. Er

hat nicht bemerkt, daß die Relativitätstheorie die Lichtgeschwindigkeit

als prinzipielle Grenze festsetzt, und glaubt, daß sie diese

Geschwindigkeit nur als vorläufig erreichbaren Höchstwert ansieht.

Darum kann auch ~Natorps~ Versuch, die absolute Zeit zu retten und die

Widersprüche auf die Unmöglichkeit ihrer „empirischen Erfüllung“ zu

schieben, nicht als gelungen betrachtet werden.

[7] S. 21. ~A. Einstein~, Die Grundlage der allgemeinen

Relativitätstheorie. Ann. d. Phys. 1916, S. 777.

[8] S. 24. ~Einstein~, a. a. O. S. 774. Vgl. auch die sehr geschickte

Darstellung dieses Beispiels bei ~Bloch~, Einführung in die

Relativitätstheorie, Teubner 1918, S. 95.

[9] S. 33. ~David Hilbert~, Grundlagen der Geometrie, Teubner 1913, S.

5.

[10] S. 33. ~Moritz Schlick~, Allgemeine Erkenntnislehre. Springer

1918, S. 30.

[11] S. 41. ~Schlick~. a. a. O. S. 55.

[12] S. 50. ~Kant~, Kritik der reinen Vernunft. 2. Aufl. § 14, S. 126

der Originalausgabe.

[13] S. 50. Eine Begründung dieses Prinzips geben meine in Anmerkung 20

genannten Arbeiten.

[14] S. 51. Dieses Prinzip ist von ~Kurt Lewin~ analysiert worden. Vgl.

seine in Anmerkung 20 genannten Arbeiten.

[15] S. 51. Eine gute Übersicht über die Entwicklung der physikalischen

Verknüpfungsaxiome gibt ~Haas~, Naturwissenschaften 7, 1919, S. 744.

Freilich glaubt ~Haas~, hier sämtliche Axiome der Physik vor sich zu

haben, da er die Notwendigkeit physikalischer Zuordnungsaxiome nicht

sieht.

[16] S. 53. Kritik der reinen Vernunft. 2. Aufl. S. 43. Es ist nicht

recht einzusehen, warum ~Kant~ glaubt, daß diese anderen Wesen nur

in der Anschauung von uns differieren können und nicht auch in den

Kategorien. Seine Theorie würde auch durch diese Möglichkeit nicht

gestört.

[17] S. 54. Man wird mir vielleicht den Einwand machen, daß ~Kant~

niemals das Wort Evidenz zur Charakterisierung apriorer Prinzipien

benutzt hat. Es läßt sich aber leicht zeigen, daß die von ~Kant~

behauptete ~Einsicht in die notwendige Geltung~ apriorer Sätze nichts

anderes ist, als was wir hier und oben als Evidenz bezeichnet haben.

Ich gebe zu, daß das Verfahren ~Kants~, von der Existenz evidenter

apriorer Sätze als einem Faktum auszugehen und nur ihre Stellung im

Erkenntnisbegriff zu analysieren, von manchen Neukantianern aufgegeben

worden ist -- wenn mir auch scheint, daß damit ein tiefes Prinzip

der ~Kant~i schen Lehre verloren ging, an dessen Stelle bisher kein

besseres gesetzt wurde -- aber ich will mich in dieser Untersuchung

allein auf eine Auseinandersetzung mit der Lehre ~Kants~ in ihrer

ursprünglichen Form beschränken. Denn ich glaube, daß diese Lehre in

bisher unerreichter Höhe über aller andern Philosophie steht, und daß

nur sie selbst in ihrem exakt ausgeführten System der ~Einstein~schen

Lehre äquivalent in dem Sinne ist, daß eine Diskussion fruchtbar

wird. Zur Begründung meiner Auffassung von ~Kants~ Aprioritätsbegriff

nenne ich folgende Stellen aus der Kritik der reinen Vernunft (2.

Aufl., Seiten nach der Originalausgabe): „Es kommt hier auf ein

Merkmal an, woran wir sicher ein reines Erkenntnis von empirischen

unterscheiden können. Erfahrung lehrt uns zwar, daß etwas so oder so

beschaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders sein könne. Findet

sich also erstlich ein Satz, ~der zugleich mit seiner Notwendigkeit

gedacht wird~, so ist er ein Urteil apriori (S. 3). Wo dagegen strenge

Allgemeingültigkeit zu einem Urteile wesentlich gehört, da zeigt diese

auf einen besonderen Erkenntnisquell desselben, nämlich ein Vermögen

des Erkenntnisses apriori (S. 4). Daß es nun dergleichen notwendige

und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile apriori im

menschlichen Erkenntnis wirklich gebe, ist leicht zu zeigen. Will

man ein Beispiel aus Wissenschaften, so darf man nur auf alle Sätze

der Mathematik hinaussehen; will man ein solches aus dem gemeinsten

Verstandesgebrauche, so kann der Satz, daß alle Veränderung eine

Ursache haben müsse, dazu dienen; ja in dem letzteren enthält selbst

der Begriff einer Ursache so ~offenbar den Begriff einer Notwendigkeit~

der Verknüpfung mit einer Wirkung und einer strengen Allgemeinheit der

Regel, daß er gänzlich verloren gehen würde, wenn man ihn... von einer

Gewohnheit, Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte“ (S. 4-5).

„Naturwissenschaft enthält synthetische Urteile apriori als Prinzipien

in sich. Ich will nur ein paar Sätze zum Beispiel anführen, als den

Satz, daß in allen Veränderungen der körperlichen Welt die Quantität

der Materie unverändert bleibe, oder daß in aller Mitteilung der

Bewegung Wirkung und Gegenwirkung jederzeit einander gleich sein

müssen. An beiden ist nicht allein die ~Notwendigkeit, mithin ihr

Ursprung apriori~, sondern auch daß sie synthetische Sätze sind, klar“

(S. 17).

Und von der reinen Mathematik und der reinen Naturwissenschaft, dem

Inbegriff der aprioren Sätze dieser Wissenschaften, heißt es: „Von

diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, läßt sich nun

wohl geziemend fragen, ~wie~ sie möglich sind, denn ~daß~ sie möglich

sein müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen“ (S. 20). Und

Prolegomena, S. 275 und 276 der Akademieausgabe: „Es trifft sich

aber glücklicherweise,... daß gewisse reine synthetische Erkenntnis

apriori wirklich und gegeben sei, nämlich reine Mathematik und reine

Naturwissenschaft; denn beide enthalten Sätze, die teils apodiktisch

gewiß durch bloße Vernunft, teils durch die allgemeine Einstimmung aus

der Erfahrung, und dennoch als von Erfahrung unabhängig durchgängig

anerkannt werden.... Wir dürfen aber die Möglichkeit solcher Sätze hier

nicht zuerst suchen, d. i. fragen, ob sie möglich seien. Denn es sind

deren genug, und zwar mit unstreitiger Gewißheit, wirklich gegeben.“

Für die zweite Bedeutung des Apriori-Begriffes, die wohl nicht

bestritten werden wird, brauche ich keine Zitate anzuführen. Ich

verweise dafür vor allem auf die transzendentale Deduktion in der

Kritik der reinen Vernunft.

[18] S. 64. Für eine genaue Begründung dieser

wahrscheinlichkeitstheoretischen Hypothese muß auf die in Anmerkung 20

genannten Arbeiten des Verfassers hingewiesen werden.

[19] S. 68. Kritik der Urteilskraft. Einleitung, Abschnitt V.

Relativitätstheorie und Erkenntnis Apriori · 第 7 / 8 段