Wir haben für den Beweisgang, der zur Ablehnung der ~Kant~ischen

Hypothese der Zuordnungswillkür führte, den Begriff der eindeutigen

Zuordnung benutzen müssen. Aber wenn wir ihn jetzt selbst in

Frage stellen, so verlieren deshalb unsere Überlegungen noch

nicht die Gültigkeit. Denn vorläufig ~gilt~ dieser Begriff, und

wir können nichts anderes tun, als die Prinzipien der bisherigen

Erkenntnis benutzen. Auch fürchten wir uns nicht vor der nächsten

Erweiterung dieses Begriffs, denn wir wissen, daß diese ~stetig~

erfolgen muß, und darum wird der alte Begriff als Näherung weiter

gelten und einen hinreichenden Beweis unserer Ansichten immer noch

vollziehen. Außerdem haben wir für unseren Beweis nicht unmittelbar

den Eindeutigkeitsbegriff, sondern bereits seine Definiertheit

durch eine Wahrscheinlichkeitsfunktion benutzt; es ist leicht

einzusehen, daß sich unser Beweis mit einer materiell anderen

Wahrscheinlichkeitsannahme ebenso führen ließe. Freilich kann die

Methode der stetigen Erweiterung schließlich zu recht entfernten

Prinzipien führen und die näherungsweise Geltung unseres Beweises in

Frage ziehen -- aber wir sind auch weit davon entfernt, zu behaupten,

daß ~unsere~ Resultate ~nun ewig~ gelten sollen, nachdem wir soeben

alle erkenntnistheoretischen Aussagen als induktiv nachgewiesen haben.

Geben wir also die Eindeutigkeit als absolute Forderung auf und nennen

sie ebenso ein Zuordnungsprinzip wie alle anderen, das durch die

Analyse des Erkenntnisbegriffs gewonnen und durch die Möglichkeit der

Erkenntnis induktiv bestätigt wird. Dann bleibt noch die Frage: Ist

nicht der Begriff der ~Zuordnung~ überhaupt jenes allgemeinste Prinzip,

das von der Erfahrung unberührt vor aller Erkenntnis steht?

Diese Frage verschiebt das Problem nur von den mathematisch klaren

Begriffen in die weniger deutlichen. Es liegt in der Begrenztheit

unseres Sprachschatzes begründet, daß wir zur Schilderung des

Erkenntnisvorgangs den Begriff der Zuordnung einführten; wir benutzten

damit eine mengentheoretische Analogie. Vorläufig scheint uns Zuordnung

der allgemeinste Begriff zu sein, der das Verhältnis zwischen Begriffen

und Wirklichkeit beschreibt. Es ist aber durchaus möglich, daß eines

Tags für dies Verhältnis ein allgemeinerer Begriff gefunden wird, für

den unser Zuordnungsbegriff nur eine Spezialisierung bedeutet. ~Es gibt

keine allgemeinsten Begriffe~.

Man muß sich daran gewöhnen, daß erkenntnistheoretische Aussagen auch

dann einen guten Sinn haben, wenn sie keine Prophezeihungen für die

Ewigkeit bedeuten. Alle Aussagen über eine Zeitdauer tragen induktiven

Charakter. Allerdings will jeder wissenschaftliche Satz eine Geltung

nicht nur für die Gegenwart, sondern auch noch für die zukünftigen

Erfahrungen beanspruchen. Aber das ist nur in dem Sinne möglich,

wie man eine Kurve über das Ende einer gemessenen Punktreihe hinaus

extrapoliert. Die Geltung ins Endlose zu verlängern, wäre sinnlos.

Wir müssen hier eine grundsätzliche Bemerkung zu unserer Auffassung

der Erkenntnistheorie machen. Es soll, wenn wir die ~Kant~ische

Analyse der Vernunft ablehnen, nicht bestritten werden, daß

die Erfahrung vernunftmäßige Elemente enthält. Vielmehr sind

gerade die Zuordnungsprinzipien durch die Natur der Vernunft

bestimmt, die Erfahrung vollzieht nur die Auswahl unter allen

denkbaren Prinzipien. Es soll nur bestritten werden, daß sich die

Vernunftkomponente der Erkenntnis unabhängig von der Erfahrung

~erhält~. Die Zuordnungsprinzipien bedeuten die Vernunftkomponente

der Erfahrungswissenschaft in ihrem jeweiligen Stand. Darin liegt

ihre grundsätzliche Bedeutung, und darin unterscheiden sie sich von

jedem Einzelgesetz, auch dem allgemeinsten. Denn das Einzelgesetz

stellt nur eine Anwendung derjenigen begrifflichen Methoden dar,

die im Zuordnungsprinzip festgelegt sind; durch die prinzipiellen

Methoden allein wird definiert, wie sich Erkenntnis eines Gegenstandes

begrifflich vollzieht. Jede Änderung in den Zuordnungsprinzipien

bringt deshalb eine Änderung des Begriffs vom Ding und Geschehen,

vom Gegenstand der Erkenntnis, mit sich. Während eine Änderung

in den Einzelgesetzen nur eine Änderung in den Relationen der

Einzeldinge erzeugt, bedeutet die fortschreitende Verallgemeinerung

der Zuordnungsprinzipien eine Entwicklung des ~Gegenstandsbegriffs~

in der Physik. Und darin unterscheidet sich unsere Auffassung

von der ~Kant~ischen: während bei ~Kant~ nur die Bestimmung des

~Einzelbegriffs~ eine unendliche Aufgabe ist, soll hier die Ansicht

vertreten werden, ~daß auch unsere Begriffe vom Gegenstand der

Wissenschaft überhaupt, vom Realen und seiner Bestimmbarkeit, nur einer

allmählich fortschreitenden Präzisierung entgegengehen können~.

Es soll im folgenden Abschnitt der Versuch gemacht werden, zu zeigen,

wie die Relativitätstheorie diese Begriffe verschoben hat, denn

sie ist eine Theorie der veränderten Zuordnungsprinzipien, und sie

hat in der Tat zu einem neuen Gegenstandsbegriff geführt. Aber wir

können aus dieser physikalischen Theorie noch eine andere Lehre für

die Erkenntnistheorie ziehen. Wenn das Zuordnungssystem in seinen

begrifflichen Relationen durch die Vernunft, in der Auswahl seiner

Zusammensetzung aber durch die Erfahrung bestimmt ist, so drückt sich

in seiner Gesamtheit ebensosehr die Natur der Vernunft wie die Natur

des Realen aus; und darum ist auch der Begriff des physikalischen

Gegenstandes ebensosehr durch die Vernunft wie durch das Reale

bestimmt, das er begrifflich formulieren will. Man kann deshalb nicht,

wie ~Kant~ glaubte, im Gegenstandsbegriff eine Komponente abtrennen,

die von der Vernunft als notwendig hingestellt wird; denn welche

Elemente notwendig sind, entscheidet gerade die Erfahrung. Daß der

Gegenstandsbegriff seinen einen Ursprung in der Vernunft hat, kann

vielmehr nur darin zur Geltung kommen, daß Elemente in ihm enthalten

sind, für die ~keine~ Auswahl vorgeschrieben ist, die also von der

Natur des Realen unabhängig sind; in der Beliebigkeit dieser Elemente

zeigt sich, daß sie lediglich der Natur der Vernunft ihr Auftreten

im Erkenntnisbegriff verdanken. ~Nicht darin drückt sich der Anteil

der Vernunft aus, daß es unveränderte Elemente des Zuordnungssystems

gibt, sondern darin, daß willkürliche Elemente im System auftreten.~

Damit ändert sich allerdings die Formulierung dieses Vernunftanteils

wesentlich gegenüber der ~Kant~ischen; aber gerade dafür hat die

Relativitätstheorie eine Darstellungsweise gefunden.

Wir hatten oben die Hypothese der Zuordnungswillkür formuliert, und

die Antwort gefunden, daß es implizit widerspruchsvolle Systeme

gibt; aber das soll nicht heißen, daß nur ein einziges System von

Zuordnungsprinzipien da ist, welches die Zuordnung eindeutig macht.

Vielmehr gibt es mehrere Systeme. Die Tatsache der Gleichberechtigung

drückt sich dabei in der Existenz von Transformationsformeln aus,

die den Übergang von einem System aufs andere vollziehen; man kann

da nicht sagen, daß ein System dadurch ausgezeichnet sei, daß es der

Wirklichkeit im besonderen Maße angepaßt wäre, denn das einzige

Kriterium dieser Anpassung, die Eindeutigkeit der Zuordnung,

besitzen sie ja alle. Für die Transformation muß angegeben werden,

welche Prinzipien beliebig wählbar sind, also die unabhängigen

Variablen darstellen, und welche sich, den abhängigen Variablen

entsprechend, dabei nach den Transformationsformeln ändern. So

lehrt die Relativitätstheorie, daß die vier Raum-Zeit-Koordinaten

beliebig wählbar sind, daß aber die zehn metrischen Funktionen

g_{μν} nicht beliebig angenommen werden dürfen, sondern für jede

Koordinatenwahl ganz bestimmte Werte haben. Durch dieses Verfahren

werden die subjektiven Elemente der Erkenntnis ausgeschaltet, und ihr

objektiver Sinn wird unabhängig von den speziellen Zuordnungsprinzipien

formuliert. Aber wie die Invarianz gegenüber den Transformationen den

objektiven Gehalt der Wirklichkeit charakterisiert, drückt sich in der

Beliebigkeit der zulässigen Systeme die Struktur der Vernunft aus. So

ist es offenbar nicht in dem Charakter der Wirklichkeit begründet, daß

wir sie durch Koordinaten beschreiben, sondern dies ist die subjektive

Form, die es unserer Vernunft erst möglich macht, die Beschreibung zu

vollziehen. Andererseits liegt aber den metrischen Verhältnissen in

der Natur eine Eigenschaft zugrunde, die unseren Aussagen hierüber

bestimmte Grenzen vorschreibt. Was ~Kant~ in der Idealität von Raum

und Zeit behauptete, ist durch die Relativität der Koordinaten erst

exakt formuliert worden. Aber wir bemerken auch, daß er damit zuviel

behauptet hatte, denn die von der menschlichen Anschauung vorgegebene

Metrik des Raums gehört gerade nicht zu den zulässigen Systemen. Wäre

die Metrik eine rein subjektive Angelegenheit, so müßte sich auch

die euklidische Metrik für die Physik eignen; dann müßten alle zehn

Funktionen g_{μν} beliebig wählbar sein. Aber die Relativitätstheorie

lehrt, daß sie es nur insofern ist, als sie von der Beliebigkeit

der Koordinatenwahl abhängt, und daß sie von diesen unabhängig

eine objektive Eigenschaft der Wirklichkeit beschreibt. Was an der

Metrik subjektiv ist, drückt sich in der Relativität der metrischen

Koeffizienten für das Punktgebiet aus, und diese ist erst die Folge

der empirisch beobachteten Gleichheit von träger und schwerer Masse.

Es war eben der Fehler der ~Kant~ischen Methode, über die subjektiven

Elemente der Physik Aussagen zu machen, die an der Erfahrung nicht

geprüft waren. Erst jetzt, nachdem die empirische Physik die

Relativität der Koordinaten bestätigt hat, dürfen wir die Idealität

des Raumes und der Zeit, insofern sie sich als Beliebigkeit der

Koordinatenwahl ausdrückt, als bewiesen ansehen. Allerdings ist diese

Frage noch keineswegs abgeschlossen. Wenn sich z. B. die ~Weyl~sche

Verallgemeinerung als richtig herausstellen sollte, so ist wieder ein

neues subjektives Element in der Metrik aufgewiesen. Dann enthält

auch der Vergleich zweier kleiner Maßstäbe an verschiedenen Punkten

des Raumes keine objektive Relation mehr, die er bei ~Einstein~ trotz

der Abhängigkeit des gemessenen Verhältnisses von der Koordinatenwahl

immer noch enthält, sondern er ist nur noch eine subjektive Form

der Beschreibungsweise, der Stellung der Koordinaten vergleichbar.

Und wir bemerken, daß es ganz entsprechend der Veränderlichkeit des

Gegenstandsbegriffs ein abschließendes Urteil über den Anteil der

Vernunft an der Erkenntnis nicht gibt, sondern nur eine stufenweise

fortschreitende Bestimmung, und daß die Formulierung der Erkenntnisse

darüber nicht in so unbestimmten Aussagen wie Idealität des Raumes

vollzogen werden kann, sondern nur in der Aufstellung mathematischer

Prinzipien.

Das Verfahren, durch Transformationsformeln den objektiven Sinn einer

physikalischen Aussage von der subjektiven Form der Beschreibung

zu eliminieren, ist, indem es indirekt diese subjektive Form

charakterisiert, an Stelle der ~Kant~ischen Analyse der Vernunft

getreten. Es ist allerdings ein sehr viel komplizierteres Verfahren

als ~Kants~ Versuch einer direkten Formulierung, und die ~Kant~ische

Kategorientafel muß neben dem modernen invariantentheoretischen

Verfahren primitiv erscheinen. Aber indem es die Erkenntnis von der

Struktur der Vernunft befreit, lehrt es, diese zu schildern; das ist

der einzige Weg, der uns Einblicke in die Erkenntnisfunktion unserer

eignen Vernunft gestattet.

VIII. Der Erkenntnisbegriff der Relativitätstheorie als Beispiel der

Entwicklung des Gegenstandsbegriffes.

Wenn wir zu dem Resultat kommen, daß die aprioren Prinzipien der

Erkenntnis nur auf induktivem Wege bestimmbar sind, und jederzeit

durch Erfahrungen bestätigt oder widerlegt werden können, so bedeutet

das allerdings einen Bruch mit der bisherigen kritischen Philosophie.

Aber wir wollen zeigen, daß sich diese Auffassung ebensosehr von

der empiristischen Philosophie unterscheidet, die glaubt, alle

wissenschaftlichen Sätze in einerlei Weise mit der Bemerkung „alles

ist Erfahrung“ abtun zu können. Diese Philosophie hat den großen

Unterschied nicht gesehen, der zwischen physikalischen Einzelgesetzen

und Zuordnungsprinzipien besteht, und sie ahnt nicht, daß die letzteren

für den ~logischen Aufbau~ der Erkenntnis eine ganz andere Stellung

haben als die ersteren. In diese Erkenntnis hat sich die Lehre vom

Apriori verwandelt: daß der logische Aufbau der Erkenntnis durch eine

besondere Klasse von Prinzipien bestimmt wird, und daß eben diese

logische Funktion der Klasse eine Sonderstellung gibt, deren Bedeutung

mit der Art der Entdeckung dieser Prinzipien und ihrer Geltungsdauer

nichts zu tun hat.

Wir sehen keinen besseren Weg, diese Sonderstellung zu

veranschaulichen, als indem wir die Veränderung des

~Gegenstandsbegriffs~ beschreiben, die mit der Änderung der

Zuordnungsprinzipien durch die Relativitätstheorie vollzogen wurde.

Die Physik gelangt zu quantitativen Aussagen, indem sie den Einfluß

physikalischer Faktoren auf Längen- und Zeitbestimmungen untersucht;

die Messung von Längen und Zeiten ist der Ausgangspunkt aller

ihrer Quantitätsbestimmungen. So konstatiert sie das Auftreten von

Gravitationskräften an der Zeit, die ein frei fallender Körper für

das Durchlaufen einzelner Wegstrecken braucht, oder sie mißt eine

Temperaturerhöhung durch die veränderte Länge eines Quecksilberfadens.

Dazu muß definiert sein, was eine Längen- oder Zeitstrecke ist; die

Physik versteht darunter die Verhältniszahl, welche die zu messende

Strecke mit einer als Einheit festgesetzten gleichartigen Strecke

verbindet. Jedoch benutzte die alte Physik dabei noch eine wesentliche

Voraussetzung: daß Längen und Zeiten voneinander unabhängig sind, daß

die für ein System definierte synchrone Zeit keinerlei Einfluß hat

auf die Ergebnisse der Längenmessung. Um von den gemessenen Längen

zu verbindenden Relationen zu kommen, muß ferner noch ein System von

Regeln für die Verbindung von Längen gegeben sein; dazu dienten in

der alten Physik die Sätze der euklidischen Geometrie. Denken wir uns

etwa eine rotierende Kugel; sie erfährt nach der ~Newton~schen Theorie

eine Abplattung. Der Einfluß der Rotation, also einer physikalischen

Ursache, macht sich in der Änderung der geometrischen Dimensionen

geltend. Trotzdem wird dadurch an den Regeln der Verbindung der

Längen nichts geändert; so gilt auch auf der abgeplatteten Kugel der

Satz, daß das Verhältnis aus Umfang und Durchmesser eines Kreises

(z. B. eines Breitenkreises) gleich π ist, oder der Satz, daß bei

genügender Kleinheit ein Bogenstück zu den Koordinatendifferentialen

in der pythagoräischen Beziehung steht (und zwar bei ganz beliebig

gewählten orthogonalen Koordinaten für ~alle~ kleinen Bogenstücke).

Derartige Voraussetzungen mußte die Physik machen, wenn sie überhaupt

Änderungen von Längen und Zeiten messen wollte. Es war eine notwendige

Eigenschaft des physikalischen Körpers, daß er sich diesen allgemeinen

Relationen fügte; nur unter dieser Voraussetzung konnte ein Etwas

als physikalisches Ding gedacht werden, und quantitative Erkenntnis

gewinnen, hieß weiter nichts, als diese allgemeinen Regeln auf die

Wirklichkeit anwenden und nach ihnen die Messungszahlen in ein System

ordnen. Diese Regeln gehörten zum ~Gegenstandsbegriff der Physik~.

Als die Relativitätstheorie diese Auffassung änderte, entstanden ernste

begriffliche Schwierigkeiten. Denn diese Theorie lehrte, daß die

gemessenen Längen und Zeiten keine absolute Geltung besitzen, sondern

noch ein akzidentelles Moment enthalten: das gewählte Bezugssystem, und

daß ein bewegter Körper gegenüber dem ruhenden eine Verkürzung erfährt.

Man sah darin einen Widerspruch zum Kausalitätsprinzip, denn man

konnte keine Ursache für diese Verkürzung angeben; man stand plötzlich

vor einer physikalischen Veränderung, für deren Verursachung alle

Vorstellungen von durch die Bewegung erzeugten Kräften versagten. Noch

in allerletzter Zeit hat ~Helge Holst~[28] den Versuch gemacht, das

Kausalprinzip dadurch zu retten, daß er entgegen der ~Einstein~schen

Relativität ein bevorzugtes Koordinatensystem aufzeigt, in dem die

gemessenen Größen allein einen objektiven Sinn haben sollen, während

die Lorentzverkürzung als verursacht durch die Bewegung relativ zu

diesem System erscheint. Die ~Einstein~sche Relativität erscheint dabei

als eine elegante Transformationsmöglichkeit, die auf einem großen

Zufall der Natur beruht.

Wir müssen bemerken, daß die scheinbare Schwierigkeit nicht

durch die Aufrechterhaltung der Kausalforderung entsteht, sondern

durch die Aufrechterhaltung eines Gegenstandsbegriffs, den die

Relativitätstheorie bereits überwunden hatte. Für die Längenverkürzung

ist eine konstatierbare Ursache vorhanden: die Relativbewegung der

beiden Körper. Allerdings kann man, je nachdem man das Bezugssystem

mit dem einen oder dem anderen Körper ruhen läßt, sowohl den einen

wie den anderen als kürzer bezeichnen. Wenn man aber darin einen

Widerspruch zum Kausalprinzip sieht, weil dieses fordern müßte,

welcher der Körper die Verkürzung „wirklich“ erfährt, so setzt man

damit voraus, daß die Länge eine absolute Eigenschaft des Körpers

ist; aber ~Einstein~ hatte gerade gezeigt, daß die Länge nur in bezug

auf ein bestimmtes Koordinatensystem überhaupt eine definierte Größe

ist. Zwischen einem bewegten Körper und einem Maßstab (der natürlich

ebenfalls als Körper gedacht werden muß) besteht eine Relation, aber

diese drückt sich je nach dem gewählten Bezugssystem bald als Ruhlänge,

bald als Lorentzverkürzung oder -verlängerung aus. Das, was wir als

Länge messen, ist nicht die Relation zwischen den Körpern, sondern

nur ihre Projektion in ein Koordinatensystem. Allerdings können wir

sie ~formulieren~ nur in der Sprache eines Koordinatensystems, aber

indem wir gleichzeitig die Transformationsformeln auf jedes andere

System angeben, erhält unsere Aussage einen unabhängigen Sinn. Darin

besteht die neue Methode der Relativitätstheorie: daß sie durch die

Angabe der Transformationsformeln den subjektiven Aussagen einen

objektiven Sinn verleiht. Damit verschiebt sie den Begriff der realen

Relation. Konstatierbar, und darum auch objektiv zu nennen, ist immer

nur die in irgend einem System gemessene Länge. Aber sie ist nur ~ein~

Ausdruck der realen Relation. Das, was früher als geometrische Länge

angesehen wurde, ist keine absolute Eigenschaft des Körpers, sondern

gleichsam nur eine Spiegelung der zugrundeliegenden Eigenschaft in

die Darstellung eines einzigen Koordinatensystems. Das soll keine

Versetzung des Realen in ein Ding an sich bedeuten, denn wir können

ja die reale Relation eindeutig formulieren, indem wir die Länge in

~einem~ Koordinatensystem und außerdem die Transformationsformeln

angeben; aber wir müssen uns daran gewöhnen, daß man die reale Relation

nicht einfach als eine Verhältniszahl formulieren kann.

Wir bemerken die Veränderung des Gegenstandsbegriffs: was früher eine

Eigenschaft des ~Dinges~ war, wird jetzt zu einer Resultierenden

aus Ding und Bezugssystem; nur indem wir die Transformationsformeln

angeben, eliminieren wir den Einfluß des Bezugssystems, und allein auf

diesem Wege kommen wir zu einer Bestimmung des Realen.

Bedeutet insofern der ~Einstein~sche Längenbegriff eine

Verengerung, weil er nur eine Seite der zugrundeliegenden realen

Relation formuliert, so erhält er doch im anderen Sinne durch die

Relativitätstheorie eine wesentliche Erweiterung. Denn weil der

Bewegungszustand der Körper ihre reale Länge ändert, wird die Länge

umgekehrt zu einem Ausdruck dieses Bewegungszustandes. Anstatt zu

sagen: die zwei Körper bewegen sich gegeneinander, kann ich auch sagen:

der eine erfährt, vom anderen gesehen, eine Lorentzverkürzung. Beide

Aussagen sind nur ein verschiedener Ausdruck für ein und dieselbe

zugrundeliegende Tatsache. Und wir bemerken wieder, daß sich eine

physikalische Tatsache nicht immer durch eine einfache kinematische

Aussage ausdrücken läßt, sondern erst durch zwei verschiedene Aussagen

und ihre Transformation ineinander hinreichend beschrieben wird.

Diese erweiterte Funktion der Metrik, die sie zur Charakterisierung

eines ~physikalischen Zustandes~ macht, ist in der ~allgemeinen~

Relativitätstheorie in noch viel höherem Grade ausgebildet worden.

Nach dieser Theorie führt nicht nur die gleichförmige, sondern auch

die beschleunigte Bewegung zur Änderung der metrischen Verhältnisse,

und deshalb läßt sich umgekehrt auch der Zustand der beschleunigten

Bewegung durch metrische Aussagen charakterisieren. Aber das führt

zu Konsequenzen, die die spezielle Relativitätstheorie noch nicht

ahnen ließ. Denn die beschleunigte Bewegung ist mit dem Auftreten von

Gravitationskräften verbunden, und deshalb wird nach dieser Erweiterung

auch das Auftreten physikalischer Kräfte durch eine metrische Aussage

ausgedrückt. Der Begriff der Kraft, der der alten Physik so viel

logische Schwierigkeiten gemacht hatte, erscheint plötzlich in ganz

neuem Licht: er ist nur die eine anthropomorphe Seite eines realen

Zustands, dessen andere Seite eine spezielle Form der Metrik ist.

Allerdings läßt sich bei einer solchen Erweiterung der metrischen

Funktion ihre einfache euklidische Form nicht mehr aufrecht erhalten,

und nur die ~Riemann~sche analytische Metrik ist imstande, solchen

Umfang der Bedeutung in sich aufzunehmen. Anstatt zu sagen: ein

Himmelskörper nähert sich einem Gravitationsfeld, kann ich auch sagen:

die metrischen Dimensionen dieses Körpers werden krumm. Wir sind

gewöhnt, das Auftreten von Kräften an dem Widerstande zu spüren, den

sie der Bewegung entgegensetzen. Wir können ebensogut sagen: das Reale,

was wir auch Kraftfeld nennen, drückt sich in der Tatsache aus, daß

die geradlinige Bewegung unmöglich ist. Denn das ist ja der Sinn der

~Einstein-Riemann~schen Raumkrümmung, daß sie die Existenz von geraden

Linien unmöglich macht. Das „unmöglich“ ist hier nicht ~technisch~

aufzufassen, etwa so, als ob nur jede technische Realisierung einer

geraden Linie durch physikalische Stäbe unmöglich wäre, sondern

~begrifflich~; auch die ~gedachte~ gerade Linie ist im ~Riemann~schen

Raum unmöglich. In seiner Anwendung auf die Physik bedeutet dies, daß

es keinen Sinn hat, nach der Annäherung einer geraden Linie durch

physikalische Stäbe zu suchen; auch die ~Annäherung~ ist unmöglich.

Auch die alte Physik führt zu dem Resultat, daß ein Himmelskörper,

der in ein Gravitationsfeld eintritt, eine krummlinige Bahn annimmt.

Aber die Relativitätstheorie behauptet vielmehr: daß es ~überhaupt

keinen Sinn~ hat, in einem Gravitationsfeld von geraden Bahnen zu

sprechen. Ihre Aussage ist physikalisch von der alten Auffassung

durchaus verschieden. Die Bahn der ~Einstein~schen Theorie verhält sich

zur ~Newton~schen Bahn wie eine Raumkurve zu einer ebenen Kurve, die

~Einstein~sche Krümmung ist von höherer Ordnung als die ~Newton~sche.

Daß eine so tiefe Änderung der Metrik erfolgen mußte, hängt mit der

Erweiterung ihrer Bedeutung zusammen, die sie zum Ausdruck eines

physikalischen Zustands macht.

Relativitätstheorie und Erkenntnis Apriori · 第 6 / 8 段