Es muß in diesem Zusammenhange bemerkt werden, daß die von uns

formulierte Hypothese der Zuordnungswillkür und ihre Widerlegung

durch die Erfahrung ~Kants~ eigenen Gedanken nicht so fremd ist, wie

es zuerst scheinen mag. ~Kant~ hatte seine Lehre vom Apriori auf die

Möglichkeit der Erkenntnis basiert; aber er war sich wohl bewußt, daß

er einen ~Beweis für diese Möglichkeit~ nicht geben konnte. Er hielt

es nicht für ausgeschlossen, daß ~Erkenntnis unmöglich~ wäre, und

sah es für einen großen Zufall an, daß die Natur gerade eine solche

Einfachheit und Regelmäßigkeit besitzt, daß sie nach den Grundsätzen

der menschlichen Vernunft geordnet werden kann. Die begrifflichen

Schwierigkeiten, die ihm hier erwuchsen, hat er in der Kritik der

Urteilskraft zum Gegenstand der Untersuchung gemacht. „Der Verstand

ist zwar apriori im Besitze allgemeiner Gesetze der Natur, ohne welche

sie gar kein Gegenstand einer Erfahrung sein könnte, aber er bedarf

doch auch überdem noch einer gewissen Ordnung der Natur... Diese

Zusammenstimmung der Natur zu unserem Erkenntnisvermögen wird von

der Urteilskraft... apriori vorausgesetzt, indem sie der ~Verstand

zugleich objektiv als zufällig anerkennt~. ... Denn es läßt sich wohl

denken, daß es für unseren Verstand unmöglich wäre, in der Natur

eine faßliche Ordnung zu entdecken[19].“ Es erscheint befremdend,

daß ~Kant~, nach einer so klaren Einsicht in die Zufälligkeit der

Anpassung von Natur und Vernunft, dennoch an seiner starren Theorie des

Apriori festgehalten hat. Der Fall, den er hier vorausgesehen hat,

daß es nämlich dem Verstand unmöglich wird, mit seinem mitgebrachten

System eine faßliche Ordnung in der Natur herzustellen, ist in der Tat

eingetreten: die Relativitätstheorie hat den Nachweis erbracht, daß mit

dem evidenten System der Vernunft eine eindeutige Ordnung der Erfahrung

nicht mehr möglich ist. Aber während die Relativitätstheorie daraus den

Schluß gezogen hat, daß man die konstitutiven Prinzipien ändern muß,

glaubte ~Kant~, daß damit jede Erkenntnis überhaupt aufhören würde; er

hielt eine solche Änderung für unmöglich, weil wir nur soweit, als jene

Zusammenstimmung von Natur und Vernunft stattfindet, „mit dem Gebrauche

unseres Verstandes in der Erfahrung fortkommen und Erkenntnis erwerben

können“. Erst das ~Kant~ noch unbekannte Verfahren der stetigen

Erweiterung überwindet diese Schwierigkeit, und darum konnte sein

starres Apriori erst mit der Entdeckung dieses Verfahrens durch die

Physik widerlegt werden.

Wir müssen dieser Auflösung der ~Kant~ischen Aprioritätslehre noch

einige allgemeine Bemerkungen hinzufügen. Es scheint uns der Fehler

~Kants~ zu sein, daß er, der mit der kritischen Frage den tiefsten

Sinn aller Erkenntnistheorie aufgezeigt hatte, in ihrer Beantwortung

zwei Absichten miteinander verwechselte. Wenn er die Bedingungen der

Erkenntnis suchte, so mußte er die ~Erkenntnis~ analysieren; aber was

er analysierte, war die ~Vernunft~. Er mußte ~Axiome~ suchen, anstatt

~Kategorien~. Es ist ja richtig, daß die Art der Erkenntnis durch die

Vernunft bestimmt ist; aber worin der Einfluß der Vernunft besteht,

kann sich immer nur wieder in der Erkenntnis ausdrücken, nicht in

der Vernunft. Es kann auch gar keine logische Analyse der Vernunft

geben, denn die Vernunft ist kein System fertiger Sätze, sondern ein

Vermögen, das erst in der Anwendung auf konkrete Probleme fruchtbar

wird. So wird er durch seine Methode immer wieder auf das Kriterium

der Evidenz zurückgewiesen. In seiner Raumphilosophie macht er davon

Gebrauch und beruft sich auf die Evidenz der geometrischen Axiome;

aber auch für die Geltung der Kategorien hat er im wesentlichen

keine anderen Argumente. Zwar versucht er sie als notwendig für

die Erkenntnis hinzustellen. Aber daß gerade die von ihm genannten

Kategorien notwendig sind, kann er nur dadurch begründen, daß er sie

als in unserem vernünftigen Denken enthalten aufweist, daß er sie

durch eine Art Anschauung der Begriffe konstatiert. Denn die logische

Gliederung der Urteile, der die Kategorientafel entstammt, ist nicht in

unmittelbarer Berührung mit dem Erkenntnisvorgang entstanden, sondern

bedeutet ein spekulatives Ordnungsschema des Verstandes, das kraft

seiner Evidenz für den Erkenntnisvorgang übernommen wird. So erreicht

er mit der Aufstellung seiner aprioren Prinzipien im Grunde nichts

anderes als eine Heiligsprechung des „gesunden Menschenverstandes“,

jener naiven Form der Vernunftbejahung, die er selbst gelegentlich mit

so nüchtern-geistvollen Worten abzutun weiß.

In diesem Verfahren ~Kants~ scheint uns sein methodischer Fehler

zu liegen, der es bewirkt hat, daß das großartig angelegte System

der kritischen Philosophie nicht zu Resultaten geführt hat, die

vor der vorwärtseilenden Naturwissenschaft Bestand haben. So

leuchtend die kritische Frage: Wie ist Erkenntnis möglich? vor aller

Erkenntnistheorie steht -- sie kann nicht eher zu gültigen Antworten

führen, als bis die Methode ihrer Beantwortung von der Enge einer

psychologisch-spekulativen Einsicht befreit ist.

VII. Beantwortung der kritischen Frage durch die

wissenschaftsanalytische Methode.

Die Widerlegung des positiven Teils der ~Kant~ischen Erkenntnistheorie

enthebt uns nicht der Verpflichtung, den kritischen Teil dieser Lehre

in seiner grundsätzlichen Gestalt wieder aufzunehmen. Denn wir hatten

gefunden, daß die Frage: Wie ist Erkenntnis möglich? unabhängig von

der ~Kant~ischen Antwort ihren guten Sinn hat, und wir konnten ihr

innerhalb unseres Begriffskreises eine präzise Form geben. Es ist

nach der Ablehnung der ~Kant~ischen Antwort jetzt unsere Aufgabe, den

Weg zur Beantwortung der kritischen Frage aufzuzeigen: Mit welchen

Zuordnungsprinzipien ist eine eindeutige Zuordnung von Gleichungen zur

Wirklichkeit möglich?

Wir sehen diesen Weg in der Einführung der ~wissenschaftsanalytischen

Methode~ in die Erkenntnistheorie. Die von den positiven Wissenschaften

in stetem Zusammenhang mit der Erfahrung gefundenen Resultate setzen

Prinzipien voraus, deren Aufdeckung durch logische Analyse eine

Aufgabe der Philosophie ist. Durch den Ausbau der Axiomatik, die

seit ~Hilberts~ Axiomen der Geometrie den Weg zur Verwendung der

modernen mathematisch-logischen Begriffe gefunden hat, ist hier schon

wesentliche Arbeit geleistet worden. Und man muß sich darüber klar

werden, daß es auch für die Erkenntnistheorie kein anderes Verfahren

gibt, ~als festzustellen, welches die in der Erkenntnis tatsächlich

angewandten Prinzipien sind~. Der Versuch ~Kants~, diese Prinzipien

aus der Vernunft zu entnehmen, muß als gescheitert betrachtet werden;

an Stelle seiner deduktiven Methode muß eine induktive Methode

treten. Induktiv ist sie insofern, als sie sich lediglich an das

positiv vorliegende Erkenntnismaterial hält; aber ihre analysierende

Methode ist natürlich nicht mit dem Induktionsschluß zu vergleichen.

Um Verwechslungen zu vermeiden, wählen wir deshalb den Namen:

wissenschaftsanalytische Methode.

Für ein Spezialgebiet der Physik, für die Wahrscheinlichkeitsrechnung,

konnte eine derartige Analyse vom Verfasser bereits durchgeführt

werden[20]. Sie führte zur Aufdeckung eines Axioms, das grundsätzliche

Bedeutung für die physikalische Erkenntnis besitzt, und als Prinzip

der Verteilung neben das Kausalitätsgesetz als Prinzip der Verknüpfung

gesetzt wurde. Für die Relativitätstheorie ist diese Arbeit im

wesentlichen bereits von ihrem Schöpfer geleistet worden. Denn

~Einstein~ hat bei allen seinen Arbeiten die Prinzipien an die Spitze

gestellt, aus denen er seine Theorie deduziert. Allerdings ist der

Gesichtspunkt, unter dem der Physiker seine Prinzipien aufstellt, noch

verschieden von dem Gesichtspunkt des Philosophen. Der Physiker will

möglichst einfache und umfassende Annahmen an die Spitze stellen, der

Philosoph aber will diese Annahmen ordnen und gliedern in spezielle

und allgemeine, in Verknüpfungs- und Zuordnungsprinzipien. Insofern

ist auch für die Relativitätstheorie noch eine Arbeit zu leisten; als

ein Beitrag dazu mögen die Abschnitte II und III dieser Untersuchung

aufgefaßt werden.

Besonders zu beachten ist hier aber der Unterschied zwischen Physik und

Mathematik. Der Mathematik ist die Anwendbarkeit ihrer Sätze auf Dinge

der Wirklichkeit gleichgültig, und ihre Axiome enthalten lediglich

ein System von Regeln nach dem ihre Begriffe unter sich verknüpft

werden. Die rein mathematische Axiomatik führt überhaupt nicht auf

Prinzipien einer Theorie der ~Naturerkenntnis~. Darum konnte auch die

Axiomatik der Geometrie gar nichts über das erkenntnistheoretische

Raumproblem aussagen. Erst eine physikalische Theorie konnte die

Geltungsfrage des euklidischen Raumes beantworten, und gleichzeitig

die dem Raum der Naturdinge zugrunde liegenden erkenntnistheoretischen

Prinzipien aufdecken. Ganz falsch ist es aber, wenn man daraus, wie

z. B. ~Weyl~ und auch ~Haas~[21], wieder den Schluß ziehen will, daß

Mathematik und Physik zu einer einzigen Disziplin zusammenwachsen.

Die Frage der ~Geltung~ von Axiomen für die Wirklichkeit und die

Frage nach den möglichen Axiomen sind absolut zu trennen. Das ist ja

gerade das Verdienst der Relativitätstheorie, daß sie die Frage der

~Geltung~ der Geometrie aus der Mathematik fortgenommen und der Physik

überwiesen hat. Wenn man jetzt aus einer allgemeinen Geometrie wieder

Sätze aufstellt und behauptet, daß sie Grundlage der Physik sein

müßten, so begeht man nur den alten Fehler von neuem. Dieser Einwand

muß der ~Weyl~schen Verallgemeinerung der Relativitätstheorie[22]

entgegengehalten werden, bei der der Begriff einer feststehenden

Länge für einen unendlich kleinen Maßstab überhaupt aufgegeben wird.

Allerdings ist eine solche Verallgemeinerung möglich, aber ob sie mit

der Wirklichkeit verträglich ist, hängt nicht von ihrer Bedeutung

für eine allgemeine Nahegeometrie ab. Darum muß die ~Weyl~sche

Verallgemeinerung vom Standpunkt einer physikalischen Theorie

betrachtet werden, und ihre Kritik erfährt sie allein durch die

Erfahrung. Die Physik ist eben keine „geometrische Notwendigkeit“; wer

das behauptet, kehrt auf den vorkantischen Standpunkt zurück, wo sie

eine vernunftgegebene Notwendigkeit war. Und die Prinzipien der Physik

kann ebensowenig eine allgemein-geometrische Überlegung lehren, wie sie

die ~Kant~ische Analyse der Vernunft lehren konnte, sondern das kann

allein eine Analyse der physikalischen Erkenntnis.

Der ~Begriff des Apriori~ erfährt durch unsere Überlegungen eine

tiefgehende Wandlung. Seine eine Bedeutung, daß der apriorische Satz

unabhängig von jeder Erfahrung ewig gelten soll, können wir nach

der Ablehnung der ~Kant~ischen Vernunftanalyse nicht mehr aufrecht

erhalten. Um so wichtiger wird dafür seine andere Bedeutung: daß

die aprioren Prinzipien die Erfahrungswelt erst konstituieren. In

der Tat kann es kein einziges physikalisches Urteil geben, das über

den Stand der bloßen Wahrnehmung hinausgeht, wenn nicht gewisse

Voraussetzungen über die Darstellbarkeit des Gegenstandes durch eine

Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit und seinen funktionellen Zusammenhang mit

anderen Gegenständen gemacht werden. Aber daraus darf nicht geschlossen

werden, daß die Form dieser Prinzipien von vornherein feststeht und

von der Erfahrung unabhängig sei. Unsere Antwort auf die kritische

Frage lautet daher: allerdings gibt es apriore Prinzipien, welche die

Zuordnung des Erkenntnisvorgangs erst eindeutig machen. Aber es ist uns

versagt, diese Prinzipien aus einem immanenten Schema zu deduzieren. Es

bleibt uns nichts, als sie in allmählicher wissenschaftsanalytischer

Arbeit aufzudecken, und auf die Frage, wie lange ihre spezielle Form

Geltung besitzt, zu verzichten.

Denn eine spezielle Formulierung ist es immer nur, was wir auf diese

Weise gewinnen. Wir können sofort, wenn wir ein physikalisch benutztes

Zuordnungsprinzip aufgedeckt haben, ein allgemeineres angeben, von

dem es nur einen Spezialfall bedeutet. Zwar könnte man den Versuch

machen, nun das allgemeinere Prinzip apriori im alten Sinne zu nennen

und wenigstens von ihm ewige Geltung zu behaupten. Aber das scheitert

daran, daß auch für das allgemeinere Prinzip wieder ein übergeordnetes

angegeben werden kann, und daß diese Reihe nach oben keine Grenze

besitzt. Wir bemerken hier eine Gefahr, der die Erkenntnistheorie

leicht verfällt. Als man die dem ~Kant~ischen Substanzerhaltungsprinzip

widersprechende Veränderung der Masse mit der Geschwindigkeit entdeckt

hatte, war es leicht zu sagen: die Masse war eben noch nicht die

richtige Substanz, und man muß das Prinzip festhalten und eine neue

Konstante suchen. Das war eine Verallgemeinerung, denn ~Kant~ hatte

gewiß mit der Substanz die Masse gemeint[23]. Aber man ist damit

keineswegs sicher, daß man nicht eines Tages auch dieses Prinzip wieder

aufgeben muß. Stellt sich etwa heraus, daß es eine im ursprünglichen

Sinne als das identische Ding gemeinte Substanz nicht gibt, die

sich erhält -- und man ist heute im Begriffe, die Bewegung eines

Masseteilchens als Wanderung eines Energieknotens ähnlich der Wanderung

einer Wasserwelle aufzufassen, so daß man überhaupt nicht von einem

substanziell identischen Masseteilchen reden kann -- so flüchtet man

sich in die noch allgemeinere Behauptung: es muß für jeden Vorgang eine

Zahl geben, die konstant bleibt. Damit ist allerdings die Behauptung

schon ziemlich leer geworden, denn daß die physikalischen Gleichungen

Konstanten enthalten, hat mit dem alten ~Kant~ischen Substanzprinzip

nur noch sehr wenig zu tun. Trotzdem ist man auch mit dieser

Formulierung vor weiteren widersprechenden Erfahrungen nicht sicher.

Denn wenn z. B. die sämtlichen Konstanten gegenüber Transformationen

der Koordinaten nicht invariant sind, muß man den Gedanken schon

wieder verallgemeinern. Man erkennt, daß man mit diesem Verfahren

nicht zu präzisierten klaren Prinzipien kommt; will man mit dem

Prinzip auch einen Inhalt verbinden, so muß man sich ~mit der jeweilig

hinreichend allgemeinsten Formulierung begnügen~. So wollen wir, nach

der Niederlage der ~Kant~ischen Raumtheorie vor der fortschreitenden

Physik, nicht auf die Warte der nächsten Verallgemeinerung steigen

und etwa behaupten, daß jede physikalische Raumanschauung unter allen

Umständen wenigstens die ~Riemann~sche Ebenheit in den kleinsten Teilen

behalten muß, und daß dies nun eine wirklich ewig gültige Aussage

sei. Nichts könnte unsere Enkel davor schützen, daß sie eines Tags

vor einer Physik stehen, die zu einem Linienelement vom vierten Grade

übergegangen ist. Die ~Weyl~sche Theorie stellt bereits eine mögliche

Erweiterung der ~Einstein~schen Raumanschauung dar, die, wenn auch

physikalisch noch nicht bewiesen, doch auch keineswegs unmöglich ist.

Aber auch diese Erweiterung stellt nicht etwa die denkbar allgemeinste

Nahegeometrie dar. Man kann hier die Stufenfolge der Erweiterungen sehr

schön verfolgen. In der euklidischen Geometrie läßt sich ein Vektor

längs einer geschlossenen Kurve parallel mit sich verschieben, so daß

er bei der Rückkehr in den Anfangspunkt gleiche Richtung und gleiche

Länge hat. In der ~Einstein-Riemann~schen Geometrie hat er nach der

Rückkehr nur noch gleiche Länge, aber nicht mehr die alte Richtung. In

der ~Weyl~schen Theorie hat er dann auch nicht mehr die alte Länge.

Man kann aber diese Verallgemeinerung fortsetzen. Reduziert man die

geschlossene Kurve auf einen unendlich kleinen Kreis, so verschwinden

die Änderungen. Die nächste Stufe der Verallgemeinerung wäre die, daß

auch bei der Drehung um sich selbst der Vektor bereits seine Länge

geändert hat. Es gibt eben keine allgemeinste Geometrie.

Auch für das Kausalprinzip können wir keine ewige Gültigkeit

voraussagen. Wir hatten oben als einen wesentlichen Inhalt dieses

Prinzips genannt, daß die Koordinaten in den physikalischen Gleichungen

nicht explizit auftreten, daß also gleiche Ursachen an einem

anderen Raum-Zeitpunkt dieselbe Wirkung erzeugen. Obgleich diese

Eigentümlichkeit durch die Relativitätstheorie um so gesicherter

erscheint, weil diese Theorie den Koordinaten allen physikalischen

Charakter als realer Dinge genommen hat, ist es möglich, daß eine

allgemeinere Relativitätstheorie sie wieder aufgibt. Z. B. ist in der

~Weyl~schen Verallgemeinerung die räumliche Länge und die zeitliche

Dauer explizit von den Koordinaten abhängig. Trotzdem ließe sich

auch hier ein Weg angeben, diese Abhängigkeit nach dem Verfahren der

stetigen Erweiterung zu konstatieren. Nach der ~Weyl~schen Theorie ist

die Frequenz einer Uhr von ihrer Vorgeschichte abhängig. Nimmt man

aber im Sinne einer Wahrscheinlichkeitshypothese an, daß sich diese

Einflüsse im Durchschnitt ausgleichen, so lassen sich die bisherigen

Erfahrungen, nach denen z. B. die Frequenz einer Spektrallinie

bei sonst gleichen Umständen auf allen Himmelskörpern gleich ist,

als Näherungen erklären. Umgekehrt ließen sich mit Hilfe dieses

Näherungsgesetzes solche Fälle nachweisen, wo die ~Weyl~sche Theorie

einen deutlich bemerkbaren Unterschied erzeugt.

Auch für das vom Verfasser aufgedeckte Prinzip der

Wahrscheinlichkeitsfunktion ließe sich eine Verallgemeinerung denken,

in der dieses Prinzip als Näherung erscheint. Das Prinzip sagt, daß

die Schwankungen einer physikalischen Größe, die durch den Einfluß der

stets vorhandenen kleinen störenden Ursachen entstehen, so verteilt

sind, daß die Größenwerte sich einer ~stetigen~ Häufigkeitsfunktion

einfügen. Würde man aber z. B. die Quantentheorie soweit ausbilden,

daß man sagt, jede physikalische Größe kann nur Werte annehmen, die

ein ganzes Vielfaches einer elementaren Einheit sind, so würde,

falls diese Einheit nur klein ist, die stetige Verteilung der

Größenwerte für die Dimensionen unserer Meßinstrumente immer noch

mit großer Näherung gelten[24]. Wir wollen uns aber hüten, diese

Verallgemeinerung hier vorschnell als zutreffend anzunehmen. Die

fortschreitende Wissenschaft wird allein zeigen können, in welcher

~Richtung~ sich die Verallgemeinerung zu bewegen hat, und erst dadurch

das allgemeinere Prinzip vor der Leerheit schützen. Für alle denkbaren

Zuordnungsprinzipien gilt der Satz: Zu jedem Prinzip, wie es auch

formuliert sein möge, läßt sich ein allgemeineres angeben, für welches

das erste einen Spezialfall bedeutet. Dann ist aber nach dem früher

geschilderten Verfahren der stetigen Erweiterung, wobei die speziellere

Formulierung als Näherung vorausgesetzt wird, eine Prüfung durch die

Erfahrung möglich; und über den Ausfall dieser Prüfung läßt sich nichts

vorher sagen.

Man könnte noch folgenden Weg zur Rettung einer Aprioritätstheorie

im alten Sinne versuchen. Da jede spezielle Formulierung der

Zuordnungsprinzipien durch die Erfahrungswissenschaft überholt werden

kann, verzichten wir auf den Versuch einer allgemeinsten Formulierung.

Aber ~daß~ es Prinzipien geben muß, die die eindeutige Zuordnung erst

definieren, bleibt doch eine Tatsache, und diese Tatsache wird ewig

gelten und könnte apriori im alten Sinne heißen. Ist dies nicht etwa

der tiefste Sinn der ~Kant~ischen Philosophie?

Wir haben, wenn wir dies behaupten, bereits wieder eine Voraussetzung

gemacht, die wir gar nicht beweisen können: nämlich daß die

~eindeutige~ Zuordnung immer möglich sein wird. Woher stammt denn

die Definition der Erkenntnis als ~eindeutiger~ Zuordnung? Aus

einer Analyse der bisherigen Erkenntnis. Aber gar nichts kann uns

davor bewahren, daß wir eines Tags vor Erfahrungen stehen, die die

eindeutige Zuordnung unmöglich machen; genau so, wie uns heute

Erfahrungen zeigen, daß wir mit dem euklidischen Raum nicht mehr

durchkommen. Die Eindeutigkeitsforderung hat einen ganz bestimmten

physikalischen Sinn. Sie besagt nämlich, daß es Konstanten in der

Natur gibt; indem wir diese auf mehrere Weisen messen, konstatieren

wir die Eindeutigkeit. Jede physikalische Zustandsgröße können wir als

Konstante für eine Klasse von Fällen betrachten, und jede Konstante

als eine variable Zustandsgröße für eine andere Klasse[25]. Aber

woher wissen wir, daß es Konstanten gibt? Zwar ist es sehr bequem,

mit Gleichungen zu rechnen, in denen gewisse Größen als Konstanten

betrachtet werden dürfen, und dieses Verfahren hängt sicherlich mit

der Eigenart der menschlichen Vernunft zusammen, die dadurch zu einem

geregelten System kommt. Aber aus all dem folgt nicht, daß es immer

so gehen wird. Setzen wir etwa, daß jede physikalische Konstante die

Form hat: C + kα, wo α sehr klein und k eine ganze Zahl ist; fügen

wir dem noch die Wahrscheinlichkeitshypothese hinzu, daß k meistens

klein ist, vielleicht zwischen 1 und 10 liegt. Für Konstanten der

gewöhnlichen Größenordnung wäre dann das Zusatzglied sehr klein, und

die bisherige Auffassung bliebe eine gute Näherung; aber für sehr

kleine Konstanten, z. B. in der Größenordnung der Elektronen, könnten

wir die Eindeutigkeit nicht mehr behaupten. Konstatieren ließe sich

diese Mehrdeutigkeit trotzdem, und zwar nach dem Verfahren der stetigen

Erweiterung; denn man brauchte dazu nur Messungen zu benutzen, die

mit Konstanten der gewöhnlichen Größenordnung ausgeführt sind, in

denen also das alte Gesetz näherungsweise gilt. Bei einer solchen

Sachlage könnte man von einer durchgängigen Eindeutigkeit der Zuordnung

nicht mehr reden, nur noch von einer näherungsweisen Eindeutigkeit

für gewisse Fälle. Auch dadurch, daß man den neuen Ausdruck C + kα

einführt, wird die Eindeutigkeit nicht wieder hergestellt. Denn wir

hatten oben (Abschnitt IV) als Sinn der Eindeutigkeitsforderung

angegeben, daß bei Bestimmung aus verschiedenen Erfahrungsdaten die

untersuchte Größe denselben Wert haben muß; anders konnten wir die

Eindeutigkeit nicht definieren, weil dies die einzige Form ist, in

der sie konstatiert werden kann. In dem Ausdruck C + kα ist aber die

Größe k ganz unabhängig von physikalischen Faktoren. Darum können wir

die Größe C + kα niemals aus theoretischen Überlegungen und anderen

Erfahrungsdaten vorher berechnen, wir können sie nur für jeden

Einzelfall nachträglich aus der Beobachtung bestimmen. Da sie also

nie als Schnittpunkt zweier Überlegungsketten erscheint, ist damit

der Sinn der Eindeutigkeit aufgegeben. Wir hätten, da k auch von den

Koordinaten unabhängig sein soll, den Fall vor uns, daß für zwei in

allen physikalischen Faktoren gleiche Vorgänge an demselben Orte zu

derselben Zeit (dies ist durch kleine Raum-Zeit-Abstände näherungsweise

zu verwirklichen), die physikalische Größe C + kα ganz verschiedene

Werte annimmt. Unsere Annahme bedeutet also nicht etwa die Einführung

einer „individuellen Kausalität“, wie wir sie oben beschrieben haben

und wie sie z. B. ~Schlick~[26] als möglich annimmt, bei der die

gleiche Ursache an einem andern Raum-Zeitpunkt eine andere Wirkung

auslöst, sondern einen wirklichen Verzicht auf die Eindeutigkeit

der Zuordnung. Trotzdem ist dies immer noch eine Zuordnung, die

durchgeführt werden kann. Sie stellt die nächste Erweiterungsstufe

des Begriffs der eindeutigen Zuordnung dar, verhält sich zu dieser

etwa wie der ~Riemann~sche Raum zum euklidischen; und darum ist ihre

Einführung in den Erkenntnisbegriff nach dem Verfahren der stetigen

Erweiterung durchaus möglich. Erkenntnis heißt dann eben nicht mehr

eindeutige Zuordnung, sondern etwas Allgemeineres. Sie verliert auch

ihren praktischen Wert nicht, denn wenn z. B. derartige mehrdeutige

Konstanten nur bei Einzelgrößen in statistischen Vorgängen auftreten,

lassen sich damit sehr exakte Gesetze für den Gesamtvorgang aufstellen.

Auch braucht uns die Rücksicht auf praktische Möglichkeiten bei diesen

theoretischen Erörterungen nicht zu stören, denn wenn die Resultate

erst einmal theoretisch sichergestellt sind, werden sich immer Wege zu

ihrer praktischen Verwertung finden lassen.

Vielleicht stehen wir einer derartigen Erweiterung gar nicht so

fern, wie es scheinen mag. Wir haben schon früher erwähnt, daß die

Eindeutigkeit der Zuordnung gar nicht ~konstatiert~ werden kann; sie

ist selbst eine begriffliche Fiktion, die nur näherungsweise realisiert

wird. Es muß eine Wahrscheinlichkeitshypothese als Zuordnungsprinzip

hinzutreten; diese definiert erst, wann die Messungszahlen als

Werte derselben Größe anzusehen sind, bestimmt also erst das, was

physikalisch als Eindeutigkeit benutzt wird. Wenn aber doch schon

eine Wahrscheinlichkeitshypothese dazu benutzt werden muß, dann

kann sie auch eine andere Form haben, als gerade die Eindeutigkeit

zu definieren. Wir mußten deshalb für die geschilderte Erweiterung

des Konstantenbegriffs eine Wahrscheinlichkeitsannahme hinzunehmen;

diese trägt an Stelle des Eindeutigkeitsbegriffs die Bestimmtheit in

die Definition hinein. Vielleicht liegen in gewissen Annahmen der

Quantentheorie bereits die Ansätze zu einer solchen Erweiterung des

Zuordnungsbegriffs[27].

Relativitätstheorie und Erkenntnis Apriori · 第 5 / 8 段