den Papierbrei der Papiermaschine an dessen oberen Ende zuzuführen und
von dem anderen Ende in die Schnellpresse zu leiten, so dass er aus
dieser als gedruckter Bogen herauskam, musste für einen so elastischen
Geist wie Auer grosse Anziehungskraft haben. Er brachte ihn auch in
seiner Weise, d. h. blendend, zur Ausführung; für die Praxis war der
Nutzen ein geringer. Das Papier wurde in eine gewöhnliche Schnellpresse
geführt, nach dem Schöndruck durch Mechanismus zerschnitten und die
Bogen durch den Hansenschen Ausleger ausgeführt. Der staunende Beschauer
ahnte in den seltensten Fällen, dass der Widerdruck auf gewöhnliche
Weise, auf einer anderen Schnellpresse besorgt werden musste, und konnte
nicht wissen, dass der Lohn eines Anlegers oder einer Anlegerin das
einzige war, was hätte gespart werden können, wenn nicht dieser Gewinn
durch die Kosten des ganzen Apparates weit überwogen worden wäre.
[Sidenote: Maispapier.]
Ebensowenig Glück sollte Auer mit seiner Maispapierfabrikation
haben[252]. Er brachte zwar eine Ausstellung zustande, in welcher nicht
allein verschiedene Sorten Papier, sondern auch manche der Gegenstände
zu sehen waren, welche Chinesen und Japanesen aus Papierstoff
fabrizieren. Damit blieb aber auch diese Sache ruhen.
[252] J. ARENSTEIN, Österreich auf der internationalen Ausstellung
1862.
Selbst mit dem orientalischen Druckapparat, dem Stolz der
Staatsdruckerei, hatte es mitunter einen Haken. Viele Schriften
figurierten in den prachtvollen Proben; in der Wirklichkeit sah es mit
deren Bestand öfters schwach genug aus.
Auers Hauptfehler war, sich nicht mit dem Schaffen von Tüchtigem zu
begnügen, sondern auch blenden zu wollen, und dafür war ihm kein Preis
-- auf Kosten des Staates -- zu hoch. Seine Eitelkeit war noch grösser
als seine Tüchtigkeit.
[Sidenote: Auers Feinde.]
Es konnte an Angriffen -- begründeten, unbegründeten, durch Neid
hervorgerufenen u. a. -- nicht fehlen. v. Plener, des genialen Bruck
Nachfolger als Finanzminister, war nicht so geneigt wie letzterer,
über die Finanzfrage leicht hinwegzugehen. Auer wurde am 2. März 1866,
nach verschiedenen Misshelligkeiten, in Anerkennung seines 25jährigen
verdienstlichen Wirkens mit seinem vollen Gehalt definitiv in den
Ruhestand versetzt.
[Sidenote: Auers Tod.]
Auer war nicht geschaffen, männlich den Schlag, die mit diesem
verbundene Unthätigkeit und das Vergessensein zu überwinden. Sein
Gemütszustand wurde ein immer reizbarerer und die Kräfte aufreibender;
er starb bereits am 10. Juli 1869 in Hietzing.
[Sidenote: Auers Einfluss auf die deutsche Typographie.]
Hat nun Auer auch dem Glanze zu viel geopfert und nach Alchymistenart
öfters Thaler zu Groschen destilliert, so muss sein Einfluss auf die
Typographie im allgemeinen und auf die österreichische insbesondere
doch sehr hoch angeschlagen werden. Vor seiner Zeit war, wie erwähnt,
ein in Österreich gedrucktes Buch ziemlich gleichbedeutend mit einem
schlecht gedruckten; dass dies so ganz anders geworden ist, dazu hat
Auer direkt und indirekt wesentlich beigetragen; selbst »draussen im
Reich« wurde sein Einfluss gespürt. Die ganze deutsche Typographie hat
aus der Weltberühmtheit der Wiener Staatsdruckerei ihren Teil an Ehre
und Vorteil gehabt; sie ist verpflichtet, Auers Namen in Ehren zu halten.
[Sidenote: Staatsdruckerei unter Beck.]
Seit Auers Tod steht die Staatsdruckerei unter der Direktion eines
nicht fachmännischen Staatsbeamten, Hofrat Dr. BECK, der sie in
angemessenster Weise auf einer achtunggebietenden Stufe erhält, während
nicht prätendiert wird, die Führung der jetzt mündig gewordenen
österreichischen Typographie fortzusetzen. Ein Hindernis für die rechte
Entfaltung der Anstalt ist die vollständig ungenügende Räumlichkeit.
[Sidenote: Blindendruck.]
Neben dem Geld- und Wertpapierendruck wird unter Mitwirkung des
Direktors der Blindenanstalt in Ober-Döbling, FR. ENTLICHER, in
anerkennenswerter Weise besonderes Gewicht auf den Druck für Blinde
gelegt. Bei diesem Druck wird der Pressendeckel mit einem Überzug
von Gutta-Percha versehen und darin ein scharfer Abzug von den Typen
gemacht. Ist der Gutta-Percha-Überzug vollständig erhärtet, in
welchem Zustand er 2-3000 Abzüge aushält, so wird die Schrift mit dem
Papierbogen bedeckt, welcher, um eine grössere Zähigkeit zu erzielen,
in einem mit Glycerin und Alaun versetzten Wasserbade gefeuchtet ist,
in die vertiefte Gutta-Percha-Masse geprägt. Unter den verschiedenen
Leistungen im Blindendruck befinden sich auch hebräische Lesebücher und
durch erhabene Figuren illustrierte naturgeschichtliche Lehrbücher[253].
[253] JOS. TRENTSENSKY, Erzeugung von Schriften _en haut-relief_ für
Blinde. Wien 1836. -- FREISAUFF V. NEUDEGG, Die Ektypographie
für Blinde. Wien 1837.
Auch die Chromolithographie wird mit Glück von der Staatsdruckerei
geübt. Eine ausgezeichnete Leistung ist z. B. das Prachtwerk über die
Votivkirche in Wien 1879. Die Reproduktion des Marienfensters (S. 303)
übertrifft bei weitem ähnliche Arbeiten Silbermanns.
[Sidenote: Budget.]
Das Budget der Staatsdruckerei zeigt bei einer Einnahme von etwa
zwei Millionen Mark einen Überschuss von etwa 200000 Mark, bei
Staatsanstalten ohne Konkurrenz Ziffern ohne grosse Bedeutung. Die
Schriftenmasse beträgt 500000 Kilo in etwa 1500 verschiedenen Arten
von Typen, darunter gegen 350 fremdländische[254]. Die Zahl der
Schnellpressen beträgt 57, der Handpressen 54, ausserdem sind etwa
80 Hülfsmaschinen vorhanden. Die Schriftgiesserei arbeitet mit 14
Giessmaschinen und besitzt etwa 30000 Stempel und 200000 Matern. Die
Gesamtzahl der Arbeiter ist gegen 900.
[254] 1876 erschien die zweite Auflage der Alphabete des gesamten
Erdkreises.
[Sidenote: W. v. Braumüller.]
Haben wir die Verdienste Auers und der Staatsdruckerei gebührend
anerkannt, so ist es Pflicht, einen Mann zu erwähnen, der, obwohl nicht
Buchdrucker, einen ganz eminenten Einfluss auf die Buchdruckerkunst
in Österreich gehabt hat; es ist der Buchhändler WILHELM Ritter VON
BRAUMÜLLER. Früher bekannt als einer der bedeutendsten Sortimenter
Wiens, die mit ihren vollen Börsen oder Portefeuilles und ihrem jovialen
Wesen vorzugsweise gern gesehene Gäste zur Leipziger Messe waren,
widmete sich Braumüller erst seit dem Jahre 1840 dem Verlag und zwar mit
ebenso grossem Geschick und Energie als Glück.
»Von dem Streben geleitet, die wissenschaftliche Litteratur Österreichs
dem Auslande gegenüber zur vollen Geltung und Anerkennung zu bringen,
hat meine Handlung einen Verlag geschaffen, welcher sowohl nach seinem
Werte als der Ausdehnung und Ausstattung nach den ersten Rang einnimmt,
und welcher dadurch noch eine ganz besondere Bedeutung gewinnt, dass,
hauptsächlich durch die geschmackvolle typographische Ausstattung
angezogen, eine grosse Zahl litterarischer Notabilitäten fremder
Universitäten durch gediegene Werke dabei vertreten ist. Vor allen ragt
quantitativ und qualitativ die Medizin hervor, und die dominierende
Stellung, welche Österreich durch seine medizinischen Celebritäten in
der wissenschaftlichen Welt Deutschlands einnimmt, spiegelt sich auch
in diesem Verlagszweige wieder. Eine Reihe veterinärwissenschaftlicher
Werke, durch die Professoren des K. K. Tierarznei-Institutes
würdig repräsentiert, schliesst sich demselben an. Die land- und
forstwirtschaftliche Litteratur, bis dahin in Österreich gar nicht
gepflegt, ist jetzt ausschliesslich in meinem Verlage vereinigt,
und durch die Werke der Professoren an den berühmten Fachschulen in
Mariabrunn, Ung.-Altenburg, Eulenberg, Hohenheim, Eisenach etc. würdig
repräsentiert. Die vortreffliche Ausstattung, welche ich allen Werken
mit der grössten Sorgfalt gewidmet, hat ohne Zweifel wesentlich zu einer
allgemeinen besseren und würdigeren Ausstattung der litterarischen
Erzeugnisse in Österreich beigetragen und auf die Entwickelung
anderer Industriezweige, die Papier-Fabrikation, Buchdruckerei,
Holzschneidekunst, welchen die obenangeführten Summen zugeflossen, einen
nicht zu unterschätzenden Einfluss geübt[255].«
[255] Die obigen nicht wenig zuversichtlichen Worte gehören dem Herrn
v. Braumüller selbst und sind dem Vorwort zu seinem Jubelkatalog
entnommen. Es ist eine eigene Sache, in einem geschichtlichen
Buch jemand sein eigenes Lob aussprechen zu lassen; wenn man
jedoch mit gutem Gewissen jedes Wort unterschreiben kann,
weshalb dann nicht? -- C. BEYER, Wilh. v. Braumüller und Heinr.
v. Cotta.
[Sidenote: Museum für Kunst.]
[Sidenote: Gesellschaft für vervielf. Kunst.]
Äusserte sich der Einfluss von Braumüller zunächst auf den Werkdruck
zu wissenschaftlichen Zwecken, so hat Wien das Glück, zwei ebenso
bedeutende Förderer der Verbindung der graphischen illustrierenden
Künste mit der Typographie zu besitzen: das MUSEUM FÜR KUNST UND
INDUSTRIE und die GESELLSCHAFT FÜR VERVIELFÄLTIGENDE KUNST. Wenn es in
Wien möglich geworden ist, Werke zu schaffen, in welchen Radierung,
Xylographie, Hochätzung, Farben- und Lichtdruck in glücklichster Weise
zusammenwirken und öfters nahe an die Vollkommenheit reichen, so
haben die beiden erwähnten Anstalten durch die von ihnen ausgehenden
Anregungen und Druckwerke den Vorwärts-Bestrebungen Wiens einen
mächtigen Vorschub geleistet[256].
[256] EITELBERGER, Die Kunstbewegung in Österreich. 1878.
[Sidenote: Prachtwerke.]
Unter den Erscheinungen des Museums behaupten Teirichs »Blätter
für Kunstgewerbe« einen hervorragenden Platz. Die Gesellschaft für
vervielfältigende Kunst brachte eine Reihe brillanter Publikationen; den
grössten Einfluss übt sie jedoch durch ihre Zeitschrift »Die graphischen
Künste«, welche nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch ihre
vorzügliche technisch-artistische Ausführung belehrend und fördernd
wirkt.
Unter der Ägide des Vorstandes der K. K. Kämmerei, des kunstsinnigen
Grafen v. Crenneville, erschien ebenfalls eine Anzahl der schönsten
Prachtwerke. »Die Kunstwerke der Schatzkammer des österreichischen
Kaiserhauses« (1870-1873), »Schloss Schönbrunn« (1875), »Der kaiserliche
Thiergarten« (1876), »Laxenburg« (1877). In neuester Zeit kommt zu
diesen Erscheinungen das »Jahrbuch der künstlerischen Sammlungen des
allerhöchsten Kaiserhauses«, zu welchem als Beilagen der »Frydal«, der
»Theuerdank«, der »Weisskunig«, der »Triumph«, die »Ehrenpforte«, die
»Heiligen aus der Familie des Kaisers« gegeben werden, alles Werke,
die von dem Kaiser Maximilian veranlasst oder vorbereitet waren und
zu welchen die Originale der grossen Zeichenkünstler von damals noch
vorhanden sind.
[Sidenote: Buchdrucker-Verein.]
Aber auch die Buchdrucker selbst haben als Korporation die Hände nicht
in den Schoss gelegt. Der unter vielen Opfern im Jahre 1874 gegründete
Buchdrucker-Verein hatte zwar zunächst die materiellen und sozialen
Verhältnisse des Geschäfts vor Augen, liess jedoch die Fachzeitschrift
»Österreichische Buchdrucker-Zeitung« erscheinen, die bestrebt war,
nicht nur für die obgedachten Interessen, sondern auch für die
technische Bildung zu wirken. Der Verein löste sich zwar im Jahre 1880
wieder auf, die Zeitung besteht jedoch fort im Besitz des »Graphischen
Klubs«, der ausserdem durch Vorträge, Ausstellungen und technische
Diskussionen anzuregen sucht. Auch das Gehülfenblatt »Vorwärts« folgt
dem Beispiel des »Correspondent« und widmet seine Aufmerksamkeit jetzt
nicht nur den sozialen Interessen, sondern auch der Technik und der
Geschichte.
[Sidenote: G. Gistel * 16. Okt. 1825, [+] 10. Mai 1883.]
Durch die Bemühungen des Vereins ist auch seit 1874 eine Fachschule
errichtet, von der gute Erfolge zu erwarten sind. Die Seele
dieser Vereinsbestrebungen ist namentlich G. GISTEL gewesen. Auch
um den Unterstützungs-Verein der Buchdrucker und Schriftgiesser
Niederösterreichs und die Pensionskasse für Faktoren und deren Witwen
hatte Gistel grosse Verdienste, war auch bei allen Tarifverhandlungen,
bei der Säkularfeier, kurz bei jeder Gelegenheit, wo die Buchdrucker
vereinigt auftraten, bereit, seine Kräfte dem Allgemeinen rückhaltslos
zu opfern.
[Sidenote: L. C. Zamarski.]
An Bedeutung der Staatsdruckerei am nächsten stehend ist die Offizin L.
C. ZAMARSKI (früher H. ENGEL & SOHN und L. C. Zamarski), die namentlich
in der Gründerperiode eine erstaunliche Masse von Wertpapieren
druckte. Die Anstalt, welche unter der Leitung von A. PIETZSCH sich
vortrefflich bewährt hat, wurde 1881 an die Papierfabrik STEYERMÜHL
um 800000 Gulden verkauft und mit einem Kapital von 3700000 Gulden in
eine Aktiengesellschaft umgeformt. Es werden in der Anstalt die »Neue
Illustrirte Zeitung«, das »Wiener Tageblatt«, die »Vorstadt-Zeitung« und
die »Deutsche Zeitung« gedruckt. Vorzüglich sind ihre, unter Leitung
von A. Frantz hergestellten Heliographien. Die Offizin arbeitet mit 28
Schnellpressen und beschäftigt gegen 350 Personen. ENGELS ERBEN befassen
sich namentlich mit lithographischen Arbeiten; sie lieferten u. a. die
japanischen Postmarken.
[Sidenote: R. v. Waldheim.]
Ein vielseitiges, grosses Institut ist ebenfalls die Verlagsbuchhandlung
und Artistische Anstalt von R. V. WALDHEIM (22 Schp., 25 Hdp. und
gegen 250 Arbeiter), die eine bedeutende Zahl von illustrierten Werken
namentlich technischen Inhalts herausgiebt und vielen technischen,
kriegswissenschaftlichen oder in das Eisenbahnwesen einschlagenden
Zeitschriften, wir nennen nur Teirichs »Blätter für das Kunstgewerbe«
und die »Allgemeine Bauzeitung«, druckt, verlegt oder debitiert, auch
viele Accidenzien liefert.
[Sidenote: C. Fromme.]
CARL FROMME zeichnet sich besonders durch seine geschmackvollen und
korrekten Accidenzarbeiten aus. Eine Spezialität, die er mit Virtuosität
betreibt, ist der Kalenderdruck. Typographische Kraftstücke Frommes
sind die Bilderreihe der Regenten Österreichs und die Stammtafel der
Zisterzienser-Klöster. Diese zehn Meter lange Tafel besteht aus 108
Formen, in zwei Farben ausgeführt. Der Druck und die Zurichtung sind so
vorzüglich, dass die Zusammensetzung dem Auge vollständig unbemerkbar
ist.
[Sidenote: Rollinger & Mössner.]
[Sidenote: A. Holzhausen.]
[Sidenote: G. Gistel.]
[Sidenote: Fr. Jasper.]
Die Arbeiten von ROLLINGER & MÖSSNER sowohl im Accidenz- als im
Werkdruck gehören mit zu den vollendetsten der neueren Typographie. Die
Genannten zählen unter die nicht zu zahlreichen Buchdrucker, welche
nichts für unbedeutend halten und eben deshalb Mustergiltiges liefern,
z. B. die »Geschichtsquellen der Stadt Wien«. Zu derselben Klasse,
jedoch meist in anderer Richtung arbeitend, gehört ADOLF HOLZHAUSEN,
dessen Offizin an orientalischen Schriften sehr reich ist und dessen
Drucke denen der Staatsdruckerei vollkommen ebenbürtig sind. Er lieferte
den Druck des oben erwähnten Jahrbuchs der kaiserlichen Sammlungen
und Albrecht Dürer würde gewiss den »Ansichten aus der Presse« von
seinen und der gleichzeitigen Meister Arbeiten sein _imprimatur_
nicht verweigert haben. Zu den strebsamen Buchdruckern der jüngsten
Zeit gehören der erwähnte G. GISTEL und FR. JASPER. Letzterer druckte
die Festgabe zu dem 400jährigen Jubiläum, und liefert sehr gute
Illustrationsdrucke.
[Sidenote: H. Reiss * 28. Aug. 1799.]
Einen ganz besonderen Ruf hat sich Wien durch seinen xylographischen
Farbendruck erworben. Der erste, der sich durch diesen auszeichnete, war
HEINRICH REISS, aus einer Familie, die von altersher eine Buchdruckerei
besass, welche er, nachdem er erst verschiedene Reisen gemacht hatte,
1828 übernahm. 1850 folgte er jedoch einem Rufe der Staatsdruckerei,
leitete später die Buchdruckerei von Zamarski und gab sich seit 1857
ganz der Kunstdruckerei hin. Seine Hauptarbeit, an der er 23 Jahre lang
gearbeitet hatte, ist das _Missale Romanum_ mit etwa 90 Miniaturen von
H. Knöfler. Zu der Herstellung eines Bildes wurden bis zu 15 Platten
verwendet. Vorzüglich sind die zwei grossen Titelblätter, das Abendmahl
und Christus am Kreuze. Der Text bildet einen Folioband von mehr als
700 zweispaltigen Seiten. Die Grundschrift ist eine fette Gothisch, zu
der besondere Initialen geschnitten wurden. Das Papier, ein geripptes
Büttenpapier, ist jedoch, wie auch der Textdruck, von sehr ungleicher,
mitunter sogar geringer Qualität. Aus diesem Grunde fehlt, trotz der
ausserordentlichen Aufopferung seitens Reiss' und der Vorzüglichkeit des
Bilderdruckes, dem Werk, als Ganzes betrachtet, doch gar vieles, um als
ein typographisches Denkmal ersten Ranges zu gelten. Derartige Werke
dürfen nicht Not leiden und müssen in Händen eines Herausgebers sein,
dem es möglich ist, bis ans Ende ruhig auszuhalten. Deshalb aber nicht
weniger Ehre dem Andenken eines echten Jüngers Gutenbergs. Sein Geschäft
übernahm LUDW. LOTT, vorher als technischer Leiter der »Alten Presse«
und als Einführer der »Endlosen« auf dem Kontinent bekannt. Er wirkte im
Geiste seines Vorgängers fort und seine Arbeiten fanden in England und
Amerika allgemeine Bewunderung. Seine Drucke auf Blech sind ebenfalls
vortrefflich.
[Sidenote: Prag.]
Eine ziemlich bedeutende Thätigkeit entwickeln in PRAG 33
Buchdruckereien und 30 lithographische Anstalten mit ihren 114
typographischen und 25 lithographischen Schnellpressen. Die bedeutendste
Offizin ist die von A. HAASE (S. 290) mit 21 Schnellpressen und 18
Handpressen. IGN. FUCHS (11 Schp., 19 Tr.- u. Hdp.) liefert sehr gute
lithographische Arbeiten, auch J. FARSKY bringt Tüchtiges in dieser
Richtung. DR. ED. GRÉGRS Offizin arbeitet mit Rotationsmaschine und
5 Schnellpressen. H. MERCY (9 Schp.) druckt namentlich Werke. Die
BUCHDRUCKEREI DER K. K. STATTHALTEREI beschäftigt 7, die BUCHDRUCKEREI
FÜR POLITIK 8, J. OTTO 7, B. STYBLO 6, C. BELLMANN 7 Schnellpressen.
[Sidenote: Reichenberg.]
[Sidenote: Tetschen.]
[Sidenote: Teschen.]
Die Fabrikstadt REICHENBERG besitzt eine grossartige graphische Anstalt,
die der GEBR. STIEPEL, welche durch 13 Schnellpressen und 20 Tret- und
Handpressen die zahlreichen Fabriken mit Etiketten, Geschäftskarten,
Rechnungsformularen etc. versieht. Das kleine TETSCHEN an der Elbe hat
auch eine bedeutende Druckanstalt aufzuweisen, die von F. W. STOPP,
welche (mit 7 Schp., 7 Hdp.) hauptsächlich für lithographische Arbeiten
eingerichtet ist. In TESCHEN in Österr. Schlesien befindet sich die
Offizin von K. PROCHASKA (10 Schp.), eine der besten Provinzdruckereien
Österreichs. Sie wurde 1806 von THOMAS PROCHASKA gegründet.
[Sidenote: Brünn.]
[Sidenote: Lemberg.]
In BRÜNN arbeiten hauptsächlich für Lokalbedürfnisse W. BURKART (7
Schp.), BUSCHAK & IRRGANG (4 Schp.), CARL WINIKER (5 Schp.), R. M.
ROHRER (6 Schp.). GALIZIEN bietet nur wenig von Interesse. In KRAKAU,
einst von Bedeutung in der typographischen Geschichte, druckt die
Offizin des CZAS (5 Schp.) und die Buchdruckerei der Akademie der
Wissenschaften H. LISICKI & CO., in LEMBERG E. WINIARZ (4 Schp.).
[Sidenote: Graz.]
[Sidenote: Triest.]
Unter den Offizinen des südlichen Österreichs ist die Aktiendruckerei
LEYKAM-JOSEFSTHAL (15 Schp., 16 Tr.- u. Hdp.) in GRAZ eine weit
verzweigte graphische Anstalt, die manches Gute geliefert hat. Die
Grazer »Post« wurde 1882 an eine zweite Gesellschaft Leykam für gegen
1100000 M. verkauft. Die Gesellschaft STYRIA und die GUTENBERG-DRUCKEREI
in Graz beschäftigen je 5 Schnellpressen. In INNSBRUCK verfolgt die
WAGNERsche Buchdruckerei eine wissenschaftliche Richtung. In LINZ
wirken A. EURICH und J. WIMMER. Die älteste Druckerei Österreichs
besitzt KLAGENFURT. Hier etablierte sich FERD. V. KLEINMAYR 1548.
Sein Nachfolger gründete 1777 die »Klagenfurter Zeitung«. In LAIBACH
feierte die Offizin von J. V. KLEINMAYR & F. BAMBERG (4 Schp.) 1882
ihr 100jähriges Jubiläum. In TRIEST hat sich die Buchdruckerei des
ÖSTERR.-UNGAR. LLOYD als eine tüchtige Vertreterin der Kunst bewiesen
und wirkte auch früher als bedeutende Verlegerin illustrierter Werke.
[Sidenote: Paul Pretzsch * 1808, [+] 28. Aug. 1873.]
Von der Holzschneidekunst in Wien und den Meistern, welche diese
förderten J. G. PRESTEL, BLASIUS HÖFEL, FRIEDR. V. EXTER, H. KNÖFLER
u. a., wurde bereits (S. 300) berichtet, auch fanden die wichtigen
Erfindungen von PAUL PRETZSCH (S. 14) Erwähnung. Je weniger das
verdienstvolle Wirken dieses Mannes vom Glück begünstigt war und je
öfter der Versuch gemacht wurde, seine Erfinderehre zu schädigen,
namentlich seitens englischer Erfinder, um so mehr gebietet es die
Pflicht, hier seiner mit einigen Worten noch zu gedenken.
Pretzsch war als Sohn eines Goldarbeiters in Wien geboren, lernte dort
die Buchdruckerkunst und trat nach längerem Aufenthalt im Auslande
in den Dienst der K. K. Hof- und Staatsdruckerei, welche er 1851 auf
der Londoner Weltausstellung vertrat. Dort erhielt er auf Grund der
von ihm ausgestellten Photographien eine Prämie und nun entstand
in ihm der Gedanke, Photographien druckbar zu machen, weshalb er
sein Engagement bei der Staatsdruckerei aufgab, 1854 wieder nach
London ging und dort neun Jahre blieb, um seine Pläne zur Ausführung
zu bringen. Seine Erfindung, Tiefdruckplatten von Photographien
herzustellen, nannte er PHOTOGALVANOGRAPHIE und sie wurde einer
_Patent-Photo-Galvanographic-Society_ zur Ausbeutung übergeben, welche
1856 fünf Hefte eines Werkes in Grossfolio unter dem Titel _Photographic
Art Treasures_ herausgab. Nach etwa zweijährigem Bestehen löste sich
jedoch die Gesellschaft auf und Pretzsch war wieder auf sich selbst
angewiesen, während Fox Talbot, der die Erfindung gemacht hatte, durch
Ätzung Photographien druckbar zu machen, ihn auf Grund seines Patentes
verfolgte, wennauch ohne Resultat, da Pretzschs Verfahren sich nicht auf
Ätzen gründete.
Nach der Weltausstellung 1862 kehrte Pretzsch nach Wien zurück und war
längere Zeit schwer leidend, so dass er erst 1864 seine Thätigkeit
wieder aufnehmen konnte. Diese richtete sich nun vornehmlich auf
Herstellung von Hochdruckplatten und nach mannigfachen, mühsamen und
kostspieligen Versuchen gelang ihm auch die Fertigstellung solcher, von
welchen Proben 1873 in Wien ausgestellt waren.
Hiermit war das wichtigste Problem der Illustration der Zukunft zwar
Wirklichkeit geworden, jedoch noch nicht in zufriedenstellender Weise;
denn die Platten besassen nicht Tiefe genug, um mit Leichtigkeit in
der Buchdruckerpresse behandelt zu werden. In Berücksichtigung der
hohen Bedeutung, welche die Erfindung möglicherweise würde erreichen
können, erhielt Pretzsch eine Staatsunterstützung, um seine Versuche
weiterzuführen, und noch wenige Stunden vor seinem Tode war er mit
diesen beschäftigt.
In der Zeit der Blüte der Schwarzlithographie erreichte KRIEHUBER
im Porträtfache eine bis dahin unbekannte Meisterschaft. Die
Chromolithographie fand einen günstigen Boden, der zuerst von der
K. K. Staatsdruckerei bebaut wurde. Das erste Werk von Bedeutung
waren die Aquarellbilder nach niederösterreichischen Bauwerken
von CONR. GREFE, welcher Künstler überhaupt besondere Verdienste
um den Buntdruck hat. ED. HÖLZEL lieferte namentlich viele gute
Landschaftsbilder; sein bestes Blatt und eines der besten der
Öldruckbilder überhaupt dürfte »Die beiden Brüder«, nach v. Defregger
sein. Seine instruktiven, geographischen und naturwissenschaftlichen
Blätter und die architektonischen Bilder nach J. Langl, in Sepiamanier
gedruckt, sind höchst wertvolle Erscheinungen. REIFENSTEIN und RÖSCH
(jetzt G. REIFENSTEIN), HAUPT & CZEIGER, A. HARTINGER & SOHN, FR.
PATERNO lieferten gutes, die ersteren beiden Firmen im figürlichen,
die beiden letzteren im naturwissenschaftlichen und geschichtlichen
Unterrichtsfache.
[Sidenote: Ed. Sieger * 12. Dezbr. 1810. [+] 21. Jan. 1876.]
Im lithographischen Accidenzfache zeichnete sich ED. SIEGER aus. Seine
Riesenplakate wurden angestaunt und seine Erfindung des Ivoirit, einer
täuschenden Imitation des Elfenbeins, brachte, in Bücherbänden oder in
Ebenholz-Kassetten und Möbeln eingelegt, eine frappante Wirkung hervor.