Einen gewichtigen Namen in der Geschichte der typographischen und

geistigen Interessen Strassburgs hat der gelehrte JOH. DAN. SCHÖPFLIN.

Er schrieb die bekannten _Vindiciae typographicae_ (1760) und überliess

1765 der Stadt gegen eine mässige Leibrente seine historischen

Sammlungen und seine bedeutende Bibliothek, fuhr jedoch fort, diese

auch nach der Abtretung zu vermehren. Durch die Einziehung der Klöster

und durch jährliche Erwerbungen war die Sammlung auf gegen 12000

Handschriften und gegen 180000 gedruckte Bücher angewachsen, darunter

gegen 2000 Inkunabeln zumteil der seltensten Art. Als ein Kleinod

der Sammlung galt das Manuskript der Äbtissin Herrade von Landsberg,

_Hortus deliciarum_, aus dem XII. Jahrhundert, in Gross-Folio, mit

den kostbarsten Miniaturen fast auf jedem Blatt. Auch eines der

wichtigsten Dokumente aus der Erfindungsgeschichte der Buchdruckerei,

die Zeugenaussage in dem Prozess zwischen Gutenberg und den Brüdern

des Andr. Dritzehn aus dem Jahre 1439 (I, S. 25), befand sich unter

den Schätzen, welche seit dem Jahre 1805 in die neue evangelische

Kirche verlegt wurden, wo bereits eine andere wichtige Sammlung, die

Universitätsbibliothek, untergebracht war.

Einige leider zu gut gezielte Bomben haben das alles vernichtet und

die Opferfreudigkeit, mit welcher die Strassburger Bibliothek neu

und grossartig errichtet wurde, konnte den unersetzlichen Teil nicht

wiederschaffen[241].

[241] Die »Annalen der Typographie«, welche, nebenbei gesagt, die

erste öffentliche Aufforderung zur Wiedererrichtung der

Strassburger Bibliothek bereits in ihrer Nr. 65 vom 8.

Oktober 1870 enthielten, sagen in Nr. 62 desselben Jahres bei

Gelegenheit eines Rückblickes auf die Geschichte der Bibliothek,

deren endliches Schicksal damals noch nicht genau bekannt war:

»Eine solche Sammlung von Schätzen sollte rettungslos verloren

gegangen sein!? Das glauben wir nun und nimmermehr auf die

vagen Äusserungen (des Bibliothekars Zeller in Paris) hin. Die

brennende Bibliothek hat ja nicht urplötzlich die Einwohner aus

tiefem Schlafe geweckt. Wochenlang war vorauszusehen, was kommen

würde. Und da sollte nicht ein verdienstvoller Bibliothekar, der

über seine Bücherschätze ängstlich wacht, wie der Vater über

seine Kinder, nicht ein um das Eigentum der Stadt besorgter

Beamter daran gedacht haben, wenigstens das Unersetzlichste in

Sicherheit zu bringen? Die Wechselfälle, denen eine belagerte

Stadt ausgesetzt ist, sind doch nicht unbekannt, selbst wenn

die Belagerer nicht aus »Attilas Horden« beständen. Da sollte

nicht Zeit gefunden worden sein, ein halbes Dutzend Kisten mit

den grössten Seltenheiten beiseite zu schaffen? Das halten wir

trotz aller Kopflosigkeit, trotz aller Zuversicht der Franzosen

zu den eigenen Waffen und der souveränen Verachtung gegen den

»Landsturm« nicht für möglich.« -- Noch heute muss es jedem

unbegreiflich erscheinen, wenn nichts gerettet sein sollte.

Dann wäre die Barbarei Deutschlands, »das seine Gelehrsamkeit

nur im Verwüsten zeigt«, wie der Bibliothekar Zeller sagt, doch

durch die passive Barbarei des der Verwüstung ruhig Zusehenden

übertroffen.

Hoffen wir, dass materielle und nationale Wunden mit der Zeit vernarben,

dass das alte Strassburg wieder als eine der hauptsächlichsten deutschen

Kulturstätten erstehe und neuen typographischen Ruhm erwerbe, dass zum

nächsten Jubelfeste die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten

sich um das Abbild des Meisters brüderlich die Hand reichen. Gutenbergs

Kunst kann zwar schwere Wunden schlagen, aber sie heilt auch solche!

DIE SCHWEIZ.

[Sidenote: Örtliche Schwierigkeiten.]

Als einige Geistliche in CELLARINA im Ober-Engadin den Gedanken gefasst

hatten, eine Druckerei anzulegen, liessen sie einen Setzer und einen

Drucker aus Bergamo kommen, welche die kleine Letternanschaffung in

ihrem Ranzen auf dem Rücken trugen. Eine abgenutzte Holzpresse wurde

auf einen Esel gepackt, weil noch kein Fahrweg vorhanden war. Ein

Zimmermann schlug auf dem Boden eines Heustalles Regale auf und zimmerte

Setzkasten. Als Gespan des Druckers fungierte ein Bauernbursche, welcher

auch die Abwartung des im unteren Stock einlogierten Esels zu besorgen

hatte. Wenn der Winter herannahte, ging das Personal nach Bergamo heim

und kam mit dem Frühjahr wieder zurück. Durch dessen Arbeit entstand

eine Sammlung geistlicher Lieder, welche noch nach dem Jahre 1840 das

allgemeine Kirchengesangbuch des Engadin bildete.

[Sidenote: Erfreuliches Emporblühen.]

Wenn nun auch dieses kleine typographische Genrebild, selbst in der

Schweiz, wohl nicht viele Pendants hat, so kann es doch als eine

hübsche wennauch drastische Illustration der Schwierigkeiten dienen,

welche der raschen Verbreitung der Typographie in einem Berglande

mit zerstreuter Bevölkerung, kleinen Städten und einem schwierigen

Verkehr entgegenstanden. Diese Verhältnisse müssen die Achtung für

die Schweizer Typographen steigern, die, obwohl die Litteraturen des

mehrsprachigen Landes sich denen der grossen Nachbarvölker anschliessen

müssen, gewusst haben, ihre gewerbliche Selbständigkeit zu wahren und,

allerdings kräftigst durch eine wennauch kleine so doch hochgebildete

und hochpatriotische Bevölkerung unterstützt, eine bedeutende Produktion

zu erzielen.

So bildet die schweizerische Typographie das Bild einer allmählichen,

ruhigen, den Verhältnissen angemessenen Fortentwickelung. Man ist

eifrig bemüht gewesen, nicht zurückzubleiben, strebt aber andererseits

nicht danach, eine der Sachlage nicht angemessene blendende Stellung

einzunehmen.

[Sidenote: Statistisches.]

Die Schweiz besitzt in 164 Städten, Städtchen, Flecken und Dörfern

325 Buchdruckereien und 184 lithographische Anstalten mit zusammen

534 Schnellpressen und 812 Tret- und Handpressen, von welchen die

Tretpressen verhältnismässig sehr stark repräsentiert sind. In dem

Druckgewerbe werden überhaupt gegen 5000 männliche und 1000 weibliche

Arbeiter beschäftigt.

[Sidenote: Zeitschriften-Litteratur.]

Wenn die Schweiz vorzugsweise reich an Zeitschriften ist -- es giebt

eine solche auf je fünfhundert Einwohner --, so liegt dies an der

Zersplitterung der Interessen durch die kantonale und kommunale

Kleinregierung, an den verschiedenen Nationalitäten und an der örtlichen

Lage. Deshalb hat die Schweiz keine Blätter von grosser Verbreitung

und allgemeiner Bedeutung und die Auflagen sind oft winzig klein. Die

Zahl der in 158 Druckorten erscheinenden Journale politischen oder

lokalen Inhalts beträgt 307, darunter 60 täglich, 161 zwei- oder dreimal

wöchentlich erscheinende; 222 davon in deutscher, 75 in französischer,

7 in italienischer, 2 in romanischer, 1 in englischer Sprache. Von

nichtpolitischen Zeitungen giebt es 253; darunter 166 deutsche, 78

französische, 7 italienische und 2 romanische. Bei weitem die meisten

dieser Blätter sind sauber gedruckt. Die Zahl der jährlich erscheinenden

Bücher beträgt etwa 1200.

[Sidenote: Basel.]

BASEL mit seinen grossen Traditionen war nicht in der Lage, unter

veränderten Verhältnissen seinen hohen typographischen Ruhm aufrecht zu

erhalten. Doch hat es zum Beginne der neuen Periode eine Druckerfamilie

von europäischer Bedeutung aufzuweisen[242].

[242] P. W(EGELIN), Die Familie Haas (im Baseler Taschenbuch 1855). --

W. HAAS, Beschreibung und Abriss einer neuen Buchdruckerpresse,

erfunden in Basel 1772. 1790. -- A. G. PREUSCHEN, Grundriss der

typometrischen Geschichte. Basel 1778.

[Sidenote: Die Familie Haas.]

[Sidenote: W. Haas d. ä. * 23. Aug. 1741, [+] 8. Juni 1800.]

[Sidenote: Seine Typen.]

WILHELM HAAS war in mancher Beziehung ein ebenbürtiger Zeitgenosse J.

G. I. Breitkopfs. Sein Vater war ein geschickter Schriftschneider und

Schriftgiesser aus Nürnberg, der das Bürgerrecht in Basel erworben

hatte. Der Sohn Wilhelm Haas zeigte schon in seiner Jugend ein

entschiedenes Talent für den Beruf des Vaters und wurde gründlich

von Daniel Bernoulli in Mathematik und Mechanik unterrichtet. Er

übernahm das Geschäft des Vaters und brachte es bald dahin, dass seine

Schriftgiesserei als eine der vorzüglichsten Deutschlands angesehen

wurde. Die Frakturschriften betrachtete man in Bezug auf Regelmässigkeit

und Klarheit als mustergültig. Für seine Antiqua nahm er Baskerville zum

Vorbild; sie ist z. B. in der bei Thurneysen erschienenen Ausgabe von

Voltaires Werken verwendet, auch schnitt er eine nicht unbeträchtliche

Zahl von orientalischen Schriften. Zu seinen Verbesserungen gehört

sein System der Spatien und der Stücklinien, worüber er sich in einer

besonderen Schrift (1772) aussprach.

[Sidenote: Verbesserte Handpresse.]

Sein Hauptaugenmerk galt jedoch der Verbesserung der Druckpresse, die

seit dem Jahre 1500 so ziemlich ungeändert geblieben war. Haas lebte

aber noch in der Blütezeit des Innungszopfes. Er war kein kunstgemäss

gelernter Buchdrucker und seine freundlichst gesinnte Kollegenschaft

brachte es glücklich so weit, dass er nicht mit der von ihm

konstruierten Presse arbeiten durfte, die er deshalb an Schweighauser

verkaufte. Er selbst musste sich mit der Herausgabe einer deutschen und

einer französischen Beschreibung begnügen. Die Hauptbestandteile seiner

Presse waren aus Eisen und ruhten auf einem Steinblock; der Tiegel hatte

die Grösse des Fundaments, so dass für den Druck einer Form nunmehr

nicht zwei Züge notwendig waren. Der Bengel wurde an dem Kopfende der

Spindel angebracht und der Hebel mit einer Schwingkugel versehen.

[Sidenote: Landkartensatz.]

[Sidenote: A. G. Preuschen.]

In das Jahr 1775 fallen Haas' Versuche, Landkarten und Musiknoten mit

Typen herzustellen. Den ersten Gedanken zu dem Landkartensatz fasste

der Hofdiakon A. G. PREUSCHEN in Karlsruhe, der sich an Haas mit dem

Vorschlag wandte, mit ihm in eine Association für diese neue Kunst,

die »Typometrie«, zu treten. Haas ging mit Energie und Überzeugung auf

den Gedanken ein. Als erstes Probestückchen erschien zu Anfang des

Jahres 1776 in Basel ein Blättchen mit einer Waldung und dem Lauf eines

Flusses; das zweite griff schon weiter und wurde der Kaiserl. Akademie

zu St. Petersburg und dem berühmten Geographen Büsching vorgelegt, der

Feuer und Flamme für die Erfindung wurde.

Nun trat Breitkopf hervor und erklärte, er habe sich schon zwölf Jahre

mit denselben Versuchen beschäftigt, und versandte seine Proben. Im

Oktober 1776 gab Haas eine Karte des Kantons Basel in Quart heraus, von

welcher 1777 eine neue Ausgabe im üblichen Landkartenformat erschien,

der eine Nachbildung der Karte von Sicilien von Hubert Jaillot aus

dem Jahre 1736 folgte. Sie wurde dem König Ferdinand IV. von Neapel

dediziert und erschien auch in einer französischen Ausgabe. Wilh. Haas

gab noch etwa ein Dutzend solcher Karten heraus. Nach den neueren

Erfindungen hat die Typometrie jedes praktische Interesse verloren, das

nie ein nennenswertes gewesen, und nur das historische ist geblieben.

[Sidenote: Haas und Thurneysen.]

Im Jahre 1780 errichtete Haas im Verein mit dem talentvollen Buchdrucker

und Buchhändler JOH. JAK. THURNEYSEN ein Geschäft, das sehr elegante

Arbeiten lieferte. Die Verbindung hörte jedoch nach sechs Jahren auf und

Haas der Sohn übernahm die Leitung der Buchdruckerei und führte sie nach

dem Tode seines Vaters, der zugleich Brigade-Chef und General-Inspektor

der helvetischen Artillerie war und auf einer artilleristischen

Inspektionsreise zum allgemeinen Bedauern starb, fort.

[Sidenote: W. Haas d. j. * 15. Januar 1766, [+] 22. Mai 1838.]

W. HAAS D. J. hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und

zeigte frühzeitig ein entschiedenes Talent für die Typographie. Als

achtjähriger Knabe setzte er ein Frag- und Antwortspiel aus Nonpareil

mit einer Einfassung und druckte es in zwei Farben. Als sechzehnjähriger

Gehülfe stellte er, unter Benutzung der systematischen Stücklinien des

Vaters, die grosse Karte der Weltgeschichte von F. K. Fulda (Augsburg,

Stagesche Buchhandlung) fertig, die aus zwölf grossen Formen besteht,

welche zusammen ein Tableau von 5 Fuss Höhe und 6 Fuss Breite bilden.

[Sidenote: Weitere Reformen.]

Nach der oben erwähnten Übernahme des Geschäfts im Jahre 1786, welches

die Firma WILHELM HAAS DER SOHN annahm, heiratete er 1788 die Tochter

Georg Jacob Deckers (S. 361). An der Druckpresse brachte er noch

weitere Verbesserungen an und vervollkommnete den Satz der Landkarten,

von welchen viele Blätter bei ihm erschienen. Nach dem Beispiel

Baskervilles fertigte er nach seiner eigenen und des Vaters Idee eine

Satiniermaschine, die er jedoch, als er die von Bodoni konstruierte

gesehen hatte, verwarf. Seine Musiknoten sind elegant. Er druckte auch

verschiedene hebräische Werke, darunter eine Bibel in vier Bänden,

Grossoktav. Auch den Accidenzarbeiten wurde grosse Sorgfalt gewidmet.

[Sidenote: Wilhelm und Eduard Haas.]

Zu der im Jahre 1830 in Basel stattgehabten Kunst- und

Industrie-Ausstellung hatte Haas »Das Gebet des Herrn« in hundert

Sprachen, wie er bemerkt: die vierzigste derartige Sammlung,

ausgestellt. Das Geschäft überliess er seinen Söhnen WILHELM und EDUARD,

von denen letzterer sich bei Didot als Stempelschneider ausgebildet

hatte, und erlebte in Zurückgezogenheit noch sein 77. Jahr. Das Geschäft

besteht noch heute als geachtete Schriftgiesserei.

Eine bekannte Baseler Druckerfamilie war die THURNEYSENsche, die ihre

Aufmerksamkeit namentlich dem Bibeldruck zuwendete. In jüngster Zeit hat

die SCHWEIGHAUSERsche Offizin durch BENNO SCHWABE mehrere vorzügliche

Arbeiten, namentlich im Renaissancestil, geliefert, welche den besten

aus der Glanzzeit Basels ebenbürtig sind.

[Sidenote: Zürich.]

[Sidenote: Orell Füssli & Co.]

Wenn Bern auch die Hauptstadt der Schweiz ist, so bleibt doch ZÜRICH,

sowohl was Einwohnerzahl betrifft, als auch in Beziehung auf Kultur,

Litteratur und Druckgewerbe, die erste Stadt der Schweiz. Sie besitzt 22

Buchdruckereien und 18 lithographische Anstalten, die 55 Schnellpressen,

136 Tret- und Handpressen beschäftigen. Der Kanton Zürich hat 40

Buchdruckereien, 30 lithographische Anstalten mit 97 Schnellpressen,

190 Handpressen und 800 Arbeitern und überragt weit jeden anderen der

Kantone. Berühmt war Zürich schon in der älteren Druckgeschichte als

Sitz des Geschäfts Christ. Froschauers, als dessen würdige Nachfolgerin

die Firma ORELL FÜSSLI & CO. noch heute sich zeigt (I, S. 140). Die

Offizin würde auch in Deutschland zu den bedeutenderen zählen (10 Schp.,

15 Hdp.); sie vereinigt alle Branchen der graphischen Künste und liefert

in allen Vorzügliches. Das am 25. August 1881 bezogene neue Haus »Zum

Bären« ist ein höchst stattlicher Bau. Einen eigentümlichen äusseren

Schmuck desselben bildet ein, eine ganze Wand des vierstöckigen Hauses

einnehmender, Bär. Die frühere Lokalität war durch 105 Jahre von der

Firma benutzt gewesen. Ein grosses Geschäft ist die Firma ZÜRCHER &

FURRER (6 Schp.).

[Sidenote: Kartographie.]

Zürich besitzt mehrere bedeutende lithographische Anstalten. Die

LITHOGRAPHISCHE GENOSSENSCHAFT (4 Schp., 7 Hdp.), ebenso J. J. HOFER

& A. BURGER liefern sehr gute Chromodrucke. Berühmt ist die Anstalt

von WURSTER, RANDEGGER & CO. durch ihre kartographischen Arbeiten, in

welcher Richtung H. MÜHLHAUPT & SOHN sowie R. LEUZINGER in BERN und

H. FURRER in NEUENBURG sich ebenfalls einen Namen erwarben. Überhaupt

geniesst die Schweiz hinsichtlich ihrer kartographischen Arbeiten eines

grossen Rufes. Die geringe Ausdehnung des Landes bei den interessanten

Bodenformationen und den komplizierten hydrographischen Verhältnissen

luden ganz besonders zur Anfertigung detaillierter, malerisch

ausgeführter Terrainkarten ein. Den mächtigsten Anstoss gab der General

Dufour, dessen Generalkarte der Schweiz noch heute als das bedeutendste

Meisterwerk kartographischer Darstellungskunst gilt.

[Sidenote: Winterthur.]

In WINTERTHUR befindet sich die ziemlich bedeutende Offizin von BLEULER,

HAUSHEER & CO. (4 Schp.). J. WESTPHELING liefert sehr gute Arbeiten und

introduzierte sich in sehr empfehlender Weise in grösseren Kreisen durch

seinen Schweizer-Ausstellungs-Katalog (Wien 1873), der denselben Beifall

fand, wie die ganze Kollektiv-Ausstellung der Schweiz.

[Sidenote: St. Gallen.]

[Sidenote: Joh. Zollikofer.]

[Sidenote: Chr. Zollikofer.]

[Sidenote: Emil Zollikofer.]

ST. GALLEN umschliesst eine der besten Offizinen der Schweiz. Dieselbe

wurde von JOH. ZOLLIKOFER, aus einer alten, vom Kaiser Rudolf 1578

geadelten Familie stammend, im Jahre 1789 gegründet. Durch Ankauf

erwarb er 1792 noch eine zweite kleine Buchdruckerei und blieb bis 1802

der alleinige Buchdrucker in St. Gallen. Im Jahre 1834 wurde der Sohn

CHRISTOPH Associé. Durch Eintritt C. P. SCHEITLINS ward die Firma in

Scheitlin & Zollikofer umgeändert und ein bedeutender Verlag gegründet,

der später auf den Schwager Christoph Zollikofers, IWAN V. TSCHUDI,

überging, während der erstgenannte die Druckerei behielt. Der Sohn EMIL

ZOLLIKOFER wurde 1867 Teilnehmer. Durch längeren Aufenthalt im Auslande

ausgebildet, reformierte er die Buchdruckerei übereinstimmend mit den

Forderungen der Zeit. Ein neuer stattlicher Bau ward 1868 ausgeführt,

fiel jedoch bereits am 17. Juli 1880 den Flammen zum Opfer. Ein zweiter

Neubau wurde mit fabelhafter Energie betrieben und vier Monate nach dem

Brande stand ein Prachtbau, hauptsächlich aus Glas und Eisen, fertig da.

Christoph Zollikofer war, von seinen Mitbürgern hochangesehen, bereits

Anfang September 1870 verstorben.

[Sidenote: Gebr. Benziger.]

Unter den schweizerischen graphischen Anstalten giebt es nur eine,

die für den Weltmarkt arbeitet und auch einen Weltruf sich erworben

hat. Der Bergflecken EINSIEDELN mit 7000 Einwohnern, berühmt durch

sein Benediktiner-Kloster mit dem wunderthätigen Muttergottesbilde

und deshalb jährlich von hunderttausenden von Wallfahrern besucht,

ist in der typographischen Geschichte durch die grossartige Anstalt

der GEBR. BENZIGER merkwürdig geworden. Das Geschäft, welches nur auf

die Bedürfnisse strenggläubiger Katholiken berechnet ist, wurde von

dem Landamman JOSEF KARL BENZIGER 1805 gegründet und ging von ihm auf

seine Söhne KARL und NIKOLAUS (letzterer vom Papst in den Grafenstand

erhoben) über. In allen Erzeugnissen der Anstalt, auch den billigsten,

ist das Streben sichtbar, nur Gutes zu liefern. Die Erzeugnisse der

Phototypie sowohl in Vergrösserungen als Verkleinerungen gehören

zu den besten Leistungen in dieser Richtung. Die Anstalt verfügt

über 27 Schnellpressen und eine grosse Anzahl von Buchbinderei- und

anderen Maschinen und soll 700-1000 Menschen, Erwachsene und Kinder,

beschäftigen. In New-York, Cincinnati und St. Louis besitzt die Firma

Filialen[243].

[243] Phototypie Benziger, Reproduktionen von Holzschnitten,

Lithographien, Stahlstichen, Handzeichnungen, auf Metallplatten,

hochgeätzt für Buchdruck.

Um den Leistungen dieser Anstalt vollkommen gerecht zu sein, muss man

der örtlichen Lage derselben eingedenk bleiben. Dieselbe machte die

Fürsorge für die Arbeiter durch Kosthäuser, Kassen und andere humanitäre

Einrichtungen, die nach vielen verschiedenen Richtungen hin vorhanden

sind, noch notwendiger, als bei gewöhnlichen Verhältnissen.

[Sidenote: Bern.]

Die Hauptstadt BERN zählt, was Bevölkerung betrifft, erst als die

fünfte Stadt der Schweiz und bietet in graphischer Hinsicht nichts

Bemerkenswertes dar. Die bedeutendsten Offizinen sind die STÄMPFLIsche

mit 7 Schnellpressen, RIEDER & SIMMEN, JENT & REINERT, K. J. WYSS und B.

F. HALLER. Dieser war der erste, der eine eiserne Presse in der Schweiz

einführte; die erste Schnellpresse erhielten Orell Füssli & Co. im Jahre

1832.

[Sidenote: Genf.]

In der französischen Schweiz ist GENF durch das rege wissenschaftliche

und litterarische Leben bekannt. Die Stadt hat 18 Buchdruckereien

und 17 lithographische Anstalten, doch kein Geschäft von bedeutendem

Umfang. Die grössten derselben sind CHR. SCHUCHARDT und J. LANG mit je 4

Schnellpressen. Auch in LAUSANNE ist ein regeres geschäftliches Leben.

Unter den 17 typographischen und lithographischen Anstalten daselbst ist

zu nennen die von G. BRIDEL (4 Schp.), die gute Werk- und Accidenzdrucke

liefert.

[Illustration]

[Illustration]

XV. KAPITEL.

DER OSTEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.

Presszustände in Österreich. J. T. Trattner. J. G. Trassler. J. v.

Kurzbeck. A. Schmid. Familie Gerold. J. V. Degen. A. Auer. Die Hof-

und Staatsdruckerei. W. v. Braumüller. Das Museum und die

Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Der Buchdrucker-Verein.

Neuere Buchdruckereien Wiens. Die Druckereien in den Provinzen.

UNGARN. Druckereien in Budapest und an anderen Orten. Statistisches

aus Österreich-Ungarn.

[Sidenote: Gedrückte Zustände der Presse.]

Zu derselben Zeit, wo die Presse in Preussen beinahe einer

uneingeschränkten Freiheit sich erfreute, hatte sie in Österreich

mit dem schwersten Druck zu kämpfen. Unter dem Kaiser Karl VI. wurde

noch glimpflich verfahren, unter Maria Theresia trat jedoch grössere

Strenge ein. Ein Patent vom 12. Juli 1752 befahl den Unterthanen, alle

geistlichen Bücher ihren Seelsorgern zur Prüfung zu übergeben, diese

hatten die irrlehrigen an sich zu nehmen, die unverdächtigen, nachdem

sie mit Siegel versehen waren, zurückzustellen. Selbst die Buchbinder

waren verpflichtet, die ihnen zum Binden übergebenen Bücher den

Geistlichen vorzulegen. Politische und staatswissenschaftliche Schriften

wurden mit ähnlichem Argwohn behandelt und die Jesuiten hatten sich ganz

der Zensur bemächtigt. In Ermangelung von gedruckten Zeitungen wurden

geschriebene »Gassenblätter« regelmässig versandt. Zeitungsschreibern,

welche falsche Nachrichten verbreiteten, wurde mit Auspeitschung und

Landesverweisung gedroht und Angebern 100 Dukaten Belohnung zugesagt.

Die einzige in Wien erscheinende Zeitung, das im Jahre 1703 gegründete

»Diarium«, durfte nur solche inländische Nachrichten verbreiten, die ihr

von der Hofstelle zukamen. Ausländische privilegierte Zeitungen konnten

eingeführt werden, sie unterlagen jedoch einer Revision und wurden nur

durch die kaiserlichen Postämter vertrieben. Damals entstanden auch die

verschiedenen Stufen des Verbotes und der Zulassung. 1765 erschien das

erste Verzeichnis der verbotenen Bücher, welches schliesslich selbst

verboten wurde, damit man nicht die Titel der »schlechten« Bücher kennen

lernte.

[Sidenote: Freiere Bewegung unter Joseph II.]

Dem unhaltbaren Zustand setzte die Thronbesteigung Josephs II. (1780)

eine Grenze. Er hob die geistliche Zensur ganz auf und bildete

eine Zensurkommission aus aufgeklärten und unabhängigen Männern.

Das Pressgesetz von 1781 war in seinen Grundlagen nach den eigenen

Bestimmungen des Kaisers entworfen. Das Verzeichnis der verbotenen

Bücher wurde revidiert und mehr als 2500 derselben wieder erlaubt. Nur

gegen schmutzige Bücher wurde mit aller Strenge verfahren. Im Jahre

1787 wurde es gestattet, anstatt der Manuskripte die bereits gedruckten

Werke der Zensurbehörde vorzulegen. Es ward dem Kaiser nicht leicht, bei

diesen Reformen den passiven Widerstand der Beamten zu überwinden. In

der letzten Zeit seiner Regierung ward er auch selbst weniger freisinnig

und die zuletzt erwähnte Massregel wenige Wochen vor seinem Tode durch

eine Verordnung vom 21. Januar 1790 zurückgenommen.

[Sidenote: Neue Beschränkungen.]

[Sidenote: Patent vom Nov. 1810.]

[Sidenote: Abstufung der Bücherverbote.]

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst. 1751-1882. · 第 39 / 47 段