für die Londoner Ausstellung ausgeführte »Neue Testament« nach Luther
in gr. Folio mit bildlichem Schmuck von Cornelius und Kaulbach. Als
eine »grosse« Leistung in den verschiedenen Bedeutungen des Wortes
ist die Krönung I. M. des Königs Wilhelm und der Königin Augusta am
18. Oktober 1861 zu nennen. Das Buch hat eine Höhe von 74 cm und eine
Breite von 53 cm; aufgeschlagen bedeckt es eine Tischfläche von 7844
[Quadrat]cm. Die 135 Blätter des Buches sind einzeln gedruckt und auf
Falz geklebt. Typographisch konnte das Werk nicht besser ausgeführt
sein, als geschehen. Die edle Einfachheit verdient volles Lob. Von den
genealogischen Tafeln misst die eine in der Länge 416 cm. Kopf- und
Schlussvignetten sind dem einfachen Stil des Werkes angepasst. Das Buch
hat eine besonders interessante Geschichte. Zweimal wurde der Druck
durch Kriege unterbrochen und als es im Sommer 1872 erschien, konnte der
Bericht über die Krönung des preussischen Königs Wilhelm dem deutschen
Kaiser Wilhelm dediziert werden.
[Sidenote: Lieder des Mirza Schaffy.]
Rudolf von Deckers -- denn er war anlässlich des hundertjährigen
Bestehens des Hauses in den Adelsstand erhoben -- letzte typographische
That war die Jubelausgabe der »Lieder des Mirza Schaffy«, ein
Prachtwerk, in welchem die Leistungen der Typographie und der
Chromolithographie sich den Rang streitig machen.
Doch nicht nur die Prachtwerke, sondern jede auch die gewöhnlichste
Arbeit wurde mit der grössten Sorgfalt behandelt. So waren das Coursbuch
und nicht minder die demselben beigegebene typographisch ausgeführte
Eisenbahnkarte, eine Arbeit des späteren Frankfurter Buchdruckers A.
Mahlau, ganz vorzügliche Leistungen. Zu dem umfangreichen Geschäft
erwarb R. Decker im Jahre 1852 noch die Papierfabrik Eichberg in
Schlesien.
Wennauch das Verhältnis zu der Regierung dem Deckerschen Geschäft
ausserordentliche Vorteile brachte, so lässt es sich andererseits nicht
in Abrede stellen, dass die Reihe der Besitzer ernstlich bemüht war,
ihre Anstalt auf eine Stufe, die einer solchen bevorzugten Stellung
entsprach, zu bringen und auf einer solchen zu erhalten[225].
[225] Die letzte Wandlung der Anstalt wird weiter unten zu behandeln
sein.
[Sidenote: J. G. Unger * 26. Okt. 1715, [+] 15. Aug. 1788.]
[Sidenote: J. F. Unger * 1753, [+] 26. Dezb. 1804.]
Unter den älteren Buchdruckereien Berlins aus dieser Periode werden
mit besonderer Achtung Unger Vater und Sohn genannt. Ersterer, JOHANN
GEORG UNGER, bei Pirna geboren, kam 1740 als Drucker nach Berlin. Er
etablierte sich hier als Formenschneider und starb als angesehener
Künstler[226]. Der Sohn JOHANN FRIEDRICH UNGER erfreute sich ebenfalls
eines guten Rufes als Formenschneider, erwarb 1780 eine Buchdruckerei
und legte 1791 eine Schriftgiesserei an, namentlich um die Didotschen
Schriften allgemein einzuführen, welche damals so sehr beliebt waren,
dass die Fraktur Gefahr lief, von ihnen verdrängt zu werden (S. 283).
Später wendete sich jedoch Unger, wie früher Breitkopf, der Fraktur zu,
suchte aber das Heil für diese auf einem Irrwege durch Annäherung ihrer
Formen an die runde Antiqua. In dieser Weise schuf er die sogenannten
Ungerschen Lettern und liess diese durch Joh. Chr. Gubitz, den er aus
der Breitkopfschen Offizin in Leipzig engagiert hatte, schneiden, welche
Schriften sich jedoch nicht einbürgern wollten[227]. Im Jahre 1800 wurde
Unger zum Professor ernannt. Nach seinem Tode konnte die Witwe trotz
all ihrer Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit doch nicht das weitverzweigte
Geschäft in dem bisherigen Schwung erhalten. Während der Drangsale der
Kriegsjahre verfiel es nach und nach und gelangte 1821 zum grossen Teil
in den Besitz von TROWITZSCH & SOHN, die den grössten Kalenderverlag
haben und mit der umfangreichen Buchdruckerei (9 Schp.) eine bedeutende
Schriftgiesserei verbinden.
[226] J. FR. UNGER, Denkmal eines Berlinischen Künstlers und braven
Mannes, von seinem Sohne. Berlin 1789.
[227] J. FR. UNGER, Probe einer neuen Art deutscher Lettern. Berlin
1793. -- Die zweite Probe erschien unter der Form: »Die neue
Cäcilia«, 1794. Unger schrieb ferner: »Etwas über die Holz- und
Formschneidekunst«.
[Sidenote: Gebr. Unger.]
Mit der genannten Familie Unger stehen die Gründer der Firma GEBR.
UNGER in keiner verwandtschaftlichen Beziehung. OTTO LUDWIG UNGER[228]
und JUL. FERD. UNGER erwarben 1824 die von F. W. MAAS gegründete
Buchdruckerei. Der Sohn des Julius, CARL JOH. FRIEDR. UNGER, ward 1856
Hofbuchdrucker. Die an orientalischen Schriften reiche Offizin lieferte
viele vorzügliche Werkdrucke.
[228] Schrieb flüchtige Blicke auf die letzten 40 Jahre der
Buchdruckerkunst. Berlin 1840.
Die von CHR. S. SPENER 1773 erworbene Buchdruckerei ging bei dessen Tod
1813 auf seinen Bruder J. K. PH. SPENER über, der mit derselben 1815
die, 1785 gegründete, vorzügliche Offizin von G. H. WEGNER vereinigte.
Wie erwähnt, führte er zugleich mit Decker die Schnellpresse in Berlin
ein (S. 308). 1826 gingen das Geschäft und die »Berlinischen Nachrichten
von Staats- und gelehrten Sachen« in den Besitz des Bibliothekars Dr. S.
H. SPIKER über.
[Sidenote: G. A. Reimer * 27. Aug. 1776, [+] 26. April 1842.]
[Sidenote: C. Reimer [+] 29. Juli 1859.]
G. A. REIMER aus Greifswalde war eine der Zierden des deutschen
Buchhandels, ebenso bekannt durch seine patriotische Gesinnung als seine
geschäftliche Tüchtigkeit. Im Jahre 1817 legte er eine Buchdruckerei für
seinen eigenen Bedarf an. Zu seinem bedeutenden Verlag erwarb er noch
die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig und gehörte somit sowohl Berlin
als Leipzig an. Der Weidmannsche Verlag ging 1830 auf den ältesten Sohn
CARL REIMER über, der ihn, zuerst im Verein mit seinem Schwager Salomon
Hirzel, dann allein fortsetzte. Im Jahre 1855 verlegte C. Reimer das
Geschäft nach Berlin.
[Sidenote: E. S. Mittler * 26. Jan. 1785.]
E. S. MITTLER aus Halle war einer der tüchtigsten und beliebtesten der
deutschen Buchhändler. Im Jahre 1816 übernahm er, erst als Leiter, dann
als Besitzer, die Buchdruckerei seines Schwiegervaters WILHELM DIETERICI
und druckte seinen eigenen meist aus Militaria bestehenden Verlag. Im
Jahre 1862 nahm er seinen Enkel Dr. TH. TÖCHE als Teilnehmer auf, der
nach Mittlers Tode das Geschäft mit aller Energie fortsetzt.
Die DRUCKEREI DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (jetzt unter Leitung
von G. VOGT) ist an Umfang nicht bedeutend, jedoch reich an seltenen
Schriften, mit welchen die Werke der Akademie gedruckt wurden, darunter
Schotts chinesische Grammatik.
[Sidenote: Ed. Hänel * 1804, [+] 16. Aug. 1856.]
Auf die Verdienste ED. HÄNELS ist bereits oben (S. 281) hingewiesen.
Er war in Magdeburg geboren, wo sein Vater C. J. HÄNEL königl.
Hofbuchdrucker war, hatte sich in England tüchtig ausgebildet und
ging später nach Paris und Belgien. 1835 druckte er die preussischen
Kassenanweisungen, zu welchem Zweck er eine Zweiganstalt in Berlin
etablierte. Nachdem das Magdeburger Geschäft durch Feuer verheert
worden war, zog er ganz nach Berlin und überliess seinem Bruder ALBERT
das Magdeburger Etablissement. Das Berliner Geschäft, welches er 1852
an CARL DAVID verkauft hatte, kam nach einigen Wandlungen 1864 in die
festen Hände WILH. GRONAUS, der es im Hänelschen Geiste fortführt und
namentlich der Schriftgiesserei seine Thätigkeit zuwendet.
[Sidenote: J. Sittenfeld * 1801.]
[Sidenote: Carl Schultze * 30. Juli 1821.]
Im Jahre 1835 kaufte JUL. SITTENFELD eine kleine Buchdruckerei, die er
schnell in die Höhe brachte. Die Offizin war im Hebräischen besonders
leistungsfähig; unter anderen druckte er den Talmud in acht Foliobänden.
Der jetzige Besitzer (Dr. O. LÖWENSTEIN) hat das Geschäft bedeutend
erweitert (15 Schp., 200 Arb.). Die Buchdruckerei von C. F. AMELANG
ging durch Kauf auf CARL SCHULTZE über. Er richtete dieselbe besonders
auf den Druck schwieriger wissenschaftlicher, namentlich orientalischer
Schriften ein.
[Sidenote: Der Zeitungsdruck.]
Ein sehr bedeutender Teil der Druckkräfte Berlins wird durch das
Zeitungsgeschäft in Anspruch genommen, indessen haben die einzelnen
Blätter nicht solchen Umfang und Verbreitung, dass man dort
Zeitungsdruckereien wie in England und Amerika aufweisen könnte, selbst
Blätter von dem Umfang und dem Einfluss wie die »Kölnische Zeitung« und
die »Neue Freie Presse« besitzt Berlin nicht. Im allgemeinen lassen
Druck, Papier und Korrektheit der Zeitungen viel zu wünschen übrig.
Das verbreitetste Blatt war 1880 das »Berliner Tageblatt« mit 70000
Abnehmern. Diesem kamen am nächsten »Berliner Zeitung«, »Volkszeitung«,
»Vossische Zeitung« mit zwischen 20-30000 Exemplaren; dann folgten
»Staatsbürger-Zeitung«, »Berliner Börsenzeitung«, »National-Zeitung« in
15-20000 Auflage. Von Rotationsmaschinen besitzt Berlin 19. Die Zahl
der Journale beträgt etwa 478, darunter 43 amtliche, 66 politische. Der
Zeitungsdebit durch die Post bezifferte sich 1880 auf etwa 80 Millionen
Nummern.
Zu den bedeutendsten Zeitungsdruckereien gehört die von LESSING
(»Vossische Zeitung«) mit 2 Rotations-, 4 Doppelmaschinen, nebst
5 Stereotyp-Apparaten; ED. KRAUSE (15 Schp. »Nationalzeitung«,
»Bank- und Handelszeitung«, »Kladderadatsch«, »Wolffs Depeschen«
u. a.); NORDDEUTSCHE BUCHDRUCKEREI UND VERLAGS-ANSTALT (12 Schp.
»Norddeutsche Allgemeine Zeitung«, »Reichsanzeiger« u. a.); R. MOSSE
(18 Schp. »Berliner Tageblatt« etc.); BÜXENSTEIN (3 Rotm. und 21 Schp.
»Börsen-Courier«, »Gerichtszeitung«, »Neue Volkszeitung«); ADAM WILH.
HAYNS ERBEN (9 Schp. »Berliner Intelligenzblatt«); die Buchdruckerei der
»Berliner Börsenzeitung« (10 Schp.).
Der Illustrationsdruck war bis jetzt nicht die starke Seite der
Berliner Offizinen, doch dürfte bei dem Umstand, dass mehrere der
grossen Berliner illustrierten Blätter in Leipzig gedruckt werden,
neben dem guten Druck noch andere geschäftliche Verhältnisse mitreden.
Die verbreitetsten sind: der von L. Schaefer gegründete »Bazar«, jetzt
im Besitz einer Aktiengesellschaft; F. Lipperheides »Modenwelt«;
»Das Berliner Modenblatt«, die »Illustrierte Frauenzeitung«. Von
den politischen Witzblättern fand der »Kladderadatsch« eine grosse
Verbreitung.
[Sidenote: Der Accidenzdruck.]
Auch das Accidenzfach war bis vor nicht langer Zeit in Berlin etwas
vernachlässigt und ausser Hänels Druckerei hatte keine einen besonderen
Ruf auf Grund von Accidenzarbeiten. In jüngster Zeit ist dies vielfach
anders geworden. Ein grosses Ansehen geniesst W. BÜXENSTEIN (S. 286),
dessen neu eingerichtete mit Lithographie verbundene Buchdruckerei
vorzügliches im Accidenz- und Illustrationsdruck liefert. In letzterer
Richtung erwarb sich W. MÖSER (13 Schp.) einen sehr guten Namen.
Auch GEBR. GRUNERT lieferten höchst beachtenswertes im Accidenz- und
Luxusdruck. Ein eigentümliches Accidenzgeschäft ist das der GEBR.
LITFASS, welches sich namentlich dem Plakatdruck widmet und das Monopol
der Anschlagesäulen besitzt. Während der Kriegszeit 1870 befand sich das
»Depeschenhaus« im andauernden Belagerungszustand, denn von Litfass'
Offizin aus gingen die lakonischen aber inhaltsschweren Telegramme »aus
dem Hauptquartier« in das Publikum.
[Sidenote: Der Letteverein.]
Wollten wir alle grösseren Druckereien Berlins nennen, würden wir
Seiten damit füllen, hier sei nur noch erwähnt die Aktiengesellschaft
LETTEVEREIN, welche unter der Direktion von C. Janke dessen frühere
Offizin als Frauendruckerei seit 1875 im Gang erhält; sie beschäftigt 45
weibliche, 20 männliche Arbeiter und 7 Schnellpressen.
Zuletzt ist noch die im Range erste Druckerei Deutschlands zu erwähnen.
[Sidenote: Die Preussische Staatsdruckerei und die Reichsdruckerei.]
Seit dem 1. April 1879 ist das Reich im Besitz einer REICHSDRUCKEREI,
entstanden aus einer Verschmelzung der Deckerschen geheimen
Oberhofbuchdruckerei mit der königlich preussischen Staatsdruckerei.
[Sidenote: Kgl. Preuss. Staatsdruckerei.]
Letztere, verhältnismässig junge Druckanstalt hatte sich einen sehr
guten Ruf erworben. Früher wurden die preussischen Banknoten und
Kassascheine, wie erwähnt, bei Ed. Hänel und auch in der Deckerschen
Offizin ausgeführt. Eine Zentralisation der Regierungsarbeiten wurde
jedoch als notwendig erachtet und durch Kabinettsordre vom 30. August
1851 die KÖNIGLICHE STAATSDRUCKEREI für Anfertigung von Wertpapieren ins
Leben gerufen. Nach Auflösung des Königlichen Lithographischen Instituts
fiel der Staatsdruckerei auch die Herstellung der Generalstabskarten zu.
[Sidenote: Reichsdruckerei.]
Im Jahre 1877 am 1. Juli wurden die Deckerschen Grundstücke und
die Oberhofbuchdruckerei für die Summe von 6780000 Mark vom Reich
angekauft. Von dieser Summe kamen auf die letztere 1780000 Mark.
1879 am 1. April beschloss der Reichstag, die Königlich Preussische
Staatsdruckerei für die Summe von 3573000 Mark für das Reich zu
erwerben und mit der Deckerschen Offizin zu einer Reichsdruckerei zu
vereinigen. Die Lokalitäten der Staatsdruckerei in der Oranienstrasse
wurden in zweckmässiger, auch äusserlich imponierender Weise umgebaut
und beide Druckereien im eigentlichen Sinne des Wortes verschmolzen,
denn die ganzen Schriftenvorräte von 333000 Kilo wurden ins Zeug
geworfen und umgegossen, weil die Systeme der beiden Offizinen nicht
mit einander stimmten, zugleich wohl auch, weil vieles veraltet war.
Auch neue Maschinen wurden angeschafft, so dass die Reichsdruckerei
augenblicklich mit einem Werte von etwa sieben Millionen Mark angesetzt
wird. Ob, wenn einmal das Reich eine eigene Druckerei haben musste,
eine solche nicht von neuem viel zweckmässiger und viel billiger hätte
hergestellt werden können, ist nunmehr allerdings eine müssige Frage.
Jetzt bleibt mehr zu wünschen, als zu hoffen, dass diese Anstalt sich
streng auf diejenigen Arbeiten beschränken werde, welche wirklich
nur die Bedürfnisse der Reichsregierung befriedigen. Nach manchen
Zeichen zu urteilen, beabsichtigt man jedoch, aus der Reichsdruckerei
eine Art von Vorbild für die deutsche Typographie zu schaffen, wie es
seinerzeit die Wiener Staatsdruckerei für Österreich war, wobei man
jedoch vollständig vergisst, dass erstere seit lange mündig geworden.
Selbst die Herstellung der schwierigsten orientalischen Werke, diese
Ausstellungs-Paradepferde der Staatsanstalten, mit Ausnahme der
vortrefflichen St. Petersburger Wertpapierdruckerei, hat sich in den
Privatdruckereien Deutschlands in einer Weise ausgebildet, dass es
nur als eine Schädigung der ohnehin durch die starke gegenseitige
Konkurrenz bedrohten Privatinteressen betrachtet werden müsste, wenn der
Staat ihnen Konkurrenz bereiten sollte.
Die Anstalt beschäftigt 700 Personen, besitzt 55 Schnellpressen, 18
Handpressen und über 200 Hülfsmaschinen. In runder Summe werden jährlich
100 Millionen Bogen gedruckt und über 800 Millionen Poststempel und
andere Wertzeichen zu einer Gesamtsumme von etwa 123 Millionen Mark,
ferner etwa 3-1/2 Millionen Stück Reichsbanknoten, Kassenscheine und
andere Papiere, die einen Wert von nahe an einer Milliarde für die
Besitzer repräsentieren.
Das Budget von 1881-82 ergab eine Einnahme von 3240000 Mark, eine
Ausgabe von 2221980 Mark, doch da hiervon über 700000 Mark Zinsen
und Abschreibungen abgehen und die Stellung der Preise bei Mangel
an Konkurrenz keine geschäftliche Bedeutung hat, so ist es schwer
zu sagen, wie es mit der Rentabilität, wenn mit den Leistungen von
Privatdruckereien verglichen, sich verhält.
Die Reichsanstalt ist unter der bisherigen vorzüglichen Leitung der
Königlich Preussischen Staatsdruckerei geblieben, die Direktion hat
somit Herr Geheimrat BUSSE, die technische Führung Herr E. RINGER. Die
neuesten, künstlerisch wenig befriedigenden Produktionen, die Fünfzig-,
Zwanzig- und Fünfmarkscheine, sind auf Papier gedruckt, in dessen Masse,
nach dem in Amerika angewendeten Verfahren, farbige Fasern strichweise
hineingearbeitet sind. Das Papier wurde unter Aufsicht von Beamten
der Reichsdruckerei von Gebr. Ebart in Spechthausen bei Eberswalde
angefertigt. Über die Untrüglichkeit des Systems wird gestritten.
[Sidenote: Lithographie.]
Berlin ist der Hauptsitz für den lithographischen Farbendruck geworden
in seinen verschiedenen Zweigen, welche sowohl der Herstellung von
Öldruckbildern als der Zeitschriften- und Bücher-Illustrationen, sowie
den vielen Bedürfnissen des Papeteriegeschäfts dienen. Die eigentliche
Bedeutung erhielt der lithographische Farbendruck durch die Bemühungen
Schinkels und Beuths, unterstützt durch das Wohlwollen, welches der
nachmalige König Friedrich Wilhelm IV. schon als Kronprinz dem neuen
Kunstzweig entgegentrug. Den Wert desselben bezeugte in glänzender Weise
das grosse Werk Prof. Zahns über pompejanische Altertümer.
[Sidenote: Kunstanstalten.]
Guten Ruf erlangte die Anstalt J. WINCKELMANNS, der zuerst 1816 in
Verbindung mit Heinr. Arnz das bekannte Institut ARNZ & CO. in
Düsseldorf begründet hatte. Die Leitung desselben lag eine zeitlang in
den Händen von J. STORCH, der später sich mit C. KRAMER verband und
tüchtiges im Landschaftsfache lieferte. Ganz vortrefflich sind Storch &
Kramers für die _Arundel-Society_ in London ausgeführte Reproduktionen
der Freskogemälde altitalienischer Maler (S. 103). Als Meister im
architektonischen und landschaftlichen Aquarelldruck zeichneten sich
LOEILLOT Und R. STEINBOCK aus, bekannt sind unter anderen Hildebrandts
»Reise um die Welt« und Köhlers polychrome Meisterwerke. Mit dem
eigentlichen Ölbilderdruck beschäftigten sich mit mehr oder weniger
Glück eine nicht kleine Anzahl von Firmen und es bleibt nur zu
bedauern, dass neben dem Guten so vieles Geschmacklose, zumteil elendes
Machwerk hervorgebracht wurde, welches eine Kunst für den Augenblick
in Misskredit gebracht hat, die ein besseres Schicksal verdient hatte,
und nun neue Wege suchen muss, um sich die verscherzte Gunst wieder
zu erwerben. Unter den Firmen, die ausser den erwähnten tüchtiges
leisteten, sind zu nennen CARL GEROLD, OTTO TROITZSCH, BÖHME & FRÄNKEL.
Einen bedeutenden Einfluss auf die Verwendung des Farbendruckes
übten die GROPIUSsche Buchhandlung (später ERNST & KORN) durch ihre
grossartigen architektonischen Unternehmungen, RUD. WAGNER durch die
erwähnte Hildebrandts »Reise um die Welt« und ähnliche Aquarell-Albums,
ALEX. DUNCKER durch eine Reihe von Prachtwerken aus.
In neuerer Zeit hat die Verwendung der Chromolithographie zu
gewerblichen Zwecken eine enorme Ausdehnung gewonnen. Die Anführung
einiger der bedeutendsten Firmen wird einen Begriff von dem Umfang
solcher Etablissements geben.
W. HAGELBERG beschäftigt 38 Schnellpressen, 29 Handpressen, 94
Hülfsmaschinen und 700 Arbeiter; CARL HELLRIEGEL 9 Schnellpressen, 42
Handpressen, 450 Arbeiter; SCHÄFER & SCHEIBE, deren hauptsächlichste
Produktion in Neujahrs- und Gratulationskarten besteht, 9
Schnellpressen, 50 Handpressen, 350 Arbeiter; A. KAUFMANN & CO. 23
Schnellpressen, 16 Handpressen und 250 Arbeiter. Umfangreich sind ferner
ALBRECHT & MEISTER, die BERLINER LUXUS-PAPIERFABRIK, KUTZNER & BERGER
und noch manche andere. Man findet hierin die Bestätigung, wie sehr in
dem Druckgewerbe der Zeitungs- und der Accidenzdruck dem eigentlichen
Bücherdruck über den Kopf wächst.
Als Verleger von Karten und Globen wurden namentlich DIETRICH REIMER, E.
SCHOTTE & CO. und das BERLINER LITHOGRAPHISCHE INSTITUT massgebend.
Als Herausgeber von Werken unter Zuhülfenahme des Lichtdruckes
entwickelte E. WASSMUTH eine enorme Thätigkeit, auch PAUL BETTE war in
dieser Richtung sehr rührig. Die PHOTOGRAPHISCHE GESELLSCHAFT besitzt
einen ausserordentlich grossen Fond von photographischen Blättern,
auch G. SCHAUER lieferte viele Blätter und Albums. Den eigentlichen
Kunstverlag pflegten E. H. SCHRÖDER (R. SCHUSTER), SACHSE & CO., AMSLER
& RUTHARDT, GOUPIL & CO. (Filiale von Paris). Unter den Verlegern,
die einen besonderen Einfluss auf das Druckgewerbe übten, sind noch
zu nennen: G. GROTE, DUNCKER & HUMBLOT, VEIT & CO. (beide jetzt in
Leipzig), JUL. SPRINGER, GEBR. PAETEL, P. PAREY, DÜMMLERS Verlag, A.
HIRSCHWALD, G. LANGENSCHEIDT (selbst Buchdrucker), A. ASHER & CO.,
WIEGANDT & GRIEBEN.
* * * * *
[Sidenote: Breslau.]
In der drittgrössten Stadt des Deutschen Reiches BRESLAU[229] hat die
Druckerei im Verhältnis zur Grösse der Stadt keine Rolle gespielt, so
wenig wie in den anderen grossen Städten des Nordens Königsberg, Danzig,
Hamburg, Magdeburg und Köln.
[229] Geschichte der seit 300 Jahren in Breslau befindlichen
Stadtbuchdruckerei. 1804.
[Sidenote: Grass, Barth & Co.]
Im Jahre 1748 übernahm CARL WILH. GRASS die Stadtbuchdruckerei in
Breslau von den Baumannschen Erben (I, S. 145), dem sein Bruder
FRIEDR. SIGM. GRASS folgte. Nach dessen Tode erwarb JOH. AUG. BARTH
das Geschäft und vermehrte es durch die Druckerei der katholischen
Landes-Universität. Ein schönes Denkmal der Leistungsfähigkeit der
Offizin ist das 1818 erschienene _Pacis annis 1814 et 1815 foederatis
armis restitutae monumentum_ in Gross-Folio, welches Jubelgedichte in 42
grösstenteils fremdländischen europäischen und orientalischen Sprachen
enthält. Die Firma wurde GRASS, BARTH & CO., sie verbindet jetzt
Typographie mit Lithographie und arbeitet mit 14 Schnellpressen.
[Sidenote: W. G. Korn.]
Einen grossen Umfang erreichte die Verlagshandlung und Buchdruckerei von
W. G. KORN, welche am 13. Januar 1882 ihr 150jähriges Jubiläum beging.
JOH. JOS. KORN eröffnete an diesem Tage 1732 sein Geschäft und erhielt
1741 Privilegium zur Herausgabe der »Schlesischen Zeitung«. Sein Sohn
JOH. GOTTLIEB KORN trat 1828 die Buchhandlung, 1836 die »Schlesische
Zeitung« an seine beiden Söhne ab. Im Jahre 1851 übernahm HEINR. KORN
das Etablissement. Anlässlich des Jubiläums errichtete er, abgesehen
von manchen anderen Schenkungen, für seine Mitarbeiter eine Stiftung
mit einem Kapital von 100000 Mark und wurde in den Adelsstand erhoben.
Das Geschäft arbeitet mit 15 grossen Maschinen und etwa 150 Arbeitern,
besitzt auch bedeutende Papierfabriken.
S. SCHOTTLÄNDER hat einen reichhaltigen Verlag und arbeitet mit 15
Schnellpressen. Von grossen Verlagshandlungen sind noch zu nennen MAX &
CO., FERD. HIRT und E. TREWENDT.
[Sidenote: C. Flemming * 10. Mai 1806, [+] 1. Nov. 1878.]
Einen bedeutenden Umfang erreichte das Geschäft von CARL FLEMMING in
GLOGAU, welches sich namentlich der Produktion von Landkarten widmet und
damit 11 typographische und lithographische Schnellpressen beschäftigt.
[Sidenote: Posen.]
In POSEN wurde, wie erwähnt, von G. J. Decker ein Etablissement
errichtet, das jetzt als W. DECKER & CO. typographisch und
lithographisch mit 7 Schnellpressen arbeitet. FRANKFURT A. O., die erste
Stadt Preussens, in welcher die Druckerei eingeführt wurde, hat so wenig
wie andere Städte des östlichen Preussens eine besondere Stellung in der
Typographie erworben. Die bedeutendste Druckanstalt dort ist TROWITZSCH
& SOHN (gegr. 1779) mit 6 Schnellpressen.
[Sidenote: Königsberg.]
Selbst die Königs- und Universitätsstadt KÖNIGSBERG misst sich kaum
mit mancher Stadt von 20-30000 Einwohnern hinsichtlich graphischer
Produktion. Erst 1523 war die Druckerei dort durch HANS WEYNREICH
eingeführt, dessen Offizin nach vielen Wandlungen zur Zeit des dritten
Jubelfestes in den Händen JOH. FR. REUSSNERS war.
[Sidenote: J. H Hartung * 17. Aug. 1699, [+] 5. Mai 1756.]