Bibelanstalt 1804 (S. 99) und der deutschen Hauptbibelgesellschaft.
Im Jahre 1830 konnte die erste Schnellpresse aufgestellt und 1839
eine Stereotypie eingerichtet werden. Die Zahl der von 1712-1872
gedruckten Bibeln und Neuen Testamente betrug nahe an sechs Millionen.
Seit dem Jahre 1860 sind die beiden Druckereien der Franckeschen
Stiftungen im Betrieb vereinigt (12 Schp.) unter der sicheren Leitung
des tüchtigen Buchdruckers C. BOBARD. Einen besonderen Aufschwung nahm
die Buchhandlung seit 1858 unter der umsichtigen Direktion von OSW.
BERTRAM, der sich auch um den Deutschen Buchdrucker-Verein sehr verdient
gemacht hat. Sein Nachfolger ist der durch seine höchst verdienstlichen
bibliopolischen Schriften bekannte AUG. SCHÜRMANN[221].
[221] Die Usancen des deutschen Buchhandels. 2. Aufl. Leipzig 1867. --
Magazin für den deutschen Buchhandel 1874-1876 u. a.
[Sidenote: Carl August Schwetschke * 29. Sept. 1756.]
[Sidenote: Dr. Carl Gust. Schwetschke * 5. April 1805, [+] 5. Okt. 1881.]
Ein angesehenes Geschäft ist das Gebauer-Schwetschkesche. CARL AUGUST
SCHWETSCHKE aus Glauchau kam 1783 als Faktor in die Buchhandlung der
Witwe HEMMERDE, welche ihn 1788 als Mitbesitzer aufnahm. Die Firma wurde
nun Hemmerde & Schwetschke und, als des letzteren Sohn CARL FERDINAND
im Jahre 1828 eintrat, SCHWETSCHKE & SOHN. Im Jahre 1820 war ihm die
Gebauersche Buchhandlung und Buchdruckerei zugefallen, die er als
besonderes Geschäft seit 1828 mit seinem jüngeren Sohne Dr. CARL GUSTAV
SCHWETSCHKE fortführte.
Bereits am 30. September 1878 konnte die Familie eine dreifache
Jubelfeier begehen, die des hundertjährigen Bestehens des Geschäfts,
die fünfzigjährige der geschäftlichen Wirksamkeit Dr. Gustavs und
die fünfundzwanzigjährige derjenigen seines Sohnes Carl Ferdinand.
Zu den bedeutenden Unternehmungen der Firma gehören: _Suidae Lexicon
graece et latine_ und _Freytagii Lexicon arabico latinum_. Dr. G.
Schwetschke erwarb sich einen bekannten und beliebten Namen durch seine
litterarischen Arbeiten[222].
[222] Vorakademische Buchdruckergeschichte von Halle. 1840. -- _Codex
nundinarius Germaniae literatae bisecularis_ 1850. -- In
weiteren Kreisen fanden grossen Beifall seine prosaischen und
poetischen Schriften in korrumpiertem Latein, darunter _Novae
epistolae obscurorum virorum_.
Die frühere Bedeutung MAGDEBURGS als Druckplatz ging bald verloren.
Erst durch ED. HÄNEL (S. 281), dessen Etablissement noch heute
besteht, gewann es wieder einen Namen. Zu nennen sind besonders
das Etablissement von E. BAENSCH JUN. (10 Schp.) und die Druckerei
der Brüder ALEXANDER und ROBERT FABER, welche die in ihrem Verlage
erscheinende »Magdeburgische Zeitung«, die eine einflussreiche Stellung
und eine grosse Verbreitung erreicht hat, mit 3 Rotationsmaschinen und 5
Schnellpressen druckt.
[Sidenote: Fr. Vieweg [+] 25. Dez. 1835.]
[Sidenote: Ed. Vieweg * 15. Juli 1797, [+] 1. Dez. 1869.]
BRAUNSCHWEIG hat, obwohl nicht durch besondere örtliche Verhältnisse
begünstigt, eine ziemlich bedeutende Rolle in der deutschen Typographie
gespielt. Hier wirkte die Firma VIEWEG & SOHN, welche durch ihr Beispiel
grossen Einfluss auf die Fortschritte in der deutschen Bücherausstattung
geübt hat. Der Begründer des Geschäfts war FR. VIEWEG (1799), den
Höhepunkt erreichte dasselbe nach dem Beitritt des Sohnes HANS HEINRICH
EDUARD VIEWEG im Jahre 1825. Er war zu Berlin geboren und hatte sich für
seinen Beruf in Frankreich ausgebildet. In Paris schloss er eine für
das Leben dauernde Freundschaft mit dem berühmten Chemiker Justus v.
Liebig, die für Viewegs geschäftliche Wirksamkeit von grösstem Einfluss
wurde. Aus England brachte er die erste Columbiapresse nach Deutschland
und unternahm es, auf der Zorger Eisenhütte im Harz dergleichen Pressen
bauen zu lassen (S. 316).
[Sidenote: Einfluss Viewegs.]
Vieweg wurde ein Bahnbrecher für den guten typographischen Geschmack.
Durch die Verwendung des instruktiven Holzschnittes in einem Maasse, wie
früher nicht gekannt war, hat er ganz ausserordentlich zu der wahren
Popularisierung der Wissenschaft, welche nicht mit dem oberflächlichen
Naschen durch Hülfe zusammengeschriebener, sogenannter populärer
Litteratur verwechselt werden darf, beigetragen. Seine Druckwerke,
zu denen die eigenen Werkstätten die Schriften, die Holzschnitte
und das Papier lieferten, waren ein Spiegelbild seiner eigenen
Persönlichkeit. Alles durch und durch _gentlemanlike_: gediegenes
Innere in einfach nobler Hülle. Das ganze Viewegsche Institut erinnert
an die besten Werkstätten der früheren Blütezeit der Typographie mit
ihren begeisterten, nach einem festen Ziele strebenden Leitern. Für das
allgemeine Interesse des Buchgewerbes trat Vieweg stets mit Energie ein.
Er unterlag in seinem 73. Jahre langen und schweren Leiden. Das Geschäft
blüht fort und beschäftigt 14 Schnellpressen und 10 Handpressen.
[Sidenote: G. Westermann * 23. Febr. 1810, [+] 7. Sept. 1869.]
In ähnlicher Weise wie Vieweg wirkte GEORGE WESTERMANN, welcher mit
seiner 1838 gegründeten Buchhandlung 1845 eine Buchdruckerei vereinigte.
Beide Geschäftszweige gelangten zur vollen Blüte und die Westermannschen
Leistungen sind ebenso vorzüglich wie seine Offizin (15 Schp.) eine
schön eingerichtete ist. Unter seinen Verlagsunternehmungen sind am
bekanntesten seine nach amerikanischem Muster angelegten illustrierten
»Westermanns Monatshefte« (seit 1856). Durch E. Gäbler errichtete er
in Leipzig eine chemitypische Anstalt, in welcher er seine äusserst
billigen Kartenwerke herstellte. Von Langes Schulatlas ist bereits mehr
als eine Million Exemplare verbreitet.
Unter den Druckanstalten Braunschweigs nimmt auch die von JULIUS KRAMPE
(1 Rotm., 8 Schp.) einen angesehenen Platz ein. Die lithographische
Anstalt der Firma H. LITOLFF (8 Schp., 5 Hdp.) druckt den bedeutenden
Musikalien-Verlag der Firma.
[Sidenote: Dr. H. Meyer.]
An Braunschweig und die Firma JOH. HEINR. MEYER knüpft sich noch die
Erinnerung an einen Mann, der von den deutschen Typographen stets hoch
in Ehren gehalten zu werden verdient. Wie Vieweg auf dem praktischen
Wege bahnbrechend wirkte, so Dr. HEINRICH MEYER auf dem theoretischen
durch sein »Journal für Buchdruckerkunst«. Dasselbe wurde 1834
begründet, zu einer Zeit des regsten Schaffens auf allen graphischen
Gebieten. Kaum eine Woche verging, welche nicht eine Verbesserung,
eine neue Schrift, eine neue Maschine u. dgl. brachte. Das Verdienst,
alle diese Neuheiten nicht nur gewissenhaft registriert, beschrieben
und abgebildet, sondern auch ihrem wahren Werte nach unparteiisch und
nüchtern beurteilt zu haben, gehört Meyer. Fast immer war sein Urteil
zutreffend und die Zukunft lehrte gewöhnlich, wie recht er gehabt
hatte. In seiner Selbstlosigkeit war ihm die Sache alles; nie liess
er sich von persönlichen Sympathien bestechen oder von Antipathien
zu Ungerechtigkeiten hinreissen; sein Blatt blieb frei von allem
Koteriewesen. In seinem Urteil war er mild, konnte jedoch auch, wenn es
sein musste, gegen anmassende Dummheit derb, jedoch nie gehässig werden.
Dr. Meyer starb am 4. November 1863, schwerlich Feinde hinterlassend,
wohl aber viele Freunde, die seinen Hingang als einen schweren Verlust
für die deutsche Typographie betrauerten.
Nach seinem Tode litt das Blatt unter einem langen Schwanken in den
redaktionellen Verhältnissen, bis im Herbst 1872 THEODOR GOEBEL, an
Kenntnissen und Sammelfleiss Meyer ebenbürtig, die Redaktion antrat und
bis zum Herbst 1879 fortführte. Namentlich seine vielen ausführlichen
und sachkundigen Ausstellungsberichte bieten wichtige Beiträge zur Kunde
der Fortschritte auf allen graphischen Gebieten. Nach Goebels Rücktritt
folgte wieder eine Periode der Unsicherheit, bis das Blatt im Herbst
1881 in den Verlag und in die Redaktion von FERD. SCHLOTKE in Hamburg
überging.
Das »Journal für Buchdruckerkunst« wird bald sein fünfzigjähriges
Bestehen feiern können. Es bleibt die wichtigste Quelle für die
Geschichte der typographischen Entwickelung in dem letzten halben
Säkulum, in dessen Gewirr es einer späteren Generation schwer werden
würde, sich ohne seine Hülfe zurechtzufinden.
[Illustration]
XIII. KAPITEL.
DER NORDEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.
BERLIN: wachsende Bedeutung. Die Familie Decker, Unger Vater und Sohn,
Gebr. Unger, Familie Spener, Reimer, Mittler u. a. Ed. Hänel-Gronau.
Die Zeitungsdruckereien. Die Accidenzdruckereien. Die
lithographischen und sonstigen Kunstanstalten. Breslau. Frankfurt a.
O. Posen. Königsberg. Danzig. Stettin. Lübeck. Hamburg. Bremen.
Hannover. Köln: Die Offizin der »Kölnischen Zeitung«.
[Sidenote: Allmähliche Fortschritte.]
Berlin hatte, als die neue Periode der Buchdruckerkunst anfing, noch
keine Bedeutung als Druckstadt; dieselbe zeigte sich erst nach und
nach unter der Regierung des grossen Königs, hielt jedoch immer noch
nicht Schritt mit der zunehmenden Bedeutung der Residenz eines mächtig
emporblühenden Landes.
[Sidenote: Die Hofbuchdrucker.]
Im Jahre 1757 wurde CHRIST. FRIEDR. HENNING zum zweiten deutschen
Hofbuchdrucker ernannt mit der Aussicht, die Stelle des ersten, CHR.
ALB. GÄBERTS, nach dessen Tode zu erhalten. Neben den »deutschen
Hofbuchdruckern« gab es auch »französische«. Den Titel eines solchen
hatte bereits 1696 ROBERT ROGER aus Amsterdam. In dem Jahre 1718 ging
Rogers Offizin in die Hände J. G. MICHAELIS über. Er sowohl als Henning
waren sehr tüchtige Buchdrucker, die einen wesentlichen Anteil an der
Hebung des typographischen Geschmacks in Berlin hatten.
[Sidenote: Die Familie Decker.]
Die berühmtesten Hofbuchdrucker gehörten jedoch der Familie DECKER an,
der eine so glänzende Rolle zufiel, wie wenigen in Deutschland[223].
[223] AUG. POTTHAST, Die Abstammung der Familie Decker. Berlin 1863. --
Börsenbl. f. d. d. B. Januar 1877. -- Ann. d. Typ. 1877, Nr. 388.
[Sidenote: Joh. Jac. I Decker * 1635.]
Die Familie stammt aus Eisfeld im Thüringschen. Der am 23. April
1596 geborne Georg Decker siedelte nach Basel über und erwarb 1635
durch Heirat mit der Witwe des Buchdruckers Johann Schröter dessen
Offizin, die er so rasch zur Blüte brachte, dass er bereits 1636 zum
Universitätsbuchdrucker ernannt wurde. Sein Sohn und Nachfolger JOHANN
JACOB I zog 1680 mit einem Teile der Druckerei nach Neu-Breisach, um
Drucker des dortigen französischen Gerichtshofes zu werden.
[Sidenote: Joh. Jac. II Decker * 1666, [+] 1726.]
[Sidenote: J. Heinr. I Decker * 18. März 1679, [+] 29. Dez. 1741.]
Von dessen beiden Söhnen JOHANN JACOB II und HEINRICH I führte der
erste, als der Vater nach Breisach übersiedelte, das Geschäft in Basel
fort und behielt nach dessen Tode im Interesse der Familie die Leitung,
erwarb jedoch ausserdem die dortige Ludinsche, früher Henric Petrische
Offizin. Der Bruder Joh. Heinrich I gründete in Colmar, welches durch
den Ryswicker Frieden 1697 französisch geworden war, eine Offizin, um
Regierungsarbeiten zu drucken.
[Sidenote: Joh. Heinr. II Decker.]
Der kinderlose JOH. JACOB II vermachte sein Geschäft dem JOH. HEINRICH
II, Sohn des Heinrich I, welcher ausserdem mit Erfolg das Colmarer
Geschäft fortsetzte. Leider wurde er durch einen Verwandten zur Gründung
einer Papierfabrik veranlasst, welche ihn in Verlegenheiten und
Verdriesslichkeiten verwickelte, die ihn so erschütterten, dass er in
einen Zustand von Geistesschwäche verfiel, unter welchem das Geschäft
fast zugrundeging.
[Sidenote: G. Jac. I Decker * 12. Febr. 1732, [+] 17. Nov. 1799.]
Johann Heinrich II hatte zwölf Kinder, unter diesen GEORG JACOB I.
Derselbe lernte die Buchdruckerei, studierte dann in Strassburg, wo
er im Hause seines Oheims, des bekannten Geschichtschreibers der
Typographie, Joh. Schöpflin, gute Aufnahme und Nahrung für seine Liebe
zur Typographie fand. Im Jahre 1750 ging Georg Jacob auf Reisen und kam,
nachdem er vergeblich Aufnahme in der Breitkopfschen Offizin in Leipzig
gesucht hatte, nach Berlin, wo er sechs Monate in der Henningschen
Druckerei arbeitete.
[Sidenote: Joh. Grynäus.]
Ein französischer Emigrant ARNOLD DUSSARRAT hatte 1713 Konzession für
eine französische Buchdruckerei erhalten, welche sich 1721 in den Händen
des JOHANN GRYNÄUS aus Basel befand. Letzterer kam, obwohl ein tüchtiger
Mann, nicht vorwärts, und die Druckerei befand sich bei seinem Tode 1740
in misslicher Lage. Als Helfer trat nun Georg Jacob heran, der mit der
Tochter des Grynäus, Louise Dorothea, einen Bund des Herzens geschlossen
hatte. Nachdem er erst Ordnung in die verwickelten Angelegenheiten
des väterlichen Geschäfts in Basel gebracht hatte, infolge welcher
das Colmarer Haus auf den Bruder Johann Heinrich III überging, dessen
Nachkommen noch in Besitz des dortigen angesehenen Geschäfts sind,
übernahm Georg Jacob die alleinige Leitung der Grynäusschen Offizin
und wurde 1756 Mitbesitzer, wodurch sich die Firma in GRYNÄUS & DECKER
änderte.
[Sidenote: Grynäus & Decker.]
Der nun folgende rasche Aufschwung konnte nicht einmal durch
den siebenjährigen Krieg gehemmt werden, da die grosse Zahl von
Flugschriften und Neuigkeitsblättern eine lebendige geschäftliche
Bewegung veranlasste. Nach dem Einzug der Russen in Berlin hielt
der verschiedentlich kompromittierte Decker es jedoch für geraten,
zeitweilig die Stadt zu verlassen.
Im Jahre 1763 wurde er alleiniger Inhaber des Geschäfts und von nun war
sein Glück in stetem Wachsen. Er erhielt das Direktoriat der für das
Lotto errichteten königlichen Druckerei mit einem Gehalt von 300 Thalern
und nach erfolgtem günstigen Urteil der Akademie der Wissenschaften den
Titel eines Hofbuchdruckers mit der Anwartschaft auf die klingenden
Vorteile eines solchen. Die Versuche Deckers, diese Stellung sich
erblich zu sichern, strandeten damals, ohne dass er deshalb den Gedanken
daran aufgab.
[Sidenote: Schriftgiesserei in Berlin.]
[Sidenote: Decker erblicher Hofbuchdrucker.]
Mit der Schriftgiesserei in Preussen war es noch schlecht bestellt.
Seit Thurneyssers Anlauf (I, S. 152) war Berlin bis 1743 ohne
Schriftgiesserei, und spätere Versuche waren nicht günstig abgelaufen.
Das war für Decker ein günstiger Moment. Er kaufte die besten
Baskervilleschen und Fournierschen Matern und liess einen gut geschulten
Faktor kommen, versprach auf seine Kosten eine tüchtige Schriftgiesserei
einzurichten und »alle französischen Bücher von Wert nachzudrucken,
wodurch viel Geld dem Lande erhalten werden würde«. Dies schlug bei
dem König, dem der _nervus rerum_ stets wichtig war, durch, und am 4.
Januar 1769 erhielt Decker die erbliche Würde eines Hofbuchdruckers,
ausserdem ein Privilegium für die nachzudruckenden Bücher. Der König
blieb Decker stets gewogen und gehörte als Schriftsteller zu dessen
Kunden; eine solche war auch die Königin Elisabeth Christine, die sich
mit der Herausgabe frommer Bücher beschäftigte.
[Sidenote: Aufblühen des Verlagsgeschäfts.]
Das frischere geistige Leben, welches seit dem Hubertusburger Frieden
1763 in Berlin pulsierte, unterliess nicht, seinen Einfluss auf das
Deckersche Geschäft zu üben. Georg Jacob trat in Verbindung mit den
vielen schriftstellerischen Berühmtheiten und fing nun 1769 selbst an
zu verlegen, und zwar mit einem solchen Eifer, dass die Zahl seiner
Verlagsartikel bald an 400 betrug. Damals begann auch allgemein eine
bessere Ausstattung der Bücher; selten erschien ein solches ohne Zuthat
bildlichen Schmuckes namentlich unter der Mitwirkung Chodowieckis.
Die Druckerei war hierdurch und durch fremde Arbeiten so stark
beschäftigt, dass Decker viele Aufträge auswärts ausführen lassen
musste. Als Verleger ging er jährlich zweimal zur Messe nach Leipzig,
wo er in freundschaftlichem, zugleich geschäftlichem Verkehr mit
Bernhard Breitkopf, später mit dessen Sohn Immanuel, stand. Das Baseler
Geschäft wurde von ihm und dem Bruder in Colmar der Direktion eines
Geschäftsführers überlassen.
[Sidenote: Gunst Friedrich Wilhelms II.]
Nach dem Tode Friedrichs II. 1786 bestätigte der König Friedrich Wilhelm
II. nicht allein die Privilegien Deckers, sondern er hatte ausserdem
Decker und der Vossschen Buchhandlung das Recht gewährt, französische
und ins Deutsche übersetzte Werke Friedrich des Grossen zu drucken unter
der Bedingung, dass sie in einer besonderen, im königlichen Schlosse zu
Potsdam dazu angewiesenen Lokalität hergestellt wurden. Decker stellte
schleunigst zehn und dann noch weitere zehn Pressen auf und schon im
Frühjahr 1789 waren die 25 Bände der Werke gedruckt. Der König war mit
der raschen Ausführung so zufrieden, dass er Decker, als besonderen
Beweis seiner Gnade, für sich und seine Erben für alle Zeiten zum
Geheimen Ober-Hofbuchdrucker ernannte. Die Ausgabe genügte jedoch nicht
in derselben Weise den Anforderungen der Kritik. Die Redaktion war
eine des grossen Autors ganz unwürdige. Hierdurch und auf Grund von
Nachdrucken wurde das Unternehmen für die Verleger ein verfehltes.
[Sidenote: Letzte Jahre G. Jacobs I.]
Das Ziel von Deckers Ehrgeiz war erreicht. Das Glück hatte ihn im
Geschäft und in der Familie begünstigt. Vier Töchter verheirateten sich
mit Männern von Fach, den Brüdern Christ. Spener und Joh. Carl Spener,
dem Buchhändler H. A. Rottmann und dem berühmten Schriftgiesser Wilh.
Haas d. ä. in Basel. Der Mann der fünften Tochter, Ph. Rosenstiel, war
zwar Oberfinanzrat, spielte jedoch auch in der geschäftlichen Geschichte
der Familie eine Rolle.
Beim Eintritt in sein 60. Jahr am 25. Juni 1792 überliess Georg Jacob I
seinem Sohne GEORG JACOB II sein Geschäft käuflich und führte im Kreise
der Seinigen sowie von Künstlern und Männern der Wissenschaft ein,
wennauch mit körperlichen Leiden verbundenes so doch heiteres Leben, bis
der Tod den Achtundsechzigjährigen am 17. November 1799 abrief.
[Sidenote: Georg Jacob II * 9. Novbr. 1765, [+] 26. Aug. 1819.]
Der Sohn Georg Jacob II hatte die Buchdruckerei im väterlichen Hause
und bei H. G. Effenbart in Stettin, den Buchhandel bei Treuttel & Würtz
in Strassburg gelernt und sich auf längeren Reisen weiter ausgebildet.
Teilhaber des Geschäfts war er bereits 1788 geworden.
[Sidenote: Zensurschwierigkeiten.]
Ihm sollte das Leben nicht ohne schwere Sorgen und harte Prüfungen
verlaufen. Ein Hemmnis für die Verlagsthätigkeit Deckers wie für den
ganzen Buchhandel wurden die schon im Jahre seines Eintritts in das
Geschäft 1788 erfolgenden Edikte des Ministers Wöllner, die besonders
empfindlich die Zeitungen trafen, von welchen eine nach der andern
einging. Die Verlagshandlung wurde von der Druckerei getrennt und in
die Hände Rottmanns, unter dessen Firma, gelegt, dafür wurde aller
Fleiss und jede Mühe auf die Verbesserung der Buchdruckerei und der
Schriftgiesserei seitens Georg Jacob d. j. verwendet. Er schaffte Matern
von Bodoni, W. Haas und Didot an, sowie das beste Material für die Typen
und die Farbe.
[Sidenote: Das Posener Geschäft.]
Die Regierung wünschte in dem durch die zweite Teilung Polens ihm
zugefallenen Posen die Anlage einer Druckerei. Decker kam den
vertraulichen Aufforderungen nach. Das Unternehmen machte ihm jedoch
viele Sorgen und ging 1819 in die Hände des Schwagers Deckers,
Rosenstiel, für dessen Sohn über.
[Sidenote: Kalamitäten des Baseler Geschäfts.]
Noch grössere Sorgen sollte ihm das Baseler Geschäft bereiten. In
dieses hatte er einen sehr talentvollen, jedoch extravaganten Mann,
Maximilian Schoell, erst als Disponent, dann als Teilhaber aufgenommen,
der, nicht zufrieden mit der buchhändlerischen Wirksamkeit, Decker
in Banquierunternehmungen verwickelte und ihn in ein seine Existenz
bedrohendes Meer von Sorgen stürzte, so dass dieser noch froh sein
musste, das Baseler Geschäft mit einem Verlust von 180000 Livres an den
dortigen Buchdrucker und Verleger Thurneisen übergeben zu können.
[Sidenote: Die Notjahre Preussens.]
Auch in Berlin sollten schwere Schläge nicht ausbleiben. Die
fortwährende Ausdehnung des dortigen Geschäfts hatte den Erwerb eines
schönen Grundstückes in der Wilhelmstrasse veranlasst. Die Notjahre
Preussens konnten jedoch nicht spurlos an Decker vorübergehen. Keine
Schwierigkeiten vermochten indessen seine Energie und Anstrengungen
für die technischen Fortschritte in der Druckerei zu schwächen. So
war er der erste in Berlin, der die grossen Erfindungen der Neuzeit,
die Lithographie, die eiserne Presse, die Stereotypie einführte, mit
seinem Schwager Spener der erste in Deutschland, der eine Schnellpresse
erwarb. Die Freude, letztere in Gang zu sehen, als Lohn für seine dabei
bewiesene Opferwilligkeit, war ihm nicht beschieden.
[Sidenote: Tod G. Jacob II Deckers.]
So überstand Decker rüstig und mutvoll kämpfend die schweren Jahre,
obwohl er während der französischen Okkupation an 80000 Thaler Lasten
und Verluste zu tragen hatte. Vom Jahre 1813 aber trat wieder eine so
starke Beschäftigung ein, dass er sich für die gehabte Not reichlich
entschädigt sah. Nach langen Leiden entschlief er am 26. August 1819.
Über acht Jahre lang wurde das Geschäft unter Vormundschaft vortrefflich
weiter geleitet, bis am 31. Januar 1828 der jüngste Sohn Rudolf Ludwig
nach erreichter Volljährigkeit mit dem älteren Bruder CARL GUSTAV (der
älteste der Brüder war bereits gestorben) das Geschäft übernahm, welches
nach dem bereits 1829 erfolgenden Tode Carl Gustavs dem Rudolf allein
zufiel.
[Sidenote: Rudolf Decker * 8. Jan. 1804, [+] 12. Jan. 1877.]
RUDOLF DECKER war durch eine vorzügliche technische und
wissenschaftliche Ausbildung auf das beste für seinen Beruf vorbereitet
und widmete sich mit vollem Eifer demselben. Durch ihn erreichte der Ruf
des Hauses seinen Höhepunkt.
Seine Aufmerksamkeit war namentlich der Schriftgiesserei gewidmet, in
welcher er sich sowohl im väterlichen Hause, wie in der Schriftgiesserei
Molé in Paris tüchtige Kenntnisse erworben hatte. Mit besonderer
Vorliebe pflegte er die Fraktur (S. 285). Die Bestrebungen der
Schriftgiesserei fanden Ausdruck in der grossen für die erste
Londoner Ausstellung 1851 angefertigten und später vervollständigten
Schriftprobe. Die Akademie der Wissenschaften in Berlin übertrug
Decker den Schnitt ihrer koptischen, arabischen, Sanskrit- und anderen
orientalischen Schriften, die in fast allen Universitätsbuchdruckereien
eingeführt wurden. Für diese Arbeiten wirkten die Schriftschneider
Beyerhauss, J. Schilling, Wotze, Schultz, Krumwiede u. a.
[Sidenote: Prachtwerke.]
[Sidenote: _[Oe]uvres de Frédéric le Grand._]
Die Druckerei blieb nicht zurück, und lieferte Werke, die für alle
Zeiten ihren Rang behaupten werden. Anlässlich der Gutenbergfeier
1840 wurde das Prachtwerk »Zwanzig alte Lieder von den Nibelungen«
herausgegeben von Prof. Carl Lachmann mit eigens dazu in Annäherung
an die gothische Schrift geschnittenen Typen gedruckt. Eine wahre
Zierde der deutschen Druckkunst und Xylographie ist die Jubelausgabe
der _[Oe]uvres de Frédéric le Grand_, 30 Bände Quart, durch welche
die redaktionellen Fehler der ersten Ausgabe in gelungenster Weise
gutgemacht wurden. Die Redaktion leitete auf Veranlassung des Königs
Friedrich Wilhelm IV. Professor Preuss. Das Werk, mit den trefflichsten
Holzschnitten von Unzelmann und den Brüdern Vogel nach den genialen
Zeichnungen Menzels geschmückt, wurde in 200 Exemplaren gedruckt, die
nur zum Verschenken bestimmt waren. Nichts wurde an Arbeit, Material und
Kosten verabsäumt, um ein wahres Meisterwerk zu schaffen, welches, 1844
begonnen, erst nach dem Tode des königlichen Förderers 1860 vollendet
wurde[224].
[224] Durch eine mit allerhöchster Erlaubnis dem Buchhändler Rud.
Wagner in Berlin gestattete Ausgabe der Holzschnitte, welche ganz
vorzüglich in der Staatsdruckerei ausgeführt wurde, sind diese
glänzenden Schöpfungen Menzels dem Publikum seit dem Jahre 1882
zugänglicher geworden.
[Sidenote: Das Neue Testament.]
[Sidenote: Das Krönungswerk.]