Merkwürdig genug, dass ein Mann, begabt mit dem weiten Blick Brockhaus'

und so gewohnt, pekuniäre Schwierigkeiten zu überwinden, sich die

Ehre nehmen liess, als erster die Schnellpresse in Deutschland zur

Anwendung zu bringen; dies um so mehr, als er die Sache scharf ins

Auge genommen hatte und die Wichtigkeit der Schnellpresse vollständig

erfasst hatte, wie aus einer Korrespondenz zwischen ihm und König

& Bauer, die auch ein interessantes Streiflicht auf Königs weiten

Geschäftsblick wirft, hervorgeht[210]. Bereits am 7. November 1818

wandte er sich an König & Bauer, um Näheres über die Leistungsfähigkeit

der Schnellpresse zu erfahren, indem er betonte, dass 25 Handpressen

nicht imstande gewesen, die Hälfte des Lexikons, fünf Bände in 12000

Auflage, innerhalb fast eines Jahres zu liefern, und dass die Arbeiter

bei der Einförmigkeit der Arbeit ermüdeten und zuletzthin nur schlechte

Arbeit lieferten. König & Bauer beleuchten in ihrer Antwort, dass 2-3

Schnellpressen genügen würden, um 25 Handpressen zu ersetzen, und dass

trotz des Anlagekapitals von 15000 Gulden für jede Schnellpresse

grosse Ersparnisse eintreten müssten. Sie machten dabei Brockhaus

einen eigentümlichen Vorschlag, dass er seine Druckerei nach Oberzell

verlegen sollte. Sie hätten noch Raum genug für eine Druckerei von 70

bis 80 Setzern und die nötigen Maschinen, welche durch Wasser betrieben

werden könnten, auch enorme Trockenböden ständen zur Disposition. Da

das Papier aus Bayern und Franken bezogen werden würde, könnten die

Transportkosten demnach zum grossen Teil gespart werden, ja, sie selbst

gingen mit der Idee um, eine englische Papiermaschine zu bauen, um

gutes Papier zu liefern, »das deutsche Papier«, heisst es, »ist doch

ein Schandartikel, womit kein englischer Buchhändler vor das Publikum

zu kommen sich unterstehen dürfte«. Der Brief schliesst: »Was sagen Sie

zu dieser seltenen Vereinigung von Mitteln für grosse litterarische

Unternehmungen, in einen kleinen Raum zusammengedrängt? Vielleicht

liesse sich zwischen unseren und Ihren Plänen, unseren und Ihren Mitteln

eine Verbindung ausmitteln, die beiden Parteien vorteilhaft wäre«.

[210] H. E. BROCKHAUS, Friedrich Arnold Brockhaus. Leipzig 1872. II. B.

VI. K.

Hätte dieser Vorschlag einige Jahre früher gemacht werden können, wer

weiss wozu das geführt haben würde. Jetzt antwortete Brockhaus und zwar

erst nach einem halben Jahre, ablehnend, er wollte die Ausführung seiner

Gedanken die Schnellpresse anzuschaffen seinem Sohne überlassen.

König liess trotzdem die Sache nicht fallen und machte im Juni 1819 den

Vorschlag, »zu dessen Annehmen offenbar viel weniger Mut gehört, als

Sie Ihren übrigen Unternehmungen nach zu urteilen besitzen«, auf ihre

Kosten zwei Schnellpressen in Leipzig zu Brockhaus' ausschliesslichem

Gebrauch aufzustellen, in Betrieb zu halten und nach 10 Jahren an

Brockhaus unentgeltlich zu überlassen, wenn er auf 10 Jahre hinlängliche

Beschäftigung garantieren wollte und zwar gegen um 25% wohlfeilere

Druckpreise, als sie ihm in seiner eigenen Druckerei zu stehen kämen.

Aber auch diesen Antrag lehnte Brockhaus ab, obwohl er nach seiner

Angabe über fünfzig eigene und fremde Pressen beschäftigte. So kam es

denn, dass Brockhaus' Offizin und Leipzig überhaupt erst 1826, drei

Jahre nach Friedrich Arnolds Tod, in Besitz einer Schnellpresse kam,

welche von den Arbeitern mit Demolierung bedroht wurde, die in Leipzig,

wie anderswo, noch nicht einsehen gelernt hatten, dass sie hiermit nur

gegen ihr eigenes Fleisch und Blut wüteten.

[Sidenote: Der Verlag.]

Neben dem Konversations-Lexikon pflegte Brockhaus mit besonderer

Vorliebe den journalistischen Verlag, repräsentiert durch Okens »Isis«,

»Zeitgenossen«, »Leipziger Kunstblatt«, »Hermes« und »Litterarisches

Wochenblatt«, die alle, mit Ausnahme des letzteren, welches noch als

»Blätter für litterarische Unterhaltung« besteht, kein langes Leben

hatten. Auf seinen reichhaltigen sonstigen Verlag kann hier nicht näher

eingegangen werden.

[Sidenote: Tod Fr. Arn. Brockhaus'.]

Die angestrengteste Geschäftsthätigkeit, die damit verbundenen

Sorgen, zu welchen sich der bereits angedeutete ärgerliche, immer

wieder auftauchende Streit von Dortmund her kam; seine fortwährenden

Zensurkämpfe namentlich mit der preussischen Regierung; verdriessliche

litterarische Händel, die durch sein heftiges Temperament genährt

wurden; die Not, welche ihm Konkurrenz und Nachdruck des Lexikons

verursachten, rieben seine Kräfte vor der Zeit auf, und brachten ihn um

den ruhigen Genuss seines unermüdlichen Schaffens. Seine Gesundheit war

untergraben. Obwohl im November 1822 dem Tode nahe und bereits allgemein

totgesagt, erholte er sich wieder, unterlag jedoch einem neuen Anfall am

20. Aug. 1823[211].

[211] Sein Enkel Dr. Ed. Brockhaus setzte ihm in dem Werke »Friedrich

Arnold Brockhaus, sein Leben und Wirken«. 3 Bde. Leipzig

1872-1881 ein würdiges Denkmal. Neben der interessanten

und lehrreichen Darstellung hat das Buch das, bei einem so

entstandenen Werke gewiss seltene Verdienst der grössten

Offenheit und einer fast bis zum Äussersten gehenden

Unparteilichkeit, die auch nicht den geringsten Versuch zulässt,

die Schwächen und Fehler des bedeutenden Mannes zu bemänteln.

[Sidenote: Fr. Brockhaus [+] 15. Aug. 1865.]

Das umfangreiche verwickelte Geschäft wurde von den jungen Söhnen

FRIEDRICH und HEINRICH BROCKHAUS fortgesetzt. Friedrich hatte, wie

schon erwähnt, die Leitung der Buchdruckerei übernommen, welche 1823

10 Holzpressen beschäftigte. Im Jahre 1833 wurde eine Stereotypie

eingerichtet, 1836 die Walbaumsche Schriftgiesserei erworben (S. 283).

Friedrich war eifrig bemüht, der Buchdruckerei die Superiorität in dem

in den vierziger Jahren aufblühenden Illustrationsdruck zu sichern,

und scheute keine Opfer, um den Vergleich mit dem Auslande aushalten

zu können. Die ersten epochemachenden illustrierten Werke: Vernets

»Napoleon«, Menzels »Friedrich der Grosse«, die »Illustrirte Zeitung«

wurden unter der Leitung Friedr. Brockhaus' gedruckt, der sich am 1.

Januar 1850 von dem Geschäft zurückzog.

[Sidenote: H. Brockhaus * 4. Febr. 1804, [+] 15. Novbr. 1874.]

HEINRICH BROCKHAUS leitete die Buchhandlung. Er war ein mit einer

ausserordentlichen Arbeitskraft und grossem Organisationstalent

begabter Mann von unabhängiger Gesinnung. Am 4. Mai 1872 konnte er

mit Genugthuung den hundertjährigen Geburtstag des Gründers begehen,

denn das Etablissement war in seiner Art eines der vielseitigsten der

Welt und in Wahrheit ein Universalgeschäft geworden, das mehr als 600

Personen beschäftigte. Der mit grösster Sorgfalt von Heinrich Brockhaus

herausgegebene, 1148 Seiten starke Verlagskatalog verzeichnete damals

bereits 2552 Artikel in 5851 Bänden. Als Teilnehmer waren die Söhne

Heinrichs, Dr. EDUARD und RUDOLF BROCKHAUS, eingetreten. Heinrich

Brockhaus, von der Universität Jena zum Ehrendoktor, von der Stadt

Leipzig zum Ehrenbürger ernannt, starb am 15. November 1874[212].

[212] Seine Erlebnisse auf einer grossen Reise in den Jahren 1867-1868

schilderte Brockhaus in der ihn charakterisierenden schlichten

Weise in seinem »Reisetagebuch«. 2 Bde. 1873.

Das Konversations-Lexikon bildet immer noch den Mittelpunkt des grossen

Verlags und der Einfluss, welchen dieses jetzt in der 13. Auflage

erschienene Werk auf die allgemeine Bildung geübt hat, ist ein grosser.

Der Bilderatlas zum Konversations-Lexikon, 2. Aufl., ist ein Werk, wie

es nur in einem Universalgeschäft, das über alle Arten der technischen

Herstellungsmethoden gebietet, in solcher Weise durchgeführt werden

konnte.

[Sidenote: B. G. Teubner * 16. Juni 1784, [+] 21. Jan. 1856.]

BENEDICTUS GOTTHELF TEUBNER, zu Grosskraussnigk in der Niederlausitz

geboren, hatte noch vor Brockhaus sein später so bedeutendes

Etablissement 1811 mit zwei Holzpressen angefangen. Bereits 1823

verband er mit seiner Buchdruckerei eine Buchhandlung, die sich durch

ihren philologischen Verlag und korrekte Klassiker-Ausgaben einen

grossen Ruf erwarb. Teubner war eifrigst für einen sorgsamen Druck

bemüht, und hat in dieser Hinsicht wesentliche Verdienste um die

Kunst, auch richtete er sein Streben auf eine, für damalige Zeit nicht

gerade übliche, Eleganz in allen Accidenzarbeiten unter Verwendung des

Guilloche- und Farbendruckes. Die von ihm herausgegebene Jubelschrift

des Dr. K. Falkenstein zeigt, was das Geschäft auf den verschiedenen

Feldern des graphischen Gebietes zu leisten vermochte. Sind diese

Leistungen auch durch die der jüngeren Zeit überflügelt, so waren

sie doch damals bedeutend und die Buchdruckerei Teubners gehörte mit

zu den in der neuern Richtung tonangebenden. Bei seinem Tode waren

sieben Schnellpressen in Gang, auch hatte er in Dresden eine Filiale

gegründet. Die Nachfolger, seine Schwiegersöhne AD. ROSSBACH und

ALBIN ACKERMANN, verliessen die früher eingeschlagene Kultivierung

des Accidenzdruckes und zeichneten sich durch ihren vortrefflichen

Werk- und namentlich durch ihren Zeitungs-Illustrationsdruck aus.

Der grossartige philologische Verlag, aus gegen 2000 Werken in über

3000 Bänden bestehend, wurde unter besonderer Leitung des jetzigen

Geschäftsteilhabers Dr. Aug. Schmitt in kräftigster Weise fortgeführt.

Ohne irgend eine typographische Prätension zu erheben sind unter diesen

Werken unübertroffene und unübertreffliche Drucke, um einen unter

vielen als Beispiel zu nennen _Herodiani reliquiae_ in geradstehender

griechischer Schrift. Die Offizin ist eine der am besten eingerichteten

und grössten Deutschlands, sie arbeitet mit 35 Schnellpressen und gegen

400 Arbeitern, und druckt 18 Zeitschriften.

[Sidenote: Karl Tauchnitz * 29. Okt. 1761, [+] 14. Jan. 1836.]

In die Reihe derjenigen verdienten Männer, die als Bahnbrecher der

deutschen Typographie zu bezeichnen sind, gehört als einer der ersten

KARL CHRISTOPH TRAUGOTT TAUCHNITZ.

Tauchnitz war in Grossbardau bei Grimma geboren. Da er seiner Armut

wegen nicht studieren konnte, ward er 1777 Buchdruckerlehrling und

arbeitete später bei Unger in Berlin. 1792 kehrte er nach Leipzig

zurück. Im Jahre 1797 gelang ihm der Ankauf einer kleinen Buchdruckerei.

Das Geschäft gewann durch Tauchnitz' Fleiss und Akkuratesse an

Ausdehnung. Bereits 1800 konnte er eine Schriftgiesserei und eine

Buchhandlung mit der Buchdruckerei vereinigen. Seine Wirksamkeit muss

namentlich von dem Standpunkte der Verbindung dieser Geschäfte zu einem

ganz bestimmten Ziel beurteilt werden. Dies Ziel war die Herausgabe der

griechischen und römischen Klassiker in guter Ausstattung, grösster

Korrektheit und zu den billigsten Preisen.

[Sidenote: Die Klassiker.]

Im Jahre 1808 machte er damit den Anfang. Jedoch ohne das von Lord

Stanhope eingeführte Stereotypverfahren, welches er durch den Engländer

Watts gelernt hatte, wären die oben erwähnten Erfordernisse der

Kollektion schwer zu erreichen gewesen.

In seinen Bemühungen um die Verbesserung der Antiqua, der griechischen

und der orientalischen Schriften wurde er durch die Schriftgiesser J. G.

Schelter und Matthes unterstützt.

[Sidenote: Prachtwerke.]

Seine Leistungen beschränkten sich jedoch nicht auf brauchbare

billige Ausgaben; er lieferte auch Prachtdrucke ersten Ranges und

wissenschaftliche Werke bedeutenden Umfanges. Zu den ersteren gehören

sein Theokrit in Folio (1821); das _Carmen Arabicum Szanicddini

Helensis_ (1816), dessen Originaltext im orientalischen Stil in Gold

und bunten Farben gedruckt ist; die Kuhnsche Hymne an König Friedr.

August von Sachsen. Zu seinen bedeutendsten typographischen Leistungen

zählen noch die arabische Ausgabe des Korans durch Flügel; die Fürstsche

Bearbeitung der Buxtorffschen »Concordanz«, die stereotypierten

hebräischen Bibeln von Hahn u. a.

[Sidenote: K. Ch. Tauchnitz.]

Mitten unter Plänen zu neuen wichtigen Unternehmungen rief ihn der Tod

plötzlich ab. Sein Sohn KARL CHRISTIAN PHILIPP, der eine ausgezeichnete

Bildung genossen hatte, setzte das Geschäft, ohne demselben mit der

vollen Neigung des Vaters zugethan zu sein, doch ganz im Sinne des

Verstorbenen fort. Auf Veranlassung der Amerikanischen Mission in Syrien

wurde eine neue arabische Schrift geschnitten, die sich dem Geschmack

der Orientalen gut anpasst, jedoch im Satz grössere Schwierigkeiten

bietet, als die ältere, mit welcher der Koran gedruckt wurde. Die Firma

erlosch durch Verkauf der verschiedenen Geschäftsbranchen.

[Sidenote: Fr. Nies * 6. Aug. 1804, [+] 16. Juni 1870.]

[Sidenote: W. Drugulin * 20. Aug. 1821, [+] 20. April 1879.]

In dem Streben für die Herstellung orientalischer Werke war FR. NIES

aus Offenbach mit Karl Tauchnitz verwandt, wenn auch der letztere

von wissenschaftlichem sowohl als typographischem Standpunkte aus

Idealeres anstrebte. Angeregt namentlich durch den genialen Verleger

W. A. Barth, den Professor M. G. Schwartze und den Paläographen E. F.

F. Beer, später auch durch Professor Seyfarth unterstützt, unternahm

Nies das Wagnis, hieroglyphische Typen in seiner, 1831 angelegten

Schriftgiesserei herzustellen. Die hieroglyphische Schrift bestand aus

etwa 1500 Stücken. Diese in verschiedenen Grössenabstufungen sowohl

nach links als nach rechts gewendet ausgeführten, oft einander sehr

ähnlichen Figuren in ein richtiges Typensystem zu bringen war für damals

wirklich eine That; sie gelang und viele Werke, darunter das Riesenwerk

des Dr. M. G. Schwartze »Das alte Ägypten«[213], zeigen, dass die

Offizin nach damaligen Verhältnissen Bedeutendes leistete. Nies konnte

mit seinen selbstgegossenen Schriften in gegen 300 Sprachen drucken,

vermochte jedoch nicht, sich mit dem Gedanken zu befreunden, heute das

rückhaltlos zu verwerfen, was gestern gut gewesen war, und ermüdete

deshalb unter den erhöhten Ansprüchen der fortschreitenden Wissenschaft

und Technik in seinen Anstrengungen. Das sonst so blühende Geschäft

verödete nach und nach. Im Jahre 1856 übernahm es CARL B. LORCK, der

erst sich mit J. J. Weber zur Ausführung der unter dieser Firma in den

Jahren 1837-1845 erschienenen grösstenteils illustrierten Werke und

Zeitschriften vereinigt hatte. Die Druckerei und Schriftgiesserei wurde

zeitgemäss reorganisiert und vervollständigt. Eine bedeutende Zahl von

orientalischen Werken, besonders für das Ausland gedruckt, verliess in

den Jahren 1856 bis 1868 die Pressen der Offizin. In letzterem Jahre

übernahm sie W. DRUGULIN, welcher die bis dahin fortgeführte Firma Fr.

Niessche Buchdruckerei in W. Drugulin änderte. Lorck gab die »Annalen

der Typographie« (1869-1877) und mehrere Fachschriften heraus[214].

Drugulin setzte das begonnene Werk im bisherigen Sinne fort. Hatte die

Jury der Pariser Weltausstellung von 1867 bereits erklärt, dass in

Frankreich nur die kaiserliche Druckerei ähnliches prästieren könne,

wie diese Privatoffizin in Leipzig, so wurde nun in der That durch

Drugulins Erwerbungen, unter welchen sämtliche Stempel und Matern der

früheren Karl Tauchnitzschen orientalischen, älteren Renaissance- und

holländisch gothischen Schriften sich befanden, ein Komplex geschaffen,

wie er ausser in den Staatsanstalten zu Wien und Paris sich nicht wieder

vorfindet. Drugulins aussergewöhnlichen Kunst- und antiquarischen

Kenntnisse kamen ihm bei seinen vielen Reproduktionen und Imitationen

von Drucken älteren Stils vortrefflich zu statten. Namentlich ist das

grossartige Werk: »Die Chronik des Sächsischen Königshauses und seiner

Residenzstadt«, ein Geschenk der Stadt Dresden zur Feier der silbernen

Hochzeit des Königs Albert und der Königin Carola, ein Meisterstück

dieser Gattung. Es war jedoch Drugulin nicht beschieden, den Schluss des

Werkes zu erleben.

[213] Den Satz dieses Werkes von gegen 2200 Seiten in Quart übernahmen,

nachdem verschiedenen Setzern die Geduld ausgegangen war,

ohne vorher ein orientalisches Wort gesetzt zu haben, zwei

Setzerlehrlinge F. Essigke und H. Kauxdorf, deren der Verfasser,

ein gewiss seltener Fall, in der Vorrede in der ehrendsten Weise

gedenkt.

[214] Als: Die Herstellung der Druckwerke. 4. Aufl. 1883. -- Die

graphischen Künste auf der Wiener Ausstellung 1873; amtlicher

Bericht. -- Die Druckkunst und der Buchhandel in Leipzig.

1879. -- Geschichte des Vereins der Buchhändler in Leipzig;

Jubelschrift. 1883.

[Sidenote: Hieroglyphendruck.]

Die von Nies eingeführten hieroglyphischen Typen wurden zumteil durch

die früher erwähnten eleganteren und kleineren Typen in Umrissen

verdrängt (S. 285), teils hat es in jüngster Zeit den Anschein, als

wollte die Lithographie und speziell die Autographie der Typographie

das Terrain der Ägyptologie streitig machen. Der bedeutende Verlag der

J. C. Hinrichsschen Buchhandlung in Leipzig auf diesem Felde ist fast

durchweg in Autographie hergestellt, z. B. das hieroglyphisch-demotische

Wörterbuch von H. Brugsch-Bey, das 1728 Seiten in kl. Folio umfasst.

Vorausgesetzt, dass der Verfasser es versteht, hieroglyphische Umrisse

korrekt wiederzugeben und sonst leicht leserlich schreibt, ist die

autographische Wiedergabe eine ganz zweckmässige. Wenn mit Typen

gesetzt, würden die Kosten für ein Werk wie das genannte, dessen Absatz

begreiflicherweise nur ein beschränkter sein kann, allerdings kaum

erschwinglich sein; im Interesse der Wissenschaft muss man deshalb die

Besiegung der Typographie durch die Lithographie auf diesem Gebiete mit

Ruhe hinnehmen.

[Sidenote: B. Tauchnitz.]

Die Offizin des Neffen des K. Tauchnitz, BERNHARD TAUCHNITZ, erneute den

Weltruf des Namens ebenfalls hauptsächlich durch die konsequente und

grossartige Durchführung eines einzigen Unternehmens, bei welchem jedoch

weniger die typographische als die bibliopolische Bedeutung hervortritt.

Wer kennt nicht die _Tauchnitz Collection_, die Sammlung von Werken

englischer und amerikanischer Autoren, deren Bändezahl jetzt 2000

übersteigt, die in über 600000 Stereotypplatten vorhanden sind? Wie die

Karl Tauchnitzsche Kollektion auf die altklassische Bildung, so hat das

B. Tauchnitzsche Unternehmen ganz ausserordentlich zur Verbreitung der

englischen Litteratur und Sprache auf dem Kontinent, daneben auch zur

Mehrung des Ansehens des deutschen Buchhandels in England beigetragen.

Der Umstand, dass der Unternehmer den Autoren resp. den Verlegern

zu einer Zeit Honorar zahlte, wo dies noch nicht durch gesetzliche

Bestimmungen geboten war, erwarb ihm sofort die Gunst der genannten, die

er sich zu erhalten verstanden hat.

Ausser der Sammlung lieferte die Offizin für den Verlag des Besitzers

-- für Andere arbeitet sie nicht -- eine Reihe von ebenso gut

ausgestatteten wie durch ihre Korrektheit bekannten bedeutenden Werke,

besonders in juristischer und linguistischer Richtung, unter welchen

beispielsweise die fehlerfreien Logarithmen von Köhler genannt sein

mögen.

[Sidenote: Andere Firmen.]

Ausser B. G. Teubner hatten bereits G. H. MARET, WILH. HAACK und

namentlich C. L. HIRSCHFELD in allen Accidenzarbeiten einen sehr guten

Geschmack gezeigt. Letzterer, durch einen längeren Aufenthalt in Paris

tüchtig ausgebildet, verband Stereotypie und Gravieranstalt mit seiner

Buchdruckerei. Im Bunt- und Golddruck leistete er Bedeutendes und das

von ihm 1840 herausgegebene Tableau in etwa zwanzig Farbenplatten,

_Typographia jubilans_, ist eins der bedeutendsten Erzeugnisse der

Jubelpresse.

[Sidenote: Das Jubelfest 1840.]

Es dürfte hier, ehe wir zur jüngsten Gestaltung des graphischen

Geschäfts in Leipzig übergehen, der Ort sein, mit einigen Worten des

Jubelfestes 1840 zu gedenken, das sich nicht zu einer Lokalfeier,

sondern zu einem grossen nationalen Feste gestaltete, welches in der

Geschichte der Buchdruckerkunst einen Platz verdient.

Während im Jahre 1640 fünf Buchdruckereibesitzer mit 14 Gehülfen, im

Jahre 1740 achtzehn Offizinen mit 138 Gehülfen dem Feste beiwohnten,

zeigt die Liste der Beteiligten im Jahre 1840 24 Buchdruckereien mit

232 Handpressen, 11 Schnellpressen und 672 Gehülfen, dazu noch 7

Schriftgiessereien mit 62 Gehülfen, schliesslich 108 Buchhandlungen mit

121 Gehülfen. Das Kontingent, welches allein das Brockhaussche Geschäft

stellte, betrug mehr als die Gesamtzahl der das Fest von 1740 Feiernden.

Die Sammlungen der Buchdrucker zu einem Festfond begannen bereits

1837. Die Buchhändler traten 1839 hinzu und die Stadt bewilligte 3000

Thaler. Das unter den günstigsten Auspizien vorbereitete Fest nahm den

würdigsten Verlauf.

Bereits am Nachmittag des 23. Juni hatte die ganze Stadt sich festlich

geschmückt. Die Häuser waren mit Guirlanden und Kränzen behängt, Fahnen

wehten und Triumphbogen waren errichtet.

Früh am 24. durchzog eine grosse Reveille die Stadt. Um 8 Uhr

versammelten sich die anwesenden Kammermitglieder, die königlichen und

städtischen Behörden, die Konsuln, das Offiziercorps, die Geistlichkeit,

die Schulrektoren, die Spitzen der Universität und die Professoren,

die Handlungsabgeordneten, die Obermeister und Beisitzer der Innungen,

schliesslich die Festgeber: Buchdrucker, Schriftgiesser und Buchhändler,

an verschiedenen Orten. Von Deputierten des Festcomités geleitet

begaben sich die einzelnen Züge nach der Thomaskirche zu dem, vom

Superintendenten Dr. Grossmann abgehaltenen Festgottesdienste. Als Text

war gewählt: »Es ward ein Mann von Gott gesandt, der hiess Johannes;

derselbe kam und zeugte von dem Licht«.

Um 10 Uhr begann der grosse Festzug von dem Gewandhause aus nach

der Buchhändlerbörse, wo die von den Frauen gestiftete Fahne den

Buchdruckern übergeben wurde. Von da ab ging der Zug nach dem

Marktplatze, dessen dritten Teil die amphitheatralische Zuschauer-

und Musiker-Tribüne einnahm. Nach Absingung der von Felix

Mendelssohn-Bartholdy komponierten Festkantate hielt Raymund Härtel eine

begeisterte und zündende Festrede, die mit den Worten schloss:

»Du Allmächtiger, der du jedem Volke seine Bestimmung zugeteilt hast,

lass unser Jubelfest der Buchdruckerkunst dir ein Dankfest sein für die

hohe Gabe und hilf du selber, dass sie forthin durch menschliche Willkür

weder gemissbraucht, noch verkümmert werde. Ein Jubelfest ist auch ein

Ausruhen von hundertjähriger Arbeit, und das ernste Geschäft des Lebens

verklärt sich zum heiteren Festspiele: Darum öffne sich die Werkstatt

und der alte Meister erscheine mitten unter seinem Feste!« Als dann die

Hülle sank, welche bis jetzt die im Mittelpunkte des Marktes befindliche

Festoffizin mit den arbeitenden Giessern, Setzern und Druckern, weit

überragt von dem kolossalen Gipsabguss der Mainzer Gutenberg-Statue

Thorwaldsens, den Blicken der Menge entzogen hatte, entstand ein

unbeschreiblicher Jubel. Es war ein unvergesslicher Augenblick, der, im

jugendlichen Alter erlebt; noch dem Greise in späten Jahren so lebhaft

in der Erinnerung vorschwebt, als handle es sich um ein Ereignis von

gestern, und den miterlebt zu haben als eine Gunst des Schicksals

betrachtet werden muss.

Um 3 Uhr fand in der Halle am Augustusplatze ein Festessen statt, an

welchem etwa 3000 Personen teilnahmen. Bei Eintritt der Dunkelheit

bekundete eine glänzende Erleuchtung der Stadt die allgemeine Teilnahme

aller Behörden und Bürger an dem Feste.

Am 25. vormittags fand eine Versammlung fremder und einheimischer

Gelehrter, Künstler und Buchhändler in der Festhalle statt. Gleichzeitig

wurde in der Buchhändlerbörse eine interessante Ausstellung älterer und

neuerer Druckwerke, Xylographien u. a. eröffnet. Um 3 Uhr füllte die

Aufführung des von Mendelssohn für das Fest komponierten Lobgesanges,

die unter Leitung des Komponisten und unter Beihülfe von über 500

Sängern und Musikern stattfand, die Thomaskirche. Abends war grosser

Ball von über 4000 Personen in der Festhalle. Die Familien der Beamten,

Professoren, Prinzipale und Gehülfen verkehrten im fröhlichsten

Durcheinander und selbst der eindringende Gewitterregen musste dazu

beitragen, die Heiterkeit zu erhöhen.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst. 1751-1882. · 第 32 / 47 段