[Sidenote: Oct. dei Petrucci.]

Hat es nun auch Choralnotentypen vor der Erfindung des typographischen

Druckes der Figuralmusik gegeben, so ist es doch unzweifelhaft, dass

letzterer eine Erfindung des OCTAVIANO DEI PETRUCCI aus Fossombrone

war[206]. Dieser, von edlen jedoch armen Eltern geboren, kam als

Buchdrucker nach Venedig. Im Jahre 1498 erhielt er seitens des Senates

ein Patent auf Druck von mehrstimmiger Musik für »Gesang und Laute«,

dem später ein ähnliches des Papstes Leo X., datiert 1513, folgte. Sein

erster Notendruck war _harmonice musices Odhecaton_ 1501. Er entwickelte

eine so grosse Thätigkeit, dass er bereits in den Jahren 1501-1507

zwanzig verschiedene Werke gedruckt hatte. Unvermögenheit veranlasste

ihn den Betrieb seiner Druckerei den thätigen Buchhändlern Amad. Scotti

und Nic. da Raphael zu überlassen.

[206] FR. CHRYSANDER, Abriss einer Geschichte des Musikdruckes von XV.

bis zum XIX. Jahrhundert. In der Allg. Musik. Ztg., 1879, No. 11

u. ff. -- ANT. SCHMID, Ottaviano dei Petrucci da Fossombrone.

Wien, 1845.

[Sidenote: Petruccis System.]

Petruccis System war auf Doppeldruck gegründet. Die Linien bestanden

aus Stücken in der Grösse der Formatbreite. Die Noten wurden für sich

gesetzt und auf die Linien gedruckt. Die Genauigkeit der Typen ist eine

grosse und der Druck, besonders der Linien, ein vorzüglicher. In allen

Ausgaben Petruccis sowie seiner Nachfolger für lange Zeit wurden die

einzelnen Stimmen für sich meist nebeneinander gedruckt, für den Druck

von Partitur-Ausgaben war man damals technisch noch nicht weit genug

fortgeschritten.

[Sidenote: Andere Notendrucker.]

Den Druck mit Typen, in welchen jedes der Notenzeichen zugleich mit

einem Stück des Liniensystems verbunden war, so dass nur ein Druck

notwendig und die Schwierigkeit des Passens der Formen umgangen ward,

führte ERHARD OEGLIN in Augsburg zum erstenmale vor in: _Melopoiae

sive Harmoniae tetracenticae_ 1507. Peter Schöffer in Mainz übte das

Verfahren 1511.

[Sidenote: Pierre Hutin.]

In Frankreich schnitt der Graveur und Drucker PIERRE HUTIN 1527 die

ersten derartigen Noten, mit welchen PIERRE ATTAIGNANT in Paris und

TYLMAN SUSATO in Antwerpen druckten. Bei allen diesen Versuchen waren

die Notenköpfe noch eckig. Von diesen wurde zum erstenmale in den

Werken des päpstlichen Kapellmeisters ELEAZAR GENET genannt CARPENTRAS

abgewichen. Als der genannte in seinen alten Tagen in Avignon seine

Kompositionen drucken lassen wollte, veranlasste er STEPHAN BRIARD aus

Bar-le-duc, Typen, welche die Handschrift nachahmte, zu schneiden.

JEAN DE CHANNAY in Avignon druckte damit 1532 das erste _Liber primus

Missarum Carpentras_. Die Neuerung fand jedoch keine Folge.

Venedig blieb lange Zeit das Zentrum für den Musiknotendruck und den

Musikalienverlag. Die bedeutendste Firma war die der Familie GARDANO,

die von 1536 ab bis tief in das XVIII. Jahrhundert blühte und die Werke

Palästrinas verlegte.

[Sidenote: Notendruck in Deutschland.]

In Deutschland wurden nicht nur Originale gedruckt, sondern auch alles

»Gangbare« des Auslandes nachgedruckt. HIERONYMUS FORMSCHNEIDER schnitt

gute Notentypen. Der bedeutendste Notendrucker des XVI. Jahrh. war ADAM

BERG in München, Verleger der Werke Orlando Lassos. Fast alle seine

Drucke, bei denen er die Unterstützung des musikliebenden Herzogs von

Bayern genoss, sind Prachtausgaben in Folio. Sein Hauptwerk ist das:

_Patrocinium musices_ aus 1573. Als das bedeutendste Werk aus dem XVI.

Jahrhundert muss das von NIC. HEINRICH in München gedruckte _Magnum opus

musicum_ genannt werden. In dem XVII. Jahrhundert war namentlich GIMEL

BERGEN in Dresden thätig.

[Sidenote: Frankreich.]

In Frankreich lieferte GUILLAUME LE BÉE um 1550 vollkommenere Noten als

die Hutins, deren sich ROB. BALLARD und dessen Schwager ADRIAN LE ROY

bedienten. Die Familie Ballard, welche die Noten le Bées für die hohe

Summe von 50000 Livres erwarb, war die bedeutendste Musikfirma nicht nur

in Frankreich und erwarb sich namentlich durch die Herausgabe der Werke

Lullys Weltruf. Sie druckte die Partituren fast aller französischen

Opern und hielt sich beinahe 200 Jahre in Ansehen.

Englands Anteil an dem Musiktypendruck war kein bedeutender. JOHN DAY

wandte um 1560 die verbesserte Methode an. THOMAS ESTE (um 1600) brachte

sehr elegante Drucke.

[Sidenote: Verfall des Notendruckes.]

Um 1725 war der musikalische Typendruck, dessen Wesen überhaupt seit

Petrucci wenig fortgeschritten war, ganz in Verfall geraten und der

Kupferdruck hatte dessen Platz eingenommen. Als letzte bedeutende

Erscheinung können die in Venedig bei DOMENICO LOVISA in acht, mit

allem, damals zugebote stehenden Luxus ausgeführten Foliobänden

gedruckten Fünfzig Psalmen von Benedetto Marcello bezeichnet werden. --

Aus dem Gesagten geht hervor, dass es unrichtig ist, wenn Breitkopf,

wie es gewöhnlich geschieht, als Erfinder des typographischen

Notendruckes genannt wird, dagegen bleibt ihm, was ihm wieder von

verschiedenen Seiten streitig gemacht worden ist, die Ehre, dem

typographischen Notendruck eine solche Gestaltung gegeben zu haben,

wie er sie noch heute hat. Die Bedeutung dieser That würde eine noch

grössere Tragweite haben, wenn nicht die Erfindung der Lithographie

und der lithographischen Schnellpresse in dem Notendruck und dem

Musikalienverlag eine gewaltige Umwälzung zur Folge gehabt hätte.

Am allertiefsten fast stand vor Breitkopf der Notendruck in Leipzig;

selbst die Arbeiten sonst verdienter Männer als WOLFG. STÖCKEL und ABR.

LAMBERG sind äusserst mangelhaft. Die Kolumnen sahen mit ihren unendlich

vielen, jämmerlich zusammengesetzten Linienstücken vollständig gequirlt

aus.

[Sidenote: Breitkopfs Noten.]

Da erschien im Jahre 1755 bei Breitkopf »Sonnet auf das Pastorell _Il

trionfo della fedelta_«, ein Versuch, der bereits wenig zu wünschen

übrig liess, doch ist die umfangreiche (283 S. in qu. fol. umfassende)

Tondichtung der Kurfürstin Marie Antonie von Sachsen _Il trionfo della

fedelta_ selbst noch geeigneter, die Vorzüge von Breitkopfs Leistungen

ins helle Licht zu setzen. In der Schlussschrift heisst es: »_Stampato

in Lipsia; nella stamperia di Giov. Gottlob Immanuel Breitkopf,

Inventore di questa nuova maniera di stampar la Musica con Carratteri

separabili e mutabili. E questo Dramma Pastorale la prima opera stampata

di questa nuova guisa; comminciata nel Mese di Luglio 1755, e terminata

nel mese d'Aprile 1756_[207]«.

[207] Über diesen sowie über die sonstigen Musikdrucke Breitkopfs

vergl. LORCK, »Der Buchhandel und die graphischen Künste auf der

Kunstgewerbe-Ausstellung zu Leipzig 1879«. Sep. Abdr. aus dem

Börsenbl. f. d. d. B.

Der bewegliche Geist Breitkopfs liess ihn jedoch nicht bei solchem Siege

Beruhigung fassen, sondern trieb ihn ein Feld zu bebauen, wobei man zwar

volle Gelegenheit hat, seine Fähigkeiten zu bewundern, jedoch nicht ohne

eine Beimischung des Bedauerns, dass dieselbe so unfruchtbaren Arbeiten

zugewendet wurden.

[Sidenote: Landkartensatz.]

Zuerst wollte er die Herstellung der Landkarten der Buchdruckerei

zuweisen. Die Berechnung aller der wellenförmigen Linien der

verschiedensten Art für Terrainzeichnung; die Notwendigkeit, die

Schrift kreuz und quer nach allen Richtungen hin zu setzen; kurz,

alle die Schwierigkeiten, die eine Kartenzeichnung darbietet, machen

die typographische Ausführung, wennauch nicht geradezu unmöglich,

doch so schwer, dass die Kosten sich nicht in der Praxis erschwingen

lassen. Dies fühlte wohl Breitkopf bald selbst, wie aus seiner 1777

herausgegebenen Broschüre: »Über den Druck der geographischen Karten«

hervorgeht, und die darin enthaltenen Proben würden überhaupt kaum an

das Tageslicht getreten sein, wenn er sich nicht von dem sein Ehrgefühl

verletzenden Verdacht hätte reinigen wollen, dass er mit seiner

Erfindung später als Haas in Basel mit der seinigen gekommen sei.

[Sidenote: Satz figürlicher Gegenstände.]

Diesem Verdacht tritt er mit Entrüstung entgegen und kritisiert

streng den Haasschen Versuch, den er »mehr ein _opus musivum_ als

_typographicum_« nennt, »mit Thon und gekautem Papier nachgeholfen, wie

man dergleichen schon längst in der Druckerei kennt« (vgl. Kap. XIV). In

demselben Jahre folgte noch »Die Beschreibung des Reichs der Liebe« mit

einer Karte; 1799 »Der Quell der Wünsche« ebenfalls mit einer Karte, die

beide als eine glückliche Lösung seiner Aufgabe nicht betrachtet werden

können. Immerhin ist Breitkopfs typographischer Scharfsinn doch sehr zu

bewundern, und seine kartographischen Versuche bleiben typographische

Reliquien von hohem Wert. Der Satz, der noch heute erhalten ist,

beseitigt jeden Verdacht, als sei durch Feile, Messer, unregelmässigen

Ausschluss oder in anderer Weise nachgeholfen; alle Stücke sind streng

systematisch und einfach, wie in jedem anderen Satz, an einander gereiht.

[Sidenote: Chinesische Schrift.]

Obgleich Breitkopfs klarer Verstand ihm sagte, dass er auf diesem Wege

keine grossen praktischen Erfolge erzielen würde, so veranlasste ihn

doch sein etwas hartnäckiger Charakter, sogar noch weiter zu gehen: er

wollte es noch möglich machen, Porträts mit Typen herzustellen. Die

Strichlagen des Kupferstechers liessen ihn glauben, durch parallel

laufende Linienstücke das Ziel erreichen zu können. Seine Proben hat

er nicht veröffentlicht, wer aber die neuesten Arbeiten Moulinets und

anderer Meister in diesem Genre kennt, kann sich leicht von dem, was

erreicht werden konnte, ein ungefähres Bild machen. Zwar gehören alle

solche Versuche den Gebieten des an und für sich Unpraktischen an, wir

können sie dennoch so wenig wie die späteren Stigmatypien Fasols als

wertlos für die Fortbildung der Typographie bezeichnen.

Die Beschaffung des chinesischen Satzes mit beweglichen Lettern war

eine der Aufgaben, die sich die Typographie gestellt hatte. Sowohl die

französische als die päpstliche Regierung hatten darauf viel Geld unnütz

verwendet. Die grosse Anzahl der Schriftzeichen machte die Anfertigung

der Typen kostspielig und die Ähnlichkeit der Charaktere unter einander

den Satz zu einem äusserst schwierigen. Indes, Breitkopf löste seine

Aufgabe und sandte sofort eine allerdings nicht sehr ansprechende, im

J. 1789 der Öffentlichkeit übergebene Probe an den Papst, der ihm durch

den Kardinal Borgia in sehr schmeichelhaften Ausdrücken danken liess.

Aber auch bei dieser Erfindung unterblieb die praktische Ausbeutung. Ein

holländischer Verleger unterhandelte zwar mit Breitkopf über das Setzen

eines chinesischen Textes in Leipzig, die Verhandlungen führten aber

nicht zu einem Resultate.

[Sidenote: Typographische Ornamentik.]

Nun wollte Breitkopf auch mathematische Figuren mit beweglichen Typen

setzen, ein Gedanke, der bei der Billigkeit des einfachen Holzschnittes

keine grossen Erfolge in Aussicht stellen konnte und auch nicht zur

Verwendung kam.

[Sidenote: Schriftgiesserei.]

Schliesslich wendete er seine Aufmerksamkeit darauf, die Verzierungen,

die nach und nach den höchsten Grad von Ungeschmack erreicht hatten,

durch geschmackvollere zu ersetzen. Zu diesem Zweck liess er gute ältere

Vorbilder nachahmen und in Holz schneiden.

Auch das Giessen und das Drucken haben ihm Verbesserungen zu verdanken.

Seine Giesserei war wegen der Vortrefflichkeit der Metall-Legierung

berühmt. Einen Beweis für die Güte liefert die Reinheit der Abdrücke,

die nach Verlauf von hundert Jahren von dem vorhandenen Landkartensatze

gemacht wurden. Die Giesserei arbeitete mit vierzig Leuten und zwölf

Öfen und sandte ihre Schriften nach allen Ländern der Welt. Dagegen

misslangen eine von ihm angefangene Spielkartenfabrik und eine

Tapetenfabrik, obwohl die Muster von dem besten Geschmack zeugen.

Breitkopf war eben ein Erfinder, nicht aber in gleichem Masse für die

pekuniäre Ausbeutung der Erfindungen geschaffen.

[Sidenote: Sittliche Reformen.]

Einem so feingebildeten Mann wie Breitkopf konnten die handwerksmässigen

Roheiten, die mit der Lossprechung eines Lehrlings verbunden waren

(I, 165), selbstverständlich nicht zusagen. Er schaffte deshalb die

bei solchen Gelegenheiten üblichen scenischen Aufführungen ab und

beschränkte sich darauf, den symbolischen Sinn der Marterwerkzeuge

erklären zu lassen und in einer sinnigen Rede den Losgesprochenen

über seine Rechte und Pflichten zu belehren. Solche Änderungen

und Neuerungen, die auf das Beschränken der Völlerei und des

Feierabendmachens abgesehen waren, fanden jedoch begreiflicherweise

keine Gnade bei den Gehülfen, und man ging anfänglich so weit, die bei

Breitkopf Ausgelernten nicht für voll anerkennen zu wollen, doch bahnten

sich Vernunft und Sitte schliesslich ihren Weg.

[Sidenote: Schriftstellerische Arbeiten.]

Wie viele seiner technischen Pläne und Experimente, so blieben auch

manche seiner schriftstellerischen Arbeiten nur Entwürfe. Um seinen

Hauptplan, eine grossartig angelegte Geschichte der Buchdruckerei

gründlich durchführen zu können, hatte er mit vieler Sorgfalt und

mit grossen Kosten eine Bibliothek von Werken über Buchdruckerkunst

und Proben von den Leistungen derselben gesammelt. Durch eine Reihe

von Jahren legte er Kollektaneen an, hatte auch einige Partien des

Werkes ausführlicher ausgearbeitet. 1779 erschien seine Broschüre

»Über die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst«, welche den

breit angelegten Plan seines Werkes entwickelte. Es folgte dann 1784

einer der durchgearbeiteten Abschnitte: »Versuch über den Ursprung

der Spielkarten«. Erster Teil. Der zweite Teil wurde nach Breitkopfs

Tode von J. C. F. Roch 1801 herausgegeben, welcher in der Vorrede

darüber klagt, dass die hinterlassenen Notizen Breitkopfs nicht

derart beschaffen seien, dass eine grössere Ausbeute daraus erwachse.

Breitkopfs reger Geist führte ihn während der Arbeit immer weiter; die

Noten überwuchern den Text. Er wollte alles, was ihn interessierte,

auch ausführlicher bearbeiten, und so haben wir zu bedauern, dass wir

nur einige, wenn auch sehr wertvolle Bruchstücke erhielten, statt

einer vollständigen, noch heute nicht vorhandenen Geschichte der

Buchdruckerkunst, die zu schreiben er, wie kaum ein zweiter, fähig

gewesen wäre, wenn er nur die Kunst, sich zu beschränken, besser

verstanden hätte.

[Sidenote: Breitkopfs Tod.]

[Sidenote: Breitkopf & Härtel.]

[Sidenote: R. Härtel]

[Sidenote: Dr. H. Härtel [+] 5. Aug. 1875.]

Breitkopf starb am 28. Jan. 1794 und hinterliess seine Buchdruckerei

als eine der am reichsten ausgestatteten wenn nicht gar als die

reichste der Welt. Sie besass gegen 400 verschiedene Schriftgattungen,

16 Sorten Noten, einen grossen Vorrat von Vignetten und beschäftigte

120 Arbeiter. Das Geschäft wurde von dem Sohne CHRISTOPH GOTTLOB

fortgeführt, der sich im Jahre 1796 mit GOTTFRIED CHRISTOPH HÄRTEL

assoziierte. Die jetzige Firma BREITKOPF & HÄRTEL datiert aus dem

Jahre 1798. Härtel war zwar kein gelernter Buchdrucker, stand jedoch

dem Geschäft in vortrefflichster Weise vor. Er liess durch Schelter

griechische Typen nach Bodoni und Antiquaschriften nach Levrault

schneiden und gründete auch eine Steindruckerei (1805). Nach dem Tode

Härtels (am 25. Juli 1827) trat zuerst der jüngere Sohn RAYMUND HÄRTEL,

später (1835) der ältere Dr. jur. HERMANN HÄRTEL in das Geschäft.

Sie brachten dasselbe, das während ihrer Minderjährigkeit etwas

zurückgegangen war, bald wieder zur alten Blüte.

Der etwas altersgrau gewordene »goldene Bär« wurde 1867 verlassen und

ein neues immenses Geschäftshaus bezogen, wo es jedoch auch bald zu

eng geworden wäre, hätte die Firma nicht ihre Pianofortefabrikation

aufgegeben. Am 27. Januar 1869 beging das verjüngte Geschäft die

Feier seines 150jährigen ruhmvollen Bestehens. Es arbeitet mit 30

typographischen und lithographischen Schnellpressen, 18 Handpressen und

gegen 400 Arbeitern.

Als Musikverleger hält das Haus den alten Ruhm aufrecht. Das bis Ende

1878 ergänzte Musikverzeichnis umfasst in mehr als 15000 Werken das

gesamte Gebiet der Musik, wie auch deren Litteratur und Pädagogik nach

allen Seiten hin vertreten ist. Nach dem Ausscheiden Raymund Härtels im

Jahre 1879 sind seine Neffen W. VOLKMANN und Dr. O. HASE die Chefs des

Hauses.

[Sidenote: G. J. Göschen * 1752.]

Auf der Grenze des XVIII. und XIX. Jahrhunderts wirkte GEORG JOACHIM

GÖSCHEN[208], aus Bremen gebürtig. Seine Jugend verbrachte er in

ärmlichen Verhältnissen. Drei Jahre lebte er in einer Pension bei einem

Schullehrer in Arbergen, einem Dorfe bei Bremen, wo der Vater des

bekannten Gelehrten Heinr. Ludw. Heeren Pastor war und Göschen zugleich

mit seinem eigenen Sohne Unterricht erteilte. Nach überstandener Lehre

erhielt er eine Stelle in Leipzig in der Crusiusschen Buchhandlung, die

er 13 Jahre mit Erfolg bekleidete. Dann ging er nach Dessau, wo in ihm

der Entschluss reifte, sich in Leipzig zu etablieren. Das Glück war dem

strebsamen Manne hold, er trat nach und nach in Verbindung mit den

besten Autoren und verschaffte sich rasch einen angesehenen Namen.

[208] CHR. G. LORENZ, Zur Erinnerung an G. J. Göschen. 4. Grimma 1861.

Um eine Prachtausgabe von Wielands Werken mit lateinischen Lettern

zu drucken, fasste Göschen den Plan, selbst eine Buchdruckerei zu

errichten, da die vorhandenen Druckereien seine Forderungen nicht

erfüllen konnten. Das war aber in der damaligen Blüte des Innungswesens

keine leichte Sache, da Göschen nicht gelernter Buchdrucker war. Er

musste in seinem Konzessionsgesuche, welches am 4. Mai 1793 bewilligt

wurde, geltend machen, dass er nur »mit lateinischen Lettern nach Didot«

drucken wolle, dass jedoch diese in Leipzig nicht vorhanden wären, und

dass seine Typen noch schöner seien als die von Unger in Berlin, wodurch

Leipzigs Buchdruckerruhm steigen würde; ausserdem wolle er nur für sich

drucken und sogar nur solche Artikel seines Verlages, die Andere nicht

ausführen könnten. Nichtsdestoweniger wurde von seiten der Innung mit

allen Kräften gegen ihn gearbeitet; man hatte wohl das Gefühl, dass ein

Mann von Göschens Geist, wenn er einmal sich der Typographie gewidmet

hatte, nicht bei den »lateinischen Typen nach Didot« stehen bleiben

würde.

[Sidenote: Prachtausgaben.]

Er schritt nun an sein grosses Vorhaben, eine Gesamtausgabe von

Wielands Werken zu liefern, die etwas noch nicht dagewesenes sein und

in vier Gestalten erscheinen sollte. Von der Prachtausgabe in 42 Bänden

in 4°, mit Antiqua gedruckt und mit 36 Kupfern geschmückt, kostete

ein Exemplar 250 Thlr. Den 1794 in Leipzig anwesenden Wieland liess

Göschen unter festlichem Gepränge den ersten Band von jungen, Genien

vorstellenden Damen überreichen, während die Muse Wielands Haupt mit

einem Lorbeerkranze schmückte. Auch von Klopstocks Werken wollte Göschen

eine ähnliche Ausgabe veranstalten; sie blieb jedoch unvollendet.

Bedeutende Leistungen seiner Buchdruckerei sind die, ebenfalls nicht

vollständig gewordenen Prachtausgaben des Wolfschen Homer, sowie die

Griesbachsche Ausgabe des Neuen Testamentes. Die Ausstattung aller

dieser Werke ist die prachtvollste und sorgfältigste, ohne jedoch einen

recht befriedigenden Eindruck zu machen. Die Antiquaschriften trafen den

Geschmack des Publikums nicht und auch die griechischen Schriften sind

charakterlos, der Satz des Homer ausserdem unschön weitläufig.

Um den erwähnten Beschränkungen in seinem Geschäftsbetrieb zu entgehen,

hatte Göschen seine Buchdruckerei nach Grimma verlegt, in dessen Nähe

er das Gut Hohnstädt besass, auf welchem er, 75 Jahre alt, am 5. April

1828 starb. Er hatte bis in sein hohes Alter seine volle Geistesfrische

erhalten und sie durch seine grosse Wirksamkeit als Verleger bethätigt.

[Sidenote: Fr. A. Brockhaus * 4. Mai 1772, [+] 20. Aug. 1823.]

Von hervorragender Bedeutung für das Buchgewerbe im allgemeinen, wenn

auch weniger für die Typographie war FRIEDRICH ARNOLD BROCKHAUS.

[Sidenote: Etablissement in Amsterdam.]

Sohn eines Kaufmanns in Dortmund, lernte er die Handlung in dem

väterlichen Geschäfte und lag später den Studien ein Jahr lang in

Leipzig ob. Im Jahre 1798 eröffnete er in Verbindung mit zwei Genossen

ein englisches Manufakturwarengeschäft in Dortmund, welches er nach

Trennung von seinen Teilhabern, von welchen der eine einen traurigen

Einfluss auf die ganze Zukunft Brockhaus' üben sollte, 1802 nach

Amsterdam verlegte und 1805 aufgab, um sich einem buchhändlerischen

Geschäft unter der Firma Rohloff & Co. zu widmen, welche Firma 1810 in

Kunst- und Industrie-Comptoir geändert wurde und erst 1814 in F. A.

Brockhaus überging.

Bei einem Besuche der Leipziger Michaelismesse im Jahre 1808 erwarb

er das begonnene aber ins Stocken geratene Konversations-Lexikon, ein

Unternehmen, welches bestimmend für seine ganze geschäftliche Zukunft

werden sollte.

[Sidenote: Altenburg und Leipzig.]

Veranlasst durch den Tod seiner geliebten Frau und durch die

Franzosenherrschaft in Holland siedelte Brockhaus im Jahre 1810 nach

Altenburg über und verkaufte 1811 das Amsterdamer Geschäft an Johannes

Müller. In Altenburg weilte er bis 1817, um dann, nachdem er zwischen

Dresden und Leipzig geschwankt hatte, am letzteren Orte sich bleibend

niederzulassen und das in Altenburg bereits nach grossen Dimensionen

betriebene Verlagsgeschäft in noch grössere Bahnen zu lenken.

[Sidenote: Das Konversations-Lexikon.]

Seinen Scharfblick für die Bedürfnisse der Zeit, verbunden mit einer

thatkräftigen patriotischen Gesinnung bekundete er durch viele

Unternehmungen. Der Eckstein des ganzen grossen Gebäudes blieb jedoch

das Konversations-Lexikon. Der Anfang hierzu war bereits um das Jahr

1793 von Dr. Renatus Gotthelf Löbel gemacht. Dieser verband sich

mit einem Advokaten Chr. Wilh. Franke zu der Herausgabe; für die

buchhändlerische Durchführung wurde Aug. Leupold ausersehen. Das Werk

hatte jedoch keinen grossen Erfolg und die Unternehmer verkauften es

an Leupold. Nach vielen Schicksalen kam es noch vor dem Erscheinen des

sechsten (Schluss-) Bandes an Brockhaus, der nun mit seiner gewohnten

Energie an die Vollendung und Umarbeitung ging[209].

[209] HERM. FRANCKE, Das Konversations-Lexikon und seine Gründer.

Börsenbl. f. d. d. B. 1873. No. 23.

[Sidenote: Druckerei.]

Mehr und mehr fühlte Brockhaus das Bedürfnis über eine eigene Druckerei

disponieren zu können und hatte zuerst den Gedanken, diese in

Altenburg zu errichten, wovon er jedoch zurückkam. Anfang des Jahres

1818 eröffnete er nun eine Offizin mit drei hölzernen Pressen, zu

welchen bald noch weitere vier kamen. Die Innung legte Protest ein,

weil Brockhaus kein gelernter Buchdrucker sei. Da musste sein Freund

Teubner aushelfen und durch Verkauf, Rückkaufsvertrag etc. etc. wurde

es Brockhaus möglich, faktisch seinen Willen durch die Errichtung

einer »zweiten Teubnerschen Buchdruckerei« durchzusetzen, bis der Sohn

Friedrich, der bei Vieweg in Braunschweig gelernt hatte, am 21. Okt.

1820 die Konzession als Buchdrucker erhielt.

[Sidenote: Die Schnellpresse.]

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst. 1751-1882. · 第 31 / 47 段