des XVIII. Jahrhunderts eine sehr niedrige Stufe ein. Die männliche
Kraft und das Urwüchsige der gothischen Schrift, Eigenschaften, welche
die Schwabacher Schrift wenigstens noch teilweise besass, waren ganz
verloren gegangen, ohne dass die Fraktur durch Eleganz das ersetzte,
was ihr an Kraft gebrach. Nachdem J. G. J. Breitkopf, wie es scheint,
lange geschwankt hatte, ob er nicht seine reformatorischen Absichten der
Verbesserung der Antiqua zuwenden sollte, folgte er schliesslich doch
der Tradition und versuchte der Fraktur eine kunstgerechtere Haltung zu
geben (S. 365). Etwas Mustergültiges vermochte jedoch auch Breitkopf
nicht zu schaffen, noch weniger J. F. UNGER in Berlin.
[Sidenote: Erich Walbaum. Th. Walbaum [+] 12. Juli 1830.]
Erst ERICH WALBAUM in Weimar und namentlich seinem Sohne THEODOR
WALBAUM gelang es, eine Frakturschrift herzustellen, die auf längere
Zeit und allgemein sich Geltung erwarb. Der Vater war anfänglich
Konditor, zeigte jedoch einen solchen Geschmack im Ornamentieren, dass
er von Sachverständigen veranlasst wurde, sich der Stempelschneiderei
zu widmen. Der Sohn Theodor arbeitete erst als Gewehrgraveur wie der
berühmte englische Schriftgiesser Caslon (I, S. 268), wurde jedoch
später von seinem Vater als Stempelschneider ausgebildet.
Die Vorzüge der Walbaumschen Frakturschriften liegen namentlich in dem
Ebenmass aller Buchstaben durch alle Grade hindurch von dem kleinsten
bis zu dem grössten. Form und Zurichtung sind gleich gut; die Stärke
ist gerade die rechte; Leserlichkeit geht mit Dauerhaftigkeit Hand in
Hand. In der Fraktur nimmt die Walbaumsche Schrift fast die Stelle
ein, wie in der Antiqua die Didotsche, und würde noch heute, neu mit
den Hülfsmitteln der neuesten Technik zweckmässig durchgeführt, immer
eine klassische Fraktur bleiben, wenn wir diese Bezeichnung überhaupt
für eine Schrift modernen Ursprungs und, man sage für ihre nationale
Berechtigung und ihre Zweckmässigkeit für das Volk was man will,
nicht in dem Besitz derjenigen Schönheit, welche wir von dem, was wir
klassisch nennen, verlangen, gebrauchen dürften.
Theodor Walbaum starb, als Künstler und Mensch gleich geachtet, in
dem Bade Berka bei Weimar und wurde von seinem Vater überlebt. Das
Walbaumsche Geschäft erwarb F. A. Brockhaus in Leipzig, welcher es im
Jahre 1843 nach dort verlegte.
[Sidenote: Die neueren Frakturschriften.]
Seit Walbaum hat Deutschland eine grosse Zahl von Frakturschriften
aufzuweisen, bald magerere, bald fettere; bald eckigere, bald rundere;
vielen derselben ist die Korrektheit nachzurühmen. Oft sind sie sich
selbstverständlich so ähnlich, dass nur ein sehr geübtes Auge einen
Unterschied bemerkt. Leider haben sehr viele Druckereien die üble
Gewohnheit, einzelne Grade aus den Garnituren verschiedener Giessereien
untereinander anzuschaffen, indem sie bald den Launen der Besteller
nachgeben, bald nur dem eigenen Antrieb folgen, nicht berechnend,
dass selbst die weniger schönen Schriften konsequent durch alle Grade
durchgeführt ein weit gelungeneres Ganzes hervorbringen, als Schriften
sogar des schönsten Schnittes, wenn sie unter einander gemengt sind.
Im Jahre 1838 hatten Deutschland, Österreich und die Schweiz bereits
gegen 100 Giessereien, die beständigen Zuwachs erhielten.
[Sidenote: J. D. Trennert. Genzsch & Heyse.]
[Sidenote: J. A. Genzsch * 14. Sept. 1800, [+] 29. Juni 1869.]
Im Norden Deutschlands waren die bedeutendsten derselben J. D. TRENNERT
in ALTONA und GENZSCH & HEYSE in HAMBURG, welche hauptsächlich die
Bedürfnisse des skandinavischen Nordens und Russlands deckten. Der
Gründer der letztgenannten Firma, J. A. GENZSCH aus Audigast in Sachsen,
ward 1827 erster Faktor bei Fr. Dresler & Rost-Fingerlin, als diese
in Frankfurt a. M. eine Schriftgiesserei etablierten. Im Jahre 1833
assoziierten sich Genzsch und J. G. HEYSE aus Bremen und führten die
Thorowgoodschen Schreibschriften in Deutschland ein. Die Firma, seit
1866 im Besitz von EMIL JULIUS GENZSCH, dem Sohne des Gründers, erwarb
sich besondere Verdienste um die Einführung der Renaissance-Antiqua
mit entsprechenden Kopfleisten, Vignetten und Initialen, sowie um die
Umgestaltung der Schwabacher Schriften. Da man für letztere nicht so
wie für die Antiqua ältere mustergültige Vorbilder hatte, weil die
Stempelschneiderei Deutschlands zur Zeit der Einführung der Schwabacher
(I, S. 41) auf keiner hohen Stufe stand, so musste der Versuch gemacht
werden, etwas Neues zu schaffen, und es ist in der That Genzsch & Heyse
gelungen, sehr ansprechende moderne Schwabacher Schriften in allen
Grössen herzustellen. In jüngster Zeit etablierten Genzsch & Heyse eine
Schriftgiesserei in München durch Ankauf zweier dortigen Firmen[168].
[168] Zu dem 50jährigen Jubiläum am 28. Februar 1883 erschien »Chronik
der Schriftgiesserei Genzsch & Heyse«.
[Sidenote: Fr. Vieweg & Sohn.]
In BRAUNSCHWEIG wirkten als Schriftgiesser namentlich FR. VIEWEG &
SOHN, allerdings nur für den eigenen Bedarf schaffend, aber sehr für
Verbreitung des guten Geschmacks wirkend.
[Sidenote: Berlin. Hänel-Gronau.]
[Sidenote: J. H. F. Bachmann * 8. Juli 1821, [+] 27. Juli 1876.]
Die HÄNELSCHE Offizin in BERLIN ging nach verschiedenem Wechsel in
die Hände W. GRONAUS über und behauptete sich unter dessen kräftiger
und einsichtsvoller Leitung als eine der vorzüglichsten Anstalten
Deutschlands. Im Hänelschen Geiste wurden Ornamente, Zier- und
Brotschriften in reicher Fülle geschaffen, zugleich der Schnitt
griechischer und russischer Schriften gepflegt. Auch als Druckerei
behielt die Offizin einen ehrenvollen Platz. Hier wirkte als Faktor
J. H. F. BACHMANN aus Stralsund. Acht Jahre verbrachte dieser in
Kiew als Leiter erst der Universitätsbuchdruckerei, später der
Regierungsdruckerei. Nach Deutschland zurückgekehrt, weilte er 1850-1860
bei J. H. Meyer in Braunschweig, wo er den Grund zu seiner ziemlich
umfangreichen fachschriftstellerischen Thätigkeit legte. Sein letztes
Werk war das 1875 in Weimar erschienene ausführliche »Handbuch der
Buchdruckerkunst«.
[Sidenote: Trowitzsch & Sohn.]
[Sidenote: v. Decker.]
[Sidenote: Beyerhauss.]
[Sidenote: F. Theinhardt.]
Eine bedeutende Thätigkeit entwickelten TROWITZSCH & SOHN, auch als
Kalenderverleger bekannt. Die VON DECKERSCHE Giesserei schaffte
in erster Richtung hauptsächlich für den eigenen Bedarf. Ihre
Frakturschriften von einer etwas eigentümlichen Form sind korrekt und
tüchtig durchgeführt, konnten jedoch nicht allgemein gefallen. Es hat
fast den Anschein, als wäre die Absicht vorhanden gewesen, nach dem
Beispiel der Nationaldruckerei in Paris etwas Absonderliches für sich
allein zu haben, ohne Rücksicht darauf, ob es zugleich etwas Schönes
sei. Im Jahre 1873 zur Zeit der Wiener Ausstellung betrug die Zahl der
Stempel und Matrizen über 100000. Deckers lieferten auch orientalische
Schriften, die unter der Aufsicht der Akademie der Wissenschaften
geschnitten wurden, welche letztere sich überhaupt um diesen Zweig
der Schriftgiesserei verdient machte. Als Stempelschneider in dieser
Richtung erwarb sich BEYERHAUSS einen Ruf. Unter anderem lieferte er
für die amerikanische Mission in New-York 4000 chinesische Stempel,
mit welchen 22000 der am häufigsten vorkommenden Kombinationen
herzustellen waren. F. THEINHARDT lieferte Hieroglyphen nach der
Anleitung des Professors C. R. Lepsius, die sich von den Niesschen
dadurch unterscheiden, dass sie kein schwarzes Typenbild, sondern nur
wie mit der Feder gezeichnete Umrisse bilden. Die Zahl der geschnittenen
Charaktere beläuft sich auf über 1300. Auch Theinhardts sonstige
fremdländische Schriften und andere Leistungen sind vorzüglich[169].
[169] C. R. LEPSIUS, Standard-Alphabet. II. Ed. London 1863. --
FR. BALLHORN, Alphabete orientalischer und occidentalischer
Sprachen. 12. Aufl. Nürnberg 1880. -- F. THEINHARDT, Liste
hieroglyphischer Typen. Berlin 1875. -- H. BRUGSCH, _Mémoire sur
la réproduction imprimée des caractères démotiques_. Berlin 1868.
[Sidenote: H. Ehlert.]
[Sidenote: W. Woellmer.]
Treffliche Einfassungen und Ornamente lieferte HEINR. EHLERT. Rastlos
schaffte im Accidenzfach WILH. WOELLMER, und namentlich erwarben
sich seine Züge, Einfassungen und Schreibschriften, besonders die
Rundschriften[170], grosse Beliebtheit, wozu seine von W. Büxenstein in
Berlin genial arrangierten und meisterhaft gedruckten Proben das ihrige
beitrugen.
[170] F. SOENNECKEN, Das deutsche Schriftwesen. Bonn 1881. --
H. SMALIAN, Praktisches Handbuch für Buchdrucker im Verkehr mit
Schriftgiessereien. 2. Aufl. Leipzig 1877. -- J. H. BACHMANN,
Die Schriftgiesserei. Leipzig 1868.
[Sidenote: H. Berthold.]
Je grössere Dimensionen das Geschäft im allgemeinen annahm, um so
vorteilhafter war es, wenn sich Spezialitäten vom Stamm abzweigten
und besondere Geschäfte bildeten. Als eine solche Spezialität, welche
eine ganz besondere Pflege nötig hatte, ist die Fabrikation von
Messinglinien, galvanoplastischen Arbeiten u. dgl. zu bezeichnen. In der
Fabrikation der ersteren hat es H. BERTHOLD in Berlin zu einer grossen
Virtuosität gebracht. Besonderen Dank seitens seiner Berufsgenossen
erwarb er sich durch seine Bemühungen für die Einheitlichkeit des
Schriftkegels und die Herstellung eines Normaltypometers. Unter Beihülfe
wissenschaftlicher Kräfte ersten Ranges, darunter des Direktors des
Observatoriums in Berlin, Professor Dr. Forster, stellte er nach
achtzehnmonatlicher Arbeit ein solches Typometer in einer Länge von 30
cm = 133 Nonpareil = 798 Punkte her[171]. Leider ist auch bei diesem
neuen verdienstlichen Versuche nicht das Metermass nach seinen Einheiten
genau zugrundegelegt. Man sieht hier, wie bei den orthographischen
Verbesserungsplänen, wie schwer es ist, eine wissenschaftliche Reform
durchzusetzen, wenn nicht ein Gebot des Staates dahintersteht. Bei dem
enormen vorhandenen Setzmaterial und den übergrossen Schwierigkeiten,
dieses schrittweise nach einem neuen System zu vervollständigen oder
umzumodeln, ist auch nicht abzusehen, wann eine Einheitlichkeit
durchgeführt sein kann, denn solche Radikalkuren anzuwenden, wie die
Reichsdruckerei es that, indem sie ihre gesamten Schriftenvorräte ins
Zeug warf und umgoss, sind nicht jedermanns Sache.
[171] Journ. f. B. 1879, Nr. 29.
[Sidenote: C. Hanemann.]
In JENA schnitt C. HANEMANN nach Angaben des Professors W. Lagus eine
arabische Schrift für die Frenckellsche Offizin in Helsingfors.
[Sidenote: Leipziger Schriftgiesser.]
[Sidenote: J. G. Schelter & Giesecke.]
LEIPZIG nahm in der Schriftgiesserei nicht eine so bedeutende Stelle
ein, wie man es hätte vermuten sollen. F. A. Brockhaus, Breitkopf &
Härtel, Karl Tauchnitz, F. Nies und dessen Nachfolger C. B. Lorck und
W. Drugulin u. a., welche hauptsächlich nur im Interesse der eigenen
Druckoffizinen arbeiteten, finden Erwähnung bei der Besprechung der
Wirksamkeit dieser (Kap. XII). GUSTAV SCHELTER zeichnete sich namentlich
durch seine Musiknoten aus. Der talentvolle, leider zu früh aus dem
Leben geschiedene ERNST OTTO war ganz besonders um die Verbesserung
des Schriftmetalls bemüht. Die einzige bedeutende Schriftgiesserei war
langezeit hindurch die von J. G. SCHELTER & GIESECKE, die einen ganz
besonders regen Verkehr mit dem Norden unterhielt und eine Filiale in
Wien (jetzt Meyer & Schleicher) errichtete. Die Leipziger Anstalt ist in
jüngster Zeit ganz nach amerikanischen Grundsätzen umgebildet und gehört
durch ihren Umfang und die ausgedehnteste Anwendung von Hülfsmaschinen,
welche sie selbst baut, zu den bedeutendsten Schriftgiessereien der
Jetztzeit, liefert zugleich kleine Druckmaschinen und alles, was zum
Arbeitsmaterial gehört. In jüngster Zeit haben Schelter & Giesecke sich
besonders um das Schaffen schöner Ornamente und Einfassungen verdient
gemacht[172].
[172] Die in zwanglosen Zwischenräumen erscheinenden »Typographischen
Mitteilungen von J. G. Schelter & Giesecke« dienen ihrem
Geschäft als Organ, enthalten aber auch Nachrichten und
Belehrungen von allgemeinem Interesse.
[Sidenote: J. Klinkhardt.]
Die als Schriftgiesserei noch junge Firma JULIUS KLINKHARDT, früher
schon als Verlagshandlung und Buchdruckerei bekannt, entwickelt eine
grosse Thätigkeit. Der Gründer der Firma, JULIUS KLINKHARDT, kaufte
1864 die gut eingerichtete Buchdruckerei von Lüders & Umlauf, 1871 die
bekannte lithographische Anstalt von J. G. Bach und die Schriftgiesserei
von Gust. Schelter. Unter der Beteiligung der Söhne ROBERT und BRUNO
KLINKHARDT nahm das Geschäft einen ungemein raschen Aufschwung; in
Wien wurde 1877 eine Filiale errichtet. Die Anstalt machte namentlich
in betreff der Musiknoten und der dekorativen Typographie bedeutende
Anstrengungen[173].
[173] Das »Probenalbum der Buchdruckerei Julius Klinkhardt« 1882
ist eine Musterleistung moderner Ausstattung, namentlich neuerer
Ornamentierung.
[Sidenote: Galvanoplastiker und Graveure.]
Als Galvanoplastiker erwarb sich in Leipzig C. A. KLOBERG, als
Graveur R. GERHOLD Ruf. In Magdeburg zeichnete sich in diesem Fache
FEODOR SCHMITT (früher FALCKENBERG & CO.) aus, dessen Spezialitäten
Numerierwerke und alle Messingarbeiten für Buchbinder sind.
[Sidenote: Frankfurt a. M.]
[Sidenote: J. Andreae.]
FRANKFURT A. M. behielt, mit dem benachbarten OFFENBACH, selbst nachdem
der Hauptsitz der Typographie und des Buchhandels nach Leipzig verlegt
war, die Superiorität als Sitz der Schriftgiesserei. Ein verdientes
Ansehen genoss dort schon lange die Schriftgiesserei von J. ANDREAE (I,
S. 131), die einen wesentlichen Einfluss auf die Ausbildung des guten
Geschmacks geübt hat. Sie verbesserte das Konkordanzsystem und war
eifrig für die Einführung des einheitlichen Kegel- und Höhesystems (I,
S. 160) thätig. Im Jahre 1838 ging das Geschäft auf BENJ. KREBS über,
der auch die ersten guten deutschen Schreibschriften lieferte, deren
Zeichen zwar, wie die der _Anglaise_, auf schrägem Kegel geschnitten,
jedoch nicht wie die letztere aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt
werden mussten. Jedes Typenstück ist zugleich ein vollständiger
Buchstabe, nur existieren, wie in der _Ronde_, von manchen Buchstaben
Varianten (bis zu fünf) unter Berücksichtigung der Anschlüsse an die
Nachbarbuchstaben. Krebs hat auch durch sein für die damalige Zeit
(1827) vortreffliches und heute noch nicht übertroffenes »Handbuch der
Buchdruckerkunst« sehr wohlthätig gewirkt. Die Firma lieferte auch
vorzügliche hebräische, und in jüngerer Zeit auch Frakturschriften, die
zu den besten gehören; seit 1870 ist H. POPPELBAUM alleiniger Besitzer
der Firma.
[Sidenote: F. Dresler.]
[Sidenote: C. Meyer.]
[Sidenote: H. Flinsch.]
Im Jahre 1827 gründete FRIEDR. DRESLER mit ROST-FINGERLIN in Frankfurt
eine Schriftgiesserei, die bald einen weiten Ruf erlangte. Die
Dreslerschen gothischen Schriften wurden allgemein nachgeahmt und seine
Fraktur fand sogar Eingang in die Nationaldruckerei in Paris. Dresler
schnitt auch Musiknoten ohne Linienansätze, welche für sich gesetzt
und dann einer, die Linien enthaltende Druckform aufgedruckt wurden.
Doch hat dieses Verfahren trotz des durch die Zweifarbenmaschine
erleichterten Doppeldruckes sich nie einbürgern können. Die Verwendung
von zweierlei Metall, Messing für die Linien und Schriftzeug für die
Noten, bietet schon wesentliche Nachteile, da die Abnutzung eine
verschiedene ist, der Druck demnach nie ein recht gleichmässiger sein
wird. Dreslers tüchtiger Nachfolger CARL MEYER verfolgte, unterstützt
von FERD. MICHAEL, die begonnenen Pläne weiter und H. FLINSCH, in dessen
Besitz das Geschäft 1859 überging, vollendete sie.
Unter Flinsch ist die Anstalt zu der grössten Deutschlands, zu einer
der grössten der Welt herangewachsen. Im Jahre 1882 waren vorhanden:
92 Giessmaschinen, welche täglich ca. 2 Millionen Typen liefern
können, ausserdem 26 Schleif- und viele Hülfsmaschinen. Die Zahl der
Arbeiter betrug über 200. An Stempeln besass die Offizin 106000,
an Matrizen 198200. Flinsch war der erste in Deutschland, der die
Johnson-Atkinsonsche Giessmaschine einführte und Matrizen von Stahl
und Neusilber verwendete, auch für die Güte und Härte des Zeugs wurden
grosse Anstrengungen gemacht.
[Sidenote: J. C. Bauer * 1802, [+] 1867.]
Als Schriftschneider erwarb sich JOH. CHR. BAUER aus Hanau ein grosses
Ansehen. Nachdem er sich in England ausgebildet hatte, begann er 1828
seine schönen Frakturschriften auszuführen, von welchen die ersten
1852 erschienen. Nach und nach folgten andere und Bauer schnitt über
10000 Stempel. Seine Nachfolger wirken in gleicher Richtung. Sie haben
das Patent auf die Hepburnsche Giessmaschine erworben (S. 295), deren
Erfinder seine Thätigkeit dem Frankfurter Hause widmet.
[Sidenote: C. D. May.]
COSMAN DAMIAN MAY gehört halb Frankfurt, halb London an. Geboren in
ersterer Stadt, ging er 1828 nach England und war bis 1845 Teilnehmer
der Schriftgiesserei Miller & Richard. 1852 kam er wieder nach
Frankfurt; kehrte jedoch 1865 abermals nach London zurück. Er schnitt
Frakturschriften sowohl in einer abgerundeteren Form (Midoline), als
auch in der üblichen eckigen. Bekannter sind seine Antiquaschriften
geworden, deren treffliche Ausführung alles Lob verdient.
[Sidenote: J. Ch. D. Nies. J. H. Rust. C. J. Ludwig.]
Die Firma J. CH. D. NIES wurde 1834 gegründet. C. J. LUDWIG, aus der
Flinschschen Schule hervorgegangen, hat sich seit 1876 für seine junge
Firma bereits einen guten Ruf erworben. In dem benachbarten Offenbach
zeichnete sich J. M. HUCK & CO. und J. H. RUST, letzterer namentlich
durch seine eleganten Ornamente und Einfassungen, aus.
STUTTGART hat in der Schriftgiesserei keine grosse Bedeutung gehabt. In
neuester Zeit machte sich OTTO WEISERT durch seine Zierstücke, STOFFLER
& BACKÉ durch Holzschriften bemerkbar. Solche fabrizierten namentlich
SACHS & SCHUMACHER in Mannheim, NACHTIGALL & DOHLE in Aachen.
[Sidenote: Österreich.]
[Sidenote: Andr. Haase * 30. Aug. 1804, [+] 25. Juni 1864.]
In ÖSTERREICH stand die Schriftgiesserei lange auf einem ziemlich
untergeordneten Standpunkte. Eine Änderung hat man erst GOTTLIEB HAASE
in Prag zu verdanken, der in Österreich ungefähr dieselbe Stellung
einnahm, wie Hänel in Deutschland.
Der Begründer der Firma war 1798 nach Prag eingewandert. Sein rasch
aufgeblühtes Geschäft arbeitete mit 18 Pressen und war mit einer
Schriftgiesserei verbunden. Der Sohn ANDREAS widmete sich nach einer
sorgfältigen Erziehung der Buchdruckerkunst und übernahm, kaum zwanzig
Jahre alt, nach dem Tode des Vaters im Verein mit seinen beiden
jüngeren Brüdern GOTTLIEB und RUDOLPH das Geschäft, das bald eins der
bedeutendsten in Österreich wurde. Im Jahre 1836 disponierte es bereits
über eine Doppelmaschine, drei einfache Schnellpressen, zwölf Stanhope-
und vierzehn ältere Handpressen, nebst zwei hydraulischen Glättpressen.
Die Schriftgiesserei zählte 45 Arbeiter und versah ganz Österreich und
die Donauländer. Eine Maschinenfabrik wurde in Wran angelegt. Nach dem
Tode Andreas' übernahm Gottlieb als Chef die Leitung der Buchdruckerei.
Ihm zur Seite stand als Dirigent der Schriftgiesserei sein Neffe GUIDO;
Rudolph leitete die Buchhandlung. Im Jahre 1871 ging das Geschäft in
die Aktiengesellschaft Bohemia auf, bis es Andreas Haase später wieder
übernahm.
[Sidenote: Schriftgiesserei in Wien.]
Der sehr bedeutende Aufschwung, welchen die Wiener Schriftgiesserei
in neuester Zeit genommen hat, entstammt zumteil den Bestrebungen
Auers, zumteil den bei der günstigen Wendung der Pressverhältnisse
nach Wien eingewanderten deutschen Geschäften. Die jetzt bedeutendste
Schriftgiesserei MEYER & SCHLEICHER, welche ihre Verbindungen selbst
bis Japan ausdehnt, wurde, wie bereits erwähnt, als Filiale von
Schelter & Giesecke in Leipzig gegründet. Sie führte die Atkinsonsche
Giessmaschine in Wien ein. J. H. RUST aus Offenbach etablierte 1856 ein
Geschäft. Aus einer Filiale von KREBS in Frankfurt a. M. ward die Firma
POPPELBAUM & BOSSOW, jetzt POPPELBAUM. In jüngster Zeit folgte JUL.
KLINKHARDT aus Leipzig.
Ausser der Staatsdruckerei verbanden auch andere Druckanstalten mit
ihren Druckoffizinen Schriftgiessereien, so V. WALDHEIM, ZAMARSKI,
FROMME. Letzterer verkaufte jedoch die Giesserei an BRENDLER & G.
HARLER. CARL BRENDLER schnitt vortreffliche orientalische Schriften und
die stenographischen Typen für Faulmann.
[Sidenote: C. Faulmann und die Stenographie.]
CARL FAULMANN, erst Setzer, dann Stenograph und Linguist, Verfasser
mehrerer Werke über Schrifttum und Typographie[174], hat sich ganz
besondere Verdienste in betreff der Lösung der schwierigen Aufgabe,
die STENOGRAPHIE in die Typographie einzuordnen, erworben. Die
ersten Versuche hatte bereits 1854 GUSTAV SCHELTER mit Typen nach
Gabelsbergers System gemacht, sie fielen jedoch nicht genügend aus.
Die Staatsdruckerei liess von JOSEPH LEIPOLD und CHRISTIAN PLESSE
Typen nach Stolzes System herstellen, die 1854 in München ausgestellt,
für den praktischen Gebrauch jedoch zu gross befunden wurden.
1859 zeichnete Faulmann für die Staatsdruckerei neue Typen nach
Gabelsbergers System, die, von Leipold geschnitten, sich als zweckmässig
bewährten. 1864 erschienen wieder neue Typen von Faulmann, die er auf
seine Rechnung von Brendler schneiden liess und die später von der
Staatsdruckerei angekauft wurden. Diese neuesten Typen reihen sich ohne
Verbindungsstücke an einander an, wie gewöhnliche Typen. Allerdings ist
die Zahl derselben, trotz einer grossen Reduktion der früheren 1300
Stücke, noch eine bedeutende, 800, so dass ein Kasten sie nicht alle
fassen kann, auch laufen die überhängenden Buchstaben beim Drucken
leicht Gefahr, beschädigt zu werden. Liegt es nun auch in der Natur der
Sache, dass die Geschwindschrift nie Gegenstand eines Geschwindsatzes
werden kann, so ist doch das Problem des stenographischen Satzes als
glücklich durch Faulmann gelöst zu betrachten[175].
[174] Illustrierte Geschichte der Schrift. Wien 1880. -- Das Buch der
Schrift. Wien 1878. -- Illustrierte Geschichte der
Buchdruckerkunst. Wien 1882. -- Illustrierte Kulturgeschichte.
Wien. -- Stenographische Unterrichtsbriefe. Wien.
[175] Österr. Buchdr.-Ztg. 1873, Nr. 29. -- Journ. f. B. 1874, Nr. 16
u. 18.
[Sidenote: Reichtum an Schriften.]
Betrachten wir den grossen Reichtum an Material, welchen die
Schriftgiessereien für Einfassungen, Ornamente, Titel-, Schreibschriften
u. dgl. den Setzern in die Hände liefern, so können letztere nicht
darüber klagen, dass es ihnen an Mitteln gebricht, ihre Kunstfertigkeit
zu zeigen. Eher verleitet sie der Reichtum zur Verschwendung und unter
den hunderten von Schriften wird mehr gewühlt als gewählt und sinnlose
Zusammenstellungen gemacht. Erfreulich ist es zu sehen, wie jetzt das
Ausland, das fast nur von den Derrieyschen Einfassungen zehrte, jetzt
die deutschen Produkte vielfach benutzt, die selbst in Frankreich
Eingang fanden.
Übersättigung führt zur Einfachheit und so haben in den letzten Jahren
die einfache typographische Linie und der Punkt (S. 304) eine bedeutende
Rolle gespielt und oft werden mit diesen kleinen Mitteln wirkliche
Meisterstücke ausgeführt, in welchen namentlich W. BÜXENSTEIN in Berlin,
JUL. KLINKHARDT in Leipzig und die PIERERSCHE Hofbuchdruckerei in
Altenburg excellieren, der in letzterer arbeitende taubstumme WATZULIK
ist ein ausserordentliches Setzer-Genie[176].
[176] Eine »Anleitung zum Accidenzsatz« von HEINR. FISCHER. Leipzig
1877, versucht ein System für den titelförmigen Satz aufzustellen.
* * * * *
[Sidenote: Die Stereotypie.]
Das STEREOTYP-VERFAHREN[177] wird in ausgedehnter Weise in Deutschland
geübt, ohne dass dieses selbst bedeutende eigene Verdienste um dasselbe
erworben hätte, wenn sich auch Spuren älterer Versuche zeigen.
[177] H. MEYER, Handbuch der Stereotypie. Braunschweig 1838.
[Sidenote: Ältere Versuche.]