Der gedrückte Zustand, in welchem wir das deutsche Pressgewerbe zum

Schluss der früheren Periode verliessen (I, S. 168), sollte sich

noch weit über den Schluss des achtzehnten Jahrhunderts ausdehnen.

Der siebenjährige Krieg, die Revolutionskriege, die Zwingherrschaft

Napoleons, die verkümmerten national-ökonomischen Verhältnisse lasteten

schwer auf dem ganzen Volk und auf allen gewerblichen Verhältnissen,

begreiflicherweise nicht in letzter Reihe auf Buchhandel und

Bücherdruck. Diese hatten, ausser mit den allgemeinen, noch mit ihren

besonderen Plagen, Nachdruck und Presspolizei, zu kämpfen. Ersterer

erhob in schamlosester Weise sein Haupt und brachte den Verlagshandel

um die Früchte seiner Opfer und seiner Thätigkeit. Unter solchen

Verhältnissen konnten keine angemessenen Honorare gewährt werden und

die schlecht bezahlten Autoren versuchten zumteil ihr Heil in dem

Selbstverlage ihrer Werke auf Subskription oder durch Vereinigungen zu

den sogenannten »gelehrten Buchhandlungen«, die gewöhnlich ein trübes

Ende nahmen und den Verlagsbuchhandel noch mehr diskreditierten.

[Sidenote: Die Polizeiwillkür.]

Doch nicht allein die Nachdrucker, sondern auch die Polizeiwillkür

betrachtete ein Presserzeugnis als ein herrenloses Gut und die Erzeuger

als ausserhalb des Schutzes der Gesetze stehend. Es ist nicht gerade

notwendig, den extremsten Fall, die Erschiessung Palms in Braunau am

26. August 1806 durch Napoleon, heraufzubeschwören, das Dasein der der

Presse Dienenden war ein Zustand von Hangen und Bangen, der, wennauch

nicht das Leben, so doch oft Opfer an Gut und Freiheit kostete.

[Sidenote: Die kaiserliche Bücherkommission und die Zensur.]

Mit der Verlegung des Schwerpunktes der Pressgewerbe nach Leipzig

war rechtlich keine Änderung in den presspolizeilichen Verhältnissen

eingetreten. Ein kaiserliches Edikt vom 10. Februar 1746 beschäftigte

sich sehr eingehend mit der Bücherzensur im heiligen römischen

Reich und spricht »seine sonderbare Befremdung« über die bisherige

Nichtachtung der Reichsgesetze aus. Über alle Einzelheiten im Buchhandel

und Buchdruck, selbst über Papier und Schriften wurden Bestimmungen

getroffen. Dieser Standpunkt wiederholt sich in den Wahlkapitulationen

bis 1792. Wie die Reichsregierung jedoch selbst klagt, es blieb

meist bei den leeren Worten und die kaiserliche Bücherkommission war

faktisch seit Verlegung der Messe nach Leipzig so gut wie von der Bühne

verschwunden. Sie wusste, dass sie keinen Gehorsam finden würde und

hielt sich deshalb möglichst hinter den Kulissen. Somit war die Presse

fast lediglich von der Gesetzgebung der einzelnen Staaten und deren

Politik abhängig; von einer Einheitlichkeit der Pressgesetzgebung, der

Zensur und der Presspolizei war keine Rede[152].

[152] LUD. HOFFMANN, Geschichte der Bücherzensur. Berlin 1879. -- Die

Preussische Pressgesetzgebung unter Friedr. Wilhelm III. Leipzig

1881. -- FR. KAPP, Aktenstücke zur Gesch. der Preuss. Zensur

etc. (Archiv d. B.-B.-V. IV). Leipzig 1879. -- R. E. PRUTZ, Zur

Geschichte d. Presse in Preussen (Deutsch. Mus. 1857, 11).

[Sidenote: Pressverhältnisse der einzelnen Bundesstaaten. Preussen.]

Preussen genoss schon vor Friedrich dem Grossen eine gewisse Freiheit

und letzterer gewährte den Zeitungen einen noch grösseren Spielraum

und bediente sich sogar derselben, um seine Massregeln vorzubereiten

oder zu verteidigen. »Die Gazetten, wenn sie interessant sein sollen,

müssen nicht geniert werden.« Doch darf man dieses Wort nicht zu genau

nach dem Buchstaben nehmen. Über Angriffe auf seine Person dachte der

König allerdings sehr liberal, dagegen konnte er bei Einmischung in

seine Verwaltung unduldsam werden. Die Zensur der Schriften, welche das

öffentliche Recht behandelten, übertrug er dem Kabinettsministerium. Im

Jahre 1747 wurde die Berliner Akademie mit der Zensur aller Schriften

betraut. 1749 erschien ein etwas verschärftes Zensuredikt, welches bis

zum Tode Friedrichs in Kraft blieb, jedoch mild gehandhabt wurde, wie

der König überhaupt die Presse mit mehr Achtung behandelte, als man

damals gewohnt war.

Nach dem Tode Friedrichs nahm die Lage in Preussen eine andere Gestalt

an. In dem Jahre 1788 erschienen das berüchtigte Religionsedikt und das

diesem geistesverwandte Zensuredikt vom 19. Dezember desselben Jahres.

Natürlich »wollte man den Unterthanen alle erlaubte Freiheit gern

akkordieren« -- aber »zugleich Ordnung im Lande haben«.

Die französische Revolution und Napoleons eiserner Druck auf

Deutschland hemmten den Fortschritt gewaltig, wennauch sein Dekret vom

5. Februar 1810, durch welches die Angelegenheiten der Presse, des

Buchhandels und der Buchdruckerei geordnet werden sollten, auf Grund

der Schwerfälligkeit des gesamten Apparates in seinen Folgen nicht so

schlimm wurde, als man hätte befürchten müssen[153].

[153] K. BIEDERMANN, Deutschland im XVIII. Jahrhundert. 1. Bd. 2. Aufl.

Leipzig 1880. -- Friedr. Perthes' Leben. 6. Aufl. Gotha 1872.

[Sidenote: Bayern.]

[Sidenote: Württemberg.]

In den nichtpreussischen Teilen des deutschen Reiches sah es bald

besser, bald schlimmer aus, je nach dem Vorgehen der Einzelregierungen,

denn die Reichsgesetze hatte man entweder im stillen beseitigt oder sie

waren gar, wie in Holstein, wo die dänische Pressfreiheit eingeführt

war, offiziell abgeschafft. Auch in Mecklenburg, Braunschweig, Weimar,

Hessen-Darmstadt, Nassau bestand faktisch Pressfreiheit, ohne dass sie

rechtlich garantiert war. In Hannover waren wenigstens die Werke der

Professoren der Universität Göttingen zensurfrei. In Baden, Dessau und

den freien Reichsstädten, namentlich in Hamburg, fand die Tagespresse in

der Regel eine sichere Zufluchtsstätte. Am traurigsten sah es in Bayern

aus. Nach einem kurzen Lichtblick unter der Regierung des Kurfürsten

Maximilian III. Joseph war ein ganz massloser Druck eingetreten, und

auch in Württemberg wurde grosse Härte und Willkür geübt. Es kam dort

zu Vorgängen -- wie gegen den Dichter Schubart --, die sich denen der

Säbelherrschaft Napoleons nicht unwürdig anreihen.

[Sidenote: Die geistlichen Staaten.]

In den geistlichen Staaten unterlagen die Presserzeugnisse neben

der weltlichen Zensur auch noch der des römischen Stuhles und es

kamen öfters Fälle vor, dass Schriften auf Befehl Roms nachträglich

konfisziert wurden, nachdem sie bereits die Landeszensur passiert hatten.

[Sidenote: Sachsen.]

Sachsen, obwohl der Hauptsitz des Buchhandels, war nicht, wie man es

wohl hätte erwarten können, geneigt, zu freisinnigen Pressinstitutionen

die Initiative zu ergreifen, um damit Leipzig auch zum Zentrum der

wissenschaftlichen Bewegung und der Tagespresse zu machen, wie es der

Mittelpunkt des bibliopolischen Verkehrs geworden war. Es fehlte sowohl

bei der Regierung wie bei dem Volke der eigentliche Schwung. Schon die

Religionsverschiedenheit der Herrscher und des Volkes legte der freien

Behandlung religiöser Fragen Hindernisse in den Weg. War man jedoch auch

nicht freisinnig in der Gesetzgebung, so war man doch in der Praxis

mild und suchte den Buchhandel auf Grund von Leipzigs Stellung zu

demselben möglichst zu schonen[154]. Die Bücherkommission, zu welcher

die Regierung Mitglieder der Universität, des Rats und später des

Buchhandels ernannte, verfuhr mit grösster Schonung, nur über einen, den

strengen Zensor Bel, war man sehr missgestimmt; ja es kam so weit, dass

man von dem Wegbleiben der Auswärtigen von der Messe sprach.

[154] C. B. LORCK, Geschichte des Vereins der Buchhändler zu Leipzig.

Leipzig 1883.

[Sidenote: Die nationale Litteratur.]

[Sidenote: Zeitschriften.]

[Sidenote: Der Buchhandel.]

Mit dem Beginn der vorliegenden Periode beginnt auch das Aufblühen der

nationalen Litteratur, die zu Ende des XVIII. und zu Beginn des XIX.

Jahrhunderts ihre schönsten Blüten trieb. Zu der Zeitungslitteratur,

welche sich mit Besprechung oder Kritik der öffentlichen Zustände

beschäftigte, gab erst A. L. v. Schlözer in Göttingen, dem K. F. v.

Moser nacheiferte, den Anstoss. Schlözers Staatsanzeigen 1782-1793

hatten zurzeit 4000 Abnehmer und waren selbst in den höchsten Kreisen

beachtet. Von da ab wurden alle Verhältnisse in den Wochen- und

namentlich in den Monatsschriften erörtert und um 1785 gab es 400-500

Zeitschriften. Die politische Tagesschriftstellerei war damals noch

nicht ein förmliches Gewerbe, die Unternehmer waren meist Professoren

und Gelehrte, die Bücherkäufer bestanden hauptsächlich nur aus

Gelehrten, Bibliotheken und Beamten, deren begrenzte Mittel sie jedoch

gewöhnlich zwangen, sich auf das Nötigste zu beschränken. Das übrige

Publikum begnügte sich nicht selten mit fader Unterhaltungslitteratur.

Ein direktes Eingreifen des Buchhandels, um neue litterarische

Erscheinungen hervorzurufen, war nur selten bemerkbar, der

buchhändlerische Unternehmungsgeist war noch nicht erwacht.

Erst mit FRIEDR. ARNOLD BROCKHAUS beginnt das eigentliche tendenziöse

Eingreifen der Verleger, welche die Verbreitung wirklicher allgemeiner

und politischer Bildung ins Auge fassten. Aber welche Quelle der Sorgen

und Plagen sollten ihm und seinen Gesinnungsgenossen aus solchem

Beginnen erwachsen[155]!

[155] H. E. BROCKHAUS, Friedrich Arnold Brockhaus. Sein Leben und

Wirken. 3 Bde. Leipzig 1872.

[Sidenote: Reform des Buchhandels.]

Eine Reform des buchhändlerischen Geschäftsbetriebes war schon in der

letzten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts versucht worden, namentlich

richteten sich die Bestrebungen auf die Unterdrückung des Nachdrucks

und auf Gleichmässigkeit und Ordnung in den Rechnungsverhältnissen.

PH. E. REICH in Leipzig gelang es 1765, den ersten Buchhändler-Verein

zustande zu bringen, doch war die Wirksamkeit desselben keine grosse

und er verschwand bald ganz. 1792 versuchte P. G. KUMMER in Leipzig

wieder einen solchen zu begründen, jedoch erst der durch C. C.

HORVATH aus Potsdam hervorgerufene Börsenverein[156] war von Dauer

und aus ihm entstand 1824 erst der wirkliche, jetzt noch bestehende

Börsenverein der Deutschen Buchhändler, dem es namentlich durch die

unermüdlichen Anstrengungen des 1833 am 25. Februar gegründeten

Leipziger Buchhändler-Vereins und durch die liberale Unterstützung

der Sächsischen Regierung gelang, am 1. Mai 1836 sich in dem eigenen

stattlichen Börsengebäude versammeln zu können.

[156] FR. FROMMANN, Geschichte des Börsenvereins. -- Der Börsenbau

(Kap. II in LORCKS Gesch. d. Vereins d. Buchh. zu Leipzig). --

Statut des Börsenvereins vom 25. April 1880.

[Sidenote: Börsenverein.]

Seit der Zeit ist der Verein ruhig fortgeschritten und zählte

1882 1480 Mitglieder. Sein Haus besitzt er seit 1869 vollständig

schuldenfrei; ausserdem eine höchst wertvolle, in ihrer Art einzig

dastehende Fachbibliothek und reiche Sammlungen für die Geschichte der

graphischen Künste[157], einen Verlag fachgeschichtlicher Schriften, ein

wohlgeordnetes Finanzwesen und ein Vermögen von nahe an 400000 Mark.

[157] Katalog der Bibl. des Börsen-Vereins. Leipzig 1869.

Nachtrag 1870.

Ein wesentlicher Einfluss auf die Gesetzgebung über das litterarische

Eigentumsrecht und auf die Ordnung der Verhältnisse der Presse ist dem

Verein durch das Vertrauen der Regierungen zugefallen. Einige in letzter

Zeit in seinem Schosse entstandene Differenzen, die aus den Versuchen

entsprangen, dem Verein Machtbefugnisse beizulegen, die ihn berechtigt

haben würden, in geschäftliche Verhältnisse des Einzelnen einzugreifen,

waren nicht derart, um für den so fest begründeten nützlichen Verein

Gefahren zu bereiten.

Das Vereinsorgan ist das 1834 gegründete, seit 1867 täglich erscheinende

»Börsenblatt für den deutschen Buchhandel«[158]; dieses im Verein

mit dem »Naumburgschen Wahlzettel«, »Schulz' Adressbuch für den

deutschen Buchhandel« und dem »Hinrichsschen Bücherverzeichnisse«

sind geschäftliche Hülfsmittel von grossem Werte, wie sie in dieser

Ausdehnung keine andere buchhändlerische Organisation besitzt[159].

[158] Ein Jahrgang des Börsenblattes bildet jetzt vier Quartbände,

zusammen in einem Umfange von gegen 6000 Seiten. Seit 1856 wurde

es von Jul. Krauss redigiert.

[159] E. BERGER, Die Anfänge der period. Litteratur des Buchhandels

(Publ. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1875.

* * * * *

[Sidenote: Aufschwung der Pressgewerbe.]

Fast gleichzeitig mit der Gründung des Börsenvereins und des Leipziger

Buchhändler-Vereins war die grosse politische Bewegung infolge

der Julirevolution in Paris 1830 und die bedeutenden technischen

Verbesserungen der Typographie eingetreten. Die Produktion kam nun rasch

in Fluss und trat in mancher Beziehung in andere Bahnen ein. War der

Buchhändler früher weniger ein Spekulant gewesen, so wurde er jetzt

vielfach ein Bücherfabrikant und unterlag als solcher mehr als sonst den

Schwankungen der Zeitverhältnisse[160].

[160] O. A. SCHULZ, Der Buchhandel (Schiebes Handelslexikon). -- A.

SCHÜRMANN, Der Buchhandel (Pierers Universallexikon). -- K.

BUCHNER, Schriftsteller und Verleger vor 100 Jahren. -- Dr.

A. KIRCHHOFF, Litteratur und Buchhandel am Schluss des XVIII.

Jahrh. -- J. H. MEYER, Die genossenschaftlichen Buchhandlungen

des XVIII. Jahrh. (Archiv d. D. B.-B.-V. 11). Leipzig 1879. --

A. PRINZ, Der Buchhandel von 1815 bis zum Jahre 1863. 7 Teile.

Altona 1855-1863. -- E. BERGER, Aus dem Buchhandel vor 50 Jahren

(Publ. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1875. -- Derselbe, Der deutsche

Buchhandel in d. J. 1815-1867 (Arch. d. B.-B.-V. 11). Leipzig

1879. -- K. BUCHNER, Beiträge zur Gesch. d. Buchhandels.

[Sidenote: Die illustrierten Blätter.]

Die ZEITSCHRIFTEN, selbst die belletristischen, schlugen unter Führung

des jungen Deutschlands mehr oder weniger eine tendenziös-politische

Richtung ein. Daneben wucherte die Broschürenlitteratur in üppigster

Fülle.

Geradezu umwälzend wirkte 1832 das Erscheinen des _Penny magazine_

(S. 94) auf die deutsche Journallitteratur. Es entstanden

die verschiedensten Nachahmungen und selbst die Verleger der

nichtillustrierten Blätter waren wenigstens bemüht, diese durch

Bilderprämien, zuerst Stahlstiche und schwarze Lithographien, später

Chromolithographien, unter Zuhülfenahme der Colportage »bis in die

Hütten« zu verbreiten. Den Pfennigblättern folgte 1843 die »Illustrierte

Zeitung«. Auch der Humor machte unter Vortritt der »Fliegenden Blätter«

(1845) seine Rechte in einer Reihe von periodischen Schriften geltend,

in welchen hauptsächlich die lithographische Federzeichnung, bei welcher

der Künstler ohne die Dazwischenkunft eines Anderen seiner Laune die

Zügel schiessen lassen konnte, Verwendung fand.

[Sidenote: Die Kalenderlitteratur.]

Im Gefolge der illustrierten Blätter und unterstützt durch die grossen

Fortschritte der Holzschneidekunst stellten sich die zahlreichen

VOLKSKALENDER ein, von denen der von Fr. W. Gubitz (1833) herausgegebene

der reichste an Inhalt sowie an Illustrationen, zugleich der am

weitesten verbreitete war. Leider wurde dieser volkstümlichsten und bei

ehrlichem Streben sehr beachtenswerten Gattung von Presserzeugnissen

nicht allein durch die Höhe der daraufgelegten Stempelsteuer, sondern

noch mehr durch die mit der Erhebung derselben in der Zeit der

Vielstaaterei und der ausgebildetsten Zollplackerei verbundenen

Schwierigkeiten sehr gehemmt und den Verlegern eine Quelle des

fortwährenden Verdrusses und Nachteils eröffnet.

[Sidenote: Die illustrierten Heftwerke.]

Die Illustration bemächtigte sich jedoch nicht nur der

Journallitteratur, sondern es entstanden auch illustrierte

Lieferungswerke in grosser Zahl, welche bei der Erscheinungsweise in

Heften zu 2-1/2, 5 oder höchstens 10 Groschen leicht Eingang fanden,

bis Missbrauch der Geduld und der Kasse des Publikums sie in Misskredit

brachte.

Den Reigen begannen Werke mit lithographischen, zumteil kolorierten

Bildern, dann folgten solche mit Stahlstichen, Holzschnitten und

Chromolithographien. Leipzig und Stuttgart gaben den Ton an. Österreich

blieb in der Produktion zurück, bildete aber das vorzüglichste

Absatzgebiet. Für Holzschnittwerke wurden zuerst namentlich französische

Clichés benutzt; bald aber konnte Deutschland Originale genug liefern

und gab bereits im Jahre der Jubelfeier von Gutenbergs Kunst vollgültige

Beweise seines selbständigen Schaffens. Die Stahlstichwerke wurden

hauptsächlich mit englischen Produkten illustriert; dann wagte man sich

daran, unter Beihülfe englischer Künstler, von denen viele sich in

Deutschland etablierten, die Stiche selbst zu liefern.

An die Stelle der Taschenbücher in bescheidenem Format traten nach

englischen Mustern die GROSSEN ALBUMS und JAHRBÜCHER, die sich

jedoch eben so wenig in Deutschland wie in England hielten und den

illustrierten Dichterwerken Platz machten.

[Sidenote: Die Klassiker-Ausgaben.]

Ebenfalls eine andere von England nach Deutschland verpflanzte, jedoch

sehr schnell verschwindende Mode war die der KLASSIKER-AUSGABEN in einem

Bande grossen Formats mit gespaltenen Kolumnen. Dahingegen fanden die

sogenannten SCHILLER-AUSGABEN (von 1845 ab) in einem kleinen breiten

Sedez eine grosse Verbreitung und andauernden Beifall. Jeder Verleger

spürte in seinem Verlagskataloge eifrigst nach, ob er nicht einen von

ihm übersehenen »Klassiker« im Verlage habe und mancher wunderbare

Klassiker-Heilige zeigte sich mit der Schillerkutte angethan. Selbst

umfangreichere wissenschaftliche Werke fielen der Schillerformat-Manie

anheim. Für die epochemachende _Tauchnitz-Collection_ war dies Format

bereits 1842 angenommen.

[Sidenote: Konversationslexika.]

Die Bedürfnisse nach allgemeinen encyklopädischen Kenntnissen fanden

reiche Nahrung durch die grosse Zahl von KONVERSATIONSLEXIKA mit oder

ohne Illustrationen, die alle mehr oder weniger in Brockhaus' Kielwasser

mit einer von ihm in billigster Weise entlehnten Ladung segelten. Sogar

die Damen erhielten ein solches Lexikon und es fehlte auch nicht einmal

eins für Kinder.

[Sidenote: Die politische Poesie.]

Die Zensurplackereien in den Jahren 1830-1848 überschritten alle

Grenzen. Zwar waren Schriften über 20 Bogen zensurfrei geworden, jedoch

musste 24 Stunden vor der Herausgabe ein Exemplar der Polizei überreicht

werden, und diese Zeit genügte für die provisorische Beschlagnahme,

die in ihren Wirkungen für den Verleger einer definitiven ziemlich

gleichkam. Für die POLITISCHE POESIE und den politischen und sozialen

Roman lag hierin ein Vorschub, da diesen Erzeugnissen nicht so leicht

beizukommen war als denjenigen eines klar ausgesprochenen politischen

Inhalts. Der Unterdrückte wird durch strenge Massregeln seiner

Überwacher nur erfinderischer in der Auswahl seiner Mittel, diese zu

umgehen, und die erwähnten Litteraturzweige blühten.

[Sidenote: Pressfreiheit.]

So hatte es lange unter der Asche geglimmt, bevor der Brand infolge

der Pariser Februar-Revolution 1848 in Deutschland in hellen Flammen

sich Luft machte. Eine Folge war die endliche Gewährung der seit mehr

als 30 Jahren verheissenen Pressfreiheit und die unbehelligte Einfuhr

der Bücher in Österreich, bei welcher jedoch der Buchhandel pekuniär

vorläufig wenig gewann, da der Reiz des Besitzes des Verbotenen nunmehr

aufhörte.

[Sidenote: Die Zeitungen und Broschüren.]

Für die erste Zeit nahmen ZEITUNGEN und BROSCHÜREN[161] die

Aufmerksamkeit des Publikums ausschliesslich in Anspruch. Viele

Kontinuationswerke kamen ins Stocken; der Kredit des Buchhandels wurde

beschnitten. Nur in der Zeitungslitteratur herrschte frisches Leben,

aber auch eine grosse Zersplitterung der Kräfte, unter welcher die

Erzielung grosser Resultate sehr schwer war. Jede Parteischattierung,

jede Stadt, jedes Städtchen wollte ein Blatt oder Blättchen für sich

haben.

[161] R. E. PRUTZ, Geschichte des deutschen Journalismus. Hannover

1845. -- Derselbe, Fortschritte der Zeitungspresse (Deutsch.

Museum 1858 Nvbr.). -- J. KURANDA, Deutsche Zeitungen und

Zeitschriften. -- H. WUTTKE, Die deutschen Zeitschriften. 2.

Aufl. Leipzig 1875. -- Einen Einblick in die Herstellung einer

Zeitung gewährt: J. H. WEHLE, Die Zeitung. 2. Aufl. Wien 1883.

Während die politischen Zeitungen mit ihren reichhaltigen

litterarischen und schönwissenschaftlichen Feuilletons die eigentliche

Unterhaltungslitteratur und auch die litterarischen Blätter ganz

zurückdrängten, gediehen die illustrierten, halb unterhaltenden,

halb belehrenden Wochenblätter, für welche die »Gartenlaube« die

Bahnbrecherin gewesen war, vortrefflich.

[Sidenote: Modezeitungen.]

Als ein bedeutendes Element trat die MODE hinzu. Die grossen Muster- und

Modezeitungen, welchen zurseite die Frauen standen, die zum Schrecken

der Männer alles Mögliche und Unmögliche behäkelten oder bestickten

und in »Schnitten« das Unglaublichste leisteten, fanden eine mitunter

kolossale Verbreitung und wurden selbst in Paris massgebend.

Auch die politisch-soziale SATIRE hatte ihren Tummelplatz, auf welchem

der »Kladderadatsch« sich als Vorturner auszeichnete.

[Sidenote: Die Reaktion.]

[Sidenote: Die Kollektiv-Unternehmen.]

Nachdem die Regierungen nach der Sturmperiode sich von ihrem Schrecken

erholt und wieder festeren Boden unter sich fühlten, begann die Reaktion

erst im stillen, dann offen ihr Spiel zu treiben und die Verfolgungen

gegen Schriftsteller, Verleger und Drucker gehörten zur Tagesordnung.

Von allen Seiten trat die Politikmüdigkeit ein, dagegen stieg die Lust

an Büchern in demselben Verhältnis wie die Unlust an Zeitungen. Die

Konkurrenz im Buchhandel erhob sich wieder mächtig. Sprach jemand einen

Gedanken aus, so fiel gleich ein halbes oder ganzes Dutzend Verleger

über denselben her und zeigte sich bereit, an der Abhülfe eines längst

gefühlten Bedürfnisses mitzuwirken. Die KOLLEKTIV-UNTERNEHMUNGEN aller

Art schossen wie Pilze aus der Erde und fanden guten Absatz, mit

Ausnahme der Romansammlungen, denn trotz der Billigkeit und der zumteil

guten Auswahl derselben zog das Publikum doch vor, sich mit der schönen

Litteratur durch die Zahlung von fünf Pfennigen oder einem Groschen

Leihgebühren pro Band abzufinden.

Durch die Eisenbahnen war die Welt in eine fortwährende Bewegung

gekommen. Es musste also auch für die Bedürfnisse des reisenden

Publikums gesorgt werden, was in ergiebigster Weise durch

Reisehandbücher und Reiseatlanten, Parleurs etc. geschah.

[Sidenote: Der 9. November 1867.]

Ein Tag von grosser Bedeutung in der Geschichte des Buchgewerbes war

der 9. November 1867, an welchem die Verlagsrechte an die Werke der

seit 30 Jahren oder länger verstorbenen Autoren Gemeingut wurden.

Merkwürdigerweise hatten die hauptsächlichsten Verleger der Werke,

die von der Bestimmung getroffen wurden, nicht versucht, der Gefahr

beizeiten energisch zu begegnen, und überliessen den Konkurrierenden

eine zeitlang das Feld. Diese hatten aber um so vorsorglicher gehandelt

und sich zumteil vor Ablauf des Termins mit einigen Verlegern

geeinigt, sodass sie noch vor dem 9. November ihre Kollektionen zu den

wohlfeilsten Preisen beginnen konnten. Fast noch einschneidender als im

Buchhandel wirkte dieser Tag in dem Musikalienhandel.

[Sidenote: Der Colportage-Roman.]

Neben den besseren Erzeugnissen der Unterhaltungs-Litteratur florierte

die Schmarotzer-Pflanze des COLPORTAGE-ROMANS und tötete teilweise

den Sinn für ernstere Lektüre, brachte auch nebenbei durch Beigabe

grösstenteils mittelmässiger Prämienbilder die jugendlich frisch

aufblühende Kunst des Farbendruckes in Misskredit.

[Sidenote: Die Pracht-Albums.]

Die grossen Fortschritte der Typographie, der Xylographie und der

Chromolithographie in Verbindung mit der Photographie und den

verschiedenen Lichtdruckverfahren hatten den Geschmack für schöne Bücher

mächtig gefördert und riefen ARCHITEKTONISCHE und TECHNISCHE WERKE

von grossem Werte, sowie MUSTERSAMMLUNGEN der besseren Erzeugnisse

alter, mittlerer und neuerer Zeit hervor. Es folgten prachtvolle

ethnographische Werke. Schliesslich entstand eine wahre Sintflut von

ALBUMS, hauptsächlich mit photographischen Illustrationen zu Gedichten,

Romanen, Opern u. dgl.

[Sidenote: Die »Mark-Bibliotheken«.]

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst. 1751-1882. · 第 25 / 47 段