In RIO DE JANEIRO wurde ebenfalls das hundertjährige Jubelfest am 9.

Juli 1880 abgehalten. Ausser in Rio sind nicht viele Buchdruckereien in

Brasilien in Thätigkeit. Manche der Arbeiter, die im ganzen genommen

schlecht bezahlt werden und für Extraarbeit keine Entschädigung

erhalten, sind Sklaven. Schlaffheit herrscht von oben bis herab auf den

Laufburschen. Die Zahl der Zeitungen war 1878 297. Südamerika hat im

ganzen 17 deutsche Zeitungen, von welchen 11 auf Brasilien, 4 auf die

argentinische Republik, je eine auf Uruguay und Chile kommen.

LIMA besitzt 21 Buchdruckereien, 11 Buchhandlungen, 11 lithographische

Anstalten und 13 Zeitschriften. ST. JAGO DI CHILE hat 11

Buchdruckereien, VALPARAISO 7.

Auf CUBA befanden sich 52 Offizinen, 50 Buchhandlungen, 10

lithographische Anstalten und 47 Zeitschriften erschienen dort. MEXICO

hat zwischen 50-60 Offizinen, davon 23 in der Stadt Mexico, daneben

11 lithographische Anstalten, 16 Buchhandlungen. PUEBLA weist 8

Buchdruckereien auf.

NORDAFRIKA. DER ORIENT.

[Sidenote: Nordafrika.]

NORDAFRIKA hatte bereits während des ägyptischen Feldzugs Bonapartes

eine typographische Werkstätte (S. 172) und durch die Besitzergreifung

von ALGERIEN ist diese Provinz eine Pflanzstätte der Kultur in Afrika

geworden. Es besitzt heute schon 29 Buchdruckereien, 18 lithographische

Anstalten und 54 Buchhandlungen, davon sind in der Stadt ALGIER 9

Buchdruckereien, 8 lithographische Anstalten, 10 Buchhandlungen; in

CONSTANTINE resp. 3, 2, 5; in ORAN resp. 3, 3, 10. Von Zeitschriften

erscheinen 35 in 12 Städten, davon in Algier 18, unter welchen das

offizielle Journal _Mobacher_ in arabischer und französischer Sprache.

Der Buchhändler BASTIDE hat sehr zur Verbreitung der Litteratur

beigetragen.

[Sidenote: Ägypten.]

In ÄGYPTEN wurde von Mehemed Ali eine Buchdruckerei in Boulak errichtet,

man hatte aber sehr mit der Abneigung der Muselmänner gegen gedruckte

Bücher zu kämpfen. In den letzten 50 Jahren sind etwa 250 Werke aus

den dortigen Pressen hervorgegangen. Von Privatpressen entstanden

verschiedene, unter welchen die von MUSTAPHA WAHABI nennenswert ist.

Die Lithographie wurde 1834 eingeführt. Da die verschiedenen graphischen

Anstalten in den Händen von Franzosen sind und die Arbeiten durch

Franzosen ausgeführt werden, so kann die mitunter sehr hübsche

Produktion eigentlich nicht von nationaler Bedeutung sein.

Von Zeitungen erscheinen etwa 25 in arabischer, französischer,

griechischer, italienischer und englischer Sprache. Sie stehen unter

Zensur und nach erfolgter Warnung kann Unterdrückung stattfinden.

Im Jahre 1878 hatte der Bei von Tunis eine Druckerei errichtet und der

Kaiser von Marokko beabsichtigte ebenfalls in Fez eine solche anzulegen.

Von zwei wöchentlichen Zeitungen erscheint eine in Ceuta, eine in Tanger.

[Sidenote: Buchhandel.]

Der Buchhandel in Kairo ist ziemlich lebhaft. Die Buchhändler sind

meist Gelehrte und nicht so fanatisch, wie z. B. in Damaskus, wo sie

nur ungern Bücher an Christen verkaufen. Es ist dies namentlich mit

den Koran-Ausgaben der Fall, welche abgesondert oder unter besonderem

Verschluss aufbewahrt sind. Die Bücher liegen übereinandergeschichtet.

Der Einband ist von Leder oder gewöhnlicher Pappe, der Titel wird

auf den Schnitt oder auf ein auf den Umschlag geklebtes Blatt

geschrieben. Zwischen alten und neuen Exemplaren wird nicht der strenge

Unterschied gemacht, wie in dem europäischen Buchhandel. Einige

Buchhändler debitieren nur die von ihnen verlegten Bücher, andere

sind Sortimentshändler nach unseren Begriffen. Ein fester Ladenpreis

existiert nicht und die Schwankungen sind oft bedeutend.

* * * * *

[Sidenote: Europäische Türkei.]

EUROPÄISCHE TÜRKEI. Die nach dem Tode des verdienten Förderers der

Typographie IBRAHIM EFFENDI (I, S. 281) in der Entwickelung derselben

eingetretene Stockung fand erst unter der Regierung Abdul Hamids eine

Unterbrechung. Reschid Effendi, der Schatzkanzler, und Achmed Wassif

Effendi, der Reichshistoriograph, erhielten Auftrag, nach dem Verbleib

der in Stillstand geratenen Buchdruckerei Said Effendis Untersuchungen

anstellen zu lassen. Der grösste Teil derselben wurde auch glücklich

aufgefunden, restauriert und dann die Pressen in Skutari wieder in Gang

gesetzt. Zu Direktoren dieser neu entstandenen Reichsdruckerei ernannte

der Sultan Mustafa und Adam Effendi, ersterer Rechtsgelehrter, letzterer

Geistlicher. Beide nahmen sich ihres Amtes mit Eifer an und viele Werke,

die sich durch gute Ausstattung auszeichneten, gingen aus der Anstalt

hervor. Eines der schönsten Erzeugnisse der orientalischen Druckkunst

ist Makkisada Mustafa Effendis Kommentar zur Burda, einem Lobgedicht auf

den Propheten, in einem Quartband von 621 Seiten. Eine weitere lange

Liste fremdartiger Titel hier folgen zu lassen dürfte keinen Zweck haben.

[Sidenote: Rückgang und neuer Aufschwung.]

Nach einer kurzen Blüte folgte wieder Stillstand unter der Regierung

Selims III. und während des Anfangs der Regierung Mahmuds des Grossen.

Nachdem jedoch durch Ausrottung der Janitscharen Ruhe im Innern

hergestellt war und Mahmud sich den Werken des Friedens widmen konnte,

kam die Reihe auch bald an die Staatsdruckerei. Im Jahre 1831 wurde

dieselbe von Skutari wieder nach Stambul übergeführt und erhielt

dort eine grosse Lokalität. Neue Pressen wurden aus London, neue

Typen aus Venedig eingeführt und Arbeiter namentlich aus Deutschland

herbeigeschafft.

Ein rascher Aufschwung machte sich bemerkbar. Die überall versteckten

Schätze der türkischen Litteratur wurden gesammelt, um in guten

und billigen Ausgaben dem Volke zugänglich gemacht zu werden. Man

veröffentlichte die Werke der Reichsgeschichtsschreiber und liess viele

tüchtige Fachwerke, namentlich militärische und medizinische, aus

europäischen Sprachen übersetzen.

Nach einer Glanzperiode von etwa zwanzig Jahren trat unter Abdul Aziz

und unter unglücklichen politischen und finanziellen Konjunkturen ein

Rückgang ein, der erst unter Abdul Medschid aufhörte.

[Sidenote: Jetziger Zustand.]

KONSTANTINOPEL besitzt vier kaiserliche Druckereien, zwei unter

Leitung des Ministeriums des Innern, von welchen die eine sich mit

der Herstellung von allen offiziellen Aktenstücken, die andere sich

mit Bücherdruck beschäftigt. Die dritte, unter das Kriegsministerium

ressortierende Druckerei dient nur militärischen Zwecken; die vierte,

mit welcher eine lithographische Anstalt für die Arbeiten des

Generalstabes verbunden ist, befindet sich in dem Palast Dolma-Bagdsche

und steht unter der unmittelbaren Leitung des Palastmarschalls. Die

Ausführung der öffentlichen Arbeiten ist eine durchweg gute.

Von Privatdruckereien waren 1880 etwa 25 vorhanden, unter welchen sich

die Offizinen des armenischen und des griechischen Patriarchen, sowie

die des Gross-Rabbi befinden. Von lithographischen Anstalten gab es

ebensoviele. Die Zahl der Schnellpressen war gegen 70, der Tret- und

Handpressen 120, beschäftigt waren gegen 500 Personen. In den nationalen

Sprachen erschienen etwa 200 Werke.

[Sidenote: Zeitungswesen.]

Das Zeitungswesen entstand erst spät. Im Jahre 1852 erschien in Smyrna

der _Spectateur de l'Orient_; 1831 wurde der _Moniteur ottoman_

(_Wekaje_) gegründet, der später auch türkisch gedruckt wurde. Nach den

offiziellen Angaben aus dem Jahre 1878 erschienen in Konstantinopel

72 Zeitungen und Zeitschriften, unter welchen 30 Tagesblätter. Von

den Zeitschriften sind 16 in türkischer, 20 in französischer, 12

in griechischer, 13 in armenischer Sprache. Eine Verordnung von

1879 verbot, vor 6 Uhr türkischer Tageseinteilung (ungefähr unsere

Mittagsstunde) die Zeitungen auszugeben, was für diese, deren Verteilung

sonst um 6 Uhr früh stattfand, ein grosser Schlag war. Eine illustrierte

Zeitung _Mussaveri Turkestan_ (Illustrierte Türkei), herausgegeben von

der Gesellschaft der Freunde des Vaterlandes, erscheint wöchentlich.

[Sidenote: Asiat. Türkei.]

In SMYRNA gehörten die ersten Pressen (seit 1658) den Juden; dann

folgten die Christen und schliesslich die Türken. Eine erfolgreiche

Thätigkeit entwickelte mit sehr geringen Mitteln das Kloster MAR-HANNA

auf einem steilen Abhange des Berges Kesroan gelegen. Die dortige

Druckerei ist 1732 von dem Priester Abdallah Ben Zacher gegründet,

welcher selbst das nötige Handwerkszeug fertigte, Typen schnitt und

goss, dann abwechselnd als Setzer und Drucker arbeitete. Noch vor dem

Jahre 1794 erschienen dort gegen 40 Werke. In SAFAD, am westlichen

Ufer des Sees Tiberias, war eine hohe Schule für arabische und

hebräische Gelehrsamkeit, welche eine Druckerei besass, die jedoch

im Jahre 1759 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Berühmt durch ihre

vortrefflichen arabischen Drucke ist die Offizin der amerikanischen

Missionsgesellschaft in BEIRUT.

[Sidenote: Cypern.]

Auf der Insel CYPERN erscheinen jetzt drei englische und zwei

griechische Zeitschriften.

[Sidenote: Persien.]

Nach PERSIEN kam die Buchdruckerkunst 1820 und zwar nach TEHERAN und

TABRIS. Über die weiteren Fortschritte verlautet so gut wie nichts. Bei

seiner Anwesenheit in Wien anlässlich der Ausstellung 1873 beabsichtigte

der Schah Nasser-Eddin die erste Schnellpresse zu bestellen. Seit 1872

erscheint in Teheran eine Zeitung für Persien, zu welcher der Schah

selbst Beiträge liefert, zumeist Schilderungen seiner Jagdabenteuer.

Eine grosse Schwierigkeit für die Verbreitung der Typographie in Persien

bildet das hohe Ansehen, in welchem die Schönschreibekunst steht, und

der hohe Grad von Vollkommenheit, welchen sie erreicht hat. Wird einmal

zur mechanischen Vervielfältigung gegriffen, so ist die Lithographie

viel leichter als die Typographie imstande, die wunderbaren, mit Gold

und Farben geschmückten Schriftzüge wiederzugeben. Auf eine schnelle

Verbreitung von Gutenbergs Kunst in Persien ist deshalb nicht zu rechnen.

[Illustration]

DRITTES BUCH.

DIE GERMANISCHE GRUPPE.

[Illustration]

EINFÜHRUNG IN DAS DRITTE BUCH.

Zu der GERMANISCHEN GRUPPE, mit welcher dieser geschichtliche

Überblick schliesst, gehören in erster Reihe die zu einer

bibliopolisch-typographischen Einheit verbundenen zwei Kaiserstaaten

DEUTSCHLAND und ÖSTERREICH-UNGARN, sowie die SCHWEIZ; in zweiter Linie

die stammverwandten skandinavischen Reiche: DÄNEMARK, SCHWEDEN und

NORWEGEN. An obige schliessen sich in dritter Reihe die, wennauch der

Gruppe national fremd, zumteil sogar feindlich gegenüber stehenden

SLAWISCHEN und MAGYARISCHEN LÄNDER, welche nicht nur ihr typographisches

Material, sondern auch die arbeitenden Kräfte hauptsächlich Deutschland

entnehmen oder wenigstens bis vor kurzem entnahmen.

Eine Eigentümlichkeit dieser Gruppe, soweit ihre Angehörigen

germanischen Ursprungs sind, ist die Verwendung der von den zwei anderen

Gruppen fast ganz ausgeschlossenen Frakturschrift. Trotzdem ist diese,

wie bekannt, nicht die alleinherrschende geblieben. Von der Fraktur

»will«, von der Antiqua »kann« man nicht lassen. So hat sich ein

geschäftlicher Usus eingebürgert, demzufolge den beiden Schriften in

dem eigentlichen Bücherdruck fast ähnliche Stellungen zugewiesen werden,

wie sie im Altertum die hieratischen und demotischen Schriften Ägyptens

innehatten, sodass die Antiqua mehr die Schrift der Eingeweihten

blieb, während die Fraktur mehr die Volksschrift wurde. Zu den Werken

der strengeren Wissenschaften und zu Prachtausgaben verwendet man

vorzugsweise die aristokratischere Antiqua, zu den Erscheinungen der

schönwissenschaftlichen und populären Litteratur, zu Unterrichts- und

Andachtsbüchern dient hauptsächlich die populärere Fraktur[150].

[150] Zwei wertvolle neuere Einlagen in der Streitfrage »Antiqua

oder Fraktur« sind: F. SOENNECKEN, Das deutsche Schriftwesen

und die Notwendigkeit seiner Reform, Bonn 1881, und Dr. JOHANN

KELLE, Die deutsche und die lateinische Schrift, Separatabdruck

aus der Rundschau 1882.

Die Accidenzien fallen in ganz überwiegender Weise der Antiqua zu,

dagegen die Zeitungen fast ausnahmslos der Fraktur. Und so wird es

wahrscheinlich noch lange Zeit bleiben[151].

[151] Um zu einiger Klarheit über das Verhältnis der Antiqua zu der

Fraktur in der deutschen Typographie zu kommen, hat der

Verfasser dieses Buches eine Zählung der litterarischen

Erzeugnisse des Jahres 1881 nach dem Hinrichsschen Katalog

unternommen. Von 14320 Nummern sind 8894 mit Fraktur, 5426

mit Antiqua gedruckt (gleich 62 zu 38 Proz.). In zwei grosse

Gruppen nach den obigen Andeutungen der praktischen Verwendung

geteilt, giebt die »wissenschaftliche Gruppe« 7142 Werke, davon

2896 mit Fraktur, 4246 mit Antiqua (gleich 40 zu 60 Proz.);

die zweite Gruppe, die »populäre Litteratur«, weist 7178 Werke

auf, davon 5998 mit Fraktur, 1180 mit Antiqua (gleich 83-1/2 zu

16-1/2 Proz.). Zeitungen sind hierbei nicht mitgezählt, wohl

aber Wochen- und Monatsschriften. Wie überwiegend die Antiqua

in dem Accidenzfache verwendet wird, zeigt z. B. eine genaue

Aufstellung der C. G. Naumannschen Accidenzdruckerei in Leipzig,

nach welcher von 9447 Aufträgen in dem Jahre 1878 nur 161 in

Frakturschrift bestellt waren.

Diese Doppelheit in der Schrift trägt allerdings eine grössere

Vielseitigkeit zur Schau, hat jedoch für die deutschen Buchdruckereien

den Nachteil gehabt, dass diese gleichmässig reich mit Antiqua- und

Frakturschriften ausgestattet sein müssen. Somit schliesst jede Offizin

eigentlich zwei Druckereien in sich: eine für Arbeiten in Fraktur,

eine zweite für die in Antiqua, so dass bei einem gleichen Quantum von

Schrift eine französische oder englische Offizin, weil nur nach einer

Richtung hin ausgestattet, quantitativ fast eine doppelt so grosse

Leistungsfähigkeit als eine deutsche besitzt.

Was den deutschen Arbeiter betrifft, so vereinigt er in sich vielleicht

mehr als der irgend eines anderen Landes die mancherlei Eigenschaften,

die dem Typographen eigen sein müssen. Er ist selbständiger im Arbeiten

und leistet aus eigenem Antrieb in der Regel mehr, als ein anderer,

weshalb man auch fast nie »schlechte« Arbeiten aus Deutschland

sieht. Seine Fähigkeiten sind vielseitiger; er bringt es aber selten

zur Virtuosität in einem einzelnen Fach und es ist schwer, ihn zur

Überschreitung der Grenzen des ihm »Gut genug« scheinenden zu bringen.

Das mag wohl auch darin liegen, dass es in vielen Fällen nicht anders

mit den Prinzipalen, den Verlegern, den zeichnenden Künstlern und den

sonst Beteiligten steht. So selten das wirklich Schlechte ist, dem man

in der französischen Typographie täglich begegnet, so selten trifft man

auf vollendete, stilvoll durchgeführte Leistungen in Deutschland. Viel

Schuld dabei trägt die Verwendung der Antiqua und der Fraktur nicht nur

»neben«, sondern geradezu »unter« einander. Die richtige Behandlung

der beiden Schriftarten beruht jedoch auf abweichenden Grundsätzen; es

kommt deshalb trotz sonstiger Vorzüge der Arbeiter selten zu einem fest

ausgebildeten Geschmacke.

Was in Bezug auf Deutschland gesagt wurde, gilt auch von ÖSTERREICH,

welches namentlich im Accidenzfache hinter Deutschland nicht

zurücksteht, in dem xylographischen Farbendruck es sogar übertroffen

hat. Auch UNGARN nimmt an den Bestrebungen teil. Die SCHWEIZ und die

SKANDINAVISCHEN LÄNDER, die, was Material, Schriften u. dgl. betrifft,

hauptsächlich von Deutschland abhängig waren, schlossen sich ganz der

deutschen Schule an und liefern jetzt, wennauch nicht gerade viel

Hervorragendes, so doch sehr viel Beachtenswertes. Die SLAWISCHEN LÄNDER

machten wesentliche Fortschritte und leisten zumteil Gutes, jedoch

stehen im allgemeinen die Erzeugnisse dieser Länder etwas zurück und es

wird wohl aus leicht begreiflichen Gründen auch noch einige Zeit darüber

vergehen, ehe sie eine, derjenigen der grossen Kulturländer ebenbürtige

Stellung einnehmen werden.

Die Pressverhältnisse, die Technik und die Industrie in Deutschland

waren zur Zeit des allgemeinen Aufblühens der Typographie zu Beginn

des XIX. Jahrhunderts nicht derart, dass die Notwendigkeit des

Maschinenbetriebes so wie in England und Amerika sich von selbst

aufgedrängt hätte. Es kann deshalb Deutschland nicht so sehr zur Last

fallen, dass es die erste Ausbeutung der, die Typographie umgestaltenden

deutschen Erfindung der Schnellpresse, sowie die ersten Verbesserungen

und die spätere Vervollkommnung derselben dem Auslande überliess, so

dass die Erfindung sozusagen erst wieder aus dem Auslande importiert

werden musste. Sobald die Verhältnisse sich jedoch einigermassen besser

gestalteten, hat es gezeigt, dass es in der Technik und Mechanik nicht

allein nicht zurückgeblieben, sondern auf dem besten Wege ist, sich den

Weltmarkt zu erobern.

Wie in der Typographie macht sich auch in der XYLOGRAPHIE eine doppelte

Strömung geltend. Der echte deutsche Holzschnitt der Gegenwart lehnt

sich an die Arbeiten der Meister aus der Renaissancezeit an und seine

Technik ist geradezu ein Gegenstück zu dem englischen. Der »tüchtige«

deutsche Xylograph unterordnet sich vollständig dem Zeichner und entsagt

dem Ruhm, auf Kosten des Urhebers der Zeichnung ein schaffender Künstler

zu sein. Er ist bestrebt, jeden Strich genau so wiederzugeben, wie er

in der Zeichnung dasteht. Er lässt nichts weg, setzt nichts hinzu. Der

deutsche Holzschnitt steht deshalb öfters gegen den englischen in der

glänzenden Technik zurück, aber er hat den Vorzug, die Zeichnung in

ihrem eigentümlichen Charakter wiederzugeben und er verdient deshalb die

lebhafteste Unterstützung der Künstler.

* * * * *

Während die Geschichte der Buchdruckerkunst in Frankreich und England

ziemlich mit der Schilderung der typographischen Wirksamkeit der beiden

Metropolen Paris und London zusammenfiel, lagen die Verhältnisse in

Deutschland etwas anders.

Zwar besitzt das deutsche bibliopolisch-typographische Reich in

LEIPZIG einen Mittelpunkt des Verkehrs, der in mehrfacher Hinsicht

einzig in seiner Art dasteht; zwar haben sich in Leipzig, einer

Provinzialstadt mittleren Umfanges, durch die eigene Kraft und

Thätigkeit bei kluger Benutzung günstiger Umstände nicht allein der

ganze Kommissionsbuchhandel, sondern auch eine grossartige Verlags- und

typographische Wirksamkeit entwickelt, und die Stadt gilt noch heute

mit Recht als das Zentrum der bibliopolisch-graphischen Thätigkeit

Deutschland-Österreichs. Es war jedoch in den Verhältnissen begründet,

dass BERLIN mit der zunehmenden Wichtigkeit der Machtstellung Preussens

mehr und mehr ein Sammelpunkt wissenschaftlicher, künstlerischer und

journalistischer Kräfte werden und damit für den Buchhandel und die

Typographie eine hohe, sich namentlich über den Norden erstreckende

Bedeutung gewinnen musste. Dass dies in einem noch weit höheren Masse

von der jetzigen Reichshaupt- und Millionenstadt gilt, bedarf kaum der

Erwähnung.

Andererseits entwickelte sich in dem Süden ein in mancher Beziehung

schon aus religiösen Gründen von dem nordisch-protestantischen

abweichendes Geistesleben, das in seiner Sonderrichtung zumteil von

divergierenden politischen Neigungen genährt wurde. München, das durch

seine Stellung in Kunst und Wissenschaft und durch seine Bedeutung als

Hauptstadt des zweitgrössten Staates Deutschlands zur Führung des Südens

berechtigt war, wusste nicht diese Berechtigung geltend zu machen. Wie

im Zentrum, so gelang es auch im Süden einer Mittelstadt durch günstige

Verhältnisse, Rührigkeit und Intelligenz den ersten Platz einzunehmen

und es wurde STUTTGART möglich, wennauch nicht Leipzigs Bedeutung

für das Ganze, so doch eine bevorzugte Stellung für den süddeutschen

Buchhandel zu erreichen und letzterem eine gewisse Selbständigkeit in

dem deutschen bibliopolisch-typographischen Reich zu erwerben.

Eine ausschliessliche Konzentration fand mit alledem nicht in den drei

erwähnten Emporien statt. In Nürnberg, Augsburg und Frankfurt a. M.

lebten die alten Traditionen noch lange fort; die freien Hansastädte

waren nicht Provinzialstädte im englisch-französischen Sinne geworden,

und in mancher der kleinen Residenzen spross öfters ein unabhängiges

reiches Kulturleben hervor. Während in Frankreich z. B. ein in Nantes

oder Bordeaux, in England ein in Liverpool oder Manchester erschienenes

Verlagswerk, welches sich Geltung zu verschaffen wusste, ein Phänomen

blieb, war es, um in Deutschland mit einem Werke durchzudringen, nicht

notwendig, dies in Leipzig, Berlin oder Stuttgart erscheinen zu lassen,

wenn dies auch seine geschäftlichen Vorteile hatte. Ein Verleger in

Braunschweig, Gotha, Altenburg oder in jeder anderen kleinen Druckstadt

konnte, wenn er der rechte Mann und seine Artikel gute waren,

diese zur Geltung bringen. Infolge davon verbreiteten sich auch die

typographischen Anstalten gleichmässiger über das ganze Reich.

Dies war der Segen der eigentümlichen Organisation des deutschen

Buchhandels, der in der Zeit der nationalen Drangsale Deutschlands

fast das einzige Band war, welches das politisch zersplitterte Reich

zusammenhielt.

Solange der politische Druck auf Österreich und seiner Hauptstadt

lastete, war es mit dem Press- und Buchgewerbe dort nur kümmerlich

bestellt. Es konnte jedoch nicht fehlen, dass mit dem Fallen der

Fesseln dies anders werden musste. Es war nicht denkbar, dass WIEN,

damals im Range die dritte der Weltstädte, sich einer Provinzialstadt

Mitteldeutschlands bibliopolisch und typographisch unterordnen

sollte. In rapider Weise entwickelte sich dort der Verlag und die

Buchdruckerkunst und um die Kaiserstadt herum gruppierten sich nun

wieder die Provinzialstädte des Reiches, die früher vollständig isoliert

gestanden hatten.

So sehen wir nunmehr das deutsche Pressgewerbe, unter Beibehaltung

seines eigentümlichen Wesens, namentlich in vier Emporien repräsentiert:

LEIPZIG im Zentrum, BERLIN im Norden, STUTTGART im Süden, WIEN im

Osten, während die übrigen Teile und Städte Deutschland-Österreichs

sowohl als der von diesem geschäftlich abhängigen Umländer, je nach

Lage, Sympathien oder nach der politischen oder geschäftlichen

Attraktionskraft der Mittelpunkte, sich um diese gruppieren.

Von einer scharfen Abgrenzung kann dabei selbstverständlich nicht die

Rede sein. Da es jedoch die Übersicht sehr erleichtert, den massenhaften

Stoff nach den natürlichen Kreisen zu scheiden, so ist diese Vierteilung

für die folgenden Kapitel beibehalten, jedoch unter Voranstellung

einer Gesamt-Übersicht der Schriftgiesserei, der Xylographie, der

Maschinenfabrikation und sonstiger für die Gesamtheit gleichen

Verhältnisse.

[Illustration]

[Illustration]

IX. KAPITEL.

ALLGEMEINER ÜBERBLICK

ÜBER DAS DEUTSCHE PRESSGEWERBE.

Gedrückter Zustand des Pressgewerbes. Nachdruck und Presspolizei. Die

kaiserl. Bücherkommission. Die Presse in den einzelnen Bundesstaaten.

Die nationale Litteratur. Reform des Buchhandels. Der Börsenverein.

Die Bücherproduktion. Der Buchdrucker-Verband und der

Prinzipal-Verein. Statistisches. Die Papierfabrikation. Die

Buchbinderkunst, der Masseneinband und die Handarbeit.

[Sidenote: Gedrückter Zustand des Pressgewerbes.]

[Sidenote: Der Nachdruck.]

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst. 1751-1882. · 第 24 / 47 段