haben sie wirkliche Vorzüge? Letzteres muss unbedingt bejaht werden.
Dass grosse Fortschritte in der Schriftschneiderei gemacht sind, setzt
keineswegs voraus, dass alle älteren Schriften geringer oder weniger
geschmackvoll gewesen sind als die heutigen, auch nicht, dass solche
Schriften älteren Datums nur in Rücksicht auf die Zeit ihres Entstehens
Anerkennung verdienen. Würde es jemand einfallen, ein bedeutendes
Kunstwerk der Glanzzeit der Malerei oder ein bewundernswertes Hausgerät
aus der besten Periode der Renaissance nur in Anbetracht seines Alters
erträglich zu finden? Nicht besser ist es aber, wenn man in Bezug auf
die Meisterwerke aus der Blütezeit der Typographie Stimmen hört, wie:
»Es ist zwar alles mögliche, wenn man bedenkt, wie alt die Bücher sind!«
Als ob nicht diese Schriften an und für sich mustergiltig wären und
uns als Vorbilder dienen könnten. Sie bedürfen nicht einer schonenden
Beurteilung »des Alters wegen«; letzteres sagt uns aber, dass sie zu
einer Zeit entstanden sind, in der die Liebe zur typographischen Kunst,
der individuelle Charakter, der geläuterte Geschmack und das ästhetische
Gefühl sich weit stärker geltend machten, als es jetzt der Fall ist, wo
die meisten fertig zu sein glauben, wenn sie nur neue Schriften, feines
Papier und teure Schwärze zur Verwendung bringen, dagegen um Stil und
Charakter eines Druckwerkes sich gar nicht bekümmern.
Es dürfte sehr fraglich sein, ob die Schriften neueren Schnittes mit
den grossen Unterschieden zwischen Grund- und Haarstrichen, welche
letztere wegen ihrer Feinheit oft kaum zu bemerken sind, eine wirkliche
Verbesserung seien und ob der Leser verpflichtet ist, jedes Produkt der
Laune des Schriftgiessers, mit welchem er seinen Konkurrenten den Rang
abzugewinnen sucht, schön zu finden, oder ob wirklich ein Mensch alles
guten Geschmackes bar ist, weil ihm die Renaissance-Schriften mit ihrer
dem Auge so wohlthuenden Ruhe sympathisch sind.
Schliesslich sei noch bemerkt, dass die Bezeichnung Elzevier-Schriften
eine ungerechtfertigte ist, denn die Originale bestanden schon ein
Jahrhundert vor den Elzevieren, zutreffender wenigstens ist die
Bezeichnung Aldinsche Schriften.
* * * * *
[Sidenote: Die Bibliographie.]
Unter den Männern, die, waren sie auch nicht selbst ausübende
Typographen, doch einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der
Typographie verdienen wegen ihres Einflusses auf das Buchgewerbe, sind
namentlich Brunet und Renouard zu nennen.
[Sidenote: J. Ch. Brunet * 2. Nov. 1780.]
JACQUES-CHARLES BRUNET, Sohn eines kleinen Buchhändlers in Paris,
widmete sich dem Beruf des Vaters. Er war der eigentliche Gründer des
antiquarischen Buchhandels in Frankreich; seine Berühmtheit verdankt er
aber seinem Werke _Manuel du libraire_, von dem 1810 die erste, 1865
die fünfte Auflage erschien. Die Vervollkommnung dieses Werkes war
seine Lebensaufgabe. Er nahm keinen Titel auf, wenn er das Werk nicht
selbst in den Händen gehabt hatte. Von Firmin Didot Frères & Co. für die
Abtretung des Eigentumsrechtes an das _Manuel_ eine Leibrente geniessend
verbrachte er sein Leben still und rüstig arbeitend.
[Sidenote: A. A. Renouard [+] 1853.]
ANTOINE-AUGUSTIN RENOUARD, der in hervorragender Weise die Eigenschaften
des Buchhändlers, Sammlers und Schriftstellers in sich vereinigte,
wurde 1765 in Paris geboren. Schon frühzeitig ward er von Bewunderung
für die Familie des Aldus Manutius in Venedig erfüllt und von dem
Wunsche beseelt, ihre Geschichte zu schreiben. Dazu sammelte er erst die
Ausgaben dieser berühmten Drucker in einer an Vollständigkeit grenzenden
Weise und schrieb nun seine _Annales de l'imprimerie des Aldes_ 1803. 2
Bde. Die 3. Auflage, welche das letzte Wort der Bibliographie in Bezug
auf die Aldi spricht, erschien 1834. Kaum mit diesem Werke fertig,
lenkte er seine Studien auf die Familie Stephanus und 1837 erschienen
seine _Annales de l'imprimerie des Étienne_, von welchen 1843 die zweite
Auflage folgte. Das Werk hat ebenfalls seine bedeutenden Verdienste,
wenn es auch nicht die Arbeit über die Aldi erreicht. Von seiner
eigenen vorzüglichen Bibliothek liess er 1818 den _Catalogue de la
bibliothèque d'un amateur_ in 4 Bänden erscheinen, in welchem ein Schatz
von interessanten Notizen niedergelegt ist. Sein Sohn Jules Renouard im
Verein mit JULES TARDIEU lieferte viele tüchtige Verlagswerke, darunter
_Galerie des peintres_.
[Sidenote: L. C. Silvestre * 1762.]
An den obigen schliesst sich nicht unwürdig an LOUIS CATHERIN SILVESTRE,
dessen Auktionsinstitut Weltberühmtheit erlangte. Eine Spezialität von
ihm waren die Buchdruckermarken und er liess, als Fortsetzung der Werke
Roth-Scholtz', seine _Marques typographiques_ mit 1237 Abbildungen
von Druckerzeichen erscheinen. Silvestre hatte in Pierre Janet einen
würdigen Nachfolger.
Die neuere französische Bibliographie ist in den besten Händen und zwar
in denen zweier Deutschen: C. REINWALD & CO., welche den _Catalogue
annuel de la librairie française_ herausgiebt und O. LORENZ, der den
_Catalogue de la librairie française_ seit 1840 erscheinen lässt.
[Sidenote: M. Bossange * 1766.]
[Sidenote: H. Bossange.]
Für die Verbreitung der Erzeugnisse der französischen Litteratur im
Auslande hatten MARTIN BOSSANGE PÈRE[124] und dessen Sohn HECTOR
BOSSANGE grosse Verdienste. Nach dem Frieden mit England etablierte
Bossange ein grosses Haus in London, später auch in Leipzig. Der Sohn
HECTOR BOSSANGE setzte das Werk des Vaters fort, gründete Buchhandlungen
in Montréal in Canada, in Quebeck, New-York, Rio de Janeiro, Odessa.
Sein grosser Katalog vom Jahre 1845 von gegen 31000 Werken galt als ein
Musterkatalog.
[124] J. M. QUERARD, _Quelques mots sur M. Bossange père_. Paris 1863.
* * * * *
Die französische Bücherproduktion hält ungefähr mit der deutschen
Schritt. An Drucksachen erschienen im Jahre 1879: Bücher und Broschüren:
14122, Musikstücke 2424, Kupferstiche, Lithographien etc. 4661.
So bedeutend die Bücherausfuhr aus Frankreich sich gestaltet, so wenig
konkurrieren die französischen Buchdrucker mit dem Auslande, während
Belgien, England und Deutschland in der Lage sind, Druckarbeiten für das
Ausland zu übernehmen. Mehr als die Arbeitsverhältnisse trägt wohl dazu
bei, dass die französischen Buchdruckereien nicht so gut auf schwierige
Arbeiten eingerichtet sind, wie namentlich die deutschen.
In Paris absorbiert die Journalistik fast alle tüchtigen Setzerkräfte,
trotzdem ist es auf Grund der Eigentümlichkeiten der französischen
typographischen Art und Weise dem fremden Arbeiter schwer, in Paris
fortzukommen[125]. Viele Bücher, bei welchen übertriebene Schnelligkeit
nicht notwendig ist, werden jetzt ausserhalb Paris gedruckt; besonders
gilt dies von Neudrucken älterer Werke, sodass den grossen Pariser
Werkdruckereien namentlich diejenigen Werke verbleiben, bei welchen,
zudem unter gedrückten Preisen, grosse Ansprüche an Material und
Schnelligkeit gestellt werden. Unter solchen Verhältnissen verlieren
diese die Lust an der Lohndruckerei und legen sich selbst auf das
Verlegen. Die Typographie in Paris steht auf einem Vulkan; selbst kurz
vor der Weltausstellung 1878, wo es galt, alle Kräfte zusammenzunehmen,
trug die _Société typographique_ kein Bedenken, einen sehr kostspieligen
und wenig erfolgreichen Strike in Scene zu setzen. Die Lokale der
eigentlichen Werkdruckereien liegen meist zwischen Häusermassen
eingeklemmt und haben sich erst nach und nach mit dem wachsenden
Geschäft erweitert, sodass ihnen meist die ersten Erfordernisse:
Raum, Licht und Luft, fehlen. Alle diese Verhältnisse fangen an, den
Provinzdruckereien zugute zu kommen. Dringen auch die Fortschritte etwas
langsamer in diese ein, so haben sie dafür ein festeres, anhänglicheres
und gut geschultes Personal. Zweckmässige Lokaleinrichtungen sind
weniger kostspielig als in Paris und manche Provinzdruckerei kann
sich schon mit tüchtigen Pariser Offizinen messen. Einen wesentlichen
Vorschub leisten die vielen lokalen Gesellschaften für Kunst und
Wissenschaft, namentlich Archäologie, welche viele Werke mit Aufwand
hinsichtlich Ausstattung, Illustration und Beigabe von Kunstblättern
für ihre Rechnung drucken. Auch fangen die Provinzbuchdrucker an,
selbst zu verlegen und Depots in Paris zu errichten. Kurz, wenn auch
die Zentralisation noch eine bedeutende ist, so bereitet sich offenbar
eine Dezentralisation im Sinne des deutschen Buchgewerbes vor und man
fängt mit Versuchen an, sich von dem allmählich überwältigend gewordenen
Einfluss des Pariser Geschäfts zu emanzipieren.
[125] Auf Sitte und Arbeitsweise der Pariser Setzer wirft ein
Werkchen Eugène Boutmys: _Les typographes parisiens, suivi d'un
petit dictionnaire de la langue verte typographique_, Paris
1874, interessante Schlaglichter.
Mit Ausnahme der administrativen Arbeiten, welche in grosser Zahl und
mit grossem Geschick ausgeführt werden, haben die Accidenzien weder in
Quantität noch Qualität eine solche Bedeutung, wie in Deutschland. Im
allgemeinen werden, und wohl nicht ganz mit Unrecht, dort nicht eine
solche Sorgfalt und solche Kosten wie hier auf diese sehr schnell dem
Papierkorb verfallenden Drucksachen verwendet; diese lässt man lieber
den Werken selbst zukommen.
Ein ziemlich klares Bild von dem Zustand des Accidenzdruckes in
Frankreich, soweit dieser dem Buchgewerbe dienstbar ist, liefern die
Kataloge zu den Fachausstellungen, die in dem Hause des _Cercle_
in den letzten Jahren abgehalten wurden. Diese Kataloge sind durch
die vereinten Kräfte einer Anzahl der bedeutendsten Buchdruckereien
hergestellt, von welchen jede einen halben oder einen ganzen Bogen
geliefert hat, ohne dass eine andere Grenze auferlegt war, als die
Innehaltung des Papierformats. Man darf also annehmen, dass das
möglichst Beste geliefert wurde. Es geht aus diesen Katalogen hervor,
dass man seit dem vortrefflichen Derriey fast stehen geblieben ist.
Die Zeitungslitteratur hatte in Frankreich mit manchen Hindernissen
zu kämpfen, die nun durch das Pressgesetz von 1881 beseitigt sind.
Die grossen Journale haben fast alle denselben äusseren Umfang, vier
Seiten in gross Folio. Die Franzosen, im ganzen mässig, mögen auch nicht
täglich eine solche Masse von geistiger Kost geniessen, wie sie ein
englischer Lesermagen verträgt. Versuche mit Blättern nach letzterem
Mass eingerichtet sind vollständig fehlgeschlagen. Durch ihre, den
nationalen Eigentümlichkeiten ganz Rechnung tragende Organisation
darauf berechnet, das, worauf es ankommt, mit Leichtigkeit ins Fleisch
und Blut dringen zu lassen, üben jedoch die französischen Journale
einen ausserordentlichen Einfluss auf die Partei, deren Interessen sie
verfechten. Des grossen Anlagekapitals, wie ein solches in England
notwendig ist, bedarf ein neues französisches Journal nicht; es genügt
eine mässige Summe, wenn sich mit dieser die genügende Intelligenz und
journalistische Routine des wirklichen Leiters verbindet. Ist dieser ein
beliebter Schriftsteller oder eine politische Grösse, so stellt sich das
Publikum rasch ein.
Die kleinen Zeitungen erscheinen gewöhnlich in einem Format, halb
so gross, als das ihrer grossen Schwestern, ihr Einfluss und ihre
Verbreitung sind jedoch bedeutend. Das _Petit Journal_[126] wurde Ende
1880 in 598309 Exemplaren gedruckt und ergab einen Gewinn von drei
Millionen Franken. _La petite république_ hatte eine Auflage von 196372,
die _Lanterne_ von 150531, _Le petit moniteur_ von 100476 Exemplaren.
Die tägliche Gesamtproduktion der Journalnummern erreichte die Ziffer
1984521, von welcher dreiviertel auf die republikanische Presse kam.
[126] F. MAILLARD, _Le petit Journal_ 1850-1860.
Zum Beginn des Jahres 1869 erschienen[127] in Frankreich 2110 Journale
aller Art, jetzt 3135. Von diesen kamen im Jahre 1869 auf Paris 816,
auf die Provinz 1294; jetzt resp. 1355 und 1780. In Paris fand demnach
ein Wachstum von 539 Journalen statt, in der Provinz von 425. Letzteres
trifft namentlich die kleineren Städte, besonders solche, die früher
kein Journal aufzuweisen hatten, während die grösseren Städte stabiler
geblieben. Unter den Pariser Blättern waren 75 politische Tagesblätter,
168 Journale politischen Inhaltes.
[127] ED. TEXIER, _Hist. des journaux_. Paris 1851. -- E. HATIN, _Hist.
du Journal en France_ 1631-1853. -- F. MAILLARD, _Hist.
anecdotique et critique de 150 journaux_ und dessen _Hist. de la
presse parisienne_. Paris 1859. -- ALFR. SIRVEN, _Journaux et
Journalistes_. Paris 1865. -- A. GAGNÈRE, _Hist. de la presse
sous la Commune_. Paris 1881.
Am 10. September 1870 waren die gesetzlichen Bestimmungen, welche
hemmend auf die Errichtung graphischer Etablissements wirkten, gefallen
und der erste Paragraph des Pressgesetzes von 1881 bestätigt dieses
durch die Bestimmung: »Die Buchdruckerei und der Buchhandel sind frei«.
Vergleicht man den Stand der graphischen Gewerbe vor dem Kriege mit dem
heutigen, so begegnet einem selbstverständlich besonders eine grosse
Vermehrung der Buchdruckereien in Paris, wo die Zahl der Brevets früher
auf 80 beschränkt war. Doch muss man diese Zahl nicht ganz buchstäblich
nehmen, sie betrug thatsächlich wenigstens 150, indem manche Buchdrucker
auf Brevets von Kollegen arbeiteten.
Für den Buchhandel hatte die erlangte Freiheit nicht die Bedeutung wie
für die Buchdruckerei, denn wenn ein Brevet auch für den Buchhändler
erforderlich war, so hielt es doch, da die Zahl nicht beschränkt war,
nicht schwer, ein solches zu erlangen. Es fand sogar in dieser Branche
ein Rückgang statt. In den übrigen graphischen Gewerben zeigt sich,
wenn man die Jahre 1868 und 1882 mit einander vergleicht, einigermassen
ein Stillstand. Doch dürfen, wenn man daraufhin Schlüsse ziehen will,
die schweren Jahre für das Land und auch der Umstand nicht übersehen
werden, dass durch die Abtretung von Elsass-Lothringen sich der
Bestand plötzlich um 259 Buchhandlungen, 35 Buchdruckereien und 59
lithographische Anstalten, sowie um drei Städte von 50000 Einwohnern
verminderte, die bei einem Vergleich mit dem Wachsen der graphischen
Anstalten in Deutschland dann doppelt wirken[128].
[128] Da ein solcher Vergleich der graphischen Machtstellung
Frankreichs und des Deutschen Reiches, welche jetzt an Umfang
und Einwohnerzahl sich ziemlich gleichstehen und nicht unter
so grundverschiedenen Verhältnissen, wie sie sich bei einem
Vergleich mit England oder Amerika darbieten, arbeiten, nicht
nur von Interesse, sondern auch von Wichtigkeit ist, so
bedarf es wohl kaum einer Entschuldigung, wenn die Statistik
Frankreichs und des Deutschen Reiches in diesem Handbuche etwas
ausführlicher behandelt wird, als die der anderen Länder. Als
Grundlage für die Notizen über Frankreich dienten namentlich die
Angaben des _Annuaire de la librairie_ von 1868 und 1882. Vergl.
auch CHAIX, _Statistique de l'imprimerie en France_. Paris 1874.
Die beifolgende Tabelle zeigt den Stand der verschiedenen Pressgewerbe
in den Jahren 1868 und 1882.
-----+-----------------------------------------------+------
1868 | Frankreich zählte: | 1882
-----+-----------------------------------------------+------
1094 | Buchdruckereien | 1722
1549 | Lithographische Anstalten | 1692
244 | Kupfer- und Stahldruckereien | 169
6001 | Buchhandlungen | 6134
423 | Musikalienhandlungen | 536
245 | Kunsthandlungen | 288
| |
| Von diesen kommen auf Paris: |
| |
83 | Buchdruckereien | 244
436 | Lithographische Anstalten | 495
160 | Kupfer- und Stahldruckereien | 92
1649 | Buchhandlungen | 1072
119 | Musikalienhandlungen | 105
126 | Kunsthandlungen | 98
| |
| Ausserdem in Paris andere graphische Gewerbe: |
| |
42 | Schriftgiessereien und Stempelschneidereien | 52
15 | Stereotypien und galvanoplastische Anstalten | 17
167 | Gravieranstalten für Metall und Stein | 156
64 | Xylographische Anstalten | 102
25 | Buchdruckerei-Utensilienhandlungen | 44
43 | Maschinen- und Pressenfabrikanten | 56
20 | Farbefabriken | 29
87 | Papierhandlungen _en gros_ | 74
992 | Papierhandlungen _en détail_ | 906
348 | Buchbindereien und Broschieranstalten | 343
40 | Kolorier- und Vergolder-Anstalten | 49
42 | Inseraten-Bureaus | 35
| |
| Ausserhalb Paris stellen sich die Zahlen: |
| |
1011 | Buchdruckereien | 1478
1197 | Lithographische Anstalten | 1274
4352 | Buchhandlungen | 5062
413 | Musikalien- und Kunsthandlungen | 621
Die pressgewerblichen Verhältnisse der Städte aufwärts von 50000
Einwohnern (die Hunderte in abgerundeten Zahlen) sind folgende:
--------------+-----------+---------+----------+-------+---------
Städte | Einwohner-| Buch- | Lithogr. | Buch- | Zeit-
| zahl | drucker.|Anstalten | handl.|schriften
--------------+-----------+---------+----------+-------+---------
Lyon | 324000 | 32 | 52 | 100 | 67
Marseille | 300000 | 36 | 33 | 45 | 66
Bordeaux | 197500 | 31 | 71 | 91 | 54
Lille | 178000 | 32 | 40 | 66 | 34
Toulouse | 127000 | 19 | 28 | 56 | 51
Nantes | 122500 | 10 | 13 | 49 | 29
Saint-Étienne | 111000 | 13 | 21 | 16 | 13
Rouen | 102500 | 10 | 13 | 35 | 20
Havre | 100000 | 19 | 9 | 35 | 13
Roubaix | 84000 | 6 | 5 | 15 | 5
Reims | 82000 | 8 | 12 | 30 | 12
Toulon | 77000 | 6 | 4 | 11 | 19
Nancy | 72000 | 10 | 9 | 37 | 28
Brest | 67000 | 3 | 4 | 15 | 4
Amiens | 61000 | 9 | 6 | 23 | 13
Besançon | 60000 | 9 | 9 | 13 | 23
Limoges | 60000 | 10 | 8 | 23 | 8
Nimes | 60000 | 7 | 8 | 21 | 21
Angers | 58500 | 9 | 7 | 23 | 20
Montpellier | 55500 | 19 | 10 | 26 | 16
Nizza | 53500 | 10 | 4 | 23 | 22
Grenoble | 51000 | 8 | 7 | 29 | 16
Le Mans | 50000 | 8 | 3 | 25 | 15
Orléans | 50000 | 7 | 4 | 49 | 29
Rennes | 50000 | 7 | 7 | 20 | 17
Versailles | 50000 | 5 | 3 | 32 | 25
[Illustration]
[Illustration]
VIII. KAPITEL.
DIE ZWEIGE DER ROMANISCHEN GRUPPE.
DIE NIEDERLANDE: Zurückgehen der Kunst. Der Nachdruck. Die neuere
Typographie Hollands und Belgiens. -- ITALIEN: G. Bodoni. Langsame
Fortschritte. Venedig, die Mechitaristen. Panfilo Castaldi. Der
Buchhandel, die Familie Pomba. Rom, die Druckerei der Propaganda.
Erfreuliche Aussichten. -- SPANIEN: J. Ibarra. Madrid. Barcelona.
PORTUGAL: Die Staatsdruckerei. SÜDAMERIKA: Buenos Aires, Rio de
Janeiro, Lima, Cuba, Mexiko. -- NORDAFRIKA: Algier, Ägypten. TÜRKEI:
Aufblühen und Verfall der Kunst. Jetzige Lage.
DIE NIEDERLANDE.
Die typographische Glanzperiode der Niederlande war dahin. Auf die Zeit
der blutigen Knechtschaft durch Spanien folgte im Süden die Periode der
österreichischen Herrschaft. Darf auch letztere mit der ersteren kaum in
einem Atemzuge genannt werden, so war sie doch nicht geeignet, eine neue
Blüte der Typographie hervorzurufen, noch weniger war eine solche nach
der Einverleibung in Frankreich zu erwarten.
[Sidenote: Holland.]
Auch der Norden lernte erst seit 1795 als Batavische Republik unter
Frankreichs »Schutz«, dann von 1806 ab als Königreich unter einem
Napoleoniden, bis auch dieser Selbständigkeitsschein 1810 aufhörte, die
Segnungen französischer Presszustände kennen.
Der Pariser Friede 1814 löste die Länder aus der eisernen Umarmung
Frankreichs, um sie zu einem Königreiche der Niederlande zu vereinigen.
Diese, dem Zusammengiessen von Essig und Öl nicht unähnliche
Verschmelzung des protestantischen, germanischen Nordens mit dem
katholischen, zum grossen Teil französischen Süden wurde durch die
Revolution in Brüssel 1830 faktisch, durch den Frieden 1839 definitiv
und rechtlich aufgelöst.
Seit dieser Zeit entwickelte sich ein freieres geistiges Leben
in Belgien sowohl als in Holland. Zwar ist der alte Ruhm des
niederländischen Pressgewerbes nicht wieder erreicht, jedoch steht
dasselbe auf einem achtbaren Standpunkte und lässt weitere Fortschritte
erwarten.
* * * * *
[Sidenote: Freiere Pressverhältnisse.]
In HOLLAND verursachten die freieren Pressverhältnisse vor dem Ausbruch
der französischen Revolution, dass viele französische Autoren und
Verleger ihre Artikel dort, namentlich in Amsterdam und dem Haag,
drucken liessen. Hierin liegt wohl zumteil der Keim zu dem später
gewerbsmässig betriebenen holländisch-belgischen Nachdruck, welcher
jedoch anfänglich keine grosse Bedeutung hatte und von selbst aufhörte,
solange die Niederlande der französischen Herrschaft unterlagen.
[Sidenote: Holländische Typographie.]
Die holländische Typographie hält fest an dem einmal angenommenen
Typenduktus mit seinen langen, schmalen und eng zugerichteten Schriften,
die insofern praktisch sind, als mit ihnen sich viel Stoff auf einen
kleinen Raum, allerdings auf Kosten eines gefälligen Eindrucks,
zusammendrängen lässt. Unter den Formaten ist ein Gross-Median-Oktav das
beliebteste und selbst Romane und Gedichte werden in demselben gedruckt.
Durch seine Kolonien in Hinterindien und auf den Inseln des indischen
Ozeans ist die Schriftgiesserei Hollands auf die Pflege der Schriften
der dortigen Eingeborenen angewiesen. Unter Aufsicht von T. Roorda
wurden von J. ENSCHEDÉ & ZOONEN in Haarlem javanische Lettern
angefertigt. Ein bedeutendes Renommé in dieser Richtung erwarb sich N.
TETTERODE in Rotterdam, welcher Mandalingisch, Batakisch, Manarisch
und Boeginesisch lieferte. Unter der Direktion von J. Hoffmann liess
die holländische Regierung auch chinesische Typen schneiden, die
später in den Besitz von E. J. BRILL in Leyden übergingen[129]. Als
Schriftgiesser wirkten ferner in Gröningen OMKENS, VAN BASKENES und
DAMSTE.
[129] J. HOFFMANN, _Catalogus van chinesische Matrijzen en drukletters_
1860, 1864, 1876.
[Sidenote: Statistisches.]
Im Jahre 1882 hatte Holland in 128 Städten 428 Buchdruckereien (1840
besass es nur 146), 183 lithographische Anstalten, 700 Buchhandlungen.
Die Buchdruckereien arbeiteten mit 740 Schnellpressen und 650
Handpressen. Die Zahl der lithographischen Schnellpressen war 125,
die der Handpressen 700. Die zur Verwendung kommenden Maschinen
verschiedener Art stammen namentlich aus französischen Fabriken. An
Tageblättern gab es 29, an Wochenblättern und an anderen periodischen
Schriften 397.
In AMSTERDAM liefert die KÖNIGLICHE BUCHDRUCKEREI Accidenzien für den
Staat. Eine bedeutende Anstalt ist die von ROELOFFZEN & HÜBNER in
Amsterdam mit drei Rotations- und sieben gewöhnlichen Schnellpressen;
sie druckt die in 20000 Exemplaren täglich in einem Umfange von 8-16
Seiten erscheinende _Het News van den Dag_ mit ihrem Sonntagsblatt. C.
A. SPINN & ZOON bringen sehr kunstreiche Accidenzarbeiten. Zu erwähnen
sind ebenfalls J. VAN OOSTERZEE, G. L. A. AMAND, METZLER & BARTING und
GEBR. BINGER.
In HAARLEM blüht noch das Geschlecht der ENSCHEDÉ (I, S. 251) und zeigt,
dass es nicht auf seinen Lorbeern auszuruhen gedenkt. Das Geschäft
arbeitet mit 11 Handpressen, 11 Schnellpressen und 25 Giessöfen und
zeichnet sich durch Druck von Reproduktionen, Bibeln und Wertpapieren
aus. VAN ASPERN VAN DER VELDE liefert namentlich Illustrationsdruck.
[Sidenote: Buchhandel.]
Die Interessen des holländischen Buchgewerbes werden seit 1816 von
der _Vereenigung ter Bevordering van de Belangen des Boekhandels_
vertreten[130]. Dieselbe hatte im Jahre 1881 in der Art des Pariser
_Cercle_ eine Ausstellung von den Erzeugnissen der Hülfsgewerbe
des Buchhandels veranstaltet und auch in derselben Weise wie der
_Cercle_ einen reichen Katalog erscheinen lassen[131], zu welchem 28
Buchdruckerfirmen jede eine Abteilung und verschiedene Papierfabrikanten
Papier geliefert haben. Dieser Katalog zeigt, dass die holländischen
Accidenzbuchdrucker bemüht sind, ihren Kollegen in anderen Ländern
nachzukommen. Die Arbeiten sind sauber und akkurat, wenn auch von einer
Einschlagung neuer Bahnen keine Rede ist.