LEMERCIER. In den polychromen Unternehmungen fast aller Pariser Verleger
finden sich die Erzeugnisse seiner Thätigkeit vor. Sein grosses
Musterbuch ist eine so lehrreiche Geschichte der Lithographie, wie man
sie nur wünschen kann. Auch die Anstalt von Didot unter des verdienten
A. RACINETS künstlerischer Leitung nimmt in dem Chromodruck eine
höchst bedeutende Stellung ein. Weltruf hat des letzteren _L'Ornement
polychrome_ erworben.
[Sidenote: Lithographischer Buntdruck.]
Im Bilderdruck leistete Frankreich im Verhältnis zu Deutschland wenig;
die besten Leistungen sind die von JEHENNE, HANGARD-MAUGÉ, J. F. DUPUY,
OMER-HENRY. Dagegen ist es Deutschland quantitativ und qualitativ
voraus in der Verwendung des Farbendruckes zu illustrativen Zwecken.
Es entstand in dieser Weise eine Reihe unvergleichlich schöner Werke,
namentlich über Architektur, Kunstindustrie, Kulturgeschichte, ja selbst
über Kochkunst, welche Meisterstücke sind sowohl hinsichtlich der
korrekten Zeichnung als auch der technischen Durchführung und Naturtreue
des Kolorits und dabei zu ungewöhnlich billigen Preisen geliefert
werden. Auch in der Verwendung des Farbendruckes für die unzähligen
Gegenstände der Papeterie behaupteten die Franzosen lange Zeit den
Vorsprung. In dieser Branche zeichneten sich Testu & Massin (jetzt
Champenois & Co.) und F. A. Appel aus. Letzterer lieferte Vorzügliches
im Miniaturdruck und ist zugleich Spezialist im Plakatdruck auf Zink,
dessen eigentlicher Erfinder MAX CREMNITZ ist. Ebenfalls im Plakatdruck
erzielt J. CHÉVET grossen Effekt mit wenigen Farben; für Arbeiten zu
wissenschaftlichen Zwecken ist BEQUET & FILS bekannt. Etikettendruck
betreiben in grossem Umfang PICHOT & CO. Als ein seltener Fall ist noch
das gute Gelingen der Assoziations-Anstalt unter der Firma ROMANET &
CO. zu erwähnen. Im Zinkdruck steht Monroq obenan. Die hervorragendste
Erscheinung in der Photochromie ist VIDAL und seine _Trésor artistique
de la France_ und _Histoire générale de la tapisserie_ sind nicht
übertroffen; doch dürfte seine Methode, als zu teuer und umständlich,
nicht rasch in die Praxis dringen.
Als Kunstdrucker für Stiche ist CHARDON hervorragend. Im Stichverlage
dürfte wohl GOUPIL mit den Filialen in London, New-York, Brüssel,
Haag, Berlin und Wien die erste Weltfirma sein. In ihren grossartigen
Ateliers in ASNIÈRES bei Paris, unter der künstlerischen Leitung von
ROUSSELON, wird der photographische Lichtdruck, hauptsächlich jedoch
der Woodburydruck und die heliographischen Methoden in vortrefflichster
Weise geübt.
[Sidenote: E. Schieble * 1823, [+] 23. Okt. 1880.]
Im Kartendruck erwarb sich ERHARD SCHIEBLE (gen. ERHARD) aus Forchheim
in Baden einen bedeutenden Namen. Er verwendete alle Erfindungen der
Neuzeit und brachte durch pastosen Auftrag der Farben vortreffliche
reliefartige Wirkungen hervor. Die schönsten Karten der Regierung sowohl
als der privaten Verleger stammen aus seiner Offizin.
[Sidenote: A. Collas.]
Erwähnt sei hier noch die von ACHILL COLLAS geübte Methode, erhabene
Medaillons u. dgl. mittels des Storchschnabels zu gravieren
(Glypthotik), in welcher die mehr oder weniger anschwellenden
Linien vollständig den Eindruck von Reliefs gewähren. _Le Trésor de
numismatique_ in dieser Weise durchgeführt giebt einen glänzenden Beleg
für den Wert der Glypthotik. Die ersten Versuche dieser Kunst hatte
schon ein Deutscher CHRIST. GOBRECHT in Philadelphia 1817 gemacht. 1819
kam die Maschine nach London und wurde von TURREL & SAXTON verbessert.
Für die Bank zu London konstruierte 1829 BATE eine die früheren weit
übertreffende Maschine, die jedoch immer noch gegen die von Collas sehr
zurückstand.
[Sidenote: J. Gavard.]
JOSEPH GAVARD lieferte mittels des von ihm erfundenen Diagraphen,
unterstützt von Calamatta und Mercuri, in drei verschiedenen
Ausgaben die _Galerie historique de Versailles_ in 13 Bänden mit 3
Supplementbänden (1837-1847) mit 1550 Stahlstichen.
Von den Werken der Kupferstichkunst sei noch als eines der bedeutendsten
das _Musée français_ von Robillard-Péronville mit 344 Kupfertafeln der
bedeutendsten Stecher Frankreichs erwähnt, während die Lithographie
zur Ausschmückung des grossartigen Werkes _Voyages de la commission
scientifique du Nord_, 29 Bände, mit 762 Tafeln in gr. Folio, in
hervorragender Weise diente.
[Sidenote: Morel & Co.]
Was Curmer für die Luxusbücher war, ist die Firma VEUVE A. MOREL & CO.
in Benutzung des Chromodruckes für die Zwecke des praktischen Lebens. Im
Fache der Architektur ist sie unerreicht und die Zahl der Prachtwerke
in dieser Richtung, die mit Aufgebot allen Raffinements in der
künstlerischsten Ausführung von dieser Firma geliefert wurde, ist eine
so grosse, dass es kaum möglich ist besondere Gründe zu finden, um eins
oder das andere aus der Reihe hervorzuheben. Bei Morel (jetziger Inhaber
der Graf des Fosez) erscheint auch das weitverbreitete Journal _L'Art
pour tous_.
[Sidenote: J. Baudry.]
In ähnlicher Richtung wirkten mit Umsicht und Erfolg, ohne jedoch den
Höhepunkt Morels in der Ausstattung zu erreichen, DUCHER & CO., DUNOD
und J. BAUDRY. Des letzteren, 1834 gegründete, _Librairie polytechnique_
in Paris und Lüttich legte sich seit 1863 ganz besonders auf die Fächer
der Berg- und Hüttenwissenschaft, der Eisenbahn und Wegebautechnik und
förderte eine bedeutende Anzahl grosser Tafelwerke an das Licht. Auch
DUNOD kultiviert diese Spezialität. Unter den Prachtwerken von DUCHER
& CO. befinden sich: _Architecture privée an XIX siècle_; _Le nouvel
Opéra_ von Charles Garnier.
[Sidenote: Roret.]
Für die Popularisierung der technischen und naturwissenschaftlichen
Litteratur wirkte RORET durch seine, 1824 begonnene _Encyclopédie des
sciences et des arts_, besser bekannt unter dem Namen _Manuels Roret_.
Er brachte auch eine neue vollständige Ausgabe von den Werken Buffons
mit den _Suites de Buffon_, gegen 100 Bände mit unzähligen Abbildungen.
Für die Medizin und die Naturwissenschaften sind die leitenden Firmen
J. B. Baillère, Germer-Baillère, V. Masson und V^{ve} A. Delahaye & Co.
Die Kataloge dieser Firmen sind getreue Zeugen der wissenschaftlichen
Bewegung nicht nur in Frankreich, sondern auch in England und
Deutschland, denn es erschien im Ausland kaum ein einschlägiges Werk,
das nicht von einer dieser Verlagshandlungen in tüchtigster Bearbeitung
herausgegeben wurde.
[Sidenote: J. B. Baillère * 1798.]
J. B. BAILLÈRE[119] (seit 1818) machte grosse Unternehmungen, darunter
Cruveilher, _Anatomie pathologique_ 1830-42; Hippokrates' Werke,
griechisch und französisch, 1839-50; _Iconographie ophthalmologique_
1852. Im Jahre 1840 wurde eine Filiale in London, 1848 eine in New-York
errichtet und heute sind die Seitenzweige dieser Familie über alle
Erdteile, Australien nicht ausgenommen, verbreitet. GERMER-BAILLÈRE
druckt ausser naturwissenschaftlichen auch viele philosophische Werke
und mehrere Journale.
[119] J. B. BAILLÈRE, _La cinquantaine d'un libraire_. Paris 1862.
[Sidenote: Victor Masson * 1807, [+] 13. Mai 1879.]
[Sidenote: G. Masson.]
VICTOR MASSON, einer der hervorragendsten Buchhändler, geb. zu Beaume,
trat 1838 als Teilhaber in das Geschäft Chrochard, das 1846 in Massons
alleinigen Besitz überging. 1847 wurde die _Bibliothèque polytechnique_
angefangen, der eine grosse Anzahl von technischen, medizinischen
und naturwissenschaftlichen Werken folgte, darunter _Cuvier_, _Le
Règne animal_; _Bonamy et Beau_, _Atlas d'anatomie_[120]; der grosse
_Dictionnaire encyclopédique des sciences médicales_ u. v. a. Nach
35jähriger rastloser Thätigkeit überliess Masson seinem Sohne GEORGES
das Geschäft, das dieser in derselben grossartigen, französische und
deutsche Vorzüge vereinigenden Weise glänzend fortführt. Die Firma
verlegt nicht weniger als 17 periodische Fachzeitschriften und ist
die Buchhandlung für die bedeutendsten Akademieen und Gesellschaften.
Trotz des vorwiegend wissenschaftlichen Charakters des Verlags ist der
Verleger bestrebt, demselben auch eine anziehende äussere Form zu geben.
Als Vorsitzender des _Cercle_ hat Masson sich bedeutende Verdienste um
das Ausstellungswesen desselben, namentlich bei der Weltausstellung in
Wien 1873, erworben.
[120] V. MASSON, _Notice nécrologique_. Paris 1879. -- Börsenbl. f. d.
d. B. 1879. Nr. 130.
DELAHAYE hält sich streng an Medizin und Chirurgie und verlegt mehrere
Journale und viele bedeutende Werke, unter welchen der _Traité
d'Anatomie descriptive_ von Sappey als ein hervorragendes Monument gilt.
Spezialfirmen sind für Landwirtschaft J. A. BIXIO; für Mathematik A. L.
J. BACHELIER; für Militärwissenschaft J. DUMAINE und CORRÉARD JEUNE;
für Geschichte und Staatswissenschaften G. GUILLAUMIN, P. F. AMYOT, A.
BAUDOUIN; für Kalenderverlag PAGNERRE.
[Sidenote: Ch. Hingray * 1796.]
CHARLES HINGRAY, erst Militär, dann Buchhändler, wurde durch seinen
juristischen und sprachlichen Verlag bekannt, in Deutschland namentlich
durch das vortreffliche Wörterbuch von Schuster und Régnier. Das Werk
eines enormen Fleisses ist der _Dictionnaire de la langue française_ von
Littré. Das Manuskript umfasste 415636 Blätter. Der Satz dauerte, mit
einer durch den Krieg 1870 herbeigeführten Unterbrechung, 13 Jahre. In
einer Spalte gesetzt würde das Buch eine Länge von 37525 Meter haben.
[Sidenote: Maisonneuve.]
Der Druck orientalischer Werke ist keine Lieblingsaufgabe der
französischen Buchdrucker. Als Verlagshandlung in dieser Richtung
haben Maisonneuve & Co. den Vorrang. Im Jahre 1851 kaufte Maisonneuve,
früher Associé von Cormon & Blanc in Lyon, von Théophile Barrois eine
Anzahl orientalischer Verlagswerke, die er später mit vielen neuen
vermehrte. Der Verlag enthält eine grosse Anzahl grammatikalischer
und lexikalischer Werke der orientalischen Sprachen und die Namen der
bedeutendsten Orientalisten als Eug. und Emile Burnouf, Eichhoff,
Abbé Favre, G. de Tassy, Stan. Julien, J. Oppert, Abel Rémusat, L.
de Rosny u. a. sind mit der Firma Maisonneuve & Co. verknüpft. --
Unter den wenigen Buchdruckern in der Provinz, die in der Herstellung
orientalischer Werke etwas leisten, ist DEJUSSIEU in CHÂLONS zu nennen.
[Sidenote: J. P. Migne * 1800.]
Eine merkwürdige Erscheinung ist der Abbé J. P. MIGNE. Er wurde 1824
Priester, nahm jedoch anlässlich einer Differenz mit dem Erzbischof
seiner Diözese seine Entlassung und ging nach Paris, wo er das Journal
_L'Univers_ gründete, welches er 1836 verkaufte. In _Petit-Montrouge_
vor den Thoren von Paris gründete er eine Buchdruckerei, um katholische
Werke zu drucken. Die Anstalt gewann eine grosse Ausdehnung und
umschloss vom Schriftsteller ab bis zum Buchbinder alle Persönlichkeiten
und alle technischen Apparate, die zur Herstellung des Verlags des
Instituts notwendig waren. Die Sammlungen der Kirchenväter- und anderer
älterer theologischen Schriftsteller zählen nach hunderten von Bänden.
In ähnlicher Richtung wie Migne wirkten GAUME FRÈRES.
[Sidenote: Eug. Belin.]
Im Unterrichtsfache weist der Buchdrucker und Verleger EUGÈNE BELIN
mehr als 1000 Werke auf. ARMAND COLLIN & CO., eine Firma neueren
Datums (1870), liefert Schulatlanten in Farbendruck zu sehr billigen
Preisen. CH. DELAGRAVE hat, unter Mitwirkung bedeutender Fachmänner, das
_Institut géographique de Paris_ gegründet, aus welchem Brues _Atlas
universel_, von E. Levasseur revidiert, hervorging. Er verlegte ferner
viele biographische und technische, reich illustrierte Dictionnaire,
grosse Wand- und Reliefkarten, Globen etc.
P. DUCROQ (1836) war einer der ersten, die für Bildungswerke die
Illustration mittels Stahlstichs im Verein mit Holzschnitten einführten.
Seine _Bibliothèque des familles_ in Bänden zu 2 Franken ist sehr
beliebt. DELARUE giebt gute Klassiker-Ausgaben zu billigen Preisen
heraus.
Eine Spezialität aus liturgischen und archäologischen Werken macht die
_Société générale de librairie catholique_ und sie sucht die belgische
Produktion nach dieser Richtung hin aus dem Felde zu schlagen. In
ihrem Verlag erscheint auch eine Ausgabe der _Acta sanctorum_ der
Bollandisten; ferner der _Recueil des historiens des Gaules et de la
France_; die, 1626 begonnene, _Gallia christiana_, auch Werke im alten
Stil mit kunstreichen Einfassungen, als: _Notre-Dame de Lourdes_ und
_Christoph Colombe_, werden dort gedruckt.
Unter den grossen Nachschlagewerken müssen genannt werden: Die
_Biographie universelle_ (1811) von J. und L. G. Michaud, 84 Bände;
W. Ducketts _Dictionnaire de la conversation_, 68 Bände (1812-1814);
ein ähnliches Werk erschien in 52 Bänden bei BELIN-MANDAR. Als ein
seltenes Beispiel der grossen Verbreitung eines gelehrten Werkes steht
die bei diesem Verleger (1838) erschienene Konkordanz von Dutripont da,
lateinisch geschrieben, ein in 28000 Expl. verkaufter Quartband von 200
Bogen in dreispaltigem Satz.
Ein Sammelwerk von grossem Umfang war _Collection Baudry_, zahllose
deutsche, italienische, spanische und andere schönwissenschaftliche
Werke, leider allerdings lauter Nachdrucke, enthaltend. Als die
Franzosen so heftig über die Brüsseler Nachdrucker herfielen, hätten
sie nicht vergessen sollen, dass sie es selbst nicht besser gemacht
haben. Dass die grossen Ausgaben der deutschen Klassiker, die bei TETOT
erschienen, keinen Erfolg hatten, beweist nicht den Mangel an gutem
Willen zu schädigen.
[Sidenote: G. Charpentier * 1805.]
Durch den Buchdrucker HENRI DELLOYE unternahm G. CHARPENTIER eine
Sammlung französischer Werke in dem nach ihm benannten und oft zur
Verwendung gekommenen hübschen Format in 18°. Diese elegant und kompakt
gedruckten Bände, von denen in wenigen Jahren über 400 erschienen,
fanden durch ihre Eleganz und den damals wohlfeilen Preis von 3-1/2
Franken grossen Beifall.
Unter den Herausgebern von Werken der schönen Litteratur ist CH. A.
PERROTIN, der Verleger Bérangers, zu nennen. Er erwarb des letzteren
Gedichte gegen Zahlung einer Jahresrente, die er freiwillig bedeutend
erhöhte, und blieb Bérangers Freund bis an dessen Ende und nachher
sein Testamentsvollstrecker. POURRAT Frères druckten eine sehr schöne
Ausgabe von Chateaubriands Werken in 36 Bänden. Bekannt waren auch
GUSTAVE BARBA, Vater und Sohn, welche den Roman in Heften zu 20 Cent.
einführten. Mit immensem Erfolg lieferte CHARLES GOSSELIN die Werke W.
Scotts, Coopers, Lamartines u. a.
Die bedeutendsten Romanverleger waren jedoch MICHEL LÉVY FRÈRES (1836),
jetzt CALMAN LÉVY, deren jährliche Produktion etwa 1-3/4 Millionen Bände
beträgt, in etwa 200 neuen Werken und 650 neuen Abdrücken. Sie gaben
eine grosse Zahl der Werke Scribes, Dumas' u. v. a. heraus und führten
die billigen Ausgaben in Bänden zu 1 Frank (jetzt 1 Frank 25 Cent.) ein,
deren Zahl mehr als 1500 beträgt, während die Zahl der Theaterstücke an
6000 heranreicht. Sie gründeten auch _L'Univers illustré_.
Wir wenden uns jetzt einer Firma zu, welche sich in keine Klasse
einordnen lässt, fast einzig in ihrer Art dasteht und, obwohl zu den
jüngeren gehörend, alle anderen überflügelt hat: L. HACHETTE & CO.
[Sidenote: L. Hachette & Co.]
[Sidenote: _Les Évangiles._]
»Sollte jemand dem Verleger die Eigenschaft als Produzent streitig
machen, und ihn zu einem einfachen Händler stempeln wollen, der nichts
zu thun hat, als das Manuskript in die Druckerei zu tragen und dann
das zurückempfangene Druckwerk einfach zu verkaufen, so möchten wir
ihm die Leistungen der Firma Hachette entgegensetzen«[121], sagt ein
Bericht über die Wiener Ausstellung 1873 und diese Worte müssen sich
unwillkürlich dem aufdrängen, welcher das Entstehen und das Wachstum
dieses Hauses[122] ins Auge fasst. Sein Begründer LOUIS HACHETTE,
geboren in Rethel, lag erst den Studien ob und begründete dann, 1836,
eine pädagogische Buchhandlung unter der Devise: _Sic quoque docebo_.
1837 erhielt er auch Brevet als Buchdrucker, die Firma übte jedoch
dies Geschäft nicht. Im Jahre 1859 traten seine Schwiegersöhne L.
Breton und A. Templier dem damals bereits bedeutenden Geschäfte als
Teilhaber bei. Unverrückt wurde von der Begründung ab die Thätigkeit
auf alles gewendet, was für die Erziehung des Kindes, die Belehrung
und Veredlung des Jünglings oder der Jungfrau, die Fortbildung des
Mannes oder der Frau dient, und mit Stolz kann die Firma auf ihren,
eine ganze und grosse Bibliothek bildenden Verlag zurückblicken und
mit dem Bewusstsein, nie die edelste der Künste anders als in würdiger
Weise verwendet zu haben. Und dies bezieht sich nicht allein auf das
Innere der Bücher, sondern auch äusserlich ist alles in der besten
Ausstattung hergestellt, manchmal zu erstaunlich billigen Preisen.
Dieses konsequente, nie nachlassende Streben hat auch seinen äusseren
Lohn gefunden und das Haus Hachette steht durch seine Grösse und
die vortreffliche Organisation wohl unübertroffen da. Die mit 300
Angestellten arbeitende Anstalt unter Leitung der Teilhaber G. HACHETTE,
BRETON, E. und A. TEMPLIER und R. FOURET versendet monatlich gegen 18000
Kolli und hat einen jährlichen Umsatz von etwa 15 Millionen Franken.
Wie Mame widmen sie dem billigsten Buche dieselbe Sorgfalt wie dem
teuersten, und was dies sagen will begreift sich, da die Verlagswerke
der Zahl 5000 nahekommen. Aus dieser Masse Einzelnes herauszugreifen
hat seine Schwierigkeiten, es seien nur kurz erwähnt die bändereichen
Kollektionen _Bibliothèque variée_; _Bibliothèque des chemins de fer_;
die _Guides-itinéraires_; die _Bibliothèque rose illustrée_; der
_Dictionnaire des contemporains_ von G. Vaperau; das in mehr als 150000
Exemplaren gedruckte illustrierte _Journal pour tous_, schliesslich ein
monumentales Druckwerk für Jahrhunderte: die Prachtausgabe der vier
Evangelien, zwei Bände im grössten Folioformat. Bida lieferte hierzu im
Format des Werkes 128 Zeichnungen, die von fünfzehn der besten Künstler
radiert wurden. Die Zeichnung zu der von der _fonderie générale_
geschnittenen Schrift rührt von Ch. Rossigneux her, der ebenso 290
Zeichnungen zu den in Stahl gestochenen Anfangs- und Schlussvignetten,
sowie zu den Initialen, unter Vermeidung der Anwendung jeder
menschlichen Figur, komponierte. Jules Claye führte den typographischen
Druck aus. Rote, quer über das ganze Format gehende Linien umgeben
den Text. Die Anwendung der verschiedenen Druckweisen, Kupfer- und
Bücherdruck, und der rote Druck, verlangten, dass jeder Bogen 32 mal
durch die Hände der Arbeiter ging, ehe er als fertig bezeichnet werden
konnte. Elf Jahre wurden unausgesetzt auf die Arbeit verwendet.
[121] G. MASSON, _Rapport sur les arts graphiques, Vienne 1873_.
Paris 1873.
[122] _Notice sur la vie de L. Hachette._ Paris 1864.
* * * * *
[Sidenote: Die Bibliophilie.]
Wie Frankreichs Fürsten ausnahmslos die Typographie liebten, wenn sie
auch die Presse hassten, so erhielt sich im Volke fortwährend eine Liebe
für schöne Bücher, und der Wunsch, solche zu besitzen. Es war weniger
eine Bibliophilie oder Bibliomanie im Sinne der englischen Sammler, die
enorme Summen für ein mangelhaftes Produkt zahlten, nur weil es alt und
selten war; man fand in Frankreich Lust an dem Besitz »schöner« Ausgaben
auf Extra-Papier und in feinen und kostbaren Einbänden mit Stichen in
ersten Abdrücken. Es wurden, um dieser Liebhaberei zu genügen, sehr
viele Bücher in Frankreich gedruckt und gekauft nur der Ausstattung
halber, und ein Bücherliebhaber erwarb unter Umständen zehn Exemplare
eines und desselben Werkes, wenn es in zehn schönen Ausgaben zu haben
war.
[Sidenote: Die archaïstische Druckrichtung.]
[Sidenote: L. Perrin * 12. Mai 1799.]
Natürlich war es demnach auch, dass das Zurückgreifen auf die
Renaissance vornehmlich von Frankreich ausging und dort Nahrung fand.
Unter den französischen Buchdruckern dieser Richtung zeichnen sich
besonders zwei aus, Louis Perrin und D. Jouaust. LOUIS BENEDICT PERRIN,
in Lyon geboren, war mit bedeutendem Sinn für Kunst begabt. 23 Jahre
alt etablierte er sich mit Durand. Perrin war von dem Gedanken beseelt,
die Druckerei zu regenerieren. Das Mechanische sei zwar vollendeter
geworden, jedoch die Kunst in der Schriftgiesserei fehle. Ein tüchtiger
Maler Pierre Revoil bestärkte Perrin in seinen Ansichten, dass man zu
den Formen zurückkehren müsse, deren sich Vascosan, de Tournes und
andere bedient hatten. Perrin war nicht in der Lage, seine Ideen ohne
Rücksicht auf die Kosten durchsetzen zu können, und in Frankreich war es
einem Provinzialbuchdrucker doppelt schwierig, durchzudringen. Gegen das
Jahr 1846 liess er eine Sammlung von schönen Kapitalschriften aus der
Zeit des Kaisers Augustus schneiden. Die damit gedruckten _Inscriptions
antiques de Lyon_ 1854, ein grosser Quartband mit über 400 Inschriften,
machte grosses Aufsehen und Didot erklärte das Buch für ein Meisterwerk
ersten Ranges. 1854 konnte Perrin das erste Werk mit der von ihm nach
Mustern des XVI. Jahrhunderts veranlassten Antiqua und Cursiv drucken:
Luigi Cibarios _Delle Artiglerie_, welches er auch mit Vignetten im
Renaissancestil schmücken liess.
In seinen Bestrebungen war ihm auch der Zufall günstig. Beim Durchsuchen
der Nachlassenschaft des alten Hauses Rey in Lyon fand er eine
vollständige Sammlung von Matern aus dem Ende des XVI. Jahrhunderts oder
aus dem Anfang des XVII. Jahrhunderts, so dass er imstande war, eine
Ausgabe von Rabelais mit denselben Typen zu drucken, die seinerzeit
François Just und Etienne Dolet verwendeten. Unter seinen Drucken
gelten für besonders schön _Le Théâtre du Molière_ mit Vignetten von
Hillemacher; die _Généalogie de la maison de Savoye_; _Parfums, chants
et couleurs_. Der Sohn setzte das Geschäft mit MARINET fort.
[Sidenote: D. Jouaust.]
Als sein Rival ist D. JOUAUST[123] zu nennen, welcher namentlich die
Werke der _Académie des bibliophiles_, den Verlag des Herausgebers
der _Bibliothèque Elzévirienne_, P. Janet, später Paul Daffis', sowie
des A. Lemerre druckte. Seine Ausgabe des Dichters Régnier gilt als
eine Musterleistung. Der Druck solcher Ausgaben erfordert je nach der
Verschiedenheit des Papiers eine andere Behandlung und bedingt eine
fortwährende Aufmerksamkeit. Das _Papier Whatman_, von einer feinen,
festen und durchsichtigen Masse, zeichnet sich durch eine blendende
Weisse aus, welche nicht das Resultat irgend eines chemischen Prozesses
ist, sondern nur von der Vorzüglichkeit des verwendeten Materials
herrührt. Das chinesische Papier, in welches die Schwärze leichter
eindringt, giebt einen Druck von milderer und gleichmässigerer Färbung
und ist namentlich für Bücher mit Vignetten geeignet. Das Pergament
zeigt sich dagegen widerspenstig in der Annahme der Farbe und verlangt
die allergrösste Sorgfalt in der Behandlung.
[123] _Imprimerie Jouaust. Catalogue descriptif et raisonné._ Paris
1867.-- Ann. d. Typogr. II. Bd. 1870, Nr. 66. -- VII. Bd. 1875,
Nr. 304.
Derjenige Verleger, der sich am meisten um die Verbreitung der
Ausgaben für Bücherliebhaber und die archaïstische Richtung in der
Druckerei bemüht hat, ist PIERRE JANET, aus Bordeaux gebürtig. Seine
Elzevierbibliothek alter und klassischer französischer Autoren des XVI.
und XVII. Jahrhunderts umfasst mehr als 100 Bände und wurde von Paul
Daffis fortgesetzt. Daneben beschäftigte sich Janet eifrigst mit der
Verbesserung der Zeichen für die chinesische Sprache, welche er sich
selbst zu eigen gemacht hatte.
Unterstützung fanden solche Bestrebungen nicht minder bei
BACHELIN-DEFLORENNE durch dessen _Bibliophile français illustré_; _Album
de Relieures_; _Armorial du Bibliophile_ und seine _Collection des
bibliophiles français_. LÉON TÉCHENER FILS ist Herausgeber von _Bulletin
du bibliophile_ und _Bulletin universel de la Bibliographie_.
[Sidenote: Fortschritt oder Rückschritt?]