Jahrhunderts zu suchen. Eins der Mitglieder derselben, JEAN JOSEPH
BARBOU, etablierte sich 1717 als Buchhändler, 1723 als Buchdrucker
in Paris. Der Sohn JOSEPH GÉRARD BARBOU machte sich einen übeln
Namen durch die Art und Weise, wie er einberufene deutsche Arbeiter
behandelte. Sein Neffe JOSEPH GÉRARD D. J. begann eine schöne Kollektion
lateinischer Klassiker in 76 Bänden mit Vignetten, die 1808 auf J. A.
DELALAIN überging, der das Geschäft erst allein, seit 1836 mit seinem
Sohne A. H. J. DELALAIN führte. Diese Firma druckte mehrere tausend
Klassiker-Ausgaben und Unterrichtswerke; derselben verdankt man auch das
_Annuaire de la librairie et de l'imprimerie_ und mehrere Fachschriften.
Die Familie gehört zu den geachtetsten ihres Faches in Frankreich.
[Sidenote: P. N. Lottin [+] 1751.]
PHILIPP NICOLAS LOTTIN etablierte 1724 eine Druckerei. Sein Sohn AUG.
MARTIN war der typographische Lehrmeister Ludwigs XVI., der damals,
ein glücklicher Knabe von zwölf Jahren, mit der Presse spielen konnte,
die ihn später aufs Schafott bringen sollte. Lottin ist der Verfasser
eines jetzt sehr selten gewordenen Werkes: _Catalogue chronologique des
libraires et imprimeurs de Paris depuis 1470-1789_.
[Sidenote: J. G. Treuttel * 1744, [+] 1826.]
[Sidenote: J. G. Würtz * 1768, [+] 1841.]
Das Geschäft TREUTTEL & WÜRTZ wurde 1770 in Strassburg, 1795 in Paris,
1817 in London errichtet. J. G. TREUTTEL war in Strassburg geboren,
ebenso sein Schwiegersohn J. G. WÜRTZ; ein zweiter Schwiegersohn E.
JUNG trat nach Treuttels Tod als Teilhaber in das noch in der Familie
unter der Firma JUNG-TREUTTEL fortwirkende Geschäft. Unter den vielen
bedeutenden Arbeiten desselben nennen wir nur einige: d'Agincourts
_L'histoire de l'art par les monumens_; die Werke der Frau von Staël, 17
Bände; _Les archives des découvertes_, 31 Bände; die bedeutendsten Werke
Sismondis; die Bipontiner (Zweibrücker) Ausgaben der Klassiker in 115
Bänden; die _Encyclopédie des gens du monde_.
[Sidenote: Familie Berger-Levrault.]
[Sidenote: Fr. Schmuck * 1678.]
[Sidenote: Wilh. Schmuck * 1682, [+] 1751.]
[Sidenote: J. R. Christmann [+] 1661.]
[Sidenote: F. R. Christmann * 1728.]
[Sidenote: F. L. X. Levrault * 1762, [+] 17. Mai 1821.]
[Sidenote: Witwe Levrault [+] 1850.]
[Sidenote: Witwe Berger-Levrault [+] 28. Mai 1879.]
Eines der bekanntesten Häuser Frankreichs ist das Strassburg ebenfalls
angehörende BERGER-LEVRAULT, welches seit mehr als 200 Jahren in einer
Familie fortgeführt wurde[106]. Der Gründer desselben war FRIEDR.
WILH. SCHMUCK um 1675; die Druckerei entstand 1685. Der Sohn FRIEDRICH
SCHMUCK und dann sein Bruder WILH. SCHMUCK folgten, letzterer wurde
Buchdrucker des Königs und der Universität. Nach Fr. Schmucks Tode
ging das Geschäft auf seinen Schwiegersohn JOH. ROB. CHRISTMANN aus
Kempten und dann auf dessen ältesten Sohn FRANZ ROBERT ADRIAN über, der
als Teilnehmer seinen Schwager FRANZ GEORG LEVRAULT aufnahm, worauf
die Firma CHRISTMANN & LEVRAULT, dann nach Christmanns Tode GEORG
LEVRAULT wurde und bis 1858 fortbestand. Von den vier Söhnen Georgs,
die sich alle der Druckerei widmeten, wurde der älteste FRANZ LAURENT
XAVIER, welcher in der Schreckenszeit auf Grund seiner royalistischen
Gesinnungen hatte fliehen müssen, Chef des Hauses. Unter ihm fand ein
bedeutender Aufschwung des Geschäfts statt. Ein grosser Teil des Exports
französischer Bücher nach Deutschland und Russland ging durch seine
Hände und seine Pressen brachten zahlreiche Verlagsartikel hervor. Eine
Spezialität des Hauses bildete die Lieferung von Militärformularen, die
sogar der grossen Armee nach Russland nachgesendet wurden. Levrault
war ein Mann von ungewöhnlicher geistiger Begabung und Arbeitskraft,
die er nicht nur dem Geschäfte, sondern auch seinen Mitbürgern, unter
denen er im höchsten Ansehen stand, widmete. Eine treue und tüchtige
Gehülfin hatte er in seiner Frau, welche, als Überanstrengungen 1821
seinen Tod herbeiführten, sich beherzt an die Spitze des Hauses stellte
und während 29 Jahren das Erbe der Familie mit sicherer Hand erhielt
und förderte. Von 1825 bis 1837 wurde sie durch einen Schwiegersohn
FRIEDR. BERGER kräftig unterstützt, ein anderer Schwiegersohn C. PITRIS
leitete das in Paris gegründete Haus. Nach Bergers Tode übernahm
dessen Witwe die Führung der Druckerei, während die Witwe Levrault
bis zu ihrem Tode der Buchhandlung vorstand. Die Witwe Berger nahm
nun ihren Sohn OSCAR BERGER-LEVRAULT zum Teilnehmer, wodurch die
Firma sich in BERGER-LEVRAULT SOHN änderte. Unter der Leitung Jul.
Norbergs nahmen die Geschäfte einen immer grösseren Umfang an. Mit
gewaltigen Anstrengungen siegte man in dem Kampf gegen Konkurrenten um
Behauptung der administrativen Arbeiten. Bedeutende Erfolge belohnten
die Thätigkeit und ein grossartiges Geschäftshaus wurde erbaut. Kaum
war der Umzug bewerkstelligt, da brach der Krieg aus. Die Schwierigkeit
resp. Unmöglichkeit, während desselben und der darauf folgenden
Friedensverhandlungen die administrativen Arbeiten auszuführen, waren
ausserordentlich; nach der Abtretung des Elsass an Deutschland musste
das Haus mit diesen Arbeiten nach Frankreich auswandern und 1873 fand
die Übersiedelung nach Nancy statt. Bereits am 20. Mai 1876 ward das
dortige äusserst zweckmässig eingerichtete Etablissement ein Raub der
Flammen, es wurde jedoch mit einer fabelhaften Energie und mit noch
besseren Einrichtungen als vorher neu aufgeführt.
[106] L. MOHR, Das Haus Berger-Levrault. Strassburg 1876. --
_L'Imprimerie de Berger-Levrault & Co._ Nancy 1878. -- Ann. d.
Typ. B. VIII. 1876, Nr. 352.
Das Strassburger Etablissement, welches jetzt nach 200 Jahren wieder zu
den deutschen zählt, besteht unter alleiniger Leitung des Herrn RUD.
SCHULTZ als Kommandit-Gesellschaft unter der Firma R. SCHULTZ & CO.
(BERGER-LEVRAULT NACHFOLGER).
[Sidenote: J. G. Dentu * 1770, [+] 1840.]
[Sidenote: G. Dentu d. j. * 1796, [+] 1849.]
Der Gründer der Firma Dentu, JEAN GABRIEL DENTU, etablierte um 1795
eine Buchdruckerei und später eine Buchhandlung in Paris. Sein _Journal
des Dames_ hatte einen ausserordentlichen Erfolg. Er gab eine grosse
Reihe von Reisewerken sowie Schriften naturwissenschaftlichen Inhalts
heraus und druckte und verlegte nach der zweiten Restauration fast
alle legitimistischen Broschüren. Der Sohn GABRIEL DENTU, der 1826
das Geschäft übernahm, blieb den politischen Traditionen der Firma
treu, wurde dadurch nach der Julirevolution 1830 in 27 Pressprozesse
verwickelt und musste ausser zahlreichen Geldstrafen neun Monat
Gefängnis aushalten. Einer seiner Söhne ED. DENTU folgte ihm als
Buchhändler; die Buchdruckerei wurde verkauft.
[Sidenote: H. M. Cazin [+] 5. Okt. 1795.]
Als Verleger einer Reihe reizender und koketter Ausgaben in 18° mit
schönen Illustrationen und allerliebsten Ornamenten der besten Künstler
ist HUBERT MARTIN CAZIN bekannt.
Mit grosser und wohlbegründeter Pietät nennen die französischen
Fachgenossen den Namen Crapelet.
[Sidenote: Charles Crapelet * 13. Nov. 1762, [+] 9. Okt. 1809.]
CHARLES CRAPELET war in Bourmont geboren. Seine Erziehung war sehr
vernachlässigt, er versuchte jedoch durch unermüdliche Arbeit das
Fehlende zu ersetzen. Erst 17 Jahre alt übernahm er die Leitung des
bedeutenden Geschäfts des Buchdruckers Stoupe. Er beteiligte sich auf
das lebhafteste bei den Bestrebungen, die Typographie durch Geschmack
und Eleganz zu heben, und war zugleich einer der vorzüglichsten
Korrektoren. Als Beweis seines Pflichteifers wird erzählt, wie er sich
von dem Festschmause am Abend seines Hochzeitstages gegen Mitternacht
heimlich entfernte. Als er nicht wiederkam, geriet die Gesellschaft
in Verlegenheit, die junge Frau in die grösste Unruhe. Nachdem der
anwesende Prinzipal Stoupe sich eine zeitlang an dieser Situation
ergötzt hatte, machte er schliesslich dem Entsetzen ein Ende durch die
Erklärung, Crapelet sei in die Druckerei gegangen, um die Korrektur
einiger Bogen zu erledigen, die man morgen drucken müsse. Der Vermisste
erschien dann endlich auch früh gegen drei Uhr.
Im Jahre 1789 wurde er der Nachfolger Stoupes. Nach dem Beispiele
Baskervilles suchte er Einfachheit mit Eleganz zu verbinden und übertraf
sein Vorbild durch die Gleichmässigkeit und die grosse Korrektheit
seiner Drucke. Seine Ausgaben werden von allen Bücherfreunden in Ehren
gehalten und seine Pergamentdrucke und die Golddruck-Exemplare von
Audiberts _Histoire des colibris_ sind typographische Seltenheiten.
Vom Glück war Crapelet nicht begünstigt und Missbrauch seines Vertrauens
brachte ihm ausserdem schwere Verluste. Um diese zu ersetzen,
arbeitete er über seine Kräfte. Ein Druckfehler in dem ersten Bogen
seiner Ausgaben des _Télémaque_, wo, statt _Pénèlope_, _Pélènope_
gedruckt war, versetzte ihn in eine solche Aufregung, dass nur die
ernsthaftesten Vorstellungen seiner Freunde ihn von seinem Entschluss,
die Buchdruckerei aufzugeben, abzubringen vermochten. Leider zu
seinem Schaden, denn er starb, erst 49 Jahre alt, durch geistige und
körperliche Anstrengungen aufgerieben, als Märtyrer seines Berufs. Unter
den vielen Werken aus seinen Pressen seien die schönen Ausgaben der
französischen Klassiker und Audiberts _Histoire naturelle des oiseaux
chantans_, Folio, 1805, genannt.
[Sidenote: G. A. Crapelet * 1789, [+] 1842.]
Notgedrungen musste der Sohn GEORG AUGUST CRAPELET, kaum 20 Jahre
alt, das Geschäft übernehmen. In seinen Leistungen übertraf er noch
den Vater, war ausserdem ein bedeutender Fachschriftsteller und
Archäolog. Seine Ausgaben französischer Klassiker sind berühmt und die
Grosspapier-Exemplare davon sind als Prachtdrucke gesucht. Crapelet
der Sohn gehörte, wie der Vater, zu denjenigen Buchdruckern, die mehr
zur Ehre der Kunst als zum eigenen Vorteil den alten Traditionen treu
blieben. Seine Fachwerke sind sehr geschätzt. Von den _Études pratiques
et littéraires sur la typographie_, Paris 1837, wurde leider nur der
erste Teil veröffentlicht, den Abschluss des Werkes verhinderte des
Verfassers Tod. 1840 erschien _De la profession d'un imprimeur_.
[Sidenote: De Bure.]
Den Grund zu den bedeutenden bibliographischen Arbeiten Frankreichs
legte WILHELM FRANZ DE BURE, einer bereits seit 1660 bestehenden
Buchhändler-Familie angehörend. Er verfasste 1753 das _Museum
typographicum_ und 1785 seine _Bibliographie instructive_, sowie mehrere
von den Bibliographen sehr geschätzte Kataloge, unter andern die über
die Bibliothek des Herzogs von la Vallière, in damaliger Zeit die
bedeutendste Privatbibliothek Frankreichs.
[Illustration]
[Illustration]
VII. KAPITEL.
DIE MODERNE TYPOGRAPHIE FRANKREICHS UND DAS BUCHGEWERBE.
DAS AUFLEBEN DES BUCHGEWERBES. Die Prachtwerke. Neue Bahnen. Der
_Cercle de la Librairie_. Die Fachlitteratur. Statistisches. Die
Journallitteratur. DIE MODERNE TYPOGRAPHIE: A. Mame & Co., H.
Fournier, P. Dupont, J. Claye, N. Chaix, H. Plon u. a. DER
ILLUSTRIERTE VERLAG: Ch. Furne, J. Dubochet, J. Paulin. DIE
LUXUSBÜCHER: L. Curmer, G. Silbermann, Engelmann Vater & Sohn. DIE
VERSCHIEDENEN RICHTUNGEN DES BUCHHANDELS: Baillère, Masson, Hachette
& Co. u. a. DER ARCHAÏSTISCHE DRUCK: L. Perrin, D. Jouaust. DIE
BIBLIOGRAPHIE: Die Buchhandlungen für das Ausland.
[Sidenote: Aufatmen des Buchhandels.]
Schwere Zeiten hatten in der Sturmperiode Frankreichs auf der
Buchdruckerei und dem Buchhandel gelastet und nur wenigen Auserwählten
der alten Garde war es, wie wir gesehen, vergönnt gewesen, aus der
Krisis ungeschädigt hervorzugehen. Als nun das Buchgewerbe wieder
aufzuatmen begann, war es, da die neue Litteraturperiode noch nicht
angebrochen war, natürlich, dass die Schaffenslust sich zuerst der
Herstellung von schönen Ausgaben der vorhandenen Schriftsteller, die zu
den französischen Klassikern gezählt wurden, zuwendete.
[Sidenote: Th. Desoër.]
[Sidenote: J. J. Lefèvre.]
THEODOR DESOËR war der erste, der eine solche Prachtausgabe: einen
zwölfbändigen Voltaire, herausgab, die alle Welt in Erstaunen versetzte,
welche die Frage lebhaft diskutierte, ob der Verleger bald ein reicher
oder ein bankerotter Mann werden würde. JEAN JACQUES LEFÈVRE wollte
Ausgaben bringen, die selbst die Didotschen übertreffen sollten. In den
Jahren 1826-1829 gab er zuerst in 73 Bänden in Oktav die französischen
Klassiker mit reichhaltigen Kommentaren heraus, dann die ohne Rivalen
gebliebenen Sammlungen älterer und neuerer Klassiker aller Länder in
32°. Gleichzeitig veröffentlichte L. JANET seine luxuriösen Ausgaben der
geistlichen Schriftsteller.
[Sidenote: Prachtausgaben.]
Eine Prachtausgabe jagte nun die andere. Von Voltaire allein erschienen
nicht weniger als vierzig Ausgaben in den verschiedensten Formaten und
zu den verschiedenartigsten Preisen. In ununterbrochener Reihe folgten
Buffon, Madame de Sévigné, Boileau, Bossuet und viele andere ältere
Schriftsteller mit prachtvollen Stichen, unter Mitwirkung von Künstlern
wie Desenne, Deveéia, Henriquel-Dupont, Calamatta, Lecomte, Girardet,
Lorichon u. a. Daneben behaupteten jedoch auch die älteren Ausgaben
ihren Wert bei den vielen Bücherliebhabern. Zu zahlreichen Werken mit
und ohne Illustrationen gaben die Thaten Napoleons und der grossen Armee
Anlass. Die arbeitenden 1500 Pressen, davon 800 in Paris, reichten
öfters nicht aus, um dem Andrängen der Verleger zu genügen. Im Jahre
1811 erreichten die gedruckten Bogen die Zahl von neunzehn Millionen,
1826 war sie auf 145 Millionen gestiegen, nicht gerechnet die enorme
Zahl der politischen Broschüren, der Zeitungen und der Revues.
[Sidenote: C. Ladvocat.]
Trotz der Schönheit der Klassiker-Ausgaben traten diese mit der
Zunahme der modernen Schriftsteller von Bedeutung wie Benj. Constant,
Chateaubriand, Lamartine, Cas. Delavigne und viele andere in den
Hintergrund. Was Lefèvre für die alten Verfasser gewesen, wollte nun
CHARLES LADVOCAT für die lebenden sein. Er war der richtige Typus eines
modernen Buchhändlers, kühn, unermüdlich, freigebig, von Liebe zu seinem
Geschäft beseelt. Er verstand jedoch nicht, dabei klug haushälterisch zu
sein. Er gab zwar der Litteratur einen mächtigen Stoss nach vorwärts,
sollte aber so wenig wie Lefèvre die Früchte des regen Schaffens
geniessen, und beide starben arm.
[Sidenote: Der Roman.]
Dem Roman war es beschieden, einen mächtigen Einfluss auf das
Druckgewerbe zu üben. Am Tage der Herausgabe eines neuen Romans von
Victor Hugo, Jules Janin, Ch. Nodier, H. de Balzac, Paul Lacroix, Léon
Gozlan, Eug. Sue, Alf. Karr u. a. waren die Buchhandlungen förmlich
belagert. Die höchsten Honorare wurden bezahlt, oft für Bücher, von
denen noch keine Zeile geschrieben war.
[Sidenote: Das Feuilleton.]
Doch hiermit sollte es nicht genug sein. Emil Girardin öffnete dem
Roman noch neue Bahnen. Er hatte den Gedanken gefasst, ein Journal von
dem Umfange der grossen Blätter, aber nur zu vierzig statt zu achtzig
Franken, herauszugeben. Das wirkte in der Journalistik gleich einer
Revolution im Staate. Im Jahre 1835 erschien Girardins _La Presse_; _Le
Siècle_ war die erste Konkurrenz. Das Publikum sollte namentlich durch
das Feuilleton angelockt werden und es entstand eine wahre Hetzjagd nach
Romanen für dasselbe und selbst die ernsthaftesten Journale mussten
dem Strom folgen. Souliés _Mémoires du diable_ und Sues _Mystères de
Paris_ in dem _Journal des Débats_ wurden geradezu verschlungen. Die
Männer des Romans genügten nicht und es entstand eine ganze Legion von
romanliefernden Blaustrümpfen. War der Roman im Feuilleton beendigt, so
kam eine Nachlese für Autor, Verleger und Drucker durch Herausgabe als
Buch.
Die Kunst des Zeilenmachens[107] wurde im grossen Stil geübt, als
besonderer Virtuos zeigte sich hierin Victor Hugo. Da nach den Zeilen
bezahlt wurde, so waren Zeilen wie »Ja« -- »Nein« -- »Er ging« -- »Sie
lächelte« etc. sehr profitabel.
[107] EUG. DE MIRECOURT, _Fabrique de romans_. Paris 1845.
Doch das Romanfieber liess nach und es machte sich nun, unterstützt
durch die Fortschritte der Holzschneidekunst und das vortreffliche
Material an Schrift, Papier und Pressen, die Sucht geltend, alles mit
Holzschnitten zu illustrieren.
[Sidenote: Der Holzschnitt.]
[Sidenote: Die illustrierten Klassiker.]
So prachtvoll die Stahlstiche auch gewesen, man sehnte sich doch nach
einfacherer Kost. Der Holzschneider Porret war einer der ersten, der
auf Antrieb Achille Devérias zur Reorganisation der Xylographie die
Initiative ergriff. Die talentvollen Zeichner eigneten sich mit Eifer
die Methode für den Holzschnitt zu zeichnen an. Desenne, Devéria, Alfr.
und Tony Johannot, Jul. David, Raffet, Charlet, J. J. Grandville, Horace
Vernet, Vict. Adam, Ary Scheffer, Gavarni und andere Künstler ersten
Ranges erschienen auf dem Kampfplatz. Da gab es ein lustiges Turnier.
Alle Klassiker, fremde und einheimische, wurden mit Holzschnitten
illustriert; geschichtliche, ethnographische und naturwissenschaftliche
Werke folgten in bunter Reihe, daneben die illustrierten Blätter.
Schliesslich kamen die illustrierten Romane zu 20 Cent. für die
Lieferung an die Reihe und auch die Jugendschriften nahmen ein anderes
Gesicht an. Der Sieg des Holzschnittes über den Stahlstich war ein
vollständiger.
Gegen das Ende des Bürgerkönigtums hatte das Geschäft wenigstens
anscheinend eine hohe Blüte erlangt. In der Zeit von 1830-1848
betrug die Zahl der erschienenen Werke 105000 und sie hat sich mit
stellenweisen Unterbrechungen durch die politischen Wandlungen auf einer
hohen Stufe erhalten.
[Sidenote: Der _Cercle de la librairie_.]
Zu dem Ansehen des französischen Pressgewerbes hat, wie bereits in
der »Einführung« angedeutet wurde, der _Cercle de la librairie, de
l'imprimerie, de la musique et des estampes_[108] vieles beigetragen.
Aus dem angeführten Titel geht schon hervor, dass der _Cercle_ als
Sammelplatz für alle die mannigfachen Kräfte dient, welche bei den
graphischen Künsten im weitesten Sinne beschäftigt sind. Nicht nur in
allen Verhältnissen der Regierung gegenüber, sondern auch bei allen
Weltausstellungen hat der _Cercle_ die Interessen des Buchgewerbes mit
Energie, Geschick und Glück vertreten. Er wacht mit Eifersucht dem
Auslande gegenüber, jedoch ohne Eifersüchtelei unter den Mitgliedern
des Vereins, über die Behauptung der hervorragenden Stellung des
französischen Druckgewerbes, wenn dieses auf dem Weltmarkt sich zeigt.
[108] _Le Cercle de la librairie. Notice hist._ Paris 1881. -- J. B.
BAILLÈRE, _Le Cercle, etc._
Der am 5. Mai 1847 unter dem Vorsitz von Ambr.-Firmin Didot gegründete,
1853 reorganisierte Verein erwarb 1856 das Eigentumsrecht auf die seit
dem Jahre 1811, damals im Besitz der Familie Pillet, erscheinende
_Bibliographie de la France_. Das 1858 unternommene _L'Annuaire de la
librairie_ wird nicht regelmässig fortgesetzt und hat für den Buchhandel
Frankreichs nicht die Bedeutung wie in Deutschland O. A. Schulz'
Adressbuch. 1863 wurde das _Comité judiciaire des Cercle_ eingerichtet.
Am 12. Juni 1878 wurde der Grundstein zu einem prachtvollen
Versammlungshaus, Ecke der _Rue Grégoire-de-Tours_ und des _Boulevard
St.-Germain_, gelegt und dasselbe am 4. Dezember 1879 feierlich
eingeweiht. Es werden seit der Zeit höchst interessante Ausstellungen
dort abgehalten. Im Jahre 1880 war die Zahl der wirklichen Mitglieder
317, darunter 119 Buchhändler, 40 Buchdrucker, 26 Lithographen, 55
Papierfabrikanten, 11 Buchbinder, 8 Maschinenfabrikanten etc. Ausserdem
hatte der _Cercle_ 21 Ehrenmitglieder und 145 korrespondierende
Mitglieder. Das Vereinsvermögen betrug 350000 Franken.
[Sidenote: Fachlitteratur. Gabr. Charavay [+] 22. Mai 1878.]
Als Organ der Typographie besteht seit 1864 das durch GABR. CHARAVAY
geleitete _L'Imprimerie, journal de la typographie et de la
lithographie_. Es beschäftigt sich namentlich mit den Verhältnissen
der Buchdrucker zum Staate und mit den gewerblichen Interessen, ist in
technischer Beziehung jedoch nicht so reichhaltig wie die leitenden
englischen Journale. Letzteren nachzukommen ist das seit 1873 begonnene
Journal _La Typologie Tucker_ mit Glück bemüht. Es bringt wertvolle
Artikel, so wurden z. B. die bekannten _Lettres d'un bibliophile_ von
R. R. Madden zuerst hier mitgeteilt. Von den übrigen Fachjournalen sei
noch erwähnt das durch Fusion von drei typographischen Blättern 1882
entstandene _Bulletin de l'imprimerie et de la librairie_, redigiert von
LÉON DEGEORGE. Was von den englischen Fachjournalen gesagt wurde, dass
sie sich von allen persönlichen Gehässigkeiten und Reibungen freihalten,
gilt auch von den französischen, obwohl sie zum grossen Teil direkt im
Interesse einzelner grossen Fabrikanten herausgegeben werden.
* * * * *
Nachdem wir in dem vorhergehenden Kapitel die Wirksamkeit und Bedeutung
der Bahnbrecher der neueren Periode haben kennen lernen, wenden wir uns
den bedeutenderen der modernen Anstalten zu, welche dazu beigetragen,
Frankreichs typographischen Ruhm in neuester Zeit zu fördern.
Es könnte anscheinend ein Widerspruch darin gefunden werden, dass die
Reihe mit einem Institut angefangen wird, welches bereits zuende des
vorigen Jahrhunderts gegründet wurde. Dasselbe ist jedoch seiner ganzen
Organisation und Arbeitsweise nach so innig mit der neuen Zeit verknüpft
und übt auf diese seinen Einfluss in einer so hervorragenden Weise, dass
es wohl nicht mit Unrecht gerade hier an der Spitze steht, als Prototyp
einer im besten Sinne modernen Buchdruckerei: es ist das Druckinstitut
von A. MAME & CO. in Tours.
[Sidenote: Alfred Mame * 1811.]
Der Gründer desselben war (1798) ARMAND MAME, ein junger und energischer
Mann. 1830 assoziierte er sich mit seinem Schwiegersohne und Neffen
ERNEST MAME. 1833 traten seine zwei Söhne ALFRED HENRI ARMAND und ERNEST
als Teilnehmer ein. Nach dem Tode des Vaters übernahm Alfred Mame
das Geschäft allein und von da ab datiert sich der enorme Aufschwung
desselben. Die Ateliers wurden den Forderungen der Zeit entsprechend
eingerichtet und Neubauten vorgenommen. Auch der Buchbinderei widmete
Mame besondere Sorgfalt. Seit 1859 ist der Sohn PAUL Teilhaber. Schon
damals beschäftigte das Institut über 1000 Leute und produzierte täglich
gegen 15000 Bände. Der Verlag besteht hauptsächlich in Schriften
pädagogischen und religiösen Inhalts, welche, mit einem Preise von
60 Cent. für ein schön gebundenes Bändchen beginnend, bis zu den
höchsten Preisen geliefert werden. Mames grösster Vorzug ist eine
für alle Arbeiten, die billigsten ebensogut wie die teuersten, sich
gleichbleibende Sorgfalt. Seine glänzenden typographischen Siege errang
er hauptsächlich durch seinen Schwarzdruck; bunte Farben, Gold und die
Hülfsmittel der Schwesterkünste der Buchdruckerkunst wurden von ihm nur
als notwendige Konzessionen an den Geschmack des Publikums betrachtet.
Er ist ein echter Schwarzkünstler.
Unter seinen Prachtwerken sind ausser seinem herrlichen _Missale_
in Folio, das mit allem Raffinement ausgestattet ist, besonders zu
erwähnen die illustrierten Prachtwerke _La Touraine_ mit Zeichnungen
von Français, K. Girardet und Catenacci, das schon 1855 von der Jury
der Weltausstellung als ein Meisterwerk ersten Ranges anerkannt wurde,
und die Bibel mit den epochemachenden Illustrationen Gustav Dorés,
die mittels Clichés Eigentum fast aller Länder geworden sind. Zu den
neueren Prachtwerken, bei welchen Künstler wie Foulquier, Giacomelli
und Hallez mitwirken, gehören die _Chefs-d'[oe]uvre de la langue
française_. Von allen von ihm herausgegebenen Werken lässt Mame ein
Exemplar auf Pergament drucken, eine typographische Sammlung von
grossem Wert. Auf allen Weltausstellungen erreichte Mame das höchste
Mass der Auszeichnungen und es ist wohl kaum eine Stimme dagegen laut
geworden[109].
[109] Behufs Verteilung bei Ausstellungen gab Mame einen illustrierten
Bericht über sein Etablissement heraus. In dem Jahrgang 1865 des
Journ. f. B. Nr. 6 ff. findet sich eine deutsche Bearbeitung
mit den Abbildungen des Originals. Bei späteren Ausstellungen
erschienen neue Auflagen des Berichts.
[Sidenote: H. Fournier * 1795.]