Buchdruckerei bei Laisnez in Péronne und arbeitete dort zwei
Jahre. Während dieser erschienen seine ersten Gedichte, die mit
solchem Beifall aufgenommen wurden, dass er den Winkelhaken
beiseitelegen konnte.
Wennauch kein Fachkundiger, suchte Lebrun doch mit Eifer sich die
nötigen Kenntnisse zu erwerben und der Anstalt nützlich zu sein. Von
der erwähnten orientalischen Kollektion wurden drei Werke in Angriff
genommen: Raschid-Eddins Geschichte der Mongolen in Persien, _Bhâgavata
Pûrana_ und Firdusis Buch der Könige. Die Werke wurden streng im
orientalischen Stil mit Ornamenten in Gold- und Farbendruck ausgeführt.
Neue orientalische Schriften wurden von Marcelin Legrand, Delafond, Ramé
_père_, Loeulliet unter Aufsicht berühmter Orientalisten geschnitten und
die Didotschen Schreibschriften erworben. Auch bauliche und technische
Verbesserungen wurden vorgenommen und die Lithographie eingeführt, durch
die namentlich vorzügliche geologische Karten geliefert wurden.
[Sidenote: Die Februar-Revolution.]
Die Februarrevolution hatte manche Unordnungen zur Folge, welche Lebrun
veranlassten, seine Stelle niederzulegen, die im Jahre 1850 definitiv
SAINT-GEORGES übertragen wurde. Dieser behauptete die Ehre der Anstalt
auf verschiedenen Weltausstellungen. Für die in Paris 1855 abgehaltene
wurde mit allen Raffinements der graphischen Künste eine Prachtausgabe
der Nachfolge Christi lateinisch mit der poetischen Paraphrase
Corneilles gedruckt.
[Sidenote: Angriffe gegen die Staatsdruckerei.]
Die Staatsdruckerei ist zwar bereits seit der ersten Revolution
fortwährend Gegenstand der Angriffe gewesen, es haben diese jedoch in
jüngster Zeit an Heftigkeit zugenommen. Man hält die Konkurrenz der
Anstalt mit der Privatindustrie nicht allein für unnötig, sondern für
sehr schädigend. Zur Hebung der Kunst sind solche Anstalten nicht mehr
nötig. Was Didot aussprach, denkt gewiss Jeder: Eine Staatsanstalt soll
nicht den Steuerzahlenden unnötige Konkurrenz machen. Die Typographie
ist mündig geworden und bedarf keines öffentlichen Mentors.
* * * * *
[Sidenote: Die Familie Didot.]
Noch in einem höheren Grade als das Wirken der Staatsdruckerei war in
dem ganzen Abschnitt der Buchdrucker-Geschichte Frankreichs von 1750 bis
auf den heutigen Tag das Vorgehen der Familie Didot massgebend[103].
Während die Buchdruckerei als Kunst und der höhere Buchhandel in der
Revolutionszeit gänzlich darnieder lagen, waren die Didot fast die
einzigen, die unentwegt und unbekümmert um den ringsum tosenden Sturm
die Flagge Gutenbergs stolz vom hohen Mast wehen liessen.
[103] G. BRUNET, _Firmin Didot et sa Famille_. Paris 1870. -- E. PITOU,
_La Famille Didot_. 1856. -- E. WERDET, _Études
bibliographiques_ 1713-1864. -- A. F. DIDOT, _Histoire de la
Typographie_. Paris 1882.
Das ganze Sein dieser Familie ist von einem so edlen Geist durchdrungen;
alles, was sie geschaffen hat, trägt so sehr den Stempel der
Gediegenheit, dass der Name Didot noch langezeit als Stern erster Grösse
glänzen wird.
Zudem besitzen alle Unternehmungen dieser Firma neben den Vorzügen
des französischen Charakters auch das Gepräge einer echt germanischen
Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit, wie auch manche der
hervorragendsten Werke ihrer Pressen unter Mitwirkung deutscher
Gelehrten durchgeführt wurden. Schliesslich ist die Verbindung dieses
Hauses mit Deutschland seit langen Jahren eine weit innigere, als
es sonst seitens französischer Firmen der Fall zu sein pflegt. Das
alles macht, dass der deutsche Gewerbsgenosse sich dieser Familie
näher stehend fühlt als den übrigen hervorragenden Repräsentanten der
graphischen Gewerbe in Frankreich.
[Sidenote: François Didot * 1689, [+] 2. Novbr. 1757.]
Der Stammvater des Hauses war FRANÇOIS DIDOT aus Paris (1713). Schon
er machte sich bekannt durch seine vielen wichtigen Unternehmungen,
darunter die _Histoire générale des Voyages_ von Abbé Prevost in 20
Quartbänden mit einer grossen Anzahl von Kupfern und Karten. François
Didot hatte elf Kinder, von welchen François Ambroise und Pierre
François den Beruf des Vaters ergriffen. Zwei seiner Töchter waren an
berühmte Buchhändler, Guillaume de Bure und Jacques Barrois in Paris,
verheiratet. Als Druckerzeichen nahm er die goldene Bibel an und sie ist
es auch bis auf heute geblieben.
[Sidenote: Ambr. F. Didot * 7. Jan. 1730, [+] 10. Juli 1804.]
Dem AMBROISE FRANÇOIS verdankt Frankreich die Einheitlichkeit
seines Schriftsystems (S. 145), die Freiheit und Eleganz seines
Schriftschnittes, daneben die Vervollkommnung des Velinpapieres und
die Einführung der Druckerpresse mit nur einem Zuge. Unter seinen
Druckwerken sind hervorzuheben die früher schon erwähnte _Collection
d'Artois_, eine Sammlung von Romanen in 64 Bänden, ferner die Sammlungen
von französischen Klassikern in 18°, 8° und 4°, welche, wie ebenfalls
erwähnt wurde, im Auftrage des Königs Ludwig XVI. zum Unterrichtszwecke
für den Dauphin gedruckt wurden.
[Sidenote: Pierre F. Didot * 9. Juli 1732, [+] 7. Dezb. 1793.]
Der Bruder PIERRE FRANÇOIS leistete bedeutendes als Buchdrucker,
Buchhändler, Papierfabrikant und Schriftgiesser, führte viele
Verbesserungen in der letzteren Branche ein und legte die berühmte
Papierfabrik in Essonnes an.
[Sidenote: Pierre Didot * 21. Jan. 1760, [+] 31. Dez. 1853.]
PIERRE, der älteste Sohn Ambr. François', übernahm 1789 die Druckerei
des Vaters und zeichnete sich so aus, dass seine Offizin im Louvre
installiert wurde. Hier druckte er mit Schriften, die sein Bruder
Firmin geschnitten hatte, die prachtvollen sog. LOUVRE-Ausgaben: den
Virgil in Folio mit 23 Kupfern (1798); den Horaz in Folio (1799); den
Racine, drei Bände in Folio mit 57 Stichen (1801-5), die Fabeln des
La Fontaine. Die Jury der damaligen Ausstellung in Paris erklärte den
Racine für das vollkommenste typographische Erzeugnis aller Zeiten.
Noch manche andere grossartige Werke, z. B. Viscontis griechische und
römische Iconographie; Denons Reise in Ägypten; Nodiers malerische Reise
im alten Frankreich, und die berühmte Oktav-Ausgabe der französischen
Klassiker »für Freunde der Typographie«, die dieser Bezeichnung
vollständig würdig war, gingen aus seinen Pressen hervor.
[Sidenote: Jules Didot * 5. Aug. 1794 [+] 18. Mai 1871.]
Sein Sohn JULES spielte eine zeitlang eine glänzende Rolle, die jedoch
keinen Bestand hatte. Mit grossen Kosten hatte er eine bedeutende
Offizin in Brüssel gegründet, die nicht gedeihen wollte und von der
Regierung als Grundlage einer Staatsdruckerei erworben wurde. Nach Paris
zurückgekehrt, errichtete Jules Didot ein ausgedehntes Etablissement, in
welchem er eine grosse Zahl vorzüglich schöner Ausgaben alter und neuer
Schriftsteller für verschiedene Pariser Verleger druckte. Im Jahre 1823
erhielt er auf Grund einer Prachtausgabe von Phädrus' Fabeln, in Folio
auf Seide gedruckt, und anderer schöner Arbeiten die goldene Medaille.
Geschäftliche Misserfolge zerstörten jedoch vollständig seine bereits
geschwächten Geisteskräfte.
[Sidenote: Firmin Didot * 14. April 1764, [+] 24. April 1836.]
FIRMIN DIDOT, der zweite Sohn Ambroise François', hielt als Buchdrucker
und namentlich als Schriftgiesser und Schriftschneider den berühmten
Namen des Vaters in Ehren. Seine Schreibschriften (1806) liessen alles
Dagewesene weit hinter sich, und seine Antiquaschriften, mit welchen
sein Bruder Pierre die erwähnten Louvre-Ausgaben druckte, gelten
als die musterhaftesten. Er verbesserte (1795) ganz wesentlich die
Stereotypie und stereotypierte fast alle französischen, italienischen
und englischen Klassiker in 18°-Ausgaben, die durch ihre Korrektheit
und Billigkeit bekannt wurden. Der Virgil, fehlerfrei und mit
Vignetten illustriert, kostete 15 Sous. Später acceptierte er die
vorzügliche Stanhopesche Methode. Ausserdem druckte er eine grosse
Anzahl Prachtausgaben, darunter (1817) die Lusiaden und die Henriade.
Er ward Mitglied der Akademie und des Instituts und 1834 königlicher
Buchdrucker. Das Geschäft Didots war ein Sammelplatz von Notabilitäten
Frankreichs und des Auslandes. Im Jahre 1814 besuchte Kaiser Alexander
seine Offizin und liess zwei junge Russen zurück, um bei ihm zu
lernen. Sein Haus war überhaupt eine Bildungsschule der Typographie,
aus welcher Renouard, Paul Dupont, Claye, Rignoux, Brun und andere,
später berühmte französische Buchdrucker hervorgingen, ebenso die drei
ersten Buchdrucker Griechenlands: Coromilas, Dobras, Apostolidès, sowie
viele Missionsbuchdrucker. Um sich ganz dem öffentlichen Leben zu
widmen, überliess er im Jahre 1827 seinen Söhnen das Geschäft. Auch als
tüchtiger Schriftsteller war Firmin Didot bekannt.
Eine der Töchter Pierre François' heiratete Bernardin de Saint-Pierre,
welcher eine zeitlang bei der Papierfabrik in Essonnes beteiligt war, wo
er _Paul et Virginie_ schrieb. Von seinen drei Söhnen sind namentlich
Henry und Didot Saint-Léger zu erwähnen.
[Sidenote: Henry Didot * 15. Juli 1765, [+] 1852.]
HENRY DIDOT that sich als Schriftschneider, Schriftgiesser und
Mechaniker rühmlichst hervor. Noch in einem Alter von 66 Jahren schnitt
er für seine »mikroskopischen« Ausgaben, z. B. von Horaz, Rochefoucauld
u. a., seine _nec plus ultra_-Schrift. Um dieselbe giessen zu können,
musste ein neues Giessinstrument erfunden werden, welches Henry Didot
_polyamatype_ nannte, in welchem 160 Buchstaben auf einmal gegossen
wurden.
[Sidenote: Didot St.-Léger.]
Der Bruder Henrys, bekannt unter dem Namen DIDOT SAINT-LÉGER, dirigierte
die Papierfabrik in Essonnes. Seiner Verdienste um die Papierfabrikation
wurde bereits (S. 161) gedacht.
Firmin Didot hatte drei Söhne: Ambroise Firmin, Hyacinthe und Firmin
Frédéric (gest. 1836).
[Sidenote: Ambr. F. Didot * 20. Dez. 1790, [+] 24. Febr. 1876.]
AMBROISE FIRMIN genoss eine ausgezeichnete Erziehung und legte sich
mit besonderem Eifer auf griechische Sprache und Litteratur. Er machte
Reisen in Kleinasien, Syrien, Palästina und Ägypten und war eine
zeitlang Attaché bei der französischen Gesandtschaft in Konstantinopel.
Nach der Erhebung Griechenlands zeichnete er sich als einer der
eifrigsten Förderer der griechischen Sache aus. Er schenkte unter
anderem Griechenland die erste Buchdruckerei. Die Bürgerschaft von Athen
hat in dankbarer Erinnerung der Verdienste Didots noch in letzter Zeit
einer Strasse in Athen den Namen Didot-Strasse beigelegt.
[Sidenote: Ambr. F. Didot.]
Im Verein mit seinem Bruder HYACINTHE druckte und verlegte er eine
Reihe bedeutender Werke, z. B. die Reisen Champollions d. j. in
Ägypten, dessen Ägyptische Grammatik und Wörterbuch; Texiers Reisen in
Kleinasien und Armenien, fünf Bände, Folio; das _Glossarium mediae et
infimae latinitatis_ von Du Cange; in sechster Auflage das Wörterbuch
der Akademie, 1835, welches in erster Auflage bereits 1694 erschienen
war, und eine grosse Anzahl anderer Wörterbücher; die _Encyclopédie
moderne_, 39 Bände mit einem Atlas in fünf Bänden; das _Dictionnaire
de la conversation_, 21 Bände; die _Encyclopédie d'histoire naturelle_,
22 Bände mit neun Bänden Atlas; die _Nouvelle Biographie générale_, 46
Bde.; die _Biographie universelle des musiciens_ von Fétis, acht Bände;
J. C. Brunets: _Manuel de la librairie_; die _Bibliothèque grecque_ in
mehr als 60 Bänden; die _Bibliothèque latine-française_, 27 Bände; die
_Bibliothèque française_; das _Univers pittoresque_, 67 Bände mit 4000
Stahlstichen. Wenn die Bändezahl dieser Kollektionen schon imponiert,
so ist noch zu erwägen, dass es sich hierbei grösstenteils um Bände
in grossem Oktav, in gespaltenem Satz mit kleiner Schrift gedruckt,
handelt, so dass in der Regel ein Band den Stoff von sechs bis acht
gewöhnlichen Oktavbänden enthält.
Als ein Hauptwerk Didots, zugleich für Deutschland doppelt
interessant, weil es hauptsächlich durch gelehrte Kräfte Deutschlands
durchgeführt wurde, ist der _Thesaurus graecæ linguæ_ zu nennen. Diese
unerschöpfliche, von Heinrich Stephanus stammende (I, S. 207) Fundgrube
griechischer Lexikographie wurde unter Zusammenwirken einer grossen
Anzahl Gelehrter Frankreichs und Deutschlands nach 300 Jahren neu
herausgegeben und damit der Wissenschaft ein Denkmal hergestellt, das
seinesgleichen sucht. Die Redaktion übernahmen die Professoren Hase,
Wilhelm und Ludwig Dindorf. Das Werk bildet neun Bände in Folio.
In jüngerer Zeit haben Didots sich auch mit Vorliebe den neueren
Illustrationsmethoden zugewendet. Racinets _L'ornement polychrome_
und Mantz' _Les chefs-d'[oe]uvre de la peinture italienne_ mit den
Chromolithographien Kellerhovens müssen als Prachtwerke erster Klasse
genannt werden. Höchst anziehend ist auch eine Reihe von reich mit
Holzschnitten und Chromolithographien geschmückter Werke, welche
namentlich Leben, Sitte und Kunst früherer Jahrhunderte illustriert und
sich trotz der musterhaftesten Ausstattung durch einen sehr billigen
Preis auszeichnet. Fast als ein Saulus unter den Propheten erschien 1860
in dem Didotschen Verlage nach dem Muster des »Bazar« das Journal _La
Mode illustrée_, welches an 100000 Abonnenten zählte.
Ein anstaunenswertes Unternehmen bleibt in seiner Art auch:
_Annuaire-Almanach du Commerce_, von welchem mehr als 80 Jahrgänge
vorliegen. Das Unternehmen ist jetzt in den Händen einer Gesellschaft,
die es mit einem Kapital von 7-1/2 Millionen Franken ausbeutet.
Mit Obigem haben wir nur einen Teil der grossartigen Wirksamkeit der
Weltfirma andeuten können. Der bescheiden ausgestattete Verlagskatalog
lässt kaum auf den hohen Wert der verzeichneten Unternehmungen
schliessen, der schwerlich von dem irgend eines Verlagskataloges
übertroffen werden dürfte.
Wenn wir noch sehen, welche bedeutende litterarische Thätigkeit Ambroise
Firmin mit seiner geschäftlichen zu verbinden wusste, so muss unsere
Achtung und Bewunderung für diesen Mann sich noch steigern.
Seine Mitwirkung bei dem _Thesaurus_ wie bei vielen der encyklopädischen
Unternehmungen des Hauses zeugen schon von seiner gelehrten und
wissenschaftlichen Bedeutung, jedoch lieferte er ausserdem noch eine
Reihe selbständiger Schriften. Wir können hier nur die bedeutendsten
derjenigen erwähnen, die sich auf das graphische Gewerbe beziehen. Als
Mitglied der Ausstellungs-Jury schrieb er _L'imprimerie, la librairie,
la papeterie à l'exposition 1851 à Londres_ (2. Auflage 1854). Sein 1863
erschienener _Essai typographique et bibliographique sur l'histoire de
la gravure sur bois_ ist ein vortreffliches Werk, das nur den einen
Fehler hat, dass es mit ganz ausserordentlich kleiner Schrift gedruckt
ist[104]. Sein letztes umfangreiches Buch ist das 1875 erschienene
_Alde Manuce et l'hellénisme à Venise_. Über die Frage der Orthographie
und des litterarischen Eigentumsrechtes gab er verschiedene wertvolle
Schriften heraus. Unter seinen Monographien erwähnen wir: _Étude sur
les [oe]uvres de Jean Sire de Joinville_, zwei Bände, fünfte Auflage,
1870; _Missel de Juvénal des Ursins_, ein kostbares Manuskript, welches
Didot für 23000 Franken erworben, jedoch der Bibliothek des _Hôtel de
Ville_ cediert hatte, bei dessen Brande es vernichtet wurde; _Étude
sur Jean Cousin_, 1872. Didot besass eine Bibliothek typographischer
Seltenheiten ersten Ranges, die nach Millionen von Franken geschätzt
wurde und auch bei der Versteigerung nach Didots Tode wirklich enorme
Summen einbrachte. Diese Sammlung hatte Didot Veranlassung zu dem Werke:
_Catalogue raisonné des livres de la Bibliothèque de A. F. Didot,
I. 1: Livres à figures sur bois, Solennités, Romans de chevalerie_,
392 zweispaltige Seiten, gegeben. Als Supplemente hierzu erschienen:
_Les apocalypses figurées_ und _Essai de classification des Romans de
chevalerie_. Sein Bibliothekzimmer war Didots liebster Aufenthalt,
und hier musste oft sein Diener den in die Arbeit Vertieften an die
vorgerückte Nachtstunde erinnern.
[104] Seine 1882 in einem zweiten, unveränderten Abdruck erschienene
_Histoire de la Typographie_ entspricht nicht dem, was man nach
dem Titel erwarten könnte. Es ist ein Abdruck eines grossen,
vor langen Jahren erschienenen Artikels in der _Encyclopédie
moderne_ und enthält nur chronologisch an einander gereihte
Notizen, fast ausnahmslos über französische Buchdrucker,
namentlich über Mitglieder der Familie Didot, und schliesst mit
dem Jahre 1851.
[Sidenote: Hyacinthe Didot * 1794, [+] 7. Aug. 1881.]
[Sidenote: Th. Lefèvre * 17. Sept. 1798.]
Das Geschäft beschränkte sich nicht allein auf
bibliopolisch-typographische Unternehmungen, sondern umfasste auch die
bedeutende Papierfabrikation in Mesnil und Sorel. Dagegen sah sich Didot
veranlasst, die Schriftgiesserei als selbständiges Geschäft aufzugeben;
sie wurde der grossen Gesellschaft _Fonderie générale_ einverleibt.
Als die Einrichtung der Papiermaschinen viele bei der Fabrikation
beschäftigt gewesene Mädchen in Mesnil arbeitslos machte, richtete
Didot eine bedeutende Druckerei für Frauen ein, sorgte für tüchtige
Anleitung und etablierte Schulen. Diese Anstalt war namentlich ein Werk
HYACINTHE DIDOTS, des treuen Mitarbeiters des Ambroise durch eine lange
Reihe von Jahren. Sie stand unter der Leitung des THÉOTISTE LEFÈVRE,
und wurde nachträglich noch durch eine Abteilung für taubstumme Mädchen
erweitert. Der jetzt 84jährige Th. Lefèvre, bekannt durch sein Handbuch
für Setzer[105], arbeitet seit 46 Jahren in dem Hause Didots.
[105] _Guide pratique du compositeur d'imprimerie._ Paris 1855.
Vol. II. 1872.
Dass es Ambroise Firmin Didot an äusseren Ehren der verschiedensten
Art nicht fehlte, ist begreiflich. In den letzten Jahren seines Lebens
genoss er noch die Auszeichnung, Mitglied des Instituts von Frankreich
zu werden. Die höchste Ehre war es ihm jedoch, die unbegrenzte Achtung
und Liebe seiner Mitbürger und Untergebenen zu besitzen und der Vater
seiner Arbeiter zu sein, was er im vollen Sinne des Wortes war, bis ihn
der Tod ihnen raubte.
[Sidenote: Alfred und Paul Didot.]
Das Haus Didot steht jetzt unter der Leitung des Sohnes des Ambroise
ALFRED FIRMIN DIDOT (geboren 1828) und des Sohnes des Hyacinthe PAUL
FIRMIN DIDOT (geboren 1826). Die Druckerei in Paris ging in den Besitz
von G. Chamerot über.
Trotzdem dass die Firma, wie auch aus dem Obigen hervorgeht, in mancher
Hinsicht ihre Thätigkeit beschränkte, wird sie sicherlich noch lange den
berühmten Namen mit Ehren behaupten. Für Frankreichs Typographie hat
die Familie Didot eine Bedeutung, welche die der Familie Stephanus noch
überragt.
* * * * *
[Sidenote: Andere ältere Familien.]
Neben dem Geschlecht der Didot besass Frankreich noch eine Anzahl
bedeutender Druckerfamilien, die, aus dem XVIII. in das XIX. Jahrhundert
herüberreichend, die verbindenden Glieder in der grossen Kette bilden,
in welcher sich die modernen vortrefflichen Typographen an die alten
Meister anreihen.
Unter diesen Familien nahm die der Panckoucke, wennauch nur auf kürzere
Zeit, eine sehr glänzende Stellung ein.
[Sidenote: J. Panckoucke * 1736, [+] 1799.]
[Sidenote: P. Beaumarchais [+] 19. Mai 1799.]
JOSEPH PANCKOUCKE, geboren zu Lille, war ein tüchtiger Mathematiker
und bereitete sich für den Beruf eines Dozenten vor, etablierte sich
jedoch zuerst als Buchhändler, dann 1774 als Buchdrucker. Eine der
ersten seiner Unternehmungen sollte eine Gesamtausgabe von Voltaires
Werken sein, für deren Durchsicht und Emendation er den berühmten
Verfasser selbst gewonnen hatte. Die Kaiserin von Russland war ersucht
worden, die Widmung anzunehmen, da jedoch nach Ablauf von sieben Monaten
die Erlaubnis zur Dedikation noch nicht eingegangen war, betrachtete
Panckoucke die Sache als gescheitert und verkaufte seine Rechte an den
bekannten Schriftsteller P. BEAUMARCHAIS, der die Absicht hatte, etwas
noch nicht Dagewesenes von einer Prachtausgabe zu liefern. Am Tage nach
dem Abschluss kam -- zu spät! -- die Erlaubnis der Kaiserin, begleitet
von einer Anweisung auf 150000 Livres.
Beaumarchais liess in Kehl, Strassburg gegenüber, eine Offizin errichten
und Arbeiter aus Deutschland und der Schweiz kommen. Seine Abgesandten
nach Holland studierten die dortige Papierfabrikation und errichteten
danach Fabriken in den Vogesen. Die Stempel und Matern Baskervilles
wurden erworben (S. 74). Der Hauptherausgeber war Condorcet; die
typographische Redaktion besorgten Decroix und Letellier. In fünf Jahren
(1784-89) verausgabte man mehr als drei Millionen auf eine Oktavausgabe
in 70 Bänden und eine Duodezausgabe in 92 Bänden. Um allen Ansprüchen
gerecht zu werden, wurden von beiden Ausgaben Exemplare auf fünf
Sorten Papier gedruckt in einer Gesamtauflage von 28000 Exemplaren.
Zu dem grossen Aufwand stimmte nicht recht die nachlässige Korrektur.
Pekuniär war das Unternehmen ein vollständiger Misserfolg und kostete
Beaumarchais für seinen Anteil eine Million.
[Sidenote: Der _Moniteur_.]
Von Panckoucke stammt auch der Gedanke des _Moniteur_. Nachdem er in
England den Wert und die Macht der periodischen Presse kennen gelernt
hatte, wollte er ein solches Institut, das auch äusserlich mit einem der
grossen englischen wetteifern konnte, in Frankreich gründen. Der erste
Redacteur war Maret, später Herzog von Bassano. Das Blatt erreichte die
damals ganz ausserordentliche Auflage von 15000 Exemplaren und wurde ein
Quellenwerk für die Geschichte, das an Interesse wenige Konkurrenten hat.
Als Verleger war Panckoucke äusserst splendid und bei Hofe sehr
angesehen. Er druckte Buffons sämtliche Werke; die erste grosse
Sammlung von Reisewerken und begann auch die _Encyclopédie méthodique_,
welche 166 Bände in Quart und 51 Teile mit 6429 Kupfertafeln umfasste,
deren Herstellung ein halbes Jahrhundert in Anspruch nahm. Der Erfolg
war anfänglich ein ganz ausserordentlicher. Ein einziger Madrider
Buchhändler, Sancha, hatte Subskriptionen bis zu einem Betrage von
anderthalb Millionen Livres gesammelt. Die lange Reihe von Jahren,
welche das Unternehmen bis zu seiner Vollendung erforderte, schmälerte
jedoch sehr den Ertrag, da wenige Unterzeichner das Ende des Werkes
erlebten.
Panckoucke selbst war als Schriftsteller sehr thätig und lieferte ausser
selbständigen Werken und Übersetzungen noch zahlreiche Artikel zu den
periodischen und encyklopädischen Werken seines Verlages.
[Sidenote: C. L. Panckoucke * 25. Dez. 1780, [+] 11. Juli 1844.]
Sein Sohn CHARLES LOUIS PANCKOUCKE vertauschte die als Beruf ergriffene
Rechtswissenschaft mit der Buchdruckerei und dem Buchhandel. Er
vollendete die _Encyclopédie_ und druckte unter Mitwirkung der besten
wissenschaftlichen Kräfte das _Dictionnaire des sciences médicales_, die
_Flore médicale_, die _Biographie médicale_. Während des Rückganges des
nationalen Glanzes in den Jahren 1814-15 begann er die Herausgabe der
_Victoires et Conquêtes_, welche einen ausserordentlichen Erfolg hatten.
Weiter veranstaltete er eine neue Ausgabe der _Expédition d'Égypte_.
Auch er war als Schriftsteller mehrseitig thätig. Sein Sohn CHARLES
LOUIS ERNEST (geboren 1806) verliess den Buchhandel, behielt jedoch die
Buchdruckerei und den Druck des Moniteurs.
[Sidenote: Familie Barbou.]