jedoch die Zahl der Buchhandlungen nicht beschränkt. Zensierte Werke
konnten nachträglich konfisziert werden, jedoch mussten die Druckkosten
ersetzt werden. Diese Bestimmung kam nur in einem einzigen Fall zur
Anwendung und zwar anlässlich des Werkes _De l'Allemagne_ der Frau von
Staël.
[Sidenote: Napoleons Interesse für die Typographie.]
Dass der Buchhandel und die Buchdruckerei sich unter der Regierung
Napoleons trotz des äusseren Glanzes nicht recht entwickeln konnten,
wird jeder verstehen. Unter den von der Regierung selbst hervorgerufenen
Werken steht obenan die _Description de l'Égypte_, das Resultat der
Thätigkeit der gelehrten Kolonie, welche Bonaparte mit nach Ägypten
geführt hatte.
Hätte überhaupt die Typographie keine andere Aufgabe gehabt, als der
Wissenschaft zu dienen, so würde sie in Napoleon gewiss den grössten
Freund gefunden haben, denn ein Geist wie der seinige konnte den Verkehr
mit der Presse nicht entbehren. Selbst im ärgsten Kriegslärm mochte er
die Wissenschaft und die Litteratur nicht missen.
[Sidenote: Beabsichtigte Feldbibliothek.]
Bereits 1798 hatte er daran gedacht, eine Feldbibliothek herstellen
zu lassen, die ihm auf seinen Feldzügen folgen sollte, und 1808 den
Plan wieder in Bayonne aufgenommen. Als er bei seinem Aufenthalt in
Schönbrunn die Werke, die er mitzuführen gewünscht hatte, die aber
wegen des äusseren Umfangs zurückgeblieben waren, sehr vermisste, kehrte
er ernstlich zu der Idee einer Feldbibliothek zurück und diktierte am
12. Juni 1809 den Plan zu einer solchen, der seinem Bibliothekar Barbier
als Richtschnur unterbreitet werden sollte.
Napoleon wollte eine Sammlung schön gedruckter und gut gebundener Werke
in kleinem Format mit kleinem Rand. »Er sei reich genug, um sich diesen
Wunsch erfüllen zu können.« Vorläufig wollte er 3000 Bände von je 4-500
Seiten, hauptsächlich geschichtlichen Inhalts, die Bibel dürfe nicht
fehlen; wären diese 3000 Bände fertig, so könnten weitere 3000: Reisen,
Naturgeschichtliches, Unterhaltendes, folgen. Eine Anzahl gewiegter
Männer der Wissenschaft sollte die Redaktion besorgen und allen unnützen
Ballast über Bord werfen.
Im November 1809 stattete Barbier seinen Bericht ab. Die Kosten für
die 3000 Bände waren bei einer Auflage von fünfzig Exemplaren auf vier
und eine halbe Million Franken berechnet. Würden jedoch 300 Exemplare
gedruckt und verkaufte man den Band zu fünf Franken, so entstände eine
Einnahme von etwa drei Millionen Franken. Man glaubte, täglich einen und
einen halben Band oder jährlich gegen 500 Bände liefern zu können. Die
Proben wurden gemacht -- und hierbei blieb es.
[Sidenote: Kunstleistungen der Kaiserlichen Druckerei.]
Ein seltenes Pracht- und Kunststück führte die Kaiserliche Druckerei
aus, als Papst Pius VII. anlässlich der Kaiserkrönung 1805 sich in Paris
aufhielt und die erwähnte Anstalt besuchte. Während dieses Besuches
druckten 150 Pressen die _L'oraison dominicale_ (das Vater unser)
in 150 Sprachen und der Direktor Marcel überreichte dem Papste das
Widmungsexemplar.
Bei Gelegenheit der Geburt des Königs von Rom beschloss Napoleon den
Druck einer Sammlung in der Art der Ausgaben _ad usum delphini_. Mit der
Aufstellung des Katalogs war jedoch auch diese Sache zuende.
Sozusagen beim Bivouac-Feuer entwarf Napoleon den Plan zu einer
Fortsetzung der _Histoire de France_ von Velly, durch den Abbé Halma,
den Bibliothekar der Kaiserin. Schliesslich darf nicht das wichtigste
Werk der ganzen Zeitperiode, das dem Kaiser so viel zu verdanken hatte,
der _Code Napoléon_, vergessen werden.
Als das Unglück über den Kaiser hereinbrach, konnte es nicht fehlen,
dass die Presse im geheimen stark gegen ihn arbeitete und dass die
Massregeln gegen dieselbe noch verschärft wurden. Während der Hundert
Tage, als er die Presse brauchte, wollte er die von Ludwig XVIII.
bereits zugesagte Pressfreiheit gewähren und ein Dekret vom 24. März
1815 hob die Zensur auf. Waterloo machte das Dekret zu einem toten
Buchstaben.
[Sidenote: Die Restauration.]
Das erste Kaiserreich hatte dem Buchgewerbe die goldene Zeit nicht
gebracht. Günstiger waren die Auspizien bei Beginn der Restauration. Der
Artikel VIII der Charte sicherte allgemeine Pressfreiheit zu. Es dauerte
jedoch kaum einen Monat, als die Repressionsmassregeln wieder begannen.
Unter anderem konnten die Zeitschriften nur mit Autorisation des Königs
erscheinen. Bei Übertretungen der Gesetze stand das Zurückziehen des
Brevets in Aussicht.
[Sidenote: Julirevolution.]
Wir können nicht der Geschichte der Massregelungen gegen die Presse
durch alle ihre Phasen Schritt für Schritt folgen. Zensur, Kautionen,
Suspensionen, eine etwas grössere oder kleinere Portion Pressfreiheit
folgten in schnellem Wechsel unter der Herrschaft Ludwigs XVIII. Die
Regierung Carls X. fing für die Presse etwas milder an, aber das
projektierte Pressgesetz vom 29. Dezember 1826 übertraf an Schärfe
alles bisherige, wurde jedoch von der Pairskammer abgelehnt, die sich
diesmal liberaler als die Deputiertenkammer zeigte. Nichtsdestoweniger
wurde gegen Buchdrucker, Buchhändler und Journalisten mit grosser
Strenge verfahren. Die Prozesse häuften sich; nicht allein wirkliche
Pressvergehen, sondern selbst unbedeutende Formfehler wurden
unnachsichtlich und schwer bestraft. Die Massregeln schlossen mit den
berüchtigten Ordonnanzen Polignacs vom 25. Juli 1830, die das Ende
der Regierung Carls X. herbeiführten. Trotz der Verfolgungen gegen
die Presse behielt doch der letzte der Bourbonen seine Liebe für die
Druckkunst bei und zeichnete öfters die Vertreter derselben persönlich
aus, liess auch manche grosse Unternehmungen durch Subskription der
Ministerien unterstützen.
Leider vergingen die blutigen Julitage nicht ohne grobe Unordnungen
seitens der typographischen Arbeiter, welche in mehreren Druckereien die
Schnellpressen zerstörten. Jedoch die Masse der Arbeiter trat gegen die
Unruhestifter auf und eine Proklamation Firmin Didots an die Arbeiter
trug sehr viel zur Beruhigung derselben bei.
[Sidenote: Das Bürgerkönigtum.]
Die neue Charte vom 14. August 1830 brachte wieder Pressfreiheit und
»ewige« Aufhebung der Zensur. Die Lage der Buchdrucker und Buchhändler
ward durch die allgemeine Krisis eine sehr schwierige und die Folgen
der Überproduktion zeigten sich in trauriger Weise. Die Regierung that,
was sie konnte, um die Kalamität zu mildern und gewährte Anleihen.
Benj. Constants Antrag auf Freigebung der Buchdruckerei und des
Buchhandel-Gewerbes scheiterte zwar, die gesetzlichen Bestimmungen
wurden jedoch vielfach umgangen, indem man Zessionen an Nichtfachleute
zuliess und die Gründung von _Succursales_ gestattete, die unter
Verantwortlichkeit von Brevetinhabern von anderen betrieben wurden. Auch
entstanden in der nächsten Umgebung von Paris Druckereien, die recht
wohl mit den brevetierten konkurrieren konnten. Mehrere Druckereien
änderten sich in Aktienunternehmungen um und nahmen kolossale
Dimensionen an.
Die Lage der Journale war sehr erleichtert; man benutzte aber keineswegs
die Freiheit mit der notwendigen Mässigung, so dass ein beschränkendes
Gesetz am 9. September 1835 erlassen wurde, das von der Regierung jedoch
mit Schonung gehandhabt wurde.
Ludwig Philipp selbst war, wie die Bourbonen es gewesen, ein Freund der
Buchdruckerkunst. Mag er auch sonst als recht sparsam gegolten haben, in
Bezug auf die Erzeugnisse der Presse zeigte er sich freigebig und liess
mehrere grosse Unternehmungen auf seine Kosten drucken. Die Korrekturen
las er dann selbst und las sie sehr gut.
[Sidenote: Die Revolution von 1848.]
[Sidenote: Das zweite Kaiserreich.]
Bekanntlich nahm das Bürgerkönigtum am 24. Februar 1848 ein jähes Ende.
Die provisorische Regierung zählte mehrere Männer der Wissenschaft und
der Presse unter ihren Mitgliedern. Ihre Freunde fanden Anstellung
in der Administration; es war also natürlich, dass die Presse mit
Wohlwollen behandelt wurde. Der Zeitungsstempel, die Kautionen und
das strenge Pressgesetz vom 9. September 1835 wurden aufgehoben. Eine
Unmasse von Journalen entstand, die Vorteile aus dem Druck fielen jedoch
nur einigen wenigen grossen Zeitungsdruckereien zu, die eigentlichen
Werk- und Accidenzdruckereien litten Not und fast der dritte Teil
der Arbeiter war brotlos. Während der Zeit der am 10. November 1848
begonnenen Präsidentschaft Louis Napoleons und des Kaiserreichs
Napoleons III. hob sich das Druckgeschäft wieder, aber es traten
selbstverständlich strengere Überwachungsmassregeln ein. Im Jahre 1852
wurde die _Direction générale de l'Imprimerie et de la Librairie_
ins Leben gerufen, welche Massregel im allgemeinen mit Befriedigung
aufgenommen wurde.
Das neue Pressgesetz vom 17. Februar 1852 gab der am 2. Dezember 1852
eingesetzten kaiserlichen Regierung eine furchtbare Waffe in die Hände,
denn es hing alles von der Art der Ausführung des Gesetzes ab. Napoleon
III. liebte die Buchdruckerkunst gleich seinen Vorgängern, und er selbst
suchte, wie bekannt, schriftstellerischen Ruhm. Für den äusseren Glanz
der Typographie namentlich durch die Weltausstellungen, auf welchen das
französische Buchgewerbe stets in würdigster Weise vertreten war, war er
eifrigst besorgt.
Jetzt ist die Republik im Besitz des liberalen Pressgesetzes vom 29.
Juli 1881[99].
[99] _Loi sur la liberté de la Presse, 29. Juli 1881._ -- A. FAIVRE,
_Code manuel de la Presse 1881._ Paris. -- _Loi de 1881 sur la
Presse avec observations par H. Celliez et Ch. le Senne._ Paris
1881.
* * * * *
Wie die französischen Regierungen, mögen sie Namen geführt haben
wie sie wollten, fortdauernd und mehr als gut war sich mit der
Stellung der Presse zum Staate beschäftigten, so setzten sie auch
ihre direkte Beeinflussung der technisch-gewerblichen Verhältnisse
der Buchdruckerkunst durch die Staatsdruckerei fort, welche jedoch
mehr und mehr sich von ihrem schönen Ziel, der Veredelung der Kunst,
entfernte, um in die Reihe der brotsuchenden Anstalten zu treten und den
Privatdruckereien Konkurrenz zu machen.
[Sidenote: Staatsdruckerei.]
Die STAATSDRUCKEREI[100] stand seit dem 1723 erfolgten Rücktritt Claude
Rigauds 71 Jahre lang unter der Direktion von Mitgliedern der Familie
Anisson. Die Ernennung des letzten derselben, ÉTIENNE ALEX. JACQ.
ANISSON DUPERON, zum Direktor geschah 1789.
[100] Vergl. I, S. 208-211. In dem Folgenden ist, bei dem
fortwährenden Wechsel der offiziellen Benennung je nach dem
Wechsel der Regierungsform, die Bezeichnung »Staatsdruckerei«
angenommen. -- Ausser DUPRATS Werk (S. 163) vgl. A. J. BERNARD,
_Notice historique sur l'Imprimerie nationale_. Paris 1848.
-- V. GOUPY, _L'Imprimerie nationale et sa Collection de
Types orientales_. Paris 1874. -- A. BERNARD, _Histoire de
l'Imprimerie Royale du Louvre_. Paris 1867.
[Sidenote: Erwerbungen unter Ludwig XV.]
[Sidenote: L. Luce [+] 1773.]
Bedeutend waren die Fortschritte während der Regierungszeit Ludwigs
XV. nicht. Für die Summe von 100000 Livres erfolgte 1773 die Erwerbung
der aus 15 Graden bestehenden neuen Antiqua und Cursiv, welche der
königliche Graveur LOUIS LUCE in den Jahren 1740-1770 geschnitten
hatte, zugleich seiner gothischen und Schreibschriften, sowie seiner
zahlreichen Vignetten und Ornamente. Diese neuen Schriften Luces waren
ganz anders gehalten als die von Ludwig XIV. veranlassten. Luce wollte,
wie er selbst sagte, etwas von dem Vorhandenen ganz Verschiedenes
schaffen, was ihm auch, jedoch nicht zum Vorteil der Sache, gelang. Die
Schriften sind sehr schmal gehalten, es fehlen ihnen die besonderen
Kennzeichen (I, S. 210) der Schriften der Staatsdruckerei. Sein
Nachfolger als königlicher Graveur war Fagnion.
Eine weitere Acquisition bestand in einer Sammlung der Vignetten Jean
Papillons (I, S. 200). Sie hat, wie die Sammlungen von Luce, zwar den
Wert des historischen Museums der Anstalt sehr erhöht; für die Praxis
waren diese Vermehrungen bei den Fortschritten der Kunst ohne Interesse.
[Sidenote: Einfluss Ludwigs XVI.]
Ludwig XVI. begünstigte ebenfalls die Staatsdruckerei und liess die
kleinen Offizinen in den Tuilerien und in Versailles unter die Direktion
derselben stellen. Das Verhältnis des Direktors zu der Anstalt war ein
ziemlich kompliziertes. Er war nicht ein einfacher, fest salarierter
Beamter, sondern zu einem wesentlichen Teil gingen die Arbeiten für
Rechnung des Direktors, wurden nach der Taxe bezahlt und mit einem dem
Direktor selbst gehörenden Material ausgeführt. Wie bedeutend dieses
war, geht aus der später zu erwähnenden Auseinandersetzung mit der Witwe
Anisson hervor, wobei es sich um eine Summe von einer halben Million
Livr. handelte. Staatseigentum waren hauptsächlich nur die Stempel und
Matern der Schriften, ausserdem vielleicht 10000 Pfund Schrift und etwa
ein Dutzend Pressen.
[Sidenote: Zustande während der Revolution.]
Nach dem Ausbruch der Revolution begann eine unerfreuliche Periode für
die Staatsdruckerei. Die wissenschaftlichen und die administrativen
Arbeiten traten in den Hintergrund, die Hauptbeschäftigung war der
Druck der vielen Gesetze und Dekrete, der ebenfalls auf Rechnung des
Direktors ging, welcher die Zahl der Pressen fast auf 100 vermehren und
bei der Unzulänglichkeit der Lokalitäten im Louvre zwei _Succursales_
errichten musste.
[Sidenote: Der Assignaten-Druck.]
[Sidenote: E. A. J. Anisson [+] 1794.]
Zu diesen Arbeiten kam noch die Ausführung von 1200000 Stück
Assignaten[101]. Doch dies war nur ein Tropfen ins Meer. Bereits am 30.
Sept. 1790 wurde eine neue Emission von 800 Millionen Livres, bestehend
in 3060000 Stück, beschlossen. Anisson verlangte für die Ausführung
100000 Livres; Didot erklärte sich bereit, die Lieferung für 22000
Livres zu übernehmen. Dies verursachte grosse Misstimmung gegen Anisson.
Indes sprach manches zu dessen Rechtfertigung, da die Ausführung, welche
von Didot verlangt wurde, eine weit einfachere als die frühere und Didot
inzwischen in Besitz der Stereotypie gelangt war (S. 152). Doch kam es
noch nicht zum Bruch und man bewilligte ihm auf seine Vorstellungen
sogar einen höheren Tarif als den bisherigen für seine Arbeiten. Es
war jedoch nicht angenehm, Männer wie Marat und Pétion zu persönlichen
Feinden zu haben. Auf Antrag des letzteren ward Anisson am 8. Oktober
1792 verhaftet, wozu der, angeblich gegen seine Instruktion erfolgte
Druck eines Dekrets als plausibler Vorwand dienen musste. Aus seinem
Gefängnis schlägt er dem Sicherheits-Ausschuss vor, seine Direktorstelle
aufzugeben und der Öffentlichkeit sein auf 499036 Livres taxiertes
Material käuflich zu überlassen. Dieser Vorschlag wurde jedoch nicht
angenommen. Anisson starb 1794 auf dem Schafott. Sein Eigentum ward mit
Sequester belegt und erst nach langen Verhandlungen fand ein Vergleich
mit der Witwe statt.
[101] Die 300-Livres-Noten tragen als Jahreszahl 1090 statt 1790, man
ging jedoch darüber hinweg.
[Sidenote: Die Druckerei in Ägypten.]
Als ein denkwürdiges Ereignis in der Geschichte der Staatsdruckerei
während der Republik ist die bereits oben kurz erwähnte Einführung der
Druckerei in Ägypten zu verzeichnen. Bereits nach der Eroberung Italiens
hatte Bonaparte die Errichtung zweier Druckereien, einer griechischen
und einer arabischen, auf den Ionischen Inseln verlangt und, als er nach
Ägypten gezogen war, die Einrichtung einer umfangreicheren Buchdruckerei
dort gefordert. Der damalige Direktor der Staatsdruckerei DUBOY-LAVERNE
beauftragte den Orientalisten Langlès mit der Ausführung. Die Sache
ging aber Bonaparte nicht rasch genug und er beschuldigte die Genannten
der mutwilligen Verzögerung. Er verlangte Erlass einer Ordre, »die
griechischen Schriften, mit welchen der Xenophon gedruckt werde, sofort
zu verpacken. Xenophon könne ohne Schaden drei Monate warten, bis wieder
neue Schriften fertig wären«.
[Sidenote: J. J. Marcel.]
An die Spitze der ägyptischen Druckerei wurde ein tüchtiger Arabist J.
J. MARCEL, später Direktor der Staatsdruckerei, gestellt. Die Offizin
wurde in dem Hause des griechischen Konsuls in Alexandrien eingerichtet,
dann nach Kairo und Gizeh gebracht. Ausser den dienstlichen Arbeiten
druckte die Anstalt _Le Courrier de l'Égypte_ und etwa ein Dutzend
belehrende Schriften in arabischer Sprache. Auch in Pondichery auf der
Küste Koromandel in Ostindien wurde eine französisch-persische Druckerei
durch Vermittelung der Staatsdruckerei angelegt.
Nach Rückkehr der Franzosen aus Ägypten wurde beschlossen, die
Arbeiten der, zugleich mit der Armee entsendeten wissenschaftlichen
Expedition herauszugeben. Eine Kommission von acht angesehenen Gelehrten
wurde ernannt, um die Redaktion zu besorgen, und es entstand in der
Staatsdruckerei eines der hervorragendsten Druckwerke aller Zeiten, die
_Description de l'Égypte_ in neun Foliobänden mit Text und vierzehn
mit Kupfern und Karten, das erst 1809 vollendet wurde. Von bedeutenden
Werken der Staatsdruckerei aus der Zeit der Republik sind noch die
umfangreichen Reisewerke von La Pérouse, Marchand, Vancouver, Millins
_Monumens antiques_ u. a. zu nennen.
Im Jahre 1800 war der Beschluss gefasst worden, dass von den in der
Staatsdruckerei ausgeführten Werken 200 Exemplare dem Ministerium des
Innern zur Disposition gestellt werden sollten, damit dieses sie im
Interesse der Wissenschaft und der Aufklärung zweckmässig verteile.
[Sidenote: Orientalische Schriften.]
Die orientalischen Schriften waren in Ordnung gebracht, mehrere neue
geschnitten und der Raub der Schriften der Propaganda in Rom hatte
diesen Zweig der Typographie ausserordentlich bereichert. Das Lokal war
nach dem Hôtel Penthièvre verlegt worden.
Man sieht aus dem obigen, dass die Zeit der Republik in Waffen doch
keine ganz verderbliche für die Staatsdruckerei gewesen war, die vieles
dem 1801 verstorbenen Direktor Duboy-Laverne zu verdanken hat.
[Sidenote: Umzug.]
Der Kaiser widmete der Anstalt noch mehr Aufmerksamkeit als der Konsul.
Die Administration wurde geordnet, Pensionskassen eingerichtet und die
Arbeiten nach Tarifen reguliert. Ein Umzug fand 1809 nach dem _Hôtel
Soubise_ mit dessen Annex _Palais Cardinal_ (Rohan) statt. 1811 wurden
die orientalischen Schriften, allerdings wieder durch Raub, mit den
Stempeln und Matern der Druckerei der Medici in Florenz vermehrt. In
demselben Jahre erhielt Didot den Auftrag, das Schriftensystem nach
dem inzwischen eingeführten Metermass umzuändern und neue Schriften zu
schneiden, doch wurde dieses Vorhaben wegen der Kostspieligkeit nicht
zuendegeführt. Ein grosses Prachtwerk _Rélation des cérémonies du sacre
et du couronnement, etc. de Napoléon_ wurde 1812 angefangen und erst
während der Hundert Tage vollendet, 1813 erteilte der berühmte Gelehrte
Silvestre de Sacy den Eleven der Anstalt Unterricht in orientalischen
Sprachen, um tüchtige Setzer zu bilden.
Ausser den erwähnten sind noch unter den bedeutenden Erscheinungen der
Staatsdruckerei zu nennen die _Statistique de la France_, Fol., 1804;
_Recherches asiatiques_ 1805 und de Guignes _Dictionnaire chinois_,
Fol., 1813.
[Sidenote: Die Zeit der Restauration.]
Mit alledem waren die Kriegszeiten doch im ganzen keine glücklichen für
die Entwickelung der Staatsdruckerei. Am 15. April 1814 verschwand der
kaiserliche Adler als Insigne und mit diesem auch verschiedene Schätze
der Anstalt, da, nach den Bestimmungen des Pariser Friedens, die den
Offizinen der Propaganda und der Medici geraubten Stempel zurückzugeben
waren. Doch geschah dies nicht vollständig, und von den Stempeln behielt
man Abschläge zurück, sodass die Vollständigkeit der Anstalt eigentlich
nicht litt.
[Sidenote: Reorganisation Anisson-Duperon.]
Ludwig XVIII. bestimmte durch ein Dekret vom 28. Dezember 1814, dass
vom 1. Januar 1815 ab die Arbeiten für Rechnung des Staates mit ganz
wenigen Ausnahmen aufhören sollten und dass es den verschiedenen
Ministerien zu überlassen sei, ihre Arbeiten nach bestem Ermessen auch
an Privatdruckereien zu vergeben. Das Inventar sollte dem Direktor zur
Disposition gestellt werden, Schriften und Abschläge konnte er unter
festgesetzten Bedingungen verkaufen. Marcel wurde in Ruhestand versetzt
und der Sohn des hingerichteten Direktors ANISSON, vielleicht als
Ersatz für die seiner Familie zugefügte Unbill, zum Vorstand gewählt.
Da kamen die Ereignisse vom 20. März 1815 und das Kaiserreich der
Hundert Tage warf alles über den Haufen, damit es nach drei Monaten
wieder eingeführt werde. Anisson liess von JACQUEMIN neue Schriften
nach englischen Mustern schneiden. Dies missfiel der Regierung und da
überhaupt die neue Einrichtung sich wenig zuträglich zeigte, versuchte
eine Ordonnanz vom 23. Juli 1823 den ungefähren Standpunkt des
kaiserlichen Dekrets von 1809 wiederherzustellen.
[Sidenote: Villebois.]
Zum Chef des Instituts wurde E. DE VILLEBOIS ernannt. Er führte wieder
Präzision in der Administration ein und liess von MARCELIN LEGRAND 16
Grade Antiqua und Cursiv mit einem Aufwande von 39200 Franken schneiden.
Eine gelehrte Kommission sollte die Ausführung der Schriften überwachen,
hatte aber, wie es mit Kommissionen gewöhnlich der Fall ist, mehr
hemmend als fördernd gewirkt. Das erste Werk, welches mit den neuen
Typen gedruckt wurde, war Raoul-Rochettes _Monumens inédits d'antiquité
figurée_ in gross Folio 1828.
[Sidenote: Orientalische Sammlung.]
[Sidenote: Neuerungen.]
Bereits 1824 hatte Ludwig XVIII. die Herausgabe der seit lange
beabsichtigten Sammlung orientalischer Werke angeordnet, die Anfänge
konnten jedoch erst 1832 nach der Julirevolution gemacht werden. 1828
fasste man auch das Herz, Schnellpressen einzuführen, wogegen man sich
lange gesträubt hatte. Zumteil beruhte diese Zögerung wohl in humanen
Gründen, da man keinem Arbeiter den Abschied geben wollte; teils
lag vielleicht auch ein gewisser Stolz zugrunde; man wollte, wie es
scheint, die Maschine nicht als der Handpresse ebenbürtig anerkennen.
Die verschiedenen Ministerien beschwerten sich über die teueren Preise,
man entschloss sich deshalb, zuerst die Preise nur so zu berechnen, als
wären die Arbeiten auf Maschinen gedruckt. Doch es half nichts, man
musste sich den Forderungen der Zeit fügen und im Jahre 1829 wurden
96000 Franken zur Anschaffung von Schnellpressen angewiesen, die jedoch
während der Revolutionstage 1830 von eindringenden Arbeitern teilweise
demoliert wurden.
Villebois hatte das Schicksal seines Gönners, des Ministers de
Peyronnet, und wurde entlassen. Unter den Werken aus der Zeit der
Restauration sind noch zu nennen: Caillauds _Voyage à l'oasis de
Thèbes_, Folio, 1821; Silvestre de Sacy, _Les Séances de Hariri_, 1822;
Freycinet, _Voyage autour du Monde_, 4°, 1826, und das vorzügliche
_Album typographique de l'Imprimerie Royale_, 1830.
[Sidenote: Pierre Lebrun.]
Am 15. September 1831 wurde der Posten Villebois' definitiv dem
Akademiker PIERRE LEBRUN übertragen, nachdem diese Stellung, wie man
sagt, erst Béranger[102], dann bestimmt Ambroise Firmin Didot angeboten
worden war. Letzterer erklärte sich bereit, die Stelle anzunehmen,
wenn allein diejenigen Arbeiten, deren Ausführung durch den Staat
sicherheitshalber notwendig war, von der Staatsdruckerei übernommen,
alle anderen jedoch der Privatkonkurrenz überlassen würden; wenn man die
seltenen Schriften an Buchdrucker zu billigen Preisen ablassen wollte,
und schliesslich, wenn es nicht nötig sei, dass er Gehalt annähme. Die
Gründe, weshalb man darauf nicht eingehen konnte, lagen klar am Tage
und es war wohl auch Didot mehr darum zu thun, die Grundsätze laut
auszusprechen, die er für die von einer Staatsanstalt einzig richtigen
hielt, als den Direktorposten anzunehmen.