DIE SCHRIFTGIESSEREI: Das Schriftsystem Didots, seine Anglaise,

Molé. Orientalia. Notendruck, E. Duverger, Charles Derriey und das

typographische Ornament. HOLZSCHNITT und Hochätzung. DIE STEREOTYPIE:

Daulé, Gaveaux, Jannin. DIE MASCHINEN: Marinoni, Alauzet, Dutartre u.

a. Die Utensilien. Farbe. Papierfabrikation. Die Buchbindekunst.

FOURNIER LE JEUNE hatte mit seinen Bemühungen für die Einführung einer

gleichmässigen Einteilung der Schriftgrössen (I, S. 214) kein rechtes

Glück gehabt. Erst AMBROISE FRANÇOIS DIDOT war es beschieden, ein von

Fourniers Grundsätzen etwas abweichendes System zur rechten Geltung zu

bringen, und hiermit nicht der Typographie seines Vaterlandes allein

einen unermesslichen Dienst zu erweisen, dessen Wert allerdings dem

Nichtfachmann weniger als die äussere Schönheit seiner Typen und seiner

Drucke oder der innere Gehalt seiner Verlagswerke in die Augen springt.

In seiner Einteilung ging Didot von dem damals in Frankreich geltenden

Massstab, dem _Pied du Roi_, aus. Eine Linie desselben teilte er in

sechs typographische Punkte und bestimmte nach solchen die regelmässige

Abstufung der Schriftgrade. Hieraus erwuchs indes eine Differenz mit dem

Fournierschen System, indem 11 Didotsche Punkte gleich 12 Fournierschen

sind.

Sicherlich stände das Didotsche System widerspruchslos da, hätte

nicht das erst später in Frankreich und anderen Ländern gesetzlich

eingeführte, wissenschaftlich allein stichhaltige Metermass mit

Dezimaleinteilung wieder einen Riss hineingebracht, indem das Didotsche

System sich nicht vollständig rationell auf das neue Mass übertragen

lässt. Die Frage des einheitlichen Welt-Schriftkegels kann demnach erst

in der Zukunft ihre volle Lösung finden[84].

[84] H. SMALIAN, Praktisches Handbuch für Buchdrucker im Verkehr mit

Schriftgiessereien. 2. Aufl. Leipzig 1877.

[Sidenote: Didotsche Schreibschriften.]

Eine Didotsche Erfindung ist ebenfalls die berühmte Schreibschrift

_Anglaise_. Die bisherigen Schreibschriften waren eigentlich nur

Cursivschriften; jeder Buchstabe stand für sich, ohne Verbindung mit

seinen Nachbarbuchstaben. Didot führte die der Schriftlage folgende

schräge Typenbildung ein, welche die Verbindung der Schriftzüge unter

einander erleichterte. Um die vollständige Freiheit der mit der Hand

hergestellten Schrift zu erreichen, waren jedoch grosse technische

Schwierigkeiten zu überwinden. Jenachdem ein Buchstabe zu Anfang, zu

Ende oder in der Mitte eines Wortes stand, oder die Nachbarbuchstaben

herauf- oder heruntergehende waren u. dergl., war eine Variation der

Verbindungsstriche und somit eine grosse Vermehrung der Typen notwendig.

Manche derselben enthielten nicht einmal einen vollständigen Buchstaben,

sondern dieser musste aus mehreren Teilen zusammengesetzt werden.

Hierin und in der Wahl der richtigen Ansätze liegen die Schwierigkeiten

und nicht jeder Setzer wird diese zu überwinden verstehen. Ausserdem

erfordert der Druck infolge der Zartheit der Haarstriche eine ganz

besondere Aufmerksamkeit, denn die schöne und teure Schrift kann

durch Ungeschicktheit des Druckers schon bei dem erstmaligen Gebrauch

verdorben werden. Damit die schrägen Typenstücke fester an einander

schliessen, sind sie an der einen Seite mit einer halbrunden Vertiefung,

auf der andern mit einer ebensolchen Erhöhung versehen, die in einander

greifen. Dreiseitige Schlussstücke stellen die für die Festigkeit der

sonst schrägstehenden Zeile notwendige rechtseitige Gestalt her.

[Sidenote: Joseph Molé.]

Einer der bedeutendsten Schriftgiesser Frankreichs war JOSEPH MOLÉ.

Bereits als Kind befasste er sich mit Gravieren und als Achtzehnjähriger

hatte er schon manchen Stempel geliefert. Während seines geschäftlichen

Wirkens schnitt er eigenhändig über 200 komplette Schriften. Ihm

verdankt man auch die Einführung der so praktischen Hohlstege.

[Sidenote: Orientalische und chinesische Schrift.]

Auf fremdländische resp. orientalische Schriften wurde im ganzen

genommen von den Schriftgiessereien und Buchdruckereien nicht grosses

Gewicht gelegt. Eine Ausnahme machte jedoch die, während eines

Jahrhunderts siebzehnmal den Namen wechselnde, jedoch ihrem Charakter

treu bleibende Staatsdruckerei. Mit besonderer Vorliebe und grosser

Ausdauer wurden dort nicht weniger als sechs Versuche gemacht, den

Chimborasso der Typographie, die Herstellung chinesischer Schrift, zu

überschreiten.

Die erste, für Fourmonts Grammatik benutzte Schrift hatte ein

vollständig barbarisches Aussehen. Auch die 14000 Typen für Desguignes

Lexikon waren noch viel zu gross und hässlich. Spätere 12000 Typen von

Deshauterais wurden nie benutzt. Rémusat liess 2000 Zeichen schneiden,

deren er sich für seine Grammatik bediente. Die von M. H. Klaproth

veranlassten Typen machten grosse Ansprüche, elegant zu sein, es wurden

mit denselben jedoch nur wenige Seiten gesetzt. 1836 machte der Direktor

der Staatsdruckerei, Marcellin le Grand, unter Leitung des Orientalisten

Pauthier einen neuen Versuch. Als Grundlage diente das Wörterbuch von

Kanghi, welches 43496 Charaktere enthält, die auf gegen 30000 reduziert

und in zwei Klassen geteilt wurden, die der nicht zerlegbaren (3581) und

die der zerlegbaren (26295) Zeichen, welche sich mittels 4267 Stempel

herstellen liessen[85].

[85] Über die französische Schriftgiesserei vergleiche noch die

Abschnitte »Didot« und »Staatsdruckerei«.

[Sidenote: Der Notendruck.]

[Sidenote: Fournier und Gando.]

In dem Lande der Franzosen, die nicht in dem Grade ein singendes und

spielendes Volk sind, wie die Deutschen, war auch die typographische

Herstellung von Noten nicht von der Wichtigkeit, wie in Deutschland;

doch hatten, abgesehen von den älteren Versuchen, FOURNIER LE JEUNE und

GANDO Noten geliefert, die freilich keinen Anspruch auf Originalität

machen konnten (s. Kap. XII). Die Genannten bekämpften sich gegenseitig;

Gando warf Fournier vor, er habe Breitkopfs Noten kopiert; Fournier

behauptete, Gando hätte überhaupt keinen Stempel schneiden können, also

auch keine Noten.

[Sidenote: Duvergers und Derrieys Systeme.]

Der Wunsch, den Übelstand der Breitkopfschen Noten: dass die

Linienstücke an jeder Note hängen, also trotz des vorzüglichsten Gusses

die Sichtbarkeit der Zusammenfügungen kaum zu vermeiden ist, musste zu

Versuchen führen, Linien und Noten unabhängig von einander herzustellen.

Doppelter Druck, der der Linien für sich und der der Noten für sich,

ist jetzt noch, war aber namentlich mit den damaligen Druckapparaten

ein schwieriges Unternehmen und der Satz der Noten allein ohne System

auch ein sehr beschwerlicher. EUGEN DUVERGER suchte diese Übelstände zu

überwinden. Mussten die Noten auch bei seiner Methode für sich gesetzt

werden, so war der Satz doch durch ganz zarte Andeutungen der Linien

erleichtert, welche an die Type angegossen waren und als Richtschnur bei

dem Setzen dienten. Über den Notensatz wurde eine Gipsmater geformt und

in diese das Liniensystem mittels einer Maschine durch kleine Rollmesser

hineingeschnitten. Da die Systemlinien kräftiger waren als die an den

Typen befindlichen schwachen Linienandeutungen, so wurden letztere durch

erstere vollständig gedeckt. Um die Zahl der notwendigen 417 Stempel in

der Praxis zu vermindern, wurden erst die komplizierteren geschnitten

und von diesen die Matern angefertigt, dann durch Wegschneiden einzelner

Teile die einfacheren Stempel gebildet. Aus diesem Verfahren erwuchs

jedoch der Nachteil, dass man sofort von den komplizierteren Stempeln so

viele Matern abschlagen musste, als man überhaupt für alle Zukunft haben

wollte. Die Schleifungen wurden durch schwache Kupferblättchen erzielt,

deren Anfang in den Typensatz eingelassen wurde, während der übrige Teil

sich nach Belieben biegen und abschneiden liess[86]. Duverger stellte

auch Karten her durch ein System kleiner Kupferlinien, welche in eine

Bleiplatte eingefügt wurden, ebenso wurde es mit den Schriften gehalten.

[86] E. DUVERGER, _Album typographique_. Paris 1840. Ein Prachtwerk,

welches Duverger anlässlich der Jubelfeier erscheinen liess.

DERRIEYS Notensatz bestand in einem System aus fünf ganzen

Messinglinien, an deren oberen und unteren Seiten die aus zwei

Teilen bestehenden Notenköpfe angesetzt wurden. Die Köpfe waren so

unterschnitten, dass der Anschluss an die Linie ein vollkommener war.

So sinnreich auch sowohl seine als Duvergers Methode waren, so springt

es doch dem Fachmann leicht in die Augen, dass für die Praxis mancher

Mangel mit beiden, mit der Derrieyschen noch der besondere Übelstand

der Verwendung von Messinglinien zusammen mit Noten von Schriftzeug,

verbunden war.

[Sidenote: Pyrostereotypie.]

Die Anwendung der PYROSTEREOTYPIE (Planotypie, vgl. Kap. IX) wurde in

Frankreich von WALS eingeführt und von CARBONNIER verbessert; zuerst war

sie 1840 in Irland benutzt worden.

[Sidenote: Ornamente und Einfassungen.]

[Sidenote: Charles Derriey * 17. Aug. 1808, [+] 11. Febr. 1877.]

Was die Erzeugnisse der Schriftgiesserei für dekorative Zwecke

anbelangt, hat Frankreich einen bis jetzt nicht übertroffenen Meister

in dem erwähnten CHARLES DERRIEY aufzuweisen. Sein Schicksal entschied

sich nicht schnell. In einem Alter von 18 Jahren verliess er die Offizin

Gauthier in Besançon, wo er sich etwas mit allem, was zur graphischen

Kunst gehört, beschäftigt hatte. Er trat nun in das Haus Didot ein, wo

er nacheinander als Setzer, Drucker, Stereotypeur, Schriftgiesser und

Zeichner arbeitete und schliesslich in seinem 27. Jahre die Gravierkunst

lernte. Da er mit angeborenem Kunstsinn und ernster Willenskraft viele

praktische Kenntnisse verband, trug er kein Bedenken, sich selbständig

zu machen. Wollte man ihm von Stufe zu Stufe in seinem Schaffen folgen,

so müsste man sein berühmtes Probebuch[87], einen Folianten von gegen

200 grösstenteils in Farben und Gold ausgeführten Seiten, Blatt für

Blatt beschreiben. Vignetten, verzierte Schriften, Züge, Eckstücke,

Linien, Einfassungen u. dgl. finden sich darin in grosser Vollkommenheit

und reicher Abwechselung. Seine Phantasie-Einfassungen übertreffen durch

Neuheit, Eleganz, Genialität, Akkuratesse der Arbeit und ihre endlosen

Kombinationen alles Dagewesene. Derriey mutet der Schriftgiesserei und

der Typographie nicht wenig zu, kennt jedoch genau die Grenze, bis wohin

er sie führen darf. Er zeichnete und schnitt nicht allein, sondern

setzte und kombinierte in der geschicktesten Weise. Jedes Stück steht

an seinem rechten Platz; Licht und Schatten versteht er meisterhaft in

effektvollster Weise wechseln zu lassen.

[87] J. C. DERRIEY, _Spécimen Album_. Fol. Paris 1862.

Auch als Mechaniker hatte Derriey grosse Bedeutung. Seine Giess-

und Linieninstrumente sind Erfindungen von hohem Werte. Ein kleines

Wunderwerk bleibt namentlich seine Numeriermaschine für Banknoten.

Derrieys Erzeugnisse fanden nicht weniger Anerkennung im Auslande

als in seinem Vaterlande. Leider muss hinzugefügt werden, dass er

durch galvanische Nachbildungen in arger Weise um die Vorteile seines

geistigen Eigentums gebracht wurde. Seine Giesserei mit allem Zubehör

ging nach seinem Tode auf A. TURLOT (Gebr. Virey) über.

In Derrieys Atelier arbeiteten auch zwei der berühmtesten Kunstsetzer

in Paris SIXTE ALBERT und L. MOULINET. Beide lieferten im Figuren-

und Porträtsatz mittels Linienstücke Unglaubliches; Albert eine viel

angestaunte Laokoon-Gruppe, Moulinet ([+] 1874) einen Béranger in ganzer

Figur und eine Amor und Psyche-Gruppe.

[Sidenote: Dechamps und Petibon.]

[Sidenote: Laurent & Deberny.]

[Sidenote: _Fonderie générale_ u. a.]

Von anderen Künstlern in der Richtung der ornamentierenden

Schriftgiesserei sind zu nennen DECHAMPS und der sehr fruchtbare

PETIBON, der die Kaleidoskop-Einfassungen einführte, die zwar sehr

hübsch waren, jedoch zumeist für den Buchdrucker ein totes Kapital

blieben, weil die Setzer das Material nicht zu behandeln verstanden.

LAURENT & DEBERNY lieferten schöne Züge, Initialen und Plakatschriften.

Ihre Polytypen beliefen sich auf mehr als 6000, mit denen sie alle

Länder der Romanischen Gruppe reich versorgten. Eine bedeutende Anstalt

entstand unter der Firma _Fonderie générale_ LABOULAYE & CO., später

RÉNÉ & CO., aus der Vereinigung der Firmen DIDOT, MOLÉ, CROSMER, EVÉRAT,

TARBÉ & CO., welche letztere sich durch ihre systematischen Hohlstege

und Stereotyp-Unterlagen bekannt gemacht haben. Auch LOMBARDOT,

BATENBERG & MAJEUR lieferten viele Einfassungen, sowie Phantasie- und

Titelschriften. RENAULT & ROBCIS zeichneten sich in der Spezialität der

Messinglinien, der Hohlstege und des Durchschusses aus. In neuester Zeit

machte sich HENRY J. TUCKER, Filiale der Londoner Giesserei Caslon,

sowohl durch die Leistungen des von ihm vertretenen Instituts, als durch

die vorzüglich geleitete Fachzeitschrift _Typologie Tucker_ einen Namen.

[Sidenote: Metallverbesserung.]

Um das Jahr 1840 führte COLSON eine Zeugmischung von Eisen und

Schriftmetall ein, welche die Haltbarkeit des gewöhnlichen Zeuges

verdreifachte. Die Versuche PETYTS, Typen aus Kupferstangen durch

Pressung in eine Stahlmater zu erzielen, erreichten ebensowenig

ein praktisches Resultat, wie CARDONS Erfindung, ein kupfernes

Buchstabenbild auf einen Typenstiel von Schriftmetall anzubringen. Die

Herstellung der Typen aus Glas blieb ebenfalls ohne wirkliche Erfolge.

[Sidenote: Die Stereotypie.]

Verdankte man auch die erste praktische Methode der Schriftstereotypie

und der Anfertigung von Clichés England, so hatten die Franzosen sich

doch schon lange mit der STEREOTYPIE beschäftigt[88] und durch ihre

späteren Verfahren das Stanhopesche überflügelt; ja es scheint fast,

als wären sie auf dem Wege, selbst die Verwendung der Jacobischen

Galvanoplastik für die Typographie durch die Celluloïd-Clichés zu

verdrängen.

[88] A. G. CAMUS, _Mémoire sur l'hist. etc. du polytypage et de la

stéréotypie_. Paris 1802. -- DE PORVY, _Précis sur la

stéréotypie_. Paris 1822. -- H. MEYER, Handbuch der Stereotypie.

Braunschweig 1838.

[Sidenote: Gabr. Valleyre.]

Bereits vor Beginn des XVIII. Jahrhunderts lieferte ein Pariser

Gelehrter und Buchdrucker GABR. VALLEYRE einen Kalender in

Messingplatten, die in Matern aus Thon oder diesem ähnlicher Masse

gegossen waren. Da aber diese Matrizen nicht vollständig gleichmässig

vertieft und die Platten ausserdem auf der Rückseite nicht ganz glatt

waren, so fiel der Druck nicht gleichmässig aus.

[Sidenote: Ign. Hoffmann.]

Der Akademiker Darcet hatte 1773 seine Erfahrungen über das Legieren

leicht schmelzbarer Metalle veröffentlicht. Ein Elsässer FRANZ IGNAZ

JOSEPH HOFFMANN wurde wahrscheinlich hierdurch veranlasst, Matern aus

fetter, mit Gips vermischter Erde, welcher Syrup und Kleister zugesetzt

wurden, zu bilden und diese in erhitztem Zustande in eine Legierung von

Wismuth, Blei und Zinn in dem Augenblick der Erstarrung der Metalle

einzudrücken. Die so erhaltene Platte wurde auf Nussbaumholz mit feinen

Nägeln festgemacht.

Mit solchen Platten druckte Hoffmann 1787 ein dreibändiges Werk

_Recherches historiques sur les Maures par de Chemin père_. Hoffmann

musste seine Druckerei in andere Hände geben und ersann nun ein

anderes Verfahren. Er liess 360 Stempel, teils einzelne Buchstaben,

teils Logotypen, anfertigen. Durch mechanische Vorrichtungen wurden

diese Stempel senkrecht in die oben beschriebene Metallmasse gesenkt.

Die gewonnene Matrize ward in einer Presse, wie ein Petschaft in der

Stempelpresse, angebracht und durch einen Balancier in die dem Erstarren

nahe Schriftmasse mit einem kräftigen Schlage eingetrieben. Von einer

praktischen Verwendung dieses aus vielen Gründen unzweckmässigen

Verfahrens verlautet nichts. Ebensowenig wie von Hoffmanns Logotypen,

für welche er 1792 ein Patent für 15 Jahre erhielt.

[Sidenote: J. Carez.]

Hoffmanns erste Proben hatten viele Nachahmungen hervorgerufen, unter

denen die von JOSEPH CAREZ, Buchdrucker in Toul, besondere Beachtung

verdienen. Seine Matrizen litten aber sehr durch die Hitze und das

Zusammenbacken mit der Schrift. Bei einem befreundeten Münzsammler

hatte er jedoch gesehen, wie dieser durch einen kurzen trockenen Schlag

Abdrücke in Zinn von seinen Münzen nahm. Carez bediente sich nunmehr

eines Fallklotzes, um eine Schriftseite in die halbflüssige Masse

einzuprägen und so eine brauchbare Mater zu erhalten. 1786 lieferte er

ein Kirchengesangbuch in zwei Grossoktav-Bänden, jeder von 1000 Seiten,

in dieser Weise hergestellt und später viele Werke, darunter eine

Nonpareille-Bibel.

[Sidenote: Gengembre und Heran.]

Als der Assignatendruck eine rasche Vervielfältigung der kleinen

Platten notwendig machte, um viele solche auf einmal drucken zu können,

verbesserten GENGEMBRE und HERAN das Verfahren mit dem Fallklotz,

welcher in Fugen vertikal und parallel stehender Säulen, wie in einem

Rammbocke, eingelassen wurde. Die Tischplatte, auf welcher der Behälter

mit der Schriftmasse stand, übte durch starke Federn einen elastischen

Gegendruck aus und man erhielt in dieser Weise Platten in scharfer

Prägung, deren Rückseiten durch Hobeln egalisiert wurden.

[Sidenote: Peter Didot und Heran.]

Die von Didot 1795 herausgegebenen Logarithmen werden gewöhnlich als

Stereotypen bezeichnet, sie sind jedoch nur von zusammengeschmolzenen

Schriftkolumnen gedruckt. 1798 vereinigte sich jedoch PETER FIRMIN

DIDOT, der auch ein Patent besass, mit HERAN[89] zu dem Zweck,

Stereotyp-Ausgaben zu veranstalten, um nicht nur die gedruckten

Exemplare, sondern auch die Platten zu verkaufen. Das erste nach ihrem

Verfahren hergestellte Buch war ein Virgil in 18^{mo} von etwa 400

Seiten. Ein Exemplar kostete nur 15 Sous, eine Platte drei Franken.

[89] So schreibt ihn Didot, nicht, wie üblich, Heran.

Heran wollte noch reformieren und liess von Stahlstempeln Matrizen

in typenförmige Kupferstückchen treiben, die in einem Winkelhaken

aufgesetzt wurden. Jedoch musste der Setzer mit dem letzten Worte einer

Zeile und dem letzten Buchstaben eines Wortes anfangen oder, was etwas

leichter war, wie gewöhnlich von links nach rechts setzen und dann den

Satz der Zeile Buchstabe für Buchstabe umstellen. Spatien und Quadraten

mussten höher sein als die Typen, nicht wie sonst niedriger, weil die

Zwischenräume in der Platte tiefer liegen mussten. Schön in der Theorie

aussehend, war das Verfahren in der Praxis unzweckmässig und teuer,

Korrektur-Abzüge konnten vor dem Guss nicht gemacht werden, so dass alle

Änderungen erst in den Platten vorgenommen werden mussten.

[Sidenote: Daulé.]

Das bis dahin einzig praktische Stereotyp-Verfahren, das Stanhopesche,

fand natürlich auch in Frankreich Eingang. Eine namentlich für das

Giessen von Clichés weit bequemere Methode erfand der Franzose DAULÉ,

der nicht die Matrize in die flüssige Schriftmasse versenkte, sondern

sie zwischen zwei eiserne Platten mit erhöhten Rändern einlegte, die

einen flachen Giesskasten bildeten, in welchen der Zeug mittels des

Giesslöffels eingegossen wurde.

[Sidenote: Genous Papierstereotypie.]

Eine sehr grosse Bedeutung gewann die PAPIERSTEREOTYPIE des Setzers

GENOU. Anfänglich mit Misstrauen empfangen, hat sie sich später

besonders für Schriftstereotypie vortrefflich bewährt und ist für die

Einführung der Rotationsmaschinen ein unbedingtes Erfordernis geworden.

Die Mater wird aus einer Anzahl von Blättern, teils Seiden-, teils

stärkeren Papiers, gebildet, die einzeln, mit einer breiartigen

Klebemasse angestrichen, aufeinandergelegt werden, bis sie die

Stärke eines festen Kartons erreicht haben. Durch Klopfen mit einer

langstieligen Bürste wird die Schriftkolumne in die weiche Papiermasse

eingeprägt und die Mater dann unter mässigem Druck und bei gelinder

Wärme in der Trockenpresse getrocknet. Der Guss geschieht in einem

Apparat wie der Daulésche.

Der Vorteil bei diesem Verfahren liegt nicht allein in der Billigkeit

und der Leichtigkeit der Herstellung, sondern gründet sich auch darauf,

dass eine und dieselbe Mater für den Guss mehrerer Platten benutzt

werden kann und dass man die Matern nach dem Guss, oder ohne überhaupt

einen solchen vorzunehmen, für den späteren Gebrauch mit Leichtigkeit

aufheben kann. Auch ist ein hoher Ausschluss nicht notwendig. Der

ganze Apparat ist ein so einfacher, dass selbst eine kleine Druckerei

mit Vorteil einen solchen anschaffen kann. In neuester Zeit ist noch

ein Verfahren eingeführt, um die Matern rasch und ohne Ofenwärme zu

trocknen, was für die Schonung der Schrift, mehr noch für die der

Holzschnitte, von Bedeutung ist.

[Sidenote: Jannins Celluloïd-Cliché.]

Von einschneidender Wichtigkeit scheint die Erfindung der

CELLULOÏD-CLICHÉS zu werden; doch ist die Methode noch zu neu, um ein

bestimmtes Urteil, namentlich über die Tragweite des Nachteils der

leichten Entzündbarkeit, dieser Clichés zu fällen.

Der Bildhauer JANNIN in Paris war auf den Gedanken gekommen, das

Celluloïd, eine durch chemische Behandlung von Faserstoff hergestellte

Masse von ausserordentlicher Härte, ausserdem, nach erfolgter Erwärmung,

von grosser Biegsamkeit, ausser zu verschiedenen plastischen Arbeiten zu

Clichés für typographische Zwecke zu benutzen.

Um dieses zu können, war es jedoch notwendig, eine entsprechende

Masse für die Mater zu schaffen, die den bei der Herstellung des

Celluloïd-Clichés notwendigen Druck unter Erhitzung vertragen konnte.

Eine solche Masse wurde in einem aus Bleiglätte und Glycerin bestehenden

Knetstoff gefunden. Derselbe wird in halbflüssigem Zustande über den zu

clichierenden Gegenstand sorgsam gestrichen, in derselben Weise, wie

der Gips bei der gewöhnlichen Stereotypie, und die Lage bis zu einer

Dicke von 3-5 mm verstärkt. Ist die Mater unter einem mässigen Druck

erhärtet, was bei Holzschnitten in 15-20 Minuten, bei Metall-Originalen,

wo Erwärmung anwendbar ist, in drei bis vier Minuten der Fall ist,

kann sie sofort zur Herstellung eines Clichés verwendet werden, zu

welchem Behuf sie in eine hydraulische Presse gelegt und mit einer durch

Erwärmung schmiegsam gemachten Celluloïd-Platte bedeckt wird. Unter

Erhitzung der Presse, der Mater und der Platte bis auf 120°C. wird ein

Druck von 120-130 Atmosphären ausgeübt, darauf das ganze durch einen

Strom von kaltem Wasser abgekühlt. Nach vollständiger Erkaltung der

Platte löst sich selbe, ohne vorhergegangene Einreibung des Originals

mit Graphit oder Öl, mit Leichtigkeit ab und kann sofort zum Druck

aufgenagelt werden. Fehler können, wie bei Stereotyp-Platten, durch

Einsetzung eines Pflocks von Celluloïd und Nacharbeiten desselben mit

dem Stichel ausgebessert werden. Da die Platte durch keine Säuren oder

Farbenzusammensetzungen angegriffen wird, so ist sie ganz besonders zum

Druck von bunten Farben geeignet.

[Sidenote: V. Haye und der Blindendruck.]

Um den DRUCK FÜR BLINDE machte sich VALENTIN HAYE zuerst verdient. Zu

seinen Versuchen wurde er durch den Verkehr mit einer blinden deutschen

Dame, Fräulein von Paradies, veranlasst. Er liess hoch geschnittene

scharfe Typen anfertigen, die in die Rückseite eines starken Papiers

eingeprägt wurden, so dass für die Finger bemerkbare Erhabenheiten auf

der Vorderseite entstanden. Mit verschiedenen Modifikationen fand das

Verfahren fast in allen anderen Ländern Eingang[90].

[90] Vergl. Kap. I und XV.

Den Versuchen, den Holzschnitt durch andere Illustrationsverfahren

zu verdrängen, wurde namentlich in Frankreich Vorschub geleistet. A.

DEMBOUR in Metz (1814) stellte durch Ätzung Platten in Kupfer für die

Buchdruckerpresse her. Die Zeichnung wurde mittels Pinsels oder Feder

auf Metall gemacht und die nicht bezeichneten Stellen weggeätzt. Dem

ähnlich ist die Acrographie.

[Sidenote: Zinkhochätzung.]

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst. 1751-1882. · 第 14 / 47 段