einem tüchtigen Freunde, der aber ebensowenig, wie er selbst, Vermögen
besass. Sie setzten jedoch ihr Vorhaben, eine Anstalt für Farbendruck zu
errichten, durch und debutierten mit einem Rosenbouquet in vier Farben,
das, obwohl keineswegs vollendet, doch sehr gefiel. Die Assoziation
löste sich 1860. Durch den Sezessionskrieg wurde Prang vielfach von
seinen Plänen abgelenkt, gewann aber durch Kartenarbeiten Mittel, um auf
jene zurückzukommen. Im Jahre 1865 erschienen die ersten Nachbildungen
von Gemälden, zwei amerikanische Landschaften nach Beiker. Der Erfolg
war jedoch kein ermutigender und Prangs Freunde rieten ihm, sein
Vorhaben aufzugeben. Jedoch ein kleines Bild -- eben aus den Eiern
ausgekrochene Küchlein -- von Tait gab den Ausschlag. Es wurde nicht
nur in enormen Massen verkauft, sondern riss auch die liegengebliebenen
Landschaften mit fort, und öffnete die Wege für die Millionen von
Chromos -- diese Bezeichnung führte Prang ein --, welche in Amerika
gedruckt oder von Europa importiert wurden. Prangs Erzeugnisse machten
dagegen die Rundreise in Europa und fanden allgemeine Anerkennung.
In Verbindung mit John S. Clark, von der Firma Osgood & Co., führte
Prang eine Reihe von Unternehmungen, zu Unterrichts- und künstlerischen
Ausbildungszwecken bestimmt, durch und leistete hierin vorzügliches.
* * * * *
[Sidenote: Das deutsche Element.]
Den EINFLUSS DES DEUTSCHEN ELEMENTS AUF DAS BUCHGEWERBE in Nordamerika
zu verfolgen ist von ganz besonderem Interesse[80]. In dem Aufschwung
desselben, welcher sich in der vorigen Periode (I, S. 273) kundgab,
sollte bald ein Rückschlag eintreten. Zur Zeit der Befreiungskämpfe
Amerikas, sowie später der französischen Revolutionskriege und
der Gewaltherrschaft Napoleons, 1775 bis 1815, hatte die deutsche
Einwanderung fast aufgehört, und als sie wieder anfing, bestand der
Zufluss fast nur aus Leuten, die des fehlenden täglichen Brotes wegen
die Heimat verlassen und keiner geistigen Nahrung bedurften, viel
weniger selbstthätig das geistige Element kräftigen konnten. Die wenigen
begabten Männer unter ihnen schlossen sich mehr dem englischen Element
an.
[80] FR. KAPP, Der deutsch-amerikanische Buchhandel. Deutsche Rundschau
1878, 4. Heft. -- FR. KAPP, Der deutsch-amerikanische Buchdruck
und Buchhandel im vorigen Jahrhundert. Archiv d. B.-V, I. Leipzig
1878. -- E. STEIGER, Der Nachdruck in Nordamerika. New-York 1866.
-- Die deutsch-amerikanische Presse. Ausland 1863, Nr. 6.
[Sidenote: Erste Druckthätigkeit der Deutschen.]
Unter solchen Verhältnissen beschränkte sich die deutsche
Druckthätigkeit auf die Herstellung einiger deutscher Schul- und
Gebetbücher, sowie Kalender, welche man immer noch hauptsächlich den
wenigen deutschen Pressen Philadelphias verdankte. Dies änderte sich
erst mit dem politischen Aufschwung in Deutschland in den dreissiger
Jahren und mit der darauf folgenden Sturm- und Drangperiode von 1848
nebst der Zeit der Nachwehen der Reaktion. Unter den von 1830-1870
aus Deutschland eingewanderten zwei und eine halbe Millionen befand
sich eine nicht geringe Zahl von Männern, die den gebildeten Ständen
angehörten, welche geistige Bedürfnisse hatten, zumteil in der Lage
waren, diejenigen anderer zu befriedigen. Hiermit begann die eigentliche
Entwickelung des deutschen Buchhandels und Druckgewerbes in dem Emporium
New-York.
Der erste, der dort geschäftlich kräftig eingriff, war der
Deutsch-Amerikaner HEINRICH LUDWIG (geb. 1804). Er etablierte sich 1832,
importierte anfänglich hauptsächlich Schul- und Erbauungsbücher und fing
1834 selbst zu drucken an. Er lebte bis 1877, hochgeachtet wennauch
geschäftlich längst durch neuere Etablissements überflügelt.
[Sidenote: New-Yorker Staatszeitung.]
Bereits 1835 wurde die deutsche NEW-YORKER STAATSZEITUNG unter sehr
bescheidenen Verhältnissen ins Leben gerufen, sie sollte sich aber
bald zu einer der bedeutendsten Zeitungen Amerikas hinaufarbeiten.
Keine Zeitung Deutschlands und kaum eine Nordamerikas dürfte
fürstlicher untergebracht sein, als die Staatszeitung in ihrem 1873
im _Printinghouse-Square_ in New-York bezogenen Palast. Derselbe ist
mit einem Kostenaufwand von zwei Millionen Mark, nicht gerechnet eine
Million für Grund und Boden, in Renaissancestil aufgeführt. Der Unterbau
und der erste Stock sind aus schwarzem Granit, die übrigen Stockwerke
aus hellem Granit. Ein Mansardendach von entsprechender Höhe krönt das
ganze. Die eisernen Dachbalken sind mit eisernen Platten bedeckt; die
Scheidewände sind ebenfalls aus Eisenplatten. Die Comptoirlokalitäten in
Renaissancestil sind reich mit Schnitzwerk geschmückt und die Eleganz
der Beleuchtungsapparate, der Marmortische und der Mosaikfussböden
entspricht dem übrigen. Allerdings Äusserlichkeiten, aber welche Macht
hat eine solche Zeitung erlangt, um sich derartige Äusserlichkeiten
schaffen zu können.
Nach und nach entstanden viele deutsche Blätter, welche, obwohl
anfänglich schwach, an Mängeln aller Art leidend und sich christlich
von Raub nährend, doch den Boden für die weitere Pflege der deutschen
Litteratur bearbeiteten. Im Verlauf der letzten 30 Jahre hat jedoch die
deutsche Zeitungspresse, die über 500 Organe zählt, sehr an Bedeutung
zugenommen und nicht wenige der Blätter können sich mit den besten
deutschen Zeitungen messen.
[Sidenote: Verschiedene deutsche Buchhändler.]
Einen wesentlichen Einfluss auf die Verbreitung der deutschen
Litteratur übte der Berliner WILHELM RADDE (geb. 1800), der 1834
eine deutsche Buchhandlung in New-York gründete, viele Werke für die
Bedürfnisse der Gelehrten einführte und sich daneben auch in billigen
Nachdrucks-Ausgaben der Klassiker versuchte. Jedoch waren diese noch
verfrüht und wollten damals noch nicht »ziehen«. Ein Buchhändler schrieb
an Radde: »Ich gebrauche umgehend folgende »echte« Klassiker gegen
bar: 100 Schinderhannes, 100 heilige Genoveva, 100 bayrische Hiesel,
100 Eulenspiegel. Grössere Bestellungen werden nachfolgen«. Radde
liess sich dies nicht zweimal sagen, er veranlasste jedoch 1853 die
Cottasche Buchhandlung, namentlich um den Nachdrucken des W. Thomas
entgegenzutreten, von ihren »unechten« Klassikern sehr gute und billige
Konkurrenz-Ausgaben zu veranstalten; selbst Werke wie Humboldts »Kosmos«
und dessen »Ansichten der Natur« erschienen in solchen. Andere Verleger
wollten von dieser Konkurrenz gegen sich selbst nichts wissen und
Campe in Hamburg sah z. B. ruhig zu, wie eine Ausgabe von Heine nach
der andern dort gedruckt wurde. In dieser Weise drangen viele tausend
Bände der besten Werke selbst in die unter bescheidenen Verhältnissen
lebenden deutschen Familien und stärkten die geistige Verbindung mit dem
Mutterlande.
Im Jahre 1845 hatten deutsche Verleger sich mit dem Plane beschäftigt,
auf Aktien eine bedeutende deutsche Buchhandlung in Amerika zu
errichten. RUDOLPH GARRIGUES, ein junger gebildeter Buchhändler aus
Kopenhagen, wurde nach Amerika entsendet, um das Terrain zu sondieren.
Garrigues' klarer Bericht fand allgemeinen Beifall, als es indes zum
Zeichnen der Aktien kam, schreckte der deutsche Buchhandel vor einem
mässigen Kapital von 30000 Thalern zurück. Sonderinteressen machten
sich, wie gewöhnlich, geltend, und die Sache verlief im Sande. Garrigues
etablierte sich nun selbst mit einem tüchtigen deutschen Buchhändler,
F. W. CHRISTERN. Später folgten JUL. HELMICH, L. W. SCHMIDT, G. & B.
(jetzt W. & C.) WESTERMANN _Brothers_; das BIBLIOGRAPHISCHE INSTITUT in
Hildburghausen legte eine Filiale in New-York an; FR. GERHARD druckte
ein sehr gutes deutsch-amerikanisches Konversations-Lexikon; SCHÄFER
& KORADI in Philadelphia wurden bedeutend als Sortimenter wie als
Verleger. Leupoldts Verdienste sind schon erwähnt.
[Sidenote: E. Steiger.]
Gross ist die Wirksamkeit ERNST STEIGERS in New-York, als Sortimenter
sowohl, wie als Verleger und Drucker, gewesen. Steiger, aus Oschatz
in Sachsen gebürtig, bildete sich als Buchhändler in Leipzig aus und
arbeitete elf Jahre bei Westermann in New-York. Er erwarb eine kleine
deutsche Buchhandlung mit Zeitungsgeschäft und fing dann Buchdruckerei
und Verlag von Schulbüchern an, allerdings zuerst in Nachdrucken.
Durch ungemeines Verbreiten seiner zumteil sehr umfangreichen Kataloge
wirkte er sowohl im eigenen Interesse, wie in dem der deutschen
Verleger. Eine verdienstliche bibliographische Leistung ist Steigers
_The Periodical Literature of the United States of America with Index
and Appendices._ 1873. Auch erwarb sich Steiger das Verdienst, für die
Wiener Weltausstellung 1873 eine Probe-Kollektion von je einer Nummer
von 6209 amerikanischen Zeitungen in 119 Foliobänden fertiggestellt zu
haben, die er nachher der Wiener Hof- und Staatsbibliothek zum Geschenk
machte. Von der Bedeutung, welche der Absatz in Amerika für das deutsche
Druckgewerbe hat, kann als Beispiel dienen, dass allein Steiger von der
»Gartenlaube« 12000, von der »Illustrirten Zeitung« 3800, von »Über Land
und Meer« 4000, von der »Romanzeitung« 3500, von »Daheim« 3000 und vom
»Bazar« 2500 Exemplare im Jahre 1871 verbreitete. Auch im Westen und
Süden der Vereinigten Staaten entstanden deutsche Buchhandlungen, so
THEOBALD & THEUERKAUF in Cincinnati, L. C. WITTER in St. Louis.
[Sidenote: Der Nachdruck.]
Jetzt, wo die deutschen Klassiker zu fabelhaft billigen Preisen aus
Deutschland eingeführt werden können, lohnt der Nachdruck derselben
nicht mehr und dieser beschränkt sich fast nur auf Benutzung der
Erzeugnisse neuerer Belletristen für die Feuilletons. Konkurrenz und
Sitte haben jedoch zur Folge gehabt, dass jetzt hierfür öfters Honorare
gezahlt werden. Es ist vieles über den Nachteil und das Unmoralische
des amerikanischen Nachdrucks geschrieben worden, jedoch alle mit
den dortigen Verhältnissen näher bekannten Sachverständigen sind
der Ansicht, dass »seinerzeit« der Nachdruck eine nötige Stütze des
deutschen Elements und ein Mittel für die jetzige Verbreitung deutscher
Originaldrucke war. »Es ist«, so sagt z. B. Friedrich Kapp, »eine
mehr als naive Erwartung, dass eine Bevölkerung, die von der Heimat
geschieden ist, noch jenseit des Ozeans Gesetze beobachten soll, welche
den Bildungsinteressen der Ausgewanderten hemmend in den Weg treten.
Sich hier dem Monopole deutscher Buchhändler unterwerfen, hiesse,
die Mittel der geistigen Fortbildung und Entwickelung mutwillig von
sich schleudern.« Als der deutsche Buchhandel in Amerika infolge der
Bildungslust festen Fuss gewann und die Bücher gleich zu haben waren,
kaufte man lieber die schöneren und korrekteren Originalausgaben als die
Nachdrucke, die vor allem der Ungeneigtheit deutscher Verleger, billige
Ausgaben für den amerikanischen Markt zu drucken und der Unmöglichkeit,
die Originale schnell zu erhalten, ihr Dasein verdankten.
* * * * *
[Sidenote: Die Papierfabrikation.]
Dass unter den geschilderten Druckverhältnissen der Papierverbrauch ein
kolossaler sein muss, leuchtet ein. Die Fabrikation[81] reicht bis auf
das Jahr 1680 hinauf. Die eigentlichen Fortschritte datieren jedoch
erst aus diesem Jahrhundert. Zur Verwendung kommt fast nur Baumwolle.
1860 hatte Amerika etwa 700 Fabriken, welche gegen 300 Millionen Pfund
zu einem Werte von etwa 200 Millionen Mark produzierten. Die Zahl der
Fabriken beträgt jetzt über 1000. Während im Jahre 1869 der Wert der
Einfuhr 527465 Dollars, der der Ausfuhr nur 3777 Dollars betrug, hat
sich das Blatt in zehn Jahren vollständig gewendet und Amerika führte
1880 für 1018318 Dollars aus und nur für 135487 Dollars ein.
Die Einfuhr aller zum Pressgewerbe gehörenden Materialien und Maschinen
ist überhaupt eine durch die Zölle so schwer belastete, dass sie nicht
von Belang sein kann, während sich die Ausfuhr nach Europa sowohl als
auch nach Asien und Australien in einer Weise vermehrt, welche der
englischen Konkurrenz Bedenken einflösst. Der Wert der nach Amerika
eingeführten deutschen Bücher und Kunstsachen beträgt etwa vier
Millionen Mark jährlich.
[81] _Directory of the paper manufactures in the United States and
Canada._ 6. Aufl. New-York 1880.
[Illustration]
ZWEITES BUCH
DIE ROMANISCHE GRUPPE.
[Illustration]
EINFÜHRUNG IN DAS ZWEITE BUCH.
DIE ROMANISCHE GRUPPE, an deren Spitze FRANKREICH, hat, wie die
Anglo-Amerikanische, vor der Germanischen den grossen Vorsprung der
einheitlichen Druckschrift voraus. Hat dieser Umstand auch mitunter eine
gewisse Monotonie in seinem Gefolge, so wirkt die Einfachheit und die
Ruhe, die über die Druckwerke verbreitet ist, doch ungemein wohlthuend
und gewährt in dem praktischen Geschäftsbetrieb und in der Ausbildung
eines festen Geschmackes grosse Vorteile.
Trotz aller Beweglichkeit des französischen Charakters und dem ewigen
Wechsel der in Frankreich geschaffenen Moden hat seine Typographie
einen weit konservativeren Charakter als die deutsche. Der durch die
Nationaldruckerei und die Didots hervorgerufene Typenduktus ist noch
immer und mit Recht der herrschende geblieben. Namentlich haben die
Didotschen Schriften von ihrem ersten Auftreten ab durch die strenge,
jedoch anmutige Zeichnung, den regelmässigen und scharfen Schnitt, die
bewundernswürdig berechnete Zurichtung in der Weite ihr Übergewicht
behauptet.
Zwar hat das Streben nach vorwärts und der berechtigte Wunsch eines
jeden befähigten Schriftschneiders und Schriftgiessers, den Reichtum
zu vermehren, eine Anzahl von Varianten zur Folge gehabt; von allen
diesen, bald mehr, bald weniger glücklichen Neuerungen kann jedoch
keine ihren Ursprung verleugnen und der ältere Duktus ist geblieben.
Die erwähnten zwei Druckereien, des Staates und der Didots, sind
in der That für das Druckgewerbe dermassen bestimmend gewesen, wie
ähnliches in keinem anderen Lande in der neueren Periode der Druckkunst
vorkommt, ausgenommen allenfalls in Österreich, wo die Herrschaft der
Staatsdruckerei zwar eine mächtige, jedoch nicht langdauernde war.
Neben der Einheitlichkeit der Schrift war für die französische
Typographie auch die Einheitlichkeit des Schriftsystems ein förderndes
Moment, deren Wichtigkeit kein Fachmann, der unter der Systemlosigkeit
in Deutschland gelitten hat, unterschätzen wird.
Schliesslich ist die Betreibung von Spezialitäten sowohl in der
Schriftgiesserei wie in der Typographie ein gewaltiger geschäftlicher
Vorsprung der Franzosen. Diese Teilung der Arbeit geht in der
Schriftgiesserei so weit, dass es Geschäfte in Paris giebt, die sich nur
mit Giessen von Ausschluss und Durchschuss abgeben. Auch verlangt man
dort nicht, wie in Deutschland, dass jeder Buchdrucker Virtuos in allen
Branchen sein solle, auch nicht, dass jede Druckerei auf alle Arbeiten
gleichmässig eingerichtet sei, auch ist keine Rede von dem Erschwernis
einer deutschen Buchdruckerei, dass sie in zweierlei Schriftarten
gleichmässig gut assortiert sein müsse.
Das gesagte gilt ebenso für die Buchbinderei. Nicht nur, dass die
verschiedenen Arten des Einbandes selten in einer und derselben Offizin
geübt werden; es ist nicht einmal üblich, alle zu einer Art von Einband
gehörenden Arbeiten in einer Werkstätte zu vollbringen, sondern es giebt
besondere Schnittvergolder, Handvergolder, Marmorierer etc., denen man
die Einzelarbeiten zuweist.
Unter solchen Arbeitsverhältnissen ist es selbstverständlich viel
leichter, in Frankreich in einem einzelnen Zweig Virtuos zu werden und
praktische Erfolge zu erzielen. Dieses darf nicht übersehen werden, wenn
man das Mass der Tüchtigkeit und Intelligenz vergleichend beurteilen
will, welches in Frankreich und Deutschland in den graphischen Künsten
Verwendung findet.
Trotzdem kann Frankreich weder, was Werk- und Accidenzdruck, noch
weniger was Zeitungsdruck betrifft, im allgemeinen ein Übergewicht
über Deutschland eingeräumt werden. Es wird im Gegenteil vieles dort so
schlecht gedruckt, wie es in Deutschland nicht geschieht, man möchte
fast sagen, nicht mehr geschehen kann. Eine Überlegenheit zeigt die
französische Typographie erst dann, wenn es sich um die Verbindung von
Geschmack, Eleganz und Geschick zur Herstellung von etwas wirklich
Hervorragendem handelt. Da fehlt es eben an nichts, dann arbeiten sich
alle Beteiligten der verschiedenen graphischen Gewerbe einmütig in die
Hände, ohne Jalousie und ohne die Prätensionen des Virtuosentums, das
sich auf Kosten der Gesamtwirkung hervorzuthun strebt. »Alle Mitwirkende
fühlen sich dann als Glieder einer Kette, wie sie auch wirklich in
dem _Cercle de la Librairie_ zu einer solchen vereinigt sind. Gerade
in dieser Vereinigung »Aller«, durch welche sich »Jeder« als Teil des
Ganzen fühlt, aber auch »nur als Teil«, über dem das Ganze steht, liegt
sicherlich ein wesentlicher Grund zu den Erfolgen, welche der Buchhandel
und die Typographie Frankreichs erzielen, sobald sie geschlossen
auftreten[82].«
[82] Die obigen Worte sind der von dem Verfasser dieses Handbuches
als Mitglied der Internationalen Jury für die Gruppe XII der
Wiener Ausstellung, im Jahre 1873 und Berichterstatter derselben
abgefassten Motivierung des Antrages der Jury entnommen: dem
_Cercle de la Librairie_ die goldene Ehrenmedaille zu erteilen.
Überhaupt kommen in dem Versuch der Charakterisierung der
modernen Typographie in den verschiedenen Gruppen öfters
Anführungen vor aus der im Auftrag der Kaiserlich Deutschen
Ausstellungs-Kommission abgefassten Schrift: »Die graphischen
Künste auf der Weltausstellung zu Wien. Offizieller Bericht von
Carl B. Lorck. Braunschweig 1874«. Diese Entlehnung aus eigener
Arbeit wird wohl niemand als Plagiat betrachten.
Noch ein, und zwar ein sehr wesentlicher Faktor wirkt zugunsten der
französischen Buchdrucker und Buchhändler mit: »das Publikum«. Ob
die »Bildung« und »die Leselust« in Deutschland nicht grösser sind,
als in Frankreich, mag hier unerörtert bleiben, unzweifelhaft ist es
jedoch, dass die »Kauflust« und die »Kauffähigkeit« in dem letzteren
Lande überwiegen. Hierdurch wird die Herstellung der schönsten
Ausgaben zu verhältnismässig sehr billigen Preisen, welche sehr grosse
Auflagen voraussetzen, möglich. -- Schliesslich kommt auch die grosse
Konzentration der wissenschaftlichen und technischen Kapazitäten in
Paris dem dortigen und damit fast dem ganzen französischen Buchgewerbe
ausserordentlich zustatten.
Wie die französische Typographie mitten zwischen der englischen und der
deutschen steht und in ihren besten Erzeugnissen in gewisser Beziehung
die guten Eigenschaften beider vereinigt, so auch die Xylographie.
Der französische Holzschneider ist im allgemeinen weniger ängstlich
in der Wahrung der Eigentümlichkeiten des Zeichners als der deutsche,
andererseits nicht so ungebunden in der technischen Behandlung wie der
englische und zeigt fast immer Grazie und Anmut in der Behandlung. Er
ist bestimmter in der Umgrenzung als der englische, zarter in den Formen
als der deutsche. Aber oft geht doch dem französischen Holzschneider die
frappierende Wirkung über die innerliche Wahrheit und die ruhige Kraft.
Was den »Druck« der Illustrationswerke betrifft, so kann der deutsche
sich vollständig mit dem französischen messen, doch lässt es sich nicht
leugnen, dass die französischen Prachtwerke trotzdem in der Regel einen
vornehmeren und harmonischeren Gesamteindruck hervorbringen; die Ursache
liegt in dem schon oben Angedeuteten.
Im Accidenzfache haben die Franzosen seit ihrem weltberühmten
Derriey keine Fortschritte gemacht. Sie legen überhaupt nicht auf
die minutiöseste Ausführung der Accidenzen so viel Gewicht wie die
Deutschen, die eher geneigt sind, des Guten zu viel zu thun.
In der Erfindung von Druckmaschinen umwälzender Art haben die Franzosen
keine hervorragenden Verdienste. Dagegen verstanden sie es vortrefflich,
mit der ihnen angeborenen Findigkeit und unter Berücksichtigung ihrer
besonderen Bedürfnisse, das Dargebrachte in geschicktester Weise zu
verbessern, für den Betrieb nützlicher, für das Ansehen wohlgefälliger
und in der Anschaffung billiger herzustellen. Von ausländischen
Maschinen wurden nur wenige in Frankreich eingeführt und die Fabrikation
deckte nicht nur den heimischen Bedarf, sondern versorgte auch fast den
ganzen ausserdeutschen Kontinent, bis es Deutschland gelang, mit in die
Konkurrenz zu treten.
Der Vorwurf, der öfters den französischen Maschinenbauern gemacht
wird, dass sie die Eleganz auf Kosten der Solidität fördern, dürfte
in der Allgemeinheit nicht richtig sein. Man geht in Frankreich von
dem Grundsatz aus, dass die gewerblich-technischen Fortschritte
in zehn Jahren bereits so enorm sein werden, dass man klüger thut,
billige Maschinen zu bauen, um ohne zu grosse Kosten schneller neue
Anschaffungen machen zu können, als mit für die Ewigkeit gebauten
Maschinen festzusitzen. Die Billigkeit wird übrigens auch dadurch
gefördert, dass man fast ausschliesslich dem Prinzip der Tischfärbung
und der Eisenbahnbewegung statt der kostspieligen Cylinderfärbung und
Kreisbewegung huldigt[83].
[83] Nachdem dieser Abschnitt bereits gesetzt war, geht uns ein
Artikel des bekannten Fachjournals _L'Imprimerie_ zu, in welchem
einer der tüchtigsten Typographen Frankreichs, Motteroz, nicht
allein das obengesagte zugiebt, sondern noch viel weiter geht und
eine Überlegenheit Deutschlands nicht nur in der Typographie und
der Schriftgiesserei, sondern auch in der Xylographie und der
Papierfabrikation anerkennt und für die Franzosen nur den Vorzug
in der Maschinenfabrikation beansprucht. Im Gegensatz zu einer
öfters vorkommenden Überhebung seiner Landsleute scheint Motteroz
fast in eine Kleinmütigkeit zu verfallen, die doch wohl zu weit
geht, wenn er schliesst: »Noch wäre es vielleicht Zeit, sich
aufzuraffen, besitzen wir aber hierzu die nötige geistige Kraft?«
Bezeichnend ist in Frankreich der grosse Einfluss, welchen die Regierung
in doppelter Richtung, teils in fördernder, teils in hemmender Weise,
übte. Was sie mit der einen Hand gab, nahm sie mit der andern. Alle
Regierungen dort unterstützten die Fortschritte der »Typographie« in
ihrer Unmündigkeitsperiode, suchten jedoch die vormundschaftliche
Autorität über diese hinaus auszudehnen, und hemmten von Beginn ab die
ruhige und freie Entwicklung der »Presse«. Hierin bildete Frankreich
einen vollständigen Kontrast zu England, wo Typographie und Presse, sich
selbst überlassen, eine mächtige Entwicklung nahmen, und teilweise zu
Deutschland, wo man die fördernde Teilnahme von oben nie, um so öfter
jedoch die hemmende, kennen lernte.
Die Dependenzen der französischen Typographie stehen dieser nicht gleich.
BELGIEN liefert zwar manches gute, jedoch nicht viel hervorragendes. Es
giebt sich in seiner Typographie eine gewisse Schwerfälligkeit kund.
Die Schrift ist zwar französisch, aber die leichte Eleganz der besseren
französischen Presserzeugnisse wird selten erreicht. Das Material ist
das gleiche, aber die in der Ausführung damit hervorgebrachte Wirkung
eine andere.
In ITALIEN, SPANIEN und PORTUGAL stehen die Leistungen im ganzen
genommen auf einer und derselben Stufe, der des Mittelguten,
mitunter auch des Mittelmässigen. In Bezug auf die Erzeugnisse der
Schriftgiesserei und des Pressenbaues befinden sich die genannten Länder
fast vollständig im Abhängigkeitsverhältnis zu Frankreich. Erst in
neuester Zeit hat Deutschland hie und da mit zu konkurrieren begonnen.
Politische Verhältnisse, fortwährende Unruhen und Fremdherrschaft in
stetem Wechsel haben eine freie Entwicklung auf lange Zeit gehemmt. Es
werden aber jetzt ernste Anstrengungen gemacht, um lange Versäumtes
nachzuholen.
Der ORIENT steht zu Frankreich fast in demselben Verhältnis, wie
Ostasien zu England und wie die slawischen und Donauländer zu
Deutschland-Österreich. NORDAFRIKA unterliegt selbstverständlich ganz
Frankreichs Einfluss. Die TÜRKEI und ÄGYPTEN liefern einiges gute, doch
darf dies weniger als nationale Leistung betrachtet werden, denn die
Hersteller sind meistenteils Franzosen, die mit französischem Material
arbeiten.
[Illustration]
[Illustration]
V. KAPITEL.
DIE SCHRIFTGIESSEREI UND DIE MASCHINEN
IN FRANKREICH.