europäischer Weise gedruckt und entwickelt sich dort eine rege
Thätigkeit. Jedenfalls ist Japan, dieser ferne Kulturposten im Osten,
bestimmt, einen hervorragenden Platz in der Geschichte der Civilisation
einzunehmen. Das Tick-Tack der Typen und das Klappern der Pressen haben
jedenfalls dort grössere Eroberungen gemacht, als alle Flotten der
alten und der neuen Welt mit ihren Kanonen und Soldaten fertiggebracht
haben würden. Die japanische Druckindustrie ist in fortwährender
Steigerung begriffen und die Ausüber sind fast alle Eingeborene. Noch
vor 15 Jahren hatte Japan kein Journal in einheimischer Sprache,
jetzt zählen die Journale nach hunderten, unter welchen weder Mode-,
Witz- noch illustrierte und photographische Blätter fehlen. Das
verbreitetste Blatt ist _Yomiri Schimbun_ mit 20000 Exemplaren. Nach
einzelnen Zeitungsnummern gerechnet, erreichte die Produktion jährlich
33 Millionen, von welchen ungefähr der dritte Teil durch die Post
befördert wurde. Die Redaktion einer Zeitung ist keine ganz gefahrlose
Beschäftigung, denn ein der Regierung missliebiger Artikel hat Haft und
Geldstrafe zur Folge.
Die Produktion von Büchern ist eine ausserordentlich starke. Namentlich
werden englische, deutsche und italienische Wörterbücher, Grammatiken,
Parleure, Übersetzungen von astronomischen, nationalökonomischen und
namentlich auch medizinischen Werken gedruckt[72]. Der Buchhandel steht
unter der Aufsicht der Regierung, geniesst jedoch Abgabenfreiheit. Der
Verkauf der Verlagsartikel findet durch Versteigerungen dreimal im Jahre
statt, zu denen die Sortimentshändler oder vielmehr die Bücherverleiher
-- denn das Verleihen ist ein Hauptgeschäft -- zuströmen, um die Lücken
ihres Vorrates auszufüllen. Es giebt Leihbibliotheken mit 25000 und mehr
Bänden. Die Romane, die sehr gern gelesen werden, sind sehr bändereich.
Eine deutsche Buchhandlung besteht seit 1870 und viele deutsche
Unterrichtsschriften werden nach dort versandt.
[72] Der Buchhändler Herr W. v. Braumüller in Wien erhielt vom Kaiser
von Japan als Gegengeschenk für eine, der deutschen medizinischen
Schule in Tokio übersandte Sammlung der hervorragendsten Artikel
seines wissenschaftlichen Verlages eine Auswahl von 144 von den
besten und seltensten japanischen Werken in 1408 Bänden. Herr v.
Braumüller liess ein Verzeichnis davon als _Bibliotheca Japonica_
drucken. Die Titel sind mit deutscher Übersetzung versehen und
gewähren einen belehrenden Einblick in die Bücherproduktion
Japans.
Früher liess Japan sein Papiergeld bei Naumann und Dondorf in
Frankfurt a. M. drucken; jetzt besitzt es in Tokio eine Staats- und
Geldpapier-Fabrik. Die Gebäulichkeiten, von einem französischen
Architekten in Backsteinen aufgeführt, bestehen in einem grossen
Vordergebäude mit zwei Flügeln und in mehreren Hintergebäuden. Das
Institut ist mit dem vorzüglichsten Material und vortrefflichen
Maschinen, grösstenteils von König & Bauer, ausgerüstet und arbeitet mit
einem fast ausschliesslich einheimischen Personal, von Männern sowohl
als von Frauen.
Die erste mechanische Papierfabrik nach europäischer Art wurde 1875
in Tokio eingerichtet. Das Gebäude ist aus Ziegelsteinen aufgeführt,
misst 225 englische Fuss in der Länge, 106 Fuss in der Breite. Der
Maschinensaal ist 130 Fuss lang, 32 Fuss breit, die Maschine selbst
nach dem System Fourdrinier hat eine Länge von 76 Fuss. Durch zwei
Zentrifugalpumpen können pro Minute bis zu 1600 Gallonen Wasser auf
einen Turm von 26 Fuss Höhe, wo die Wasserreservoirs der Fabrik sich
befinden, hinaufgepumpt werden. Die Beleuchtung geschieht durch
selbstfabriziertes Gas. Es werden seitens der japanesischen Regierung
grosse Anstrengungen gemacht, um den Verkauf des Fabrikats am Londoner
Markt zu fördern, doch findet man es dort zu teuer.
[Sidenote: Australien.]
AUSTRALIEN hat den Engländern die Bekanntschaft mit der Kunst Gutenbergs
zu verdanken. In SIDNEY entstand 1802 die erste Presse, deren Begründer
ein Creole, GEORGE HOWE, war. Der Durst nach politischen Nachrichten
und öffentlichen Mitteilungen rief 1803 die erste Zeitung hervor,
der bald andere folgten. Die Zügellosigkeit der Presse veranlasste
ein sehr strenges Pressgesetz von 1827, das jedoch später aufgehoben
wurde. HOBARTTOWN auf VANDIEMENSLAND (Tasmanien) erhielt 1818 eine
Druckwerkstätte.
Seit der Zeit haben sich die Verhältnisse sehr günstig für die Kunst
in Australien gestaltet. In dem jungen aufblühenden Lande mit einer
energischen, vorwärtsstrebenden Bevölkerung eröffneten sich für die
Zeitungspresse die schönsten Aussichten. Sie ist denn auch in Australien
in einem gewaltigen Vorwärtsschreiten begriffen und Zeitungen wie
_The South Australian Register_ in Adelaide, _Argus_ und _Age_ in
Melbourne, _Morning-Herald_ in Sidney nehmen es mit grossen englischen
und amerikanischen Zeitungen auf, selbst in Bezug auf den Umfang der
telegraphischen Korrespondenz. Jede kleine Stadt besitzt eine Zeitung
oder doch ein Wochenblatt. Bei einer Bevölkerung von nur 2500000
Menschen hatte Australien 478 Zeitungen, davon in der Kolonie Victoria
151, in Neu-Süd-Wales 118, in Süd-Australien 46, in Queensland 48, auf
Neu-Seeland 114, auf Tasmanien 12, in Westaustralien 3. Sie sind fast
alle in englischer Sprache; die deutsche ist fast gar nicht vertreten.
Die Ausstattung der Druckereien daselbst ist eine entsprechende. Die
Setzer sind vorzugsweise Europäer, das Lehrlingswesen liegt im Argen.
Die Fabrikation für die Typographie ist noch in der Kindheit und das
Mutterland hat in Australien einen sehr guten Kunden. Melbourne allein
zahlt für Typen, Papier und _Stationary_-Artikel jährlich mehr als
6 Millionen Mark an England, doch schafft jetzt die amerikanische
Konkurrenz, welche fast alle Accidenzschriften liefert, diesem einen
schweren Stand.
[Sidenote: Die Inseln der Südsee.]
Nach den GESELLSCHAFTS-INSELN brachten die Missionäre 1818 die Kunst.
Von einer auf der Missionspresse gedruckten Bibel wurden 3000 Exemplare
in wenigen Tagen verkauft. Der Preis für ein Exemplar war ein Quantum
von etwa zehn Kannen Kokosöl.
Auf den SANDWICHS-INSELN wird in der Hauptstadt HONOLULU seit 1821
gedruckt und 1835 erschien eine Zeitung. Der König gab dazu seine
Erlaubnis mit den folgenden Worten: »Ich gebe meine Einwilligung, denn
es freut mich, die Werke anderer Länder kennen zu lernen, sowie Dinge zu
hören, die neu sind und die ich gern sehen möchte, wenn ich dort wäre.
Ich habe zu dem Minister gesagt: »»Mache Druckerpressen««. Mein Gedanke
ist zu Ende. König Kanegeaguli«. Auch der König Kalakaua war Redacteur
und fleissiger Leitartikelschreiber. -- Die FIDSCHI-INSELN haben vier
Druckereien.
* * * * *
[Sidenote: Afrika.]
Der Norden AFRIKAS wird weiter unten (Romanische Gruppe) Erwähnung
finden.
Über die frühzeitige Verbreitung der Buchdruckerkunst durch die
Portugiesen in Abessinien und auf der Westküste von Afrika liegen keine
begründeten historischen Nachrichten vor. Erwiesen ist nur, dass im
Jahre 1583 auf der Insel TERCEIRA gedruckt und zwar sehr gut gedruckt
wurde.
In FREETOWN auf der Westküste gründeten Missionäre Schulen und
Druckereien. Die Insel ST. HELENA erhielt aus Veranlassung der
Gefangenschaft Napoleons eine Buchdruckerei.
In der seit 1806 den Engländern gehörenden Kapkolonie blühte die Presse
bald empor. Die erste eigentliche Zeitung erschien 1824. Seit 1830
werden auch im Innern des Landes Zeitungen gedruckt. Der Zeitungsstempel
wurde 1848 abgeschafft. 1854 wurde die erste mit Dampf betriebene
Schnellpresse aufgestellt und 1860 hatte die Kolonie 29 periodische
Schriften. Bereits damals beschäftigte die vorzügliche Druckerei von
SAUL SALOMON & CO. über 100 Arbeiter und zwei Dampfschnellpressen
und lieferte auch eine grosse Zahl von Accidenzarbeiten in bester
Ausführung. 1880 war die Zahl der Zeitungen 52, von denen 43 in
englischer, 6 in holländischer Sprache, 3 in beiden Sprachen zugleich
erschienen.
Recht fröhlich gedieh die Kunst auf MADAGASCAR. König Radáma I.
(gestorben 1828) war ein aufgeklärter Mann und Freund des Christentums
und der Presse, welche von Missionären in den zwanziger Jahren
eingeführt wurde. Diese brachten erst die Sprache der Eingeborenen
in ein orthographisches System, um dieselbe geschrieben und gedruckt
wiedergeben zu können. In der Hauptstadt ANTANANARIVO wurden sechs
periodische Schriften herausgegeben, darunter die Monatshefte »Gute
Worte« in einer Auflage von 3000 Exemplaren und das halbmonatlich
erscheinende Blatt »Reis mit Honig gemischt«.
[Illustration]
[Illustration]
IV. KAPITEL.
DIE TYPOGRAPHIE UND DAS BUCHGEWERBE NORDAMERIKAS.
WACHSTUM DER PRESSE. DIE ZEITUNGEN: Statistisches, der _Herald_, Horace
Greeley und die _Tribune_, G. Childs und der _Ledger_, die Familie
Harper, Frank Leslie und die illustrierte Presse. Die
Holzschneidekunst. DIE BUCHDRUCKEREI UND DER BUCHHANDEL: die
Staatsdruckerei und der Accidenzdruck, Organisation des Buchhandels.
Grosse Druck- und Verlagsfirmen: Appleton, Lippincott, Houghton u.
a., Einfluss des deutschen Elements, Nachdruck deutscher Werke,
deutsche Buchhandlungen und Zeitungen. DAS PAPIER.
[Sidenote: Steigende Macht der Presse.]
Nachdem Amerika seine Unabhängigkeit erkämpft hatte, stieg die Macht
seiner Presse in rapider Weise. Es war natürlich, dass von einem
Zustand gemütreicher litterarischer Beschaulichkeit noch keine Rede
sein konnte und dass sich die geistigen Kräfte der Besten des Volkes
fast ausschliesslich dem praktischen und dem politischen Leben zuwenden
mussten. Die litterarischen Bedürfnisse liessen sich leicht und
billig durch den Nachdruck der geistigen Erzeugnisse des Mutterlandes
befriedigen und der Nachdruck war ja nicht verboten, also eine ehrliche,
ja lobenswerte Sache.
[Sidenote: Die Zeitungen.]
Vor allem hatte man ZEITUNGEN nötig; auf diese konzentrierten sich
deshalb die Gedanken und Pläne der Verleger, der Buchdrucker, der
Schriftgiesser und der Maschinenbauer und bald zeigte sich ein an das
Wunderbare grenzender Aufschwung dieses Zweiges des Buchgewerbes.
Im Jahre 1776 hatte New-York nur 4 Zeitungen, Massachusetts 7,
Pennsylvanien gar keine aufzuweisen. Zur Zeit der _Centennial_-Feier
und der Weltausstellung zu Philadelphia im Jahre 1876 erschienen in
New-York 1088, in Massachusetts 346, in Pennsylvanien 738 Zeitschriften.
Heute beträgt die Gesamtzahl der periodischen Schriften Nordamerikas
11418, darunter täglich erscheinende Blätter 982, Wochenblätter 8725.
Von der Gesamtzahl liefert New-York 1412, Illinois 1032, Missouri
531. Illustrierte Blätter giebt es 512, Zeitschriften religiösen
Inhalts 572. In englischer Sprache wurden 10619 Blätter gedruckt, 605
in deutscher, 35 in französischer, 37 in schwedischer und dänischer
Sprache. Beschäftigung finden bei der Herstellung 72000 Menschen mit
einem Lohnaufwande von 115 Millionen Mark. Der Brutto-Ertrag wird auf
370 Millionen Mark geschätzt. Die tägliche Zirkulation der Tagesblätter
ist auf 3637000 Nummern -- dieselbe ungefähr, die England mit seinen
135 Blättern erzielt -- berechnet, die einmalige der Wochenblätter auf
19450000, die Gesamtsumme aller Zeitungen und Zeitschriften jährlich auf
2077650675 Nummern[73].
[73] E. STEIGER, _The periodical litterature of the United States_.
New-York 1873. -- G. P. ROWELL, _The man who advertise_. New-York
1870. -- A. MAVERIK, _H. J. Raymond and the New-York Press_.
Hartford, U. S., 1870. -- M. CUCHEVAL-CLAVIGNY, _Histoire de
la Presse en Angleterre et aux États Unis_. Paris 1857. -- Die
Angaben über den heutigen Bestand sind von einem erfahrenen
Verleger Amerikas, M. North.
Es hat sich jemand die Mühe gegeben, auszurechnen, dass mit einem
Gürtel an einander gereihter Bogen eines Jahrganges der amerikanischen
Zeitungen die Erde sich 47mal umwickeln lasse und dass der
Papierstreifen fünf Meilen länger sein würde, als die Entfernung
der Erde von dem Monde. Ein anderer giebt an, dass zu einer Nummer
sämtlicher Zeitschriften Nordamerikas 5000000 Pfund Schriften oder etwa
3 Milliarden Typen gehören. Kontrolliert haben wir die Rechnungen nicht.
Befinden sich unter den Zeitungen auch manche unbedeutende, die nur
dazu dienen, die Zahl auszufüllen, so begegnen uns andererseits viele
riesenhafte Unternehmungen, mit denen in Europa ausser den _Times_ nur
noch einige wenige sich messen können. Das New-Yorker Zeitungsviertel
umschliesst die Prachtgebäude der Journale: New-Yorker Staatszeitung,
_Daily News_, _Star_, _Sun_, _Tribune_, _Times_, _Observer_, _World_,
_Evening Mail_, _Evening Telegraph_, _Herald_, dazu den grossartigen
Bau des Zentral-Telegraphenamtes, die kolossalen Offizinen von _Harper
Brothers_ u. a. Mit diesem bibliopolisch-typographischen Viertel kann
sich selbst _Fleet-Street_, _Paternoster-Row_ und Umgebung in London
nicht messen.
[Sidenote: _Der Herald._]
Das grossartigste Zeitungs-Institut ist wohl das des _New-York
Herald_. Die Herausgeber haben sich die Mühe gegeben, eine Nummer des
_Herald_ mit der korrespondierenden Nummer der englischen _Times_
zusammenzustellen. Jede enthält 120 Spalten; unter diesen hatte der
_Herald_ 80 Inseratenspalten mit 3061 Anzeigen, _Times_ 73 Spalten mit
1846 Annoncen. Dem Stoff nach enthält die _Herald_-Nummer auf 31350
Zeilen mit etwa 2800000 Typenstücken den ungefähren Stoff von fünf
gewöhnlichen Romanbänden. Die Ausgaben für einzelne Telegramme sind
enorm und waren es früher noch mehr, als zehn Wörter 400 Mark kosteten.
Während des englisch-abessinischen Krieges musste die englische
Regierung ihre Nachrichten aus dem Privatbureau des _Herald_ holen, denn
dieser empfing seine Telegramme so zeitig, dass die englischen Blätter
die aus New-York zurücktelegraphierten Nachrichten als ihre neuesten
Nachrichten bringen mussten. Zur Zeit des deutsch-französischen Krieges
hatte die _Tribune_ den _Herald_ überholt. Erstere brachte mit einem
Kostenaufwand von 3000 Dollars das erste, spaltenlange Telegramm über
den Kampf bei Gravelotte, das schon Tage lang in New-York gelesen war,
als man in Berlin sich noch immer mit dem bekannten kurzen Telegramm
aus dem Hauptquartier begnügen musste. Das machte die _Tribune_ während
des Krieges sehr populär. Als Trumpf hiergegen spielte nun der _Herald_
die sehr kostspielige afrikanische Expedition Stanleys zum Aufsuchen
Livingstones aus.
[Sidenote: H. Greeley * 3. Febr. 1811, [+] 29. Nov. 1872.]
Überhaupt erreichte die von HORACE GREELEY im Verein mit gleichgesinnten
Mitarbeitern 1841 gegründete _Tribune_[74] eine hohe Bedeutung. Horace
Greeley war Sohn eines armen Bauers in Amhorst. Er half seinem Vater
beim Holzfällen; jedoch seine Liebe zu den Büchern erweckte den Wunsch
in ihm, Setzer zu werden. Er kam auch in die Lehre nach Pultney, was
er jedoch dort lernen konnte, war bald gelernt. Nach verschiedenen
bösen Erfahrungen kam er am 18. August 1831 nach New-York mit zehn
Dollars in der Tasche. Trotz seiner Tüchtigkeit ward es ihm sehr
schwer, eine Stelle zu finden. Man traute ihm nichts ordentliches zu,
namentlich weil er gar zu wenig auf sein Äusseres gab. Endlich fand er
in einer Druckerei Stellung. Es wurde ihm die schwerste Aufgabe, der
Satz eines polyglotten Neuen Testaments, aufgetragen. Die Arbeit fiel
vortrefflich aus und Greeley war bei derselben mit solchem Fleiss, dass
er in Misskredit bei seinen von ihm ausgestochenen Kollegen kam. Ein
Dr. Steppard, ein Mann mit vielen Kenntnissen, aber ganz ohne Vermögen,
wünschte Teilnehmer für ein Blatt, die »Morgenpost«, und veranlasste
Greeley und den Faktor der Druckerei, Story, solche zu werden. Das
Blatt schlug fehl, jedoch die angefangene Druckerei kam vorwärts; Story
starb und Greeley nahm einen anderen Associé, Winchester. Auch eine
zweite Zeitschrift, der »New-Yorker«, an dem Greeley gearbeitet hatte,
ging ein. Dieser, der demnach Schriftsteller geworden war, gründete nun
selbst 1841 die _Tribune_. Die Anfänge waren klein. Greeley war die
Seele des Ganzen, bald am Redaktionstisch schreibend, bald am Setzkasten
zugreifend, dann, wenn nötig, bei der Presse Hand anlegend. Das Blatt
gewann rasch einen grossen Aufschwung und die etwa zwanzig Gründer, die
mit ihrer Arbeit -- denn über ein anderes Kapital hatten sie nicht zu
verfügen gehabt -- beteiligt waren, wurden wohlhabende Leute. Ausser der
Tagesausgabe druckte man eine halbwöchentliche und eine wöchentliche,
zusammen in ungefähr 100000 Exemplaren. Horace Greeley schlug standhaft
die Übernahme der ehrenvollsten, selbst Gesandten-Posten, aus und
meinte, wenn ein Journalist auf seinem Posten ist, dann kann er in
einem Lande mit einer freien Presse mehr leisten, als alle Gesandte
zusammen[75]. Die Setzer der Vereinigten Staaten wollten ihm zuerst ein
aus Typen gegossenes Monument setzen, errichteten ihm jedoch später auf
dem Greenwood-Friedhofe in Brooklyn ein Denkmal, bestehend in einer
Bronce-Kolossalbüste. Die vier Seiten des Sockels sind mit Reliefs
geschmückt.
[74] Die Offizin ist abgebildet im Journ. f. B. 1876, Nr. 6.
[75] JAMES PARTON, _The life of Horace Greeley_. New-York 1855.
[Sidenote: G. W. Childs.]
Bedeutenden Einfluss übte auch _The Public Ledger_ GEORGE W. CHILDS'.
Dieser, in Baltimore geboren, kam als vierzehnjähriger Bursche nach
New-York in eine kleine Buchhandlung, erwarb sich durch grössten Fleiss,
verbunden mit Sparsamkeit, einige hundert Dollars und fing mit diesen
in einem Winkel des Gebäudes des _Public Ledger_ ein kleines Geschäft
an, jedoch mit dem Vorsatz: »das muss alles einmal mir gehören«. Childs
wurde Teilhaber einer respektablen Buchhändlerfirma R. E. Peterson &
Co., in der, unter seiner Beteiligung, viele bedeutende Werke erschienen.
Inzwischen war es mit dem angesehenen _Ledger_ rückwärtsgegangen. Es
bestand als _Penny_-Blatt seit dem Jahre 1816 und die Unternehmer hatten
nicht den Mut, diesen Preis zu erhöhen, obwohl er unter den indes
eingetretenen Valuta-Verhältnissen ein völlig unhaltbarer geworden war.
Trotz der grossen Verbreitung und der massenhaften Inserate verlor
man, wovon das Publikum jedoch keine Ahnung hatte, jährlich an 150000
Dollars. Unter diesen Verhältnissen kaufte Childs das Blatt für eine
Summe, welche die eines Jahresausfalles wenig überschritt, stellte
den Preis auf zwei Pence und erhöhte entsprechend den Inseratenpreis.
Anfänglich grosser Krach in der Zahl der Abonnenten, dann aber das
Gefühl bei denselben, den alten bewährten Freund nicht entbehren zu
können, und die Sache ging wieder vorwärts. Nun war Childs ein gemachter
Mann und der _Ledger_[76] eine grosse Macht, von der jedoch der Besitzer
immer nur den edelsten Gebrauch gemacht hat. Er begriff, dass der Mann,
welcher eine Druckerpresse besitzt und die Feder führt, ebensowenig das
Recht hat, Schmähnachrichten zu verbreiten oder die Ehre eines anderen
anzutasten, als derjenige, der eine Uniform und ein Schwert trägt,
befugt ist, nach Belieben zu tödten oder zu verwunden, um seinen Launen
oder boshaften Gesinnungen zu fröhnen. Sogar über die Anzeigen wachte
er und hatte den Mut, von dem Prinzip abzugehen, wonach der Herausgeber
eines Blattes nicht die Verantwortlichkeit, wennauch nur die moralische,
für die Anzeigen zu tragen habe. Dass er mit diesem Prinzip zugleich
auf grosse Einnahmen verzichtete, ist leicht zu begreifen. Childs
sorgte auch stets in grossartigster Weise für die Gesundheit und das
Wohlbefinden seiner Mitarbeiter.
[76] EUGEN MUNDAY, _Historical sketch of the public Ledger_.
Philadelphia 1870. -- JAMES PARTON, George W. Childs.
Philadelphia 1870. -- Die Offizin ist abgebildet im Journ. f. B.
1876, Nr. 4.
Es ist nicht möglich, die bedeutenden Zeitungsanstalten alle näher
zu charakterisieren und ihre Offizinen ausführlich zu beschreiben,
die auch im Westen grossartige Dimensionen angenommen haben, so z. B.
die Offizin der _Chicago Times_, die in einem aus weissen Sandsteinen
erbauten, palastähnlichen Eckgebäude mit zwei Fronten von je 80 Fuss
ein Erdgeschoss und fünf Stockwerke einnimmt. Überhaupt würden solche
Äusserlichkeiten an und für sich keine Bedeutung für die Geschichte der
Buchdruckerkunst haben, wenn sie nicht mit als Beweis dienten, welche
kolossale Ausdehnung und hohe Macht die Zeitungspresse besitzt, die doch
immer nur ein Teil der Gesamtpresse ist.
Auch unter den Wochenblättern erheben einige stolz ihre Häupter über
das Gewöhnliche. Unter den Verlegern und Druckern, die sich um diese
Litteratur, doch nicht nur um diese, verdient gemacht haben, steht die
Familie HARPER obenan[77].
[77] JAC. ABOTT, _The Harper Establishment_. New-York 1855.
[Sidenote: John Harper * 22. Jan. 1797, [+] 22. April 1875.]
Der Gründer derselben, JOHN HARPER, stammt aus Newtown (Rhode Island).
Sein Bruder JAMES und er waren in New-York in einer Buchdruckerei
beschäftigt und zählten mit zu den tüchtigsten Arbeitern, James als
Drucker, John als Setzer. Im Jahre 1817 gründeten die Brüder eine kleine
Buchdruckerei unter der Firma J. & J. HARPER. Durch Promptheit erwarben
sie sich einen guten Ruf und ihre eigenen Verlagsunternehmungen wurden
mit Vertrauen empfangen. 1833 gesellten sich noch zwei Brüder, JOSEPH
WESLEY HARPER und FLETCHER HARPER, als Teilnehmer dazu und die Firma
wurde _Harper Brothers_. Die vier Brüder waren alle sehr verschiedenen
Charakters, ergänzten sich jedoch ganz vortrefflich. Frug man: wer ist
Harper? und wer sind die Brüder? so konnte man nur antworten: »irgend
einer derselben ist Mr. Harper und die anderen sind die Brüder«. Gerade
in diesem innigen Zusammenwirken lag das Geheimnis ihrer Erfolge. Im
Jahre 1850 begannen sie _Harpers Monthly_, dessen Aufnahme eine so
ausserordentlich günstige war, dass sie 1857 _Harpers Weekly_ und 1867
_Harpers Bazar_ folgen liessen.
[Sidenote: Harpers neues Etablissement.]
Jeder der Brüder hatte sein besonderes Departement, welches er
selbständig leitete. Das der Finanzen gehörte John, zugleich die
Besorgung der Erwerbungen an Material und Maschinen. Er war ein
Mann von bestimmtem Charakter, rasch im Entschliessen, fest in der
Durchführung der Entschlüsse, in allen Verhältnissen ein Gentleman, bei
aller Lebhaftigkeit stets ruhig und besonnen, nie in Unruhe oder Hast.
[Sidenote: Brand des Etablissements.]
Als das grosse Harpersche Etablissement in _Franklin-square_ 1853 ein
Raub der Flammen wurde, stand John mit seinen Brüdern ruhig unter
der aufgeregten Menschenmasse und beobachtete das Fortschreiten des
verheerenden Elements. Seine Uhr aus der Tasche ziehend bemerkte er
gegen die Brüder, dass es jetzt Essenszeit sei; es wäre wohl das beste,
man käme nach dem Essen zu ihm, dort könne man ruhig überlegen, was
zu thun! Die Brüder fanden sich ein und sassen schweigend in Gedanken
vertieft. Da ergriff John das Wort: »Unser Geschäft ist zu wertvoll, um
es fallen zu lassen oder um es in andere Hände zu geben. Wir haben alle
Söhne; sie haben uns geholfen und sind nun bald imstande, unsere Plätze
einzunehmen. Wir wollen ihnen das Geschäft weiter führen und ihnen
zeigen, dass wir noch keine alten Schlafmützen sind«.