GEORGE BOHN aus Richmond. Sein 1841 erschienener _Guinea-Catalogue_ war
die imposanteste Ankündigung eines Bücherlagers, welche man bis dahin
kannte. Derselbe hatte einen Umfang von 1448 Seiten und verursachte
einen Kostenaufwand von 40000 Mark. Bohn wirkte auch als Schriftsteller
und Verleger; seine nach damaligen englischen Vorstellungen
ausserordentlich billigen _Standard Volumes_ zu 5 _sh._ 6 _d._ waren
allgemein beliebt.
[Sidenote: B. Quaritch * 23. April 1819.]
BERNHARD QUARITCH aus Worbis, jetzt ohne Widerspruch der bedeutendste
Antiquar der Welt, lernte in Nordhausen und ging 1842 nach London. 1849
gründete er dort mit einem Kapital von 200 Mark ein eigenes Geschäft
zunächst für _Penny_-Litteratur. Durch Gewandtheit, Fleiss und Ausdauer
brachte er bald seinen Handel in die Höhe, so dass er 1860 noch ein
zweites, grösseres Lokal in Piccadilly mieten konnte. Hier sammelte
er nun einen wahren Schatz sowohl von bedeutenden wissenschaftlichen
Werken, als von ausgesuchten Seltenheiten für Bücherliebhaber. Neben
seinen Spezial-Katalogen gab er ab und zu einen General-Katalog
heraus. Unter den letzteren übertrifft der von 1880 noch Bohns
_Guinea-Catalogue_, kostet aber auch 2 Guineen. Der Band ist 6-1/2
Zoll stark und enthält auf 2166 Seiten die Titel resp. Beschreibungen
von 28009 Werken. Ein Index von 228 Seiten giebt etwa 55000 Nachweise.
Quaritchs eigener bedeutender Verlag besteht sowohl aus Werken, wozu
er selbst die Initiative ergriffen, als auch aus solchen, die er von
anderen Verlegern an sich gebracht hat[69].
[69] A. ULM, Bernh. Quaritch, N. Anz. f. Bibliogr.; ebenfalls Börsenbl.
f. d. Buchh. 1880, Nr. 21.
* * * * *
[Sidenote: Die Bibliophilie.]
Ein mächtiger Hebel für die Entwickelung der Buchdruckerei war
es, dass hochgestellte und reiche Männer sich nicht nur, wie Lord
Stanhope, für die technischen Fortschritte interessierten, sondern
auch eine Ehre darein setzten, das Schönste, Beste und Seltenste in
ihren Büchersammlungen zu vereinigen. Als Liebhaber ersten Ranges ist
JOHN HERZOG von ROXBURGH zu nennen. Seine Bibliothek brachte bei der
Versteigerung, welche in den Monaten Mai und Juni 1812 stattfand, einen
Erlös von mehr als einer halben Million Mark. Die Nummer 6292 des
Katalogs, das einzige bekannte vollständige Exemplar von _Il Decamerone
di Boccaccio_, in Folio, von Christoph Waldarfer in Venedig im Jahre
1471 gedruckt, wurde dem Marquis von Blandford für die Summe von über
45000 Mark zugeschlagen, der höchste Preis, der je für ein Buch bezahlt
worden ist. Zur Erinnerung an dieses bibliophilische Ereignis wurde von
31 der bedeutendsten Büchersammler Englands, unter dem Präsidium von
Lord Spencer, der _Roxburgh-Club_ gegründet. Zu keiner Zeit hatte die
Bibliomanie eine solche Höhe erreicht und sie sollte auch nicht lange
auf derselben bleiben, so dass Lord Spencer wenige Jahre später den
Waldarfer für 18000 Mark kaufen konnte, also für fast nur den dritten
Teil des in der Roxburgh-Auktion gezahlten Preises.
[Sidenote: Lord Spencer.]
Noch grössere Bedeutung in der Geschichte der Bibliophilie als der
Herzog von Roxburgh hat GEORGE JOHN, Lord SPENCER auf Althorpe. Er war
am 1. September 1758 geboren und folgte 1783 seinem Vater im Besitz
von dessen Titeln und fürstlichem Vermögen. Es war sein Stolz, die
Notabilitäten der Wissenschaft und der Litteratur um sich zu versammeln,
und wo er konnte, stand er deren Bestrebungen in liberalster Weise
bei. Von gleicher Gesinnung war sein Sohn beseelt, was sich durch die
Caxton-Ausstellung 1877 deutlich zeigte, zu welcher Lord Spencer eine
ganze Sammlung der seltensten Inkunabeln und Prachtwerke geliefert
hatte. In seiner in der _Stationary-Company_ gehaltenen Rede sprach
er es auch aus, eine wie grosse Freude es ihm gewähren würde, seine
Bibliothek recht oft von Fachmännern besucht zu sehen.
[Sidenote: T. F. Dibdin.]
Ein wesentlicher Förderer des Sammeleifers sowohl des Lord Spencer als
auch anderer war THOMAS FROGNALL DIBDIN. Derselbe stammt aus Calcutta,
erhielt jedoch, nachdem seine Eltern dort gestorben waren, in England
eine sorgfältige Erziehung und wählte den geistlichen Beruf. Von Lord
Spencer wurde er als Pfarrer nach Althorpe berufen, zugleich um als
Bibliothekar des Lords zu fungieren. In den Jahren 1814-1815 erschien
die Beschreibung der Sammlung als: _Bibliotheca Spenceriana_; von
1810-1819 _Typographical Antiquities_; 1817 _Bibliographical Decameron_;
1821 _A bibliographical, antiquarian and picturesque tour in France
and Germany_ (2. Ausgabe 1827), in welchem Werk der Verfasser eine in
Begleitung des Zeichners George Lewis im Interesse der Spencerschen
Bibliothek unternommene Reise schildert. 1838 folgte _A bibliographical,
antiquarian and picturesque tour in the northern countries of England
and Scottland_.
[Sidenote: Lord Brougham.]
In praktischer Weise interessierten sich andere Edle für die Presse.
HENRY Lord BROUGHAM war die Seele der schon erwähnten _Society for the
Diffusion of usefull Knowledge_. FRANCIS EGERTON, Lord BRIDGEWATER
bestimmte vor seinem Tode im April 1829 gegen 120000 Mark als Honorar
für den Verfasser eines Werkes, welches die Weisheit, Macht und Güte
Gottes, wie sie sich in der Schöpfung offenbaren, zum Gegenstand haben
sollte. Dies gab Veranlassung zu den sogenannten Bridgewater-Büchern,
die der populärwissenschaftlichen Litteratur einen mächtigen Anstoss
gaben.
[Sidenote: Lord Arundel.]
THOMAS HOWARD, Lord ARUNDEL wirkte wieder auf andere Weise. Als
eifriger Bewunderer der alten christlichen Kunst gab er Veranlassung
zur Begründung der _Arundel Society_ (1848), deren Hauptziel es ist,
die leichtvergänglichen, dem Verderben besonders ausgesetzten älteren,
namentlich vorrafaelischen Werke der Kunst wenigstens in vorzüglichen
Farbendrucken der Nachwelt zu erhalten. Die Reproduktion geschieht
hauptsächlich unter Beihülfe von den besten Anstalten des Auslandes,
besonders der von Storch & Kramer in Berlin, Hangard-Maugé und Engelmann
& Graf in Paris.
* * * * *
[Sidenote: Die Buchbinderkunst.]
Dass die Bücherliebhaberei auf die BUCHBINDERKUNST ungemein fördernd
einwirken musste, ist leicht begreiflich. Es entstanden für die reichen
Privatsammlungen Meisterstücke, die zu hohen Preisen verkauft wurden.
Dieselbe Eigenschaft, die den englischen Bücherdruck auszeichnet: die
Verwendung der vollendeten Technik auf dem vorzüglichsten Material,
findet sich in der englischen Buchbindung wieder. Die Behandlung des
Leders, der Pappen, des Schnittes, des, das gute Aufschlagen des
Buches bedingenden Rückens, kurz des ganzen Körpers des Buches ist
eine so überaus sorgfältige, dass man leicht eine mitunter nicht ganz
kunstgerechte Komposition der Ornamentierung übersieht.
[Sidenote: Berühmte Buchbinder.]
Merkwürdig genug ist der Umstand, dass ganz besonders Deutsche zu den
ausgezeichnetsten Meistern in England gehören. Unter den Eingeborenen
war einer der berühmtesten Buchbinder ROGER PAYNE (gestorben 1797),
ein eben so talentvoller, wie in seinem Leben unordentlicher Mann[70].
Als sein Meisterwerk gilt ein Aeschylos im Besitz des Lord Spencer. In
seinen Ornamenten, die er selbst fertigte, wird er mitunter bizarr,
seine Technik bleibt jedoch immer unvergleichlich. Schöne Bände von ihm
wurden mit 400 Mark und mehr bezahlt. Ein Einband von dem Boydellschen
Shakespeare in neun Bänden kostete über 2500 Mark. Eine zeitlang
arbeitete er zusammen mit RICHARD WIER, auch ein höchst geschickter
Mann, aber eben so unordentlich wie Payne. Die Verbindung artete in
einen oft mit den Fäusten ausgekämpften innern Krieg aus. Wiers Frau
war bekannt als unübertroffen in der Restauration alter Bücher. Nächst
Payne wurde CHARLES LEWIS, aus Hannover stammend, gelobt. Seine durch
Harmonie und Eleganz sich auszeichnenden Bände werden als die grössten
Zierden der Bibliotheken reicher Sammler betrachtet.
[70] J. A. Arnett, _Bibliopegia_. London 1835.
Der Buchbinder KALTHÖFER hatte einen solchen Ruf erlangt, dass die
Kaiserin von Russland einen besonderen Abgeordneten sandte, um ihn zu
bewegen, nach Russland zu kommen, was er jedoch, trotz der glänzenden
Bedingungen, ablehnte. In neuester Zeit gilt als erster Meister nicht
nur in England JOSEPH W. ZÄHNSDORF, ein Böhme von Geburt, der auch durch
Herausgabe von _The Art of Bookbinding_ theoretisch wirkte, ohne damit
ganz den Erwartungen zu entsprechen, die man hegen durfte, wenn ein so
eminenter Praktiker seine Erfahrungen zu Papier bringt.
* * * * *
[Sidenote: _Stationary._]
Die _Stationary_-Artikel, die teils auf typographischem, teils auf
chromolithographischem Wege hergestellt werden, veranlassen ein sehr
bedeutendes Geschäft. Die Zahl der Neujahrskarten allein berechnet
man auf mehr als 12 Millionen Stück. Welchen Wert man auf solche
Kleinigkeiten legt, geht daraus hervor, dass ein Fabrikant 14 Prämien,
zusammen von 10000 Mark, für die besten Zeichnungen bestimmte. Von den
in London von Weihnachten bis Neujahr versandten 8-9 Millionen Couverts
wird bei weitem die grössere Zahl eine Neujahrskarte mit enthalten.
Ebenfalls bedeutend ist der Verkehr in Osterkarten und _Valentines_,
schöne, manchmal kostbar ausgestattete Huldigungskarten für das zarte
Geschlecht, die am St. Valentinstag, den 14. Februar, in grosser Zahl
anonym versandt werden. In der Regel ist der Preis einer solchen Karte
6 Pence bis zu 1 Shilling, es kommen aber auch nicht selten solche vor,
die 10 bis 20 Guineen und mehr kosten.
Da jährlich 1200 Millionen Briefe versandt werden, so erfordern diese
allein eine enorme Anzahl von Couverts. Diese Fabrikations-Branche
beschäftigt gegen 3000 Menschen.
Wie bedeutend der Kalenderdruck in England ist, kann man daraus
beurteilen, dass ein Kalenderdrucker, A. COOKE in Leeds, allein bei
einer einzigen Holzhandlung 1700000 Stäbe als Halter für Kalender in
Bogen bestellte.
Von Spielkarten-Fabriken hat England 18, die etwa 1200000 Pack liefern.
Unter den Firmen, die besonders für die _Stationers_ arbeiten, sind:
MARCUS WARD, der mit 60 Schnellpressen namentlich Weihnachtskarten und
_Valentines_ nebst illustrierten Kinderbüchern druckt; DE LA RUE & CO.,
die in ähnlicher und Spielkarten-Fabrikation, so wie mit Herstellung von
Luxuspapieren 1000 Personen beschäftigen; CH. GOODALL & SONS, die in
ihren _Camden-works_ mehr als 600 Sorten Spielkarten liefern.
Eins der bedeutendsten _Stationery_-Geschäfte in London ist das der
Regierung, von welchem etwa 250 öffentliche Institute ihren Bedarf
beziehen. Der jährliche Umsatz beträgt etwa 13 Millionen Mark, von
welchen gegen 4 Millionen auf Indien kommen. Dass dabei auch Makulatur
vorkommt, ergiebt der jährliche Verkauf von solcher zu einem Betrag von
ungefähr 320000 Mark, die einen ursprünglichen Wert von etwa 1600000
Mark repräsentieren.
[Sidenote: Das Papier.]
Da der Konsum von PAPIER ein ausserordentlich grosser ist und billige
Preise verlangt werden, so konnte es nicht anders sein, als dass die
Stoffmischungen der Neuzeit in der Papierfabrikation, welche für die
Zukunft der Bücher im höchsten Grade gefahrdrohend geworden, auch in
England nicht ohne Verwendung blieben, jedoch wird dort immer noch
am meisten auf ein gutes Papier selbst bei gewöhnlichen Arbeiten
gehalten[71]. Die Fabrikation des Maschinenpapiers ist zwar keine
englische Erfindung (vgl. Kap. V), aber, wie die Schnellpresse, kam
auch die Papiermaschine erst in England zur praktischen Geltung,
namentlich durch die Bestrebungen DONKINS. Der Name WHATMAN ist typisch
geworden für das vorzügliche Büttenpapier, welches bei den Ausgaben
für Liebhaber verwendet wird. Whatman selbst zog sich vom Geschäft
zurück aus Verdruss, weil er seinen Arbeitern nicht denselben Sinn für
Erreichung der höchsten Ziele einflössen konnte, der ihn selbst beseelte.
[71] Einen sehr hübschen Überblick sowohl über die zu feineren
Accidenzarbeiten zur Verwendung kommenden, in Qualität und
Färbung oft ganz vorzüglichen Papiere, als auch über die
englische Art, Accidenzien zu behandeln, giebt das bei Field &
Tuer in London jährlich (1882 zum drittenmale) erscheinende _The
printers international Specimen Exchange in connection with the
Paper and Printing-Trades-Journal_. Es beruht das Unternehmen,
das nicht in den Handel kommt, auf einem eigentümlichen
internationalen Umtausch von Accidenzien. Wer eine solche
in angegebener Weise ausgestattete in der nötigen Zahl von
Exemplaren liefert, erhält ein Exemplar des Buches gegen eine
mässige Vergütung für den Einband. Die Ausführung ist $meistens$
technisch gut und zeugt von dem Streben, etwas mit dem Material
zu machen. Ob Hansard (vgl. S. 16) sich freuen würde: _that is
the question_!
ASIEN, AUSTRALIEN UND SÜD-AFRIKA.
An die typographische Geschichte Englands schliesst sich eng diejenige
ASIENS, AUSTRALIENS und SÜD-AFRIKAS.
In ihren Anfängen lernten wir bereits die Presse in Asien kennen (I, S.
282), sie sollte rasch an Bedeutung gewinnen.
[Sidenote: Indien, Calcutta.]
CALCUTTA, die Hauptstadt Indiens und der wichtigste Sitz des dortigen
Pressgewerbes, erhielt erst im Jahre 1778 durch CHARLES WILKINS,
einen berühmten Sanskritforscher, eine Buchdruckerei mit einer
Schriftgiesserei. Hier wurden neben den Missionsschriften eine Menge
wissenschaftliche und belehrende Schriften in den Landesidiomen,
ausserdem auch englische Bücher und Zeitschriften gedruckt. In dem
naheliegenden SERAMPUR, dem wichtigsten Platz der Baptisten-Mission,
besass Dr. CAREY zu Anfang des Jahrhunderts eine Presse, auf welcher
er 1801 das Neue und bald nachher das Alte Testament druckte. Eine
Schriftgiesserei und eine Papiermühle liessen nicht lange auf sich
warten und eine lebhafte Thätigkeit entwickelte sich, um die heiligen
Schriften in verschiedenen Sprachen der Eingeborenen zu veröffentlichen.
Die Offizin brannte zwar 1811 vollständig nieder, da jedoch
glücklicherweise alle Matern gerettet waren, konnte man bereits nach
Verlauf von kaum einem Jahre wieder heilige Schriften in 18 Sprachen
herausgeben. Ein 1818 gedrucktes Probebuch enthält das Vaterunser mit 51
verschiedenen Sorten einheimischer Typen gesetzt.
[Sidenote: Benares.]
[Sidenote: Madras.]
BENARES, die heilige Stadt der Hindus am Ganges, wo sich eine
englisch-indische Hochschule zur Ausbildung der Hindus befand, besass
eine, später sehr thätige, Offizin. In NEGAPATNAM hatte der aufgeklärte
Rajah von Tanjore eine von Europäern bediente Presse im Gang. Die
Britische Bibelgesellschaft gründete dort ebenfalls eine Buchdruckerei.
Auch MADRAS, die zweitwichtigste Stadt an der Ostküste, entwickelte seit
1772 eine rege Thätigkeit.
[Sidenote: Bombay.]
Aus dem Hauptorte der Westküste, BOMBAY, finden sich Bücher mit der
Jahreszahl 1792; der Aufschwung der dortigen Presse datiert jedoch erst
von 1813. In COTYM, auf der Malabarküste, versuchte der Missionär BENJ.
BALEY Typen der Landesschrift selbst zu schneiden und zu giessen, um
damit heilige Schriften zu drucken; 1820 kam ihm die Bibelgesellschaft
in Calcutta mit einer ordentlich eingerichteten Buchdruckerei zuhülfe.
Am 18. Mai 1818 erschien die erste Zeitung in einheimischer Sprache
»Spiegel von Serampur« durch den Missionär MARSHMAN. In demselben Jahre
erhielt Bombay seine Zeitung in der Gujurati-Sprache.
[Sidenote: Die einheimische Presse.]
Der Generalgouverneur von Indien, Marquis Wellesley (1798 bis 1805),
späterer Lord Wellington, war der Presse nicht sehr zugethan; selbst
englische Bücher sah er nicht gern entstehen und gestattete nicht die
Anlegung von Buchdruckereien ausserhalb Calcuttas. Ein grösserer Freund
der Kunst war Wellesleys Nachfolger, der Marquis Hastings, welcher
den »Spiegel von Serampur« zu einem halbamtlichen Blatte erhob. Auch
Lord Amherst trat der Presse nicht feindlich entgegen, doch verblieb
sie unter sehr strenger Aufsicht. Zur Errichtung einer Buchdruckerei
bedurfte es einer Konzession und zur Begründung einer Zeitung Stellung
von Kaution. Erst im Jahre 1835 erhielt Indien, hauptsächlich durch
die Anstrengungen des Lord Th. Macaulay, den Genuss der Pressfreiheit,
die nun mit Jugendfeuer benutzt wurde. Man griff die Massregeln der
Regierung, namentlich die gegen die Weiberverbrennung gerichteten,
rücksichtslos an.
Die Zahl der Blätter nahm jedoch nicht in dem Masse zu, wie man hätte
vermuten sollen, und steigerte sich wesentlich erst nach der Verbreitung
der Lithographie, welche sich mit weit grösserer Leichtigkeit dem
Geschmack des Publikums anschmiegen konnte, als die Typographie. Da
viele des Lesens unkundig sind, so wird das Vorlesen für grössere
Kreise sehr geübt und auf mündlichem Wege verbreiten sich dann die
neuen Nachrichten schnell. Die Thätigkeit im Buchhandel ist eine sehr
bedeutende und Sanskrit-Werke finden unschwer Verleger.
Nach dem Sipahi-Aufstande 1857 wurden die englischen Behörden zur
Unterdrückung jeder Buchdruckerei ermächtigt und viele der letzteren bei
dieser Gelegenheit auch geschlossen. Noch bis vor kurzem befand sich die
einheimische Presse in strengen Ausnahmezuständen, jetzt ist jedoch eine
Änderung eingetreten und der Wunsch der Regierung in London, allen ihren
Unterthanen gleiche Rechte zu gewähren, erfüllt. Eine Presskommission
hat alle Verhältnisse der Presse mit der Regierung zu regulieren.
[Sidenote: Die Presse Indiens.]
Von Zeitschriften erscheinen gegen 700, davon der dritte Teil (230) in
Landessprachen. Die Auflagen sind durchweg klein, gewöhnlich 350, die
höchste Auflage ist noch nicht 2000. Die Versendung geschieht unter
Kreuzband. Der Abonnementspreis für Tagesblätter beträgt etwa 40 Mark,
für Wochenblätter etwa 4 Mark. Die Einfuhr von Papier ist für das
Mutterland ein wichtiger Gegenstand und erreichte 1879 einen Wert von
über 2-1/2 Millionen Mark.
In Bengalen haben die einheimischen Blätter einen schweren Stand gegen
die englischen. Mehrere der letzteren sind jedoch in Besitz und unter
geschickter Leitung von Eingeborenen. In den nordwestlichen Distrikten,
zwischen Lucknow und Lahore, erscheinen in der Hindustani- und
Urdusprache gegen einhundert, zumteil sehr gut redigierte Zeitschriften.
Ziemlich eine ähnliche Zahl, in der Maharati- und Gujurati-Sprache
geschrieben, werden in Bombay gedruckt. Die tamulische und Telegupresse
in Madras ist nicht von Belang.
Die Bücherproduktion, unter der Führung Bengalens, ist eine sehr
bedeutende und erreicht an Zahl fast die Englands. Im Jahre 1878
erschienen 4193 Bücher, davon 576 in europäischen, 3148 in einheimischen
Sprachen, 673 in dem klassischen Idiom Indiens. 2495 Schriften waren
originale Neuheiten, 340 Übersetzungen, die übrigen Bücher neue
Auflagen. Die Theologie erschien mit 1502 Nummern; die Technik mit 961,
die Linguistik mit 612; Biographie, Länder- und Völkerkunde, Politik
waren nur äusserst spärlich vertreten.
[Sidenote: Ceylon.]
Auf CEYLON gingen aus der bereits vom Freiherrn VON IMHOF gegründeten
Druckerei (I, S. 288) im Jahre 1771 das Neue Testament in cingalesischer
Sprache und später manche, zumteil vorzüglich ausgestattete
wissenschaftliche Werke hervor. Die Pressthätigkeit in der Hauptstadt
COLOMBO ist jetzt eine bedeutende und die sehr gut geleitete
Regierungsdruckerei beschäftigt über 150 Personen, unter welchen sich
nur zwei Europäer befinden. Sie disponiert über 5 Schnellpressen, 10
Handpressen, 1 Eisenbahn-Billetdruck-Maschine und 5 Liniiermaschinen.
[Sidenote: Hinterindien.]
Nach RANGUHN in Hinterindien, der Hauptstadt von Birma, war bereits
1808 eine Presse gekommen. 1814 erhielt Dr. Carey in Serampur von dem
Kaiser von Birma den Auftrag, in AVA eine Druckerei zu errichten, und
bereits 1822 war das Neue Testament in 29 Sprachen und die ganze Bibel
in 6 Sprachen gedruckt, darunter eine mit beweglichen Typen gesetzte
chinesische Bibel. Noch viele wissenschaftliche Werke entsprangen der
thätigen Presse.
In MALACCA druckte der Missionär MILNE anfänglich nach chinesischer Art.
Später traf eine europäische Druckeinrichtung ein. Das dort errichtete
englisch-chinesische Kollegium, das für Religion und Wissenschaft gute
Früchte getragen hatte, ward später nach Singapur verlegt.
[Sidenote: Die Inseln.]
Von den Inseln des Indischen Archipels erhielt JAVA eine, 1823 von
dem Missionär MEDHURST in BATAVIA eingerichtete Offizin, aus welcher
im Jahre 1835 des Genannten Wörterbuch der chinesischen, japanischen
und der Korea-Sprache hervorging. Auf SUMATRA befanden sich um 1820 in
BENKULEN und dem benachbarten FORT MARLBOROUGH Missionspressen.
[Sidenote: China.]
In CHINA war einer der wichtigsten Druckorte MACAO bei Canton.
Dort machte im Jahre 1810 MORRISON Versuche, das Neue Testament
von Holztafeln zu drucken. 1814 wurde ihm von der Ostindischen
Handelsgesellschaft eine vollständige Druckerei unter der Leitung von
P. THOMS übersandt, doch gelang es erst 1822, das englisch-chinesische
Wörterbuch in 6 Quartbänden zu vollenden. In diesem Jahre erschien auch
die erste Nummer einer portugiesischen Zeitschrift »Die chinesische
Biene«. Medhursts »_Dictionary of the Hok-Kien dialect of the Chinese
language, containing 12000 characters_« konnte erst 1832 ausgegeben
werden. In CANTON selbst wurde ebenfalls sehr viel gedruckt. Die grösste
Buchdruckerei ist die der presbyterianischen Mission in SHANGHAI, mit
der eine Schriftgiesserei verbunden ist. Im Jahre 1868 wurden dort 25
Millionen Seiten gedruckt, 1869 ein illustriertes Neues Testament
und verschiedene Andachtsbücher mit dort angefertigten Abbildungen
in vortrefflichen Galvanos. Hier erschien auch das grosse japanische
Lexikon des Dr. Hepburn in Yokohama. In hohem Grade hemmend ist bei
der Anwendung der europäischen Druckmethode die enorme Zahl der Fächer
(gegen 6000) in den Setzkästen; jeder Setzer befindet sich förmlich
inmitten eines Amphitheaters von Kästen.
In PEKING erscheint die offizielle Zeitung _King-Pao_, welche die
kaiserlichen Dekrete bringt und deren Geschichte bis an die Dynastie
Tang, d. h. bis an das siebente bis zehnte Jahrhundert n. Chr., reicht.
Jede Nummer bildet ein Heft von 20, wohl auch von 40 Seiten in gelbem
Umschlag. Die Ausstattung ist eine klägliche, der jährliche Preis
beträgt 27 Mark. Die Offizin befindet sich in dem kaiserlichen Palast.
Seit mehreren Jahren erscheint eine Quintessenz aus der Zeitung in
englischer Übersetzung. In HONGKONG wurde die erste gedruckte Zeitung
vor etwa 25 Jahren gegründet. In SHANGHAI werden zwei grosse chinesische
Zeitungen nach europäischem Zuschnitt gedruckt, die nicht allein den
Inhalt der kaiserlichen Zeitung reproduzieren, sondern auch Belehrendes
und Ankündigungen bringen. Die eine, »_Shénpao_«, vertritt europäische
Interessen, die andere, »_Sinpao_«, ist Organ europafeindlicher
Mandarinen. Die Blätter sind gern gelesen und das eine hat gegen 10000
Abnehmer. Überhaupt ist das Publikum sehr wissenslustig und man findet
in Shanghai fast an jeder Thüre eifrige Leser.
Eine besondere Bestimmung über das litterarische Eigentum giebt es in
China nicht, es ist ein Eigentum wie jedes andere und Nachdruck wird mit
100 Stockschlägen und Deportation bestraft.
[Sidenote: Japan.]