Eine weitere Art des Farbendruckes, welche eine zeitlang eine bedeutende

Rolle spielte, ist diejenige von dem, auch durch seine Tod und Verderben

schleudernden Raketen bekannten Sir WILLIAM CONGREVE erfundene. Congreve

war Zeuge von dem mühsamen zweifarbigen Druck in der Applegathschen

Buchdruckerei gewesen, und da die englische Regierung einen Preis auf

die Herstellung unnachahmlicher Banknoten gesetzt hatte, richtete er

alle seine Gedanken auf diesen Punkt. Er erhielt ein vierzehnjähriges

Patent auf eine von Donkin für ihn gebaute Maschine. Das Prinzip des

Congreveschen Druckes beruht darauf, die verschiedenen Teile einer

Metallplatte, insoweit diese mit einer und derselben Farbe gedruckt

werden sollen, knapp aus der Platte herauszusägen, so dass sie, wieder

in einander gefügt, ein Ganzes bilden. Nach einander werden die Teile,

welche eine und dieselbe Farbe bekommen sollen, durch Unterlagen

hochgestellt und eingefärbt, bis schliesslich das Ganze, welches nach

Entfernung aller Unterlagen eine glatte Oberfläche bildet, mit einem

Zug des Bengels abgedruckt werden kann. Im Verein mit einem Buchdrucker

WHITING legte Congreve eine Buchdruckerei an, die sich hauptsächlich mit

Druck von Etiquetten u. dgl. beschäftigte. Durch die Fortschritte der

Lithographie und die Erfindung der Mehrfarbenmaschinen ist Congreves

Methode so gut wie verdrängt. Die Engländer nennen sie _Compound

Printing_, die Bezeichnung »Congreve-Druck« rührt von Ed. Hänel her, der

das Verfahren nach Deutschland brachte.

* * * * *

Ausser London haben als Druckorte in England nur Oxford und Cambridge,

in Schottland Edinburgh eine grössere Bedeutung.

[Sidenote: Oxford.]

Von den Buchdruckereien der beiden englischen Universitäten nimmt

die in OXFORD den bei weitem wichtigeren Platz ein. Nachdem sie von

1669-1713 in dem _Sheldonian Theater_ installiert gewesen war, wurde

sie in den Clarendonbau übergeführt und blieb dort, bis sie 1830 die

schöne und geräumige Lokalität bezog, die sie jetzt noch innehat. Bei

der Abgesondertheit von dem grossen Verkehr war es notwendig, alle

Branchen, sogar Farbe- und Walzenfabrikation, zu vereinigen. Gebunden

wurden die Bücher in der Universitätsbuchbinderei in London. Das Papier

lieferte eine der Universität gehörende Fabrik in Wolvercote. Eine

besonders gepflegte Spezialität war neben dem Bibeldruck die Herstellung

orientalischer Werke. Die Druckerei erhielt seit der Clarendonschen

Stiftung noch öfters wertvolle Dotationen, so z. B. 1785 eine von Lord

Godolphin im Betrag von 5000 £ Sterl.

[Sidenote: Cambridge.]

Die Universitätsdruckerei in CAMBRIDGE, _Pitt-Press_ genannt, befindet

sich seit 1834, gerade drei Jahrhunderte nach ihrer Begründung, in

einem neuen, im Stil des XV. Jahrhunderts, erbauten kirchenähnlichen

Gebäude, das 1860 erweitert wurde. Die Kosten wurden zumteil aus den

Überschüssen des zu einem Denkmal für William Pitt gesammelten Fonds

bestritten. Die Offizin kann sich an Bedeutung für die Wissenschaft zwar

nicht mit der _Clarendon-Press_ in Oxford messen, hat jedoch in neuerer

Zeit einen raschen Aufschwung genommen, welcher namentlich C. J. Clay,

seit 1856 Direktor und Teilnehmer sowohl des Cambridger als des Londoner

Geschäfts der Universität, zuzuschreiben ist.

[Sidenote: Edinburgh.]

In EDINBURGH, dem »Neuen Athen«, herrschte zu Beginn des

laufenden Jahrhunderts ein sehr bewegtes litterarisches und

typographisch-bibliopolisches Leben.

[Sidenote: James Balantyne * 1772, [+] 16. Juni 1821]

Der bekannteste Buchdrucker war dort JAMES BALANTYNE[58]. Nachdem er

der Jurisprudenz, seinem vorherigen Berufe, Lebewohl gesagt hatte,

etablierte er in seiner Vaterstadt KELSO eine Buchdruckerei. Ein

Zufall brachte ihn auf einer Reise mit seinem früheren Schulkameraden

Walter Scott zusammen, woraus eine, für beide erst glänzende, dann

verhängnisvolle Geschäfts-Verbindung entstand. Die von Balantyne

gedruckte Ausgabe der Balladen Walter Scotts erregte durch ihre schöne

Ausstattung solche Aufmerksamkeit, dass man Balantyne veranlasste, nach

Edinburgh überzusiedeln. Seine Offizin nannte er _The Border-Press_,

nach dem Werke Scotts _Minstrelsy of the Scottish Border_. Bis 1826

druckte er nun alle Werke Walter Scotts, der Teilhaber der Druckerei

und des wöchentlich erscheinenden _Edinburgh Journal_ wurde. Walter

Scott sowohl als sein Drucker erlitten -- wie es kam, ist nicht ganz

aufgeklärt -- einen gemeinschaftlichen finanziellen Ruin. Thatsache ist,

dass ihre Freundschaft diesen überlebte. Balantyne war auch ein von

Walter Scott gern gehörter Kritiker, der mit grosser Sorgfalt und vielem

Verständnis die manchmal flüchtigen Manuskripte des Dichters verbesserte.

[58] _History of the Balantyne Press._ Edinburgh 1871.

Die letzte Veranlassung zu der erwähnten Katastrophe gab der plötzliche

Fall des Verlegers Walter Scotts ARCHIBALD CONSTABLE, der zugleich

Verleger der _Encyclopaedia Britannica_ geworden und 1802 das _Edinburgh

Review_ begründet hatte, welche Werke später alle auf A. CH. BLACK

übergingen.

[Sidenote: A. Black * 1784.]

Der Begründer dieser Firma war ADAM BLACK im Verein mit seinem

Neffen CHARLES BLACK. Das _Edinburgh Review_ erwarben sie 1826

gemeinschaftlich mit Th. N. Longman, allein kauften sie die

_Encyclopaedia Britannica_, die eine glänzende Aufnahme fand. Die Kosten

der 1842 beendigten siebenten Auflage, 21 Bände in Quarto, betrugen über

2-1/2 Millionen Mark; 1851 wurden Blacks Besitzer des Verlagsrechtes auf

Scotts Romane.

Ebenfalls einen bedeutenden Ruf hatten die Firmen W. Blackwood & Sons

und R. & W. Chambers.

[Sidenote: Blackwood d. ä. * 20. Dez. 1776, [+] 16. Sept. 1834.]

[Sidenote: Blackwood d. j. * 7. Dez. 1818, [+] 29. Okt. 1879.]

Erstere wurde von WILLIAM BLACKWOOD 1804 begründet. Blackwood trieb erst

Antiquariatsgeschäfte; 1811 fing er an zu verlegen. Das 1817 begonnene

_Edinburgh Monthly Magazine_ wollte nicht »ziehen«. Nach sechs Nummern

erschien als Nr. 7 _Blackwoods Magazine_, das sofort Beifall fand. 1827

wurde die _Edinburgh Cyclopaedia_ in 18 Bänden vollendet. Der Sohn WILL.

BLACKWOOD, der von 1840-1845 das Londoner Geschäft der Firma verwaltet

hatte, dann aber nach Edinburgh gezogen war, redigierte das Magazin bis

zu seinem Tode mit der äussersten Sorgfalt[59].

[59] R. Lindau setzte dem Verstorbenen ein ehrendes Denkmal in der

»Gegenwart«, abgedruckt im Börsenbl. f. d. d. B. 1879, Nr. 293.

[Sidenote: W. Chambers * 1800.]

[Sidenote: Rob. Chambers * 4. Febr. 1802, [+] 17. Mai 1871.]

Vor etwa sechzig Jahren gründeten die Brüder WILLIAM und ROBERT CHAMBERS

erst eine Buchhandlung und dann eine Buchdruckerei mit einem Kapital von

3 £ Sterl., einem halben Zentner Schrift und einer elenden Holzpresse in

der Absicht, gute und billige Bücher zu drucken. Tüchtigkeit und Energie

brachten das Geschäft rasch in die Höhe. Am 4. Februar 1832 wurde das

heute noch blühende _Chambers Edinburgh Journal_, das sofort 50000

Abnehmer fand, und 1845 deren 90000 zählte, gegründet. Dieses Journal,

das vier Wochen vor dem _Penny Magazine_ begann, hat sehr viel zu der

Bildung des englischen Publikums beigetragen. 1844 begann Rob. Chambers

ein höchst verdienstliches Werk: _Cyclopaedia of English Litterature_,

enthaltend Biographien und kritische Charakteristiken von 832 Autoren

nebst Proben ihrer Werke. 130000 Exemplare davon wurden in England

verbreitet, eine nicht geringere Anzahl in Amerika[60].

[60] _Autobiography and Memoir of R. & W. Chambers._ Philadelphia 1872.

[Sidenote: Buchdrucker in der Provinz.]

Von den bedeutenden Buchdruckern Edinburghs in neuester Zeit nennen wir

NELSON & CO. mit ihrer grossen, sehr praktisch eingerichteten Offizin

und W. C. BLACKIE & CO., namentlich in Accidenzien bedeutend. Unter den

Buchdruckern der Provinz zeichnet sich STEPHAN AUSTIN in HEREFORD durch

seine schönen orientalischen Drucke aus. JOHN HEYWOOD in Manchester

besitzt vier Etablissements von grösster Ausdehnung, namentlich für

die _Stationery_. Durch ein kleines Werkchen: _The bona fide Pocket

Dictionary_ hat sich JOHN BELLOW in Gloucester einen Namen unter den

Meistern aller Zeiten erworben. Die zu dem Büchlein verwendete Schrift,

nur 3-3/8 typographische Punkte gross, schnitten MILLAR & RICHARD in

Edinburgh und London.

* * * * *

[Sidenote: Die Zeitungspresse.]

Am staunenswertesten ist die Entwickelung, welche die Zeitungspresse

trotz des erschwerenden Zeitungsstempels nahm. 1761 wurde letzterer auf

einen Penny, 1776 auf anderthalb, 1789 auf zwei Pence festgestellt; 1794

musste der ganze Bogen drittehalb, 1799 viertehalb, schliesslich gar

vier Pence zahlen. Im Jahre 1833 brachte diese Steuer dem Staate gegen

10-1/2 Millionen Mark ein, zu welchen die _Times_ allein zeitweilig über

zwei beizutragen hatten. Für jedes Inserat musste 3 _sh_ 6 _d_ Abgabe

gezahlt werden, infolge dessen die kleinste Bekanntmachung mit 7 _sh_

berechnet wurde. Jede Zeitungsnummer kostete gewöhnlich 7 Pence.

[Sidenote: Die _Times_.]

Es ist nicht hier die Aufgabe, die Entwickelung des Zeitungswesens

Schritt für Schritt zu verfolgen, geboten scheint es jedoch, in

einem Handbuch der Buchdruckerkunst wenigstens der historisch

gewordenen Offizin der _Times_, welche für alle folgenden grossartigen

Zeitungsoffizinen als Muster galt, einige Worte zu widmen, um so mehr,

als die Besitzer immer voran waren, wenn es galt, neue Erfindungen zu

benutzen oder selbst die Initiative zu solchen zu ergreifen.

[Sidenote: John Walter d. ä.]

Der Begründer der _Times_, JOHN WALTER D. Ä., war ein bedeutender

Kohlenhändler. Als er sich vom Geschäft zurückgezogen hatte, verlor er

als Beteiligter bei Schiffsassekuranzen sein ganzes Vermögen, nicht

aber den Ruf eines braven und redlichen Mannes. Zum Glück für den

Journalismus wurde durch einen Ministerwechsel seine Hoffnung auf eine

Staatsanstellung zunichte. Damals führte ihn der Zufall mit einem Setzer

HENRY JOHNSON, einem Schwärmer für ein ihm patentiertes Logotypsystem,

zusammen. Walter erwarb dessen Patent, modifizierte das System jedoch so

wesentlich, dass man es wohl als »System Walter« bezeichnen kann. Die

Typen wurden wie andere, jedoch etwas niedriger als üblich, gegossen,

durch Untergiessen von Metall verbunden und auf die richtige Höhe

gebracht. Walter etablierte sich nun als _Logographic Printer_ und wurde

von Benjamin Franklin und Sir Josuah Banks, Präsident der Gesellschaft

der Wissenschaften, aufgemuntert. Er selbst nährte die ausschweifendsten

Hoffnungen in betreff der Erfolge und teilte die Menschheit in zwei

Klassen, Freunde und Feinde der Logotypen. In jedem, der Zweifel an

seinem System hegte, erblickte er einen persönlichen Feind, so in dem

bisher mit ihm eng befreundeten Schriftgiesser Caslon und dem berühmten

Buchdrucker John Nicol. Der gekränkte Walter wollte, nachdem er es

bereits mit einem Büchlein: _Gabriel, the Outcast_, versucht hatte,

nun auch der Welt zeigen, dass man Zeitungen mit Logotypen zweckmässig

herstellen könne. Am 1. Januar 1785 erschien Nr. 1 des _Daily Universal

Register_. Es fand jedoch keinen grossen Beifall und mit dem 1. Januar

1788 wurde der Titel in _Times_ umgeändert, deren erste Nummer jedoch in

der angefangenen Reihenfolge weiter als Nr. 940 erschien.

So war der Anfang der _Times_, die später zwar den Besitzern reichen

Segen, anfänglich jedoch schwere Sorgen brachten. Das Logotypsystem

wurde von Walter selbst als unpraktisch über Bord geworfen.

[Sidenote: John Walter II.]

Dem alten Walter folgte der Sohn JOHN WALTER II. Denselben klaren Blick,

welcher ihn sofort sich der Erfindung Friedr. Königs bemächtigen liess,

zeigte er auch in allen anderen Verhältnissen. Es giebt Zeitungen mit

einer weit grösseren Auflage, als die _Times_ sie je gehabt, aber kein

Blatt hat je eine bedeutsamere Stellung eingenommen. Sie wurden eine

förmliche Macht, auf deren Stimmabgabe Behörden, Richter, die Vertreter

des Handels und der Industrie spannten und mit der Regierungen wie mit

einer gleichberechtigten unterhandelten. Jeder Engländer betrachtete

dieses Institut wie einen Teil seines eigenen Ichs und eine Schädigung

desselben wie eine ihm selbst zugefügte. Kein Fremder, der nach London

kam, vergass, wenn er die Erlaubnis zu einem Besuch in der Offizin im

_Printinghouse-Square_ erhielt, einen solchen abzustatten.

[Sidenote: Die neue _Times_-Druckerei.]

Doch diese historisch berühmten Räume wurden dem Blatt nach und nach

zu eng und mussten durch Neubauten ersetzt werden. Die Hauptfaçade

derselben, in einer Länge von 100 englischen Fuss und einer Höhe von 60

Fuss, die für den breiten Giebelteil auf 80 Fuss steigt, liegt nach der

Victoriastrasse. Das Kellergeschoss bildet einen grossen, 16 Fuss hohen

Raum und ist ausschliesslich dem Bau der »Waltermaschine« gewidmet. Das

Gebäude, von roten und gelben polierten Ziegeln aufgeführt, enthält

ausserdem noch ein Parterre und vier Stockwerke; jede Etage hat neun

halbbogenförmige Fenster. Der Eingang, architektonisch reich geschmückt,

in gehauenen Steinen ausgeführt und mit Bogen, die auf polierten

Granitsäulen ruhen, befindet sich an dem westlichen Ende. Ein vier Fuss

hoher Karnies aus gehauenen Steinen wird durch den Giebelbau, der fast

zweidrittel der Länge einnimmt, unterbrochen. Als Ausschmückung sind auf

diesem drei grosse offene Bücher, von reichem Eichenlaub mit Eicheln

umgeben, angebracht. Auf dem mittelsten derselben ist mit grossen

schwarzen Buchstaben zu lesen: _Times_; auf dem links: _Past Times_; auf

dem rechts: _Future_.

Die _Times_ haben direkte Drähte von Wien, Berlin und Paris. Mit den

Sälen der Parlamentshäuser stehen sie durch telephonische Leitung in

Verbindung. Das Endstück in der Offizin ist mit zwei Tuben versehen,

welche an den Ohren des an der Kastenbeinschen Setzmaschine arbeitenden

Setzers angebracht sind. Der Reporter spricht ihm die Verhandlungen

zu, der Setzer spielt sie auf seinem Klavier ab, und der Satz ist

fertig. Man hat dabei alle die Vorteile des mündlichen Verkehrs, um

Nichtverstandenes zu wiederholen und Missverstandenes aufzuklären. Gegen

die bisherige telegraphische Verständigung bietet die telephonische

den Vorteil, dass die Wiedergabe der Berichte über die in der Nacht

stattfindenden Parlaments-Debatten fast um eine Stunde weiter reichen

kann, als früher der Fall war.

[Sidenote: John Delane.]

Von 1841-1879 leitete JOHN THADDEUS DELANE das Blatt als Hauptredacteur

mit grossem Geschick und feinem Takt, ohne jedoch bei der Herausgabe

litterarisch thätig einzugreifen. Wenn man die _Times_ so oft als das

»leitende Blatt« bezeichnet, so ist dies insofern vielleicht nicht ganz

korrekt, als sie nicht den Anspruch erheben, die öffentliche Meinung

zu »machen«. Ihr Hauptverdienst ist, rasch und sicher zu fühlen, was

die öffentliche Meinung will, und dies dann bestimmt auszusprechen,

oft ehe sich das Publikum selbst darüber recht klar geworden ist. Ihre

Ansichten gegen den Strom durchsetzen wollen die _Times_ nicht, und

deshalb sind oft Vorwürfe gegen dieselben erhoben worden, als hätten

sie einen nachteiligen Einfluss auf den englischen Volksgeist und

die englische Politik geübt. Damit haben wir es jedoch hier nicht zu

thun; als Institution des Buchgewerbes muss den _Times_ unbedingte

Bewunderung ausgesprochen werden und es mögen die von Sir Ed. Lytton

Bulwer im Parlament gesprochenen Worte noch hier stehen: »Wenn ich in

der Lage wäre, ein Denkmal unserer Civilisation der späteren Nachwelt

hinterlassen zu müssen, so würde ich nicht in erster Reihe unsere

Docks, unsere Eisenbahnen, nicht unsere öffentlichen Gebäude, selbst

nicht den Prachtbau, in welchem wir tagen; ich würde einen Band der

_Times_ wählen«. John Walter II. speziell muss jeder Deutsche seine

Achtung zollen wegen der Art und Weise, wie er für Friedr. König

eintrat. Ohne den festen Rückhalt, den letzterer an Walter fand, wäre

er wahrscheinlich, als ein zweiter Gutenberg, in den Händen kleinlicher

Geldmenschen, verkümmert.

[Sidenote: Das Fallen der Stempelsteuer.]

Das Sinken der fesselnden Steuer auf Zeitungen ging rascher als

das Steigen. 1851 war sie ganz abgeschafft, 1861 die Papiersteuer.

Jetzt stand der Entwickelung einer wohlfeileren Zeitungspresse, dem

sogenannten Monopol der _Times_ gegenüber, nichts im Wege, und man

verfehlte nicht, rasch von der Lage Gebrauch zu machen. Zwar fehlte es

nicht an ängstlichen Gemütern, welche gerade in den Erleichterungen

einen Ruin der »guten Presse« und ein Heraufbeschwören der bösen Geister

erblickten. Diese Stimmen sind durch die mit den _Times_ um den Einfluss

kämpfenden Penny-Blätter zum Schweigen gebracht und noch jetzt gelten

die Worte Macaulays: »Während eines Zeitraums von 170 Jahren ist die

Freiheit unserer Presse immer vollständiger geworden und während dieser

170 Jahre ist die Beschränkung, welche das allgemeine Urteil der Leser

den Schriftstellern auferlegt, immer strenger geworden. Noch heutzutage

sind Fremde vollständig ausser Stande, zu begreifen, wie es geschehen

kann, dass die freieste Presse in Europa zugleich die rücksichtsvollste

ist.«

* * * * *

[Sidenote: Statistik der Zeitungspresse.]

Was die Zahl der Organe betrifft, steht die englische Zeitungspresse

nicht nur weit hinter Amerika, sondern selbst gegen Deutschland und

Frankreich zurück, ihre Macht ist jedoch nicht in der Zahl, sondern

in dem Umfang, der Reichhaltigkeit und der starken Verbreitung der

Zeitungen zu suchen[61].

[61] C. MITCHELL & CO., _The newspaper press directory 1881_. London.

36. Jahrg. -- F. L. MAY & CO., _Press-guide_. -- A. ANDREWS,

_The history of british journalism to 1855_. 2 Bde. London 1859.

-- JAMES GRANT, _The newspaper Press_. 3 Bde. London 1871. --

JUL. DUBOC, Geschichte der englischen Presse. Hannover 1873. --

R. R. MADDEN, _The history of Irish periodical Litterature_.

London 1867. -- Zur Charakteristik des Journalismus in England.

Deutsche Vierteljahrsschrift 1853. -- H. SAMPSON, _A history of

Advertising_. London 1874.

Im Jahre 1881 hatte Grossbritannien 1986 Zeitschriften, von welchen 378

in London, 1087 in der Provinz, 66 in Wales, 181 in Schottland, 181

in Irland und 20 auf den Kanalinseln erschienen. Unter diesen waren

nur 153 Tagesblätter, von welchen 18 London, 94 der Provinz, 3 Wales,

21 Schottland, 16 Irland, 1 den Kanalinseln gehörten. 69 derselben

kosteten nur 1/2 Penny, 70 1 Penny, die übrigen waren im Preise

verschieden bis zu 3 Pence. Die Post allein versandte im Jahre 1880 131

Millionen Zeitungsblätter, was jedoch nur einen Bruchteil des Konsums,

namentlich der Wochenblätter, repräsentiert. Der _Daily Telegraph_

druckte eine amtlich beglaubigte Auflage von täglich 242215 Exemplaren

im Durchschnitt; der _Standard_ versandte 209555 Exemplare. Das macht

für die zwei Blätter jährlich 135531000 Nummern, während die Gesamtzahl

aller Tageszeitungen im Jahre 1851 nur 18 Millionen erreichte, zu

welchen die _Times_ allein etwa zweidrittel beitrugen. 1821 brachten

es alle Zeitungen und Zeitschriften zusammen auf gegen 25 Millionen

Nummern, heute beträgt die Jahressumme Einer Wochenschrift: _Lloyds

Weekly_, bei einer Durchschnitts-Auflage von 612902 Exemplaren, 32

Millionen.

Und dabei, welchen Umfang haben die jetzigen Zeitungen! An einem aufs

Geratewohl gewählten Tage, dem 13. Mai 1880, wiesen _Times_ 120 ihrer

Riesenspalten auf, davon 80 mit Anzeigen. _Daily Telegraph_ hatte 96

Spalten, von welchen die Inserate 62 in Anspruch nahmen. _Daily News_

und _Standard_ brachten je 64 Spalten, erstere 36 Anzeigenspalten,

letzterer 28. Eine Nummer eines Provinzialblattes, _The Scottsman_ in

Edinburgh, bestand aus 112 Spalten in Folio mit 33000 Zeilen und über 2

Millionen Buchstaben, etwa doppelt so viel, als ein dreibändiger Roman

enthält.

Das Anzeigewesen ist sehr praktisch eingerichtet und man kennt in

England nicht das Übermass von Accidenzschriften, Abbildungen u. dgl.,

von welchem der Inseratenteil der deutschen Zeitungen strotzt. Der Preis

einer Inseratzeile ist gewöhnlich 1 _sh._

[Sidenote: Der telegraphische Verkehr.]

Von enormer Bedeutung ist der telegraphische Verkehr der Zeitungen. Es

gab eine Zeit, wo die Tagespresse sich rühmte, jetzt nur fünf Monate für

die Herbeischaffung von Nachrichten aus Gegenden zu gebrauchen, wozu

früher dreizehn Monate gehört hatten. Am 1. Oktober 1880 war 23 Minuten

nach der Eröffnung der Welt-Ausstellung in Melbourne die Nachricht davon

bereits von Reuters Bureau in London gedruckt ausgegeben, obwohl die

Depesche fast durch ein Dutzend Linien hatte gehen müssen.

Im Jahre 1880 wurden 313500000 Wörter für die Zeitungen in England

telegraphiert. In einer Nacht beförderte das Hauptamt in London oft

100000 Wörter, wobei der bedeutende Verkehr der Privatleitungen der

Zeitungen nicht gerechnet ist.

Grosse Summen werden von englischen Blättern auch auf die

Spezialkorrespondenten verwendet, die ebenfalls mit Telegrammen nicht

sparsam sind. So erzählt man von einem Korrespondenten in Paris, dass

er, um für eine zu erwartende wichtige Nachricht sich die Benutzung

des Drahtes vorher zu sichern, stundenlang ganze Kapitel aus der Bibel

telegraphiert habe.

* * * * *

[Sidenote: Statistik der Buchdruckerei.]

Die Anzahl der Buchdruckereien in Grossbritannien wird auf 4000

geschätzt. England besitzt eine verhältnismässig kleinere Zahl

von Schnellpressen, was sich durch die grosse Leistungsfähigkeit

der neuen Rotationsmaschinen erklärt. Rechnet man die graphischen

Nebengeschäfte mit, so ist die Zahl der direkt und indirekt dem

Pressgewerbe angehörenden eine enorme. London allein zählte im

Jahre 1881 871 Druckereien, 60 Schriftgiessereien, Stereotyp- und

galvanische Anstalten, 74 Maschinen- und Utensilien-Fabriken,

32 Farbe- und Walzenfabriken, 231 lithographische Anstalten, 80

Kupferdruckereien, gegen 2000 Papierhandlungen, 400 Buchbindereien,

850 Sortimentshandlungen, 460 Buch- und Musikalienverleger, 950

Zeitungshandlungen, 130 Inseratagenturen.

Da viele Geschäfte 300-1000 Personen beschäftigen, so ist das Heer der

Arbeiter ein mächtiges. Im Jahr 1882 betrug die Zahl der Mitglieder

des Londoner Setzer-Vereins 4960; die Einnahme war 10000 £ Sterl., das

Einkommen der verschiedenen Gehülfen-Organisationen bezifferte sich im

ganzen auf 257439 £ Sterl., die Fonds betrugen 272413 £ Sterl.

[Sidenote: Die Frauen als Setzerinnen.]

Die Versuche, Frauen als Setzerinnen auszubilden, haben keine

bedeutenden Erfolge gehabt. Miss EMILY FAITHFULL, die Gründerin der seit

1858 bestehenden »Victoria-Druckerei«, gab 1880 ihren Posten auf. Nur

bei den Setzmaschinen finden Frauen in grösserer Zahl Beschäftigung.

[Sidenote: Arbeitsweise.]

In den grossen Buchdruckereien werden die Arbeiten in fabelhaft kurzen

Fristen ausgeführt und das vorhandene Material ist ein enormes.

Umfangreiche Werke in mehreren Bänden bleiben oft in Formen geschlossen

stehen, bis über einen etwaigen Neudruck entschieden wird. Solche

Arbeiten müssen selbstverständlich den Anforderungen entsprechend

bezahlt werden, während gewöhnliche, die mit Musse betrieben werden

können, billig zu haben sind. Hierbei zeigt sich so recht der

geschäftliche Vorteil, der darin liegt, erstens nur eine Druckschrift

nötig zu haben, und dann nicht von dem individuellen Geschmack eines

jeden Bestellers abhängig zu sein, wie es in Deutschland der Fall ist,

wo, abgesehen von Fraktur oder Antiqua, bald eine breite, dann eine

schmale, bald eine runde, dann eine eckige Schrift verlangt wird, stets

natürlich zugleich eine neue.

Für seine wirkliche Arbeit wird der englische Setzer gut bezahlt, den

»Speck« der deutschen Buchdruckereien kennt er nicht. Die Setzer teilen

sich in _Establishment hands_ (oder _Stabhands_), die den festen Stamm

bilden und im festen Gelde arbeiten; _Full framers_, die nach Stück

bezahlt werden und in der Regel auch tüchtige Arbeiter sind; _Suppers_,

die nur volle Arbeit haben, wenn das Geschäft flott geht, denen jedoch

ein Minimum garantiert wird; und _Grasscutters_, die täglich nachfragen,

ob augenblicklich Arbeit vorhanden ist.

Die Lokale sind in der Regel nicht besonders bequem eingerichtet, weil

der Raum ein sehr kostspieliger, so dass in dem von einer deutschen

Buchdruckerei in Anspruch genommenen eine englische Druckerei des

doppelten Umfanges Platz finden würde.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst. 1751-1882. · 第 8 / 47 段