Wie schon hervorgehoben, bringt der innige Zusammenhang zwischen

Heimatschutz und Denkmalpflege mit sich, daß unsre Bauberatungsstelle

eine Reihe der vorliegenden Aufgaben im ständigen Einvernehmen mit

dem Landesamt für Denkmalpflege im Ministerium des Innern erledigt.

Bei allen Veränderungen, Erweiterungen und Zutaten an Baudenkmälern,

bei denen die Beratungsstelle gehört werden sollte, werden Gutachten

und Vorschläge nur nach gemeinsamen Beratungen abgegeben. Es handelt

sich vielfach um sehr wichtige Fragen, die öfters im Kreise der

maßgebenden Dresdner Künstler besprochen werden. So machten wir einen

Vorschlag für den geplanten, bisher allerdings noch unterbliebenen

Ausbau von Schloß Übigau für die Zwecke der Schiffswerft Übigau, und

hatten die Genugtuung, daß unser Vorschlag angenommen wurde. Ebenso

bearbeiteten wir gemeinsam mit dem Stadtbauamt Löbau einen Entwurf

für die Wiederherstellung des »Goldenen Schiffs« in Löbau und seine

Verwendung für städtische Diensträume sowie die Verbindung des Gebäudes

mit dem benachbarten Rathaus durch einen Übergang. Bis auf den

kleinen Dachgiebel an der Marktseite, den wir nicht wünschten, sind

dabei unsre Vorschläge durchgeführt worden und damit die reizvolle

Barockarchitektur des früheren Hotels wieder hergestellt worden.

Weiterhin beschäftigten uns noch Planungen von Bankneu- und -umbauten

für Meißen, insbesondere ein geplanter Neubau am ehemaligen

Franziskanerkloster. Hier waren Probleme der Denkmalpflege mit

städtebaulichen und Verkehrsfragen innig verknüpft und es gelang

trotzdem zwischen Bauherrschaft, entwerfendem Architekten und

Baupolizei eine Einigung in unserm Sinne zu erzielen, wenn freilich

auch die Verwirklichung der Pläne noch aussteht.

Herbstwege

Von _Max Zeibig_, Bautzen

Über all das deutsche Elend strahlt der Herbsthimmel sein schönstes

Blau. Fast südliche Heiterkeit strömt von ihm zur Erde, als wollte er

Gnade bringen, nichts als Gnade.

Und in all die graue deutsche Armut sprüht der Herbst seine lachenden

bunten Farben und streut der Blätter Gold verschwenderisch zu unsren

Füßen, bis wir darin wühlen können.

Was ist dies Sterben? Ein Aufleuchten. Ein Jubeln und Jauchzen. Ein

letztes Sammeln von Kraft und Schönheit. Und ein leises Verkünden von

fernem Auferstehn.

Laßt uns gehen in den Herbst!

Wir wandern und wandern. Mächtige alte Bäume geleiten uns die Straße,

die immer weiter will, stundenlang durch Heide, der Sachsengrenze zu,

wo um Muskau rauschende Wälder träumen.

Junge Frauen arbeiten in blumenbunten Schrebergärten, ernten karge

Frucht und harren der Heimkehr des Mannes, um sich nach des Tages

Arbeit ein Stündlein auf eigenem Boden zu erfreuen. Aufleuchten die

vergrünenden Wiesen im herbstlich blassen Sonnenglanz. Bestellt und

besorgt ruhen die braunen Felder. Nur manchmal noch steigt der Rauch

von späten Kartoffelfeuern in die klare Luft.

Im Südosten zieht die heimatliche Bergkette ihre sanftgebogene blaue

Linie an den Himmel hin. Dann und wann wölbt sich ein Hügel und nimmt

ein Dorf zur Krone. Der Kirchturm von Hochkirch guckt keck und

neugierig über die selige Landschaft. Und die Kreckwitzer Höhen denken

mit Schrecken an die reitende Batterie Probsthayn und an den alten

Vater Blücher und sind froh, daß sie ihren Frieden haben. Im Norden

winken die Heidewälder und locken mit dem Schweigen und der Ruhe ihrer

Trosteinsamkeit.

Aber wir biegen von der großen Straße ab, sehen die verknorrte

Napoleonskiefer mit dem hellen Gewirr ihrer Äste und wenden uns rechts

den Teichen zu. Da stellt sich eine mächtige Eiche in den Weg. Man

weiß nicht genau, ist sie vier- oder sechshundert Jahre alt. Vor Tagen

umschloß eine ganze lustige Kinderschar den gutmütigen Riesen mit

weitgeöffneten Armen, daß der Alte ganz behaglich schmunzelte.

Der schmale Weg an den Teichen ist von Laub fast verschüttet. Ahorn,

Buchen, Eichen, Spiräen und Akazien werfen ihre Blätter auf den weichen

Boden. Hoch steht das Schilf im Wasser. Kanonenputzer wiegen ihre

braunen Köpfe im leichten Wind und wilde Vögel fliegen erschreckt auf,

wenn wir ihrem Nest zu nahe kommen.

Der birkenbesäumte Poetensteig führt hinüber zum Gutsweg. Auf einem

Bauernhof freuen wir uns eines Storchnestes, kehren um und schauen vom

Platze des liebevollen Kriegerdenkmals noch einmal auf das freundliche

Dorf.

Wie warm und herdfroh liegt es im milden Glanz der Abendsonne! Wie

friedlich stehen seine Häuser beieinander! Wie ist das alles selig,

still und schön! Ein Heimatdorf! Ein deutsches Dorf!

Deutschland! Daß du unsre Heimat bist, das ist unser Herzensglück ...

Dennoch!

Die vom Wasser zerbrochene Brücke lassen wir beiseite und gehen, immer

zwischen Wiesen und Feldern, heim in unsre Stadt. Da leuchtet aus

rotglühenden Fenstern ein Widerschein all der beseligenden Freude, die

wir heute genossen.

Und ob wir nun andre Wege wählen, ob wir uns südlich wenden und die

Bergstraße hinaufziehen durch das Dorf Soculahora, ob wir bei der

Roten Schenke den Czorneboh grüßen und rechts in den Wald biegen,

um wundervolle Ausblicke in das Lausitzer Land zu haben, ob wir ein

Stück mit dem Zug in die Wendei fahren, um am Schwarzen Adler einen

Garten mit seinen Herbstblumen, mit Strohblumen weiß, rot und gelb,

mit Petunien, Mohn und Löwenmaul, mit kinderaugenblauen Lobelien und

ockergelben Studentenblumen zu bewundern, ob wir eine malerische

Wendensiedlung betrachten und im stillen Friedhof der frommen

Brüdergemeinde andächtig werden ob der Stimmung, die der Herbst in

seinem königlichen Sterben darüber zaubert, ob wir dann endlich an

einem prächtigen Barock-Schloßbau vorbei, heimkehren und unsre Stadt

in stets neuen, wechselreichen Bildern vor uns aufsteigt, immer und

auf allen Heimatwegen ist unser Innerstes feierlich erhoben. Aus

Heimatschönheit blühen Heimatliebe und Heimattreue als die Gefühle,

die, seien wir hoch oder niedrig, reich oder arm, uns doch zu dem

Bewußtsein führen müssen, daß deutsch, wie unser Land, auch unser Leben

und unsre Liebe sein müsse.

Noch ist es Herbst; aber ferne schon dämmert die Winternacht herein.

Und ein schwerer deutscher Winter steht uns bevor. Er soll uns gerüstet

finden in Liebe, Kraft und Treue. Das sei der Sinn und die Ernte, das

sei die Sonne unsrer Herbstwege.

Das Trompeterschlößchen zu Dresden

Als ich Dasdorf jüngst und Haschen,

Topographen in den Taschen,

Dresden zu beschau’n begann,

Fand ich vor dem Tor vom See,

Steingehaun an Hauses Höhe,

Einen goldnen Reitersmann.

Wacker stößt in die Trompete

Er am Haus, als blas’ er Fehde

Oder einen frohen Tusch,

Und es weht auf seinem Hute,

Schiefgesetzt in kräftgem Mute,

Ein gewaltger Federbusch.

Also beginnt das lange Gedicht, womit der Dresdner Dichter Theodor

Hell (mit seinem eigentlichen Namen Winkler) im Jahre 1816 oder

1817 das Hochzeitsfest eines seiner Freunde verherrlichte, der im

Trompeterschlößchen zu Dresden wohnte. Und weiter erzählt Hell in

diesem Gelegenheitsgedicht, was ihm angeblich eine alte Krückenfrau

über den Ursprung des »Sinnbildes« vom blasenden Trompeter berichtet

habe. Im Dreißigjährigen Kriege kam einst ein verirrter Trompeter in

ein abgelegenes Wirtshaus, »suchend für die Nacht sich Schutz gegen

Ungewitters Trutz«. Aber das Haus ist vom Kriege zerstört und vermag

ihm kein Obdach zu bieten. Der Wirt belehrt den Trompeter:

Nur dort oben im Gemäuer

Ist noch Platz, doch nicht geheuer,

Denn ein böser Geist bei Nacht,

Drin gewaltgen Unfug macht.

Wer dort oben übernachtet –

_Manchen schon betraf_ dies Los –

Wird um Mitternacht geschlachtet,

Und ein Geist steht riesengroß

In der Stunde der Gespenster

An dem hohen Bogenfenster

Und trompetet dort hinaus,

Daß uns überläuft ein Graus.

Aber der Trompeter, im Kriege gehärtet, hat frohen Mut; er spornt

sein ermattet Roß, eilt flugs zu dem hochgetürmten Schloß empor und

sucht sich dort ein Unterkommen in einem der vom Besitzer verlassenen,

prächtig ausgestatteten Zimmer. Als aber »auf fernem Turme Mitternacht

die Glocke schlägt,« erwacht der Trompeter von einem fürchterlichen

Rumor, der das Schloß durchtobt; ein Geist, in der Faust ein Schwert,

tritt mit wütender Gebärde in das Zimmer des Trompeters, ein Sturmwind

entführt diesem die schnell gezückte Klinge, und der Geist hebt schon

»den Sarras blutig rot«, um den Trompeter den Garaus zu machen. Der

aber greift in seiner letzten Not, einer plötzlichen Eingebung folgend,

zu seiner Trompete und bläst einen tüchtigen Tusch. Ganz verdutzt

läßt der Geist seinen Sarras sinken, der Trompeter erfaßt rasch die

Sachlage und bläst »rasch, bald kalt, bald heiß, alle Stückchen, die er

weiß«. Da nimmt der Geist von der Wand seine eigene Trompete, winkt dem

Trompeter und führt ihn in einen großen Saal.

An das hohe Bogenfenster

Tritt der Geist, wo manchesmal

In der Stunde der Gespenster

Er schon Schrecken blies ins Tal.

Neben ihn sich hinzustellen

Winkt er dann: Und Töne schwellen

Aus dem Geisterinstrument,

Wie kein Virtuos sie kennt.

Der Trompeter muß sekundieren und eine ganze Stunde blasen die beiden

ihre schauerlichen Melodien zum Fenster hinaus.

Huh, das klingt durch Wald und Auen,

Stört den Schlaf aus Nest und Bett;

Niemand hörte sonder Grauen

Noch ein ähnliches Duett.

Als es Eins schlägt, hört der Geist auf zu blasen, winkt dem Trompeter

und führt ihn

Tief in eines Kellers Nacht,

Wo ein Schatz von Golde lacht.

Hier eröffnet der Geist dem Trompeter, daß er einst ein böser Ritter

gewesen sei und alle Fremden erschlagen habe, die in seinem Schlosse

eingekehrt seien im Glauben, hier ein gastliches Obdach zu finden. Da

traf ihn des Himmels Strafe: er sollte nicht eingehen zum Frieden,

sondern müsse jede Nacht fortan die Trompete blasen, bis ihm zu seinen

»Jammertönen« ein Trompeter sekundieren würde, allen Erdensöhnen aber,

die nur Neugier herführen würde,

»Und die nicht als Virtuosen

In die Heertrompete stoßen,

Oder furchtsam sind und bang

Bringen Tod und Untergang.

Du hast endlich mich gerettet,

Nimm den Schatz zum Danke dir:

Ruhig ist nunmehr gebettet

Meine Totenkammer mir.«

Der Geist verschwindet und der Trompeter füllt, nachdem er sich von dem

Schrecken und der Anstrengung erholt hat, flott seinen Mantelsack voll

Gold, bläst am Morgen noch einen lauten Tusch zum hohen Bogenfenster

hinaus und reitet froh von dannen.

Und nachdem der Krieg geendet,

Nimmt er seinen Abschied gleich,

Hat nach Dresden sich gewendet,

Wohl an Geld und Gute reich,

Hat dies Haus hier aufgebauet,

Wo man ihn noch immer schauet

Steingehaun mit goldnem Schnitt,

Wie er von dem Schlosse ritt.

Reicher Beifall der Hochzeitsgäste lohnte dem Dichter nachdem er

geendet hatte, und seitdem erzählt man sich in Dresden die Sage vom

Trompeterschlößchen. In der sagenfrohen romantischen Stimmung der

Zeit fand sie vollen Widerhall. Ob Theodor Hell irgendwelchen Anhalt

für sein Gedicht aus mündlicher Überlieferung erhalten, oder ob er,

was wahrscheinlicher ist, nur aus seiner eigenen Phantasie geschöpft

hat, bleibe dahingestellt. Aber die Sage spann sich weiter. Hell

veröffentlichte seine Dichtung 1817 in der »Zweiten Gabe des Komus«,

eines Taschenbuchs, das er mit befreundeten Dichtern seit 1816

herausgab. Noch in demselben Jahre ward es nachgedruckt in dem Buche:

»Poetische Sagen der Vorzeit als: Legenden, Volkssagen, Märchen und

Schwänke ernsten und launigen Inhalts für Freunde der Dichtkunst und

als Stoff für Deklamation gesammelt vom Deklamator C. F. Solbrig,«

worin sich eine lange Reihe Dichtungen ähnlicher Art von Castelli,

Göcking, Theodor Hell, Friedrich Kind, dem Dichter des Weberschen

Freischütz, Theodor Körner, Langbein, Pfeffel, Wilhelm Schlegel,

Schwab, Schubert und zahlreichen längst vergessenen Dichtern jener Zeit

finden. Auch Goethe ist darin mit dem Gott und der Bajadere sowie mit

dem Hufeisen vertreten.

In ganz anderer Fassung tritt uns dann die Sage vom Trompeterschlößchen

in Widar Ziehnerts Volkssagen 1834 entgegen. Dieser verlegt den Spuk in

das Trompeterschlößchen selbst, das er ein »vielbesuchtes, rühmlichst

bekanntes Gasthaus« vor dem Seetor in Dresden nennt.

In Dresden war ein stattlich Haus

Doch ging kein Mensch da ein und aus,

Denn huh! niemanden litt es drin

Und zwang den Hausherrn auszuziehn.

Der Trompeter ist bei Ziehnert ein grober Bayer, namens Claus. Er

übernachtet trotz der Warnung in dem verlassenen Spukhause. Um

Mitternacht treten vierundzwanzig Gerippe in Leichentüchern in den

Saal. Sie fordern den Trompeter auf, ihnen zum Tanz zu blasen und

beginnen dann unter fürchterlichem Geheul einen fliegenden Reigen, bei

dem der Trompeter für jeden falschen Ton, den er in Todesängsten bläst,

einen Backenstreich erhält. Um ein Uhr hört der Tanz auf. Die Tänzer

drängen sich zur Tür hinaus und kreischen dumpf: »Zur Grabesruh, zur

süßen Ruh.«

Der von Angst erfüllte Trompeter gewinnt endlich seine Fassung wieder.

Er dreht sich um – er wagt es drauf! –

Und reißt das Erkerfenster auf,

Und bläst die Herzensangst mit Macht

Hinaus weit in die stille Nacht.

Der Wirt erscheint, nimmt den Trompeter mit in sein zweites Haus, zählt

ihm eine lange Reihe blanker Gulden hin und fordert ihn auf, bei ihm zu

bleiben, er solle auch immer »freies Bier« haben. Aber der Trompeter

will nichts davon wissen, er sattelt sein Roß und reitet davon.

Und trägt als unschätzbaren Lohn

Die gute Lehre mit davon:

Sieh zu, daß dein Gewissen gut,

Sonst fehlt dir in Gefahr der Mut ...

Ziehnert schließt seine moralisch gewendete Dichtung, die aus dem

gottlosen Trompeter einen gottesfürchtigen Mann werden läßt, mit

folgender Strophe:

Der Spuk im Hause war gebannt.

Der Wirt zog wieder ein und wandt’

Ein fein Stück Geld daran und ließ,

Wo Claus einst aus dem Fenster blies,

Ihn konterfei’n, in Stein gehau’n.

Dort ist er heute noch zu schau’n

Gar schön vergoldet; und das Haus –

Da ward’s Trompeterschlößchen draus.

Wie man hieraus ersieht, ist Widar Ziehnert der eigentliche

Erfinder der Sage, wie sie sich in Dresden erhalten hat. Er hat

die Mär aufgebracht, daß der Spuk vom blasenden Trompeter sich im

Trompeterschlößchen selbst zugetragen habe. Wer wissen will, wie

sich die Sage in der sagenfrohen Zeit der Romantik weiter mannigfach

gewandelt hat, der lese nach in Friedrich Gottschalks Deutschen

Volksmärchen (Leipzig 1846) und in der Konstitutionellen Zeitung,

Jahrgang 1854, Nr. 3 ff., wo ein Schriftsteller namens Winter als den

Trompeter einen Polen namens Thaddäus Slawkowsky nennt und die Sage in

das Jahr 1524 verlegt.

Auf die mündliche Überlieferung in Dresden und auf Theodor

Hells »Ballade« beruft sich auch J. P. Lyser in seiner Sammlung

»Abendländische Tausendundeine Nacht«, der den Spuk in Dresden spielen

läßt und ihm durch die Hochzeit des verwundeten Wallensteinschen

Trompeters mit der Tochter des Wirtes vom Trompeterschlößchen – nach

der Rückkehr aus dem Dreißigjährigen Kriege – einen fröhlichen Abschluß

gibt. Derselbe Lyser behandelt in Saphirs Humoristen den Stoff unter

dem Titel Trompeter und Graumännchen wieder in anderer Weise.

Die Wirklichkeit ist nüchterner als die romantische Sage, die, wie es

scheint, erst im neunzehnten Jahrhundert entstanden ist und in immer

neuen Wandlungen auftaucht. Sicher ist, daß auf dem Grundstück, das

am Dippoldiswaldaer Platz steht, seit 1635 Gasthofgerechtigkeit ruht

und daß es sich um 1650 im Besitze des kurfürstlichen Feldtrompeters

Peter Andreas befand. Schon im siebzehnten Jahrhundert wurde es als das

»Schlößchen« bezeichnet. Nach dem Trompeterschlößchen wurde 1874 der

westliche Teil der ehemaligen Großen Oberseergasse und das Weststück

der anstoßenden früheren Kleinen Oberseergasse Trompeterstraße genannt.

Ob – wie Gottschalk sagt – an Stelle des jetzigen Trompeterschlößchens,

das seine gegenwärtige äußere Gestalt dem Jahre 1764 verdankt, ein

Jagdschloß bestanden hat, das der Burggraf Konrad von Dohna im

neunten Jahrhundert erbaute und das späterhin mit dem Untergange des

Grafengeschlechts derer von Dohna allmählich verfallen sei, bleibt

ungewiß.

[Illustration: Abb. 1 =Trompeterschlößchen, Eingang vom

Dippoldiswaldaer Platz=]

Ohne weiteres falsch ist die Mär, daß die Stätte des

Trompeterschlößchens um das Jahr 1150 mit dem Jakobshospital überbaut

gewesen sei, denn dieses stand, wie aus jedem alten Plane Dresdens zu

ersehen ist, vor dem Wilschen Tor am Eingange der Annenstraße. Sicher

aber ist, daß das Trompeterschlößchen mindestens seit dem siebzehnten

Jahrhundert ein vielbesuchter Gasthof war. Hier mündeten die Straßen,

die von Dippoldiswalde und von Dohna her nach Dresden führten. Von dem

Schlößchen aus führte zwischen den beiden Seen, nach denen die Straßen

Am See und Oberseergasse benannt sind, die Straße nach dem Seetor,

und die Fuhrleute, die von Dippoldiswalde, Dohna usw. nach Dresden

fuhren, sei es, um hier ihre Ladung abzulegen oder weiter über die

Augustusbrücke nach Bautzen usw. zu fahren, pflegten im Schlößchen zu

übernachten und erst am andern Morgen weiter zu fahren. Weiter nennt

Iccander in seinem Buche von 1726 »Das fast auf dem höchsten Gipfel

seiner Vollkommenheit und Glückseligkeit prangende Königliche Dresden

in Meißen« im 32. Kapitel ›Von Gasthöfen in und vor Dresden‹ auch

das Trompeterschlößchen am See, in welchem »die Garde du Corps oder

reitende Trabanten ihre stets währende Estandart-Wacht hat.«

[Illustration: Abb. 2 =Trompeterschlößchen, Bräustübl=]

Eine gleichzeitige Nachricht über das Trompeterschlößchen stammt

aus dem Jahre 1719. Als damals die Hochzeit des Kurprinzen mit der

Kaiserstochter Maria Josepha in prunkenden Festlichkeiten verherrlicht

wurde, ward gleichzeitig aus Furcht vor Unruhen wegen der herrschenden

Teuerung und Hungersnot eine Art Belagerungszustand über die

Stadt verhängt. Unter anderm waren in den Vorstädten 26 Tage lang

Dragoner mit dem Sicherheitsdienst beauftragt. Bezeichnend für die

Schattenseiten der üppigen Festlichkeiten war, daß sich nachträglich

die Gastwirte in dem Schlößchen (das ist das Trompeterschlößchen),

in der Lilie (Fischerdorf) und im Roten Hirsch (Pirnaische Gasse)

beschwerten, »daß sie genötigt gewesen seien, während dieser

Solennitäten viele Reiter und Pferde bei sich aufzunehmen, ihnen alle

Nacht Licht zu geben und dabei viel Ungemach von ihnen sowie vielen

Schaden dadurch zu leiden gehabt, weil ihre Pferde, weil sie wenig

Futter bekommen, aus Hunger die Krippen, Rauffen und sogar die Planken,

wo sie angebunden gewesen, angefressen und so zerbissen hätten, daß

neue dafür angeschafft werden mußten.« Nachdem sich der Rat von der

Richtigkeit der Beschwerde überzeugt hatte, bewilligte er den drei

Wirten eine auch auf Stall- und Lichtgeld sich erstreckende Vergütung

von 24 Talern und 16 Groschen, ließ aber diese Summe (laut Resolution

vom 7. Dezember 1719) von den zehn vorstädtischen Gemeinden aufbringen,

zu deren »Sicherheit« jene Mannschaften dahin postiert worden waren.

[Illustration: Abb. 3 =Trompeterschlößchen, Gasträume=]

Der Siebenjährige Krieg brachte dem Trompeterschlößchen schweres

Unheil. Im Jahre 1760 brannte es bei der Belagerung Dresdens durch die

Preußen vollständig ab. Erst vier Jahre später erstand es von neuem in

der Gestalt, die es im Äußeren heute noch hat. Damals erhielt es auch

als Wirtshausschild den blasenden Trompeter in der zeitgenössischen

Tracht mit der Unterschrift:

Trompeterschlößchen nennt man mich,

Des Krieges Wut empfand auch ich.

Es warf mich unverhofft ein tötend Feuer nieder,

Allein ich stehe nun durch Gottes Gnade wieder. 1764.

17 Christoph Siegmund Beuther 64

Auch in der Napoleonischen Zeit erlitt das Trompeterschlößchen manches

Ungemach. Während der Schlacht bei Dresden am 26. und 27. August

ritt Napoleon wiederholt am Dohnischen Schlag vorüber, als er die

feindlichen Stellungen und Pläne zu erkunden suchte; er soll auch

einmal vor dem Schlößchen gehalten und die zum Ausfall vorüberziehenden

Truppen begrüßt und angefeuert haben. Dem Trompeterschlößchen wurde

in diesen Tagen von den Soldaten übel mitgespielt: Vater Jäppelt,

der damalige Wirt, hat oft erzählt, man habe ihm nicht einen Tropfen

in den Flaschen gelassen und von allen Eßvorräten sei nur ein fast

fleischloser Kalbskeulenknochen übriggeblieben.

Im ganzen neunzehnten Jahrhundert bis heutigentags war und ist nun

das Trompeterschlößchen als gut bürgerliches Gasthaus wohlbekannt

und geschätzt. Da gab es unter anderm einen Stammtisch, an dem sich

regelmäßig eine Anzahl Dresdner Bürger, besonders Handwerksmeister,

beim Glase Bier zu fröhlicher Unterhaltung zusammenzufinden pflegten.

An hundert Jahre hat dieser ehrbare Stammtisch bestanden.

Noch eine literarische Erinnerung knüpft sich an das alte gute

Gasthaus. Eine Inschrift, die jetzt im großen Gastraum angebracht ist,

berichtet darüber folgendes:

»In diesem Hause wohnte der Dichter Otto Ludwig aus Eichsfeld mit

Unterbrechungen vom September 1849 bis zum Juni 1852; sein Drama

›Der Erbförster‹ wurde währenddem am 4. März 1850 vom Dresdner

Hoftheater zum ersten Male aufgeführt, und er arbeitete damals an der

Makkabäer-Tragödie. Hier erlebte der neununddreißigjährige Mann auch

die glückliche Frühzeit seiner am 27. Januar 1852 geschlossenen Ehe mit

Emilie geb. Winkler aus Meißen.« Er schrieb darüber an seinen Freund:

»Unsere Wirtschaft hat vor der Hand noch etwas studentenartiges, ich

und meine Frau Studentin stecken zu zweit in demselben Zimmer des

Trompeterschlößchens, das ich als Junggeselle schon innegehabt, einem

Zimmer, das zehn Schritte lang und fünf breit und einem Kämmerlein, das

eben Raum hat für die Betten, Koffer, Waschtisch und zwei Leute, die

sich eben mühsam dazwischen und aneinander vorbei bewegen können.«

* * * * *

Dieses alte Dresdner Gasthaus, das an sich ein Stück Alt-Dresdner

Heimat darstellt, hat nun in den letzten beiden Jahren im Innern

eine neue Einrichtung und Ausstattung erhalten, die wir in ihrer

Art von unserm Standpunkt aus als vorbildlich bezeichnen dürfen.

Sie ist gutbürgerlich, ohne den Luxus oder den Schein von Luxus,

durch den uns die vorige Generation von Architekten und Dekorateuren

an so vielen Stellen, wo wir ihn weder brauchten noch suchten, den

Aufenthalt verleidet hat, und doch so, daß Leute mit künstlerischen

Anschauungen ihr Genüge finden und gern dort verkehren. Alles gewaltsam

Humoristische, das einen mit der Zeit anwidert, alles falsch

verstandene Volkstümliche, alles Unechte und Talmihafte ist vermieden,

der künstlerische Grundzug des Ganzen aber ist einerseits aus den

geschichtlichen und sagenhaften Erinnerungen des Hauses, anderseits

aus den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen unsrer Zeit gewonnen.

Die alte Grundfläche ist vollständig geblieben, modernen Verhältnissen

aber entspricht, daß an Stelle der Ställe und Schuppen für Pferde-

und Lastwagen zweckmäßige Autohallen getreten sind. Die Fremdenzimmer

mit Raum für insgesamt hundertfünfunddreißig Betten sind einfach aber

gediegen mit allem ausgestattet, was ein bürgerlicher Reisender im

Gasthause, das nicht ein luxuriöser Fremdenhof sein will, erwartet. Die

Gasträume sind behaglich, anheimelnd und gediegen zugleich. Was in der

Ausstattung an alte Zeiten erinnert, drängt sich nicht auf, als ob ein

Gasthaus ein Altertumsmuseum wäre.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 7-9 · 第 4 / 6 段