Die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse im kunstgewerblichen

Betrieb aber wußte der Meister des Umbaus Professor _Oswin Hempel_ in

vollem Verständnis dafür mit genialem Blick auszumünzen. Bildhauer und

Maler beanspruchen infolge der tariflich geordneten Gehälter und Löhne

heute nicht mehr als der kunsthandwerkliche Arbeiter, der Ausführende,

sie führen in gewissen Schranken selbständig aus, was der Meister

nach seinem einheitlichen Plan in allgemeinen Zügen vorschreibt,

ohne daß er bis in alle Einzelheiten gehende Modelle liefert. Die

mechanische Übertragung fällt weg und jedes Stück Arbeit wird so

zum kunsthandwerklichen Original. Damit ist ja eine neue Grundlage

für eine Blüte des Kunsthandwerks gegeben. Der Meister liefert nur

Skizzen, der handwerklich schaffende Bildhauer, Holzschnitzer,

Metallarbeiter, Glasmaler, führt sie in freihändig schaffender

Technik, die sich aus dem Material ergibt, aus. Was Künstler, wie

Karl Groß in Dresden, Hofmann in Wien und andere anstreben, ist hier

an einem größeren Beispiel trefflich in die Tat umgesetzt. Eine Reihe

jüngerer kunstgewerblich arbeitender Künstler, wie der Bildhauer

Rudolf Born, die Maler Skade, Creutz und Petzold haben hier gezeigt,

wie sie handwerklich und persönlich zugleich zu schaffen verstehen;

kunsthandwerkliche Betriebe wie die deutschen Werkstätten in Hellerau,

Fickler in Hainsberg, Eichler und Bernhardt in Dresden haben in bester

Einzelausführung die Wandvertäfelung in dunkler Eiche, die fichtene

Decke u. a. hergestellt, und Meister Oswin Hempel hat dafür gesorgt,

daß alles wie aus einem Guß dasteht, ohne daß die Handschrift der

einzelnen Mitarbeiter verloren ging.

[Illustration: Abb. 4 =Trompeterschlößchen, »Otto Ludwig-Zimmer«=]

Schon an dem rundbogigen Eingang beginnen die geschichtlichen

Erinnerungen. Ein Relief in Stein zeigt ein schlichtes Gasthaus,

vor dem ein Fuhrmann seine Pferde tränkt, wie es einst war, als

die Botenfuhrleute von Plauen, Dippoldiswalde und von weiterher an

diesem wichtigen Verkehrspunkte kurze Rast machten oder Einkehr

hielten. Der Innenraum, den wir nun betreten, ein ansehnlicher, aber

erfreulicherweise nicht für Massenbetrieb gedachter Raum ist durch

eine dreifache Bogenstellung in rotem Porphyr und einen mächtigen

behaglichen blauen Kachelofen mit bunten Schildereien abgeteilt. Die

Kämpfer der Bogen zieren Reliefs mit Darstellungen von Brot, Fischen

und vier Kartenkönigen. Eines der stilgerecht kräftigen Fenstergemälde

erinnert an die Sage, daß an der Stelle des Trompeterschlößchens einst

ein Jagdschloß der Burggrafen von Dohna gestanden haben soll,

und in dem wuchtigen Unterzug ist das Wappen der Dohna, Ritter und

Edelfräulein in Eichenholz geschnitten; die weiteren Fenster zeigen

volkstümliche Gestalten: Koch, Kellnerin, Altenburgerin, Wendin,

Dudelsackpfeifer und Postillion. Die Fenstergewände in rotem Porphyr

sind mit ornamentalen Reliefs geschmückt.

Die Hauptinnenwand des größeren Raumabschnitts ist der Trompetersage im

Bilde gewidmet. Hier hat der Maler Skade in kräftigen Farben gemalt,

wie der mutige Trompeter den Gerippen zum Tanz aufspielt und wie er

dann vom rosenumrankten Balkon seinen Triumph in die Welt hinausbläst.

Dazwischen stehen auf Holztafeln, kunstvoll geschrieben, die ganz

vortrefflichen Verse, in denen unser heimischer Dichter Ottomar Enking

die Sage vom kecken Trompeterlein – im Inhalt sich nicht an Theodor

Hell sondern an Widar Ziehnert anschließend – lebendig und frisch

erzählt.

Eine besondere Überraschung bietet ein dem Hauptraum sich

anschließendes Nebenzimmer. Es ist dem Andenken Otto Ludwigs gewidmet

und in freier Verwendung von Biedermeier-Einzelheiten behaglich

ausgestattet. Möbel in hellem Kirschbaumholz, zwei Dresdner Ansichten

von Canaletto, Bildnisse Otto Ludwigs und seiner Frau, ein Kronleuchter

in Kristallglas, ein eigenartiger Ofen, das alles von hellgelben Wänden

umschlossen, ergibt ein charakteristisches Gesamtbild, dem Wesen Otto

Ludwigs verwandt zu der Zeit, da der damals noch schwer ringende

Dichter im Trompeterschlößchen heimte.

Eine Vorhalle mit Kachelverkleidung und einem blasenden Trompeter zu

Pferd über dem Kamin und eine schlichte gemütliche Likörstube, genannt

die Trompeterschänke, die sich an das alte Haus nach der Reitbahnstraße

zu anschließt, vervollständigen das Trompeterschlößchen, das sein

jetziger Besitzer Herr Louis Tögel in schwerer Zeit mit kühnem Mut

zu neuer Gestalt erweckt hat. Für die vornehme Baugesinnung, die ihn

dabei leitete, fand er in Oswin Hempel und seinen künstlerischen

Helfern die Männer, die mit Lust und Liebe mit vollem Verständnis und

Können für moderne Bedürfnisse zu sorgen und dabei die geschichtlichen

Erinnerungen zu wahren verstanden.

So ist dem alten Trompeterschlößchen der Ruf eines besseren Hotels,

einer gut bürgerlichen Gaststätte gewahrt, wie es in der Großstadt so

selten und doch so notwendig ist, in seiner Einrichtung ein Beispiel

des einfach Gediegenen und Anheimelnden gegeben. Ein Inschriftspruch im

großen Gastzimmer lautet:

Laß draußen, was du an Sorgen und Mühen hast,

Und sei an behaglicher Stätte ein froher Gast.

Die Grundlagen dazu sind in dem neuen Trompeterschlößchen zu Dresden

gegeben. Die Gäste mögen das übrige tun; denn

Nur dem ist arm das Leben,

Der es mit armen Augen sieht.

Das Lied vom kecken Trompeterlein

Von Ottomar Enking

Herr Wirt: Ich bin ein Trompeterlein

Und vom langen Wandern müd,

Laßt mich heut Nachtens bei Euch sein

Ich blas Euch ein schönes Lied.

»Mein Freund, bedaure, das geht nicht an.

Hab nirgends Platz im Haus.

Sieh nur: sie sitzen Mann bei Mann,

Ich weiß nicht ein noch aus!«

»Herr Wirt! Ich kann nicht von der Stell,

Die Füße versagen mir,

Und wäre es auch auf Eurer Schwell,

Ich werf mich nieder hier!«

»Nun wohl! Man ist ja kein Unhold nicht,

Klimm dort in den Schloßsaal hinauf,

Doch wenn Dir da was Arges geschieht,

Bürd mir die Schuld nicht auf!«

»Ich fürcht mich nie! Ein warmes Bett,

Ein Licht und ein Fäßchen Bier

Was fehlt mir noch? Herr Wirt, ich wett,

’s geht keinem so gut wie mir.«

Hohl schlug die Uhr um Mitternacht,

Auf einmal – grausenhaft! –

Auf Trepp und Flur, es klappert und kracht,

Weit offen die Türe klafft.

Und herein mit unheimlich gespreiztem Schritt

Ein Zug von Gerippen quillt,

Umkreist kopfwackelnd des Raumes Mitt,

In modriges Linnen gehüllt.

Trompeterlein mißt sie mit keckem Blick:

»Nun gucke mal einer an!

Noch Tanzgesellschaft! Ihr braucht Musik,

Getrost! Die könnt ihr han!«

Er setzt an die Lippen das blitzblanke Horn,

Die Paare finden sich,

Sie heben die Knochen hinten und vorn

Zum Reigen schauerlich.

Trompeterlein bläst, was die Lunge hält;

Das rast so wütend und wild,

Doch als die Glocke eins gegellt,

Da ist die Lust gestillt.

Zum kühnen Trompeter spricht ein Geist:

»Sei uns gesegnet, du!

Mit deinen Weisen, du Wackrer verleihst,

Du uns die ewige Ruh!«

Fort sind die Gespenster! Die Nacht vergeht.

Beim ersten Morgenstrahl

Liegt, wo sich der Wirbel am tollsten gedreht,

Ein Häufchen Asche im Saal.

Von da an war das Schloß gefeit,

Der Spuk blieb draus verbannt.

Drum hat mans auch in Dankbarkeit

Trompeterschlößchen genannt.

[Illustration: Abb. 5 =Die Sage vom Trompeterschlößchen »In Wort und

Bild« im Gastzimmer=]

_Paul Schumann._

Volkskunde und Heimatschutz

Von _E. Mogk_

Eine Hochzeit nannte Oskar Seyffert auf der letzten Tagung des Vereins

für Sächsische Volkskunde dessen Vereinigung mit dem Heimatschutz.

Ja, eine Vermählung war es, keine Totenfeier für die Volkskunde. Die

Volkskunde will und wird auch unter und mit dem Heimatschutz weiter

arbeiten und weder ihr wissenschaftliches noch ihr praktisches Ziel

aus dem Auge lassen. Das Museum wird auch fernerhin zur Belehrung

unsers Volkes und zur Anregung volkstümlicher Kunsterzeugnisse dienen

und Archiv und Bibliothek werden auch in Zukunft eine Sammelstätte

unsers Volkstums für die Gegenwart und Zukunft sein. Die Schale ist

eine andre, der Kern ist geblieben. Volkskundliche Aufsätze werden in

der Zeitschrift des Heimatschutzes erscheinen wie bisher in unsern

Mitteilungen. Nur bitten wir, was für diese bestimmt ist, in möglichst

allgemeinverständlicher Form zu verfassen. Sammlungen volkskundlichen

Materials aber sollen nach wie vor dem Archiv einverleibt werden. Und

wie die früheren Beiträge, so sind auch diese wie bisher an meine

Adresse zu senden (Prof. ~Dr.~ E. Mogk, Leipzig, Salomonstraße 25^~B~).

Dasselbe gilt von den Austauschexemplaren, für die die Vereine und

Gesellschaften, mit denen wir als Verein für Volkskunde in Verbindung

standen, die Monatshefte des Heimatschutzes erhalten werden. Wir bitten

diese wie unsre alten Mitarbeiter auch nach unsrer Vermählung uns treu

zu bleiben; beide werden bald sehen, daß sie den Kürzeren nicht ziehen.

So schwer die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse,

die uns zu dieser Verbindung gezwungen haben, unser armes Volk

drücken, die Liebe zu unsrer Heimat und zu unserm Volkstum kann und

wird man nicht ertöten. Das beweisen zahlreiche Veröffentlichungen,

verschiedene neue Vereine für Volkskunde und Volkstum, die seit den

grauen Tagen des Novembers 1918 das Licht der Welt erblickt haben.

Sie alle wollen uns von der elenden Hast nach Geld und Gewinn und

dem phrasengeschwollenen Internationalismus ablenken und hinführen

auf den gesunden Kern unsers Volkes, von dem wir allein Rettung

aus dem Wirrwarr der Zeit zu erhoffen haben. Noch besteht der

Verband Deutscher Vereine für Volkskunde. In seinem Auftrage hat E.

Hoffmann-Krayer die volkskundlichen Bibliographien für 1918 und 1919

herausgegeben, die einen Einblick in die intensive Tätigkeit auf

volkskundlichem Gebiete geben. Die Sammlung von Volksliedern wird in

aller Stille in den einzelnen deutschen Ländern fortgesetzt. Neue

Mittelpunkte und Sammelstätten entstehen. So an der Universität Halle

das Volksliedarchiv der Provinz Sachsen; der Leiter dieser, Prof.

Voretzsch, hat diesem lokalen Gebiet einen anregenden Aufsatz im

Halleschen Heimatkalender gewidmet. Neue Vereine und Zeitschriften

sind ins Leben getreten, durch die die Liebe zur Heimat gepflegt und

zu volkskundlicher Beschäftigung angeregt werden soll. So erscheint

seit 1923 die Niederdeutsche Zeitschrift für Volkskunde unter der

trefflichen, zielbewußten Leitung E. Grohnes in Hamburg, in Göttingen

gibt B. Crome den Wanderer im Cheruskerlande heraus, der die

eingegangenen Göttinger Blätter für Geschichte und Heimatkunde ersetzen

soll und das Gebiet vom Harz bis zur Weser umspannt. Alle deutschen

Tiroler will über ihr Volkstum aufklären und für dieses wecken die von

der Verlagsanstalt Tirolia in Innsbruck herausgegebene Tiroler Heimat,

deren Aufsätze ebenso gründlich wie lehrreich sind. Ganz besonders in

den alten österreichischen Ländern wird sich der Deutsche immermehr

der Wurzeln seiner Kraft, seines Volkstums bewußt. Um das Deutschtum

gegen das vordringende Tschechentum im Böhmerwaldgebiete zu schützen,

erschienen unter ~Dr.~ Kubitscheks Leitung seit 1919 die Böhmerwäldler

Dorfbücher in Budweis, seit 1922 die Böhmerwäldler Volksbücher in

Passau. Hierin sind die Hinschauerstücklein ein treffliches Gegenstück

zu den Schildbürgersagen, Watzliks Böhmerwald-Sagen zeugen von

dem Reichtum der Volkssagen, die hier noch fortleben, Kubitscheks

Bauernrätsel vom Volkswitz, Leppas Kornsegen von der Gemütstiefe und

Sprache des Böhmerwäldlers. Aus dem östlichen Böhmen, dem Leitmeritzer

Gaue, veröffentlicht J. Kern eine stattliche Anzahl lokaler und

geschichtlicher Sagen aus dem Volksmunde und älteren schriftlichen

Quellen, die unsre Sagenkunde nicht unwesentlich erweitern (Reichenberg

1922, Sudetendeutscher Verlag F. Kraus). In Sachsen hat sich besonders

die Oberlausitzer Heimatzeitung (Reichenau in Sachsen, A. Marx)

der Veröffentlichung volkskundlichen Stoffes aus der Oberlausitz

angenommen. In ihrem Verlage gab G. Schöne das Sagenbuch des Zittauer

Gebirges und die Oybin-Sagen heraus, die bisher ziemlich zerstreut in

älteren Sammlungen oder Lokalblättern veröffentlicht waren. Das Leben

und Treiben des Erzgebirglers hat in H. Thümmlers Verlag in Chemnitz

eine Pflegstätte gefunden. Bilder aus dem Erzgebirge sind hier bald

in schlichter Prosa, bald als Gedichte erschienen, meist im Dialekt.

So veröffentlichte Emil Müller »Mei liebes Aarzgebärg« und »E Sackel

voll Schwamme«, M. Wenzel, »Pfaffernüsseln«, worin der trockne Humor,

aber auch das tiefe Gemüt des Erzgebirglers trefflich zutage tritt. In

letzterem Heftchen liefert Wenzel in der Schilderung der Herbstbräuche

und des Johanniszaubers auch gute Beiträge zu Sitte und Brauch. Als

besondere Leistung desselben Verfassers seien die »Erzgebirgischen

Christ- und Mettenspiele« hervorgehoben, worin er nicht nur die

zerstreut veröffentlichten Weihnachtsspiele des Erzgebirges sammelt

und ihrer Geschichte nachgeht, sondern auch auf Grund alter

Volksüberlieferungen einen recht ansprechenden Text zusammenstellt, der

sich besonders zu volkstümlichen Aufführungen eignet.

In Südwestdeutschland ist vor allem der Landesverein »Badische Heimat«

bemüht, die Liebe zur Heimat zu pflegen, das Land vor Verschandlung zu

schützen und Interesse für Volkskunde zu wecken. Seine bilderreichen

Zeitschriften »Badische Heimat« und »Mein Heimatland« trotzen der Not

der Zeit. Ihnen gesellen sich die Heimatschutzblätter »Vom Bodensee zum

Main« unter M. Wingeroths trefflicher Leitung, unter denen vor allem

die anregenden Artikel E. Fehrles »Heimat und Volkskunde in der Schule«

und K. Günthers »Heimat- und Naturkunde in der Schule« hervorgehoben

seien. In Westdeutschland ist Rektor K. Wehrhan eifrigst bemüht,

volkskundlichen Stoff in den Dienst der Jugenderziehung zu stellen. Das

von ihm und J. Dillmann herausgegebene Heftchen »Vierzehn Engel fahren«

enthält eine Sammlung von Reimen im Kinderspiel, Jugendspiele, Rätsel

und Rätselfragen. Die Sagen, die sich an die berühmten Externsteine

knüpfen, veröffentlicht Wehrhan mit einer Schilderung der Externsteine

und einer Geschichte der Forschung, die deren Bedeutung aufklären soll.

(»Die Externsteine im Teutoburger Walde in Natur, Kunst, Dichtung.

Geschichte und Volkssage«. Detmold, Meyersche Hofbuchhandlung.)

Besonders tiefschürfend sind seine Untersuchungen des in

Niederdeutschland weitverbreiteten Volksliedes »Van Herrn Pastor siene

Koh«, dessen Entwicklung, Verbreitung, Form und Singweise nach allen

Richtungen hin verfolgt wird und dessen Heimat aller Wahrscheinlichkeit

nach Westfalen ist.

Dem niederdeutschen Kreis gehört auch der erste Band »Deutsche

Volkskunst« an, das schöne Werk W. Peßlers »Niedersachsen«. Es ist

ein gewagtes Unternehmen, das der Reichskunstwart E. Redslob leitet,

in einer Reihe Bänden die Volkskunst der einzelnen deutschen Stämme

darstellen zu lassen und unser Volk auf die Gestaltungskraft, die aus

ihr spricht, wieder zurückzuführen. Hier konnte kein Besserer als

Peßler die Reihe eröffnen: in klaren Ausführungen charakterisiert er

die vorzüglichen Bilder vom Haus, Hausrat, Tracht, Schmuck, Kirche

und Friedhof des niedersächsischen Kreises. Ihm schließt sich als

gleichwertig an E. Schoneweg »Das Leinengewerbe in der Grafschaft

Ravensberg« (Bielefeld, E. Gundlach Aktiengesellschaft). Hier wird die

Entwicklung und Geschichte eines Handwerks, alles was mit dem Flachs

und der Verwendung der Leinwand zusammenhängt, in Wort und Bild bis ins

einzelnste dargestellt. Der Technik des Leinengewerbes wird nach den

Berichten alter Leute und älteren Quellen ebenso Rechnung getragen, wie

den Sitten und Bräuchen mit ihrem Volksglauben, die sich an Aussaat und

Verarbeitung des Flachses und Hanfes knüpfen. Ein klassisches Werk für

die Geschichte eines Handwerks.

Von zusammenfassenden Darstellungen der Volkskunde besaßen wir bis

1914 ein einziges Werk, E. H. Meyers Deutsche Volkskunde. Jetzt

sind sie wie die Pilze emporgeschossen, ein Zeugnis für das hohe

Interesse, das man der Volkskunde entgegenbringt. Unter der Leitung

des geschäftskundigen Fr. v. d. Leyen erscheinen bei Quelle und Meyer

in Leipzig Darstellungen der einzelnen deutschen Stämme mit guten

Bildern. Bisher hat A. Wrede die Rheinische Volkskunde herausgegeben,

die zwar schon in zweiter Auflage vorliegt, der man aber doch

anmerkt, daß ihr Verfasser in der volkskundlichen Forschung nicht

aufgewachsen ist. Das Buch ist mehr ein fleißiges Sammelsurium als

eine entwicklungsgeschichtliche Arbeit. Ungleich besser und tiefer

ist P. Sartoris Westfälische Volkskunde. In demselben Verlage, aber

in geringerem Umfang erschienen in der Sammlung »Wissenschaft und

Bildung« O. Lauffers »Niederdeutsche Volkskunde«, worin auf die

geschichtliche Entwicklung und die Verbindung der Volkskunde mit der

Altertumskunde besonders eingegangen wird, und H. Naumanns »Grundzüge

der deutschen Volkskunde«. Das letztere Bändchen erhält dadurch vor

allem Bedeutung, daß sein Verfasser schärfere Grenzlinien zieht

zwischen alter Gemeinschaftskultur und zum Volksgut entartete höhere

Kultur; in seiner »Primitiven Gemeinschaftskultur« hat Naumann diese

Auffassung eingehender begründet. Auch in B. G. Teubners »Aus Natur und

Geisteswelt« ist die Volkskunde in Angriff genommen worden. Es erschien

der erste Teil von K. Reuschels »Deutscher Volkskunde«, worin Reuschel

in seiner klaren Weise über das Wesen und den Wert der Volkskunde, die

Sprache und die Dichtung des Volkes handelt. In derselben Sammlung

hat E. Fehrle die »Deutschen Feste und Volksbräuche« bearbeitet und

damit die elende Sudelei von H. Rehm durch eine ungleich bessere und

tiefere Darstellung ersetzt. Eine weitere Darstellung volkstümlicher

Sitte veröffentlicht C. Clemen in der Bücherei der Volkshochschule

(»Deutscher Volksglaube und Volksbrauch«, Bielefeld und Leipzig,

Velhagen & Klasing), worin vor allem dem Zusammenhang des Volksbrauchs

mit der Volksreligion nachgegangen und durch die zusammenfassenden

Fragen am Schlusse jedes Abschnitts zu intensiverer Beschäftigung mit

der Volkskunde angeregt wird.

Endlich muß ich noch hinweisen auf die Rektoratsrede O. Lauffers an der

Hamburger Universität, der einzigen reichsdeutschen Universität, die

einen Lehrstuhl für deutsche Altertums- und Volkskunde hat. (Hamburg,

E. Boysen 1923.) Lauffer spannt den Begriff der Volkskunde weiter als

es gewöhnlich geschieht. Er versteht darunter das gesamte Gebiet des

volkstümlichen Lebens, und dieses in vergangenen Zeiten zu verfolgen,

ist ihm deutsche Altertumskunde. Im Grunde genommen läuft die

Verschmelzung dieser beiden von Lauffer vertretenen Wissensgebiete auf

eine geschichtliche Entwicklung und Darstellung der einzelnen Gebiete

der Volkskunde hinaus, wie sie bereits vor Jahren von mir gefordert

worden ist. Das ist mit Freude zu begrüßen, denn nur dadurch kann sich

die Volkskunde unter den Geisteswissenschaften Sitz und Stimme erobern.

Janko alias Hanka

Ein Geständnis von _Karl Lucas_, Meißen

In Heft 4 bis 6, XII unsrer Heimatschutzmitteilungen habe ich vom

Janko berichtet. Heute bin ich gezwungen, um nicht mit dem bekannten

Presseparagraphen in mißliche Berührung zu kommen, ein Geständnis

abzulegen. Janko will es so haben. Von irgendeiner Seite muß er von

meiner Erzählung erfahren haben und ist mit ihrem Inhalte nicht ganz

einverstanden.

Als ich ihn im Juli 1923 in Krinitz besuchen wollte, schnitt er

mich vollständig. Er war für mich buchstäblich nicht zu Hause. Sein

Pflegevater suchte mich damit zu trösten, daß er mir mitteilte, Janko

trage auch ihm etwas nach. Er wisse auch, was ihn uns gegenüber

mißgestimmt und wenig heiter mache. Dabei wies Vater Trähne hinauf

zum Storchennest. Von dort schaute über den Rand zu uns herunter

ein – Ei. Ich dachte bei mir: Das ist doch ganz in der Ordnung. In

ein Nest gehört auch ein Gelege Eier. Nur auf dem Rande mag es zum

Bebrüten nicht günstig liegen. Es ist auch zum Eierlegen etwas spät

im Jahre. Aber vielleicht ist es so etwas wie ein Johannistrieb im

Pflanzenleben, also ein Johannisei. Auch im Menschenleben lassen sich

ja solche Vorkommnisse registrieren. Ich wundere mich also über Vater

Trähne, und der hat seinen Spaß darüber. Endlich lüftet er den Schleier

des Geheimnisses. »Das ist Jankos Werk!« – »Na«, sage ich, »das ist

ja fein. Da hat Janko geheiratet, und das junge Storchenehepaar

will mit einem Schlage dem Storchenrückgang in Sachsen dadurch ein

Ende bereiten, daß es gleich das erstemal zwei Gelege in einem Jahre

durchbringen will.« – »Nein, Janko hat nicht geheiratet.« – »Aber nu

brat’ mir eener een Storch und die Beene recht knusprig!« Dieser schon

mehr wie sächsische Ausdruck lief mir über die Leber. »Allein kann

er doch das Ei ebensowenig wie ich oder du gelegt haben!« – »Sachte,

sachte, lieber Freund! Das, was sich Janko geleistet hat, das haben

sich meine Bauern- und deine Schulweisheit auch nicht träumen lassen.

Er hat das Ei selbst gelegt und selbst bebrütet.« – »Ja, dann ist

er doch gar kein Janko, dann ist er, ist sie, ist es eine Hanka?« –

»Stimmt, eine leibhaftige, jungfräuliche Hanka! Um die Osterzeit kommt

ein älteres Weibchen und bezieht das Nest. Es bleibt unbemannt, legt

aber Eier, die unbefruchtet waren. Danach erscheint ein etwas kleinerer

Storch, ein jüngerer. Der vertreibt die alte Störchin und besetzt

selbst das Nest. Er tut recht bekannt, weiß sich aber allen unsren

Annäherungsversuchen erfolgreich zu entziehen. Er ist Janko und doch

auch wieder nicht.

Eines schönen Tages wirft er die Eier der alten Störchin vom Neste,

plustert, dreht und wendet sich, setzt sich und hat gar nichts

Jankomäßiges mehr an sich. Das wiederholt sich zwei-, drei-, viermal.

Dann sitzt er und brütet auf seinen vier unbefruchteten Eiern. Die

Wochen vergehen, aber die Wärme des jungfräulichen Körpers hat im

Gelege kein Leben zu wecken vermocht. Der Bruttrieb läßt nach. Die Eier

bleiben sich selbst überlassen. Sie werden dahin, dorthin verschoben.

So liegt eins noch am Nestrand als Zeugnis dafür, daß Janko eben kein

Janko, sondern eine Hanka ist. Vielleicht hat er es nur deinetwegen

noch liegen gelassen, damit du dich von seiner Weiblichkeit überzeugen

kannst. Aber laß dir um der Geschichte willen keine grauen Haare

wachsen. Wenn ein kleiner Menschenjanko noch im Röckchen und Leibchen

und langen Haaren umherläuft, dann kannst du ihn auch nicht gleich

von einer Menschenhanka unterscheiden. Du kannst ruhig sagen: Der

kleine Junge ist aber ein hübsches Mädel – und auch umgedreht. Es ist

vorläufig beides noch richtig. Aber später will kein Junge mehr für ein

Mädel gehalten werden und kein Mädel für einen Jungen. Das wird dir in

beiden Fällen übel vermerkt.

Du hast unsre Janko-Hanka gar in die Presse gebracht. Das geht gegen

ihr jungfräulich-frauliches Empfinden. Sie will nicht mehr verkannt

sein. Sie glaubt es hinreichend bewiesen zu haben. Siehe das Ei da

oben!«

Ich beuge mich vor der erdrückenden Wucht der Tatsache: Janko ist kein

Janko mehr, er war überhaupt kein Janko; er, nein sie ist eine Hanka.

Wir schütteln uns mit Vater Trähne zum Abschiede die Hände. Die Sonne

neigt sich. Janko, nein, Hanka ist noch nicht heimgekommen, wie sie

es sich überhaupt angewöhnt hat, das Nest nicht mehr regelmäßig als

Schlafstätte zu benutzen. Auf den Torfwiesen von Luga stolziert eins

aus der Storchensippe. Das muß er sein. Ach, schon wieder falsch! Das

muß sie sein. Ich nähere mich ihr. Auf zwanzig Schritt komme ich heran

und rufe. Und was rufe ich? Janko! Natürlich wieder verkehrt. Hanka

dreht sich um, mißt mich von oben bis unten, legt Hals und Kopf zurück,

klappert, streckt den Hals nach vorn und fliegt ab nach Krinitz. Ich

hatte das Gefühl, als ob ich es nunmehr ganz mit ihr verdorben hätte.

Daß ich sie im vergangenen Jahre verkannt hatte, das mochte vielleicht

verzeihlich gewesen sein, aber in diesem Jahre denselben Fehler,

nachdem sie Eier gelegt hatte, das ist einfach unverzeihlich.

So hoffe ich durch diese Zeilen mein Vergehen zu sühnen und bitte alle,

die den Janko, nein, die die Hanka treffen, ihr mein Schuldbekenntnis

mitzuteilen, damit ich nicht am Ende bei der gesamten sächsischen

Storchensippschaft in Verruf komme.

Zur Weihe der Karl-Schmidt-Bank

(In Bienhof bei Bad Gottleuba unter einem der schönsten Bäume des

Tales, das sich von Hellendorf nach Bienhof hinzieht, errichteten

Freunde unsers Vereins zur Erinnerung an unsern Gründer: eine

»Karl-Schmidt-Bank«)

Nur eine Bank – so fragst du zweifelnd mich –

Soll von des Heimatschutzes Gründer zeugen?

So halte Rast darauf und höre mich!

Ich will die Zweifel aus der Seele scheuchen.

Gibts Schöneres in unsrem Erdenloos

Als friedsam nach vollbrachtem Werk zu ruh’n,

Wenn rings die Schöpfung grüßet, hehr und groß,

Und uns erzählt von edler Menschen Tun?

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 7-9 · 第 5 / 6 段