Steinrücke zieht durch ihr köstliches Bunt unsre Blicke auf sich. Der
_Spitzahorn_ hat ein _goldenes, ins Orange_ spielendes Herbstkleid
angezogen, dazwischen blitzt das _Zitronengelb_ der _Birke_ und das
_Rotorange_ der _Eberesche_, während die _Edelesche_, das Weltbild
unsrer germanischen Altvordern, noch in unbezwungenem Grün prangt.
Des Herbstes Farben sind an trockenen und sonnigen Standorten am
frühesten zu spüren: die tief im feuchten Grunde verankerte Esche
erhält sich daher noch lange frisch. Der _Haselbusch_ gilbt bereits an
den Blatträndern, um später im Schmucke _braunen Altgoldes_ dazustehen.
An der Steinrücke selbst locken uns blaubereifte _Schlehenfrüchte_,
scharlachrote _Hagebutten_ und schwarzglänzende _Brombeeren_. Nahe
dem wintergrünen, wasserlaufdurchrauschten Fichtenwald hat der
glasfrüchtige _Schneeball_, die »Glosbär« der Einheimischen, sein
Laub dunkelweinrot gefärbt, und am Waldeseingang steht als seltene
Erscheinung ein _schwarzfrüchtiger Kreuzdorn_ mit noch völlig grünem
Blattwerk. Überhaupt hat im Schattenschutz und in der Feuchtkühle
des Nadelwaldes die Herbstfärbung nur zögernd eingesetzt, höchstens
die Heidelbeerbüsche bringen mit ihrem Mennigrot eine farbige Note
in die grüne Eintönigkeit. Doch halt! Hier leuchtet das _Fahlgelb_
des _Waldschachtelhalmes_ und, _weißverbleichend_, schieben sich
_Farnwedel_ dazwischen, und noch entringt sich der Nadelstreu des
Waldes ein Heer _bunter Gesellen_: Die _Hutpilze_, welche gar lange
gezögert, haben sich von der günstigen Herbstwitterung gelockt,
emporgedrängt. Rote, gelbe, lilae und grüne Täublinge, kupferfarbene
Perlschwämme, braune, weißgetupfte Pantherpilze, formenschöne
Scheidenwulstlinge, rotbraune Milchlinge, büschelige Schwefelköpfe
beleben das Schwarzbraun des Waldbodens. Am Wasserlauf aber, der
seinen Randgewächsen noch immer Nahrung spendet, zeigt sich die blaue
Spätblüte des _Sturmhutes_ neben dem hellroten _Rupprechtskraut_ und
der Sterndolde der _Astrantia_; am Wegrande erweisen noch _Waldsilche_
und _Sitter_[2] ihre späte Blühfähigkeit. Durch das Dunkelblutrot ihres
Blattwerkes locken in Menge würzige Brombeeren; gerade recht für ein
leckeres Frühmahl.
Vorüber an der _Apothekerwiese_, die ihren feuchten Charakter durch
die flatternden weißen Fruchtfahnen des _Wollgrases_ und die kleinen
Purpurköpfchen der _Sumpfdistel_ verrät, steigen wir empor zur
_Gotteszeche_, einer Zeugin vergangener Bergbauherrlichkeit. Die
steinige Halde umspinnt glanzblättriges _Immergrün_ und überwuchert
sich bräunendes _Farnwerk_. Das leise Zittern einer kupferblättrigen
Eberesche verrät uns ein zierliches Eichhorn, welches uns furchtlos mit
seinen klugen Äuglein anschaut, dann aber erschreckt auf einer nahen,
noch unverfärbten Eiche sichere Zuflucht sucht.
Oberhalb der rechtsbleibenden _Feldscheune des Oelsener Gutsbesitzers
Sommerschuh_ wird uns ein prächtiger Ausblick auf das im herbstlichen
Duft verschwimmende, traulich in den Grund gebettete _Hellendorf_.
Wir überschreiten die zur Pfingstzeit so blütenreichen Bergtriften
mit ihren jetzt rosablühenden _Heide_inseln und dem zierlichen
_Sonnenröschen_, die beide den Trockencharakter des Geländes erweisen,
aber die reichen Schmelzwässer des Frühlings durchfeuchten den Boden
so gründlich, daß sein Wassergehalt ausreicht bis zur Sommerszeit zur
Erzeugung solch reicher Blütenfülle. Am Rande eines feuchten Wäldchens
aus Fichten und Espen ist noch eine reizvolle Herbstgenossenschaft
aus lilaköpfigem _Abbiß_, aus _Bertramschafgarben_, purpurähriger
_Betonie_ und leuchtendroter _Waldnelke_[3] versammelt, dazwischen
verrät ein kräftiges Scharlachrot eine angepflanzte amerikanische Eiche
mit ihren ausgezackten Blättern. Nun wenden wir uns aufwärts durch den
auf blockreichem Gelände erwachsenen _Baschkens-Busch_. Längst schon
ist der Besitzer dahingegangen, aber sein Name ist in diesem Flurstück
geblieben. In ländlichen Bezirken bedarfs nicht hervorragender
geistiger Tüchtigkeit, nicht des Tummelns des Dichterrosses oder
blutrünstiger Schauertat, um in der Erinnerung fortzuleben: _Der Besitz
ist alles_, _er_ macht unsterblich.
Beim Überschreiten einer Wiese fallen uns die weißverblichenen,
vom Vieh herausgerupften Büschel des wertlosen _Borstgrases_ auf;
wir schließen uns aber nicht der eigenartigen Meinung an, die im
Herausrupfen des nährstoffarmen Grases eine zielbewußte Tat des
Weideviehes erblickt. Nunmehr treten wir ein in Baschkens-Busch.
Märchenschön ist er mit seinem herbstlichen _Buchengold_ und
alabasternen Säulen der Birkenstämme; mit seinen im _Altgold
leuchtenden Wedeln_ des _Adlerfarns_ und den weißen _Riesentrichtern_
des _Pfeffermilchlings_. Überall rieselt es gleich großen goldenen
Funken von den Bäumen herab, und schon ist der Boden weithin belegt mit
tausenden gefallener Buchen- und Ahornblätter, so daß wir fast lautlos
dahinschreiten.
All diese Farbenherrlichkeit regt uns unwillkürlich zu der Frage an:
»Woher dieser bunte Zauber des Herbstes mit seinen Farbentönen?« Die
Wissenschaft gibt uns darauf eine annähernde Antwort. Das sommerliche
Grün der Blätter rührt her von einem »_Chlorophyll_« genannten
Farbstoff, der in den Zellkammern aller grünen Pflanzenteile,
vornehmlich in den Blättern, in Gestalt winziger, grünschimmernder
Körnchen zu Hunderten gehäuft ist. Alkohol löst diesen Farbstoff
heraus, und dieser grüne Auszug erscheint bei auffallendem Licht
dunkelblutrot. Durch Ausschütteln mit Benzin aber läßt sich erweisen,
daß dieses Grün kein einheitlicher Farbstoff ist, sondern sich spalten
läßt in einen widerstandsfähigen _gelben_ und einen leicht zerstörbaren
_blauen_. Infolge der im Herbste geringeren Nährstoffzufuhr, vielleicht
auch als natürliche Alterserscheinung, zersetzt sich der blaue,
»_Cyanophyll_« genannte Farbton, und das gelbe haltbare »_Xantophyll_«
bleibt als Grundton des Herbstes bestehen. Um aber all die andern
Farbenwandlungen des Herbstes erklären zu können, muß uns ein weiterer
Farbstoff dienen: das »_Anthocyan_«. Es ist nicht in Körnchen sichtbar,
sondern im Zellsaft gelöst und wandelt sich bei Anwesenheit von Säuren
vom _Blau_ in _Rot_. Es ist derselbe Farbstoff, der das Tiefblau der
Clematis und die Purpurfarbe unsres Rotkohls bedingt. Dieser Farbstoff
erscheint gebunden an in den Zellen erzeugten Traubenzucker. Während
derselbe in der warmen Jahresperiode durch Ableitung und Atmung
aus den Blättern verschwindet, stockt dieser Vorgang bei kühlerer
Witterung. Traubenzucker kann sich somit im Blatt anhäufen und gibt
dem blauen bzw. dem roten Farbstoff die Entstehungsmöglichkeit. Durch
dieses Zusammenwirken von Grün, Gelb, Blau und Rot in wechselndem
Mengenverhältnis wird dieses herbstliche Farbenspiel in der Natur
geschaffen. Ein in den Herbst hineinreichendes Farbenwunder ist auch
der beim Austritt aus dem Wäldchen uns grüßende _Hainwachtelweizen_
mit seinen blauen Hochblättern und seinen goldgelben Rachenblüten,
deren Unterlippe orange getönt ist. Ähnliche Färbung zeigt eine einsame
_Königskerze_, aus deren gelben Blüten blauviolette Staubfadenhaare
emporragen. Ehe wir auf die neue Autostraße von Hellendorf–Gottleuba
einbiegen, säumen den Wegrand noch die Purpurblüte der Steinnelke[4]
und die rosaen Blütenähren des duftblättrigen Quendels. Traulich winkt
alsbald die Gottleubaer Pfarrkirche zu uns herüber. Auf den Feldern
drängen sich frohe Menschen, um die Kartoffelernte zu bergen, die
Weideglocken buntscheckiger Rinder tönen mit dem lustigen Gesang
der Hüterjungen zu uns heran, und bäuerlicher Fleiß bereitet den
herbstlichen Boden durch Pflügen zu neuer Saat. Gar öde mutet uns die
Autostraße an, nach all der Blütenherrlichkeit, auf der wir bisher
dahinschritten. Wie zur Entschädigung teilt die Sonne das Nebelgewölk,
und lichtübergossen leuchtet von den nahen _Hartmannsbacher Hängen_
noch einmal die bunte Pracht, aus der sich in feierlichem Ernste
dunkelpurpurn die frisch umbrochenen Äcker abheben und auf künftige
segensreiche Ernte hoffen lassen.
Fußnoten:
[1] Im östlichen Erzgebirge sind es besonders ~Euphrasia
pratensis Fr.~, ~Euphr. nemorosa Pers.~ und ~stricta Rost~.
[2] ~Selinum carvifolium~ und ~Epipactis latifolia~.
[3] ~Dianthus Seguieri~ = ~silvaticus~ als Charakterpflanze des
östlichen Erzgebirges.
[4] ~Dianthus deltoides.~
Aus unsrer Tätigkeit
Von ~Dr.~ _Paul Goldhardt_
Infolge des verlorenen Krieges und der dadurch bedingten starken
Abnahme der Bautätigkeit haben in den vergangenen Jahren bauliche und
künstlerische Fragen in unsern »Mitteilungen« einen viel geringeren
Raum eingenommen, als unsre Leser das von früher her gewohnt waren.
Hinzutrat die mit Kriegsende einsetzende und von uns aufs eifrigste
geförderte Wanderbewegung und die Erstarkung der Liebe zur Natur und
ihre Erforschung, Strömungen, denen wir in unsern Mitteilungen breiten
Raum lassen mußten.
Die nachstehenden Zeilen sollen den Beweis liefern, daß deswegen
unsre Tätigkeit auf dem Gebiete der Bauberatung nicht erlahmt ist,
sondern daß wir unverdrossen an der wichtigen Kulturaufgabe, der
Beeinflussung der Bautätigkeit im Sinne künstlerischer Vertiefung, an
der Erhaltung der künstlerischen Eigenart der uns überlieferten Bau-
und Kunstdenkmäler, an der Veredlung neuer kunstgewerblicher Aufgaben
weiterarbeiten. Da sei gleich eingangs hervorgehoben, daß keineswegs,
wie dies hie und da vermutet und behauptet wird, unsre Tätigkeit im
Festhalten am historisch Gewordenen sich erschöpft, sondern daß wir
an der folgerichtigen Lösung der modernsten Aufgaben teilhaben. Wir
erinnern nur an die im Frühjahr von uns gemeinsam mit dem Deutschen
Bund Heimatschutz veranstaltete Ausstellung vorbildlicher Ingenieur-
und Industriebauten, die in bunter Folge meisterliche Lösungen aus
alter und aus neuer Zeit brachte und die – wir dürfen das hoffen –
zur weiteren Klärung dieses für die Ausdruckskultur unsrer Zeit so
ungeheuer wichtigen Aufgabenkreises wesentlich beigetragen hat und noch
beitragen wird.
Zahlreiche Entwürfe für Fabrikbauten haben in den letzten Jahren uns
zur Begutachtung vorgelegen und in sehr vielen Fällen haben wir durch
Skizzen und Beratung wertvolle Erfolge bei der Verbesserung der Pläne
erzielt. Dabei war es unsre vornehmste Aufgabe, auf die oft fehlende
Harmonie mit der Umgebung, mit der landschaftlichen Struktur und dem
vorhandenen architektonischen Charakter der Umgebung hinzuwirken.
Vielfach ist es uns auch gelungen, die Bauherren zur Annahme eines
tüchtigen Architekten zur weiteren Lösung der Aufgabe zu bewegen und
sie hatten in keinem Falle Veranlassung, diesen Entschluß zu bereuen.
Einen großen Umfang nahmen auch die landwirtschaftlichen Bauten an.
Schon die allerorts notwendig werdenden kleinen An- und Ausbauten
der Gutsgebäude mußten unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, denn
hier trat in vielen Gegenden fast seuchenartig das Bestreben hervor,
die Eigenart der wert- und reizvollen Bauernhäuser durch häßliche
flache Anbauten, die weder im Grund- noch im Aufriß überlegt waren,
zu zerstören. Es war betrüblich zu beobachten, welchen geringen Sinn
viele der Besitzer solcher Güter für die Schönheit ihrer Gebäude haben
und wie sie oft um eines geringen geldlichen Vorteiles willen, auf der
Verunstaltung ihres Eigenbesitzes bestanden haben. Wo das geschah und
unser Warnungsruf ohne Erfolg verhallt ist, dürften schon heute bei
der inzwischen eingetretenen Geldentwertung die Bauenden sich von der
Kurzsichtigkeit ihrer Handlungsweise überzeugt haben.
Erfreulicherweise aber ist die Erkenntnis von der Unwirtschaftlichkeit
solcher Behelfsbauten, denn das sind sie im Grunde, im Fortschreiten
begriffen. Das zeigt sich besonders beim Um- und Erweiterungsbau
größerer ländlicher Wohnhäuser und insbesondere von ländlichen
Herrschaftshäusern.
Meist handelt es sich darum, das zu eng und unwohnlich gewordene
Gutswohnhaus zu erweitern oder durch ein neues zu ersetzen. Hier zeigte
sich einerseits vielfach eine bedenkliche Vorliebe für Prunkfassaden
und geringes Verständnis für die künstlerischen Feinheiten des
Gutscharakters, die durch Hineinstellung eines Fremdkörpers
gründlich verdorben worden wären. Es offenbarte sich hier deutlicher
als irgendwo, daß solche Aufgaben in die Hand eines feinsinnigen
Baukünstlers gehören, denn gerade das Einfügen eines Neubaues in eine
alte wertvolle Baugruppe, wie sie unsre prächtigen Gutsgehöfte fast
immer sind, bedarf großen künstlerischen Taktes.
Es ist heute einfach ein Naturgebot, daß alles was geschaffen wird,
möglichst hochwertig entsteht, denn wir können uns eine Verschleuderung
wertvoller Werkstoffe und Arbeitskräfte an minderwertige Leistungen
einfach nicht mehr gestatten. Von einer Verteuerung durch die Annahme
eines tüchtigen Architekten kann auch keine Rede sein, da durch diese
meist auf Vereinfachung hingewirkt und eine wirksame Rechnungskontrolle
ermöglicht wird.
Anderseits soll hier gern hervorgehoben werden, daß viele der
altansässigen Gutsfamilien stolz auf das bauliche Erbe ihrer Vorfahren
sind und alles daran setzen, um die künstlerische Einheit zu wahren,
wenn sie daran gehen, Neues erstehen zu lassen.
Hier spielt unsre Tätigkeit hinüber in das Gebiet der Denkmalpflege
und die in Frage kommenden Arbeiten werden in solchen Fällen in engem
Meinungsaustausch mit dem Landesamt für Denkmalpflege im Ministerium
des Innern durchgeführt.
Wir werden in nächster Zeit über diese Aufgabe näher berichten können.
Abb. 1 und 2 zeigen uns den Entwurf des in Ausführung begriffenen
Herrenhauses ~Dr.~ Lieber in Stroga bei Großenhain, er stammt von
Architekt ~Dr.~ Otto Schubert, Dresden und wurde im Einvernehmen mit
uns aufgestellt. In diesem Fall waren uns wegen der wenig günstigen
Bauweise des in den siebziger Jahren erbauten Hauses – es handelt
sich um einen Umbau – bei Gestaltung des Äußeren die Hände sehr wenig
gebunden, weshalb ein völlig neuer Baukörper geschaffen werden konnte.
Gewählt wurde das allseitige Mansardendach mit zeltartigem Anbau an
der Parkseite als Betonung des angefügten Hallenvorbaues, der dem Haus
Eigenart und Vornehmheit geben wird.
Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß wir dem Kleinwohnungsbau
und Siedelungsproblem und der damit verknüpften Fragen ständig unsre
größte Aufmerksamkeit zugewendet haben. In bestem Einvernehmen mit den
Verwaltungsbehörden haben wir in Hunderten von Fällen Gegenvorschläge
für ungenügende Eingabezeichnungen angefertigt oder aber, wo dies
angängig erschien, auf Zuziehung tüchtiger Architekten gedrungen. Nicht
immer war uns Erfolg beschieden, aber in zahlreichen Fällen fanden
wir verständnisvolles Entgegenkommen der Bauherren und Ausführenden.
Besonders dankbar aber begrüßen wir die Förderung unsrer Ziele durch
das Landeswohnungsamt, die Amtshauptmannschaften und Stadträte, die –
besonders in einigen Gegenden unsres Sachsenlandes – mit zäher Ausdauer
den Kampf gegen die Unkultur und Kunstlosigkeit gemeinsam mit uns
durchkämpfen.
Dieser Unterstützung bedürfen wir auch, wenn es sich um
die Einflußnahme auf die Gestaltung ländlicher Schul- und
Verwaltungsgebäude sowie kirchlicher Gebäude handelt. Letzten Endes muß
eben der Heimatschutz in die Herzen aller eindringen, von allen gewollt
werden und Angriffe auf unsre schönen alten Städte- und Dorfbilder als
auf uns alle persönlich gerichtet erkannt und abgewehrt werden.
Die Schönheit des Friedhofs ist ein Ideal, von dem wir noch himmelweit
entfernt sind. Sowohl die Großstadtfriedhöfe als die der kleinen Orte
bieten noch immer ein betrübliches Bild der Anhäufung von Schlechtem
und Aufdringlichem. Hier liegt noch viel ernste und harte Arbeit vor
uns. Soweit wir einwirken konnten, haben wir durch zeichnerische
oder plastische Vorschläge zunächst einmal auf die Schaffung einer
Generalidee gesehen, der sich das gesamte Friedhofsbild unterzuordnen
hat. In vielen Fällen konnte als Ausgangspunkt der neuen Ordnung
die eben im Entstehen begriffene Ehrung der Opfer des Weltkrieges
dienen. So haben wir in Eppendorf gemeinsam mit Bildhauer Lippert
Kirche, Denkmal und Friedhof zu einer festen Einheit zusammenschließen
können und erkennen gern das verständnisvolle Entgegenkommen des
Kirchenvorstandes an.
Anderorts war es nötig, durch strenge Vorschriften auf die Erhaltung
des Charakters alter Friedhöfe zu sehen, so galt es in Cavertitz einen
wundervollen alten Friedhof, der lange Zeit nicht mehr belegt worden
war, zu schützen und die künftige Belegung zu regeln. Hier drangen
wir, wie in ähnlichen Fällen, darauf, daß weder Baum noch Strauch noch
die wichtigen alten Denkmäler angerührt wurden, daß vielmehr die neue
Belegung auf alle diese erhaltenswerten Bestandteile des einzigartigen
Friedhofsbildes Rücksicht nehmen mußte. Die besonders schwierige
Lösung einiger Familiengrüfte, von denen leider zwei in schlechter
Form schon aufgestellt waren, vertrauten wir im Einverständnis mit
dem Kirchenvorstand und den ausführenden Gewerken Herrn Professor
Groß von der Kunstgewerbeakademie an. Wir halten es überhaupt für
die wichtigste Forderung bei der Verbesserung der Friedhöfe, daß die
künstlerische Gesamtlösung in die Hände eines tüchtigen Bildhauers
oder Architekten gelangt, denn die Praxis lehrt, daß mit geschriebenen
Friedhofsordnungen nicht viel geholfen ist, solange nicht ein
künstlerisch Tätiger ihre Durchführung überwacht; also auch hier
kann sich der Heimatschutz nicht auf die Verhinderung des Schlechten
beschränken, sondern er muß Positives schaffen.
Bei dem Arbeitsausschuß der Landesberatungsstelle für Kriegerehrungen
gingen in den vergangnen Jahren täglich mehrere Entwürfe zur
Begutachtung ein. Auch hier konnte ganz allgemein festgestellt
werden, daß gute Lösungen nur dort entstanden, wo rechtzeitig ein
tüchtiger bildender Künstler zugezogen worden war. Die vielen
schlechten Ehrendenkmäler, die leider im Lande stehen und die wir trotz
energischer Werbetätigkeit nicht verhindern konnten, beweisen, wie
gering im Volke noch immer das Verständnis für künstlerische Werte ist.
Glücklicherweise können wir aber auf eine stolze Reihe von Denkmälern
blicken, die auf unsre Einwirkung hin entstanden sind und die, hoffen
wir es, dazu beitragen werden, Urteil und Kritik zu schärfen. Allein
von Beginn des Jahres 1922 bis jetzt wurden in etwa fünfzig Gemeinden
Denkmäler nach unsren Vorschlägen ausgeführt, während die Ausführung
unsrer Vorschläge an zehn andren Orten beschlossen wurde.
[Illustration: Abb. 1 =Haus ~Dr.~ Lieber, Stroga=, Hofseite]
Nicht immer wurden unsre Anregungen freundlich aufgenommen, oft hielt
man unsre Einwirkung für Besserwisserei und oft glaubte man unsre
Einwände damit abtun zu können, daß man erklärte, man könne für sein
Geld bauen, was man wolle. Solche Denkungsweise entspricht nicht
der Kultur eines hochstehenden Volkes und ist der Ausdruck rohester
materieller Gesinnung.
Wenn wir die Denkmäler des Weltkrieges mit denen andrer Völker
vergleichen, können wir immer noch stolz auf die Leistungen unsrer
bildenden Künstler sein, die sich glücklicherweise freihalten von
Schematisierung, und wenn wir der Ursache des Erfolges nachspüren, so
finden wir, daß unsre deutschen Künstler es viel besser verstanden
haben, landschaftlich geeignete Aufstellungsplätze zu finden und was
noch wichtiger ist, die Eigenart des Aufstellungsplatzes im Denkmal
zum Ausdruck zu bringen, also der künstlerische Takt der Einfügung des
Kunstwerkes in die Umgebung ist auch hier ausschlaggebend für seine
Wirkung.
Aber auch kunstgewerbliche Aufgaben, die mit dem Orts- und
Landschaftsbild irgendwie zusammenhängen, haben uns laufend
beschäftigt. Hierzu gehören vor allem Orts- und Warnungstafeln,
Flaggen, Standarten, Ehrenurkunden und dergleichen. Zur Lösung dieser
Aufgaben stellte sich uns Professor Rößler von der Kunstgewerbeakademie
in uneigennütziger Weise zur Verfügung und ihm ist es zu verdanken,
daß unter Heranziehung seiner Schülerschaft eine große Reihe
dekorativer Arbeiten öffentlichen Gepräges in gute Form gebracht wurde.
Gleichzeitig bereitet uns diese Art der Erledigung die Befriedigung,
dem akademischen Unterricht durch Überweisung praktischer Aufgaben
positiven Gehalt verschaffen zu können. Aber auch die im Erwerbskampf
stehenden dekorativen Künstler konnten wir des öfteren zu größeren
Aufgaben heranziehen.
[Illustration: Abb. 2 =Haus ~Dr.~ Lieber, Stroga=, Gartenseite]
Überhaupt lag es uns daran, nicht nur auf dem Gebiet der reinen
Architektur sondern auch auf dem der übrigen bildenden Künste, insoweit
sie Stadt- und Landschaftsbild beeinflussen, mitzuarbeiten und zur
Lösung der auftauchenden Probleme mitzuwirken. Hierbei beschäftigten
uns in erster Linie zwei Probleme: die Farbe im Stadtbild und die
Außenreklame.
Ausgehend von den zahlreichen verunglückten farbigen Bemalungen in
unsern Groß- und Kleinstädten hielten wir mehrmals im Kreise unsrer
Sachverständigen eingehende Beratungen über diese für das Ortsbild so
wichtigen Frage ab und kamen dabei einheitlich zu der Überzeugung,
daß bessere Lösungen nur dann erwartet werden können, wenn eine
behördliche Melde- und Genehmigungspflicht eingeführt und rechtzeitige
Heranziehung künstlerischer Kräfte durchgesetzt wird. Wir hatten
hier Gelegenheit, den Herren Vertretern der Stadt Dresden gegenüber
die alsbaldige Erlassung eines besonderen Gesetzes zum Schutze des
Ortsbildes zu fordern, in dem wir auf zahlreiche andre sächsischen
Städte hinwiesen, wo dies bereits in vorbildlicher Weise geschehen
ist. Inzwischen haben wir in einigen Orten, so in Königstein,
Neustadt, Hartenstein usw., bereits für die praktische Lösung farbiger
Straßenbemalung positive Vorschläge gemacht, die von Erfolg begleitet
sind. Anderorts, so in Meißen, haben wir eine aus wenigen schaffenden
Künstlern und dem Bürgermeister bestehende Kunstkommission zur
Überwachung des Stadtbildes ins Leben gerufen und wir hoffen, auf
diesem Wege fortzuschreiten, bis überall der Gemeinsinn geschärft,
bis überall die Schönheit unsrer Städte und Landschaft Gemeingut
_aller_ geworden ist. Allenthalben haben wir dabei uns möglichst von
der Theorie und dem Aufstellen von Richtlinien ferngehalten, sondern
glaubten der Allgemeinheit am besten durch praktische Vorschläge dienen
zu können.
Die Reklame ist die am meisten umstrittene Aufgabe, mit der wir uns
befaßt haben. Sie hat uns oft mehr als uns lieb war in Anspruch
genommen. Seit Bestehen unsres Vereins haben wir ihre Auswüchse
bekämpft und versucht, ihre Formen in bessere Bahnen zu lenken,
sind aber nie Reklamefeinde gewesen, wie man uns gern in die Schuhe
schieben will. Als nach Kriegsende unsre Reichsverkehrsbehörden – Post
und Eisenbahn – dazu übergingen, eine schranken- und geschmacklose
Reklame an ihren Bauten zuzulassen, die ihnen nachweislich ganz geringe
Einkünfte und wenn man die Beamtengehälter einrechnet, eigentlich nur
Verluste einbringt, legten wir gemeinsam mit allen in Frage kommenden
Künstlerverbänden und Wirtschaftsvereinigungen eine energische
Verwahrung gegen die Verunstaltung des Stadtbildes ein, die Presse
schloß sich unserm Vorgehen auf der ganzen Linie an. Nachdem auch der
Reichskunstwart auf unsre Seite getreten ist, hoffen wir bestimmt, daß
die gröbsten Verunstaltungen binnen Kurzem verschwinden werden.
Die erregteste Form nahm der Reklamekampf aber bei der Beurteilung der
sogenannten Reklamestraße am Stadion auf den vormaligen Güntzwiesen an.
Wir hatten uns in einer Ausschußsitzung mit dem auftauchenden Plan
der Reklamestraße beschäftigt und in einer Sachverständigensitzung
beschlossen, die Zerreißung des wundervollen vom Großen Garten,
den Güntzwiesen, der Bürgerwiese und dem Garten des Prinzenpalais
gebildeten Grüngürtels abzulehnen und zu bekämpfen. Wie berechtigt
unsre Bedenken waren, hat die Stellungnahme der breiten Öffentlichkeit
nach Ausführung der Reklamestraße bewiesen. Die Reklamestraße ist als
Versuch der Konzentration der Reklame entstanden und wir betonen hier
ausdrücklich, daß wir alle großzügigen Versuche zur Verbesserung der
Reklame nur begrüßen, aber die Güntzwiesen sind ein Gebiet, das für
solche Versuche nicht geeignet ist.