In den letzten Jahrhunderten v. Chr., in der _jüngeren vorrömischen_

oder _Latène-Zeit_, nehmen die Urnenfelder an Zahl und Ausdehnung

ab und beschränken sich auf Nordwestsachsen bis zum Elbtal. Die

Gräber stammen mit wenigen Ausnahmen aus den älteren Abschnitten

dieser Periode. Bekannt sind nur Flachgräber, die sich durch Armut an

Gefäßen von denen der älteren Zeit unterscheiden. Die Urnen kann man

leicht in zwei durch Herstellungs- und Verzierungsweise auffallend

verschiedene Gruppen trennen. Die der einen Gruppe sind freihändig

aus grobsandigem Ton hergestellt, schmutziggrau oder braun gefärbt,

terrinen- (65 bis 67) oder tonnenartig (68), zum Teil mit kaum

abgegrenztem Hals und meist ohne Henkel, die an einzelnen durch paarig

senkrechte oder hufeisenförmige Wülste ersetzt sind. Als Verzierungen

werden Tupfenreihen (65), horizontale und winkelig gebrochene, von

Einstichen begleitete Furchen (66) oder mit einem mehrzinkigen

Werkzeug ausgeführte Bogenlinien (67) angebracht, auch ist der

Gefäßbauch zuweilen in abwechselnd rauhe und glatte, auch gestrichelte

Felder eingeteilt (68). Die Gefäße der anderen Gruppe dagegen sind

aus feingeschlämmtem Ton auf der Töpferscheibe angefertigt, sauber

geglättet und schwarz gefärbt. Nach oben und unten konisch verjüngte

Näpfe (69, 75) und becherartige Formen (70), durch aufgeklebte

Tonleisten gegliedert, herrschen vor. Auf einzelnen Stücken sind innen

oder außen konzentrische Ringel in Dreiecksstellung (75), selten

~S~-förmige Ornamente um den Boden herum eingestempelt. Die Gefäße

der ersten Gruppe dürften heimische Erzeugnisse, die der letzteren

Importware aus Westdeutschland sein. Beigefäße, roh gearbeitete

Näpfchen und Täßchen (71 bis 74), enthalten die Latène-Gräber nur in

geringer Zahl.

[Illustration]

Schmuck- und Gebrauchsgegenstände werden jetzt dem Toten reichlicher

beigegeben. Hier sind vor allem die für die Altersbestimmung wichtigen

Gewandnadeln oder Fibeln zu nennen, deren älteste Form mit freiem

Schlußstück (77) aus den meisten Latène-Gräbern, deren jüngste mit

ungetrenntem Nadellager und Schlußstück (79) aber nur in wenigen

Exemplaren bekannt ist. Zu den häufigeren Metallbeigaben gehören weiter

Gürtelhaken in mancherlei Gestalt, einfache Bänder mit umgebogenen

Enden (80), sporn- (81) oder stabförmige (86) aus Eisen, dreieckige,

durchbrochene aus Bronze oder aus einer mit verziertem Bronzeblech

und Knöpfen besetzten Eisenplatte (85). Neue Typen sind eine eiserne

oder bronzene Nadel mit Kopfscheibe und aufgenietetem Bronzekegel, die

Tutulusnadel (82), der mit Buckeln verzierte Paukenring, eiserne und

bronzene Ketten mit in Tierköpfen endenden Haken, wohl Wehrgehänge, und

die geschmackvoll ornamentierten Segelohrringe (84).

Aus der Zeit nach Christi Geburt, der _römischen Kaiserzeit_, sind

nur noch wenige Urnenfelder bekannt; Sachsen scheint damals durch die

beginnenden großen Völkerbewegungen bereits entvölkert zu sein. Aus

den ersten beiden Jahrhunderten stammen zwei Brandgräberfelder in

Sachsen westlich der Elbe, aus dem dritten und vierten Jahrhundert

außer einzelnen Gräbern nur ein solches in der Lausitz das aber eine

Sonderstellung einnimmt durch die Art der Bestattung der Knochenreste

wahrscheinlich in Holzgefäßen, nicht in Urnen aus Ton. Das Inventar

der Gräber unterscheidet sich namentlich durch die Keramik. Die Gefäße

der älteren Urnenfelder haben ausschließlich Becherform (87, 89), sind

tiefschwarz, oberflächlich glänzend geglättet und reich verziert,

oder rotbraun und schmucklos. Das häufigste Verzierungsmotiv ist der

Mäander, meist als Treppenmäander, nach unten durch eine Reihe von

Dreiecken abgeschlossen; der Gefäßbauch wird durch Doppellinien in

Felder geteilt, in denen Ringe oder auch Hakenkreuze angebracht sind

(87). Alle Linien werden von mehrfachen Reihen viereckiger Grübchen,

die mit einem Rollrädchen eingedrückt sind, gebildet. Daneben kommen

als Ornament auch Dreiecke, mit Grübchen gefüllt (89), vor. Alle Gräber

enthalten nur eine Urne, keine Beigefäße, Steinsetzungen fehlen. Anders

ist die Keramik der jüngeren Urnenfelder der römischen Kaiserzeit, in

denen neben rohgearbeiteten Näpfen (88) Terracottagefäße römischer

Arbeit (90, 91) gefunden werden.

[Illustration]

Im Inventar der Gräber der frührömischen Kaiserzeit spielen Waffen

eine große Rolle: eingerollte eiserne Schwerter (92), Lanzen (93, 94),

Schildbuckel (105) und Schildfesseln (102), diese auch aus Bronze. Zum

Schleifen der Waffen dienten Wetzsteine aus feinkörniger Grauwacke

(100). In den Gräbern der späteren Gruppe ist dagegen fast immer die

Axt (99) enthalten, daneben Lanze und Pfeil. Beiden Gruppen gemeinsam

sind gerade und sichelartig gebogene Messer (96, 95), Hakenschlüssel

(98) und Federscheren (97) aus Eisen und eiserne oder bronzene

Schnallen (104, 106). Von Schmucksachen enthalten die Gräber der ersten

beiden Jahrhunderte n. Chr. reichlich provinzialrömische Fibeln in

verschiedenster Ausführung (103, 108 bis 110), selten ein goldenes

Ohrgehänge (107), die des späteren Abschnitts vereinzelt eine silberne

oder goldbelegte Rollenfibel, einen Knochenkamm oder Glasperlen.

[Illustration]

Mit dem Ende des römischen Kultureinflusses und dem Vordringen des

Christentums verschwindet aus unsrer Gegend auch die Sitte der

Leichenverbrennung und der Anlage von Urnenfeldern. Ihre Stelle nimmt

seit der Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends wieder die

älteste Bestattungsform, die Beerdigung der Toten, ein, die bis in die

Gegenwart die allein übliche geblieben ist. Erst der jüngsten Zeit ist

es vorbehalten gewesen, aus wirtschaftlichen und hygienischen Gründen

die Leichenverbrennung wieder einzuführen.

[Illustration]

Der Dresdner Totentanz

Von _Edgar Hahnewald_

Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts tauchen in der bildenden

Kunst die Totentänze auf, reigenartige Darstellungen, in denen

der Tod Menschen aller Stände in sein dunkles Reich führt. In der

graphischen Kunst fand Hans Holbein für dieses Thema den geistigsten,

erschöpfendsten Ausdruck.

Auch die plastische Kunst hat sich mit diesem Thema beschäftigt.

Dresden darf sich rühmen, eins der wertvollsten Werke dieser Art

zu bergen. Es ist der um 1535 vom Steinmetzen Hans Schickentantz

geschaffene Reigen des Todes – es ist ein merkwürdiges Spiel des

Zufalls, daß der Meister so hieß, der den Tanz schilderte, in den sich

jeder schicken muß. Seit 1733 – Flechsig nennt die Jahreszahl 1737 –

ist dieses Werk nicht gerade glücklich an der Mauer des Neustädter

Friedhofes an der Friedensstraße aufgestellt. Dieser entlegene Standort

mag schuld daran sein, daß nur die wenigsten Dresdner das Werk kennen,

das unter den Wettern langsam, aber unaufhaltsam der Zerstörung

anheimfällt. Leider haben sich alle Versuche, dem fortschreitenden

Verfall Einhalt zu tun, als nutzlos, eine Versetzung in den trockenen,

geschützten Raum etwa einer Kirche hat sich als unmöglich erwiesen, und

spätere Geschlechter werden sich mit dem Abguß begnügen müssen, den der

Sächsische Altertumsverein hat anfertigen lassen.

* * * * *

Ursprünglich stand dieses gewaltige ~memento mori~ den Dresdnern

immerdar vor Augen, denn es zierte die der Elbbrücke zugekehrte

Schauseite des Georgenbaues, der an der Stelle des heutigen

Georgentores stand.

Im Jahre 1533 wurde mit diesem Bau begonnen, der errichtet wurde,

weil das alte Schloß für den Hof zu eng geworden war. Mit diesem Bau

verknüpft ist der Annaberger Hüttenstreit, der während des Baues der

Annaberger Stadtkirche ausbrach und bei dem die Annaberger Steinmetzen

gegen die fremden Dombaumeister die Verkürzung der Lehrzeit und die

Einführung der Renaissanceformen forderten. Herzog Georg trat auf die

Seite der Annaberger, entschied so den Streit zu ihren Gunsten und

stellte dadurch die Dresdner Bauhütte unter Hans Schickentantz an die

Spitze der sächsischen Hütten. Sie führte nun auch den Georgenbau aus,

und damit hielt die Renaissance ihren Einzug in Dresden, nachdem sie

schon um 1500 in der lichten Weiträumigkeit der Annaberger Stadtkirche

vorgeahnt war.

* * * * *

Der prächtige Bau Georgs, zu dem der aufblühende Annaberger

Silberbergbau die Mittel lieferte, wandelte, wie es die Renaissance

überall in Deutschland tat, die mittelalterliche Burg zum Schloß

um. Er fügte sich den alten Teilen als turmartiges Bauwerk mit vier

reichverzierten Giebeln ein. Reiche, steinerne Ornamentik, Friese,

Erker, Tore, Wappen, Medaillen und Reliefs schmückten die beiden

Schauseiten, deren eine der Elbbrücke, die andere der Elbgasse, der

heutigen Schloßstraße zugekehrt war. Zwei zeitgenössische Kupferstiche

in Wecks Chronik geben ein deutliches Bild von der Schönheit des Baues,

der nach seiner Vollendung den römischen König Ferdinand I. so vom

Reichtum Herzog Georgs überzeugte, daß er sich von ihm zwanzigtausend

Gulden leihen ließ.

Im Jahre 1701 zerstörte der große Schloßbrand auch den Georgenbau

bis auf wenige Reste, von denen sich nur ein Relief, den biblischen

Brudermord darstellend, das schöne Nordportal, das beim Umbau von 1899

in den Schloßwinkel gegenüber der Katholischen Hofkirche versetzt

wurde, und der Totentanz erhalten haben.

* * * * *

Dieser Totentanz war ein Teil des reichen bildnerischen Schmuckes,

der den Georgenbau zierte und dem – im Gegensatz zu der heiteren

Zierlichkeit des Baues – eine einheitliche, ernste, ja düstere Idee

zugrunde lag. An der Elbseite war der menschliche Sündenfall und die

ihm folgende Strafe des Todes, auf der Stadtseite die Versöhnung

durch Christi Opfertod dargestellt. Fast scheint es aber, als ob der

ausführende Meister stärker von der Unerbittlichkeit und Allgewalt

des Todes als von der versöhnlichen Erlösung überzeugt gewesen sei,

denn der Totentanz packt den Beschauer mit der Macht eines durch

und durch gefühlten Werkes. In ihm faßte ein Renaissancemensch, der

auf die Charakterschilderung der gotischen Meister verzichtete, den

zugrunde liegenden Gedanken zu einer einheitlichen, geschlossenen,

zwingenden Stimmung zusammen, die stärker spricht als die Gestalten

im einzelnen, die da in willenloser Dumpfheit der grausigen Schalmei

des Todes hinterdreinziehen. Wohl tragen einige, vielleicht sogar alle

der Gestalten die Züge damals lebender Menschen: als Kaiser zieht Karl

V., als König Ferdinand I., als Herzog Georg, als Werkmeister der

Schöpfer Hans Schickentantz selbst und unter den Frauen Barbara, die

Gattin Georgs, dem Tode nach, aber die Bildnisse drängen sich nicht

auf, Kaiser und König, Herzog und Herzogin gehen als Splitter, als

Teilchen der großen Masse Mensch mit, unter der der Tod Ernte hält – er

führt den Zug, aber er schaut nicht hin, wen er führt. Und tut er es

doch, so tut er es als Gebieter, empfindungslos für Rang und Würden und

alle Unterschiede, die den Menschen vom Menschen trennen. Vor ihm sind

alle gleich.

[Illustration: Der Dresdner Totentanz]

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration: Bei der photographischen Wiedergabe mußte der Totentanz

in diese vier Gruppen zerlegt werden. Das Original bildet einen

fortlaufenden Fries]

* * * * *

Der geistige Vater dieses Gedankens, die Renaissance-Heiterkeit des

Georgenbaues mit diesem düsteren Memento zu überschatten, war Herzog

Georg selbst. Todesstimmung bewegte den Fürsten dazu, dieses Denkmal

seines menschlichen Leides schaffen zu lassen.

In den achtunddreißig Jahren seiner Ehe mit Barbara, der Tochter des

Königs Kasimir IV. von Polen, hatte ihm die Gattin fünf Söhne und fünf

Töchter geboren. Sechs der Kinder entriß ihm der Tod schon zu Anfang

seiner Regierung. Noch während des Baues des Georgentores im Jahre

1534 starb die Gattin. Die vierte Tochter starb. Und auch die zwei

letzten Söhne starben noch vor ihm. Zehnmal stand dieser Mann an der

Bahre. Zum Zeichen der Trauer ließ er sich nach dem Tode der Gattin

den Bart unverschnitten wachsen – als Georg den Bärtigen kennt ihn die

Geschichte.

Zum Todesleid kam andrer Kummer. Georg hatte schon vor Luther den

Ablaßhandel bekämpft und war für eine Reform der katholischen Kirche

eingetreten. Aber die Spaltung der Kirche, wie Luther sie hervorrief,

lehnte er ab. Er war ein hartnäckiger Gegner der Reformation und trat

nach dem Reichstage zu Augsburg in offner Feindschaft gegen Luther

auf, den er einen »verloffenen Mönch« nannte und der ihn wiederum

in Schmähschriften von unerhörter Grobheit befehdete. Luther nannte

den Fürsten den »Meuchler zu Dresden« und sagte ihm nach, daß er vor

Gott nicht höher als Pilatus, Herodes und Judas stehe und ein Tyrann

sei schlimmer als Pharao und selbst der Papst. Und Georg erwiderte

schließlich kaum minder grob. Aber je länger sein Kampf gegen die

Reformation dauerte und je mehr sich die Gegensätze zwischen den

beiden Bekenntnissen verschärften, desto sicherer erkannte er seine

unabwendbare Niederlage. Sein Bruder Heinrich, den die Geschichte

später den Frommen nannte, fiel von ihm ab und schlug sich auf die

Seite der Gegner und trat schließlich mit seinem Sohne Moritz dem

Schmalkaldischen Bunde bei. Nun sah der Herzog seine ganze Familie im

feindlichen Lager. Verzweifelte Versuche, den Bruder deshalb von der

Thronfolge auszuschließen, mißlangen. Und als er gar auf den Ausweg

verfiel, den schwachsinnigen Sohn Friedrich zu verheiraten, um Heinrich

durch einen thronberechtigten Erben zu verdrängen, entriß ihm der Tod

einen Monat nach der Heirat auch diesen letzten Sohn.

Alle diese tragischen Schicksalsschläge – denn tragisch ist auch der

Kampf eines von vornherein hoffnungslosen Kämpfers – erhärteten und

verdüsterten seinen Sinn. Einsam und gebeugt, besiegt und von den

Schatten seiner Toten heimgesucht, ersann dieser Mann den einen Trost,

sein Haus mit der ewigen Mahnung an den Tod zu schmücken.

Am 17. April 1539 starb er selbst.

* * * * *

Sein Bau überdauerte ihn um anderthalb Jahrhunderte. Dann zerfraßen die

Flammen die steinerne Pracht.

Als August der Starke über den Ruinen von neuem bauen ließ, wurde der

Totentanz, der als Fries zwischen dem zweiten und dritten Obergeschoß

angebracht war und durch einen reich verzierten Erker in zwei ungleiche

Hälften geteilt wurde, herabgenommen. Da aber die Skulpturen mit

eisernen Bändern, Ankern und Klammern und eingegossenem Blei befestigt

waren, ging diese schwierige Arbeit nicht ohne Trümmer ab. Die fünf

letzten Figuren stürzten herab und zerbrachen.

Den Fries überwies man der Kirchengemeinde zu Dresden-Neustadt, die

ihn aber erst 1721 an der Mauer des alten Friedhofes am Ende der

Rähnitzgasse aufstellte, nachdem der Bildhauer Johann Emanuel Brückner

die zerbrochenen Teile durch vier neue Figuren ersetzt hatte, die trotz

dem offensichtlichen Versuch, sie dem Stil des Renaissancemeisters

anzupassen, das barocke Empfinden des Nachschöpfers nicht verleugnen.

Magister Hilscher dichtete Verse zu den Gruppen des Totentanzes,

die unter das wieder aufgestellte Werk geschrieben und ihm später

auch am neuen Standort beigefügt wurden. Die Verse sind hier auf

diesen Blättern in der älteren Fassung nach einem alten Lichtbilde

wiedergegeben, in der sie von der jetzigen Fassung in einzelnen Worten

abweichen.

Als dann 1733 wegen des Neubaues der Dreikönigskirche der alte Friedhof

in der Rähnitzgasse beseitigt und ein neuer bei den Scheunenhöfen

angelegt wurde, versetzte man auch den Totentanz dorthin, wo er heute

noch steht.

Auf allen diesen Wegen veränderte sich auch das Aussehen des Frieses

nicht zu seinem Vorteil. Denn ursprünglich waren die Figuren auf

himmelblauem, später auf dunkelrotem Grunde farbig bemalt. Nach

der Neuaufstellung wurde aber das Ganze einmal weiß, einmal gelb

überstrichen, und nach 1813 prangte der Fries sogar einmal in den

sächsischen Landesfarben: weiße Figuren auf grünem Grunde.

Die Verwitterung tat das ihrige, die ursprüngliche Schönheit

anzugreifen. Aber auch heute noch, trotz allen Spuren des Verfalls,

spricht das Empfinden seiner Schöpfer erschütternd aus diesem Reigen.

* * * * *

Auch in diesem Totentanz tritt der Tod als der unerbittliche Führer

auf, dem alle ohne Unterschied folgen müssen. Er schreitet voran,

einen Weinkelch erhebend und die Schalmei blasend. Nach der Schar

seiner Opfer sieht er sich nicht um – er weiß: sie folgen ihm alle.

Sein wehender Haarschopf, grausig an diesem kahlen Gebein, deutet das

unaufhaltsame Dahin an, an das die Verse mahnen:

Wenn Du kommst und wenn Du gehest,

Wo Du bist und wo Du stehest,

Denke, daß Du sterben mußt.

Und sie folgen ihm. Der Papst und der Kardinal, der Bischof und der

Domherr, der Abt, der Prediger und der Mönch. Und aus den Versen klagt

der katholische Herzog, der im Streite gegen die Lutherlehre unterlag:

Komm, alter Vater, komm, ich muß Dich nur begraben,

Weil Dich die Leute hier nicht länger wollen haben,

Daß aber Deiner nicht so ganz vergessen sey,

Stehst Du im Bildniß da mit Deiner Clerisey.

Und noch einmal führt der Tod. Er schlägt die dumpfe Trommel mit Gebein

und wendet sich gebieterisch gegen die weltlichen Machthaber, die sich

seinem Zwange fügen müssen: der Kaiser und der König, der Herzog und

der Kanzler, der Graf und der Ritter. Der Herzog trägt Georgens Züge.

Er wendet sich traurig zum Kanzler und betet einen letzten Rosenkranz –

auch ihm ist beschieden, im Reigen aller mitzugehen.

Der Kaiser folget mir sammt allen Potentaten,

Kein König thut mirs nach an Ruhme wie an Thaten.

Der Fürst der Grafe stirbt, es stirbt der Rittersmann,

Weil niemand, wer er sey, sich mein erwehren kann.

Dem Zuge der Fürsten folgen die Stände: der Ratsherr, der Werkmeister

Hans Schickentantz mit Winkelmaß und Spitzhacke, der Soldat mit der

Streitaxt, der Bauer mit dem Dreschflegel. Und, mühselig und beladen

noch im Tode, humpelt hinterdrein der Bettler auf hölzernem Stelzfuß.

Keiner ist dem Tode zu gut, keiner zu schlecht:

Ihr seid hier alle gleich. Wenn einer wär vom Adel,

Ein Ratsherr bei der Stadt, ein Meister ohne Tadel,

Soldat und Bauersmann, ein Mann mit einem Bein,

Noch muß er in Person mit bei dem Tanze seyn.

Auch die Frauenzier schont er nicht. Die behäbig-fromme Äbtissin,

die stolzgeschmückte Fürstin mit Barbaras Zügen, die Bauernfrau mit

der Gänsekiepe zwingt er gleichermaßen zum letzten Tanz. Er ist kein

Frauenfreund. Barsch, ja beinahe ärgerlich, als kenne auch der Tod die

Widerspruchslust der Weiber, herrscht er die Frauen an:

Und ihr müßt auch mit dran! Kein Weib aus allen Ständen

Wird mir in diesem Tanz entwischen aus den Händen.

Brückners Figuren schließen den Reigen: der Geizhals umklammert noch im

Tode seinen Geldsack vor den Bitten eines Bettlers, den ein Kind führt.

Alle drei nimmt der Tod mit.

Der junge Mann muß fort, das Kind, der alte Greis,

Weil man an diesem Ort von Unterschied nichts weiß.

Und damit ihm keiner entwische, geht der Tod noch einmal hinterdrein

und kehrt mit seiner Sense das Leben vor sich her. Und mit beinahe

komisch wirkender Resignation schließt der Dichter:

So wird eines nach dem andern

Hin zu seinem Grabe wandern,

Bis wir endlich alle seyn.

So zieht dieser Reigen des Todes an der Friedhofsmauer dahin. Menschen

in schwarzen Kleidern stehen manchmal davor, lesen die Verse und

betrachten stumm das ernste Werk, das langsam, unaufhaltsam verwittert

und so zwiefach mahnt an die Vergänglichkeit aller Dinge.

* * * * *

Der Novemberwind blättert rauh im Efeu. Er weht über die Gräber und

zaust die raschelnden Papierblumen des Totensonntags. Aus seinem

Geflüster um die Hügel der Dahingesunkenen spricht die Mahnung der

Toten:

Was ihr seid, das waren wir,

Was wir sind, das werdet ihr!

Wir wissen es. Und weil wir es wissen und weil einmal der Tag kommt, an

dem wir nicht mehr ausweichen können, wollen wir still die Toten grüßen

und hingehen und das Leben lieben und bejahen und uns des Lebens, des

Daseins freuen und vorwärtsgehen, auf und ab über Sieg und Niederlage

vorwärts bis zum letzten Schritt im letzten Reigen.

Herbst

Wanderung von Bienhof nach Gottleuba

Von Prof. ~Dr.~ _Arno Naumann_

Endlich wieder einmal einige von der Alltagsbürde freie Wandertage!

Die Wahl des Zieles ist für mich nicht schwer, hat mir doch der

Heimatschutz eine herrliche Unterkunft in unserm Bienhof gewährt! Also

auf, dahin! Und wenn auch der Zug erst in der herbstlichen Dämmerung

in Gottleuba einfährt. Von dort ist’s ja für den rüstigen Wanderer nur

eine gute Stunde, allerdings mitten durch den abendlichen Wald. Am

Schlusse taste ich mich nur noch durch den hohen Fichtenwald, aber ich

erreiche unser liebes Heim, ohne mich im Nachtdunkel zu verirren.

Bald umfängt mich in Zimmer Nr. 3, welches dem Heimatschutzdienst

geweiht ist, eine freundliche Behaglichkeit und recht bald eine

wohlige Müdigkeit. Noch im Entschlummern höre ich das klagende »Komm’

mit, komm’ mit« der in dem nahen Gutsgebäude hausenden Käuzlein. Im

Volksglauben bedeutet dies das baldige Sterben eines Lieben; vielleicht

als Nachklang germanischer Heidenzeit. Und wahrlich! Als ich am andern

Morgen hinausschaute auf Wiese und Wald, da wußte ich, wem das »Komm’

mit!« gegolten hatte: Die _Natur lag im Sterben_, es war Herbst

geworden. Aber als Abschiedsgruß will sie noch einmal aufleuchten in

herrlichem Farbenbunt, das durch Morgennebel und dampfenden Wald zu

mir herüberglänzt. Ich will diesen Scheidegruß genießen auf kurzer,

aber inhaltsreicher _Wanderung vom einsamen Bienhof zum betriebsamen

Bad Gottleuba_. Noch erfreuen späte Blüten das Auge. Unten auf

feuchter Wiese sind’s Distelarten: »Kohl- und Sumpfdistel«, welche

mit der unterseits silberblättrigen Alantdistel allerlei blühende

Bastarde gezeugt haben. Gleich hinterm Heimatschutzhaus auf steilem

Wiesenweg nach Oelsen ist eine Weidekoppel. Die wogenden Halme der

Gräser mit ihrem schmückenden Blumenwerk sind gemäht, aber noch finden

sich als Zeugen ungehemmter Werdekraft die _purpurblütigen Büsche_

der _Perückenflockenblume_ mit den gelbblühenden Familienverwandten

der _Habichtskräuter_, der _Goldrute_ und des sternblütigen

_Hainkreuzkrautes_, das gleich Blitzähren das nahe Strauchwerk

durchleuchtet. Der _Herbstlöwenzahn_ reckt seinen Blütenkopf empor,

während der _Frühlingslöwenzahn_, die »Maiblume« der Dresdner, schon

zum zweitenmal verblüht, seine Laternen zum Ausblasen der Flugfrüchte

darbietet. Die Blütensterne der _Wucherblume_ und die weißen

Doldenschirme des _Bibernells_ locken die letzten Herbstbummler der

Insektenwelt, während _Augentrost_arten[1] mit ihrer Blütenlieblichkeit

sich bescheiden in die wiederaufsprossenden Gräser ducken. Hie und da

zeigt sich ein Trupp _weißblühenden Labkrautes_. Die _Glockenblumen_,

zumal die dunkelblauen, läuten den Sommer aus, und auf flachgründigem,

daher trockenem Gelände glänzen zahlreich die _Goldsterne_ des

_Jakobskrautes_. Dazwischen heben sich über die Grasnarbe gleich

feinem dunkelgrünen Federwerk die aromatischen Büsche der _Bärwurz_,

des Keppernickels unsrer Gebirgler. Hie und da hat es noch eine

Herbstdolde angesetzt, aber einzelne Blätter leuchten schon im

herbstlichen Zitronengelb oder Goldbraun. Auf nahen Brachfeldern blühen

noch wilde _Möhre_, die lilaköpfige _Knautie_, der löwenmaulähnliche

_Frauenflachs_, die drüsige _Gänsedistel_, und als Dauerschmuck des

Jahres die allbeliebte _Kornblume_.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 7-9 · 第 2 / 6 段