Der steil aufragende, schmale Fels (siebenhundertvierunddrei

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original

in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter

Text ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

7 bis 9

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XII

_Inhalt_: Der Lößnitzer Weihnachtsberg, die Deutsche Weihnacht in

der Jahresschau 1923 – Vom Wendelstein zum Bendelstein – Die

sächsischen Urnenfelder – Der Dresdner Totentanz – Herbstwanderung

von Bienhof nach Gottleuba – Aus unsrer Tätigkeit – Herbstwege –

Das Trompeterschlößchen zu Dresden – Volkskunde und Heimatschutz –

Janko alias Hanka – Zur Weihe der Karl-Schmidt-Bank in Bienhof

Einzelpreis dieses Heftes 2 Goldmark

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835

Stadtgirokasse Dresden 610

Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz,

Dresden

Bassenge & Fritzsche, Dresden

Dresden 1923

Bitte um eine Beitragszahlung von 1 Goldmark

_Dresden_, den 23. November 1923

An unsre werten Mitglieder!

Nur schweren Herzens haben wir uns entschlossen, das beifolgende

Heft, das Weihnachtsheft, das dritte Heft dieses Jahres, _jetzt_

zu versenden. Die Gründe sind unschwer zu erraten. Die andauernde

Markverschlechterung vermindert fast jede, uns auf dem Weg über das

Postscheckamt, über die Girokassen, über die Banken zugehende Zahlung,

während wir anderseits unsern Verpflichtungen in Goldmark nachkommen

müssen. So sind uns bedauerlicherweise in letzter Zeit alle Beiträge,

die über die genannten drei Institute gezahlt wurden, fast wertlos

gutgeschrieben worden. Geht das in Zukunft so weiter, so stehen wir vor

dem Eingang unserer Bewegung. Das veranlaßte uns, mit der Herausgabe

dieses Heftes, das schon seit langem fertig ist, zu zögern. Wenn

wir nunmehr den Versand wagen, so veranlaßt uns einerseits dazu der

Umstand, daß es ein Weihnachtsheft ist, daß seine Beiträge eng mit dem

großen Fest der Liebe verbunden sind, und anderseits die immer mehr

zunehmende Einsicht bei den meisten Deutschen, daß auch unsre Beiträge

wertbeständig, d. h. so gezahlt werden müssen, daß wir einen Nutzen und

keinen Schaden davon haben.

_Heute bitten wir um eine Beitragszahlung von 1 Goldmark nach dem Kurse

des Zahlungseingangstages bei uns. Wir müssen daher recht herzlich

bitten, diese Summe uns in wertbeständigem Gelde durch gewöhnliche

Briefpost, Einschreibebrief oder Geldbrief übermitteln oder für den

Fall, daß Post-, Giro- oder Bankverkehr gewählt wird, gleich den

unvermeidlichen Entwertungszuschlag mit einzurechnen und den Beitrag

auf 1.50 bis 2.-- Goldmark zu erhöhen, damit wir keinen Schaden

erleiden._

Die erbetene Summe von 1 Goldmark ist selbstverständlich der

Mindestbeitrag, den wir zu fordern gezwungen sind in Rücksicht

darauf, daß die Kosten dieses Heftes ganz erhebliche sind, und daß

ja alle Veröffentlichungen heute weit höher bezahlt werden müssen,

als in Friedenszeiten. Man nehme sich ein Beispiel an den Zeitungen,

an den illustrierten Zeitschriften, die das zwei- bis dreifache des

Vorkriegspreises kosten.

Um deswillen bitten wir alle diejenigen, die das weitere Durchhalten

unsres Vereins anerkennen, die verstehen, was es heißt, daß wir heute

noch genau dieselben Veröffentlichungen herausgeben wie vor dem Kriege,

freiwillig nach ihrem Können die obenerbetene 1 Goldmark zu erhöhen und

uns dadurch in die Lage zu versetzen, der ganz beträchtlichen Zahl der

Erwerbslosen, der Kleinrentner, die wir ohne Beitragszahlung auch heute

noch als Mitglieder führen, weiterhin unsre Hefte von der Heimat, vom

Vaterland zugehen zu lassen.

Eine besondere Bitte haben wir an alle diejenigen, die bisher sich in

dankenswerter Weise dem Einkassieren unsrer Beiträge widmeten. Wir

haben ausdrücklich betont, daß der Kurs der Goldmark zum Tage des

Einganges bei uns gerechnet wird, und wir möchten alle diejenigen,

die nicht in der Lage sind, im Automobiltempo einzukassieren, bitten,

die Beiträge in wertbeständigem Geld zu verlangen, damit uns das

Einkassieren, für das wir herzlich dankbar sind, keine Verluste bringt,

denn das liegt ja nicht in der Absicht der lieben Menschen, die uns

helfen.

Das letzte Heft unsrer diesjährigen Mitteilungen ist ebenfalls in Druck

und wird nach Weihnachten mit der Einforderung eines weiteren Beitrages

versandt.

Wir fügen diesmal keine Zahlkarte bei, damit der Anreiz, die

langwierige Postschecküberweisung zu wählen, nicht gar zu groß wird.

Allen denen, die uns bisher halfen, unsern Verein durchzuhalten als

einen der wenigen, die die schwere Zeit bis hierher überstanden haben,

sagen wir aufrichtigsten, herzlichsten Dank mit der Bitte, uns weiter

treu zur Seite zu stehen, bis dem deutschen Vaterland wieder einmal die

Sonne scheint.

Mit deutschem Gruß!

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

O. Seyffert, Michael,

Hofrat Professor Oberregierungsrat

Band XII, Heft 7/9 1923

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 1. Oktober 1923

Der Lößnitzer Weihnachtsberg

Die Deutsche Weihnacht in der Jahresschau 1923

Von _Edgar Hahnewald_

Über eine ziemlich phantasielose Aneinanderreihung mehr oder

minder guter Industrieerzeugnisse kam auch die Jahresschau Spiel

und Sport nicht hinaus. Es war eine Messe der Hersteller. Der

»Laie«, dem Spielzeug noch etwas andres ist als eine übersichtlich

zu ordnende Handelsware, suchte immer wieder die erzgebirgische

Spielwarenwerkstätte auf, in der Spielzeug vor seinen Augen _entstand_.

Er verweilte nachdenklich vor den kindlichen Basteleien in der

Sonderabteilung im Kapherrschen Palais und betrachtete die rührenden

Erfindungen kleiner Hände und Hirne. Die Spielwarenfabrikanten haben

sich diese Kinderbasteleien wohl nicht angesehen. Sie hätten es tun

sollen. Sie hätten beschämt erkannt, daß sie auf ganz falschem Wege

sind, wenn sie Kinderspielzeug zu Vitrinenfigürchen verzärteln oder,

was sie noch beflissener tun, zu unkindlichen Karrikaturen verzerren.

Das Kind arbeitet, wenn es spielt; es schafft, es gestaltet, wenn

es sich Spielzeug selbst bastelt. Seinen arbeitsamen Eifer, seinen

Ernst beim Spiel haben viele der Fabrikanten vergessen. Sie hätten

sonst manches ihrer Erzeugnisse weniger anspruchsvoll oder gar nicht

ausgestellt.

Der innerlichen Armut der Ausstellung entsprach die Phantasielosigkeit

der Aufmachung. Nur in der Halle der erzgebirgischen

Spielwarenindustrie war durch die Andeutung einer Jahrmarktsbudenreihe

eine gefälligere und belebtere Gliederung in das bunte Vielerlei

gebracht worden. Die meisten Aussteller begnügten sich mit nüchterner

Symmetrie. In einzelnen Fällen führte das Bestreben, zu »dekorieren«

zu bösen Verirrungen. Die schlimmste Leistung dieser Art war der

von vielen angestaunte Weihnachtstraum der Kinder in der Halle der

Sonneberger Spielwarenindustrie. Es war eine wahre Wolke von Kitsch.

Als Beispiel, wie es _nicht_ gemacht werden darf, wenn man sich nicht

den Vorwurf der Geschmacklosigkeit zuziehen will, ist auch diese

Sonneberger Dekoration für diese Blätter aufgenommen worden.

Ein einziger Raum hob sich von der Langweiligkeit der einen und den

verunglückten Dekorationsversuchen der andern Abteilungen gleich

wohltuend ab: der Raum _Deutsche Weihnacht_, den Professor _Oskar

Seyffert_ im Verein mit dem Architekten Professor Menzel eingerichtet

hatte. Professor Seyffert hat in diesem Raum eine neue Probe seiner

feinen Kunst abgelegt, für die sein Museum für sächsische Volkskunst

und Volkskunde ein so erfreuliches und vorbildliches Zeugnis ist:

seiner Kunst, zerstreute Dinge zu einer schönen, beseelten Einheit zu

verbinden. Sein Raum war der einzige in der ganzen Ausstellung, in dem

_alles_ gut war.

[Illustration: Abb. 1 Das abschreckende Beispiel: =Der Sonneberger

»Weihnachtstraum«=]

Ein tiefes, edles, nächtliches Blau erfüllte den Raum mit ruhevoller,

festlicher Stimmung. Goldene Sterne funkelten an der Wölbung, von

der ein großer, mehrteiliger Leuchter, ein farbiger Stern aus Holz

herabhing. Silberne und goldene Schaumglaskugeln schmückten ihn.

Auch die Milchglaskugeln der Beleuchtungsanlage waren als Schmuck

verwendet. Am Tage schimmerten sie weich wie tauende Eisbälle. Am Abend

beleuchteten sie mit mildem Licht die glitzernden Weihnachtsbäume.

Der feierliche Glanz einer stillen, blauen, deutschen Weihnacht

lag über allem – mit so einfachen, aber fein abgewogenen Mitteln,

ohne alle Apotheose, ohne alle Stimmungs_mache_ wurde die Stimmung

geschaffen, die der schon vorher beschlossenen Benennung des Raumes

entsprach: Deutsche Weihnacht. So schlicht löste Seyfferts feinfühlige

Hand die Aufgabe, die manchen andern zu pompösen oder gefühlvollen

Dekorationskunststückchen verleitet hätte.

[Illustration: Abb. 2 =Sternleuchter in der »Deutschen Weihnacht«=]

Auch auf den Gedanken, in diesen blauen Raum schlichte grüne Waldbäume,

weihnachtliche Fichten zu stellen, konnte nur ein Künstler wie

Professor Seyffert kommen, der ja, so wenig »poetisch« er sich auch

geben mag, bis in die Fingerspitzen Poet ist. Grüne, im Glasschmuck

glitzernde Weihnachtsbäume vor diesem nächtlichen Blau – das war nicht

nur gut »gemacht«, das war gestaltete Dichtung eines Herzens, das sich

auf Volkslieder, auf Märchen und Kinder versteht.

[Illustration: Abb. 3 =Die Altarecke in der »Deutschen Weihnacht«=]

Auch an der Verwendung des Glasschmuckes erkannte man die künstlerisch

fühlende Hand. Da war ein Baum nur mit bleichem Silber und mattem

Gold behängt – er glitzerte wie bereift und hob nur ganz behutsam die

Lößnitzer Krippe aus ihrer notwendigen Umrahmung in die Geschlossenheit

des Raumes. In der einen Ecke flankierten die Weihnachtsbäume einen

spätgotischen Altar aus dem Altertumsmuseum. Das edle, verblichene

Gold der Holzschnitzerei durfte nicht überfunkelt werden – in das

Gold und Silber des Glasschmuckes sprühten nur ganz wenige blaue

und rote Kugeln einige funkelnde Lichter. In der andern Ecke im

kirchenhaften Licht der schmalen Fenster glitzerten die Bäume bunt um

bunte Weihnachtspyramiden und über farbenfrohem Spielzeug. Aber auch da

wurde das Silber, Gold, Blau, Grün, Rot der Glaskugeln mit sorgsamem

Bedacht auf geschlossene Wirkung in das tiefe, weiche Grün der Bäume

verteilt. Und wie nun eine solche goldene Glaskugel im vollen Lichte

glitzerte, eine rote aus dem Zweigschatten glühte, wie das Bunt die

Bäume überrieselte, das war nicht ohne weiteres die Schönheit des

Glasschmuckes, das war die Wirkung seiner geschickten Verwendung.

[Illustration: Abb. 4 =Die Engel musizieren vor Marias Thron=

Erzeugnis von Wendt & Kühn, Grünhainichen]

Unter den geschmückten Bäumen breitete Professor Seyffert aus, was er

an Spielwaren ausgewählt hatte. Alles in diesem farbigen Gewimmel war

mustergültig. Im Raume waren die kleinen Dinge die bunten, belebenden

Tupfen, die sich dem Ganzen einfügten, ohne sich vorzudrängen. Für

die Weihnachtsstimmung des Raumes bedurfte es dieser kleinen, bunten,

hübschen Dinge nicht – das spricht nicht gegen die Dinge, sondern

für die meisterhafte Beherrschung der schlichten Mittel, mit denen

Professor Seyffert diesen Raum schuf, der wieder nur der edle Rahmen

sein sollte für das größte und schönste Werk volkskünstlerischer

Herkunft, das in Sachsen, ja wohl in ganz Deutschland zu finden ist:

für den Weihnachtsberg des Lößnitzer Bergvereins.

[Illustration: Abb. 5 =Lichterengel unter Weihnachtsbäumen=

Erzeugnis von Wendt & Kühn, Grünhainichen]

Beim Anblick dieses geschnitzten Weihnachtsmärchens murrte ein

Arbeiter: »Damit sollen die Kinder verdummt werden.« Ein andrer

Besucher, der das hörte, erwiderte gereizt: »Wenn da lauter rote Fahnen

hängen würden, würde es Ihnen gefallen.«

[Illustration: Abb. 6 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: =Der Palast des

Herodes=]

_Beider_ Einstellung war falsch. Der eine lehnte das Werk ab, weil

er darin nur eine Verkörperung biblischer Geschichten sah; der andre

verteidigte es aus dem gleichen Grunde. Man denke sich den Dialog

eines Ungläubigen und eines Gläubigen vor der Sixtinischen Madonna,

vor Rembrandts religiösen Gemälden geführt, um zu erkennen, wie

weit beide davon entfernt sind, dem _Kunstwerke_ gerecht zu werden.

Ähnlich verhält es sich hier. Gewiß stellen die Schnitzwerke biblische

Legenden dar und augenscheinlich war fromme, religiöse Empfindung der

Antrieb zum Werke, da ohne seelischen Antrieb kein beseeltes Kunstwerk

entsteht; aber entscheidend für die Beurteilung eines Kunstwerkes ist

in der Regel nicht der Stoff, sondern seine künstlerische Gestaltung.

[Illustration: Abb. 7 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: =Die Hirten hören

die himmlische Botschaft=]

Und um ein Kunstwerk handelt es sich bei diesem Weihnachtsberg, den die

Mitglieder des 1879 gegründeten Lößnitzer Bergvereins, Schuhmacher,

Weichenwärter, Waldarbeiter, Landbriefträger und wer sonst noch,

im Verlaufe mehrerer Generationen erdacht, geschnitzt, bemalt und

aufgebaut haben. Es ist ein Kunstwerk; es ist Volkskunst, beseelt

von naivem, dichterischem Empfinden einfacher Menschen, wie es in

Volksliedern und Volksmärchen lebt. Und obwohl fast jede Gruppe von

andern Händen geschnitzt wurde, obwohl mancher Schnitzer schon im

Grabe lag, als andre das gemeinsame Werk fortsetzten, scheint alles

von einer Hand geschaffen zu sein. Da und dort entdeckt man wohl bei

genauerer Betrachtung leise Verschiedenheiten in der Führung des

Schnitzmessers, in der plastischen Bildung der Figuren, in der farbigen

Behandlung, aber das Ganze ist von _einem_ Empfinden durchdrungen. Die

Spuren der einzelnen Schöpfer verschwinden im gemeinsamen Werk. Und

wohl ist die Folge der Gruppen willkürlich. Mariä Verkündigung, die

Geburt im Stall zu Bethlehem, die Verkündigung an die Hirten auf dem

Felde, die heiligen drei Könige, die Flucht nach Ägypten – das alles

schließt sich eng um die Weihnachtslegende. In den andern Gruppen

schweifen die Schöpfer durch das Leben Christi. Sie gestalten die

Darstellung im Tempel, das Tempelgespräch des zwölfjährigen Jesus mit

den Schriftgelehrten, die Taufe im Jordan, die Bergpredigt, Jesus und

die Samariterin. Mitten drin steht der Palast des Herodes. Der König

sitzt auf rot überhangenem Thron und wartet gleichsam auf die Rolle,

die er im Leben Jesus spielen soll. Man fühlt, daß die Schöpfer der

einzelnen Gruppen sich nur von den Reizen führen ließen, mit denen

dieser oder jener Vorgang zur Gestaltung lockte – die bunte Pracht im

Königspalast oder das bewegte Figurengewimmel der Bergpredigt. Und doch

wird keine Lücke fühlbar. Alle Gruppen schließen sich zu einem großen

Bilde zusammen, in das man hineinblickt wie in ein gleichzeitiges,

einheitliches Geschehen. Zeitliche Verschiedenheit der Entstehung,

persönliche Verschiedenheit der Schöpfer, enge Aneinanderreihung weit

voneinander liegender Vorgänge – alles dreis geht lückenlos auf in der

großen seelischen und volkskünstlerischen Einheit des ganzen Werkes.

[Illustration: Abb. 8

Der Lößnitzer Weihnachtsberg: =Die ruhenden Kamele der Weisen aus dem

Morgenlande=]

Das wird noch verstärkt durch die Einfügung der Gruppen und

Einzelfiguren in die überraschend gut erfundene Landschaft, die aus

phantastisch gewachsenen Wurzelhölzern und aus Moospolstern aufgebaut

ist. Wer es nicht vorm Werke selbst entdeckte, findet vielleicht

auf einer der photographischen Aufnahmen heraus, wie groß, wie

landschaftlich echt, wie felsenhaft diese Wurzelknorren um eine Herde

kleiner Schäfchen, um das Beieinander gestenreicher Figuren wirken.

Diese Landschaft gibt dem Ganzen die einheitliche Szenerie, und das

silbrige Grau des knorrigen Holzes, das verblichene Gelbgrün des Mooses

hält die bunten Farben der Gruppen und Figuren gut zusammen. So wirkt

das Ganze noch stärker als _ein_ Werk.

[Illustration: Abb. 9 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: =Die heilige

Familie in Josephs Werkstatt=]

Betrachtet man dann die Einzelheiten, die ruhenden Kamele der Weisen

aus dem Morgenlande, die Hirten auf dem Felde, die weidenden Schafe und

die kletternden Ziegen, die wundervoll sprechende Gebärde der Maria

in der Tempelszene, die farbige Schönheit der Palastgruppe, so findet

man immer von neuem entzückende Feinheiten, und je öfter man vor den

Weihnachtsberg tritt, desto mehr liebt man das Werk.

[Illustration: Abb. 10 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: =Maria findet Jesu

im Tempel bei den Schriftgelehrten=]

Ist das verborgene, höchst komplizierte Werk der Rollen und Fäden im

Gange, dann wenden sich da kleine Köpfchen und heben sich da zierliche

Hände und Arme, pilgernde Menschen und hoheitsvolle Kamelreiter

ziehen still und fließend zwischen den Felsknorren ihres Weges,

die winzige Axt Josephs in der Werkstatt zu Nazareth tickt wie das

verhalten klopfende Herz dieser Schöpfung, und aus himmlischen Höhen,

aus schwebenden Wolken und himmlischen Heerscharen herab läßt sich mit

bestürzend heftiger Gebärde in kleinen Rucken der verkündende Engel

unter die aufschauenden Hirten fallen – man fühlt, wie unerwartet,

überwältigend das Geschehnis die Hirten überfällt, und man glaubt fast

die beglückende Botschaft in der großen Stille zu hören: Friede auf

Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen! Und dann schwebt der Engel

mit leiser Drehung wieder aufwärts. Und nach Sekunden stürzt er von

neuem ...

[Illustration: Abb. 11 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: =Die Taufe im

Jordan=

=Christus und die Samariterin=]

In dieser stillen Bewegung war der Weihnachtsberg am schönsten. Und

dann wieder sah man ihn abends, wenn sich die Schar der Besucher schon

verlaufen hatte, wenn nur zwei, drei Menschen still vor dem frommen

Berge verweilten. Das verborgene Werk ist abgestellt. Alles ruht

in feierlicher und doch so schlichter Stille im weißen Lichte der

bereiften Glaskugeln. Die goldenen Sterne funkeln und das dunkle Blau

wölbt sich als nächtlicher Himmel. Und nun meinte man: so, in dieser

großen Stille, sei das Werk am schönsten.

Immer aber war dieser Weihnachtsberg der köstlichste Anblick, den die

Jahresschau bot. Und daß er da war, ist Professor Seyfferts Verdienst.

Der erzgebirgische Bergverein, dessen gehüteter Besitz er ist, gab

ihn nur schweren Herzens her. Sie brachten ihren Schatz selber, die

Figuren in sorgsamer Verpackung, Moos und Wurzelfelsen in großen

Kisten. Und sie bauten ihn auch selber auf.

Aber daß er _so_ aufgebaut wurde, ist wiederum Professor Seyfferts

Verdienst. Im Erzgebirgsstädtchen Lößnitz, wo er alle Jahre einmal

um Weihnachten zwei Wochen lang zu sehen ist, erhebt er sich vor

einem gemalten palästinischen Panorama und umgeben von vielerlei

störender Zutat. Seyffert ließ das alles weg. Er stellte den ganzen

Weihnachtsberg einfach unter die nachtblaue Wölbung, an der die

goldenen Sterne funkeln, und nun wirkte das schöne, schlichte Werk

so groß, so edel, wie es in Lößnitz nie zu sehen war. Hoffentlich

verzichtet nun auch der Lößnitzer Bergverein bei der Wiederaufstellung

seines Weihnachtsberges daheim auf alles überflüssige und störende

Beiwerk. Es käme dem schönen Kunstwerke zugute, denn ein Kunstwerk ist

der Berg, ein Kunstwerk, eines _edlen_ Rahmens wert.

Vom Wendelstein zum Bendelstein

Von ~Dr.~ _Trögel_, Auerbach

Mit Aufnahmen von _K. Richter_, Auerbach i. V.

Höhenwanderungen haben ihren eigenen Reiz. Auf dem Rücken der breit

dahingelagerten Berge läuft der Pfad, waldumweht oder frei nach allen

Richtungen der Winde. Er klettert empor zu jäher Felsschroffe und senkt

sich wieder in gemächlichem Gang, aber immer liegt das Menschenland

und seine Maße tief unter ihm; nichts stört den Höhenwanderer in

seiner Einsamkeit, was drunten im volkreichen Tal mit seinem hastenden

Alltagsleben die Sinne unruhig macht. In überwältigender Fülle drängen

sich Bild um Bild auf, wenn jemand den Kammweg vom Kapellenberg an

Böhmens Grenze bis zum Altvatergebirge im schlesischen Osten bewältigt

oder auf dem uralten Rennstieg über Thüringens Höhen zur Wartburg

wandert. Die gleichen reizvollen Eindrücke, in weit bescheidenerem

Ausmaße zwar, aber dafür vom Zauber des Heimatlichen umgeben,

vermag eine Wanderung auf dem schmalen Felskamm zu bieten, der im

Friedrich-August-Stein zu Schöneck seinen südwestlichen Eckpfeiler

auftürmt, in Wendel-, Loch- und Bendelstein machtvolle Klippen bildet

und sich dann unterhalb von Auerbach allmählich verliert.

[Illustration: Abb. 1 =Wendelstein= – südlicher Teil mit

Triangulierungssäule]

Die zackigen Felsmassen, die nach Südosten in steiler Wandung abfallen,

bringen eine seltsam eigenwillige Note in das ruhige Gleichmaß des

vogtländischen Landschaftsbildes: kühn und herrisch streben sie aus dem

stumpfen, breiten Rücken der welligen Hochfläche empor, Zeugen aus der

überaus bewegten erdgeschichtlichen Vergangenheit der Heimat, da die

harten Quarzite und Quarzitschiefer allen Unbilden der Verwitterung

trotzig standhielten, während das weichere Gestein, dem sie eingelagert

sind, ringsum zerstört und zu Tal gespült wurde. Seltsam scharfkantig,

zerrissen und zerklüftet, vom Wetter zu Gebilden gestaltet, die der

Deutkraft vergangener Geschlechter freien Raum ließen (Wendelstein,

Katzenstein), in längeren oder kürzeren Zwischenräumen aus dem

Erdreich auftauchend wie Klippen aus der wogenden Brandung, Mauerreste

verfallener Riesenburgen, so erscheinen die Felsen dem Auge des

Wanderers aus der Ferne. In unmittelbarer Nähe verstärkt sich der

Eindruck des Unruhig-Zerrissenen, Trümmerhaften; zu den Füßen des

Felskammes liegen abgerollte Blöcke im Beerengestrüpp und Moospolster,

und wie vernarbte Wunden im Antlitz des ruhmvollen Kämpfers zucken

Quarzadern durchs schiefrige Grundgestein.

[Illustration: Abb. 2 =Wendelstein= – nördlicher Teil]

[Illustration: Abb. 3 =Lochstein= – westlicher Felsen]

Der steil aufragende, schmale Fels (siebenhundertvierunddreißigeinhalb

Meter hoch) inmitten von Schöneck bildet unter dem Namen

Friedrich-August-Stein, den er zur Erinnerung an den Besuch des Königs

Friedrich August II. im Jahre 1834 erhalten hat, den Stolz der Stadt,

die ihre Häuser um ihn schart. Verdankt sie doch dem »Stein« Namen

und Dasein. Dort oben auf windumbrauster Höhe, die über meilenferne

Länder ins Land spähte, stand frühzeitig schon – die Urkunde spricht

1225 zum ersten Male von einem Schoenegge – eine Burg auf kargem

Raume, kaum mehr als den Burgfried und bescheidenes Wohngelaß für

Ritter und Roß umfassend, aber um so wehrhafter und wagelustiger. In

ihrem Schutze wuchs das Waldstädtlein, das 1370 ausdrücklich »Stadt

unter Schoneneck« genannt wird. Krieg und Brand zerstörten die Burg,

die Trümmer des Rundturms wurden 1763 völlig abgetragen, und nur der

Name der Gastwirtschaft am Fuße der Anlage »Zum alten Söll« bewahrt

die Erinnerung an eine Spanne heimatlicher Geschichte, wie ein

spärlicher Lichtstrahl in dunklem Raume einen glänzenden Gegenstand

hell aufblitzen macht. Heute ist der Friedrich-August-Stein nur noch

Aussichtspunkt. Aber welch eine Welt tut sich dem trunkenen Auge auf!

Von der Landesvermessungssäule mit ihrer Orientierungstafel schweift

es frei nach West, Nord und Süd über die bewaldeten und bebauten

Bodenwellen des Vogtlandes mit Dörfern und Teichen bis weit hinaus, wo

Fichtelgebirge und Frankenwald ihre Berghäupter strecken und niedrige

Vorberge zum Thüringerwald hinübergleiten. Berg und Wald, Himmel und

Land verschwimmen im weichen Blau der Ferne, Dächer und Türme blitzen

auf, und der Beschauer fühlt sich als Pünktlein in dem ungeheuren Meer

dieser fernen Weite. Nur ungern steigt er die Felsstufen hinunter ins

Städtlein zurück, wie in eine andere Welt.

[Illustration: Abb. 4 =Falkenstein=, vom westlichen Lochsteinfels

gesehen]

Der Weg nach dem Wendelstein führt fast schnurgerade durch

hochstämmigen Wald ins Tal des Geigenbachs und über Siehdichfür

nach Grünbach. Fast gleichhoch wie der Schönecker Fels

(siebenhundertzweiunddreißig Meter) übertrifft der Wendelstein alle

anderen Glieder der Kette durch seine Längserstreckung. Der vom

Dorfe heraufführende Weg steigt durch eine Senke, die den langen

Zug in zwei Teile auseinandergerissen hat. Eine granitene Säule

(Triangulierungsstation) auf dem hinteren Felsen bezeichnet die höchste

Erhebung. Aufatmend nach nicht ganz ungefährlicher Kletterei über

glattes Gestein eng an der fast senkrecht abstürzenden Südostseite

vorüber, steht dort der Wanderer zu schauender Rast. Ein Rundblick

von ähnlicher Schönheit wie vom Friedrich-August-Stein ist sein Lohn.

Die hohen, dunklen Wälder Schönecker und Auerbacher Reviers stehen um

einsame Dörfer mit schieferblauen Dächern; jenseits des Göltzschtals,

das seine Wände in einer Tiefe von über hundert Metern in den leicht

verwitternden Urtonschiefer genagt hat, setzen die Erzgebirgshöhen

die vogtländischen Waldberge fort bis hin zum Pöhlberge; im offeneren

Tale der Göltzsch Ort an Ort, drüben im Westen und Nordwesten niedrige

Kuppen, flache Rücken, sanft geschwungene Hochflächen, oft turmgekrönt;

unmittelbar am Fuße des Felsens im Geigenbachtal die beiden Seen der

Plauener Talsperre. Deutlich erkennbar wird, wie der Höhenrücken die

Wasserscheide zwischen Göltzsch und Elster bildet; freilich empfängt

jene den größten Teil ihrer Zuflüsse von rechts, weil links der schmale

Rücken nur geringen Raum zur Entwicklung von Bächen verstattet. Der

vordere Wendelsteinfelsen erinnert mit einer Gedenktafel an den

»Unvergeßlichen«, an einen der Männer von 1848, Adolf von Trützschler,

der am 14. August 1849 zu Mannheim seinen Traum von Deutschlands

Einheit mit dem bitteren Tode enden mußte. Wie eine dunkle Sage raunt

die Volksüberlieferung in Falkenstein von einem herzblutgetränkten

Taschentuch, das die freiherrliche Familie im Schlosse als kostbare

Relique aufbewahrt. Der Wendelstein liegt auf Trützschlerschem Gebiet.

[Illustration: Abb. 5 =Östlicher Lochsteinfelsen=]

[Illustration: Abb. 6 =Bendelstein= – Ganzansicht von Südwesten]

Der Weg läuft, immer in gleicher Richtung mit der Straße

Grünbach–Falkenstein, durch Jungwald und hochstämmige Fichten, bald

zur Rechten einen Durchblick auf Häusergruppen des langgestreckten

Dorfes Grünbach freigebend, bald zur Linken freie Schau nach Südwesten

eröffnend. Da drängen sich in der Nähe des Wendelsteinfußes auf

wiesigem Hang mehrere Gehöfte unter Ahorn und Vogelbeerbaum aneinander:

die Karte verzeichnet sie unter dem Namen Winn, die Mundart nennt sie

auch Wind (eine Form, die sich eng an die urkundlichen schließt: 1421

Wynden, 1529 Winde). Die auffällige Ähnlichkeit der Namensformen des

einsamen Weilers und der zackigen Felskette macht enge Beziehung der

beiden Örtlichkeiten wahrscheinlich. Irrig wäre jedoch der Schluß,

daß die kleine Siedlung, verhältnismäßig spät als Rodung entstanden,

dem Felsgebilde seinen Namen gegeben habe. Die Grundbedeutung von

Wendelstein war in althochdeutscher Zeit Schneckenhaus; der in

Windungen emporsteigende Fels erschien den bildhaft denkenden und

redenden Vorfahren als das ins Riesenhafte verzerrte Gehäuse einer

Schnecke; in Wendeltreppe, ursprünglich aus Stein gehauen, schimmert

dieser Wortsinn deutlich erkennbar durch, heißt ja noch im siebzehnten

Jahrhundert eine solche Treppe auch Schnecke. Vom Felsen als dem

Naturhaft-Ursprünglichen hat also die Ansiedlung ihren Namen, der in

einer althochdeutschen Glosse (Erläuterung eines lateinischen Wortes)

durch Stufe erklärt ist: ~winden-stuophon~. So ergibt sich als Weg der

Bedeutungsentwicklung: eine alte Dingbezeichnung – Wendelstein – ist

zum Eigennamen geworden. Übrigens gibt es auch in den Alpen Felsen und

Berge desselben Namens.

[Illustration: Abb. 7 =Blick vom Bendelstein auf Auerbach i. V.=]

Nachdem eine kleine Felsschroffe, nur wenige Schritte links vom

Wege hinter den Bäumen versteckt, als Verbindungsglied zwischen

Wendelstein und Lochstein gewürdigt worden ist, nähert sich der

Wanderer den beiden hochaufragenden Felsen, die gleich ruinenhaft

verwitterten Tortürmen am Waldausgange steil empordrohen. Der

westliche ist vom Falkensteiner Naturverein zum bequem zugänglichen

Aussichtspunkt gestaltet worden, wagemutigen Kletterern bietet auch

der gegenüberliegende höhere und massigere Stein keine unüberwindliche

Schwierigkeit. Weit sichtbar ist eine viereckige Fensteröffnung am

östlichen Fels, von eigenwilliger Naturlaune kühn gestaltet. Der

Volksmund führt auf dieses »Guckloch« den sonst scheinbar jeder

Deutung widerstrebenden Namen der beiden Felsgebilde zurück. In dem

ersten Teil der Zusammensetzung verbirgt sich aber ein altes Hauptwort

~loh~ = Busch, Holz, Wald; die Lochsteine grüßen hinüber zum Lohberg

und noch weiter zu dem in tiefster Waldeinsamkeit lieblich gelegenen

Trützschlerschen Jagdhaus Hanneloh, dessen Name gleichbedeutend ist

mit Hohenlohe. Der westliche Lochstein gewährt klare Einsicht in

Werden und Wachsen einer schnell aufstrebenden Industriestadt. Drei

Zeitfolgen in Falkensteins Geschichte sind rein äußerlich im Stadtbilde

deutlich erkennbar. Dort die Baumgruppen inmitten der Häuserviertel

und Straßenzüge, aus denen der Schloßfelsen ragt, umschließen den

Wohnsitz der Freiherren von Trützschler auf Falkenstein, die seit

einem halben Jahrtausend in ununterbrochenem Besitze der ausgedehnten

Herrschaft stehen. Wie ein Falke horstete die Burg auf dem Felsgeviert

inmitten des Waldmeeres, ein Sproß des altadeligen Geschlechts der

Vaßmann hatte dort im dreizehnten Jahrhundert seine Behausung und

empfing von ihr den Namen ritterlichen Klanges. Frühzeitig ward die

Burg zerstört; schon 1530 trug der Fels nur noch eine unbewohnte

Trümmerstätte. Die Gegenwart läßt auch von einer Ruine nicht eine Spur

mehr erkennen. Vielhundertjähriger Efeu umkleidet das graue Gestein wie

eine Grabstatt aus längst entschwundener Zeit. Eine Erinnerungstafel

gibt uns Nachlebenden Kunde von dem Band, das sich Jahrhunderte einst

um Stadt und Herrensitz geschlungen: 1400–1900 dem Hause derer von

Trützschler auf Falkenstein zur Feier des fünfhundertjährigen Besitzes

der Herrschaft Falkenstein in Verehrung und Dankbarkeit die Stadt

Falkenstein. Denn ein Städtlein hatte sich allmählich am Fuße des

wehrhaften Gemäuers entwickelt; schlecht und recht fristete es sein

Leben; eine kurze Zeit blühenden Zinnbergbaues, an die das Stadtwappen

erinnert, ging vorüber wie ein Sonnenblick an nebeldunklem Tag; in

den Flammen der großen Brände von 1859 und 1862 sank es in Schutt

und Asche, und nur wenige der armseligen Weberhäuslein entgingen

der allgemeinen Verheerung. Abseits der Stadtmitte stehen sie noch

heute im hinteren und oberen Anger, im Grund und am Holzbrunnen

(Ortsteile von Falkenstein) in ängstlicher Niedrigkeit neben den

behäbigen zwei- und dreistöckigen Gebäuden der letzten Bauperiode,

da die aufblühende Stickerei die Einwohnerzahlen des Weberstädtleins

sprunghaft emporschnellen machte und das äußere Gepräge von Grund

auf umgestaltete. Neue Straßen zogen sich nach außen, und ganze

Häuserblocks erwuchsen an ihnen besonders nach dem Göltzschtal zu

und zwischen der Ölsnitzer und der Plauenschen Straße. Wie dort die

Stadt in den weit ausholenden Bogen der Bahn Herlasgrün–Muldenberg

hineinwächst! Neue Schule und Amtsgericht geben dieser Neustadt ihren

Mittelpunkt. In weitem Umkreise bilden Dörfer, dunkle Hügelketten und

freundliche Täler den natürlichen Rahmen zu dem Bilde der modernen

Stadt auf dem Höhenrücken, deren lebendige Wirksamkeit durch den

Reichtum an rauchenden Fabrikschornsteinen gekennzeichnet wird. Eine

breite Treppe führt durch das Felsentor abwärts zur Stadt. Die Brücke

über die Bahn zeigt das angeschnittene grauwackenartige Quarzitgestein,

das jene Felsmassen in wechselnden Abständen emporwölbt. Der schlanke

Turm der Kirche zum heiligen Kreuz, die 1362 zum ersten Male als

Pfarrkirche urkundliche Erwähnung findet, ist Richtpunkt. Der

Hauptstraße folgend, gelangt der Wanderer nach kurzer Zeit an die

schattige Promenade, die sich in Stufen an den Schloßfelsen lehnt. Die

sogenannte Allee begleitet jetzt den Zug der Felsen in unmittelbarer

Nähe. Als Schulfelsen sind sie den Kindern von Falkenstein und all

denen, die es einst gewesen, eine vertraute Stätte, um die Erinnerung

ihre zarten Schleier webt. Die Knaben erproben ihre Kletterkunst an

ihnen, die Alten steigen die steinernen Stufen zu den Ruhebänken

hinauf, sinnen hinunter auf das Schulgebäude aus roten Ziegeln mit

seinen beiden Spielplätzen im Schatten der steilen Felswand und sinnen

zurück in das Land der Kindheit; acht Jahre lang sahen sie während

der Pausen zwischen den Schulstunden auf zu den Felsen, von denen man

raunte, daß sie in dunklem Spalt Gräber bergen. Drängende Neugier,

gemischt mit ängstlichem Gruseln, versuchte oft das Geheimnis zu

ergründen, freilich immer vergeblich. Und doch verlor es nie den Reiz

der Wahrscheinlichkeit; denn die Schule steht tatsächlich auf dem

Platze des alten Kirchhofs.

[Illustration: Abb. 8 =Friedrich-August-Stein in Schöneck i. V.=

(Aufnahme Max Nowak, Dresden)]

Fast ununterbrochen zieht die Felskette in geringer Höhe den hinteren

Anger entlang; sie bildet den natürlichen Abschluß für die Gärten

hinter den Häuschen und trägt mehrmals Lauben zu vergnüglicher Rast am

Feierabend. Jenseits des Bahneinschnittes der Linie Zwickau–Ölsnitz

steigt der Kamm im Krankenhausfelsen wieder empor. Auf der Höhe

bezeichnet eine schlanke Esse inmitten von Baracken ein Schotterwerk,

das gleich dem ehemals Hochmuthschen großen Steinbruch hart am Fuße

des Lochsteins den Quarzitzug abbaut. Nun beginnt die Wanderung

auf der Hochfläche, die im Osten ins Göltzschtal abfällt und sich

westlich langsam in das Tal des Treuenschen Wassers senkt. Einst war

der breite Rücken bewaldet: kärgliche Reste niederen Buschwerks,

Heidekraut und Beerengesträuch wuchern um offene Wunden kleiner

Steinbrüche. Die dünne Krume auf winddurchwehter Höhe gibt geringe

Feldfrucht; um so verschwenderischer streut die Natur alle Reize eines

wahrhaft großartigen Rundbildes auf jeden Fußbreit des Feldweges,

der gleichlaufend mit der Baumlinie der alten Falkensteiner, der

sogenannten »hohen« Straße, in mancherlei Windungen gleichsam

alle Schönheiten auskostend auf den zinnengekrönten Wasserturm am

Bendelstein zustrebt. Noch einmal haben verborgene Gewalten alle

Kraft zusammengefaßt, als sie diese Felsenriffe in einer Länge von

zweihundert Metern und einer Höhe von zehn bis fünfzehn Metern über

den etwa fünfhundertfünfundfünfzig Meter hohen Rücken preßten und

zu einer grotesken Riesenmauer dem Wendelstein ähnlich formten. Was

sich dem Auge von Bendel- oder Pennelstein aus darbietet, wenn die

scheidende Sonne mit ihren letzten Strahlengarben die Fenster der

Häuser am östlichen Hang in Feuer taucht, oder wenn der Sturmwind graue

Wolkenmassen gegen das düster drohende Gebirge jagt, entzieht sich

fast der Kraft des bloßen Wortes. Das sind Offenbarungen der Natur von

majestätischer Größe und Kraft, wie sie das alpine Vorgebirge nicht

anders zu geben vermag.

Zurückschauend auf seinen Höhenweg, entdeckt der Wanderer am

südwestlichen Horizonte zwischen den Wäldern die Essen von Grünbach

und die zackige Linie des Wendelsteins; die Lochsteinfelsen ragen wie

riesige Wächter, und der nahe Wasserturm mit seiner Zinnenkrone trotzt

gleich einem Stück lebendig gewordenen Mittelalters in eine heroische

Landschaft. Diesen Eindruck gesammelter Heldenkraft nimmt der Wanderer

als beste und bleibende Gabe mit heim von seiner Heimat Höhen. Langsam

und allmählich senkt sich die Felskette ins Tal der Göltzsch, das sie

in Rodewisch erreicht, nachdem sie im Katzenstein ihre letzte geringe

Erhöhung gebildet hat.

Die sächsischen Urnenfelder

Von ~Dr.~ _J. Deichmüller_, Dresden

Unter den vorgeschichtlichen Funden aus dem Freistaat Sachsen nehmen

die unter dem Namen »Urnenfelder« bekannten großen Gräberfelder mit

Brandbestattungen einen breiten Raum ein. Ihr Auftreten bedeutet einen

wichtigen Abschnitt in der Vorgeschichte des Landes. Machte sich gegen

den Ausgang der Steinzeit und noch in der beginnenden Bronzezeit

eine auffallende Bevölkerungsabnahme, die in den spärlichen Einzel-

und Grabfunden zum Ausdruck kommt, bemerkbar, so findet man von der

mittleren Bronzezeit ab überall im Flach- und vereinzelt auch im

Hügellande unvermittelt in großer Zahl ausgedehnte Gräberfelder oft

mit Hunderten von Einzelbestattungen, die eine in der Nähe seßhafte

dichte Bevölkerung voraussetzen. Diese Bevölkerungszunahme ist nur

durch Zuwanderung neuer Volksmassen in die entvölkerten Landschaften

zu erklären. Mit ihrem Erscheinen fällt eine gewaltige Veränderung

im Totenkult zusammen: die in der Stein- und frühesten Bronzezeit

gebräuchliche Totenbestattung wird durch die Leichenverbrennung

ersetzt. Die Frage, woher jene Einwanderer kamen und welches Stammes

sie waren, ist bis jetzt in allseitig befriedigender Weise noch nicht

beantwortet worden. Germanen, deren Vorläufer die gegen Ende der

Steinzeit in Mitteldeutschland auftretenden Schnurkeramiker waren,

thrakische Stämme aus der Karpathengegend, selbst Slawen sind als das

Volk der Urnenfelder in Anspruch genommen worden. Die jüngste Ansicht

bezeichnet als Träger der neuen Kultur illyrische Völker, die aus ihrer

südeuropäischen Heimat die Leichenverbrennung mitbrachten, eine Sitte,

die zwei Jahrtausende hindurch bis zur Völkerwanderungszeit in unsrer

Gegend die alleinherrschende geblieben ist. Der Tote wird auf einem

Holzstoß verbrannt, der Rest des Skeletts in einem Tongefäß gesammelt

und mit Schmucksachen und kleineren Gefäßen, den »Tränenkrüglein« des

Volksmundes, unter einem Erd- oder Steinhügel oder in einer Grube (1),

oft mit Steinen umstellt und bedeckt (2 bis 4), beigesetzt. Beide

Grabformen kommen in der Bronzezeit bei uns nebeneinander vor, die

Hügelgräber verschwinden aber mit dem Beginn der Eisenzeit, sind

überhaupt seltener, vielleicht nur infolge der nivellierenden Arbeit

des Pfluges, und liegen nicht in so großer Zahl beisammen wie die

Flachgräber der Urnenfelder.

[Illustration]

Der Charakter der älteren, der _bronzezeitlichen_ Urnenfelder

ist kein einheitlicher; sie lassen sich leicht in zwei zeitlich

aufeinanderfolgende Gruppen trennen, in die der mittleren Bronzezeit,

etwa 1600 bis 1200 v. Chr., und die der jüngeren, von 1200 bis 800

v. Chr. Die Unterschiede beider kommen vor allem zum Ausdruck in der

reichhaltigen Keramik, die man als den »Lausitzer Typus« bezeichnet.

Beiden Gruppen gemeinsam ist die kantige Profilierung der Gefäße,

die scharfe Trennung von Hals und Bauch, ihre helle Farbe, grau,

gelb, hellbraun und rötlich, und die Herstellungsweise aus freier

Hand ohne Benutzung der Töpferscheibe. Immer wiederkehrende Formen

des _älteren Lausitzer Typus_ sind ein Napf aus zwei umgekehrt

aufeinandergestellten abgestumpften Kegeln, deren unterer fast stets

flacher als der obere ist (5), ein eiförmiger Topf mit niedrigem, nach

außen geschweiftem Hals (8), terrinenartige bauchige Gefäße ohne oder

mit eingezapften oder angeklebten Henkeln (6), Krüge, deren Henkel den

Oberrand nicht überragen (9, 13), breite, meist als Deckel der Urnen

benutzte Henkelschüsseln (7) und kegelige oder halbkugelige Tassen

und Näpfchen (10, 12). Eine für die ältere Gruppe charakteristische

Form ist das Buckelgefäß in Gestalt schön profilierter Krüge (9),

breiter henkelloser Näpfe mit ausladendem Rande oder bauchiger Terrinen

(11) mit fast zylindrischem Hals. Ihren Namen haben diese Gefäße

von den buckelartigen, der Frauenbrust nachgebildeten plastischen

Verzierungen, die auf dem Oberteil des Gefäßbauches aus der Wandung

herausgeformt, aufgeklebt, nicht selten eingezapft sind und von einem

oder mehreren konzentrischen Höfen umgeben werden. Einfacher Art sind

die Verzierungen der Gefäße: perlschnurartig aneinandergereihte Tupfen

oder Einkerbungen auf vorstehenden Kanten (7, 5), Horizontalfurchen am

unteren Halsrand (5, 13), Gruppen senkrechter Striche (11) oder schräge

Rippen auf der Schulter (13) oder radial angeordnete Striche auf der

Bauchseite (5). Große dickwandige, kesselartige, außen meist gerauhte

Gefäße tragen am Halsansatz als Schmuck häufig eine aufgeklebte,

kettenartig gekerbte Tonleiste.

[Illustration]

Die Formen des _jüngeren Lausitzer Typus_ sind jenen zwar ähnlich, eine

gewisse Verflachung ist aber nicht zu verkennen. Die Buckelverzierung

wird jetzt nur noch durch konzentrische Bogenlinien angedeutet (16);

an den doppelkonischen Näpfen (14) vermißt man oft die scharfe

Mittelkante und an den eiförmigen, meist außen gerauhten Töpfen (18)

die deutliche Abgrenzung des Halses. Der Krug (25) wird schlanker, das

früher weitbauchige Unterteil eiförmig, der Hals höher, der Henkel

überragt den Rand und reicht nicht mehr bis zur Gefäßschulter. Der

Boden der flachen Schalen ist nach oben gewölbt (19). Eine neue Form

tritt uns in der sogenannten »Pilgerflasche« (22) entgegen, einem Gefäß

mit sehr weitem Bauch, engem niedrigen Hals und Henkelösen an dessen

Unterrand. Unter den Ornamenten herrschen dicht aneinandergereihte

breite Horizontalfurchen (14, 16, 20 bis 22, 24, 25) vor, die das

Gefäß kanneliert oder facettiert erscheinen lassen. Die Gefäßschulter

ist mit kurzen, senkrechten (23) oder mit schrägen, ihre Richtung

wechselnden Furchen (17) bedeckt. Neu ist das Wolfszahnornament aus

aneinandergereihten, parallel gestrichelten Dreiecken (22).

[Illustration]

Weniger deutlich tritt der Zeitunterschied beider Gruppen in den

Bronzebeigaben hervor. Geflügelte Pfeilspitzen (36), Messerklingen,

zuweilen ein Angelhaken vertreten das Kleingerät des täglichen

Gebrauchs; einfache oder spiralgewundene Finger- und Armringe aus

glattem oder tordiertem Draht (35), flache Knöpfe mit Ösen, Röllchen

aus spiraliggewundenem Draht oder Bronzeband, flache Drahtspiralen, zum

Teil vielleicht Bruchstücke von Brillenfibeln (33), den Kleinschmuck.

Derartige Dinge kommen in beiden Gruppen vor und haben sich aus

der älteren bis in die jüngere Zeit vererbt. Sehr beliebt scheinen

Schmucknadeln (26 bis 32) gewesen zu sein, die sich überall vorfinden.

Solche mit quergeriefelt-linsenförmigem (26), kugeligem, kegel- (27)

oder scheibenförmigem Kopf (28) oder mit breitgehämmertem, eingerolltem

Ende (29) treten in den älteren wie jüngeren Bronzezeitgräbern auf,

in den ersteren auch hirtenstabartig gebogene (30), in den letzteren

solche mit quergeripptem, keulen- (31) oder mit vasenförmigem Kopf

(32). Viereckige Rasiermesser mit Griffansatz (34) gehören zu

den Beigaben der jüngeren Gruppe. Auch Edelmetall, Gold, ist den

bronzezeitlichen Bewohnern unsrer Gegend nicht unbekannt gewesen,

wie kleine Spiralröllchen und Armringe bezeugen. Scheiben- und

erbsenförmige Perlen aus Ton oder Bernstein, tönerne Spinnwirtel

und pyramidenförmige Gewichte, weiter kleine Ringe und Anhänger

(Amulette?) aus flachen Steinen und flaschenförmige Tonklappern (38)

in der jüngeren, ei- oder tonnenförmige (37) in der älteren Gruppe

vervollständigen das Inventar der Gräber, in deren Steinsetzungen auch

Getreidemühlen aus Sandstein oder Quarzporphyr zuweilen Verwendung

gefunden haben.

[Illustration]

Wenig Veränderung in die während der Bronzezeit herrschenden

Verhältnisse hat das _Eisen_ gebracht, dessen Kenntnis sich etwa

um 800 v. Chr. durch die nordwärts über Mähren und Schlesien

vordringende, in Südeuropa heimische _ältere vorrömische_ Eisenkultur,

die _Hallstattkultur_, über die Lausitz bis zum Elbtal verbreitete.

Auf ihrem Wege hat die neue Kultur durch Berührung mit der älteren

bronzezeitlichen neue Typen geschaffen, es entstand eine Mischkultur,

besonders in der Keramik, die nach dem am längsten bekannten Fundort

an der Oder als »Billendorfer Typus« bezeichnet wird. Die den

älteren Gefäßen eigenen scharfkantigen Profile sind verschwunden, es

entstehen weichere, gerundetere Formen von großer Mannigfaltigkeit und

sorgfältigster Ausführung, die einen großen Fortschritt in der Kunst

des Töpfers bekunden. Als Typen erscheinen jetzt flaschenförmige Gefäße

mit nach oben verjüngtem Hals, dessen Rand nach außen umgelegt ist (39,

40), ähnlich gestaltete Krüge mit hochgeschwungenen Henkeln und kleiner

Standfläche (41), zuweilen nach unten zugespitzt (43), und weitmundige

Tassen, Formen, die unverkennbar auf den Einfluß der Hallstattkultur

hinweisen. Hierzu treten schmucklose, tonnenförmige Gefäße mit zwei

Henkeln (46), ovale Dosen mit Scheidewänden (50), die aus zwei oder

drei Einzelgefäßen zusammengesetzten Zwillings- und Drillingsgefäße

(51) und die sogenannten Räuchergefäße mit durchbrochenem Fuß (47),

die oft auf flachen Tellern stehen. Auch äußerlich unterscheidet sich

der Billendorfer Typus von dem Lausitzer durch die vorwiegend dunkle,

schwarze oder tiefbraune Färbung der Gefäße. Nicht selten ist die

Außenfläche mit einem glänzenden Graphitüberzug versehen und reich

verziert mit schmalen Horizontalfurchen, die durch Bündel von Quer-

oder Bogenrillen (45) unterbrochen werden, mit Gruppen paralleler

Striche in Dreiecksstellung (41, 42) und Tupfenreihen (45), die

Innenseiten von Schalen zuweilen mit sternförmigen, in Graphit gemalten

Mustern. Zum ersten Male erscheinen auch figürliche Darstellungen von

Menschen, Tieren und Bäumen in einfacher Strichzeichnung (39, 40).

[Illustration]

Neben bronzenen findet man nun, wenn auch noch spärlich, Beigaben aus

Eisen. Geschlossene, offene (62) oder spiraliggewundene Ringe und

Schmucknadeln mit vielgestaltigem Kopf (52 bis 55, 58, 59), unter

diesen die typische Schwanenhalsnadel mit ~S~-förmig gekrümmtem Hals

(54, 55) aus Bronze oder Eisen, gehören zu den häufigen Beigaben.

Seltener sind eiserne Bügelfibeln mit kurzer Spiralfeder und senkrecht

umgebogenem Fußende (56), mit getriebenen Buckelchen geschmückte

Anhänger aus Bronzeblech (64), eiserne oder bronzene Pinzetten mit

oder ohne Schieber (63), Knochennadeln (60, 61), Glasperlen, gerade

eiserne Messer mit Resten des Holzgriffs und tönerne Klappern in

Vogelgestalt (57). Hügelgräber sind in der frühen Eisenzeit in unsrer

Gegend unbekannt, nur Flachgräber mit zum Teil recht ansehnlichen

Steinsetzungen.

[Illustration]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 7-9 · 第 1 / 6 段