X.

Wie jedes Ereigniß, das weitere Folgen nach sich zieht, wurde auch

der Fall des Stern’schen Hauses eine Zeit lang eifrig besprochen.

Wäre Stern am Leben gewesen, so hätte unbedingt ein Einschreiten der

Staatsanwaltschaft erfolgen müssen, so indeß beruhigten sich die

Gläubiger, als der Anwalt Dr. Caspari erklärte, die Witwe verzichte zu

Gunsten der Gläubiger auf Hab und Gut, selbst die ihr notariell nach

der Verheiratung mit Stern zugeschriebene Summe von 20.000 Thalern,

sowie die ein Jahr später erfolgte Schenkung eines in gleichem Werthe

stehenden Landgutes solle der Masse zugute kommen, um einen Ausgleich

zu ermöglichen.

Susi’s Eltern waren keineswegs im Einklang mit dieser im eigentlichen

Sinne des Wortes willkürlichen Verfügung Caspari’s; Cahen, von seinem

Standpunkt als Kaufmann, meinte, Susi dürfe, ohne sich Gewissensskrupel

zu machen, die ihr persönlich gemachten Schenkungen zurückhalten, sie

sei es sogar sich, ihrem Kinde und ihrer Zukunft schuldig. Dr. Caspari

versicherte, keinen Schritt zur Regelung der Sache mehr thun zu wollen,

wenn man es ihm nicht überlasse, ganz nach bestem Ermessen zu handeln;

nur durch vollständiges Verzichtleisten auf jedes ihr zustehende Recht

könnte Susi die Gläubiger von feindlichen Schritten abhalten; zudem

sei er überzeugt, daß, falls die junge Frau je einen Einblick in die

Verhältnisse gewänne, sie keinen Augenblick zögern würde, so, wie er

für sie disponirt, zu handeln, daß man jedoch, und stände eine dreifach

so große Summe auf dem Spiele, ihr den Schmerz ersparen müsse, das

Schreckliche mit Klarheit zu erkennen. Cahen sah endlich ein, daß er

sich fügen müsse; er kannte seiner Tochter Grundsätze; zudem sprach

das Vatergefühl, daß man dem geliebten Kinde jeden ferneren Schmerz

ersparen müsse, zu mächtig in ihm.

„Sie können, ohne daß Susi eine Ahnung von der Sachlage hat, ein

Jahresgeld für sie aussetzen!“ hatte Caspari bestimmt gesagt. „Ich

weiß, wie sich Ihr Geschäft gehoben; Susi ist Ihr einziges Kind, und

was ihr nach Jahren zugute kommen soll -- theilen Sie es schon heute

mit ihr, daß nicht der Fluch unrechtmäßigen Besitzes auf Ihnen und

Ihrer Tochter Namen laste.“

Cahen war es, als ob er ein großes Opfer brächte, doch welcher Ausweg

blieb ihm? Er wußte, daß Caspari sich zurückziehen würde, falls er

ihm nicht willfahre, und nur durch das muthige Auftreten dieses in

weitesten Kreisen hochgeschätzten Mannes war Unehre und Schande von dem

Namen seines Schwiegersohnes fern gehalten worden.

Indeß Eltern und Freunde für sie Zeiten schwerer Sorgen und Kämpfe

durchmachten, saß die trauernde Witwe ahnungslos in ihrem fernen

Häuschen am Meer und glaubte schon das schwerste Unglück erfahren zu

haben. Noch wähnte sie sich im Besitz von Macht und Reichthum, den

Namen des Verstorbenen unangetastet; wohl ihr, daß sie nicht wußte, wie

Alles in den zwei Monaten, seit jenem Unglückstage so anders geworden.

Der Sommer neigte seinem Ende zu. Susi dachte an die Heimreise; es

galt, die junge Frau jetzt vorzubereiten, daß ihr Heim, ihr schloßartig

eingerichtetes Haus, nicht mehr ihr eigen sei, das Geschäft ihres

Gatten sich aufgelöst habe. Dr. Caspari war der Einzige, der dies

in schonender Weise und mit richtigem Tact zu thun im Stande war.

Er sollte die Freundin und die Schwester heimgeleiten. Einige Tage

vor seiner Abreise wurde Frau Cahen bedenklich krank; die Sorgen

und Aufregung hatten die ohnehin alternde Frau tief erschüttert;

so bedenklich der Fall an und für sich, so erleichterte er doch

dem Freunde das traurige Amt, Susi in die vollständig geänderten

Verhältnisse einzuführen. Nicht die Witwe kehrte in das Haus des

verstorbenen Gatten zurück, die Tochter eilte an’s Krankenbett der

geliebten Mutter und dachte tage- und wochenlang nicht daran, dasselbe

zu verlassen. -- Frau Cahen war einem heftigen Nervenfieber zum Opfer

gefallen; noch ehe sie die Augen schloß, nahm sie Susi das Versprechen

ab, den Vater nicht zu verlassen. „Mein Kind, bleib’ im Elternhaus!“

hatte sie bittend gesagt. „Du mußt jetzt für Deinen Vater leben; verlaß

ihn nicht!“

Was Susi der sterbenden Mutter versprach, war ihr heilig. Sie bat

jetzt den Freund selbst, das große, elegante Haus zu veräußern. Arme

Frau! Sie ahnte nicht, daß der neue Besitzer bereits im Begriff war,

es renoviren zu lassen. Dr. Caspari hatte ihr gesagt, daß er im Verein

mit ihrem Vater gewissenhaft alle Geldangelegenheiten ordnen werde und

Susi’s Sinn war zu wenig auf pecuniäre Dinge gerichtet, um, da sie

ihr Vermögen den zuverlässigsten Händen anvertraut wußte, irgend eine

Auskunft zu begehren. Sie lebte abgeschnitten von allem Verkehr nur den

Ihrigen, fühlte sich auch in der steten Fürsorge, die ihre Freunde für

sie hatten, durchaus nicht vereinsamt, obgleich Alle die sie mieden,

die bisher ihre Gesellschaften frequentirt, sich in ihren Salons an

Wein und Champagner gütlich gethan. Sie hatte ihr Kind, und somit

erschloß sich ihr eine neue Welt des Glückes, der reinsten Freuden,

die nach und nach die Falten, die Gram und Kummer ihrer jugendlichen

Stirne eingefurcht, glätteten. Der kleine Berthold gedieh, gleich

kräftig an Körper und Geist. Wer je die Freude gekannt, das erste

Denken des geliebten Kindes zu belauschen, zu beobachten, wie sich

seine Wahrnehmungen schärfen, wie es erkennen, urtheilen, vergleichen

lernt, kann wohl ermessen, daß der vereinsamten Frau noch manche Blumen

blühten, die ihrem Leben Reiz und Werth verliehen. „Ja, wenn er nur

das Alles mit erlebt hätte!“ seufzte sie; „und sie, die gute Mutter!“

fügte sie thränenden Auges hinzu. Doch der kleine Wildfang ließ

keine Verstimmung aufkommen; er herzte und küßte die Thränen aus dem

Mutterauge hinweg, als sei er sich der Aufgabe bewußt, der betrübten

Frau jetzt Alles sein zu müssen.

Der Jahrestag von ihres Gatten Tode nahte heran; sie glaubte im Sinne

des Verstorbenen zu handeln, wenn sie aus dem vermeintlich großen

Vermögen eine Summe zu wohlthätigen Zwecken abzweige. Dr. Caspari kam

nicht wenig in Verlegenheit, als sie ihm ihre Absicht kund that.

Durfte er ihr sagen: „Du, die Du Dich reich und unabhängig wähnst und

Anderen nach deinem reichen Herzen reiche Unterstützungen zufließen

lassen willst, bist selbst auf Unterstützung angewiesen, bist arm und

hilflos und weil Du es bist, komme, theile mit mir, was ich habe!

Vergönne es mir, Dir des Lebens Annehmlichkeiten zu bieten, für Dich zu

leben -- Dein zu sein.“

O wie oft hatte dieser Wunsch in den letzten Monaten ihm auf der

Zunge geschwebt -- doch er ehrte ihre Treue und mochte in dem Jahr,

das sie dem Verschiedenen widmete, keine Rechte auszuüben versuchen,

die ihm dieser ja in seinem letzten Willen selbst eingeräumt. -- Und

Susi! hatte sie ihm nicht gehört, ehe sie Stern ihm -- doch weg mit

jenen Gedanken, die das Andenken dessen, den er hernach seinen Freund

genannt, verunehrten. Ja, Susi mußte die Seine werden, doch das wußte

er, sie würde nur einwilligen, so lange sie sich reich und unabhängig

wähnte -- nie, falls sie denken müßte, ihm mit ihrem Kinde eine Last zu

sein. Deshalb mußte sie in ihrem Glauben, eine vermögende Frau zu sein,

erhalten bleiben, deshalb mußte der sonst so wahrheitsgetreue Mann

sich zu einer Unwahrheit herbeilassen. Als Susi wiederholt auf ihre

Absicht zurückkam, versprach er Gelder flüssig zu machen, um womöglich

in kürzester Zeit eine Vorlage liefern zu können. Diese kürzeste Zeit

mußte genützt werden, so gern er noch, um Susi’s Schmerz und das

Andenken an den Verblichenen sich ganz beruhigen zu lassen, seinen

Antrag hinausgeschoben hätte.

Zum wievielten Male hatte Susi heute in dankbarer Anerkennung gesagt:

„Was wäre aus mir geworden, wenn ich Euch nicht in der herben

Leidenszeit zur Seite gehabt hätte! Nie werde ich Euch danken können,

was Ihr an mir gethan!“

Caspari hatte der Schwester einen Wink gegeben, sich zu entfernen.

„Susi!“ begann er, mit Innigkeit ihre Hände ergreifend, „Susi, Sie

können es! Denken Sie,“ fuhr er leidenschaftlich fort, „was wir uns,

ohne es uns je gestanden zu haben, vor Ihrer Verheiratung waren! Lassen

Sie uns die Spanne Zeit, die dazwischen liegt, aus dem Buche unseres

Lebens streichen und ein neues Leben innigster Gemeinschaft beginnen!

Glauben Sie mir, Susi, es hat mich die härtesten Seelenkämpfe gekostet,

ehe ich mich dazu überreden konnte, Ihr Freund, nur Ihr Freund sein zu

wollen. Mit der unterdrückten Gluth des Liebenden war ich nach außen

der kühle, besonnene Freund, -- ich wußte, was ich Ihnen und Ihrem

Gatten schuldig war! Doch glauben Sie meinem Ehrenworte, er selbst hat

mir einst in ernster Stunde das Recht auf Sie zurückgegeben, falls er

nicht mehr sein wird. Susi, machen Sie dieser Tödtung der heiligsten

Gefühle, zu der ich mich zwingen muß -- ein Ende -- werden Sie endlich

die Meine!“

Die junge Frau hatte ihm mit steigender Röthe zugehört. War das der

ruhige, besonnene Freund, der weise Berather, der da mit leuchtenden

Augen, aus denen das heißeste Verlangen sprach, vor ihr saß, der ihr

jetzt zu Füßen gesunken war, ihre Hände mit glühenden Küssen bedeckte.

Magnetisch durchzuckte es ihr ganzes Wesen, vergebens sammelte sie

ihre Kräfte, ihm zu widerstehen, -- willenlos lag sie in seinen Armen,

eine höhere Macht, der sie mit dem Aufgebot ihrer physischen und

geistigen Kräfte lange genug entgegengearbeitet, um äußerlich ruhig zu

erscheinen, läßt sie unterliegen, die Macht der lang unterdrückten,

jetzt siegreich erwachenden Liebe.

Sie sprach kein Wort, sie schluchzte wie ein Kind, das sich aus dem

Elternhaus verlaufen und nun durch eine gütige Hand wieder in die Arme

der Liebe zurückgeführt wird.

„Und Du sagtest, daß er Dir ein Recht auf meinen Besitz gegeben?“

fragte sie endlich nach langer stummer Umarmung.

„In einer Stunde, die ihm die ernsteste seines Lebens war!“ entgegnete

Caspari.

„So nimm mich denn hin!“ rief sie, sich innig an seine Brust

schmiegend; „Du weißt es ja, daß ich längst Dir gehört, ehe ein

unseliges Mißverständniß mich dem Verstorbenen zuführte; doch ich habe

ihn achten und lieben lernen und werde sein Andenken, selbst wenn eine

alte Liebe in ihre geheiligten Rechte tritt, stets in Ehren halten!“

-- Sie war zu glücklich, um die Wolke zu sehen, die Caspari’s klare

Stirn überzog; doch wie ein Schatten flog sie vorüber, als sein Blick

das geliebte Weib traf, das blühender und schöner als je, nach langen

Kämpfen nun endlich sein eigen geworden.

Lebensbilder · 第 22 / 23 题