Wie jedes Ereigniß, das weitere Folgen nach sich zieht, wurde auch
der Fall des Stern’schen Hauses eine Zeit lang eifrig besprochen.
Wäre Stern am Leben gewesen, so hätte unbedingt ein Einschreiten der
Staatsanwaltschaft erfolgen müssen, so indeß beruhigten sich die
Gläubiger, als der Anwalt Dr. Caspari erklärte, die Witwe verzichte zu
Gunsten der Gläubiger auf Hab und Gut, selbst die ihr notariell nach
der Verheiratung mit Stern zugeschriebene Summe von 20.000 Thalern,
sowie die ein Jahr später erfolgte Schenkung eines in gleichem Werthe
stehenden Landgutes solle der Masse zugute kommen, um einen Ausgleich
zu ermöglichen.
Susi’s Eltern waren keineswegs im Einklang mit dieser im eigentlichen
Sinne des Wortes willkürlichen Verfügung Caspari’s; Cahen, von seinem
Standpunkt als Kaufmann, meinte, Susi dürfe, ohne sich Gewissensskrupel
zu machen, die ihr persönlich gemachten Schenkungen zurückhalten, sie
sei es sogar sich, ihrem Kinde und ihrer Zukunft schuldig. Dr. Caspari
versicherte, keinen Schritt zur Regelung der Sache mehr thun zu wollen,
wenn man es ihm nicht überlasse, ganz nach bestem Ermessen zu handeln;
nur durch vollständiges Verzichtleisten auf jedes ihr zustehende Recht
könnte Susi die Gläubiger von feindlichen Schritten abhalten; zudem
sei er überzeugt, daß, falls die junge Frau je einen Einblick in die
Verhältnisse gewänne, sie keinen Augenblick zögern würde, so, wie er
für sie disponirt, zu handeln, daß man jedoch, und stände eine dreifach
so große Summe auf dem Spiele, ihr den Schmerz ersparen müsse, das
Schreckliche mit Klarheit zu erkennen. Cahen sah endlich ein, daß er
sich fügen müsse; er kannte seiner Tochter Grundsätze; zudem sprach
das Vatergefühl, daß man dem geliebten Kinde jeden ferneren Schmerz
ersparen müsse, zu mächtig in ihm.
„Sie können, ohne daß Susi eine Ahnung von der Sachlage hat, ein
Jahresgeld für sie aussetzen!“ hatte Caspari bestimmt gesagt. „Ich
weiß, wie sich Ihr Geschäft gehoben; Susi ist Ihr einziges Kind, und
was ihr nach Jahren zugute kommen soll -- theilen Sie es schon heute
mit ihr, daß nicht der Fluch unrechtmäßigen Besitzes auf Ihnen und
Ihrer Tochter Namen laste.“
Cahen war es, als ob er ein großes Opfer brächte, doch welcher Ausweg
blieb ihm? Er wußte, daß Caspari sich zurückziehen würde, falls er
ihm nicht willfahre, und nur durch das muthige Auftreten dieses in
weitesten Kreisen hochgeschätzten Mannes war Unehre und Schande von dem
Namen seines Schwiegersohnes fern gehalten worden.
Indeß Eltern und Freunde für sie Zeiten schwerer Sorgen und Kämpfe
durchmachten, saß die trauernde Witwe ahnungslos in ihrem fernen
Häuschen am Meer und glaubte schon das schwerste Unglück erfahren zu
haben. Noch wähnte sie sich im Besitz von Macht und Reichthum, den
Namen des Verstorbenen unangetastet; wohl ihr, daß sie nicht wußte, wie
Alles in den zwei Monaten, seit jenem Unglückstage so anders geworden.
Der Sommer neigte seinem Ende zu. Susi dachte an die Heimreise; es
galt, die junge Frau jetzt vorzubereiten, daß ihr Heim, ihr schloßartig
eingerichtetes Haus, nicht mehr ihr eigen sei, das Geschäft ihres
Gatten sich aufgelöst habe. Dr. Caspari war der Einzige, der dies
in schonender Weise und mit richtigem Tact zu thun im Stande war.
Er sollte die Freundin und die Schwester heimgeleiten. Einige Tage
vor seiner Abreise wurde Frau Cahen bedenklich krank; die Sorgen
und Aufregung hatten die ohnehin alternde Frau tief erschüttert;
so bedenklich der Fall an und für sich, so erleichterte er doch
dem Freunde das traurige Amt, Susi in die vollständig geänderten
Verhältnisse einzuführen. Nicht die Witwe kehrte in das Haus des
verstorbenen Gatten zurück, die Tochter eilte an’s Krankenbett der
geliebten Mutter und dachte tage- und wochenlang nicht daran, dasselbe
zu verlassen. -- Frau Cahen war einem heftigen Nervenfieber zum Opfer
gefallen; noch ehe sie die Augen schloß, nahm sie Susi das Versprechen
ab, den Vater nicht zu verlassen. „Mein Kind, bleib’ im Elternhaus!“
hatte sie bittend gesagt. „Du mußt jetzt für Deinen Vater leben; verlaß
ihn nicht!“
Was Susi der sterbenden Mutter versprach, war ihr heilig. Sie bat
jetzt den Freund selbst, das große, elegante Haus zu veräußern. Arme
Frau! Sie ahnte nicht, daß der neue Besitzer bereits im Begriff war,
es renoviren zu lassen. Dr. Caspari hatte ihr gesagt, daß er im Verein
mit ihrem Vater gewissenhaft alle Geldangelegenheiten ordnen werde und
Susi’s Sinn war zu wenig auf pecuniäre Dinge gerichtet, um, da sie
ihr Vermögen den zuverlässigsten Händen anvertraut wußte, irgend eine
Auskunft zu begehren. Sie lebte abgeschnitten von allem Verkehr nur den
Ihrigen, fühlte sich auch in der steten Fürsorge, die ihre Freunde für
sie hatten, durchaus nicht vereinsamt, obgleich Alle die sie mieden,
die bisher ihre Gesellschaften frequentirt, sich in ihren Salons an
Wein und Champagner gütlich gethan. Sie hatte ihr Kind, und somit
erschloß sich ihr eine neue Welt des Glückes, der reinsten Freuden,
die nach und nach die Falten, die Gram und Kummer ihrer jugendlichen
Stirne eingefurcht, glätteten. Der kleine Berthold gedieh, gleich
kräftig an Körper und Geist. Wer je die Freude gekannt, das erste
Denken des geliebten Kindes zu belauschen, zu beobachten, wie sich
seine Wahrnehmungen schärfen, wie es erkennen, urtheilen, vergleichen
lernt, kann wohl ermessen, daß der vereinsamten Frau noch manche Blumen
blühten, die ihrem Leben Reiz und Werth verliehen. „Ja, wenn er nur
das Alles mit erlebt hätte!“ seufzte sie; „und sie, die gute Mutter!“
fügte sie thränenden Auges hinzu. Doch der kleine Wildfang ließ
keine Verstimmung aufkommen; er herzte und küßte die Thränen aus dem
Mutterauge hinweg, als sei er sich der Aufgabe bewußt, der betrübten
Frau jetzt Alles sein zu müssen.
Der Jahrestag von ihres Gatten Tode nahte heran; sie glaubte im Sinne
des Verstorbenen zu handeln, wenn sie aus dem vermeintlich großen
Vermögen eine Summe zu wohlthätigen Zwecken abzweige. Dr. Caspari kam
nicht wenig in Verlegenheit, als sie ihm ihre Absicht kund that.
Durfte er ihr sagen: „Du, die Du Dich reich und unabhängig wähnst und
Anderen nach deinem reichen Herzen reiche Unterstützungen zufließen
lassen willst, bist selbst auf Unterstützung angewiesen, bist arm und
hilflos und weil Du es bist, komme, theile mit mir, was ich habe!
Vergönne es mir, Dir des Lebens Annehmlichkeiten zu bieten, für Dich zu
leben -- Dein zu sein.“
O wie oft hatte dieser Wunsch in den letzten Monaten ihm auf der
Zunge geschwebt -- doch er ehrte ihre Treue und mochte in dem Jahr,
das sie dem Verschiedenen widmete, keine Rechte auszuüben versuchen,
die ihm dieser ja in seinem letzten Willen selbst eingeräumt. -- Und
Susi! hatte sie ihm nicht gehört, ehe sie Stern ihm -- doch weg mit
jenen Gedanken, die das Andenken dessen, den er hernach seinen Freund
genannt, verunehrten. Ja, Susi mußte die Seine werden, doch das wußte
er, sie würde nur einwilligen, so lange sie sich reich und unabhängig
wähnte -- nie, falls sie denken müßte, ihm mit ihrem Kinde eine Last zu
sein. Deshalb mußte sie in ihrem Glauben, eine vermögende Frau zu sein,
erhalten bleiben, deshalb mußte der sonst so wahrheitsgetreue Mann
sich zu einer Unwahrheit herbeilassen. Als Susi wiederholt auf ihre
Absicht zurückkam, versprach er Gelder flüssig zu machen, um womöglich
in kürzester Zeit eine Vorlage liefern zu können. Diese kürzeste Zeit
mußte genützt werden, so gern er noch, um Susi’s Schmerz und das
Andenken an den Verblichenen sich ganz beruhigen zu lassen, seinen
Antrag hinausgeschoben hätte.
Zum wievielten Male hatte Susi heute in dankbarer Anerkennung gesagt:
„Was wäre aus mir geworden, wenn ich Euch nicht in der herben
Leidenszeit zur Seite gehabt hätte! Nie werde ich Euch danken können,
was Ihr an mir gethan!“
Caspari hatte der Schwester einen Wink gegeben, sich zu entfernen.
„Susi!“ begann er, mit Innigkeit ihre Hände ergreifend, „Susi, Sie
können es! Denken Sie,“ fuhr er leidenschaftlich fort, „was wir uns,
ohne es uns je gestanden zu haben, vor Ihrer Verheiratung waren! Lassen
Sie uns die Spanne Zeit, die dazwischen liegt, aus dem Buche unseres
Lebens streichen und ein neues Leben innigster Gemeinschaft beginnen!
Glauben Sie mir, Susi, es hat mich die härtesten Seelenkämpfe gekostet,
ehe ich mich dazu überreden konnte, Ihr Freund, nur Ihr Freund sein zu
wollen. Mit der unterdrückten Gluth des Liebenden war ich nach außen
der kühle, besonnene Freund, -- ich wußte, was ich Ihnen und Ihrem
Gatten schuldig war! Doch glauben Sie meinem Ehrenworte, er selbst hat
mir einst in ernster Stunde das Recht auf Sie zurückgegeben, falls er
nicht mehr sein wird. Susi, machen Sie dieser Tödtung der heiligsten
Gefühle, zu der ich mich zwingen muß -- ein Ende -- werden Sie endlich
die Meine!“
Die junge Frau hatte ihm mit steigender Röthe zugehört. War das der
ruhige, besonnene Freund, der weise Berather, der da mit leuchtenden
Augen, aus denen das heißeste Verlangen sprach, vor ihr saß, der ihr
jetzt zu Füßen gesunken war, ihre Hände mit glühenden Küssen bedeckte.
Magnetisch durchzuckte es ihr ganzes Wesen, vergebens sammelte sie
ihre Kräfte, ihm zu widerstehen, -- willenlos lag sie in seinen Armen,
eine höhere Macht, der sie mit dem Aufgebot ihrer physischen und
geistigen Kräfte lange genug entgegengearbeitet, um äußerlich ruhig zu
erscheinen, läßt sie unterliegen, die Macht der lang unterdrückten,
jetzt siegreich erwachenden Liebe.
Sie sprach kein Wort, sie schluchzte wie ein Kind, das sich aus dem
Elternhaus verlaufen und nun durch eine gütige Hand wieder in die Arme
der Liebe zurückgeführt wird.
„Und Du sagtest, daß er Dir ein Recht auf meinen Besitz gegeben?“
fragte sie endlich nach langer stummer Umarmung.
„In einer Stunde, die ihm die ernsteste seines Lebens war!“ entgegnete
Caspari.
„So nimm mich denn hin!“ rief sie, sich innig an seine Brust
schmiegend; „Du weißt es ja, daß ich längst Dir gehört, ehe ein
unseliges Mißverständniß mich dem Verstorbenen zuführte; doch ich habe
ihn achten und lieben lernen und werde sein Andenken, selbst wenn eine
alte Liebe in ihre geheiligten Rechte tritt, stets in Ehren halten!“
-- Sie war zu glücklich, um die Wolke zu sehen, die Caspari’s klare
Stirn überzog; doch wie ein Schatten flog sie vorüber, als sein Blick
das geliebte Weib traf, das blühender und schöner als je, nach langen
Kämpfen nun endlich sein eigen geworden.