In der fünften Stunde erhielt Dr. Caspari einen Brief von Stern’s Hand.
„Gewiß eine Einladung zu heute Abend!“ sagte er erfreut, doch starr und
bleich wurden seine Züge, als er den Brief durchflogen:
„Du einzig wahrer Freund! Ich muß in Deine Hände ein schauerliches
Vermächtniß legen; beklage mich und erfülle meinen letzten Willen;
stehe meiner Susi, meinem Kinde zur Seite, wenn ich nicht mehr bin.
Du als Advocat hast Einblick in die Strousfeld’schen Acten; meine
Gebahrung erscheint strafbarer als sie ist; hätte jener Elende nicht
mein Geschäftsgeheimniß verrathen, ich hätte Alles zum Guten wenden
können; jetzt ist es leider unmöglich. Trachte, daß Susi mit dem Kinde
die Residenz meidet; der Arzt hat ihr ohnehin ein Seebad verordnet;
sie wird mich betrauern und mein Andenken ehren; dies gibt mir die
Kraft, den schrecklichen Entschluß auszuführen. Dr. Senter wird einen
Herzschlag als Todesursache constatiren. Die Untersuchung kann sich
noch Wochen hinziehen; inzwischen richte es ein, daß Susi nach Misdroy
übersiedelt; falls Gerüchte auftauchen, hoffe ich, kommen sie ihr dort
nicht zu Ohren; Deine und Mariens Gesellschaft wird ihr bester Schutz
sein.
Nun noch die eine Bitte an Dein Freundesherz! Verurtheile mich nicht!
Du wirst es Feigheit und moralische Schwäche nennen, was mir gerade als
echte Mannesthat geboten scheint, ich meide schweren Herzens ein Leben,
das ich jetzt erst durch edle Menschen lieben und verstehen gelernt
habe; ich muß es meiden, da ich als Ehrloser nicht weiter in ihrer
Gemeinschaft leben darf. -- Sich selbst verbannen, ist ein schweres
Loos!
Ich lege das Schicksal der Meinen, meine Vertheidigung bei Gericht in
die Hände des besten Menschen und bitte ihn, mir zu verzeihen, daß ich
sein reines Gewissen in Mitwissenschaft der schrecklichen That ziehe,
die ich ausführen mußt’ -- aus Liebe zu den Meinen! Jacob Stern.“
Dr. Caspari hatte kaum den Brief gelesen, als er nach Hut und Stock
griff und eiligst davonlief. Unterwegs traf er einen Fiaker, in den
er sich, an allen Gliedern bebend, warf. „Ich zahle dreifache Taxe,
nur eilen Sie!“ er nannte Stern’s Wohnung. Der Fiaker flog, doch
schneckengleich für Caspari’s Ungeduld. Vielleicht konnte er ihn noch
retten, der Brief war eine Stunde zuvor aufgegeben. -- Endlich hielt
der Wagen. Angsterfüllt stieg Caspari die teppichbelegten Stufen
hinan; er warf einen Blick in’s Comptoir, dort war er nicht; er eilte
in sein Privatzimmer; zitternd öffnete er. -- Das Schreckliche war
bereits geschehen; dort lehnte der Freund mit verzerrtem Gesicht; die
Todeszuckungen waren noch wahrnehmbar! er mußte furchtbar gelitten
haben.
Caspari brach erschüttert zusammen; eine Fluth von Gedanken und
Empfindungen überkam ihn, die ihn unfähig zum Handeln machte. -- Wie
lange er hier gesessen? Es dämmerte schon, da hörte er einen Wagen
vorfahren; eine schlanke Frauengestalt hüpfte leichten Fußes heraus;
sie schien so glücklich, so lebensvoll! Jetzt half sie der Wärterin
mit dem Kinde, sie nahm es nun selbst in ihren Arm, um es dem Papa
hinaufzutragen. Schnell verriegelte Caspari die Thür, jetzt durfte
sie nicht eintreten; er wollte erst selbst gefaßt sein, um die Arme
vorbereiten, sich selbst in die ihm zugemuthete Lüge hineinfinden zu
können.
Er sandte einen Diener zu Dr. Senter. Derselbe kam bald. Die Männer
hatten sich verständigt. -- Der Procurist erschien, Briefe zur
Unterschrift vorzulegen -- das Geheimniß mußte gewahrt werden. Es hieß,
Jacob Stern sei an einem Herzschlag soeben verschieden. --
Susi saß am Clavier und spielte eben -- es war die Zeit, in der ihr
Gatte bei ihr einzutreten pflegte -- die von ihm so geliebte Arie aus
Aïda. Die Thür öffnete sich, es trat Jemand hinter ihre Lehne, sie
reichte ihm, während sie weiter spielte, den Mund zum Kusse, doch
erschreckt fuhr sie auf, der, den sie eingetreten wähnte, war nicht ihr
Gatte, sondern Dr. Caspari, leichenbleich, mit verstörten Augen.
„Ich glaubte,“ stotterte Susi -- „doch was ist Ihnen? Sie sind
angegriffen“ --
„Ich habe soeben einen Freund verloren, und kann es noch nicht glauben,
daß dem so ist!“ sagte Caspari schmerzlich erregt.
Susi drängte ihn ahnungslos auf einen Sessel und läutete, um ihren Mann
rufen zu lassen. Der Diener, dem sie den Auftrag gab, stand sprachlos.
„Gnädige Frau, wissen noch gar nicht,“ stammelte der Alte -- doch
Caspari hatte sich gefaßt und drängte ihn zur Thür hinaus.
„Susi,“ begann er, ihre Hände in den seinigen haltend, „zeigen Sie
sich als die muthige, seltene Frau, als die ich Sie stets verehrt! Die
Vorsehung hat Schweres über Sie verhängt, doch Sie haben Kraft, selbst
das Schreckliche mit Fassung zu ertragen -- Ihr Gatte“ --
„Um Gottes Willen, was ist mit ihm?“ schrie Susi in halber Verzweiflung.
„Ein Herzschlag hat soeben sein Leben geendet!“ hauchte Caspari tonlos.
Susi war zusammengesunken; das Leben schien auch aus ihrem Körper
entwichen; doch plötzlich flammte sie auf: „O, das ist ja nicht
möglich! Heut’ Mittag war er noch gesund und frisch“ --
Der Arzt trat ein und hielt sie zurück, wie sie eben das Zimmer
verlassen wollte.
„Lassen Sie mich zu ihm!“ rief sie abwehrend.
„Kein Anblick für Sie! meine Gnädige,“ sagte er bestimmend. „Fassen Sie
sich!“
Susi stand entsetzt; ihre Kraft war gebrochen. Machtlos ließ sie sich
von Caspari auf ein Sopha führen; sie stierte die Männer an, als
kenne sie sie nicht, doch bald eilte sie an die Wiege des schlafenden
Kindes, stürmisch preßte sie es an ihre Brust und weinte bittere,
leidenschaftliche Thränen.
„Eine Waise!“ jammerte sie in wildem Schmerze. „O, Du armes,
unschuldiges Kind, was hast Du verschuldet, daß Dir der Vater“ --
„Lassen Sie mich ihm Vater sein,“ sagte Caspari, ihr das Kind
entwindend, da er fürchtete, sie möchte es in ihrem wilden Schmerze
zerdrücken.
Susi sah ihn groß und fragend an; dann schüttelte sie wehmüthig das
Haupt und blickt lange gedankenvoll vor sich hin. Man erzählte ihr, wie
Alles gekommen, sie schien nichts zu hören. Wieder bat sie, man soll
sie zu ihm lassen -- der Arzt fürchtete eine zu heftige Erschütterung.
Die Kunde, daß Stern am Herzschlag gestorben, hatte sich wie ein
Lauffeuer verbreitet.
Condolenten kamen und gingen. -- Susi ließ Niemand vor. Was ihr noch
vor einigen Jahren als eine Erlösung erschienen, war ihr jetzt ein
unüberwindbares Unglück.
Ein großes unabsehbares Gefolge geleitete den Todten nach dem
Friedhofe. Susi hatte gewünscht, Dr. Caspari soll in der Wohnung eine
Leichenrede halten. Sie ahnte nicht, weshalb er es ablehnte. „Ich
kann nicht!“ hatte er in einem Tone gesagt, der keine nochmalige
Bitte aufkommen ließ. Der Prediger rühmte den Wohlthätigkeitssinn des
Entschlafenen, seine unermüdliche Willenskraft, die nun so plötzlich
gelähmt sei; er nannte ihn ein schaffendes Genie, durch dessen geniale
Pläne Tausende in den entferntesten Landestheilen Arbeit, und damit
Wohlstand und Bildung gewonnen. Susi hörte Nichts. Erst als man die
Leiche aus dem Hain von Palmen, der in dem schwarz drapirten Saale
gebildet war, hinaustrug, that sie einen gellenden Schrei und sank
ohnmächtig zusammen. -- --
Dr. Caspari hatte ihr in kluger Berechnung den Wunsch eingegeben,
nach dem elterlichen Hause zu übersiedeln; er meinte, sie würde dort
nicht durch Alles und Jedes an den Todten erinnert werden, der Umgang
mit der Mutter werde sie beruhigen. So sah Susi nicht, was sich nach
wenig Wochen in ihrem glänzend eingerichteten Hause abspielte. Die
Comptoirs waren geschlossen, die Möbel unter gerichtliches Siegel
gelegt, das Personal entlassen. Sie empfing Niemand, als Dr. Caspari,
dessen Schwester und Mutter, so hörte sie auch nicht, was man sich in
der Stadt bei der nun erfolgten Zahlungs-Einstellung ihres verstorbenen
Gatten erzählte; sogar in den Zeitungen tauchten die Muthmaßungen
auf, ob denn der Tod ein natürlicher gewesen, doch dem Einfluß des
Dr. Caspari, an dessen reinem Charakter Niemand zweifelte und der
sich öffentlich einen Freund des Verstorbenen nannte, gelang es, alle
Gerüchte zum Schweigen zu bringen. Susi wurde selbstverständlich an
jeder Zeitungslectüre verhindert, doch als die Hinweise in derselben zu
häufig wurden, hielt es Dr. Caspari für geboten, der ohnehin leidenden
Frau eine Badereise vom Arzte dictiren zu lassen. Marie begleitete die
Freundin, und war wohl instruirt, wie sie Alles von ihr fern halten
müsse, was sie beunruhigen könnte.
Vor ihrer Abreise hatte Susi noch einmal das Grab ihres Gatten
besucht; hier erst empfand sie, wie nie im Leben, was er ihr und
ihren Eltern gewesen, wie sich sein Denken und Empfinden geläutert,
wie unaussprechlich unglücklich sie war, den Mann, der erst jetzt der
Vertraute ihres Herzens geworden, gerade jetzt verlieren zu müssen.