In der Stadt S. erregte es nicht wenig Aufsehen, als die Verlobung des
Rechtsanwalts Berthold Caspari mit der Witwe des bankerotten Jacob
Stern bekannt wurde. Er, dem die schönsten und reichsten jungen Mädchen
angetragen worden, wählte eine mittellose Frau, deren Mann allerhand
unlautere Sachen nachgesagt wurden, an dessen ehrenhaftem Tode man
sogar zweifelte. Es war wieder einmal einer jener Fälle, den man sich
nicht erklären konnte und der namentlich von den Müttern heiratsfähiger
Töchter in’s Unglaubliche travestirt wurde. Man sprach schon von einem
Verhältniß zu Lebzeiten Stern’s, von Susi’s wohlbedachten Plänen,
ihrer Coquetterie, von Caspari’s Leichtsinn, in eine solche Falle
gegangen zu sein und ahnte nicht, daß die beiden Menschen, um deren
Schicksal man sich so sehr kümmerte, den Traum ihres Glückes so rein
und ganz genossen, daß nicht einmal die in aller Munde ventilirte
Vermögensfrage bisher zur Sprache kam. Der alte Cahen hatte sich,
obgleich die Vereinigung mit Caspari, dem getauften Juden, seiner
religiösen Anschauung durchaus zuwider war, dennoch endlich gefügt und
dem glücklichen Paare seinen Segen gegeben; selbst in dem Herzen des
alten, in religiösen Vorurtheilen grau gewordenen Mannes dämmerte eine
Ahnung, daß es ein Glück gebe, das über den religiösen Bekenntnissen,
frei und unabhängig von denselben die Menschenseele belebe; ja es wurde
in ihm zur Gewißheit, daß jene höchste, vornehmste Glückseligkeit, wie
er sie in seinen Kindern verkörpert fand, sich nur in sittlich guten,
reinen Menschen, denen Reichthum mehr Werth als Befolgung ceremonieller
Gebräuche habe, verwirklichen lasse. Caspari’s Benehmen noch zu Stern’s
Lebzeiten, seine edle Handlungsweise nach dessen Tode an der sonst der
Verachtung preisgegebenen Tochter, hatten ihm imponirt.
„Mehr hätte kein Jude thun können!“ hatte er ihm als höchste
Anerkennung gesagt.
Obgleich er der Tochter gern den Schmerz erspart hätte, Klarheit in
ihrer Vermögenslage zu haben, hielt er es doch für seine Pflicht, da
Susi mehrmals davon gesprochen, ihrem Kinde eine Summe festzusetzen,
auf die traurige Vergangenheit hinzuweisen.
Caspari fand seine Verlobte einst in Thränen, als er nach den
Bureaustunden, wie gewöhnlich, bei ihr vorsprach.
„Das, das hättest Du für mich gethan!“ rief sie in überströmender
Glückseligkeit unter heißen Thränen lächelnd. „O, jetzt weiß ich erst,
daß ich mich nie, nie, und setzte ich mein ganzes Leben zum Opfer ein,
Deiner Liebe würdig machen kann, Du edler, guter Mann.“
„Du übertreibst, Susi!“ sagte er ruhig, nachdem er erkannte, was Susi
so in Extase gebracht. „Hättest Du nicht gleichfalls, wenn es in Deiner
Macht gelegen, Alles gethan, um einen Schmerz, eine Enttäuschung von
mir abzuwenden?“
„Aber Du bindest Deine Zukunft an die einer mittellosen Frau, die
Dir noch die Sorge für ihr Kind aufbürdet!“ entgegnete sie halb
vorwurfsvoll.
„Susi!“ entgegnete er fast unwillig, „bedarf es zwischen uns darüber
einer Auseinandersetzung, daß das wahre Glück nicht an irdischen
Besitz gebunden sei? Hast Du es nicht selbst an Dir erfahren, wie
sehr der Besitz abstumpft, wie leicht sich das Auge an Gold und Glanz
gewöhnt, ohne seinen Werth richtig zu schätzen, während das Herz, das
Gemüth täglich neu und dankbar den innern Reichthum würdigt? Und wer,“
setzte er begeistert hinzu, „brächte mir, wenn ich denn schon mal
egoistisch handeln will, mehr Garantien für inneres Glück in mein neu
zu gründendes Heim, als die jahrelang erprobte Freundin meiner Jugend?“
„O, wie martert mich der Gedanke,“ entgegnete Susi, „daß ich, wie
ich jetzt die Sachlage erkenne, dennoch nicht die Deine werden darf!
Dein nur der Wahrheit und dem Recht geweihtes Leben darf nicht
durch die Vereinigung mit einer Frau, an deren Namen ein Makel der
Unehrenhaftigkeit haftet, befleckt werden --“
„Halt ein, Du übertreibst!“ rief Caspari, ihre Rede energisch
abschneidend; „es war gefehlt von Deinem Vater, Dir Alles zu enthüllen,
doch was man auch dem Verschiedenen nachsage, Dein Name steht rein und
unangetastet --“
„Und habe ich nicht geholfen, jenes Geld, an dem der Fluch von
Tausenden lastete, in Ueppigkeit vergeuden? Kann man mich nicht für
die Mitwisserin seiner Pläne halten?“ entgegnete Susi in heller
Verzweiflung.
„Wer Dich kennt,“ beruhigte Caspari, „weiß Dich keiner unlauteren
Handlung fähig. Es ist ein Unrecht der Männer, ihren Frauen keinerlei
Einblick in ihre finanziellen Verhältnisse gewähren zu wollen; sie
würden sich manche Sorge und Verantwortung erleichtern, wenn sie in der
Frau die treue, verständige Beratherin erkennen wollten; doch glaube
mir Susi -- hier, wo die Speculation in’s Ungeheuerliche ging, hatte
selbst der Mann keinen Einblick, wie sich die Verhältnisse gestalten
konnten. Die Hunderttausende, die heute verloren galten, konnten in
wenigen Tagen durch eine glückliche Speculation zurückerobert sein.
Es war der Fluch, der auf dem leichterworbenen, durch Börsengeschäfte
errungenen Gelde lastete, daß, wie es mühlos die Cassen füllte, zu
Verschwendung und Luxus Veranlassung gab, es ohne Segen zu stiften,
gleich Fluth und Ebbe wieder in dem Meer der endlosen Speculation
verschwand.“
„Wehe denen, die in jener Zeit maßloser Ueberschätzung ihres irdischen
Besitzes den Sinn für Werthschätzung jener höheren Güter verloren,
die des Lebens eigentlichen Inhalt ausmachen. Du, meine Susi,“ setzte
er mit lebhafter Empfindung hinzu, „kamst als Opfer unglücklicher
Intriguen in jene Welt des falschen Seins; doch unter allen möglichen
Verlockungen zu Verschwendung und Scheinleben hast Du Dir den Sinn
für das Ideal reinen Menschenthums rein erhalten und veredelnd und
beglückend, einer leuchtenden Sonne gleich in jenen Kreisen gewirkt,
die dem Glanz höheren Lichtes sonst abhold zu sein pflegen; und darum,
Susi, bist Du mein geblieben und ich muß Dich festhalten -- muß es,
Susi, aus Egoismus -- denn ich trage den Zwang, den ich mir Jahrelang
auferlegte, nicht länger. --“
„Mögest Du nie diese Stunde bereuen,“ hauchte Susi leise, „in der Du
meinen Entschluß, den ich -- ja ich gestehe es Dir, mit dem Glücke
meines Lebens bezahlt hätte -- wankend machst! In wenigen Tagen soll
unsere Verbindung stattfinden; ich bitte Dich, laß uns jedes äußere
Gepränge vermeiden! -- Es hat sich mir seit gestern ein Abgrund
schauerlicher Wahrheiten aufgethan -- daß ich denen nicht in’s Auge
sehen mag, die sie längst kannten und mich vielleicht schwer und falsch
verurtheilten! --“
„Glaube das nicht, Susi!“ entgegnete Caspari beschwichtigend; „Deine
näheren Bekannten wußten, daß Marie und ich Dich absichtlich von jedem
Verkehr fernhielten; Du warst durch uns verurtheilt ein Traumleben zu
führen und darfst nicht aus demselben erwachen, um unglücklich, sondern
im eigentlichsten Sinne des Wortes glücklich zu werden, und daß Du es
werdest, dies, geliebtes Weib, soll meines Lebens heiligste Aufgabe
sein. --“
Eine weihevolle, heiligschöne Stunde folgte dieser Auseinandersetzung.
Wie, ach leider so selten hatten sich über dem Grabe einer unseligen
Vergangenheit und menschlicher Vorurtheile zwei Menschen die Hand zum
gemeinschaftlichen Bunde gereicht, die sich dessen bewußt waren, was
es heißt „eine Ehe vor Gott“ führen. -- Kein Priester hatte ihren Bund
gesegnet, und doch war sie rein und geheiligt durch das Streben nach
des Lebens unvergänglichen Gütern.
Das Casparische Haus wurde bald der Mittelpunkt jedes geistigen Lebens.
Schwester Marie ist die Gattin eines angesehenen Advocaten; es ist
rührend, die beiden Frauen in blühender Kinder Mitte als das Bild
echten Familienglücks zu betrachten.
Vielfach taucht von Bekannten die Frage auf, wie sie denn in religiöser
Beziehung ihre Kinder zu erziehen gedenken? „Zu sittlich guten
Menschen,“ antwortet dann Caspari und selbst der alte Cahen, der in dem
Glücke seiner Kinder auflebt, sagt: „Er wird es schon verstehen! Wir
sind alle Gottes Kinder, wenn wir die Gebote der Pflicht und des Rechts
befolgen.“
[Illustration]
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Thurmwächters Rundschau in der Sylvesternacht.
Wie war es doch dem alten Benda heut beängstigend in seinem behaglich
eingerichteten Wohnzimmer! Es ist ihm, als sollte er ersticken, so
dick und unrein schien die Luft. -- Der Stundenzeiger schleicht so
langsam vorwärts, als wollte das alte Jahr gar kein Ende nehmen! Noch
eine halbe Stunde, und auch dieses wäre abgelaufen, wie die fünfzig
anderen, die er schon hinter sich hatte, aber diese kurze Spanne Zeit
will ihm zur Ewigkeit werden. Was Wunder! War er ja heut allein mit
sich und seinen Gedanken, während ehedem seine treue Gattin ihm half,
Sorgen und Langeweile zu verscheuchen. Zum ersten Male seit 20 Jahren
verbrachte er diesen Abend allein; es litt ihn nicht mehr in der engen
Stube; seinen Pelz umnehmend, eilte er hinauf auf die Thurmgallerie;
hier athmete er erleichtert auf; war er ihr ja so vielleicht näher,
der theuren Verschiedenen, die, so meinte er, sicher da oben einen
Ehrenplatz haben müsse. Wie um sich selbst Trost zuzusprechen, hielt
er Umschau in den ihm bekannten Häusern, die da vor ihm lagen; --
zwar glitzte und flimmerte es überall von Lichtern und Lampenschein,
doch ihn blendete dieser Glanz nicht -- er ahnte, daß gar oft Kummer
und Sorge da Einzug gehalten, wo hell die Kerzen strahlten, daß manch
glänzendes Elend hinter jenen hohen Spiegelscheiben und den seidenen
Gardinen wohnte, daß das kommende Jahr nicht ihn allein mit Bangigkeit
und Schauern erfüllte. Wohl wußte er auch, wo Glück und Freude heut
ihre Stätten aufgeschlagen -- man kennt einander ja in einer kleinen
Stadt ziemlich genau -- doch wer wollte angesichts der Wechselfälle
des Lebens dafür bürgen, daß mit Schluß des eben beginnenden Jahres
dieselben lebensfrohen Gesichter einander noch ebenso lebensfroh
zulächeln würden?
Dumpf und schwer ertönen die ersten Glockenschläge; unwillkürlich
zuckt der doch sonst an diese Töne gewöhnte Alte zusammen. Jetzt setzt
das Uhrwerk mit hellen Schlägen ein; eins, zwei, drei -- bis zwölf.
Er zählt sie alle halblaut mit, dann, als der letzte Ton verstummt,
schaut er wie betäubt um sich. Da steht er allein, hoch oben über
dem Häusermeer -- weit droben in undenkbarer Ferne schimmern die
ewigen Sterne -- ihm zur Seite, um ihn, neben ihm kein fühlendes,
theilnehmendes Wesen. „Allein!“ murmelt er, während Thräne auf Thräne
in den grauen Bart rollt -- bald aber faßt er sich; er will hinunter in
seine einsame Klause, doch da ergreift ihn wieder jenes erschütternde
Weh, dem er nicht zu widerstehen vermag. Er bleibt. Licht auf Licht
verlöscht drüben in den Häuserreihen, auch das Rufen und Lärmen in den
Straßen hört allgemach auf. Muntere Tanzweisen klingen wohl noch von da
und dort an sein Ohr, fast möchte er die Glücklichen beneiden, die sich
bei ihren Klängen in glücklichem Selbstvergessen wiegen und das Heute
genießen, ohne an das Morgen zu denken.
Dort am Ende der Straße, in des Rechnungsrathes Stromen Hause scheint
es besonders lustig herzugehen. Man feiert das Verlobungsfest der
einzigen Tochter mit dem Premier-Lieutenant von Zewitz. Der Herr Rath
hält auf Standesehre; er hat es nun doch durchgesetzt, daß seine Anna
ihr Verhältniß zu dem Maler Angelo gelöst. -- Wohl war er ein schöner,
die Leute sagen sogar, ein geistreicher Mann, und Anna Stromen soll ihn
unaussprechlich gern gehabt haben, dennoch -- der Alte hält plötzlich
in seinem Gedankengang inne. Wer geht da vor dem Zewitz’schen Hause
erregt auf und ab? Er erkennt ihn genau an seinem breitkrämpigen
Malerhut, der stolzen Haltung. Sollte er sie nicht vergessen haben?
Einsam steht auch Jener dort in stiller Nacht -- unwillkürlich
vergleicht der Alte sein Loos mit dem jenes jungen Mannes; welcher ist
wohl der Bedauernswerthere?
Und gegenüber vom Zewitz’schen Hause wohnt des Malers Studiengenosse,
der reiche Gotthelf Andrée. Er hat ein blühendes Weib, ein glänzendes
Geschäft, Achtung und Anerkennung von allen Seiten. Kann es wahr sein,
was man sich erzählt? Auch ihn soll die in seiner Familie wüthende,
unheilvolle Krankheit, die den Geist in Fesseln schlägt, vor einigen
Tagen befallen haben; man hat ihn in eine Anstalt bringen müssen; der
Arzt scheint an seiner Wiedergenesung zu zweifeln. -- Den alten Benda
schaudert es; er fühlt an seinen kahlen Schädel und murmelt: „Gottlob,
wenn nur noch da Alles stimmt!“ Schon will er hinabsteigen, da fesselt
ihn der Laut einer wunderlieblichen Mädchenstimme, die in reinsten
Tönen jenes herrliche Lied: „O lieb, so lang Du lieben kannst, o
lieb, so lang Du lieben magst“ wiedergiebt. Er kennt diese Stimme. Sie
kommt dort unten aus dem Schulhause, in dem heute Freude und Jubel
herrscht. Lisette, die treffliche Sängerin, ist vor wenig Stunden zu
Besuch bei den Eltern heimgekehrt. Ein Jahr lang haben die guten Alten
ihr Lieblingskind nicht gesehen; sie hat vorigen Jänner eine Stelle
als Erzieherin in einer gräflichen Familie angenommen; heute kam sie
unerwartet -- er schaute gerade durch’s Fenster, wie sie aus ihrem
Reisekorb für die Mutter den neuen Wintermantel, für den Vater den
prächtigen Pelz hervorholte -- das war eine Freude, eine Seligkeit,
und doch weinten sie Alle -- ja Mama Traugott fiel sogar ihrer
Lisette unter heftigem Schluchzen um den Hals und schien sich kaum
beruhigen zu können; die unerwartete Freude hatte die alte Frau ganz
verändert. Jetzt saßen sie nun so überglücklich beisammen -- es war
unserem Thurmwart als sollte er hinunter eilen und um Einlaß bitten,
daß er auch Theil an ihrem Glücke nehmen dürfe. -- Oeffnete sich da
nicht gerade die Thür des Schulhauses? Er kannte Jenen, der eben das
friedliche Heim verläßt, nur zu gut. Josef Berndt ist sein Name; er war
einst Gemeinderath und Inhaber aller erdenklicher Ehrenämter gewesen.
Sein Geschäft war allgemein geachtet und warf ihm jährlich Tausende
mehr ab, als er für sein luxuriös eingerichtetes Haus brauchte; damals
kannte Berndt die Lehrerfamilie nicht. -- Dann kam der „Krach“ -- Josef
Berndt war mit einem Schlage ein armer Mann geworden; er wollte dem
Schicksal die Stirn bieten, sich dennoch obenauf behaupten; doch durch
welche Mittel? Man wußte es leider überall. Sein eigener Neffe klagte
ihn der Wechselfälschung an; er, der als Ehrenmann so hoch gestanden,
wurde gefänglich eingezogen, all seiner Ehrenämter entkleidet, und
als er seine Strafe verbüßte, fand er heimkehrend sein Haus leer; die
Gattin hatte die Scheidungsklage eingereicht und war zu ihren Eltern
zurückgekehrt. -- Auch die ehemaligen guten Freunde zogen sich zurück;
Lehrer Traugott, der ehedem nie in Beziehung zu ihm gestanden, war
der einzige, der dem Unglücklichen als Mensch nahe trat, ihn wieder
aufzurichten suchte, ihm in seinem Hause ein Ausruhen nach des Tages
Last und Mühen bot. -- Dort unten in der Herrengasse bewohnt Frau
Berndt jetzt ein prächtiges Haus; sie lebt in Glanz und Ueberfluß; die
böse Welt raunt sich allerhand in’s Ohr, wer die Kosten des Haushalts
tragen mag. Unseren Thurmwart kümmert’s nicht; er ist ruhiger in
sich geworden, nachdem er Umschau gehalten, denn er hat gesehen, daß
es hüben und drüben und da und dort mehr Leid als Freud giebt, daß
das neue Jahr gar Manchem ein ernstes Gesicht zeigt, daß die Sorge
allüberall hin Eingang findet, in die Prachtsäle der Reichen, wie in
die Hütten der Armuth, daß es aber auch reine Freuden giebt, die die
Seele zu Gott erheben, und daß, solange der Mensch athmet, die Hoffnung
nie schwinden dürfe, daß noch Alles gut werde. Erleichtert steigt er
die Stiege hinab und begiebt sich zur Ruhe.
Der Engel des Friedens und der Glückseligkeit, den er drüben im
einfachen Schulhause gesehen, scheint auch bei ihm Einkehr zu halten.
Wunderbar warm wird es ihm um’s Herz, wenn er denkt, wie morgen Früh
die Glückwünsche seiner Lieben eintreffen werden; der älteste Sohn
Franz ist Disponent eines großen Pariser Hauses -- seine Toni ist an
einen braven Handwerker in der Hauptstadt verheiratet, der nur das
eine Glück kennt, für sein geliebtes Weib und seine Kinder zu sorgen.
Ja, die Kinder, die süßen Kleinen! ruft er wehmuthsvoll und möchte fast
die Arme öffnen, sie an sein Herz zu drücken. Er weiß jetzt, daß er
nicht allein ist, sind sie gleich nicht bei ihm, so ist er ihnen doch
vereint -- giebt es ja ein Gefühl, das Zeit und Raum aufhebt. Gar bald
umgaukeln wundersüße Träume des alten Mannes Hirn. Er sieht demnächst
seinen Franz heimkehren, ihm die liebliche Braut zuführen -- auch die
Toni kommt mit ihren Blondköpfchen -- dann ist wieder Jubel und Leben
wie ehedem im stillen Stübchen. -- Seine noch vor einer Stunde so
vergrämten Züge umgiebt ein weihevoller Ernst; es ist ihm als ob ihm
eine innere Stimme zuflüsterte:
Denke nicht dessen, was du verloren, sondern dessen was dir bleibt!
[Illustration]
[Illustration]
Eine verunglückte Speculation.
Rentier Fels hatte sich seit einigen Monaten in dem Städtchen Auenthal
niedergelassen; er war das Muster eines guten Bürgers, wohlthätig,
gemeinnützig und trotz seines anscheinenden Reichthums leutselig
und gesprächig selbst mit dem Niedrigsten. Sein Haus war eines der
schönsten in den neuen Anlagen, mit allem Comfort ausgestattet, doch,
wenn gute Bekannte die Annehmlichkeiten desselben priesen, pflegte er
stets mit tiefem Seufzer zu antworten: „Ja, wenn sie nur nicht fehlte!“
Er erzählte dann gern, und das Herz schien ihm dabei auf die Zunge
zu treten, von seiner vor Jahresfrist gestorbenen Gattin, wie er mit
ihr so glücklich gelebt, wie er ihren Verlust fast nicht zu ertragen
geglaubt habe, und auch schließlich -- um sich nicht ganz dem Schmerz
hinzugeben, -- einen Wohnungswechsel vorgenommen, hoffend, die neue
Umgebung werde ihm sein Leid vergessen machen. Ein Witwer in guten
Verhältnissen pflegt für speculative Mütter heiratsfähiger Töchter ein
beachtenswerther Fund zu sein.
Die Frau Müllerin hatte drei Töchter, die sich zwar nicht durch
persönliche, wohl aber durch finanzielle Liebenswürdigkeit
auszeichneten. Marie, die ältere, hatte von dem Großvater ein
bedeutendes Gut, außerdem von ihrem Vater gleichtheilig mit den anderen
Schwestern ein Vermögen von 20.000 fl. geerbt. Zwar schielte sie
etwas, auch wollten böse Zungen meinen, daß sie nur durch Kunstmittel
den schiefen Rücken verdecke, dennoch galt Marie für eine gute Partie
und, als ihr Vetter Gerstner, der mit Fels befreundet war, diesem
einst halb scherzend, halb ernst sagte: „Freund, Sie sollten sich
wieder verheiraten, um auf andere Gedanken zu kommen -- ich wüßte auch
gleich eine Frau für Sie!“ da hatte Fels, als gelte es einen guten
Gedanken festzuhalten, erfreut gesagt: „Wenn mich so ein Mädchen wie
Ihre Cousine Marie wollte, wahrlich, ich glaube, wieder glücklich
werden zu können! Das ist ein Mädchen voll Biederkeit und Kern, die
muß einmal die bravste Hausfrau werden!“ setzte er schmunzelnd hinzu.
Mehr bedurfte es nicht, daß Gerstner noch am selben Abend den Bescheid
von der Frau Müllerin brachte, Fels möge sie des anderen Tages in der
Mittagsstunde besuchen und dürfe sich des besten Empfanges gewärtig
halten.
Acht Tage hernach war Müllers Marie die verlobte Braut des reichen
Fels. Glücklicher, als die Beiden, denen zu Ehren nun Festlichkeiten
aller Art gegeben wurden, war vielleicht Vetter Gerstner, denn
zweifelsohne hätte er, dem Wunsche seiner Eltern folgend, Marie
heiraten müssen, wenn es ihm nicht geglückt wäre, das zwar reiche aber
ungeliebte Mädchen einem anderen Freier zuzuführen. Die Müllerin hatte
Gerstner, ehe sie ihr Jawort gab, mit Erkundigungen über Fels betraut,
die nach des Neffen Aussage äußerst günstig eingegangen waren.
Gerstner hatte theils aus Leichtsinn, theils in dem Bewußtsein, selbst
wenn unvortheilhafte Nachrichten einliefen, diese der Tante nicht
mitzutheilen, jede Recherche über Fels’ Vergangenheit unterlassen; er
glaubte sich auch keine Gewissensbisse machen zu dürfen, man sah ja,
Fels war ein reicher Mann voll Herzensgüte und Biedersinn, ein Mädchen
wie Marie müßte sich nach seinem Dafürhalten glücklich schätzen, von
ihm gewählt zu werden.
Fels wünschte die Hochzeitsfeier so einfach wie möglich zu begehen
und da man Rücksicht auf seine früheren Verhältnisse nehmen zu müssen
glaubte, sah auch Niemand von der Familie der Braut etwas Sonderbares
darin, daß Fels keinen seiner ehemaligen Verwandten oder Bekannten zur
Hochzeitsfeier eingeladen. Diese fand zwei Monate nach dem Verlöbniß
statt; Fels machte mit seiner jungen Frau eine Hochzeitsreise, auf
welcher sie auch die Hauptstadt berührten. Marie, die schüchterne
Kleinstädterin, fühlte sich befangen, da sie nun vielen ehemaligen
Freunden ihres Gatten gegenübertrat. Eines Abends waren sie in
Gesellschaft eines früheren Geschäftsfreundes, der eine fixe Idee zu
haben schien, nämlich die, Menschen, mit denen er es gut meinte, in
eine Lebensversicherung einzukaufen. Fels spöttelte zuerst über des
Freundes Manie, ließ sich jedoch bald durch dessen hinreißende Suada
überzeugen, daß es eigentlich Pflicht jedes bedächtigen Menschen sei,
seine Zukunft sicher zu stellen, und da Marie derselben Ansicht war,
beschloß man eine Polizze auf gegenseitige Versicherung in Summa von
10.000 fl. zu nehmen. Marie lachte und scherzte, als ihr Fels sagte,
welche Beruhigung es ihm gewähre, sie dermal einst, wenn er nicht mehr
sei, jene Summe bei der Versicherungsgesellschaft erheben zu sehen;
vor ihr lag die Welt so rosig, daß es ihr fast eine Entweihung ihrer
glücklichen Stimme schien, jetzt sich mit Todesgedanken befassen zu
wollen.
Die Polizze wurde einige Tage hernach unterzeichnet. Fels bat seine
junge Frau, Niemandem von diesem Act Mittheilung zu machen, die Leute
seien voll Neid und Mißgunst, sie möchten ihnen nicht gönnen, daß sie
in wohlbedächtigter Weise nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für
die Zukunft gesorgt. Marie war ein gefügiges Werkzeug ihres Gatten. Er
wünschte es nicht und nicht einmal ihre Mutter erhielt Mittheilung.
Marie hatte auch alle Ursache, wie die „guten“ und selbst die
bösen Freunde meinten, glücklich zu sein und den Wünschen ihres
Gatten Rechnung zu tragen. Welch herrliches Leben führte sie nach
den Meinungen Aller. Sie hatte ihr Abonnement im Theater, sie gab
Gesellschaften, machte Reisen, erschien stets in gewählter Toilette --
Nichts war Fels zu theuer, ihr eine Freude zu bereiten.
Das erste Grün des Frühlings rief in Fels eine unbezwingliche Reiselust
hervor; er wollte die Schweiz sehen und selbstverständlich mußte ihn
Marie begleiten. Mit welchen Hoffnungen trat sie die Reise an! Es war
stets ihr sehnlichster Wunsch gewesen, ein Gebirgsland zu sehen; trotz
ihres vielen Geldes hatte es die Mutter nie über sich gewinnen können,
diesem Zweck eine Summe Geldes zu widmen.
Marie hatte schlaflose Nächte, so sehr regten sie die Vorstellungen
von dem, was sich ihr darbieten werde, auf. Obgleich sonst eine
nüchterne, prosaische Natur, erging sie sich in Schwärmereien, wie
herrlich der Sonnenaufgang auf einem Berge, wie wunderbar die Aussicht
von demselben über blühende Wiesen und Felder, wie rein die Luft, wie
beglückend der Umgang mit anderen Menschen sein müsse. Ihre Schwestern
hatten Recht, als sie beim Abschied sagten: Marie ist in dem einen
Jahr ihrer Ehe um zehn Jahre jünger geworden; so lebhaft und glücklich
hatte sie zuvor Niemand gekannt. Die Mutter, eine sonst sentimentale
Frau, der bei jeder Trennung Thränen der Rührung in die Augen zu treten
pflegten, vergaß sogar diesmal das übliche „Glückliche Reise!“ Weshalb
ihr noch eine glückliche Reise wünschen, da sie im Widerschein des
Glückes und der erfüllten Hoffnung strahlte.
Marie schrieb fast täglich; die Briefe machten die Runde unter allen
Bekannten, denn der Müllerin war es keine geringe Genugthuung, ihre
Marie, der man schon Glück und Zukunft, zum Mindesten eine gute
Verheiratung wegen der ihr mangelnden äußeren Vorzüge abgesprochen, nun
in guten Verhältnissen und an der Seite eines braven Mannes zu sehen,
dessen Lebensaufgabe es zu sein schien, sie glücklich zu machen.
Plötzlich jedoch blieben die Briefe aus; schon war eine ganze Woche
vergangen, ohne daß irgend welche Nachricht eingetroffen; das wirkte
namentlich beunruhigend auf die Mutter; sie ließ ihren Neffen rufen, um
ihn zu beauftragen, nach Innsbruck zu depeschiren, von wo der letzte
Brief angelangt war. Gleich bei Gerstners Eintreten fiel ihr dessen
verstörtes Aussehen auf. „Paul, Du hast irgend welche unheilvolle
Nachricht!“ rief sie mit der der Mutter eigenen Divinationsgabe.
Gerstner gestand, er habe heute eine Nachricht von Fels erhalten, daß
Marie unterwegs bedenklich erkrankt sei.
„Aber warum theilt er es mir nicht mit!“ rief die Müllerin, Schlimmeres
ahnend. „O Paul, ich bitte Dich, sage mir die Wahrheit, was weißt Du
von Marie? Zeig’ mir den Brief!“
„Unmöglich!“ rief Paul verwirrt. „Er ist nicht für Sie geschrieben, Sie
würden --“
„Um des Himmels Willen!“ jammerte die Müllerin; „mit meiner Marie ist
ein Unglück passirt! Rede, Paul! Ich kann Alles eher ertragen, als
diese quälende Ungewißheit, die mich nun schon acht Tage martert.“
„Fast glaube ich selbst,“ sagte Paul nach einigem Ueberlegen, „daß es
richtiger ist, die volle Wahrheit zu sagen. Fels schreibt mir,“ fuhr er
nach einer Pause fort, „daß Marie beim Bergsteigen ausgeglitten ist und
sich erheblich beschädigt hat!“
„Wo ist sie, die Arme, daß ich zu ihr eile?“ rief die geängstigte
Mutter.
„Man hat sie nach Innsbruck zurückgebracht, doch fürchte ich, können
Sie ihr nicht helfen!“ setzte Paul zögernd hinzu.
„Eine Mutter soll ihrem Kinde nicht helfen können!“ rief die Müllerin,
der das Schreckliche nicht in den Sinn wollte. „Paul, Du mußt mich
begleiten, sicher ist Gefahr im Verzuge, sonst hätte mir Marie
geschrieben! Wir reisen mit dem nächsten Zuge ab!“
„Aber beste Tante, vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen sage, daß Sie dort
Nichts mehr nützen können --“
„Nichts mehr?“ rief die Müllerin in wildem Aufschrei. „So ist
Marie -- --“
Die arme Frau sank ohnmächtig zusammen.
Als sie wieder erwachte, saß sie stumm, fast leblos da; die beiden
anderen Töchter Anna und Elise weinten schmerzlich, ihr wollte keine
erlösende Thräne das Auge netzen.
„Gib mir den Brief!“ sagte sie endlich mit gebrochener Stimme. Kaum
hatte sie ihn erfaßt, als er wiederum ihren Händen entfiel. „Anna lies
Du!“ sprach sie, in Thränen ausbrechend. Anna begann nach einigem
Zögern: „Bester Vetter! Ein schweres Unglück hat uns Alle betroffen:
ich finde erst heute die Kraft, Dir Mittheilung zu machen, denn ich
war, seitdem mir Marie für immer genommen, fast meiner Sinne nicht
mächtig. Theile das Schreckliche den Ihrigen so schonend wie möglich
mit; ich vermag es nicht! Noch sehe ich sie mir voran die Anhöhe
erklimmen, leicht und glücklich, wie ein Vogel, der seine Schwingen
entfaltet, da plötzlich höre ich einen Angstruf, ich eile ihr nach,
sehe wie sie sich angsterfüllt an einen Strauch klammert, den sie beim
Fall in die Tiefe gepackt, der Strauch gibt nach und wie sich die
Wurzeln dem Boden entwinden, fehlt auch ihr der letzte Anhalt, ich
muß, ohne ihr helfen zu können, mit ansehen, wie mein geliebtes Weib
hinunter in die tiefe Schlucht stürzt; noch ein markerschütternder
Schrei -- ich wußte Alles. Man trug mich leblos in meine Wohnung
und kaum eine Stunde hernach die Unglückliche, die man unten in der
Thalschlucht mit zerschlagenem Schädel und gräßlich zerschundenem Leibe
aufgefunden.“
Anna konnte vor Schluchzen nicht fortfahren.
„Arme, arme Marie!“ jammerte die Mutter; „so früh und so schrecklich
mußtest Du enden!“ Schweren Schrittes ging sie in ihre Stube und schloß
die Thür hinter sich; sie wollte mit ihrem Schmerze allein sein.
In dem Städtchen rief der Trauerfall die lebhafteste Theilnahme wach
und als der trauernde Witwer eine Woche hernach völlig gebrochen
zurückkehrte, war Jeder erschüttert ob seines tiefen Schmerzes. Er
wollte Niemand sehen, seine besten Freunde wurden nicht vorgelassen;
die Müllerin besuchte er, sie mußte ja, wie er oft sagte, seinen
Schmerz verstehen. Fels sah in der That um Jahre älter aus; sein Blick
war eingesunken, sein Gang schlaff; nichts schien ihm Interesse zu
erregen. Er wollte Haus und Anwesen verkaufen, um nicht durch Alles an
die schmerzlich betrauerte Todte erinnert zu werden.
Wohin er gehen wollte? er wußte es selbst nicht; vielleicht hoffte
er durch Reisen von seinem tiefen Weh abgelenkt zu werden. Bald fand
sich ein Käufer für das schöne Haus; Fels stellte ihn der Müllerin vor
und bemerkte so nebensächlich, daß Herr Eckart auch das Gut, das er
bisher für Marie verwaltet, übernehmen werde. Die alte Frau stutzte.
So peinlich ihr jetzt, wenige Monate nach der Tochter Tode eine
Auseinandersetzung bezüglich der Hinterlassenschaft war, so sagte sie
doch unverholen: „Das Gut, denke ich, fällt an die Familie zurück.“
„Wir sprechen gelegentlich davon!“ hatte Fels entgegnet und begann dann
unter Seufzen und Weheklagen seines Verlustes wiederum zu gedenken.
Obgleich die Müllerin eine keineswegs besonders scharfsinnige Frau
war, ließ ihr doch jene Aeußerung keine Ruhe; sie sandte des andern
Tages ihren Neffen Paul zum Schwiegersohn, damit er sondire, welche
Bewandtniß es mit der Uebergabe des Gutes habe.
Fels verhielt sich zuerst ablehnend, es sei ihm widerwärtig, jetzt
schon von Erbtheil und dergleichen zu sprechen, doch als Paul ihm ohne
Hehl sagte, daß in kinderloser Ehe das Vermögen der Frau an die Familie
zurückfalle, zog er schweigend ein Testament aus der Tasche, das Marie
in Gegenwart eines Notars unterzeichnet hatte, nach welchem ihr Gatte
dereinst ihr alleiniger Erbe sein sollte.
Paul blieb sprachlos; ehe es Fels ahnte, erhob er seinen Blick vom
Papier und schaute in die Augen des ihm gegenüber Sitzenden, die eher
Bosheit, List und Tücke als jenen so würdevoll zur Schau getragenen
Schmerz ausdrückten. Dieser eine Moment hatte genügt, ihn einen Blick
in die Seele des Mannes werfen zu lassen, der, obschon er im nächsten
Augenblick wieder sein Gesicht mit jenem Schmerzesausdruck überkrustet
hatte, ihm jeder Schandthat fähig schien.
„Was hat Marie bewogen ein derartiges Testament zu unterschreiben?“
fragte er kurz.
Ohne durch den herben Ton beleidigt zu sein, entgegnete Fels:
„Dasselbe, was mich bewogen, sie nach meinem Ableben zu meiner
Universalerbin zu ernennen.“
„Sie mögen wohl gewußt haben, wen Gevatter Tod zuerst abrufen werde?“
erwiderte Paul, doch hielt er plötzlich inne, als er sah, welchen
Eindruck seine Worte auf Fels machten; bleich, einer Bildsäule
gleich, saß er da und starrte ihn an. Da Paul diese Wandlung nur dem
heftig sich erneuernden Schmerz zuschreiben konnte, brach er das
Gespräch ab und that dem Unglücklichen innerlich Abbitte, daß er
jener Vermögensregulirung wegen so unzart kaum geschlossene Wunden
aufgerissen. Der Tante gab er die Auskunft, daß man den schwer
gebeugten Mann jetzt mit jener Angelegenheit verschonen müsse;
zwar existire ein Testament, demzufolge der überlebende Ehegatte
Universalerbe sei, doch hoffe er, daß Fels jenes alte Familienerbtheil
nicht in fremde Hände übergehen lassen werde.
Wenn schon die Müllerin im höchsten Grade unangenehm von jenem
Testamente überrascht worden war, von dem ihr ihre sonst stets Alles
vertrauende Tochter nie Etwas mitgetheilt, so war sie doch noch zu sehr
von ihrem Schmerz befangen, um einen klaren Gedanken fassen zu können.
Nicht wenig erstaunt war die harmlose Frau, da sich eines Tages
ein Versicherungsbeamter der Allemannia melden ließ, der von seiner
Gesellschaft beauftragt zu sein vorgab, über die Todesart ihrer Tochter
Erkundigungen einzuziehen.
Als die Müllerin ihr Befremden äußerte, wieso die Direction irgend
ein Interesse an dem sie betroffenen Unglücksfall habe, erwiderte
der Beamte lakonisch: „Weil die Direction dem überlebenden Gatten
zehntausend Gulden zu zahlen hat.“
Die arme Frau brach zusammen; wie ein Blitzstrahl durchzuckte es
ihr gramumwebtes Herz, hier könne ein Verbrechen vorliegen. Dort
das Testament, hier die Versicherung, die schreckliche Todesart, --
Alles ließ sie vermuthen, daß -- doch sie wagte das Schreckliche
nicht einmal zu denken. Der Beamte kam ihrer Vermuthung zu Hilfe,
indem er ihr mittheilte, daß Fels seine beiden ersten Frauen, die bei
anderen Gesellschaften auch hoch versichert waren, gleichfalls durch
plötzlichen Todesfall verloren. Wie Schuppen fiel es der unglücklichen
Mutter von den Augen. „Zwei Frauen hat er schon gehabt?“ rief sie
verwundert. „Als er die erste heiratete,“ entgegnete der Beamte, „war
er noch Schuhmacher; nach ihrem Tode nannte er sich Rentier, ging bald
wieder auf Freiersfüßen,“ er hielt inne, denn er sah, daß die Arme
besinnungslos in einen Sessel gesunken war. Als sie wieder zu sich
kam, war ihr erstes Wort, man möge Fels rufen. Dieser, Nichts ahnend,
kam sogleich aus seiner nur wenige Schritte entfernten Villa herüber,
da das Mädchen ihm von dem Unwohlsein ihrer Herrin sagte.
„Elender, feiger Mörder!“ herrschte sie ihn in mächtig hervorbrechendem
Groll an; „warum hast du mein Kind umgebracht?“
Darauf war Fels nicht vorbereitet; geisterbleich, keines Wortes
mächtig, stand er da, ein Sünder der, ohne zu beichten seine Schandthat
eingesteht, als sein stierer Blick den Fremden gewahrte, brach er
kraftlos zusammen; noch ehe Beweise seiner Schuld vorlagen, hatte ihn
sein Gewissen verrathen.
„Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!“ sagte der Assecuranz-Beamte.
„Wessen klagte man mich an?“ entgegnete Fels, dem jetzt seine
Geistesgegenwart zurückgekommen.
„Drei Frauen elendiglich aus der Welt geschafft zu haben, um sie zu
beerben!“ sagte der Beamte kurz.
„Sie sind mir Beweise für diese schändliche Anklage schuldig!“
entgegnete Fels jetzt mit frecher Stimme.
„Die Beweise wird Ihnen der Staatsanwalt geben!“ antwortete Jener,
„jetzt haben sie zu folgen.“
Vergeblich wollte Fels an seine Verwandten appelliren -- Alle wiesen
ihn mit Entrüstung von sich.
„Ich folge Ihnen!“ sagte er endlich, „doch nur, um mich von einer
schändlichen Verleumdung zu reinigen!“
Die Müllerin ließ zunächst ihren Neffen rufen, der, da sie selbst zu
schwach war, die Reise nach Innsbruck machen sollte, um Näheres über
die Todesart der schmerzlich beweinten Tochter zu erfahren. Paul machte
sich die heftigsten Vorwürfe zu leichtfertig gehandelt zu haben,
da es galt, Erkundigungen einzuziehen, ehe das Verlöbniß zu Stande
kam: er sah bleich und verstört aus, als fühle er, daß er indirect
die Schuld an dem Unglück trug, das seine Familie betroffen. Bei
gewissenhafter Nachforschung hätte er sicher Kunde von dem Vorleben des
Mannes erhalten können und dann wäre es wohl nie zu einer Annäherung
gekommen. Marie war das beklagenswerthe Opfer seines Leichtsinnes und
-- wenngleich er sie nie geliebt, war seine Trauer jetzt eine so tiefe,
unlöschbare, daß die Umgebung sicher darin zu sein glaubte, er habe
der Verstorbenen ein wärmeres Gefühl entgegengebracht, als sie selbst
vielleicht geahnt.
Da er am Grabe der viel Beweinten dort auf jenem einsamen Friedhof
der kleinen Bergstadt niederkniete, schluchzte er wie ein Kind; ein
Geistlicher des Ortes, der ihn begleitete, hatte Mühe ihn zu beruhigen;
er theilte ihm mit, wie ihm selbst die seltene Fassung, die der Gatte
der Verstorbenen bewahrte, aufgefallen sei; wahrscheinlich habe er
es nicht für nöthig erachtet, seine Heuchlerkunst vor einfachen
Naturmenschen zur Schau zu tragen.
Die Leiche wurde ausgegraben, doch konnten die zu einem Concilium
geladenen Aerzte nicht feststellen, ob der Sturz in die Tiefe
gewaltsam oder zufällig bewirkt worden. Der Körper war an allen Seiten
zerschunden. Knochen und Gelenke gebrochen, der Tod mußte noch während
des Sturzes erfolgt sein.
Paul beschloß, die nun einmal in ihrer Ruhe gestörte Leiche mit
heimzuführen, um der unglücklichen Mutter wenigstens den einen Trost zu
gönnen, ihre Tochter auf dem Gottesacker besuchen zu können.
Fels war noch immer in Gewahrsam und leugnete standhaft; er wußte ja
am besten, daß seine dunkle That keinen Zeugen hatte. Paul kam gerade
an dem Tage zurück, da er wiederum in Freiheit gesetzt werden sollte.
Als der Ortsrichter indeß hörte, daß Paul die Leiche mitführe, änderte
er seine Bestimmung. Er ließ bitten, den Sarg in’s Gerichtszimmer
zu überführen und nachdem dies geschehen, nahm er Fels noch einmal
streng in’s Verhör; Fels blieb dabei seine Unschuld zu betheuern; da
plötzlich öffnete der Richter die Thür nach dem Gerichtssaal, des
Gefangenen Blicke fielen auf den geöffneten Sarg, in dem die gemordete
Frau lag. „Marie, du hast mich verrathen!“ rief er zusammensinkend. Die
Gefängnißwärter trugen ihn in seine Zelle zurück; jeder Blutstropfen
schien aus seinem Körper gewichen.
Den Gerichten war es nun ein Leichtes, erfolgreiche Nachforschungen
über die Todesart der beiden anderen Frauen anzustellen.
Fels war vor fünf Jahren als armer Schuhmacher nach Renddorf gekommen,
wo er die Tochter einer vermögenden Witwe heiratete.
Er kaufte sie vier Wochen nach der Hochzeit mit 1000 fl. in eine
Lebensversicherung ein -- sechs Monate nachher stürzte die junge Frau
die Kellertreppe hinunter und langte todt unten an.
In Folge des Lärmens und Schreiens des trostlosen Ehemannes kamen die
Hausgenossen zusammen -- alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos.
Fels war so erschüttert, daß er kurze Zeit nach der Beerdigung der Frau
sein Geschäft aufgab und nach Saalfeld übersiedelte. Hier machte er
nach Jahresfrist die Bekanntschaft der Witwe Kore, einer vermögenden,
doch älteren Frau. Die Vermälung wurde in aller Stille gefeiert und als
Frau Kore nach drei Monaten am Herzschlage starb, wußten ihre nächsten
Bekannten noch nicht, daß sie inzwischen Frau Fels geworden. Wohl aber
wußte die Versicherungsgesellschaft, daß sie dem trauernden Witwer 5000
fl. zu zahlen hatte.
Wenngleich jedes Mal eine andere Gesellschaft betheiligt war, wurde
die Sache doch ruchbar. Die Direction der Allemannia erhielt eine
Zuschrift, man möge doch recherchiren, welcher Todesart Fels frühere
Gattinnen gestorben seien, die bei den namhaft gemachten Versicherungen
durch den früheren Schuhmacher, jetzigen Rentier Fels eingekauft waren.
Obschon kein Beweis vorlag, daß Fels ein Mörder, so verurtheilten ihn
doch die Geschworenen nach allen Indicien und seinen eigenen Worten
beim Anblick der Leiche seines dritten Opfers zum Tode.
Die Entrüstung im Städtchen ob der schändlichen That war eine
allgemeine.
Jetzt freilich wollten einige Hellseher dies und das in des Gerichteten
Benehmen auf niedere Abkunft und gemeine Gesinnung deuten, doch war
die Thatsache nicht wegzuleugnen, daß derjenige, der heute als Mörder
von Allen verachtet wurde, noch unlängst einer der geachtetsten Männer
des Städtchens gewesen. -- Zu allgemeinem Erstaunen hatte der Fürst
das eingereichte Gnadengesuch berücksichtigt und die Todesstrafe in
lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Von dem Correctionshause
aus, das an einer Anhöhe lag, konnte Fels hinab auf seine mit allem
Comfort ausgestattete Villa schauen, die die Müllerin als Erbin ihrer
Tochter in Besitz nahm.
Im wunderbaren Wechsel der Ereignisse wurde schon nach wenigen Monaten
dort ein Hochzeitsfest gefeiert. Der Verstorbenen zweite Schwester
Anna, ein durch Anmuth und Schönheit ausgezeichnetes Mädchen, hatte
Vetter Paul, gerührt von seiner aufrichtigsten Trauer um die Verewigte,
die Hand gereicht. Wenngleich er nun als Schwiegersohn der Müllerin
von ganzem Herzen bemüht war, die gebeugte Mutter zu trösten --
er vermochte es -- da Selbstanklagen und Vorwürfe ihn ungeachtet
der glücklichen Wendung seines Geschickes darniederhielten, nicht.
Allgemein wunderte man sich, daß die ungleich liebenswürdigere Anna in
ihm das Andenken an Marie nicht verlöschen konnte.
Fels starb schon nach einigen Jahren in der Gefangenschaft; sein
frevelhaft erworbenes Gut hatte ihm keinen Segen gebracht und oft hat
er, wie seine Mitgefangenen berichteten, die Zeiten zurückgewünscht,
da er noch mit ruhigem Gewissen und frohem Sinn als armer
Schuhmachergeselle von Werkstatt zu Werkstatt wanderte und Abends nach
gethaner Arbeit das müde Haupt zu friedlichem Schlafe niederlegen
konnte. An einer Ecke der Kirchhofsmauer ruht der arme, reiche Mann,
ein Ausgestoßener, dessen Grab Jeder meidet, der die Geschichte des
Unglücklichen kennt.
[Illustration]
Druck von J. C. Fischer & Comp. in Wien.