Der Mutter Prophezeiung schien in Erfüllung zu gehen; der kleine
Berthold wurde ein ausnehmend schönes, kräftiges Kind; die junge Mutter
fühlte all die Süßigkeiten, ihrem Kinde Alles sein zu können, sein
erstes Lächeln zu belauschen, seinen Schlaf zu bewachen, es selbst an
ihrer Brust zu nähren. Die Kinderstube war ihre Welt. Zwar war eine
Wärterin angenommen, doch ließ Susi das Kind nicht von den Händen.
„Du gehst zu weit in Deiner Gewissenhaftigkeit!“ sagte ihr Gatte oft.
„Wie will ich von bezahlten Leuten das verlangen, das ich selbst nicht
leiste?“ entgegnete ihm Susi.
An ihrer Hand machte das Kind die ersten Gehversuche, und -- welche
Freude durchzuckte das Mutterherz -- als Berthold ein Jahr alt war,
ging er bereits dem Vater einige Schritte entgegen! Dieser fing ihn
hochbeglückt in seinen Armen auf, drückte ihn an sein Herz, doch trotz
aller Freude schien die Wolke, die schon einige Zeit auf seiner Stirn
lagerte, nicht zu vergehen.
Susi war so sehr mit ihrem Kinde beschäftigt, daß sie dieselbe nicht
bemerkt hatte. Da sie seit der Geburt des Kleinen fast abgeschlossen
von allen größeren Gesellschaften lebte, war ihr auch nicht zu
Ohren gekommen, was man sich draußen erzählte. Sie hörte wohl von
einer Geschäftskrisis, von schlechten Zeiten, doch legte sie dieser
landläufigen Klage, die selbst in den günstigen Jahren beliebt ist,
wenig Werth bei; sie wußte, daß ihr Mann in Eisenbahn-Papieren hoch
speculirt habe, doch er hatte ja eine so sichere, glückliche Hand, daß
noch keine Ahnung in ihr aufstieg, sein Vermögen könne gefährdet sein.
Stern hatte sich oft gesagt, es sei Pflicht, der Frau Einblick in die
Vermögensverhältnisse zu gestatten, er hatte auch oft mit Darlegungen
begonnen, doch Susi, die jedesmal glaubte, er beabsichtige nur, ihr
eine Idee seines Reichthums zu geben, schnitt kurz ab und sagte,
daß sie ja doch von Geschäftsoperationen nichts verstehe und es ihr
vollständig gleichgiltig sei, ob ihr Vermögen in Türkenloosen oder
amerikanischen Papieren oder Eisenbahn-Actien angelegt sei.
„Wenn ich aber einmal ungünstig speculire?“ hatte Stern wie zufällig
gefragt.
„Du gehst so sicher zu Werke, daß dies kaum eintreten kann!“ antwortete
Susi.
Ihr Gatte wollte der in vollem Vertrauen Lebenden keine Besorgnisse
einpflanzen, die ihrem arglosen Gemüthe so fern lagen; auch hoffte er
noch die Katastrophe abzuwenden.
Das Welthaus Strousfeld war nahe daran, seine Zahlungen einzustellen;
Stern war mit seinem ganzen Vermögen bei demselben betheiligt. Er hielt
es unausbleiblich, daß auch er folgen würde. „Dies muß abgewendet
werden, um jeden Preis!“ sagte er sich. Noch war die Angelegenheit
nicht officiell. Stern bot seinen ganzen Einfluß auf und im Verlauf
von acht Tagen gelang ihm das Unglaubliche. Man konnte öffentlich
die in Privatkreisen schon vielfach besprochene Zahlungseinstellung
Strousfelds Lügen strafen, da die vorkommenden Anweisungsgelder Heller
bei Pfennig bezahlt wurden.
Doch wie war dies möglich geworden?
Haben jene Moralisten Recht, die die Börsenwelt die Welt des Scheines,
des Betruges, der Illusionen nennen? Wohl konnte man sich in jener
Gründerzeit, die mit dem überall in schwerem Unglück hereinbrechenden
„Krach“ endete, fragen: „Was ist Reichthum?“ Imaginär war der
Besitz, war die Verrechnung. Papiere wurden geschaffen, verwerthet,
entwerthet; Consortien, Gesellschaften, Banken gegründet, die, da
ihre Directoren mit allem erdenkbaren Pomp auftraten, die feinsten
Hotels mit einer zahllosen, gallonirten Dienerschaft bewohnten, auf
Gummirädern dahingallopirten, eines Ansehens und Vertrauens bei der
großen Menge genossen, das uns heute, da der Schleier gefallen, an
dem gesunden Sinn, der richtigen Urtheilsgabe der in’s Schlepptau
genommenen Bevölkerung zweifeln läßt; ein kleiner Bruchtheil hielt
sich der Strömung fern, theils aus Mißtrauen, theils aus angeborenem
Rechtlichkeitsgefühl; sie ahnten, daß jenen ewigen Naturgesetzen
zufolge, welche nur eine Vermehrung des Besitzes nach rechtlicher
Arbeit eintreten lassen, die Ueberspeculation sich rächen müsse. Es
war so bequem zu „zeichnen“, nur zu zeichnen, wie der technische
Ausdruck hieß, und dafür gleich den Gewinn einzuheimsen. So leicht wie
man „verdiente“ (wenn dies eben ein Verdienen war), gab man auch aus;
der Börsianer hatte eine stets offene Hand; was galt ihm der Preis
einer Waare? Der armselige Krämer oder Waarenhändler rechnete seinen
Nutzen nach Pfennigen, er denjenigen einer einzigen „Zeichnung“, nach
Tausenden.
Eine einflußreiche, gut accreditirte Person konnte in jener Gründerzeit
mit leeren Händen Schätze gewinnen. So war es auch nichts Seltenes, daß
sogar fürstliche Personen sich an die Spitze der Börsen-Unternehmungen
stellten. Stern wußte seinen Einfluß bei dem verschuldeten Grafen
Nesh geschickt zu benutzen. Der Graf stand an der Spitze jenes
Consortiums, das eine neue Anleihe für eine Zweigbahn ausschrieb; weder
Strousfeld’s, noch sein Name hatten genügende Anziehungskraft, die
Grafenkrone adelte das Unternehmen. Zwar wußte man in aristokratischen
Kreisen, wie es nun mit Graf Nesh stehe, doch das Gros war geblendet
durch den altadeligen Stamm, man traute und Tausende und Abertausende
flossen zusammen; es hieß, das Geld sollte zum Bau einer Zweigbahn,
von deren Prosperität man sich überzeugt hatte, verwendet werden
-- in Wirklichkeit wurden mit den einlaufenden Capitalien alte
Verpflichtungen berichtigt. Die Interessenten warteten auf eine
Verständigung -- vergebens.
Wozu war die Anleihe verwendet worden?
Man munkelte allerhand, und Stern, der die rechte Hand Strousfeld’s
war, er, den man als Freund und ~chargé d’affaire~ des Grafen Nesh
kannte, wurde vielfach verdächtigt, bedeutende Summen zu anderen, als
den gezeichneten Zwecken verwendet zu haben.
Der Begriff von Ehre und Rechtlichkeit ist in gewissen Kreisen gar zu
dehnbar, zu elastisch; Stern hatte ein weites Gewissen, dennoch drückte
ihn die Verantwortlichkeit. Was heute Geheimniß der Betheiligten war,
mußte doch über kurz oder lang entschleiert werden. Kommt Zeit, kommt
Rath! tröstete er sich; augenblicklich war die Krisis überwunden;
einige gute Speculationen und die eingelaufenen Summen konnten
zurückgezogen und ihrer eigentlichen Bestimmung nach verwendet werden.
Er hoffte es, wenngleich in schlaflosen Nächten das Gespenst der
Sorge aus den Falten des blauseidenen Himmelbettes gar grinsend und
unheimlich hervorlugte, Ruhe und Glück verscheuchend.
Der arme, reiche Mann! Was hatte er von seinen Hunderttausenden? Sorge,
Aufregung, Qual ohne Ende. Der ärmste Bettler legt sein müdes Haupt
zur Erde nieder und findet erquickende Ruhe; seit Wochen floh ihn der
Schlaf, unstet irrten seine Gedanken in die Zukunft; die erhoffte
günstige Wendung in den Börsenmanövern trat nicht ein; der kommende
Ultimo erforderte neue Opfer. Strousfeld war außer Stande, auch nur
einen Theil der Gelder auszuzahlen. Stern sah ein, daß er ein gewagtes
Spiel gespielt, wohl konnte man das ungläubige Publikum noch für einige
Zeit dupiren, doch -- es mußte etwas geschehen, denn auch Graf Nesh
fing an zu drängen, daß er seinen „guten Namen“ retten müsse. Welch’
schweren Stand hatte Stern! Was er gethan, konnte er vor sich selbst
nicht verantworten; keine Hoffnung, die Angelegenheit zu ordnen! Die
fremden Capitalien waren nicht herauszuziehen, sie schienen ihrem
Bestimmungszweck verloren. -- Von Tag zu Tag sanken die Course. Ein
sogenannter „heller Kopf“ berief eine Versammlung der Actionäre ein
und entrollte ein Bild, das eben nicht vertrauenerweckend war. „Wir
sind die Geprellten!“ hieß es, „doch wir wollen der Sache auf den Grund
gehen; entweder die Bahn, für die wir gezeichnet und gezahlt, wird
noch im Laufe dieses Monats in Angriff genommen, oder wir beantragen
gerichtliche Untersuchung.“
Jetzt mußte Stern handeln; er sagte sich, daß „Zeit gewonnen, Alles
gewonnen“ heiße. Unerschrocken berief auch er jetzt unter der Aegide
des Grafen Nesh eine Versammlung der Betheiligten ein. In glänzender,
überzeugender Rede suchte er die gegen das Consortium laut gewordenen
Verdächtigungen zu widerlegen; wohl sei man nicht vorschnell mit dem
Ankauf der Bahnstrecken vorgegangen, da eine günstige Conjunctur
abzuwarten, auch der Erfolg einer Zweigbahn erst nach Vollendung der
Hauptbahn zu erwarten sei, letztere könne jedoch erst in einigen
Monaten dem Betriebe übergeben werden. Die eingezahlten Gelder seien
einstweilen sicher in einem der ersten Bankhäuser angelegt; auch Graf
Nesh und andere Koryphäen des Consortiums traten dafür ein, daß das
Unternehmen den besten Händen anvertraut und eine baldige Durchführung
auf solider Grundlage zu erwarten sei.
Man „glaubte“ und die Versammlung ging beruhigt auseinander. -- Doch
nun hieß es energisch vorgehen. Weshalb hatte Stern die eingezahlten
Gelder dem Hause Strousfeld zugeführt? Es galt, eine damals
unabwendbare Zahlungsstockung zu verhüten und somit Zeit zu gewinnen,
sein bei Strousfeld engagirtes Vermögen herauszuziehen. Stern selbst
hatte an Actien 50,000 Thaler gezeichnet; die Gesammt-Zeichnung
betrug 800,000 Thaler. Wohl hatte er den Fall des Strousfeld’schen
Hauses hingehalten, seine Gelder theilweise herausgezogen, doch --
ein sinkendes Schiff ist schwer zu retten. Unmöglich, jetzt noch das
Steuer richtig zu lenken! Das hatte Stern allerdings nicht voraussehen
können; mit Sicherheit hoffte er bei steigender Conjunctur nach einigen
Monaten seine Gelder mit guten Zinsen vom Hause Strousfeld erheben zu
können; wie so manch ähnliches Manöver war in Börsenkreisen abgespielt
und ohne Schaden der Betheiligten zu Ende geführt worden! Es galt für
Stern, sein Vermögen, die Ruhe und Ehre der Seinigen zu retten; welche
Speculation war um diesen Preis zu gewagt?
Noch vor zwei Jahren, ehe Stern die Bekanntschaft Caspari’s gemacht,
hätte er keinen Fehler in seiner Handlungsweise erkannt, doch jetzt
war er nicht mehr er selbst, der berechnende Kaufmann, dem der
Naturalismus, die Sucht nach Gewinn, über Alles geht -- er hatte sich
berauscht an dem sprudelnden Nectar einer edlen Weltauffassung, hatte
aus dem Born des reinen Menschenthums ideale Begeisterung getrunken und
-- der Dualismus nagte an seiner Natur und schien sie zu ertödten; der
Idealist verurtheilte, was der Materialist geboten hielt; aus Liebe
zu den Seinen hatte er sich einer verbrecherischen Handlung schuldig
gemacht, um sein Vermögen zu retten, so viele Andere um das Ihrige
gebracht. Die von ihm gezeichneten 50,000 Thaler waren nur fingirt,
doch hatten sie Andere zur Nachzeichnung ermuntert; der Betrug konnte
ihm nachgewiesen werden. O, Qual der schlaflosen Nächte, in denen er
sich das Hirn zermarterte, wie er Ehre und Vermögen und Glück der
Seinen, das ihm noch unlängst so fest begründet schien, retten könne.
Noch war keine Aussicht auf Eröffnung der Bahnstrecke, und selbst wenn
diese erfolgte -- man weiß ja, daß das erste Jahr ein Versuchsjahr sein
muß und keinen Gewinn abwirft.
Zehnmal schon hatte er sich vorgenommen, sich dem Freunde zu vertrauen
-- doch konnte er ihm, dem reinen, hochherzigen Manne seine unlautere
Geschäftsgebahrung mittheilen?
Caspari hätte ihn kaum verstanden; er würde ihn eher für irrsinnig
erklärt haben, ehe er solche Schurkerei geglaubt hätte.
Wie beneidete er Susi um ihre Arglosigkeit. Ja, das Kind war ein Glück
für sie, denn hätte sie ihm nicht so ganz ihr Sinnen und Trachten
geweiht, die kluge Frau würde längst die Aenderung in ihres Gatten
Wesen bemerkt haben.
In der Stadt munkelte man schon viel, daß es mit Stern’s
Finanzoperationen schlecht stehe; die „guten Freunde“ zogen sich
zurück; Frau Commercienrath Beche, die sonst nie ohne herzlichen
Händedruck an Susi vorüberging, wich ihr schon mehrmals, wenn sie
einander auf der Promenade begegneten, aus; Frau von Lorm pflegte
sonst, wenn sie die junge Frau sah, stets ihren Wagen halten zu
lassen und sie zu bitten, in demselben Platz zu nehmen; -- sonderbar!
war die sonst so scharfsehende Dame kurzsichtig geworden? Doch Susi
war so sehr mit ihrem reichen Innenleben und der Sorge für ihr Kind
beschäftigt, daß, wenngleich ihr diese Vorfälle nicht entgingen, sie
ihnen doch weiter keine Bedeutung beilegte. Ihr Gatte schien zwar öfter
auffallend zerstreut, doch war ihr dies nichts Neues; wußte sie doch,
daß seine weitverzweigten Geschäfte, sowie das große Personale, das ihm
unterstand, sein Denken sehr in Anspruch nahmen.
Mehrere Monate nach der Katastrophe stand man im Strousfeld’schen
Geschäft vor derselben Krisis. Die vom Consortium gezeichneten Summen
waren nur theilweise eingezahlt worden; es hatte sich unter Stern’s
eigenen Leuten ein Verräther gefunden, der das ganze Manöver aufdeckte.
Eine gerichtliche Commission wurde zur Prüfung der Sachlage eingesetzt;
Stern hielt seine Position für unhaltbar; nicht nur hatte er die
gezeichneten 50,000 Thaler nicht eingezahlt, er hatte im Laufe jener
Zeit beinahe das Doppelte aus dem Strousfeld’schen Geschäft an sich
zu bringen gewußt, obgleich andere Gläubiger, die frühere Forderungen
hatten, zurückgewiesen worden waren.
Vergebens zermarterte er sein Hirn, wie er einen Ausweg finden könne,
um wenigstens seinen ehrlichen Namen zu retten. Die Bücher waren mit
Beschlag belegt und wurden seine unerbittlichen Ankläger. Jeder Laie
konnte aus Ihnen ersehen, daß ein großer Theil des vom Consortium
geleisteten Vorschusses in Stern’s Casse geflossen.
Wie beneidete er den ärmsten Commis in seinem Geschäfte, der, sein
spärliches Einkommen richtig eintheilend, sorgenfrei, ohne Reue, ohne
Furcht leben durfte.
O, hätte ihm nur ein Mensch rathen können, was jetzt zu thun sei.
Schon sah er die Gerichtsdiener kommen, sein Eigenthum pfänden, ihn
selbst fortführen, fort von Weib und Kind -- von der alternden Mutter,
deren größter Stolz er war, und die es nicht überleben würde, ihn als
Verbrecher angeklagt zu sehen.
Verbrecher! er schauderte zusammen. Ja, das war er in den Augen der
Welt, und dadurch waren auch sein Weib, sein Kind geschändet!
Doch wie? Ein rettender Gedanke flog durch die fieberhafte Stirn; noch
kann er als ehrlicher Mann sterben, noch ist keine Anklage erhoben; es
gibt Mittel. -- Geisterbleich saß er da und stierte in die Ferne. Noch
einmal trat das Leben mit all’ seinen Verlockungen vor seine Seele,
er umarmte in Gedanken das geliebte Weib, er küßte unter strömenden
Thränen das Bild des kleinen Berthold, das er bei sich führte. -- „Ja,
Euch zu Liebe muß es sein!“ rief er endlich in wilder Verzweiflung.
„Der Freund wird Euch schützen, daß Ihr nie das Schreckliche erfahrt,
Ihr sollt mich beweinen, als einen geliebten Todten, den die Erde, --
nicht als einen Verbrecher, den das Zuchthaus birgt.“
Als Stern endlich aufstand, schien er um zehn Jahre gealtert. Er
ging auf sein Schreibpult zu, nahm ein Paket Streichhölzer, deren
Schwefelenden er in eine eigens bereitete Lösung steckte.
„Meine einzige Rettung!“ sagte er seufzend; er griff zur Feder und
schrieb lange, lange; den Brief übergab er selbst der Post; als er
zurückkehrte stand er sinnend an der Thür des Kinderzimmers. Sie sang
so rührend schön: „Bleib’ brav und gut, mein herzig Kind!“ Nein,
er hatte kein Recht, ihre holde Ruhe zu stören. „Wer weiß auch,“
sagte er sich, „ob mir die Kraft bleibt, den Entschluß auszuführen,
nachdem ich sie noch einmal gesehen!“ Festen Schrittes ging er in
sein Arbeitszimmer, das er sorgfältig verschloß; dort stand der
todtbringende Trank.
„Besser leiblich als moralisch todt!“ sagte er sich und trank muthig
den Becher zur Neige! --