Im Stern’schen Hause war Lust und Freude. Die junge Frau erblühte nach
überstandener Krankheit schöner, als sie je gewesen. Allgemein war man
über ihren Zauber und ihre Liebenswürdigkeit erfreut. Täglich holte sie
ihren Gatten von der Börse ab, Abends Punkt 7 Uhr wartete ihr Wagen vor
dem Comptoir, sie schien die Zeit nicht erwarten zu können, daß sie
zusammen waren. Stern wußte erst jetzt, was er an seiner Frau besitze.
War sie bisher kalt und ablehnend gewesen, so schien sie jetzt
die übersprudelnde Herzlichkeit, und selbst die alte Mutter machte
Anstalt, sich mit ihr auszusöhnen. Wer hätte auch ihrem herzgewinnenden
Liebreiz widerstehen können! Leben und Glück waren in die fast leblose
Hülle zurückgekehrt, und das Glück, das sie selbst verschönte, wirkte
beglückend auf ihre Umgebung.
Zum ersten Male wieder seit fast einem Jahre sprach Dr. Caspari in
der Freien Gemeinde. Ungern hatte man auf den Redner, dessen Worte so
mächtig zu zünden pflegten, verzichtet, er war indeß nicht zu bewegen
gewesen, seine Thätigkeit wieder aufzunehmen.
„Ich habe mich selbst verloren!“ sagte er damals zu einem Freunde,
der ihn bat, wieder einmal öffentlich zu sprechen. „Als ich noch
den vollen Glauben an die Menschheit hatte, da konnte ich vor Euch
hintreten und, begeistert wie ich selbst für alles Gute war, Euch auch
mit fortzureißen suchen. -- Heute bin ich ein todter Mensch!“ hatte er
hinzugefügt, „ich könnte Euch doch zu nichts nützen!“
Auch dieser todte Mensch war wieder auferstanden zu neuem thatkräftigen
Leben. Allgemein war nur Eine Stimme: „So wüßte Niemand zu sprechen!“
Alles in seiner Rede war durchgeistigt, belebt von jenem Feuer innerer
Wärme, die mächtiger zündete als je. Der Saal der Freien Gemeinde war
Kopf an Kopf gedrängt voll; die Vorsäle und Zugänge waren überfüllt;
schon eine Stunde vor Beginn waren alle Plätze besetzt. Zwei Stühle
blieben stets in der vordersten Reihe reservirt; eine schöne, junge
Frau, auf den Arm ihres Gatten gestützt, pflegte kurz vor Beginn zu
kommen. Beide folgten, nur ab und zu Blicke des Einverständnisses
wechselnd, dem Vortrage mit gespanntester Aufmerksamkeit. Sie
waren die Ersten, denen Dr. Caspari, nachdem er geendet, die Hand
reichte, obgleich sich begeistert Hunderte an ihn hinandrängten. Von
ihm begleitet, traten sie den Heimweg an; es war eine auserwählte
Gesellschaft, die sich dann allsonntäglich im Stern’schen Salon einte,
Menschen, die sich nicht begnügten, des Lebens Güter nur durchzukosten,
um von Genuß zu Genuß zu eilen, sondern denkende, für alles Hohe
begeisterte, alles Gute thatkräftig unterstützende Menschen. Dr.
Caspari war die Seele des Ganzen, doch sein begeistertster Anhänger
war Jacob Stern geworden. In diesem sonst stets für oberflächlich und
eitel gehaltenen Menschen war eine Wandlung vorgegangen, die ihn kaum
wieder erkennen ließ! War sein Gang sonst gebückt und schlodderig,
so athmete jetzt jede Bewegung Selbstbewußtsein und Muth, das Auge
leuchtete, sein Wort klang überzeugend und herzlich. Die früher von ihm
beliebte leichtfertige Gesellschaft war nach und nach aus seinem Hause
geschwunden; er konnte sich heute selbst nicht eingestehen, wie er Jene
einst seine Freunde genannt. Sein Glück schien keine Grenzen zu kennen,
als ihm, ein Jahr nach Susi’s Genesung, ein Sohn geboren wurde.
Abermals war es ein Zeitungsblatt, das Susi in nicht geringe, doch
diesmal freudige Aufregung versetzte. Zum ersten Male seit ihrer
Niederkunft hatte ihr Gatte heute eine Zeitung auf den Tisch gelegt.
Hastig griff sie danach; sie blätterte vor und rückwärts, bis ihr Auge
starr an einer Stelle haften blieb. Dann faßte sie nach dem Herzen,
doch nicht wie damals schmerzerfüllt, sondern überglücklich und
leuchtenden Auges reichte sie ihrem Gatten die Hand: „Das macht Deinem
guten Herze Ehre!“ sagte sie tief gerührt. „Doch warum theiltest Du mir
nicht mit --“
„Hatte ich Dir nicht durch ein Zeitungsblatt Schmerz bereitet,“
sagte Stern bewegt, „so war ich Dir an selber Stelle einen Ausgleich
schuldig.“
Susi zerdrückte eine Thräne in ihren Augen; sie blickte auf ihr Kind,
ihren kleinen Berthold und sagte: „Möge alles Gute, das Du thust, ihm
zum Segen gereichen!“
„Und Dir zu Freude!“ sagte er, sie zärtlich küssend.
Jene Zeitungsnotiz lautete: „Der hiesige Banquier St. hat, seinem
anerkannten Wohlthätigkeitssinne folgend, aus Anlaß eines freudigen
Familienereignisses, dem hiesigen Armenvereine 10.000 Gulden
überwiesen, deren Zinsen zur Pflege armer Wöchnerinnen verwendet werden
sollen.“
Wieder und wieder las Susi diese wenigen Zeilen: „Sie athmen die Poesie
eines gottgeweihten Herzens!“ sagte sie bewegt.
„Und doch wird es von so Vielen, selbst von der eigenen Mutter für
gottlos gehalten!“ entgegnete Stern mit tiefem Seufzer.
„Guter Mann,“ entgegnete Susi; „Deine Mutter genügt ihrem religiösen
Pflichtgefühl, wenn sie betet und die Gebote der Bibel befolgt, wir,
wenn wir helfen und den Samen des Guten ausstreuen, wo wir können;
unser Söhnchen wird wiederum einst unser Thun vielleicht belächeln;
jede Generation hat ihre Ideale, und wer wahr und aufrichtig strebt,
gut zu sein, verdient, daß man ihn anerkenne.“
Susi’s Mutter trat mit strahlendem Gesichte ein.
„Ich habe mir keine Zeit genommen, mich recht anzukleiden!“ rief
sie überglücklich. „Bist Du es denn wirklich?“ fragte sie ihren
Schwiegersohn, „von dem heute die ganze Stadt spricht!“
Stern war fast verlegen; er hatte nur beabsichtigt, der geliebten Frau
eine Freude, keineswegs sich zum Mittelpunkt des Stadtgespräches zu
machen.
„Nur schade,“ setzte die Mutter nach einer Weile hinzu, „warum hast Du
es nicht für jüdische Arme an die jüdische Gemeinde gewiesen?“
„Da hättest Du schwerlich in meinem Sinne gehandelt!“ sagte Susi
entschieden. „Wenn Jemand in Noth ist, so frage ich ihn nicht, zu
welcher Religion er sich bekennt.“
„Hast Du aber schon gesehen, daß Christen für jüdische Arme testiren?“
fragte die Mutter fast beleidigt.
„Um so mehr ist es Pflicht, liebe Mutter,“ entgegnete Stern, „daß wir
zeigen: Wer helfen will, helfe den Bedürftigen, gleichgiltig ob Jud,
oder Christ, ob Muselmann.“
„Das sind nun wieder Eure freireligiösen Ansichten,“ sagte Frau Cahen;
„nun, ich bin eine alte Frau und kann und mag sie nicht verstehen, aber
das weiß ich, Gott lohnt das Gute bis in’s dritte und vierte Glied und
er wird es Euch an Eurem Kinde lohnen, was Ihr Gutes gethan.“