VI.

Das junge Ehepaar war nach einer zweimonatlichen Reise glücklich

heimgekehrt. Stern’s Mutter, eine im religiösen Vorurtheile alt

gewordene Frau, hatte ihrem Sohne seit drei Jahren den Haushalt

geführt. Sie war damals, als er sich etablirte, nach der Hauptstadt

übersiedelt, hatte ihren Haushalt in Bromberg aufgegeben und so war es

Jacob Stern’s begründeter Wunsch, die Mutter auch in seinem neuen Heim

bei sich zu sehen. Die junge Frau ging gern darauf ein, fühlte jedoch

nur zu bald, daß sie in Frau Nanette keine günstige Beurtheilerin fand.

Diese hatte Jacob’s Wahl nie billigen können; war es doch ihr Wunsch,

daß ihr Sohn eine von jenen Geldprinzessinnen, die ihm wiederholt

angetragen wurden, wähle. Zudem war Susi nicht in ihrer Weise fromm;

wiederholt machte sie der jungen Frau Vorstellungen, wie eine gute

jüdische Hausfrau ihren Haushalt zu führen habe; Susi hatte ihr endlich

offen erklärt, daß sie die veralteten Ceremonien nicht befolgen könne,

da sie gewohnt sei, Nichts zu thun, das sie nicht auch mit ihrem

Gefühl als heilig erfassen könne. Nun zeigte sich Frau Nanette als --

Schwiegermutter.

Sie klagte und jammerte, welch’ ein Unglück über sie und ihren Sohn

gekommen, daß er solch eine Frau, die nichts von Gott und seinen

Geboten wissen wolle, in’s Haus genommen; sie betonte bei jedem

Gespräch, welch’ ein Glück Susi gemacht, daß sie so in Wohlstand und

Reichthum gekommen sei, daß ohne ihres Sohnes Großmuth die Familie

Cahen heute ganz mittellos wäre, und so sehr sich Susi auch, um

keinen offenen Zwist aufkommen zu lassen, bemühte, solche Redensarten

entweder nicht zu hören oder nicht zu beachten, so konnte sie doch

nicht hindern, daß gar bald eine tiefe Verstimmung einriß, die um

so fühlbarer wurde, je mehr sie bemüht war, heiter und glücklich zu

erscheinen.

Die alte Frau kannte bald weiter nichts als Vorwürfe und

Verdächtigungen; sie suchte ihrem Sohne die Meinung beizubringen, Susi

besuche Concerte und Theater, um Aufsehen zu erregen, sie lasse dem

Haushalte der Eltern namhafte Summen zufließen, sie kümmere sich nicht

um ihre Dienerschaft, die sehr Vieles veruntreue, und obgleich Jacob

Stern lange diesen Einflüsterungen Stand hielt, vermochten sie doch

nach und nach seine Zuneigung zu seiner Gattin zu erschüttern.

Wahre, innige Liebe hatte sie ja ohnehin nicht zusammengeführt; es war

nur der Wunsch, sie zu besitzen; jetzt, da dieser Wunsch befriedigt

war, schien Stern’s Leidenschaft gekühlt.

„Du solltest der Mutter wirklich mit mehr Herzlichkeit begegnen!“ sagte

er einst im Tone des Vorwurfs zu seiner Gattin.

„Und ich möchte Dich bitten, Deiner Mutter Vorstellungen zu machen,

daß sie ihre kränkenden Reden, die noch tiefer verletzen, als sie

vielleicht denkt, unterlasse!“

„Du erbitterst die Mutter durch Dein hochmüthiges Wesen!“

„Ich, hochmüthig?“ fragte Susi erstaunt. „Ich antworte nicht, wenn mich

Deine Mutter mit spitzen Redensarten quält, doch nicht aus Hochmuth,

sondern um weitere beleidigende Worte zu verhindern.“

„Ich höre nichts als Klagen, wie unglücklich sich die Mutter fühlt,“

entgegnete Stern. „Sie war sonst stets so froh und heiter; ich kann

Dir den Vorwurf nicht ersparen, daß Du doch nicht den rechten Ton

anschlägst, ihr Herz zu gewinnen.“

In Susi’s Natur lag es nicht, unangenehme Wortgefechte fortzuführen.

Sie ging verstimmt in ihr Zimmer und war während des Tages für

Niemanden zu sprechen. Am Abend hatten sich einige Herren ansagen

lassen, Susi ließ sich entschuldigen, da sie unwohl sei. Dr. Zelt,

einer der zuerst Gekommenen, bedauerte, die junge Frau nicht anwesend

zu treffen.

„Gestehen Sie nur, daß Sie mir eigentlich Ihr Glück verdanken!“ sagte

er, als er mit Stern an dem Spieltisch Platz genommen.

„Mein Glück?“ sagte Stern mit einem Seufzer.

Keiner von Beiden bemerkte, daß die Portière leise gehoben worden; Frau

Susi war im Begriff, trotz ihrer Absage einzutreten, doch, den Seufzer

ihres Mannes hörend, stand sie still und ließ den Vorhang fallen.

„Seien Sie aufrichtig,“ fuhr Dr. Zelt fort, „habe ich nicht den armen

Caspari auf meinem Gewissen. Er trauert noch heute um Susi Cahen und

diese wäre ohne jene geschickt hier eingeschmuggelte Zeitungsnotiz nie

Ihr Weib geworden.“

„Ich bedauere aufrichtig, Zelt, daß ich Sie damals dazu veranlaßte!“

entgegnete Stern, sich mit der Hand die Stirn glättend. „Ein altes

Sprichwort sagt: ‚Gezwungene Liebe thut Gott leid‘!“ setzte er

nachdenkend hinzu.

„Ach, Ihr Beide habt gewiß heute Euer Schmollstündchen!“ sagte Dr. Zelt

lachend. „Wollte ich Ihnen morgen erzählen, Stern, was Sie da heute für

grämliche Aeußerungen gethan, Sie würden mich zum Lügner stempeln.“

„Keineswegs!“ sagte Stern entschieden. „Ich habe mir Susi’s Jawort

durch eine Intrigue erschlichen, und wenn Sie, mein guter Doctor, der

Sie dabei eine Hauptrolle spielten, noch Dank dafür verlangen, so --“

„Ich habe ja nichts gethan, als Ihnen zu Liebe die Nachricht zu

verbreiten gesucht, Caspari sei mit Lucie Eden heimlich verlobt, er

sei ihr nachgereist und dann kam uns noch der famose Rettungsact und

die Zeitungsnotiz zu Hilfe!“ unterbrach Dr. Zelt.

„Hätten Sie diese lieber damals nicht gebracht!“ setzte Stern

gedankenvoll hinzu. „Am Tage darauf hatte ich Susi’s Jawort, und,

daß ich es Ihnen, dem langjährigen Freunde, gestehe, -- ich fürchte,

es bringt mir kein Glück. -- Meine Mutter ist seit dem Tage unserer

Rückkehr niedergeschlagen und stimmt durchaus nicht mit meiner Frau

überein. Susi gibt sich keine Mühe, die Liebe der alten, herzensguten

Frau zu erwerben und -- ich sage mir -- erfährt sie gar, und ich

fürchte es täglich, da sie die früheren Beziehungen zu Marie Caspari

wieder aufgenommen, daß der Liebesgeschichte mit Lucie Eden nie etwas

Wahres zu Grunde gelegen, ja daß sie von uns in die Welt gesetzt wurde

-- es ist für immer mit uns aus.“

„Sie hätten auch die Annäherung an Frln. Caspari verhüten können!“

meinte Dr. Zelt. „Auch mir wäre eine Entschleierung des Sachverhalts

sehr fatal.“

Keiner von Beiden bemerkte den leisen Aufschrei, der von der Portière

hervordrang. Die Zofe kam bald mit der Meldung, die gnädige Frau sei

ohnmächtig an der Thüre ihres Zimmers gefunden worden; sie hatte

sich eben angekleidet, um in das Gesellschaftszimmer zu kommen. Der

herbeigerufene Arzt constatirte einen Anfall von Schwäche; er wollte

in einer Stunde wieder vorsprechen. Als er zum zweitenmale kam,

fand er Susi in heftigem Fieber. Es befremdete ihn, Stern noch im

Gesellschaftszimmer zu finden; er ließ ihn rufen und empfahl größte

Schonung, da die gelindeste Aufregung bei dem Zustande gefährlich

werden könnte.

Kopfschüttelnd verließ Dr. Senter das Haus. „Ist das das Glück der

Reichen?“ sagte er gedankenvoll. „Die junge reizende Frau in diesem

Zustande der Pflege der Zofe überlassen und der Mann mit nichtsnutzigen

Cameraden am Spieltische! O armer Freund!“ setzte er hinzu, an Berthold

Caspari denkend, „wie glücklich wäret ihr Beiden geworden, wenn Dich

der leidige Mammon nicht geblendet hätte.“

Susi wußte, daß Dr. Senter ein Freund dessen sei, dem sie, ohne

es zu ahnen, so bitteres Leid zugefügt. Ihr einziger Wunsch war,

Klarheit in ihrem Denken zu behalten, um Dr. Senter in’s Vertrauen

ziehen zu können. Sie fühlte, daß ihre Sinne sich in den heftigen

Fieberphantasien verwirrten. „O Gott, nimm mich nicht fort von dieser

Erde,“ jammerte sie, „ehe ich ihn, den edelsten, besten Menschen, mir

versöhnt habe!“ Doch immer wilder tanzten die bunten Gestalten vor

ihren Augen, ihr Kopf glühte, sie sprach von Himmel und Hölle, von

Verbrechen, die sie nie sühnen könne, dann zogen wieder freundlichere

Bilder in ihrem Sinne vorüber; sie lebte in einem kleinen Gartenhause

mit der trauten Freundin; er, der Geliebte, kam, sie flog an seinen

Hals, er küßte sie -- er sprach so schön, so bezaubernd, doch plötzlich

wich das milde Lächeln, das soeben ihre Züge verklärt hatte, einer

schrecklichen Verzerrung; die Schwiegermutter war gekommen, sie den

Armen des Geliebten zu entreißen, sie heimzuführen in das goldene

Gefängniß, dem sie glücklich entronnen.

Was dachten die Umstehenden bei diesen Fieberphantasien? Stern

entfernte jede fremde Person; er wollte mit der Mutter allein die Nacht

über wachen.

Mit Morgenanbruch erschien der Arzt. „Ein Nervenfieber!“ sagte er kurz.

„Es scheint eine heftige Aufregung vorangegangen?“ setzte er fragend

hinzu.

Stern wurde bleich. Jetzt wohl ahnte er, daß Susi vielleicht seine

Unterhaltung mit Dr. Zelt belauscht haben konnte; er wähnte sie oben

in ihren Zimmern und sie war, vermuthlich, um ihn zu überraschen, doch

heruntergekommen und willen- und ahnungslos Zeugin der Unterredung mit

dem Freunde geworden.

Er hatte seine Ehe unglücklich genannt, von erzwungener Liebe, von der

erfundenen Zeitungsnachricht gesprochen; welch’ schauerliche Klarheit

mußte dadurch der ahnungslosen Frau geworden sein?

Susi’s Zustand war in hohem Grade besorgnißerregend. Sie fühlte in

lichten Augenblicken, daß ihre Kräfte abnahmen, und bat die Mutter,

falls sie nicht am Leben bleibe, Berthold Caspari an Dr. Zelt zu

verweisen, der ihm eine Erklärung nicht verweigern werde, daß ihm ihr

Andenken heilig bleibe.

„Du wirst leben, mein gutes Kind!“ beruhigte dann die Mutter; „Du wirst

noch glücklich werden und an Deine Krankheit wie an einen bösen Traum

zurückdenken!“

Susi schüttelte traurig das Haupt. Gern hätte sie sich ausgesprochen,

nur hatte der Arzt jede Aufregung untersagt. Ihr Gatte war jetzt

theilnehmend und herzlich, doch athmete sie jedesmal erleichtert auf,

wenn er das Zimmer verlassen; oft wollte sie die Bitte aussprechen,

man möge ihn nicht vorlassen, aber wie sollte sie dieselbe motiviren?

Sie sehnte sich, Marie Caspari zu sprechen, doch der Arzt hatte jeden

Besuch verboten. So war Susi wochenlang von jedem Verkehr abgesperrt,

allein mit den quälendsten Gedanken, schwach und hilflos, denn die

Reconvalescenz ging langsam von Statten. Sie saß in der That, wie sie

es oft in ihren Fieberphantasien genannt, in einem goldenen Gefängniß!

Ihr Gemal hatte, als sie das Bett verlassen durfte, Tag und Nacht

an einem Gartenpavillon arbeiten lassen, der in dem geräumigen, an

das Wohnhaus grenzenden Park eiligst errichtet werden sollte. Nach

acht Tagen war er fertig, mit allem denkbaren Luxus und Comfort

ausgestattet. Der Arzt hatte endlich den ersten Spaziergang erlaubt.

Nur widerstrebend nahm Susi den Arm ihres Gatten, da sie sich zu

schwach fühlte, um allein gehen zu können. „Du wirst Dich noch mit mir

aussöhnen, Susi,“ sagte er bedeutungsvoll.

„Glaubst Du wirklich, daß mich jener verschwenderische Luxus erfreut?“

fragte Susi, als sie das goldgezierte Dach des Pavillons sah.

„Du wirst liebe Freunde dort treffen, Susi, wirst sie täglich sehen und

in ihrem Umgang gesunden!“ sagte Stern.

„Ach, mein Herz hat kein Gefühl mehr für die Freundschaft!“ hauchte sie

schmerzlich; „Du weißt, jeder Verkehr ist mir lästig, falls Besuch dort

ist, komm’ laß uns umkehren!“

„Fühlst Du Dich stark genug, Susi, eine unverhoffte Freude zu kosten?“

fragte Stern.

„Ah, ich ahne, Du hast gewiß Marie Caspari geladen!“ sagte Susi

leuchtenden Auges.

„Sie und noch Jemanden, Susi, an dem ich großes Unrecht begangen!“

entgegnete ihr Gatte.

„Das, das hättest Du gethan?“ rief Susi hochbeglückt. „O, dann sei Dir

Alles verziehen!“ setzte sie schnell hinzu. „Ja, ich fühle mich stark

und neubelebt;“ sie legte ihren Arm fest und innig in den seinen; es

war ihm, als führte er nicht mehr die kranke, schmachtende Susi,

sondern ein glückliches, freudestrahlendes Weib.

Jetzt hatten sie die Vorhalle des Pavillons erreicht; es war das

erstemal, daß Susi ihren Gatten aus eigenem Antriebe küßte. Sie schloß

ihn innig in ihre Arme und hauchte hochbeglückt: „Tausend, tausend

Dank, daß Du in dieser Weise Alles gut machen willst!“

Die Flügelthüren öffneten sich; ein bleicher, hoher Mann mit

eingefallenem Gesicht, das von schwarzem Vollbart umrahmt war, stand

vor ihr. Sie reichten einander stumm die Hand, doch Marie fiel der

Freundin zärtlich um den Hals und weinte Thränen reinsten Glücks.

Susi ließ sich erschöpft auf einen Sessel nieder.

„Es ist doch gut, daß Du mich vorbereitet hast“, sagte sie zu ihrem

Gatten; „ich glaube, die Freude hätte mich getödtet.“

„Es war mein specieller Wunsch!“ sagte Caspari endlich; „Sie sind noch

Reconvalescentin und bedürfen der Schonung.“

„O, nun nicht mehr!“ rief Susi hochaufathmend; „in dieser Luft, unter

so guten, treuen Menschen bin ich plötzlich gesund und stark worden.

Doch verzeih’,“ wandte sie sich an ihren Gatten, „ich wollte Dich nicht

kränken! Auch Du bist gut, das fühle ich heute erst recht deutlich;

aber die geistige Atmosphäre --“

„Nun will ich doch einmal nachsehen, wie die Parforce-Cur bekommen!“

unterbrach der plötzlich eintretende Dr. Senter.

„Ah, Sie sind ein guter Menschenkenner!“ sagte Susi, ihm herzlich die

Hand reichend.

„Ja, Ihr wäret ja alle drei für Gott und Ewigkeit verlorene Menschen

gewesen,“ entgegnete Dr. Senter, „wenn ich als Arzt nicht die passende

Medicin gefunden hätte! Frau Susi gemüthsleidend, weil sie eine

Horcherin gespielt (setzte er mit dem Finger drohend hinzu), Dr.

Caspari verzweifelt, weil er in falscher Großmuth auf die Geliebte

verzichtet, und nun gar mein herzensbraver Stern, der fast tiefsinnig

werden will, daß er sich vor einem Jahre in verliebter Laune -- eine --

wie soll ich sagen -- eine Zeitungsspeculation erlaubte.“ Ueber Stern’s

Gesicht flog ein tiefer Schatten.

„Susi,“ sagte er bittend zu seiner Frau, „der beste aller Menschen hat

mir verziehen, sag’ auch Du --“

„Du hast Dein Unrecht in einer Weise ausgeglichen,“ unterbrach Susi,

ihm herzlich die Hand reichend, „die Dir meine vollkommene Hochachtung

sichert. Ich bin Dein angetrautes Weib und will Dir jetzt ewig treu

und dankbar sein, da Du mir die Freunde, an denen mein Leben hing,

zurückgegeben. Ohne sie, das sagte ich mir oft in meiner Krankheit,

wäre mir das Leben eine unsagbare Last gewesen, der ich hätte erliegen

müssen.“

Dr. Caspari war noch keines Wortes mächtig. Endlich dicht vor Susi

hintretend, sagte er mit bewegter Stimme: „Und Sie, Susi, in deren

Herzen jedes Gefühl des meinigen ein volltönendes Echo fand, Sie

konnten wirklich glauben, daß eine Geldheirath --“

„Herr Philosoph!“ unterbrach Dr. Senter, „solche Discussionen

vertagen Sie gefälligst auf einige Wochen später; Frau Stern ist noch

Reconvalescentin, ich fürchte, wir haben ihr schon zu viel zugemuthet.“

„Nein, guter Doctor,“ sagte Susi, ihm herzlich beide Hände

entgegenstreckend, „ich wäre nie gesund und froh geworden, wenn

sich nicht Alles so gefügt hätte. Eine Frau kann ihren Gatten eines

Fehltrittes zeihen, doch sie kann ihm verzeihen, wenn sie weiß, daß er

Edelmuth genug besitzt, denselben gut zu machen. Ich weiß,“ sagte sie,

sich an Stern wendend, „es ist Dir nicht leicht worden, unserem Freunde

einzugestehen, wie Du ihn --“

„Hintergangen,“ ergänzte Stern, als Susi zauderte, das Wort

auszusprechen. „Ja,“ fügte er hinzu, „es war der schwerste Gang meines

Lebens; ich bekannte ihm Alles und wäre gerne bereit gewesen, ihm

ein Leben, das mir, da ihm die Selbstachtung fehlte, lästig war, zur

Verfügung zu stellen. Ehe ich den Gang zu ihm antrat, waren meine

Pistolen geladen.“

„Aber er, der beste der Menschen,“ fuhr Stern mit einer an ihm sonst

ungekannten Begeisterung fort, „er reichte mir, nachdem er lange

nachgedacht, gerührt die Hand. ‚Ich danke Ihnen, daß Sie mir den

Glauben an die Menschheit wiedergegeben!‘ sagte er unter Thränen; wie

Alles gekommen und kommen mußte, ist eine Fügung des Himmels, doch, daß

Sie den schweren Kampf, sich selbst zu besiegen, durchgeführt und jetzt

reumüthig Ihre Schuld eingestehen, um wieder als freier Mann aufathmen

zu können, beweist mir, daß Susi sich nicht, wie Sie behaupten, einem

Unwürdigen vermählt hat. Ich war ehedem der Freund, der Bruder, der

Lehrer und Berather Ihrer Gattin!“ setzte er nach einer Weile stillen

Nachdenkens hinzu; „setzen Sie mich wieder in meine alten Rechte ein!

Wir stehen Alle auf der Stufe einer Sittlichkeit, daß Niemand von uns

bei einem noch so trauten Verkehr etwas gefährdete!“

„Das war Ihrer würdig gedacht!“ entgegnete die junge Frau. „Ja, bleiben

Sie unser Aller Freund und verzeihen Sie meinem Gatten und auch --

meinen Eltern,“ setzte sie schmerzlich bewegt hinzu, „daß Ihnen so

tiefes Herzeleid bereitet worden!“

„Ich klage Niemanden an als mich selbst!“ entgegnete Dr. Caspari tief

bewegt. „Ein Jeder ist seines Glückes Schmied und wer zu rechter Zeit

und mit rechter Energie in die Schicksalsräder eingreift, gestaltet

sich sein Leben glücklich. Ich war ein Träumer, wo ich hätte handeln

sollen --“

„Quäle Dich nicht mit Selbstanklagen!“ unterbrach Marie. „Ich bin so

froh und glücklich, daß wir unsere Susi wieder haben, daß ich gar nicht

zurückdenken mag, daß wir Sie verloren glaubten.“

„Du gute Seele!“ sagte Susi, die Freundin herzlich umarmend. „O, wie

ist die Welt so schön, wenn wir uns von lauter guten Menschen umgeben

wissen!“ setzte sie unter Thränen lächelnd hinzu.

Lebensbilder · 第 18 / 23 题