Dr. Caspari war der gefeierte Held der Badegesellschaft in Ostende. Er
war hierher gekommen, um Ruhe und Vergessenheit zu finden, und blieb
nach jenem Rettungsact nicht einen Augenblick Herr seiner selbst. Man
beglückwünschte ihn wegen der edlen That, wegen der reichen Braut,
denn Niemand zweifelte daran, daß die Beiden längst in intimster
Beziehung gestanden, obschon man leicht hätte ergründen können, daß
ein nichtsnutziger Reporter die Parole ausgegeben. Berthold dachte
zuerst daran, das Gerücht zu widerrufen, doch war er zu sehr mit sich
beschäftigt, um einer oberflächlichen Plauderei im Kreise der Badegäste
Werth beizulegen, auch war er weit entfernt, zu ahnen, daß jenes Gerede
sich bis nach seiner Vaterstadt verpflanzen werde. Er wollte ohnehin
in der nächsten Woche abreisen, da er die erhoffte Ruhe nicht finden
konnte. Schon waren seine Sachen am bestimmtem Tage gepackt, er hatte
nur noch einen Weg zur Post, um einen Brief von der Mutter in Empfang
zu nehmen, und wollte dann die Rückfahrt antreten.
Wie gebannt stand er, als er das Schreiben überflogen.
„Mein theurer Sohn!
Du klagst, daß es Dir nicht gelingen will, daran zu glauben, daß
Du Susi aufgeben müssest. Es schmerzt mich tief, wenn ich Dich von
einer Seelenkrankheit reden höre -- vielleicht kann ich Dir die beste
Medicin gegen dieselbe geben. Die, die Du nicht vergessen zu können
glaubst, hat Dich bereits vergessen und ist die Braut des Banquiers
Jacob Stern. Gestern wurde die Verlobung proclamirt. Ich weiß,
theurer Sohn, die Nachricht thut Deinem edlen Herzen bitter wehe und
Deiner Mutter ist es eine harte Aufgabe, sie Dir zu senden, doch ich
weiß auch, sie wird Dir zur Genesung verhelfen. -- Ich frage mich
selbst oft: ‚Wie konnten wir uns Alle so in Susi täuschen?‘ Doch,
ich will Dir das ohnehin gepreßte Herz nicht noch mehr beschweren
u. s. w. --“
Berthold stand wie vernichtet. Da unten wogte und brauste das Meer; es
war todtenstill gegen die Sturmfluth in seinem Inneren.
„Arme, arme Susi!“ rief er endlich voll unendlichen Schmerzes; „Du
warst eine der edelsten Blumen Deines Geschlechtes, zu allem Hohen
befähigt, Du sollst an der Seite dieses Menschen verdorren!“
„Ha!“ rief er endlich, sich mit geballten Fäusten die Stirn schlagend,
„warum war ich Feigling genug, ohne Erklärung von ihr zu gehen! Ja,
ich fühle es, ich habe diese Seele auf meinem Gewissen! Ich hätte sie
retten können, sie und -- mich!“ Erschöpft setzte er sich auf einer
Düne nieder und begrub den Kopf in beiden Händen. Unten promenirte die
lustige Badegesellschaft.
„Dr. Caspari dort?“ fragte eine Dame, mit dem Finger nach ihm weisend.
„Er scheint ja ganz in Schmerz zerflossen!“ entgegnete Dr. Berg, der
Badearzt.
„Es sieht auch traurig um Frl. E. aus. Ich glaube kaum, daß sie den
heutigen Tag überlebt!“
„Der arme, junge Mann!“ entgegnete eine andere Dame, „trotz seiner
Selbstaufopferung soll er nun doch auf die Geliebte verzichten müssen!“
„Ich bewundere nur, daß man sie so selten zusammen sah!“ erwiderte Dr.
Berg.
„Die Sache sollte noch geheim bleiben!“ sagte die Alles wissende Frau
Z., die Chronik des Bades, mit Wichtigkeit. „Ich weiß es von Frau Eden
selbst, daß Dr. Caspari mehrmals um Lucie angehalten und ihr nun, da er
keine entscheidende Antwort vom Papa erhalten, hierher nachgereist sei.“
So erging man sich in allerhand halb projectirten, halb für
gewiß ausgegebenen Reden, während der einsame Mann da oben bald
in wildem Schmerze zu vergehen schien, bald an seiner eigenen
Zurechnungsfähigkeit zweifelte.
An die Abreise mochte er heute nicht denken. Die Rückkehr in die sonst
so geliebte Vaterstadt war ihm verhaßt. -- Er mußte ihr und auch ihm,
dem sie nun für’s ganze Leben angehören sollte, täglich begegnen, da
man sich in den gleichen Gesellschaftskreisen bewegte. Ja, er mußte ihr
wohl noch gar gratuliren, sobald er sie sah; -- war er doch wohl unter
allen Menschen Derjenige, der ihr das denkbar höchste Glück wünschte.
„Nein,“ rief er, aus seinen Träumereien erwachend; „nur keine Heuchelei
aus Etiquette. Ich muß sie meiden mein Lebtag, sie und Alle,“ setzte er
mit schwerem Seufzer hinzu.
Nach einigen Tagen fühlte sich Dr. Caspari so weit gekräftigt, daß er
die Rückreise antreten konnte. Als ein müder, gebrochener Mann kehrte
er in die Heimat zurück.
Er wurde von Bekannten mit Fragen nach Lucie Eden bestürmt; jetzt
erst fiel ihm ein, daß er, ohne Abschied von der Familie zu nehmen,
abgereist sei. Er sagte dies offen, man brachte es mit der Trauer, die
sein ganzes Wesen erfüllte, mit jener Zeitungsnachricht in Verbindung,
und bald stand die Thatsache fest, Dr. Caspari sei trotz seiner
heldenmüthigen Aufopferung abgewiesen worden. Man sah ihn wenig im
Kreise seiner Bekannten, und wo er sich zeigte, war er schweigsam und
in sich gekehrt. Bald legte man dieser auffallenden Veränderung des
sonst als überaus liebenswürdig und geistreich gerühmten Mannes eine
andere Version bei. Lucie Eden war nach acht Tagen in Folge einer
eingetretenen Gehirnentzündung gestorben. Man drückte ihm mitleidig und
theilnehmend die Hand und schien seinen Schmerz zu ehren.
Berthold war in demselben zu sehr befangen, um den stillen Beweisen von
Theilnahme, die ihm wurden, die rechte Deutung zu geben. Er erfüllte
seine Berufsgeschäfte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und war im
Uebrigen für die Welt abgestorben.
So hatte er auch Susi nicht wiedergesehen; die Hochzeit sollte schon in
einigen Wochen stattfinden; das junge Paar wollte den Winter in Italien
zubringen. Das klang Alles ungemein beneidenswerth, doch wer zählt
die Thränen, die die arme, reiche Braut in einsamen Stunden weinte!
Noch mehr als des eigenen Unglücks, dem sie wissentlich entgegen ging,
schmerzte es sie, zu hören, wie Dr. Caspari seit Lucie Eden’s Tode ein
gebrochener Mann sei.
„Also, hat er sie wirklich geliebt?“ fragte sie sich kopfschüttelnd. --
Als sie sich noch sagen durfte, daß Dr. Caspari sie, das arme Mädchen,
aufgegeben, um eine Geldheirat zu machen, fand sie in dieser Gewißheit
einen, wenngleich traurigen Trost.
Berthold’s Trauer, die von ihr wie von Allen mißdeutet wurde,
schien ihr auch diese so liebe Gewißheit zu nehmen; Susi kam sich
unsäglich elend und unglücklich vor. Die überreichen Geschenke, die
glänzende Ausstattung ihrer neuen Wohnung vermochten ihr keine andere
Sinnesrichtung zu geben. Schon seit Wochen arbeiteten Handwerker und
Künstler in der neuen Villa, die Stern dem verschuldeten Grafen Hotz
abgekauft; die Möbel waren aus Paris bestellt -- nichts sollte gespart
werden, um das neue Heim so elegant als möglich zu gestalten. Wohl
sagte sich Susi, daß es Alles zu werden versprach, nur kein Heim für
Diejenige, die sich nach Ruhe und Einfachheit sehnte.
Zwar begegnete sie ihrem Verlobten herzlich und vertrauungsvoll, doch
dem Auge und Gefühl Derjenigen, die Susi’s angeborene Leutseligkeit
kannten, blieb das Gezwungene ihres Benehmens nicht verborgen. Sie sah
blaß und leidend aus; die Mutter meinte, der stete Gesellschaftstroubel
strenge sie an, eine Einladung jage die andere; der Bräutigam mochte,
obgleich Susi häufig bat, keine refüsiren; er war so stolz, seine Braut
überall bewundert und gefeiert zu sehen!
Der Hochzeitstag nahte heran. Auf Susi’s ausdrücklichen Wunsch war
jede Festlichkeit vermieden. Nach der Trauung waren die Familie und
die nächsten Freunde zu einem Mahle versammelt, nach welchem die
Neuvermählten ihre Hochzeitsreise antraten. Susi’s Eltern fürchteten
die Abschiedsstunde, die junge Frau blieb auffallend ruhig; nicht eine
Thräne netzte ihr Auge. Wußte sie, daß sie den Eltern ein größeres
Opfer brachte, als diese ein Recht hatten, von ihr zu fordern? War
dadurch Dankbarkeit und kindliche Liebe, die sie sonst ihren Eltern in
so reichem Maße zollte, gelöscht?
Der junge Ehemann schien in Allem befriedigt, es dämmerte kaum in ihm
die Idee, daß Susi bei ihrem ehedem leidenschaftlichen Naturell, ihrer
glühenden Begeisterung für Alles, was sie mit ihrem Herzen erfaßte,
in diesem Stadium eine Andere hätte sein müssen. Er kannte ja auch
Susi’s Denken und Fühlen zu wenig, bemühte sich auch kaum, in dasselbe
einzudringen; er war beglückt, daß sie seine Geschenke annehme, seine
Plaudereien über Börsenoperationen, Course, Wettrennen, Theater etc.
mit Geduld anhörte und sich neben ihm öffentlich und in Gesellschaften
zeigte. Sah er alle Augen mit Bewunderung auf sie gerichtet, so war er
zufrieden und meinte, er hätte keine bessere Wahl treffen können.
So sah Susi den schönsten Theil Süddeutschlands, die Schweiz und
Italien.
In ihrem kühnsten Traume hätte sie kaum gewagt, sich das Glück
auszumalen, in diesen Wunderhallen der Natur und Kunst je wandeln zu
dürfen. Wo war heute der Schwung, die ideale Begeisterung, mit der sie
sich sonst dem einfachsten Naturgenusse hingegeben?
Ja ehedem, da flossen ihr die Worte wie Perlen von den Lippen, blickte
das Auge von einer Anhöhe hinunter in das blühende Thal, in schattige
Gründe. Die Poesie des Herzens fand ihren Ausdruck in blühender,
ergreifender Redeweise. Heute saß sie gedankenvoll, den Kopf in die
Hand gestützt, und schaute hinaus in die ungleich schönere Natur des
Südens, doch -- Alles ließ sie kalt; sie sah, doch nichts kam ihr zum
Bewußtsein; das Auge empfing all die Reize, ohne sie in den Spiegel der
Seele zurückzustrahlen.
„Du hast Heimweh, Kind!“ pflegte dann ihr Gatte zu sagen, wenn er sie
schwermüthig und interesselos an den herrlichsten Wunderwerken der
Natur und Kunst vorüberschreiten sah.
„Ich werde mich bemühen, heiter zu sein!“ beruhigte sie ihn, und Stern
glaubte die beste, fügsamste Gattin zu besitzen, die seine Wünsche,
noch ehe sie ausgesprochen waren, zu erfüllen suchte.