V.

Dr. Caspari war der gefeierte Held der Badegesellschaft in Ostende. Er

war hierher gekommen, um Ruhe und Vergessenheit zu finden, und blieb

nach jenem Rettungsact nicht einen Augenblick Herr seiner selbst. Man

beglückwünschte ihn wegen der edlen That, wegen der reichen Braut,

denn Niemand zweifelte daran, daß die Beiden längst in intimster

Beziehung gestanden, obschon man leicht hätte ergründen können, daß

ein nichtsnutziger Reporter die Parole ausgegeben. Berthold dachte

zuerst daran, das Gerücht zu widerrufen, doch war er zu sehr mit sich

beschäftigt, um einer oberflächlichen Plauderei im Kreise der Badegäste

Werth beizulegen, auch war er weit entfernt, zu ahnen, daß jenes Gerede

sich bis nach seiner Vaterstadt verpflanzen werde. Er wollte ohnehin

in der nächsten Woche abreisen, da er die erhoffte Ruhe nicht finden

konnte. Schon waren seine Sachen am bestimmtem Tage gepackt, er hatte

nur noch einen Weg zur Post, um einen Brief von der Mutter in Empfang

zu nehmen, und wollte dann die Rückfahrt antreten.

Wie gebannt stand er, als er das Schreiben überflogen.

„Mein theurer Sohn!

Du klagst, daß es Dir nicht gelingen will, daran zu glauben, daß

Du Susi aufgeben müssest. Es schmerzt mich tief, wenn ich Dich von

einer Seelenkrankheit reden höre -- vielleicht kann ich Dir die beste

Medicin gegen dieselbe geben. Die, die Du nicht vergessen zu können

glaubst, hat Dich bereits vergessen und ist die Braut des Banquiers

Jacob Stern. Gestern wurde die Verlobung proclamirt. Ich weiß,

theurer Sohn, die Nachricht thut Deinem edlen Herzen bitter wehe und

Deiner Mutter ist es eine harte Aufgabe, sie Dir zu senden, doch ich

weiß auch, sie wird Dir zur Genesung verhelfen. -- Ich frage mich

selbst oft: ‚Wie konnten wir uns Alle so in Susi täuschen?‘ Doch,

ich will Dir das ohnehin gepreßte Herz nicht noch mehr beschweren

u. s. w. --“

Berthold stand wie vernichtet. Da unten wogte und brauste das Meer; es

war todtenstill gegen die Sturmfluth in seinem Inneren.

„Arme, arme Susi!“ rief er endlich voll unendlichen Schmerzes; „Du

warst eine der edelsten Blumen Deines Geschlechtes, zu allem Hohen

befähigt, Du sollst an der Seite dieses Menschen verdorren!“

„Ha!“ rief er endlich, sich mit geballten Fäusten die Stirn schlagend,

„warum war ich Feigling genug, ohne Erklärung von ihr zu gehen! Ja,

ich fühle es, ich habe diese Seele auf meinem Gewissen! Ich hätte sie

retten können, sie und -- mich!“ Erschöpft setzte er sich auf einer

Düne nieder und begrub den Kopf in beiden Händen. Unten promenirte die

lustige Badegesellschaft.

„Dr. Caspari dort?“ fragte eine Dame, mit dem Finger nach ihm weisend.

„Er scheint ja ganz in Schmerz zerflossen!“ entgegnete Dr. Berg, der

Badearzt.

„Es sieht auch traurig um Frl. E. aus. Ich glaube kaum, daß sie den

heutigen Tag überlebt!“

„Der arme, junge Mann!“ entgegnete eine andere Dame, „trotz seiner

Selbstaufopferung soll er nun doch auf die Geliebte verzichten müssen!“

„Ich bewundere nur, daß man sie so selten zusammen sah!“ erwiderte Dr.

Berg.

„Die Sache sollte noch geheim bleiben!“ sagte die Alles wissende Frau

Z., die Chronik des Bades, mit Wichtigkeit. „Ich weiß es von Frau Eden

selbst, daß Dr. Caspari mehrmals um Lucie angehalten und ihr nun, da er

keine entscheidende Antwort vom Papa erhalten, hierher nachgereist sei.“

So erging man sich in allerhand halb projectirten, halb für

gewiß ausgegebenen Reden, während der einsame Mann da oben bald

in wildem Schmerze zu vergehen schien, bald an seiner eigenen

Zurechnungsfähigkeit zweifelte.

An die Abreise mochte er heute nicht denken. Die Rückkehr in die sonst

so geliebte Vaterstadt war ihm verhaßt. -- Er mußte ihr und auch ihm,

dem sie nun für’s ganze Leben angehören sollte, täglich begegnen, da

man sich in den gleichen Gesellschaftskreisen bewegte. Ja, er mußte ihr

wohl noch gar gratuliren, sobald er sie sah; -- war er doch wohl unter

allen Menschen Derjenige, der ihr das denkbar höchste Glück wünschte.

„Nein,“ rief er, aus seinen Träumereien erwachend; „nur keine Heuchelei

aus Etiquette. Ich muß sie meiden mein Lebtag, sie und Alle,“ setzte er

mit schwerem Seufzer hinzu.

Nach einigen Tagen fühlte sich Dr. Caspari so weit gekräftigt, daß er

die Rückreise antreten konnte. Als ein müder, gebrochener Mann kehrte

er in die Heimat zurück.

Er wurde von Bekannten mit Fragen nach Lucie Eden bestürmt; jetzt

erst fiel ihm ein, daß er, ohne Abschied von der Familie zu nehmen,

abgereist sei. Er sagte dies offen, man brachte es mit der Trauer, die

sein ganzes Wesen erfüllte, mit jener Zeitungsnachricht in Verbindung,

und bald stand die Thatsache fest, Dr. Caspari sei trotz seiner

heldenmüthigen Aufopferung abgewiesen worden. Man sah ihn wenig im

Kreise seiner Bekannten, und wo er sich zeigte, war er schweigsam und

in sich gekehrt. Bald legte man dieser auffallenden Veränderung des

sonst als überaus liebenswürdig und geistreich gerühmten Mannes eine

andere Version bei. Lucie Eden war nach acht Tagen in Folge einer

eingetretenen Gehirnentzündung gestorben. Man drückte ihm mitleidig und

theilnehmend die Hand und schien seinen Schmerz zu ehren.

Berthold war in demselben zu sehr befangen, um den stillen Beweisen von

Theilnahme, die ihm wurden, die rechte Deutung zu geben. Er erfüllte

seine Berufsgeschäfte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und war im

Uebrigen für die Welt abgestorben.

So hatte er auch Susi nicht wiedergesehen; die Hochzeit sollte schon in

einigen Wochen stattfinden; das junge Paar wollte den Winter in Italien

zubringen. Das klang Alles ungemein beneidenswerth, doch wer zählt

die Thränen, die die arme, reiche Braut in einsamen Stunden weinte!

Noch mehr als des eigenen Unglücks, dem sie wissentlich entgegen ging,

schmerzte es sie, zu hören, wie Dr. Caspari seit Lucie Eden’s Tode ein

gebrochener Mann sei.

„Also, hat er sie wirklich geliebt?“ fragte sie sich kopfschüttelnd. --

Als sie sich noch sagen durfte, daß Dr. Caspari sie, das arme Mädchen,

aufgegeben, um eine Geldheirat zu machen, fand sie in dieser Gewißheit

einen, wenngleich traurigen Trost.

Berthold’s Trauer, die von ihr wie von Allen mißdeutet wurde,

schien ihr auch diese so liebe Gewißheit zu nehmen; Susi kam sich

unsäglich elend und unglücklich vor. Die überreichen Geschenke, die

glänzende Ausstattung ihrer neuen Wohnung vermochten ihr keine andere

Sinnesrichtung zu geben. Schon seit Wochen arbeiteten Handwerker und

Künstler in der neuen Villa, die Stern dem verschuldeten Grafen Hotz

abgekauft; die Möbel waren aus Paris bestellt -- nichts sollte gespart

werden, um das neue Heim so elegant als möglich zu gestalten. Wohl

sagte sich Susi, daß es Alles zu werden versprach, nur kein Heim für

Diejenige, die sich nach Ruhe und Einfachheit sehnte.

Zwar begegnete sie ihrem Verlobten herzlich und vertrauungsvoll, doch

dem Auge und Gefühl Derjenigen, die Susi’s angeborene Leutseligkeit

kannten, blieb das Gezwungene ihres Benehmens nicht verborgen. Sie sah

blaß und leidend aus; die Mutter meinte, der stete Gesellschaftstroubel

strenge sie an, eine Einladung jage die andere; der Bräutigam mochte,

obgleich Susi häufig bat, keine refüsiren; er war so stolz, seine Braut

überall bewundert und gefeiert zu sehen!

Der Hochzeitstag nahte heran. Auf Susi’s ausdrücklichen Wunsch war

jede Festlichkeit vermieden. Nach der Trauung waren die Familie und

die nächsten Freunde zu einem Mahle versammelt, nach welchem die

Neuvermählten ihre Hochzeitsreise antraten. Susi’s Eltern fürchteten

die Abschiedsstunde, die junge Frau blieb auffallend ruhig; nicht eine

Thräne netzte ihr Auge. Wußte sie, daß sie den Eltern ein größeres

Opfer brachte, als diese ein Recht hatten, von ihr zu fordern? War

dadurch Dankbarkeit und kindliche Liebe, die sie sonst ihren Eltern in

so reichem Maße zollte, gelöscht?

Der junge Ehemann schien in Allem befriedigt, es dämmerte kaum in ihm

die Idee, daß Susi bei ihrem ehedem leidenschaftlichen Naturell, ihrer

glühenden Begeisterung für Alles, was sie mit ihrem Herzen erfaßte,

in diesem Stadium eine Andere hätte sein müssen. Er kannte ja auch

Susi’s Denken und Fühlen zu wenig, bemühte sich auch kaum, in dasselbe

einzudringen; er war beglückt, daß sie seine Geschenke annehme, seine

Plaudereien über Börsenoperationen, Course, Wettrennen, Theater etc.

mit Geduld anhörte und sich neben ihm öffentlich und in Gesellschaften

zeigte. Sah er alle Augen mit Bewunderung auf sie gerichtet, so war er

zufrieden und meinte, er hätte keine bessere Wahl treffen können.

So sah Susi den schönsten Theil Süddeutschlands, die Schweiz und

Italien.

In ihrem kühnsten Traume hätte sie kaum gewagt, sich das Glück

auszumalen, in diesen Wunderhallen der Natur und Kunst je wandeln zu

dürfen. Wo war heute der Schwung, die ideale Begeisterung, mit der sie

sich sonst dem einfachsten Naturgenusse hingegeben?

Ja ehedem, da flossen ihr die Worte wie Perlen von den Lippen, blickte

das Auge von einer Anhöhe hinunter in das blühende Thal, in schattige

Gründe. Die Poesie des Herzens fand ihren Ausdruck in blühender,

ergreifender Redeweise. Heute saß sie gedankenvoll, den Kopf in die

Hand gestützt, und schaute hinaus in die ungleich schönere Natur des

Südens, doch -- Alles ließ sie kalt; sie sah, doch nichts kam ihr zum

Bewußtsein; das Auge empfing all die Reize, ohne sie in den Spiegel der

Seele zurückzustrahlen.

„Du hast Heimweh, Kind!“ pflegte dann ihr Gatte zu sagen, wenn er sie

schwermüthig und interesselos an den herrlichsten Wunderwerken der

Natur und Kunst vorüberschreiten sah.

„Ich werde mich bemühen, heiter zu sein!“ beruhigte sie ihn, und Stern

glaubte die beste, fügsamste Gattin zu besitzen, die seine Wünsche,

noch ehe sie ausgesprochen waren, zu erfüllen suchte.

Lebensbilder · 第 17 / 23 题