II.

Dr. Berthold Caspari hatte soeben seine Bureaustunden beendigt. Er

war mit einem Proceß beschäftigt, der sein ganzes Denken unausgesetzt

beanspruchte. Mit wahrer Sehnsucht erwartete er die Erholungsstunde,

in der er im nahen Wäldchen einen Spaziergang zu machen pflegte. Dort

traf er zumeist Mutter und Schwester und auch deren Freundin Susi. Susi

war heute nicht da und der Schwester Blick verschleiert. „Marie, Du

scheinst betrübt,“ sagte Berthold nach herzlicher Begrüßung.

„O, ich bin es auch in tiefster Seele,“ sprach die Schwester, ein

anmuthiges, junges Mädchen mit blondem Lockenköpfchen und schwärmerisch

blickenden Augen. „Lies, was mir Susi schreibt!“ Damit überreichte

sie ihm den Brief, den sie unlängst erhalten. Ueber Berthold’s klare

Stirne zogen finstere Wolken; fast schien es, als zittere seine Hand.

Da stand: „Herzensfreundin! Deine Susi ist tief unglücklich und möchte

gerne zu Dir eilen und sich an Deinem treuen Herzen ausweinen; Ihr seid

die einzigen Menschen, die mich verstehen, deren Umgang mich beglückte;

nie werde ich die heilig schönen Stunden vergessen, in denen uns Dein

Bruder von den hohen Idealen der Menschheit sprach, Stunden, in denen

ich mich gehoben und beglückt fühlte, besser zu werden glaubte und die

edelsten Vorsätze für die Zukunft faßte. -- Du kennst den Geist des

Fanatismus, der in unserem Hause herrscht; meine guten Eltern können

leider nicht verstehen, daß man über religiöse Dinge denken könne und

doch gut und sittlich brav bleiben. Sie fürchten meinen Uebertritt zur

‚freien Gemeinde‘ und sehen mich damit für Zeit und Ewigkeit verloren.

Um mich zu retten, protegiren Sie die Bewerbungen jenes Jacob Stern,

von dem ich Dir schon neulich sprach. -- Meine Mutter hat mir gestern,

ich möchte sagen ein Gelöbniß erpreßt -- und ich weiß, Du fühlst es mir

nach, theure Marie, was es mich kostete -- ich muß demnach den Verkehr

mit meinen theuersten, besten Freunden aufgeben. Habt Ihr Alle, Deine

gute Mutter, Dein Bruder, Du, meine liebe, treue Seele, tausend Dank

für das, was Ihr mir gewesen! Das Andenken an Euch wird stets in mir in

begeisterter Weise fortleben und mich zu allem Guten und Edlen anregen.

Lebt Alle tausendmal wohl! Die Ruhe der Meinigen ist mir heilig; ich

erkaufe sie mit schweren Opfern. Susi Cahen.“

Berthold gab den Brief zurück und sprach kein Wort. Stumm ging er

eine Weile voran, Mutter und Schwester wechselten einen Blick des

Einverständnisses, in dem sich unsägliche Trauer aussprach. Als er sich

endlich umwandte, war sein Gesicht erdfahl.

„Ihr promenirt wohl heute allein?“ sprach er, Beiden herzlich die Hand

reichend.

„Geh’ nicht fort,“ bat die Mutter; „sprich Dich aus, Berthold; wir

verstehen Dich!“

„Das höchste Glück und auch der tiefste Schmerz wollen allein getragen

sein!“ entgegnete Berthold. Damit war er im nächsten Seitenwege

verschwunden.

„Du hättest ihm den Brief nicht geben sollen!“ sagte die Mutter

vorwurfsvoll.

„O, ich konnte es nicht über die Lippen bringen, daß wir sie verlieren

müssen!“ entgegnete Marie.

„Berthold sagte mir oft,“ fuhr die Mutter mit tiefem Seufzer fort, „daß

er erst dann mit rechter Begeisterung zur Gemeinde sprechen könne,

wenn er in ihre leuchtenden Augen geblickt, aus denen ihm das reinste

Feuer, das innigste Verständniß entgegenleuchte. Als sie sich neulich

verspätet hatte, sah ich, wie sein Blick unstet umherschweifte, wie er

gar nicht in den rechten Redefluß kommen konnte, aber plötzlich, als

sie eintrat, belebten sich seine Augen und die Worte perlten nur so

über seine Lippen!“

Berthold war unterdeß zu Hause angelangt; er sagte dem alten Diener,

daß er ungestört sein wolle, und verschloß sich in sein Zimmer.

„Diese holde Blume jenem Einfaltspinsel opfern!“ rief er in höchster

Entrüstung. „Nein, ich darf es nicht zugeben, gerade jetzt nicht, da

ich weiß, was ich ihr bin; es wäre Feigheit, es wäre ein Mord an einer

edlen strebenden Seele, die den Samen des reinsten Menschenthums in

sich zur freudigsten Blüthe erstehen läßt. Auf dem Boden der finsteren

Orthodoxie würde sie untergehen, in der Sonne der freien Wissenschaft“

-- Er brach plötzlich ab und schlug sich mit geballter Hand vor

die Stirn. „O, warum bin ich herausgetreten aus dem Bannkreis der

angestammten Religion! Hätte ich nicht auch so meiner Ueberzeugung

leben können?“ setzte er im Tone schmerzlichster Selbstanklage hinzu.

„Jetzt habe ich mir selbst den Weg versperrt! Die Liebe zur Wahrheit

zwingt mich, der Liebe des Herzens zu entsagen! Dem Getauften, dem

Abtrünnigen wird Bernhard Cahen nie seine Tochter geben.“

Schwer sank ihm das Haupt, das er sonst so stolz empor trug, auf die

Brust.

Wie lange er so dagesessen? Die Sonne war niedergegangen, das

Morgenroth dämmerte schon, der unglückliche Denker saß noch immer mit

halbgeschlossenen Augen an derselben Stelle. Gedanken über Gott, Zeit

und Ewigkeit, Menschenglück und Menschenleid, Pflicht und Neigung,

Beruf und freie Wahl waren in seinem Innern vorübergegangen, ohne den

Sturm beschwichtigen zu können, der in ihm wühlte. Als er sich endlich

erhob, sah er stier um sich; es war ihm, als habe er die Eruption

eines feuerspeienden Berges erlebt; das Feuer seines Innern schien

ausgebrannt; er suchte nach der Lava und den Schlacken, der Asche

und den noch glimmenden Erdstücken -- selbst diese fehlten, nur ein

nagender Schmerz war ihm geblieben, der das Herz zu zersprengen

drohte. --

Die Erbauungsstunde der freien Gemeinde wurde am nächsten Sonntage

von einem Vertreter abgehalten; Dr. Caspari hatte, so hieß es, in

Angelegenheiten seines Amtes eine Reise antreten müssen. -- Man

vermißte ungern den feurigen, gewandten Redner, der einem inneren

Drange, Gutes zu wirken, sich an der Aufklärung des Volkes zu

betheiligen, folgend, in allen Bildungsvereinen des Ortes lebhaft

mitwirkte. Der freien Gemeinde besonders war durch seine Thätigkeit ein

lebhafterer Aufschwung gesichert. Einst hatte er in Stellvertretung des

angestellten Redners einen Vortrag gehalten, der so zündete, daß er den

von allen Seiten an ihn gerichteten Bitten nachgebend, sich entschloß,

allwöchentlich eine wissenschaftlich religiöse Besprechung in der

Gemeinde zu halten, zu der bald Juden und Christen ohne Unterschied

des Standes mit lebhaftestem Interesse eilten. Berthold hatte somit,

ohne es zu wollen, eine öffentliche Stellung errungen; noch gehörte er

damals dem Judenthume an, doch da er die Satzungen der alten Religion

öffentlich desavouirte, hielt er es für seine Pflicht, um nicht in

Conflicte zu gerathen, seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde zu

erklären.

Die allgemeine Ansicht ging dahin, Caspari habe, um Carrière zu

machen, seinen Glauben aufgegeben, und als ihm bald hernach durch das

Ableben seines Vorgesetzten, zu dem er jahrelang in freundschaftlicher

Beziehung gestanden, dessen bedeutende Advocatur zufiel, war kaum ein

Zweifel darüber, daß nur Eigennutz und Gewinnsucht die Motive gewesen,

denen er nachgegeben, als er zum Christenthume übertrat. Justizrath

Dorn, so sagte man sich, hätte keinem Juden seine ausgedehnte Praxis

übertragen; Caspari, das war nur eine Stimme, habe dieselbe mit dem

Austritt aus seiner Religion erkauft.

Die Welt ist so leicht geneigt, nach dem Scheine zu urtheilen; edlere

Beweggründe, innere zwingende Nothwendigkeiten gelten vor ihrem Forum

wirklich herzlich wenig; sage man nur den Leuten, es habe Jemand aus

innerer Ueberzeugung diesen oder jenen Schritt gethan, wie selten

wird man Glauben finden! Wie viel eher, wenn es heißt: Gewinnsucht,

Brodneid, Ehrgeiz hätten ihn dazu veranlaßt!

Dr. Caspari hatte eine einträgliche Praxis und galt in den betheiligten

Kreisen als gute Partie. Der Idealist legte wenig Werth auf seinen

Gewinn, nur das Bewußtsein beglückte ihn, nicht wie so viele seiner

Collegen eine reiche Frau erheiraten zu müssen, um sich durch deren

Geld eine Unabhängigkeit zu sichern. Oft in stillen Träumereien hatte

er den Tag als den schönsten seines Lebens gepriesen und herbeigesehnt,

an dem er sie, die er nur ihrer selbst willen liebte, deren Geist und

Seele sich ihm schon längst, das sah er an ihren leuchtenden Blicken,

vermählt hatte, in seine Arme schließen und als seine verständige,

geliebte Gefährtin in sein Heim einführen könne.

„Die Ideale sind zerronnen, die einst das trunkene Herz geschwellt,“

hat wohl Mancher mit dem Dichter ausgerufen, und Jeder glaubte nun mit

einer allen Anderen vor ihm unbekannten Bitterkeit den Leidensbecher

leeren zu müssen.

Dr. Caspari hoffte, eine Entfernung würde in seinem und namentlich auch

in Susi’s Interesse geboten sein; es war unvermeidlich, sich nicht

tagtäglich zu treffen, und obgleich die Beiden sich nie ausgesprochen,

wußten sie doch, was sie einander waren, und daß seit mehr als zwei

Jahren ihr Denken und Fühlen in innigster Beziehung stand. Es war eben

jenes „Lied ohne Worte“, jenes hohe heilige Lied, das auf Engelsflügeln

in die Seelen einzieht, sie magnetisch eint und weihevoll stimmt, daß

sie den Geist der ewigen Liebe in sich fühlen und durch ihn geläutert

und erhoben werden, das die Beiden ohne Worte vernommen und verstanden.

Im fernen Seebade, im Anblick des unendlichen Meeres, das auch wie sein

wildbewegtes Herz auf- und abfluthete, ohne sich beruhigen zu können,

hoffte er Vergessen zu finden.

Eine Stunde vor seiner Abreise hatte er noch an Susi geschrieben, doch

er schloß den sechs Seiten langen Brief ein, ohne ihn abzusenden.

Nachdem er das Schreiben noch einmal überlesen, fühlte er, daß er

ihr durch dasselbe den Kampf nur erschwere. Nein, es war besser, sie

handelte nach eigenem Ermessen; ihr Glück war ihm zu heilig, als

daß er irgendwie in dasselbe hätte eingreifen wollen. „Vielleicht,“

sagte er sich -- „findet sie Trost in dem Wahne, eine gute Tochter zu

sein und ihre Kindespflichten erfüllt zu haben. Auch ich,“ setzte er

gedankenvoll hinzu, „möchte es nicht auf mich nehmen, den Lebensabend

der braven alten Leute getrübt zu haben, indem ich mein Glück auf den

Trümmern des ihrigen gründe.“

Lebensbilder · 第 14 / 23 题