Dr. Berthold Caspari hatte soeben seine Bureaustunden beendigt. Er
war mit einem Proceß beschäftigt, der sein ganzes Denken unausgesetzt
beanspruchte. Mit wahrer Sehnsucht erwartete er die Erholungsstunde,
in der er im nahen Wäldchen einen Spaziergang zu machen pflegte. Dort
traf er zumeist Mutter und Schwester und auch deren Freundin Susi. Susi
war heute nicht da und der Schwester Blick verschleiert. „Marie, Du
scheinst betrübt,“ sagte Berthold nach herzlicher Begrüßung.
„O, ich bin es auch in tiefster Seele,“ sprach die Schwester, ein
anmuthiges, junges Mädchen mit blondem Lockenköpfchen und schwärmerisch
blickenden Augen. „Lies, was mir Susi schreibt!“ Damit überreichte
sie ihm den Brief, den sie unlängst erhalten. Ueber Berthold’s klare
Stirne zogen finstere Wolken; fast schien es, als zittere seine Hand.
Da stand: „Herzensfreundin! Deine Susi ist tief unglücklich und möchte
gerne zu Dir eilen und sich an Deinem treuen Herzen ausweinen; Ihr seid
die einzigen Menschen, die mich verstehen, deren Umgang mich beglückte;
nie werde ich die heilig schönen Stunden vergessen, in denen uns Dein
Bruder von den hohen Idealen der Menschheit sprach, Stunden, in denen
ich mich gehoben und beglückt fühlte, besser zu werden glaubte und die
edelsten Vorsätze für die Zukunft faßte. -- Du kennst den Geist des
Fanatismus, der in unserem Hause herrscht; meine guten Eltern können
leider nicht verstehen, daß man über religiöse Dinge denken könne und
doch gut und sittlich brav bleiben. Sie fürchten meinen Uebertritt zur
‚freien Gemeinde‘ und sehen mich damit für Zeit und Ewigkeit verloren.
Um mich zu retten, protegiren Sie die Bewerbungen jenes Jacob Stern,
von dem ich Dir schon neulich sprach. -- Meine Mutter hat mir gestern,
ich möchte sagen ein Gelöbniß erpreßt -- und ich weiß, Du fühlst es mir
nach, theure Marie, was es mich kostete -- ich muß demnach den Verkehr
mit meinen theuersten, besten Freunden aufgeben. Habt Ihr Alle, Deine
gute Mutter, Dein Bruder, Du, meine liebe, treue Seele, tausend Dank
für das, was Ihr mir gewesen! Das Andenken an Euch wird stets in mir in
begeisterter Weise fortleben und mich zu allem Guten und Edlen anregen.
Lebt Alle tausendmal wohl! Die Ruhe der Meinigen ist mir heilig; ich
erkaufe sie mit schweren Opfern. Susi Cahen.“
Berthold gab den Brief zurück und sprach kein Wort. Stumm ging er
eine Weile voran, Mutter und Schwester wechselten einen Blick des
Einverständnisses, in dem sich unsägliche Trauer aussprach. Als er sich
endlich umwandte, war sein Gesicht erdfahl.
„Ihr promenirt wohl heute allein?“ sprach er, Beiden herzlich die Hand
reichend.
„Geh’ nicht fort,“ bat die Mutter; „sprich Dich aus, Berthold; wir
verstehen Dich!“
„Das höchste Glück und auch der tiefste Schmerz wollen allein getragen
sein!“ entgegnete Berthold. Damit war er im nächsten Seitenwege
verschwunden.
„Du hättest ihm den Brief nicht geben sollen!“ sagte die Mutter
vorwurfsvoll.
„O, ich konnte es nicht über die Lippen bringen, daß wir sie verlieren
müssen!“ entgegnete Marie.
„Berthold sagte mir oft,“ fuhr die Mutter mit tiefem Seufzer fort, „daß
er erst dann mit rechter Begeisterung zur Gemeinde sprechen könne,
wenn er in ihre leuchtenden Augen geblickt, aus denen ihm das reinste
Feuer, das innigste Verständniß entgegenleuchte. Als sie sich neulich
verspätet hatte, sah ich, wie sein Blick unstet umherschweifte, wie er
gar nicht in den rechten Redefluß kommen konnte, aber plötzlich, als
sie eintrat, belebten sich seine Augen und die Worte perlten nur so
über seine Lippen!“
Berthold war unterdeß zu Hause angelangt; er sagte dem alten Diener,
daß er ungestört sein wolle, und verschloß sich in sein Zimmer.
„Diese holde Blume jenem Einfaltspinsel opfern!“ rief er in höchster
Entrüstung. „Nein, ich darf es nicht zugeben, gerade jetzt nicht, da
ich weiß, was ich ihr bin; es wäre Feigheit, es wäre ein Mord an einer
edlen strebenden Seele, die den Samen des reinsten Menschenthums in
sich zur freudigsten Blüthe erstehen läßt. Auf dem Boden der finsteren
Orthodoxie würde sie untergehen, in der Sonne der freien Wissenschaft“
-- Er brach plötzlich ab und schlug sich mit geballter Hand vor
die Stirn. „O, warum bin ich herausgetreten aus dem Bannkreis der
angestammten Religion! Hätte ich nicht auch so meiner Ueberzeugung
leben können?“ setzte er im Tone schmerzlichster Selbstanklage hinzu.
„Jetzt habe ich mir selbst den Weg versperrt! Die Liebe zur Wahrheit
zwingt mich, der Liebe des Herzens zu entsagen! Dem Getauften, dem
Abtrünnigen wird Bernhard Cahen nie seine Tochter geben.“
Schwer sank ihm das Haupt, das er sonst so stolz empor trug, auf die
Brust.
Wie lange er so dagesessen? Die Sonne war niedergegangen, das
Morgenroth dämmerte schon, der unglückliche Denker saß noch immer mit
halbgeschlossenen Augen an derselben Stelle. Gedanken über Gott, Zeit
und Ewigkeit, Menschenglück und Menschenleid, Pflicht und Neigung,
Beruf und freie Wahl waren in seinem Innern vorübergegangen, ohne den
Sturm beschwichtigen zu können, der in ihm wühlte. Als er sich endlich
erhob, sah er stier um sich; es war ihm, als habe er die Eruption
eines feuerspeienden Berges erlebt; das Feuer seines Innern schien
ausgebrannt; er suchte nach der Lava und den Schlacken, der Asche
und den noch glimmenden Erdstücken -- selbst diese fehlten, nur ein
nagender Schmerz war ihm geblieben, der das Herz zu zersprengen
drohte. --
Die Erbauungsstunde der freien Gemeinde wurde am nächsten Sonntage
von einem Vertreter abgehalten; Dr. Caspari hatte, so hieß es, in
Angelegenheiten seines Amtes eine Reise antreten müssen. -- Man
vermißte ungern den feurigen, gewandten Redner, der einem inneren
Drange, Gutes zu wirken, sich an der Aufklärung des Volkes zu
betheiligen, folgend, in allen Bildungsvereinen des Ortes lebhaft
mitwirkte. Der freien Gemeinde besonders war durch seine Thätigkeit ein
lebhafterer Aufschwung gesichert. Einst hatte er in Stellvertretung des
angestellten Redners einen Vortrag gehalten, der so zündete, daß er den
von allen Seiten an ihn gerichteten Bitten nachgebend, sich entschloß,
allwöchentlich eine wissenschaftlich religiöse Besprechung in der
Gemeinde zu halten, zu der bald Juden und Christen ohne Unterschied
des Standes mit lebhaftestem Interesse eilten. Berthold hatte somit,
ohne es zu wollen, eine öffentliche Stellung errungen; noch gehörte er
damals dem Judenthume an, doch da er die Satzungen der alten Religion
öffentlich desavouirte, hielt er es für seine Pflicht, um nicht in
Conflicte zu gerathen, seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde zu
erklären.
Die allgemeine Ansicht ging dahin, Caspari habe, um Carrière zu
machen, seinen Glauben aufgegeben, und als ihm bald hernach durch das
Ableben seines Vorgesetzten, zu dem er jahrelang in freundschaftlicher
Beziehung gestanden, dessen bedeutende Advocatur zufiel, war kaum ein
Zweifel darüber, daß nur Eigennutz und Gewinnsucht die Motive gewesen,
denen er nachgegeben, als er zum Christenthume übertrat. Justizrath
Dorn, so sagte man sich, hätte keinem Juden seine ausgedehnte Praxis
übertragen; Caspari, das war nur eine Stimme, habe dieselbe mit dem
Austritt aus seiner Religion erkauft.
Die Welt ist so leicht geneigt, nach dem Scheine zu urtheilen; edlere
Beweggründe, innere zwingende Nothwendigkeiten gelten vor ihrem Forum
wirklich herzlich wenig; sage man nur den Leuten, es habe Jemand aus
innerer Ueberzeugung diesen oder jenen Schritt gethan, wie selten
wird man Glauben finden! Wie viel eher, wenn es heißt: Gewinnsucht,
Brodneid, Ehrgeiz hätten ihn dazu veranlaßt!
Dr. Caspari hatte eine einträgliche Praxis und galt in den betheiligten
Kreisen als gute Partie. Der Idealist legte wenig Werth auf seinen
Gewinn, nur das Bewußtsein beglückte ihn, nicht wie so viele seiner
Collegen eine reiche Frau erheiraten zu müssen, um sich durch deren
Geld eine Unabhängigkeit zu sichern. Oft in stillen Träumereien hatte
er den Tag als den schönsten seines Lebens gepriesen und herbeigesehnt,
an dem er sie, die er nur ihrer selbst willen liebte, deren Geist und
Seele sich ihm schon längst, das sah er an ihren leuchtenden Blicken,
vermählt hatte, in seine Arme schließen und als seine verständige,
geliebte Gefährtin in sein Heim einführen könne.
„Die Ideale sind zerronnen, die einst das trunkene Herz geschwellt,“
hat wohl Mancher mit dem Dichter ausgerufen, und Jeder glaubte nun mit
einer allen Anderen vor ihm unbekannten Bitterkeit den Leidensbecher
leeren zu müssen.
Dr. Caspari hoffte, eine Entfernung würde in seinem und namentlich auch
in Susi’s Interesse geboten sein; es war unvermeidlich, sich nicht
tagtäglich zu treffen, und obgleich die Beiden sich nie ausgesprochen,
wußten sie doch, was sie einander waren, und daß seit mehr als zwei
Jahren ihr Denken und Fühlen in innigster Beziehung stand. Es war eben
jenes „Lied ohne Worte“, jenes hohe heilige Lied, das auf Engelsflügeln
in die Seelen einzieht, sie magnetisch eint und weihevoll stimmt, daß
sie den Geist der ewigen Liebe in sich fühlen und durch ihn geläutert
und erhoben werden, das die Beiden ohne Worte vernommen und verstanden.
Im fernen Seebade, im Anblick des unendlichen Meeres, das auch wie sein
wildbewegtes Herz auf- und abfluthete, ohne sich beruhigen zu können,
hoffte er Vergessen zu finden.
Eine Stunde vor seiner Abreise hatte er noch an Susi geschrieben, doch
er schloß den sechs Seiten langen Brief ein, ohne ihn abzusenden.
Nachdem er das Schreiben noch einmal überlesen, fühlte er, daß er
ihr durch dasselbe den Kampf nur erschwere. Nein, es war besser, sie
handelte nach eigenem Ermessen; ihr Glück war ihm zu heilig, als
daß er irgendwie in dasselbe hätte eingreifen wollen. „Vielleicht,“
sagte er sich -- „findet sie Trost in dem Wahne, eine gute Tochter zu
sein und ihre Kindespflichten erfüllt zu haben. Auch ich,“ setzte er
gedankenvoll hinzu, „möchte es nicht auf mich nehmen, den Lebensabend
der braven alten Leute getrübt zu haben, indem ich mein Glück auf den
Trümmern des ihrigen gründe.“