Niemandem konnte die Abreise Berthold’s gelegener sein als dem reichen
Banquier Jacob Stern. Es war bei ihm zur fixen Idee geworden, er müsse
die schöne Susi sein eigen nennen, gelte es Spionage, List, ja selbst
Verleumdung. Mit lebhaftem Interesse horchte er auf, als ihm kurz nach
Caspari’s Abreise ein Geschäftsfreund von der Börse erzählte, er habe
Frau und Tochter nach Ostende begleitet und sei eigentlich unruhig, die
Frauen dort allein gelassen zu haben, da Dr. Caspari, der im selben
Hause mit Ihnen wohne, der Tochter zu viel Aufmerksamkeit schenke und
es nicht in seinem Sinne liege, sie dort eine Liaison anknüpfen zu
lassen. Stern wußte sehr wohl, wohin Banquier Eden zielte; er war zu
klug, um sich in dieser Weise zur Eifersucht reizen zu lassen, zudem
mißfiel ihm Fräulein Eden und gern hätte er Dr. Caspari das Glück
gegönnt, von ihr begünstigt zu werden; doch die Mittheilung ließ sich
verwerthen; sie sollte ihm gute Früchte tragen.
Die Commissionsräthin Blum, Stern’s Schwester, hatte für den folgenden
Abend ein Soupée veranstaltet und zu demselben auch die Cahen’sche
Familie geladen. Obgleich Susi bat und flehte, zu Hause bleiben zu
dürfen, bestand doch die Mutter darauf, man müsse der Einladung Folge
leisten; der Vater wünsche es, da ihm der geschäftliche Einfluß Blum’s
gerade jetzt von großem Nutzen sei. -- Susi erschien im einfach weißen
Cachemirkleide, doch wandten sich bald Aller Blicke ihr zu, da sie,
von Banquier Stern geführt, in den Saal trat. Ihre auffallende Blässe
wich einer flammenden Röthe, als er ihr beim Eintritte den Arm reichte;
wohl bemerkte er diesen Wechsel, doch hielt er ihn für ein günstiges
Zeichen. So sehr sich Susi bemühte, in den Kreis der Damen zu gelangen,
wich doch ihr Begleiter nicht von ihrer Seite. Bald hatte er sie in
eine Unterhaltung mit Eden verwickelt, ihn geschickt auf Dr. Caspari zu
sprechen gebracht. Eden wagte sogar heute noch hinzuzusetzen, daß seine
Frau ihm geschrieben, es errege Aufsehen, daß Dr. Caspari so viel in
Gesellschaft ihrer Lucie sei, doch hoffe sie, die Tochter werde genug
Tact haben, um unangenehme Freier abzuweisen.
Susi glaubte, der Boden unter ihren Füßen beginne zu wanken, doch faßte
sie sich; als aber Eden gar hinzusetzte, man habe ihm Dr. Caspari schon
vor einigen Wochen, als Lucie noch hier weilte, für seine Tochter
angetragen, es sei ihm nur zu viel, die schwere klingende Mitgift von
50.000 Gulden einem unerfahrenen Advocaten zu geben -- Caspari sei
sicher nachgereist, um dort die Angelegenheit zu betreiben, da schien
eine Saite in ihrem Herzen zu springen, die ohnehin scharf genug
gespannt war. Sie biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten, und ging
unter dem Vorwande heftiges Nasenbluten zu haben, in’s Nebenzimmer.
Erschöpft sank sie hier auf ein Canapé. Ihr Gefühl war zu stark
erregt, als daß der Verstand unbefangen hätte urtheilen können. Sie
kannte Lucie Eden, jene eingebildete, oberflächliche Erscheinung;
ihretwegen -- sollte Berthold eine Reise unternommen haben! Sie konnte
es nicht glauben! Und doch! fragte sie sich. Warum war die Reise so
geheim gehalten worden? Sie hatte Marie Caspari bis zu jenem Tage stets
gesehen; warum hatte ihr diese keine Mittheilung gemacht? Susi’s klares
Denken verwirrte sich, ihr Kopf brannte; wohl wiederholte sie sich
trotz aller Erregung, daß Lucie keine Frau nach Berthold’s Wahl sein
könne; wie hatte er selbst stets das eitle Haschen nach Mode-Effecten,
wie es in Lucie verkörpert war, getadelt, doch sie hielt sich wieder so
und so viele Beispiele vor, in denen Männer von ähnlicher Bedeutung und
geistigem Werthe hoffärtige Puppen zu Frauen genommen, die sie weder
verstehen, noch für irgend welches Ideal begeistern konnten.
„Es ist der Lauf der Welt!“ sagte sie endlich mit tiefem Seufzer, aber
kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Daß auch er“ --
Die Thüre wurde leise geöffnet. Jacob Stern kam, um sich zu erkundigen,
ob das Nasenbluten gestillt sei. Susi bejahte, doch gab sie vor, einen
so heftigen Kopfschmerz zu haben, daß sie nach Hause fahren müsse. Er
reichte ihr ein Riechflacon, erlaubte sich sogar, ihre Stirn mit dem
Inhalt zu befeuchten, doch, wie von der Tarantel gestochen, schnellte
Susi hoch, als diese Hand sie berührte. Stern ging die Mutter zu rufen,
ließ seine Equipage anspannen und begleitete selbst die Damen heim.
Wohl hörte Susi, wie die Mutter ihn beim Aussteigen bat, seinen Besuch
bald zu wiederholen -- ihr war jetzt Alles gleich -- sie fühlte eine
Leere in ihrem Herzen, als ob weder Schmerz, noch Freude je da gewohnt
hätten.
Nach einer schlaflos durchwachten Nacht stand sie früh auf, um einen
Morgenspaziergang zu machen. Unwillkürlich lenkte sie ihre Schritte
nach jenem Park, in dem sie so oft an seiner Seite gewandelt. Marie
hatte dort allmorgentlich Molken getrunken, der Bruder sie fast stets
begleitet, und auch Susi war, so oft es ihre Zeit gestattete, von der
Gesellschaft gewesen. Mit stillem Seufzer gedachte sie jener schönen
Morgenspaziergänge voll Poesie und Waldesduft! O, wie hatte sie sonst
ihre Schritte beeilt, wenn sie der beiden Geschwister ansichtig wurde!
Heute schlich sie gebeugt und matt dahin. Doch Halt! Kam dort nicht
Marie des Weges herauf? Ja, sie war es! Ich muß sie sprechen! rief es
in ihr. Sie wird mir die Wahrheit sagen! -- Bald lagen die Freundinnen
in stummer Umarmung Brust an Brust. „Wie konntest Du Deiner Mutter
solch ein Versprechen geben?“ fragte endlich Marie. „Du weißt, was wir
Alle dadurch verlieren.“
„Ihr Alle?“ fragte Susi ungläubig. „Doch sage mir,“ setzte sie eifrig
hinzu, „zu welchem Zwecke ist Dein Bruder in Ostende? Man spricht
hier --“
„O, laß Dich das Gerede der Leute nichts kümmern, Susi --“ unterbrach
die Freundin ahnungslos; „Du weißt, die Menschen wollen immer Alles
deuten und mischen sich oft mit wahrer Unverschämtheit in die
geheimsten Angelegenheiten.“
Susi blieb stumm; „Also doch! Aber warum sprachet Ihr nie von dieser
Reise?“ fragte sie, sich fassend.
„Der Entschluß muß Berthold sehr plötzlich gekommen sein; ich glaubte
zu wissen, was den Entschluß in ihm hervorrief -- doch, gute Susi --“
fügte sie theilnehmend hinzu -- „laß mich Dir das Herz nicht schwer
machen! Ich verstehe und billige Deine Handlungsweise und erkläre mir
dadurch die seinige. Glaube mir -- es ist besser so, er mußte fort!“
So klar und unzweideutig Marie sprach, so legte doch Susi jedem ihrer
Worte eine andere Beziehung unter. „Es ist gut, daß unsere Wegen sich
trennen!“ sagte sie schmerzhaft.
„Aber, daß ich dadurch die treueste, beste Freundin verliere!“
entgegnete Marie klagend.
„Meine Stelle ist in Deinem Herzen zu ersetzen, doch“ -- sie vollendete
nicht. „Leb wohl, Marie,“ fügte sie schnell hinzu und ging eiligen
Schrittes davon.
„Sie schluchzte!“ sagte Marie; „soll ich ihr nacheilen?“ Doch schon war
Susi in einen Seitenweg eingebogen, Marie sah noch, wie sie schnell
einen Fiaker bestieg und davon fuhr.
„Also doch!“ rief Susi in wildestem Schmerze. „Aus ihrem Munde mußte
mir die Bestätigung des Unglaublichen werden. Er mußte fort! Es ist
besser so!“ Das waren ihre Worte. -- „Was kann da gut, was besser
sein?“ sprach sie in sich gekehrt. „Berthold Caspari kann nie ein
Verständniß für Luciens Lebensansichten gewinnen, sie nie seine reich
angelegte Natur, seine edle Denkweise verstehen.“ Kopfschüttelnd setzte
sie hinzu: „Wie konnte er sich vom edlen Mammon blenden lassen! Er ist
so bedürfnißlos für sich, verachtet alles äußere Gepränge, selbst der
Comfort des Lebens ist ihm nur Last! --“
Der Wagen hielt vor der großen Eiche, einem einsamen entfernten
Orte. Lucie stieg aus; sie athmete erleichtert auf. Hier war sie
allein. Sie ließ sich auf eine Bank nieder und starrte dumpf vor
sich hin. „Ach, wenn ich nur weinen könnte!“ rief sie endlich
verzweiflungsvoll. „Welche Wohlthat liegt noch in dem herben Schmerze,
am Grabe des Geliebten niederknieen, es mit Blumen schmücken, sich
seinem unsterblichen Herzen vereint fühlen zu können! Aber allein,
unverstanden, verschmäht zurückbleiben zu müssen, wo man so begeistert
liebte, sich im Höchsten und Edelsten Eines glaubte! Ihn, in den Armen
einer --“
Sie vollendete nicht. Mit wildem Aufschrei sank sie zusammen und
jetzt endlich löste sich der wilde Schmerz in erleichternde Thränen.
Sie dachte nichts, sie fühlte nichts -- sie wußte nur, daß sie
unbeschreiblich elend war. Als sie endlich aufstand, war es ihr, als
habe sie eine schwere Krankheit überstanden.
Drüben leuchtete die Sonne so golden; in ihrem Herzen war es tief
schwarze Nacht. Ein leiser Wind bewegte die hohe Eiche; sie stand fest,
noch fiel keines ihrer Blätter zu Boden, während die umherstehenden
Linden und Erlen massenhaft gelbes Laub zur Erde sandten.
„So fest wie die Eiche!“ rief es in ihr, „keine Schwäche! Wie oft hat
er Dir von Standhaftigkeit im Leiden, von --,“ sie hielt inne.
„Er und wieder er!“ rief sie, sich selbst anklagend. „Bin ich denn ein
so elend schwaches Weib, daß ich gar keine Herrschaft über mich habe?“
setzte sie in heftiger Selbstanklage hinzu.
Plötzlich stand sie auf. Sie schien größer, kräftiger geworden,
obgleich ihrem Gesichte jede Farbe fehlte. „Ich will und muß ihn
vergessen,“ sagte sie energisch. Festen Schrittes ging sie heim.
Wer hätte ihrem noch eben so geknickten Gemüthe diese plötzlich
durchbrechende Energie zugetraut! -- Ich will! +Dieses+ mächtige
Zauberwort gab ihr Kraft, sich, ihr Glück und ihre Zukunftsträume zu
vergessen.
Sie hatte einen einstündigen Marsch gemacht, als sie wieder am
Elternhause anlangte. Die Susi, die jetzt das stattliche mit einem
Garten umgebene Haus betrat, war nicht mehr das stolze, für alles
Edle und Hohe mit Begeisterung erfüllte Mädchen, in dessen Herzen
eine ideale Leidenschaft geglüht; die Flamme war jäh erloschen; die
demuthsvolle Tochter kehrte zurück, die sich bemühen wollte, all ihr
Glück in der Erfüllung ihrer Kindespflichten zu finden.