Nachdenkend, den Kopf in die Hand gestützt, saß Susanne am Fenster.
Sie war ein schönes, 18jähriges Mädchen, aus deren feurigen Augen
Begeisterung, doch auch finstere Schwermuth sprachen. Die hohe, schöne
Stirn war in tiefe Falten gelegt, ein convulsivisches Zucken umschwebte
die Mundwinkel.
„O, wer giebt mir Klarheit, wohin ich mich wenden soll?“ rang es sich
endlich aus dem bedrängten Herzen empor. „Ist die Religion, die unseren
Vätern vor Jahrtausenden heilig war, noch berechtigt, in unserer Zeit
gelten zu wollen? Kann ich denn noch beten, wie jene gebetet? Ist es
nicht Entweihung der heiligsten Gefühle --“
Sie wurde unterbrochen; eine alte Frau, die nach Sitte der frommen
Jüdinnen einen tiefen Scheitel trug, der das eigene Haupthaar verbarg,
trat ein.
„Susi, mein Kind“, begann sie, „Du bringst noch Gram und Schande
über Deine alten Eltern! Sprich, warum warst Du heute wieder bei dem
deutschen Prediger und doch weißt Du, daß Dein Vater ein guter Jud ist
und treu dem großen Gott?“
„Mutter!“ rang es sich qualvoll aus Susi’s Brust, „Mutter, fragt mich
nicht. Ihr seid glücklich in dem Glauben Euerer Väter, ich möchte Euch
meine Zweifel nicht mittheilen, Ihr könntet mich nicht heilen; lasset
mich den Kampf mit meinem religiösen Bewußtsein allein auskämpfen;
glaubt mir, ich werde nicht schlechter, wenn ich die Gedanken über Gott
und Ewigkeit, die ich nicht bannen kann, klar zu erforschen suche, sie
mit dem, was Andere darüber gedacht, vergleiche. -- Ich will Euch eine
gute Tochter sein, doch --“
„Wie kannst Du mir eine gute Tochter sein, wo Du Gott, dem Allgütigen,
ein abtrünniges Kind bist!“ sprach die alte Frau unwillig.
„Das bin ich nicht, Mutter!“ entgegnete Susi flammenden Auges; „ich
will Gott und allem Guten und Edlen nur um so näher kommen, indem
ich die todten Buchstaben, die unsere Weisen vor Jahrtausenden
niedergeschrieben, nach dem Geiste unserer Zeit deute. Sieh, wir
opfern keine Schlachtopfer mehr in unseren Tempeln und doch heißt es
in unseren Gebetbüchern: ‚Gott, nimm unser Opfer gnädig an!‘ Da muß
ich mir klar werden, was wir denn jetzt dem höchsten Wesen zum Opfer
bringen; unsere Begierden, unsere Neigungen, falls sie nicht mit den
Gesetzen der Moral und Menschlichkeit im Einklang sind, unsere Wünsche,
falls sie Anderer Wohl beeinträchtigen --“
„So denke ich nicht und so bete ich nicht!“ unterbrach die alte Frau
abwehrend. „Ich bete, was da geschrieben steht und indem ich die
Worte leise vor mich hersage, fühle ich, wie der Geist Gottes zu mir
herniedersteigt und ich werde froh und neu belebt; so hat meine Mutter
gebetet, ja ich sehe noch die Großmutter, Gott habe sie selig, so vor
mir stehen; sie alle sind glücklich und hochbetagt gestorben und Du,
mein armes Kind, machst Dich elend und krank, daß Du klüger sein willst
als Alle, die nun in Frieden bei Gott dem Allmächtigen sind.“
Susi blickte starr vor sich hin; sie wollte die alte Frau, die sie ja
ohnehin nicht verstehen konnte, nicht aufregen, doch wer konnte ihr
mitgetheilt haben, daß sie heute zur Predigt in der freien Gemeinde
gewesen?
Dunkle Zornesröthe überzog ihre Stirn. Ja, er war es, Jakob Stern, der
arme reiche Mann, der noch immer in dem Wahne befangen war, er könne
ein Mädchen wie Susi mit seinem Gelde erkaufen. Da, als sie um die Ecke
bog, sah sie ihn in eleganter Equipage daherrollen; sie fühlte, wie
sein Blick ihr folgte, bis sie das Erbauungshaus betreten, indeß ahnte
sie nicht, daß er sich zum Denuncianten erniedrigen würde.
„Jakob Stern war bei Dir?“ fragte Susi, indem sie die Mutter forschend
anblickte.
„Vor einer Stunde,“ entgegnete diese. „Susi, er hat seinen Antrag
erneuert. Bedenke wohl, ehe Du Dich jetzt in Heftigkeit äußerst,“ fügte
sie hinzu, da sie der Tochter lebhaften Einspruch voraussah, „was es
heißt, eine solche Partie auszuschlagen! Dein Vater hat keine Mitgift
für Dich, Du bist an Wohlleben gewöhnt; was wird aus Dir werden, wenn
wir alten Leute abgerufen werden?“
„So werde ich arbeiten, um mir eine Selbstständigkeit zu sichern,
Mutter! Besser arbeiten und frei sein, als auf goldenen Polstern ruhen
und Geist und Seele in Fesseln schlagen!“ entgegnete Susi mit edlem
Freimuth; „doch,“ setzte sie sanfter hinzu, „meine guten Eltern sind ja
noch rüstig und werden mir noch lange erhalten bleiben.“ --
„Und selbst dann, Susi,“ entgegnete die Mutter, „ist ihr erster
Wunsch, Dich versorgt zu sehen. Du bist so gescheidt, wie kannst Du
nicht einsehen, daß Du ein Glück ausschlägst, um das Dich alle Deine
Freundinnen beneiden!“
„Gute Mutter,“ entgegnete Susi mit schwerem Seufzer, „lass’ es Dir ein
für allemal gesagt sein, eine Verbindung mit Jakob Stern ist für mich
kein Glück; er ist stumpf, zelotisch fromm, eingebildet, eitel; wie
kann ich einen solchen Menschen achten, wie werde ich auch nur eine
Stunde im Umgange mit ihm froh sein können?“
„Das findet sich, Susi, er ist gut von Herzen; er wird Dich auf
Händen tragen und Du wirst wie Hunderte und Tausende Andere Deine
Schwärmereien vergessen und eine brave Frau werden, die ihr Haus
beglückt und nach allen Seiten Segen ausstreut.“
„Mutter, meine gute Mutter,“ rief Susi, in Thränen ausbrechend und
der alten Frau um den Hals fallend; „o könntest Du mich verstehen!
Du willst doch Dein Kind nur glücklich machen, wie kannst Du ihm ein
so schweres Opfer zumuthen! Denke zurück, Mutter, an die Tage Deiner
eigenen Jugend! Wie es Dein Stolz und Glück, Deines Herzens höchste
Seligkeit war, einem frommen -- angesehenen Manne Deine Zukunft zu
einen, so ist es Deines armen Kindes einzigster Wunsch, nur dem Manne
anzugehören, der es versteht -- der mit erleuchtetem Blick und warmem
Herzen an den Bestrebungen unserer großen Zeit Theil nimmt, für
alles Große, Edle und Gute begeistert einsteht, der im Ringen nach
den höchsten Zielen, im Erforschen der heiligsten Wahrheiten seinen
Lebenszweck erkennt!“
„Arme Susi,“ entgegnete die Mutter thränenden Auges, „wo willst Du den
Mann finden!“
„O, ich kenne ihn!“ rief Susi, sich selbst vergessend, „ich habe ihn
heute gehört und der Ton seiner Stimme vibrirt noch jetzt in meinem
Herzen!“ -- Plötzlich hielt sie inne, das Gesicht mit beiden Händen
bedeckend, als sie die Erstarrung sah, die sich der Mutter bemächtigt
hatte; wehe, sie hatte zu viel gesagt! In einem Augenblick der Erregung
war ihr ihres Herzens tiefstes Geheimniß entschlüpft. -- Fassungslos
stand sie der alten Frau gegenüber.
„Er, er!“ -- rief die Mutter endlich in herzerschütterndem Schmerze;
sie rang stumm und verzweifelnd die Hände, doch endlich schien sie
in ihrem tiefen Weh Worte zu finden: „Und ihn, den Getauften, den
Meschumed, den Goi, kannst Du achten? Was ist dem Manne heilig, der
die Religion seiner Väter abgeschworen? Um sich dereinst vielleicht
Herr Rath nennen zu lassen, hat er seinen Glauben aufgegeben! Ja,
noch schlechter, jetzt sucht er mit Scheinreden, als ob man wirklich
nicht mehr an den allmächtigen Gott glauben könne, Andere zu gleicher
Schlechtthat zu bewegen und wenn es nach ihm geht, soll jeder fromme
Jud --“
„Halt ein, Mutter,“ unterbrach Susi entschieden. „Berthold Caspari ist
nicht des Titels wegen seinem Glauben untreu geworden, noch sucht er
irgend Jemanden durch seine Vorträge demselben zu entfremden! Jeder
denkende Mensch, ob Jud oder Christ, hört sie mit gleichem Interesse
und fühlt sich gehoben und beseligt, dem feurigen Redner lauschen zu
können. Nur das höchst Sittliche ist ihm heilig, nur das Streben nach
Veredlung ist ihm Religion, jede gute That ein Gebet, das gleich Opfern
zu Gott emporsteigt --“
„Genug,“ rief die alte Frau mit zitternder Stimme, „versündige Dich
nicht an Allem, was uns heilig ist! Er ist kein Prophet und kein
Gottgesandter -- und was er sagt, das fühle ich, obschon ich es nicht
verstehe, ist Lug und Trug und wohl angethan, arme, verblendete
Menschenkinder wie Du, zu verführen! Ja, er ist schön,“ fuhr die alte
Frau, zu sich sprechend, fort, „seine Augen zünden wie Feuer, das
blasse Gesicht, der lange, schwarze Bart, die hohe Gestalt, all’ das
vermag wohl Eindruck auf ein 18jähriges Mädchen zu machen! Doch, Susi,“
fuhr sie fast flehend fort, „Du solltest doch wissen, was Du Deinen
Eltern, die im Glauben ihrer Väter ergraut sind, schuldig bist.“
Susi rang nach Luft, ihr war, als müsse sie ersticken.
Die Mutter, diesen Augenblick der Schwäche benützend, fuhr fort: „Ich
seh’, Kind, Du hast selbst schwer an Deinem Unglücke zu tragen; ja,
es wird Dir noch schwerer werden, je mehr Du Dich von Gott und seinen
Geboten entfernst; deshalb versprich mir heute am Tage vor dem großen
Versöhnungsfeste, daß Du ihn nicht wieder sehen willst, daß Du ein
gutes Kind und die Freude Deiner alten Eltern bleibst.“
Sie öffnete ihre Arme und schluchzend warf sich die Tochter, als ob sie
das Verlangte gelobe, an der Mutter Brust. „Ich will mit Ehren in’s
Grab steigen,“ sagte diese, „und Gott, der Allgütige, wird auch Dir
helfen, daß Du wieder rein und ohne Fehl im Herzen vor ihn hintreten
kannst!“ Frau Cahen trocknete ihre Augen, küßte der Tochter Stirn und
verließ bewegt das Gemach!
„O, was habe ich gelobt!“ rief Susi in heller Verzweiflung, als die
Mutter die Thür geschlossen. „Sein Wort war der Sonnenstrahl, der mein
armes Dasein belebte! Wie werde ich leben können, ohne ihn zu hören! O
Mutter, ist das Liebe, daß Du mir durch ein willenlos gethanes Gelöbniß
die einzige Freude raubst, die mir in all’ diesen Zweifeln bleibt! Wie
konnte die sonst so wahrheitsliebende, gerechte Mutter,“ fuhr sie nach
einer Weile schmerzlichen Sinnens fort, „gerade diesen besten, edelsten
aller Männer so verurtheilen! O, welche bestrickende Macht übt doch der
religiöse Fanatismus!“ Ein schwerer, dem tiefsten Herzen entstammender
Seufzer begleitete diese Worte.
Je mehr Susi über sich nachdachte, desto mehr lebte sie sich in die
Idee hinein, daß sie, wolle sie den Eltern folgen, ein Martyrium für
ihren Glauben auf sich nehme. In diesem Wahne fand sie den Muth, ihren
Gram zu bekämpfen und im Laufe des Tages mit Ruhe und innerer Fassung
der Mutter in den Vorbereitungen zum morgigen Festtage an die Hand zu
gehen. Sie begleitete die Eltern Abends in den Tempel und war tief
innerlich bewegt, als der Vater heute auch sie, wie sonst stets die
Mutter, in seine Arme schloß, indem er den Wunsch aussprach: „Mögest
Du Gutes am großen Tage der Verheißung für Dich ausbitten.“ An der
Erregung, mit der der alte Mann diese Worte sprach, ahnte sie, daß er
Alles wisse. Er vertraute ihr und betrübte sie durch keinen Vorwurf.
Dies erschütterte sie tiefer als alle Strafpredigten. Am Eingange zum
Tempel, nachdem er sich von der Mutter verabschiedet, wandte er sich
noch einmal zu ihr: „Susi, bete zu Gott und er wird Dir beistehen!“
sprach er, während eine Thräne ihm in’s Auge trat.
Ja, Susi betete; die heiligen Gesänge, der Vortrag des Predigers
erschütterten tief das ohnehin zerknirschte Herz. Doch sonderbar!
Je mehr sie sich in sich selbst versenkte, desto klarer wurde ihr,
daß sie keine Sünderin sei. Sie hatte sich nicht vom göttlichen
Worte entfernen, dasselbe vielmehr nur um so tiefer und wahrer
erfassen wollen. Ihre Beziehung zu Berthold Caspari, dem Bruder ihrer
Jugendfreundin, war keine sträfliche Neigung, sondern eine gleichem
Streben und Erkennen zugewandte, begeisterungsvolle Hingabe an das
Erforschen jener ewigen Wahrheiten, die zu allen Zeiten denkende
Menschen interessirt haben. Gebet auf Gebet wurde hergesagt; sie
beobachtete verschleierten Blickes die Gemeinde. Wie Wenige verstanden,
was sie da im hebräischen Texte sprachen. Man neigte sich rechts und
links, klopfte sich in die Brust, betheuerte gesündigt, gelästert,
veruntreut zu haben und erflehte die Verzeihung des Ewigen. Susi schloß
die Lippen gerade, als der Vorbeter zu jenem heiligsten aller Gebete
ansetzte: „Oschamno, wir haben gesündigt“, betete er vor und die
Gemeinde andächtig nach; nein, sie konnte sich keiner Sünde zeihen!
„Oder,“ dämmerte es in ihren Gedanken, „war das Sünde, daß sie ihr
heiligstes Streben und ihre begeisterungsreichsten Stunden, die sie
im Austausch mit jenem denkenden Freunde verlebt, zum Opfer bringen
wollte?“ Sie konnte den Gedanken nicht ausdenken; der weihevolle
Gesang von jenen Hunderten von Gläubigen, die ihr Herz hier vor Gott
ausschütteten, betäubte ihr Sinnen und Denken; sie fühlte sich schwach
jener unsichtbaren Macht gegenüber, die sich in den Herzen der Frommen
ihre Altäre errichtet und auch sie jetzt mit unsichtbarer Macht zu
umgarnen schien.