Ella.“

Das war mehr, als ich erwarten konnte. Ella war damals, als ich sie im

Hause des Dr. Werther, der sie zur Bühne vorbereiten sollte, kennen

lernte, ein armes, adeliges Fräulein; wohl hatte ich sie dem Hang

zur Bühne abspenstig gemacht, die komödienhaften Anwandlungen ließen

sich jedoch nicht betäuben. Ihre Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit

fesselten mich; sie hatte eine gute Komödie mit mir gespielt, denn

kaum war sie meine Gattin, so war ich nur noch gut genug, Schenkungen

auf ihren Namen eintragen zu lassen. Daß ich Rechte auf ihre Treue,

ihre Hingebung habe, erschien ihr lächerlich; bei so gewagten

Unternehmungen, wie ich sie führe, wiederholte sie mir oft, sei es

meine Pflicht, ihre Zukunft sicher zu stellen. Das that ich in der

besten Absicht. Am Tage, als sie mich verließ, hatte sie wohl ein

Vermögen von sechzigtausend Thalern.

Ich stand wie vernichtet. Eine so raffinirte Betrügerin jahrelang an

meiner Seite geduldet, ihr meinen Namen gegeben zu haben, das empörte

mich. Meinem Herzen war Ella nie das, was ich erwartet. Sie war arm

und hilflos, als ich mich ihrer annahm; ich glaubte ihre Seele zu mir

empor zu ziehen, sie der meinigen zu vermälen. Nach all der Last der

Tagesgeschäfte sehnte ich mich nach einem hingebenden, treuen Weibe,

ich fand eine gefallsüchtige, von Anbetern umgebene Coquette. Doch das

wird Dir damals schon nicht entgangen sein. Was aber angesichts dieses

Briefes thun? Auf keinen Fall einwilligen! tönte es in mir.

Ich antwortete: „Madame! Sie halten mich für einen einfältigen Narren.

Sie irren! Ich fordere Sie auf, unverzüglich zurückzukehren; meine

Achtung haben Sie verscherzt, ein öffentlicher Scandal würde Sie

entehren.“ Ich sandte diesen Brief in die Wohnung des Baron L.

Madame kam nicht; statt ihrer ein Brief mit Drohungen niedrigster Art.

Wolle ich ihr nicht die Freiheit geben, so werde sie Enthüllungen an

maßgebender Stelle machen, die mich vernichten müßten; die Documente

seien in ihren Händen.

Ich hatte in der That in letzter Zeit bemerkt, daß sie unter

meinen Privatpapieren herumgestöbert; ich wußte auch, daß ein

Brief des Herzogs U., in dem er mir seine Betheiligung an der

neuen Eisenbahnstrecke nach W. zusagt, falls ich seinen Namen mit

zwanzigtausend Thalern kaufen wolle, abhanden gekommen sei. Hatte

sie ihn? fragte ich mich. Und wenn selbst! Was konnte jener Brief

beweisen? Weder daß ich ein ähnliches Anerbieten gefordert habe, noch

darauf eingegangen sei. Es war nichts Neues, daß man Namen hoher

Persönlichkeiten an die Spitze neuer Unternehmungen stellte, um diese

dadurch besser zu accreditiren. Meine Unternehmungen waren durchwegs

gesund und auf streng rechtlicher Basis erbaut; ich hatte derartige

Kunstgriffe nicht nöthig, konnte also der Verdächtigung ruhig in’s Auge

sehen. Doch wie schmerzte es mich, daß diese Verdächtigung gerade von

meinem Weibe ausging! Wer hoch steht, ist allen Blicken ausgesetzt, hat

Neider und Feinde; das sollte ich jetzt Schlag auf Schlag erfahren.

Die ~mise-en-scène~ war gut ausgedacht. Sie verschmähe es, den

schwindelhaft erworbenen Reichthum des Parvenüs zu theilen, die Ehre

ihres unbefleckten Stammbaumes auf’s Spiel zu setzen, dann die einem

befreundeten Anwalt, der gleicherzeit Parlamentsmitglied ist, geschickt

in die Hände gespielten Verdachtsmotive von unlauteren Speculationen,

dazu die Gährung in der öffentlichen Meinung, die bei jedem

Geschäftsabschluß gleich eine Gründung auf trügerischem Untergrunde

wähnte, kurz -- was ich noch vor einem Monat für unmöglich gehalten,

geschah. -- Das Vertrauen zu meinen Unternehmungen war erschüttert;

hier Verdächtigung, dort öffentlicher Angriff, ja, jener Freund Ella’s

wagte selbst im Parlamente einen beziehentlich sehr deutlichen Speech

loszulassen -- ich fühlte, wie mir der Boden unter den Füßen wankte.

Mehrere Zeichnungen wurden gleich an der Börse zurückgezogen, unsere

Eisenbahnpapiere sanken von Tag zu Tag, da -- ~pour comble de malheur~,

kam von Wien her jene Unglückskatastrophe, die das öffentliche

Vertrauen vollständig lahm legte -- der Krach. Vierzehn Selbstmörder

in Einer Woche dort an der schönen blauen Donau! Sie Alle fuhren einst

auf Gummirädern, hatten ihre Logen in der Oper, hatten die Elite-Bälle

besucht und -- nun? Was hielt mich noch am Leben, nachdem ich

Häuslichkeit, Vertrauen, Glück und Frieden verloren? Das Bewußtsein,

recht gehandelt zu haben, mich nicht mit jenen Glücksrittern in eine

Kategorie stellen zu dürfen, die feige untersanken, als die Wogen über

ihren Köpfen zusammenstürzten. Durch Sturm und Brandung wollte ich mir

einen Weg bahnen und zeigen, daß meine Unternehmungen lebenskräftig

seien und sich behaupten müssen. Das Geld der Armen, der Schweiß des

Bürgers, schrie man, klebe an jenen Gründungen, der Fluch der Mit- und

Nachwelt werde sie begleiten.

Weißt Du, was schlaflose Nächte sind? Ich lernte ihre Qualen damals

kennen. -- Den Kopf voll großartiger Pläne, die Hunderte beglücken

mußten, sah ich meine Thätigkeit lahm gelegt, das Begonnene in Schutt

sinken. Wenn dann mein Hirn die dünne Schale zu zersprengen drohte,

griff ich voll unsäglichen Wehes nach dem Herzen; o Du weißt es, Karl;

ich hätte einst die ganze Welt mit meinen Plänen beglücken mögen, mein

Herz fühlte den Pulsschlag der Menschheit und wollte sich ihm einen;

heute glich es einem ausgebrannten Krater. Und doch wußte ich, daß ich

noch leben müsse; Tausende hatten ihr Hab und Gut in meinen Gründungen

angelegt, für sie hatte ich als Anwalt aufzutreten und meine ganze

Kraft einzusetzen, trotz der gesunkenen Course das Ansehen und die

Achtung vor meinen Unternehmungen herzustellen. Ja, das hieß gegen den

Strom schwimmen!

Drüben, im Lager meiner Feinde, stand jenes Weib, das, da sie meine

Unnachgiebigkeit erkannt, nun Pfeil auf Pfeil gegen mich abschoß.

Mein Comptoirchef war mit dem Tage, da sie mein Haus verließ, aus dem

Geschäfte entlassen; ich wußte, daß er ihr wichtige Papiere überliefert

hatte; auch er war nur ein williges Werkzeug in den Händen Derer, die

auf meinen Ruin lossteuerten.

O, was ist Dankbarkeit, Pflichtgefühl! Leonhard kam vor Jahren zu mir

elend, dürftig; er war seit Monaten ohne Stellung und hatte eine arme

kranke Mutter, die auf seine Hilfe angewiesen war. Ich hatte zwar

keine Vacanz, doch mochte ich ihn nicht fortschicken. Hundertfünfzig

Leute arbeiteten auf meinem Bureau, da konnte auch er noch Verwendung

finden. Ich gab ihm einen Vorschuß von dreißig Thalern und stellte ihn

mit fünfhundert Thalern Gehalt an. Er erwies sich brauchbar und hatte

nach Jahresfrist tausend Thaler. Ich liebe Rührscenen nicht, aber noch

heute wird mir das Auge feucht, gedenke ich jener Stunde, da seine alte

Mutter im Gefühl überschwänglichen Dankes zu mir in’s Zimmer wankte,

mir die Hände küssen wollte, mich den Wohlthäter ihres Lebens nannte

und Gott weiß, was noch.

Ich glaubte mir in Leonhard einen Menschen heranbilden zu können, der

mich verstände und in meinen Intentionen handeln sollte. Ich stellte

ihn pecuniär gut, denn er mußte repräsentiren, sollte er Einfluß haben.

Aus der elenden Dachkammer war er mit seiner Mutter in eine glänzende

Etage in der Behrenstraße gezogen; er hatte reichliche Tantièmen und

so oft ich ihm Zulage machte, versicherte er mir seine unbegrenzte

Dankbarkeit. Ich wähnte der Begründer seines Glückes zu sein und

ich muß es im Gefühl einer gewissen Selbstüberhebung gestehen, es

schmeichelte mir, „Glück ausstreuen“ zu können; noch mehr aber galt

mir vielleicht das Bewußtsein, mir einen Menschen durch die Bande der

Dankbarkeit zu ewiger Treue verpflichtet zu haben.

Ja, wo blieb die Treue? Meinen Widersachern theilte er meine geheimen

Verbindungen und Correspondenzen mit, um sich für den plötzlichen

Abschied zu rächen; man sondirte und wußte durch Bestechungen Zeugen

gegen mich aufzustellen, die zu jeder Aussage bereit waren. Ich mußte

verkaufen, mit Schaden verkaufen, um mich behaupten zu können. Ein

langwieriger Proceß entspann sich; ich wollte mein eigener Anwalt

sein, und in der Aufregung der gegen mich geschleuderten Anklagen

vernachlässigte ich mein Geschäft. Fall folgte auf Fall; ich hatte den

klaren Blick, das persönliche Vertrauen verloren; das Chaos brach über

mir zusammen. Häuser kamen zur Subhastation, angefangene Bauten konnten

nicht vollendet werden, mehrere Eisenbahnlinien, zu denen schon die

Concession erlangt war, sanken im Cours, Alles sank -- nur der Proceß

wuchs riesengroß über meinem Haupte zusammen.

Ich hustete schon während des ganzen Sommers; innere und äußere

Aufregungen hatten Körper und Seele erschüttert. Der Arzt wünschte, daß

ich den Winter in einem milden Klima zubrächte; das hätte einer Flucht

ähnlich gesehen. Nein, ich wollte das Wrack aus dem Sturm retten; der

Steuermann muß bei seinem Schiffe bleiben. --

Ich warf Blut aus, mein Aussehen war in wenigen Wochen ein auffallend

anderes; dennoch fand ich keine Zeit, an mich zu denken.

Da kam die Untersuchungshaft; man fürchtete, ich werde flüchtig werden,

man wollte sich meiner Person vergewissern.

Der Polizeichef S., der sonst ein gerngesehener Gast bei unseren

Soireen war, hatte das traurige Amt, mich abzuführen. Er ließ es mich

einen Tag zuvor wissen; ich hätte entfliehen können; ich verachtete

es. Meine Freunde drangen in mich, sie beschworen mich bei meiner

zerrütteten Gesundheit; umsonst, ich blieb fest. Welchen Werth hatte

das Leben noch für mich? Meine Schuldlosigkeit mußte und sollte zu Tage

kommen, und wenn dann für mich die ewige Nacht kam, so war mir wohl. --

Polizeirath S. fuhr gegen 7 Uhr bei mir vor; ich folgte ihm. Als wir

das Opernhaus passirten, stieg eben eine fein gekleidete Dame, auf den

Arm des Baron L. gestützt, aus einer eleganten Equipage. Ich kannte

sie. Drinnen spielte man eben das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern“.

Es war die Erstlingsvorstellung; sie durfte nicht fehlen.

Wir fuhren an der Börse vorbei; ein Schauer packte mich; dann weiter

der Vorstadt zu; ich kannte dort manches Haus, in dem gute Menschen

wohnten, denen ich in meinen glücklichen Tagen Stütze und Trost

gewesen, die mich als ihren Erretter aus Noth und Elend verehrten; mir

wurde wärmer um’s Herz -- ich wußte doch, daß ich nicht umsonst gelebt

habe. -- Nun eine lange Reise an die Grenze des Landes.

Freund, wer wie ich gereist, in eleganten Schlafcoupés mit Diener und

Freund, dem wird es im engen Polizeiwagen unbequem. Die Nacht war kalt;

der Husten peinigte mich, ich wollte mich ausstrecken, wollte ruhen,

doch nein, die Nothwendigkeit machte mir es klar -- ich reiste als

Gefangener.

Endlich schloß ein wohlthätiger Schlaf die matten Augen. Ich träumte.

Da sah ich sie strotzend von Brillanten am Arme des Baron L. im Foyer

des Opernhauses auf und ab promeniren; die jungen Offiziere setzten die

Lorgnons auf, um sie besser zu fixiren, die alten Roués drückten ihr

freundschaftlich die Hand -- Madame war interessant geworden, sie war

~à la mode~. -- Die Frau des Gründers mochte sie nicht sein, sie war

die Maitresse des Barons. Da plötzlich fuhr ich wild auf. Noch war sie

nach allen Gesetzen meine Gattin; konnte ich sie nicht zwingen, zu mir

zurückzukehren?

Doch wer war ich? Ein Gefangener! Der Plan war sehr schlau, teuflisch

schlau in Scene gesetzt.

Nein, rief es in mir, und wenn sie jetzt fußfällig meine Verzeihung

erflehen wollte, ich konnte ihr nicht vergeben, sie nie wieder

an meiner Seite sehen. Ein Weib ohne Herz ist der Teufel in

Menschengestalt; hatte ich sie bis jetzt nur verachtet, so begann ich

sie zu hassen. In einem Anfall von Wuth beneidete ich die Barbaren,

die, ohne sich Convenienzen und Formeln fügen zu müssen, dreinschlagen

und in dem Augenblick der Wuth auch ihre Rache austoben lassen können.

Ja, rächen wollte ich mich an jenem feigen Gesindel, das einst an den

Rädern meines Glückswagens gezogen, mich verwöhnt, umschmeichelt,

hofirt hatte, und das nun, da der Glückswagen ein elender Karren

geworden, mich in Elend und Verzweiflung umkommen läßt.

Ich war also in der entfernten Grenzstadt D., wo ich während meiner

Untersuchungshaft bleiben sollte, angelangt. Ein Zimmer ohne jeglichen

Comfort wurde mir angewiesen. Der Diener meines Hauswarts hatte bei mir

eine behaglichere Einrichtung. Ein Sopha, dessen Sitz schon mehr einem

wattirten Brette glich, ein Spiegel, einen Fuß hoch und dito breit,

zwei wackelige Stühle, ein elendes Bett, ein dreibeiniger Tisch aus

Methusalem’s Zeiten, das war mein Mobilar.

Ihr habt oft über den Luxus in meinem Hause gespöttelt; wahrlich, er

war mir nicht Bedürfniß, nicht einmal sympathisch. Ella liebte ihn und

schaffte wohl Manches an, das eben sonst nur Fürstlichkeiten erlaubt

zu sein pflegt; ich hatte nichts dagegen; „man muß die Industrie

unterstützen“, sagte ich mir; wenn jeder Reiche das Geld im Geldkasten

verschließen wollte, wie sollten Handel und Gewerbe blühen? ~L’argent

veut circuler!~

Aber welcher Abstand von jenem „Zuviel“ bis zu dieser Dürftigkeit!

Gleich in der ersten Nacht hatte ich einen Hustenanfall, wie +ich+ ihn

vorher nicht gekannt. Die Brust preßte sich mir zusammen; ich rang nach

Athem, glaubte mich dem Ersticken nahe. In meiner Angst riß ich die

Fenster auf, ich rief nach Hilfe -- keine Menschenseele antwortete.

Unten hörte ich das Gekläff des Wachthundes; ~voilà tout~. Seit langen

Jahren empfand ich zum ersten Male, was es heißt: „Allein sein!“

Der Anfall ging vorüber, doch wünschte ich am folgenden Tage einen

Arzt. Dieser, ein Doctor Streit, musterte mich, als ich ihm meinen

Namen nannte, mit eigenem Blick; im Laufe des Gesprächs sagte er mir,

daß auch er Papiere der Nordbahn gekauft und nun die Hälfte beim Umsatz

verloren habe. Es klang wie eine Art Vorwurf, ja, an seiner gänzlichen

Theilnahmslosigkeit sah ich, daß er es fast für Pflicht hielt, den

Mann, der ihm Schaden verursacht, dafür büßen zu lassen. Medicamente

seien nicht nöthig, sagte er, einen Wärter oder Diener, den ich

wünschte, hielt er für überflüssig; ein leichter Hustenanfall führe

nicht gleich zum Erstickungstod. Leider war es so.

Du weißt, mit welcher Umständlichkeit man bei uns Processe führt! O,

es war zum Verzweifeln! Da saß ich nun in meinen vier Pfählen voll des

unersättlichen Thaten-, ja Rachedurstes und konnte Nichts thun, als

abwarten. Fehlt bei finanziellen Unternehmungen die leitende Hand, so

ist oft Alles verloren; ohne Selbstüberhebung wußte ich, daß ich die

Seele jener Schöpfungen war, die ich angeregt. -- Störe den Pulsschlag

des Herzens und es steht still, der Organismus ist todt; vernichte die

treibende Kraft, die Triebfeder eines jeden größeren Werkes, es steht

still. Ja, Alles stand still, nur ich rannte wie wüthend gegen die

Mauern meiner Zelle, als wollte ich mein Gehirn zersprengen.

Ella ließ mich durch ihren Anwalt mit der Scheidungsklage peinigen;

sie drohte mit weiterer Denunciation, falls ich sie nicht frei gäbe.

Ich schäumte vor Wuth ob solcher Verworfenheit. Das Weib, das einst

schmeichelnd in meinen Armen geruht, deren Wunsch mir Befehl war, der

ich mein geheimstes Denken und Wünschen anvertraut, sie konnte so

gesunken sein?

Noch eben mit diesen Ideen beschäftigt, hörte ich, wie an der Thür

meines Zimmernachbars gepocht wurde. Er war ein Kaufmann aus der

Provinz, der des betrügerischen Bankerotts angeklagt war. Ich hörte,

wie er die Thür öffnete. -- Ein Freudenschrei, ein langer, inniger

Kuß. Ich wußte genug. Beschämt, wie ein Bettler wandte ich mich von

jener Thür, an der ich soeben gelauscht. Drüben eine Scene innigsten

Familienglücks, hier die Qualen der Einsamkeit. Zu mir kam keine

theilnehmende, tröstende Gattin bis in die Kerkerzelle; ich war

verlassen, elend. Nie habe ich die ganze Schwere meines Geschicks so

furchtbar empfunden wie in jener Stunde.

Was ist aller Reichthum der Welt im Vergleich mit einer Menschenseele,

die uns gehört, die uns treu bleibt in Nacht und Elend, die uns

umfangen hält und wenn eine ganze Welt in Waffen entgegensteht. O

Karl, ich breitete meine Arme aus, als müsse ich ein Wesen umfassen,

an dessen Herzen ich mich ausweinen konnte; die Arme fielen schwer und

matt hernieder, ich war allein.

Drüben ging endlich die Thür. „Habe tausend Dank, Du Gute,“ hörte ich

meinen Nachbar sagen, „Du hast mich heut glücklicher gemacht, wie je

in den glücklichsten Tagen.“ Sie hielten sich wohl noch lange umfangen;

endlich vernahm ich: „Lebe wohl, es muß geschieden sein!“ Die Frau

ging einige Schritte der Treppe zu, doch nochmals und nochmals kehrte

sie zurück; endlich kam der Aufseher und bemerkte, daß die Stunde

abgelaufen sei. Ja wohl, dem Glücklichen schlägt keine Stunde!

„Grüß mir die Kinder!“ rief er ihr nach. Die Thür schloß sich. Die

Kinder! Welche Welt der Empfindungen durchwogte meinen Busen. Für wen

hatte ich mich gemüht? Jahrelang war es der innigste Wunsch meines

Herzens, ein trautes Kinderauge mir zulächeln zu sehen; ich glaubte das

Schicksal, das mir diesen heißesten Wunsch unerfüllt ließ, versöhnen

zu müssen, indem ich für die Kinder der Armen Gold mit vollen Händen

ausstreute. Hunderte erhielten durch mich Kleidung, Unterricht,

Versorgung -- unser Haus blieb kinderlos.

Heute danke ich meinem Schöpfer, daß es so gekommen. Was wäre aus den

Kindern einer solchen Mutter geworden? Man sagt, es liege im Blut,

daß sich ein Mensch gerade so und nicht anders entwickeln müsse.

Ich glaube es. Weder persönliche Einsicht, noch Erziehung, noch die

treffendsten Vernunftgründe können einen Menschen von der abschüssigen

Bahn abbringen, wenn ihn eine innewohnende Kraft zwingt; es giebt ewige

Naturgesetze, gegen die kein Kampf zum Sieg verhilft.

An mir fühlte ich, daß meine physischen Kräfte diesen Gesetzen

verfallen waren. Ich war nicht mehr ich selbst. Es ist schauerlich,

den Tod langsam, tappend, doch sicher heranschleichen zu sehen.

Ja, ich sehe ihm in’s Auge, doch ohne Grauen. Die Beweise meiner

Schuldlosigkeit häufen sich, alle Verdachtsgründe sind beseitigt,

meine Freilassung muß in den nächsten Tagen erfolgen. Der unbefleckte

Name ist gewahrt, und ein erfahrungs- und thatenreiches Leben, in dem

ich viel genützt, liegt hinter mir. Ich wandere nicht nach B. zurück;

ich habe Ordre gegeben, Alles zu realisiren und mit dem Erlös die

Forderungen zu decken. Zu Dir, mein Jugendfreund, will ich kommen;

ich bedarf des Freundes. Vielleicht, wenn ich einige Zeit unter

guten Menschen geweilt und Körper und Geist gekräftigt ist, kann ich

mich wieder den Geschäften widmen; doch ich fürchte fast, daß dies

eine trügerische Hoffnung ist. Eine Mission jedoch habe ich noch zu

erfüllen; jene sechzigtausend Thaler, die mir Ella mit teuflischer

Schlauheit abgeschwindelt, sollen ihr, da sie mich böswillig verlassen,

abgenommen und zur Deckung --

Hier endete die Mittheilung.

Ich brauchte lange Zeit, mich zu sammeln; mit hastigen Schritten ging

ich auf und ab; ein Diener, in der Vermuthung, ich wünsche etwas,

trat ein. Von ihm hörte ich, daß Berg gestern hier eingetroffen war,

er hatte nach meiner Wohnung gefragt, um mich zu besuchen; sein

Zustand hinderte ihn jedoch am Ausgehen. Er sandte heute früh nach dem

Arzte und hatte mir gegen Mittag ein Paar Zeilen nach meiner Wohnung

geschickt; da ich jedoch gleich von der Börse in’s Comptoir und von da

in’s Theater ging, konnte ich sie nicht erhalten. Nachdem ihm der Arzt

erklärt, daß sein Zustand das Schlimmste befürchten ließe, hatte er

nochmals nach mir gesendet; der Bote mußte mich von einem Schauspiel zu

einem Trauerspiel holen. -- Ich blieb die Nacht bei dem Entschlafenen,

eine schauerlich lange Nacht.

„Das ist das Ende eines aufregenden, thatenreichen Lebens!“ sagte ich

mir. Bilder buntester Art stiegen vor meinem Geiste auf, Zeitfragen,

auf die ich keine Antwort wußte.

Ist es nicht besser, im Dunkel der Mittelmäßigkeit dahin zu vegetiren,

ohne Schaffensdrang und Streben, als seine besten Kräfte an Probleme

zu setzen, die, falls sie wirklich erreicht werden, Neid, Mißgunst und

das ganze Heer der niedrigen Leidenschaften gleich einer wilden Meute

fessellos auf unser Leben einstürmen lassen?

Berg hatte sich kraft seines riesengroßen Fleißes und bedeutender

Begabung emporgearbeitet zu oft beneideter Höhe; er war ein Fürst im

Reich der Armen, ja, ich wußte es, sie küßten den Saum seines Kleides,

sie verehrten ihn mit innigster Dankbarkeit. Und die Reichen und die

Vornehmen, auch sie hatten um seine Gunst gebuhlt und jenes Weib,

es hatte sich gesonnt im Glanze seines Reichthums. -- Ha, als ich

ihrer gedachte, ballte ich die Hände krampfhaft; hätte ich sie da vor

mir gehabt, ich glaube, ich hätte sie züchtigen können. Doch einen

Trumpf wollte ich noch ausspielen, sie durfte nicht die reiche Witwe

des zu Grunde gerichteten Mannes bleiben; war sein Vermögen, wie sie

ihn denuncirt hatte, schwindelhaft erworben, so sollte sie auch zur

Herausgabe der schwindelhaft erworbenen sechzigtausend Thaler gezwungen

werden! In der Hoffnung, meinen Freund zu rächen, fand ich die Kraft,

das mir obliegende traurige Amt, ihn der allumfangenden Mutter Erde zu

übergeben, auszuführen.

Es war ein stilles Begräbniß. -- Er war ja ein ruinirter Mann; er hatte

nicht Weib, nicht Kind, wer sollte ihm folgen? Meine heißen Thränen

rollten auf sein Grab hernieder, der Prediger sprach ein kurzes Gebet;

-- ein müder Pilger war zur letzten Ruhe bestattet worden. -- Noch

vor Jahresfrist, da er ein Palais in der Residenz sein eigen nannte,

wäre seinem Leichenwagen ein unabsehbarer Conduct gefolgt; Palmen und

Kränze, umflorte Equipagen und in ihnen traurig scheinende Menschen

hätten zu seinem Leichengang gehört; heute hatte ihn nur ein Freund

hinausgeleitet, doch Einer, der seinen Werth voll und ganz erkannt.

Oeffentliche Blätter brachten bald die Nachricht von seinem Tode. Ein

mir bekannter Reporter wußte geschickt die Bemerkung einzustreuen,

daß ein Testament, nach welchem die seiner in Scheidung lebenden

Gattin geschenkten Gelder zur Deckung der Außenstände verwendet werden

sollen, existire, daß ein Freund des Verstorbenen, der ihm zuletzt

nahe gewesen, das Testament in Händen habe. Das wirkte mit wahrem

Knalleffect. -- Wer jener Freund sei, konnte den Betheiligten nicht

zweifelhaft sein; sie wußten, Berg sei in D. gestorben, und daß ich

jener Bevollmächtigte sei, mußte ihnen einleuchten.

Einige Tage nach jener Veröffentlichung erschien bei mir der Advocat

des Baron L. Er interpellirte mich, ob an jener Zeitungsnotiz etwas

Wahres sei und ob ich ihm Schriftstücke zeigen könne.

Ich durchschaute die Absicht und gewann dadurch den Muth zu

einer beinahe straffälligen Unwahrheit. Baron L. hatte nicht die

gefallsüchtige Frau, sondern ihr Geld gemeint. Dieses schien ihm

angefochten -- wer weiß, sagte ich mir, ob er sie nicht verläßt, wenn

er sie enterbt weiß, und dann hätte sie den Lohn ihres ruchlosen

Gebahrens. -- Ich theilte dem Advocaten mit, daß Berg mich auf seinem

Todtenbette zum Mitwisser aller ihrer Intriguen gemacht, daß er es

„schwarz auf Weiß“ hinterlassen, daß das ihr geschenkte Vermögen zur

Deckung seiner Gläubiger verwendet werden solle; Einsicht in die

Papiere könne ich ihm jetzt nicht geben, da diese schon an maßgebender

Stelle abgeliefert seien.

Ich galt als Ehrenmann; der Advocat, obwohl er keine Einsicht in die

Papiere erhalten, schenkte meinen Worten Glauben; er kehrte nach der

Residenz zurück und theilte dem Baron mit, daß, da ein Testament

existire, das jene Schenkung ungültig mache, und außerdem in Folge

unmotivirter Trennung eine Enterbung denkbar, es das Rathsamste sei,

Frau Berg von einem Processe zurückzuhalten, für dessen Durchführung

wenig Aussicht sei.

Mein Reporter arbeitete nun weiter; er sprach von Enthüllungen,

von Legaten, kurz, es wurde kaum bezweifelt, daß ein vollständig

rechtskräftiges Testament existire. -- Wie leichtgläubig ist doch die

Menge! Hätte das Fragment, das ich in Händen hatte, irgend welche

Rechtsgiltigkeit gehabt? Ich hätte günstigsten Falls eine moralische

Pression ausüben können! Doch ich ließ der Sache ihren Lauf; die

Nemesis sollte ihres Amtes allein walten.

Eben machte ich Anstalt, zur Börse zu gehen, als mein Freund athemlos

zu mir hereinstürzte.

„Was haben Sie da angestiftet, Freund?“ rief er mir zu, „Sie haben

Fatum gespielt und können möglicher Weise zur Rechenschaft gezogen

werden.“

„Was ist denn vorgefallen?“ fragte ich beunruhigt.

„Eben bekomme ich die Nachricht von Lieutenant Solm, daß Frau Berg,

die angebliche Braut des Baron L., in dessen Zimmer todt vorgefunden

worden; man spricht von einem Selbstmord, schreibt er mir. In ihren

krampfhaft verschlungenen Händen fand man einen Brief des Baron L.,

der einige Tage zuvor verreist war; er schrieb ihr in demselben, daß

seine derangirten Verhältnisse eine Heirat nicht gestatten; er habe

Ehrenschulden, die ihn, da nun auch das ihr angeblich gehörige Vermögen

confiscirt sei, wie er aus glaubwürdiger Quelle erfahren habe, zur

Auswanderung zwingen; er gehe nach Californien und bitte sie, keine

Nachforschungen anzustellen.“

Ich blieb noch lange sprachlos, nachdem mein Freund geendet. „Das war

eine schnelle Justiz!“ sagte ich endlich. „Kein irdischer Richter hätte

so scharf und so gerecht strafen können.“ Die Worte des Dichters:

Das Leben ist der Güter Höchstes nicht,

Der Uebel größtes aber ist die Schuld

traten urplötzlich vor meine Seele. -- Die Schuld war gesühnt, doch ein

energievoller, in weitesten Kreisen hochgeachteter Mann war durch die

Ränke und Treulosigkeit eines Weibes dem Ruine entgegengeführt

worden. --

[Illustration]

[Illustration]

Glaubenskämpfe.

Lebensbilder · 第 12 / 23 题