IV.

Die Gesellschaftszimmer in der Buchler’schen Wohnung waren glänzend

erleuchtet. Der Hausherr hatte all’ seine Bekannten und Freunde

eingeladen, Frau Räthin Sturm die ihrigen; auch Camilla’s Freundinnen

waren zahlreich vertreten, sie selbst erschien an der Seite ihrer

Mutter in herrlichem Schmuck; eine rosa Seidenrobe, reich mit Rosen und

Maiglöckchen garnirt, umgab die anmuthige Erscheinung; für Jeden hatte

sie ein bezauberndes Lächeln, für Buchler einen herzlichen Händedruck;

leise flüsterte sie ihm etwas in’s Ohr, worauf er in’s anstoßende

Zimmer hindeutete. Der Räthin Blick folgte seiner Handbewegung, doch

kaum glaubte sie sich halten zu können, als sie dort Dr. Richard,

dem sie schon seit vier Wochen jeden Verkehr mit Camilla untersagte,

stehen sah und gewahrte, wie er der Tochter soeben eine Kußhand sandte.

„Aber, bester Buchler,“ sagte sie, sich fassend, „wie konnten Sie Dr.

Richard einladen?“

„Das wird Ihnen, verehrte Räthin, meine liebe, kleine Frau sogleich

erzählen!“

Dies sagend, nahm er die vermeintliche Nichte, eine blühend hübsche

Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren, an der Hand und sie der Räthin

zuführend, fuhr er lebhaft fort: „Erlauben Sie, daß ich Ihnen zunächst

meine Frau --“

„O, machen Sie keinen Scherz, spielen Sie keine Comödie!“ unterbrach

ihn unwillig die Räthin.

„Mein Mann hat sich in der That einen kleinen Scherz erlaubt,“ nahm

Frau Anna das Wort, „um --“

„Ihr Mann? Ihr Mann?“ unterbrach dunkelroth vor Zorn die Räthin.

„Herr Buchler, haben Sie es gewagt, meine Tochter in Verruf zu bringen,

so --“

Sie ballte, aller Etiquette vergessend, drohend die schönen Händchen,

die Worte versagten ihr, doch beherrschte sie sich, um Niemandem ahnen

zu lassen, daß sie vor Wuth und Weh hätte aufschreien mögen.

Frau Anna, die offenbar Mitleid mit der dupirten Frau hatte, nahm

ihren Arm und führte sie mit den Worten: „Ich werde Ihnen über Alles

Aufklärung geben!“ in’s Nebenzimmer.

„Ah, Herr Professor!“ sagte sie, als sie anscheinend unvermuthet da den

Dr. Richard gewahrte, „macht Ihre neue Würde Sie so stolz, daß Sie sich

ganz von der Gesellschaft zurückziehen?“

Die Räthin horchte überrascht auf und Frau Anna, bemerkend, daß sie

Ihren Zweck erreicht, fügte zu ihr gewendet hinzu: „Herr Professor

Richard denkt in acht Tagen seine neue Stellung in Prag anzutreten!“

„Was höre ich?“ rief die Räthin, die mit einem Blick die Situation

erkannt und beschlossen hatte, aus ihr den bestmöglichen Nutzen zu

ziehen, „Sie sind zum Professor ernannt und lassen uns davon nichts

wissen?“ fragte sie halb vorwurfsvoll, halb beleidigt.

„Sie vergessen, Frau Räthin,“ sagte der junge Mann würdevoll, „daß Sie

mir seit Kurzem den Verkehr in Ihrem Hause untersagt haben und daß --“

„Aber mein bester Professor,“ unterbrach ihn die Räthin, ihr

liebenswürdigstes Lächeln auf ihre Wangen zaubernd, „was ist eine

Mutter nicht verpflichtet zu thun, wo es gilt, Ruf und Zukunft ihres

Kindes zu wahren?“

„So würden Sie,“ sagte der junge Mann, die dargebotene Hand ergreifend,

„dem Professor gestatten, was Sie dem stellenlosen Aspiranten

versagten?“

Die arme Frau schien einen harten Kampf mit sich zu kämpfen, doch nur

einen Augenblick. Die Gäste waren geladen, die Verlobung Camilla’s

inscenirt, Buchler war bereits verheiratet -- was blieb ihr übrig, als

gute Miene zum bösen Spiel zu machen?

„Mein sehnlichster Wunsch ist,“ sagte sie mit Würde, „meine Camilla

glücklich zu sehen; wenn Sie ihr, woran ich jetzt nicht zweifle, eine

gesicherte Zukunft bieten können --“

„Das kann er,“ unterbrach jetzt Buchler, der hinter der Portiere Alles

gehört; „ich übernehme die Garantie, daß unser Freund in zwei Jahren

ordentlicher Professor ist, und bis dahin reichen, wie ich sicher weiß,

seine --“

„Meine Camilla,“ unterbrach die Räthin selbstbewußt, „ist ja auch nicht

mittellos, und wenn sie Sie gern hat, so --“

„Fräulein Camilla, Fräulein Camilla!“ rief jetzt Buchler in den Saal

hinein, „kommen S’ mal schnell her und sagen S’ mal, ob Sie den da gern

haben?“

Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war mit einem Male auf das kleine

Cabinet gerichtet, auf das Camilla jetzt schnell zueilte.

„Ob ich ihn gern habe?“ rief sie, in Adalmar’s geöffnete Arme eilend

und seine leidenschaftlichen Küsse herzlich erwidernd. Die Räthin

zerdrückte ein Paar Thränen, man wußte nicht ob vor Rührung oder Wuth,

sich so mystificirt zu sehen, Buchler umarmte seine Frau und stellte

sie jetzt in aller Form den Anwesenden als die Herrin des Hauses

vor. Professor Detmold ging still bei Seite und murmelte sich etwas

von Treulosigkeit und Undankbarkeit in den grauen Bart, Frau Lorenz,

die heute die denkbar schönsten Schmachtlöckchen gedreht und ihre

großblumige Seidenrobe angelegt hatte, bekam plötzlich einen Weinkrampf

und mußte auf ihr Zimmer geführt werden, doch all das hinderte nicht

das Glück des jungen Paares, das jetzt herzlichst von allen Seiten

beglückwünscht wurde.

„Nein, diese Ueberraschung!“ hieß es allerseits, „wir waren auf

ganz etwas Anders gefaßt!“ „Ich weiß, ich weiß,“ sagte die Räthin

halblaut, „doch konnten Sie im Ernst denken, daß ich Camilla’s Jugend-

und Lebenslust den Launen eines alten, abgelebten Mannes opfern

würde? Zudem,“ setzte sie stolz hinzu, „wußten wir ja längst, daß er

verheiratet sei; wie hätte ich sonst meiner Tochter gestattet, so intim

mit ihm zu verkehren!“

„Sehen Sie, gute Räthin,“ sagte eine alte Klatschschwester, „wie man

Sie da ungerecht beschuldigt hat! Jedermann glaubte, man wußte selbst

nicht, wer das Gerücht ausgesprengt, Camilla sei die Braut des --“

„Ha, ha, ha,“ lachte die Räthin anscheinend belustigt, „meine Tochter

ist seit zwei Jahren mit Professor Richard versprochen, und wenn ich

mir selbst hie und da eine kleine Mystification erlaubt, so geschah es

nur, weil mich das Gerede belustigte, das sich, seitdem Herr Buchler zu

uns gezogen, überall entsponnen.“

„Sind Sie mir böse?“ fragte der Hausherr die Räthin, als er eben

erspäht hatte, wie sie allein in einer Fensternische stand.

„Ich schätze Sie zu hoch,“ entgegnete die kluge Frau, „um etwas an

Ihrer Handlungsweise tadeln zu können, bin ich doch sicher, daß Adalmar

nur Ihnen seine Berufung --“

„Pardon, wenn ich Sie unterbreche, Adalmar ist ein so kenntnißreicher

talentirter junger Mann, daß, wie mir Professor Wenzel schreibt, er

auch ohne jegliche Protection reussirt hätte!“

„Darüber habe ich nun so meine eigenen Gedanken!“ sagte mit abwehrender

Bewegung die kleine Frau, „doch wie dem auch sei -- Adalmar ist heute

in einer Stellung, daß ich ihm gern meine Tochter zur Frau gebe, und

Sie, Sie haben uns eine so herrliche, liebenswürdige Dame als Ihre

Gattin vorgestellt, daß ich Sie nur bitten kann, unsere früheren

freundschaftlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten.“

„An Ihnen ist ein Diplomat verloren gegangen, liebe Räthin,“ sagte

Buchler, der wohl erkannte, wie schwer es der Räthin wurde, gegen ihn

in dieser Weise liebenswürdig zu sein, „aber auch meine Anna ist

eine Diplomatin, und daß ich es Ihnen nur offen gestehe, sie ist die

eigentliche Urheberin des ganzen Planes; als ich ihr mittheilte, wie

sehr mich Ihre Camilla interessirt, wie sie unglücklich liebt und von

dem Manne ihrer Wahl getrennt werden soll, da war sie es, die mir die

Idee eingab, den jungen Leuten hilfreich zu sein, und, schrieb sie

damals, wenn Du meine volle Anerkennung erringen willst, so manövrirst

Du so, daß das Fest, das Du bei meinem Eintreffen geben willst,

gleicher Zeit Camilla’s Verlobungsfest ist.“

„Nicht der gewandteste Regisseur,“ entgegnete die Räthin, „hätte das

Stück besser in Scene setzen können -- nur, lieber Herr Buchler, einen

kleinen Vorwurf kann ich Ihnen nicht ersparen: Warum haben Sie mich

nicht ein bischen hinter die Coulissen gucken lassen?“

„Ich habe strengstes Amtsgeheimniß gelobt!“ entgegnete Buchler,

„und war für den Erfolg des Stückes meinem in Innsbruck weilenden

Oberregisseur verantwortlich.“ Er schaute sich im Saal um, um seinen

Oberregisseur zu suchen, doch dieser schien verschwunden. „Wo ist meine

Anna?“ fragte er Professor Richard, „ich sah sie zuletzt mit Ihnen

sprechen?“

„Man hat sie eben zu Frau Lorenz gerufen, die sie in wichtiger

Angelegenheit zu sprechen verlangte!“

Eilig durchschritt Buchler mehrere Räume und war endlich am Zimmer der

Haushälterin, deren Schluchzen er schon von fern hörte, angelangt.

„Sagen Sie mir, Sie selbst,“ bat sie mit geschlungenen Händen seine

Gattin, „ob es denn wahr ist, wahr sein kann, daß Sie -- Sie seine

Nichte -- nun mit einem Male seine Gattin sein sollen?“

„Und was kann Sie denn dabei, meine liebe Frau Lorenz, in eine solche

Aufregung versetzen?“

„Ach mein Gott, mein Gott!“ rief die arme Frau, „unser Einer hat doch

auch ein Herz, und der gnädige Herr war stets so gut mit mir, und dann

sprach er von einem Verlobungsfest, ich solle mich nur recht schön

machen, damit er Ehre einlegen könne, er wolle mich zuvor schon all

seinen Verwandten vorstellen, und dann kamen Sie, gnädige Frau, und er

sagte: Siehst Du, liebe Nichte, das ist meine liebe Lorenz, die so brav

für mich gesorgt hat, daß --“ Thränen erstickten ihre Stimme.

„Nun ja, meine liebe Lorenz,“ sagte der Hausherr jetzt hervortretend,

„haben Sie bisher brav für mich gesorgt, so will ich auch ferner

brav für Sie sorgen; daß indeß Ihr liebebedürftiges Herz meiner Frau

Concurrenz machen wollte, geht doch nicht! Wenn Sie mir sagen wollen,

auf wen Ihre schönen, schwarzen Augen sonst einen Eindruck gemacht --“

„Jetzt führen Sie nun schon wieder so gottlose Reden!“ unterbrach

ihn unwillig Frau Lorenz; „da haben Sie mir so lange von meinen

schönen, schwarzen Augen gesprochen, bis ich dumm genug war, daran

zu glauben, daß, daß --“ sie schluchzte wiederum so heftig, daß Frau

Anna jetzt ihrem Gatten ernstliche Vorwürfe machte, ein, wie sie in

gut angenommenem Ernst sagte, so frevles Spiel mit den heiligsten

Empfindungen des Frauenherzens getrieben zu haben.

Frau Anna schien sich prächtig auf das Gardinenpredigen zu verstehen,

so prächtig, daß selbst der grollenden Schönen, die Alles für baare

Münze nahm, es nun genug des grausamen Ernstes schien und sie selbst

der von sittlicher Entrüstung erfüllten Gattin in’s Wort fiel und

um Schonung für Denjenigen bat, dem sie ungeachtet der bitteren

Enttäuschung doch nicht ernstlich gram sein konnte.

Die beiden Gatten kehrten, nachdem die Lorenz sich endlich in ihr

Unglück zu finden schien, in den Salon zurück wo man eben im Begriffe

war, zu Tisch zu gehen.

Das glückliche Brautpaar saß obenan, die Räthin nahm ihm zur rechten,

das Buchler’sche Ehepaar zur linken Seite Platz. Professor Detmold war

verschwunden. Man toastirte, aß, trank und war in heiterster Stimmung.

Professor Richard war die Hauptperson des Abends; man beglückwünschte

ihn nicht nur zu der schönen Braut, die ihm ja, wie Alle nun trotz

aller gegentheiligen Annahmen sehr wohl wußten, längst verlobt war,

mehr noch zu der so schnell erlangten Professur, die seine Zukunft zu

einer so glänzenden gestaltete. Die Frau Professorin ~in spe~ leuchtete

vor Wonne und Seligkeit, und als die Champagnerkorke knallten und

Alles in Lust und heiterer Laune aufjubelte, umarmte sie die auf ihr

dereinstiges Familienglück toastirende Mrs. Buchler, und als deren

Gatte nun auch sein Theil begehrte, sich als den eigentlichen Anstifter

des heutigen Festes gerirend, da hatte auch er einen herzlichen Kuß

weg, ehe er recht wußte, wie ihm geschah.

Dem so sonderbar improvisirten Verlobungsfeste folgte einige Monate

hernach ein von der Räthin ganz nach strengstem Hofceremoniell

inscenirtes Hochzeitsfest.

„Mein Schwiegersohn, der Herr Professor!“ war bei ihr stehende

Redensart geworden; er war jetzt der vorzüglichste, tüchtigste,

strebsamste Mensch, und so oft sie Camilla an seiner Seite sah,

intonirte sie die schon ehedem angewandte Redensart: „Ist sie nicht ein

rechtes Glückskind?“

[Illustration]

[Illustration]

Aus dem Leben eines Gründers.

Ich war im Theater. Eben war der Vorhang gefallen, das Publikum

klatschte enthusiastisch Beifall. Frau von Straß hatte in Laube’s „Böse

Zungen“ ihren zündenden Monolog gehalten und wurde durch mehrmaligen

Hervorruf geehrt.

Noch ganz unter dem Einflusse des herrlich gemalten Zeitbildes, das

da vor unsern Augen entrollt worden, bemerkte ich nicht, wie der

Logendiener an mich herantrat; erst als er ein versiegeltes Briefchen

mir dicht vor die Augen hielt, wandte ich mich um.

„Ein Kellner aus dem ~Hôtel de Russie~ wartet auf Bescheid!“ sagte

er mir.

Ich erbrach das Schreiben. Es waren die Schriftzüge meines

Jugendfreundes Berg, doch zitternd und flüchtig. Er schrieb:

„Eile zu mir; meine Stunden sind gezählt; ich habe Dir wichtige

Mittheilungen zu machen!“

Ich griff nach Hut und Stock und folgte dem draußen harrenden Diener.

Aufregende Vermuthungen durchzuckten mein Hirn; wie kommt Berg hierher?

fragte ich mich; hat er wieder eine verunglückte Speculation, einen

Kampf mit der Regierung? Doch schon war ich vor dem Hotel angelangt.

„Sie werden erwartet, eilen Sie!“ sagte mir am Eingang Professor Sonn;

„ich komme soeben von Ihrem Freunde, er ist hoffnungslos.“

Ich flog die Treppe hinan, schon hatte der Diener die Thür geöffnet;

ein halblautes, unterdrücktes Stöhnen drang an mein Ohr. Ich schlug

die Portieren zum Seitenzimmer zurück und blickte in das matte, halb

gebrochene Auge des einst so lebensfreudigen, thatendürstenden Mannes.

Wohl mit einer gewaltigen Schmerzensregung kämpfend, hatte er mich

nicht erblickt; ich stand vernichtet; ich hörte mein Herz klopfen und

hatte nicht den Muth, eine Frage an den Kranken zu richten, fürchtend,

er könne am Ton meiner Stimme meine Gemüthsaufregung und seine

Hoffnungslosigkeit erkennen.

Jetzt erhob er den Blick. „Bist Du’s endlich!“ sagte er, mir die matte

Hand entgegenstreckend, „o wie freue ich mich, Dich noch einmal zu

sehen; seit heute Mittag sende ich schon Boten aus, die Dich weder im

Geschäft, noch an der ~Table d’hôte~, noch --“

Er konnte nicht vollenden; angstvoll griff er nach der Herzgegend, als

ob da ein Krampf wüthe, der ihn zu ersticken drohte. -- Er rang nach

Luft; die Hände auf die Brust pressend, röchelte er mit gewaltiger

Kraftanstrengung; es sollten Worte sein, doch verstand ich sie nicht zu

deuten. „Dort! Nimm!“ brachte er endlich mühsam heraus, mit dem Finger

auf ein aufgeschlagenes Buch deutend. Der Krampf schien sich zu legen,

er sank ohnmächtig in die Kissen. „Lies!“ hauchte er mit matter Stimme,

nachdem er eine Weile geruht. Ich durchblätterte das Buch, es war von

seiner Hand geschrieben. „Meine Schicksale!“ begann er mit sichtbarer

Anstrengung. „Ich gehe als ein Nichts aus der Welt und weiß doch, daß

ich dieser Welt eine übermenschliche Thatkraft geweiht habe. Ich habe

Gutes gewollt,“ setzte er nach einer Weile hinzu, „meine Mittel waren

edel; ich hatte die Anerkennung von Fürst und Volk -- --“

Ein wiederholter Krampfanfall, dann, nach einigen Minuten qualvollen

Ringens ein heftiger Blutsturz -- Berg lag als Leiche in meinen Armen.

Ich war versteinert; den Kopf des todten Freundes in meinen Händen

haltend, saß ich regungslos da; ich fühlte nichts, ich dachte nichts,

eine gänzliche Starrheit lähmte mir die Glieder.

„Mein Theodor!“ rang es sich endlich schmerzerfüllt aus meiner Brust

empor; ich drückte einen langen Kuß auf die eisig kalte Stirn und

weinte bitterlich.

Die Thräne hat eine erlösende Kraft; so selten sie im Auge des Mannes

ist, so schwer muß das Schicksal sein, das sie aus ihrem finstern

Verließ an’s Licht ruft. Je mehr der Thränen mir in den nun schon

silbergrauen Bart rannen, desto mehr Bilder und Erinnerungen, die sich

an das Leben des Entschlafenen knüpften, tauchten vor meinem geistigen

Auge auf.

Wir hatten die Schulzeit gemeinsam zurückgelegt, hatten als Studenten

gezecht und gepaukt, uns gemeinsam in unserer Sturm- und Drangperiode

die weitesten Ziele gesteckt und sie zu erreichen geglaubt, im

Mannesalter redlich gerungen um die höchsten Güter der Menschheit, um

Familienglück und Völkerwohl, und nun --

Wieder überlief es mich eiskalt. Ich legte das Haupt des müden Kämpfers

zurück in die Kissen, säuberte meine Kleider und griff nach dem

Vermächtniß des Jugendfreundes. Er schrieb:

Mein Karl!

Ich habe heute nach sechsmonatlicher Untersuchungshaft das Gefängniß

verlassen; der Arzt erklärt mir, daß ich mich rüsten möge, in die große

Armee einzutreten; vielleicht gibt mir der Herr der Heerschaaren, ehe

er mich als treuen Recruten mit obligatem Eide verpflichtet, noch Zeit

und Kraft, Einiges zu erzählen, das Klarheit und Wahrheit in ein viel

angefeindetes, oft absichtlich verkanntes, oft schnöde beurtheiltes

Leben bringen wird. Ich fühle mich zwar unendlich schwach; der Mangel

jeden Comforts, die ungesunde Luft im Gefängnißraum, schlechte Kost

haben den ohnehin verwöhnten und kranken, der besten Pflege bedürftigen

Körper zum Siechthum gebracht.

Was liegt daran? -- Ich hatte meine Mission erfüllt, oder zu erfüllen

geglaubt; nicht Eigennutz, Du weißt es, war die Triebfeder meines

Handelns. Millionen flossen durch meine Hände, für mich blieb nur,

was ich als anständiger Privatmann nöthig hatte. Fürsten und Herzoge

verkehrten bei mir, ich blieb wer ich war, der einfache Industrielle,

der als solcher stolz auf seine Verdienste war und Adelsdiplom und

Orden von sich wies.

Als Du vor zwei Jahren in B. mein Gast warst, stand ich im Zenith

meiner Thätigkeit. Von da ging es rasend bergab; ich verlor, was ich

mühsam erworben, Geld läßt sich zwar verschmerzen, es kommt auch

wieder, aber, was mich tiefer drückte, meine redlichen, nur auf das

Gemeinwohl gerichteten Bestrebungen wurden verdächtigt; wo ich, um

wohlzuthun, Geld mit vollen Händen ausstreute, da hieß es: eitele

Prahlerei. Ich konnte nun einmal nicht einsehen, daß Tausende darben

sollten, damit Einer genieße. Du weißt, ich ließ damals, als der Prinz

X. sich bei mir ansagte und in Folge dessen schon Einladungen an die

~haute finance~ und Adelsgesellschaft ergangen waren, plötzlich

unter dem Vorwande, meine Frau sei erkrankt, absagen; man hatte mir die

Berechnung des Festes auf dreitausend Thaler gemacht; diese Ausgabe,

angesichts der allgemeinen Arbeitslosigkeit und grimmigen Kälte, die

Tausende armer Menschen vor Frost umkommen ließ, schien mir zu groß

für die Freuden einer Ballnacht. Ich legte eine gleiche Summe dazu

und gab Auftrag Holz an die Armen der Residenz vertheilen; die mir

entstehenden kleinen häuslichen Zwistigkeiten meiner Frau, die sich auf

den glänzenden Ball piquirt hatte, ließen mich diesmal kalt; mir war

es im Herzen so herrlich warm, dachte ich daran, wie die Eisblumen an

den Fenstern der Armen vor der belebenden Gluth des Ofens schwanden,

die steifen Glieder sich wieder bewegen lernten, und Tausende, ohne zu

wissen, wer ihnen wohlgethan, des Wohlthäters dankend gedachten.

Ja, Karl, dieser leidige Idealismus trieb mich mancher „Thorheit“, wie

es die Leute nennen, in die Arme. Warum hat auch der Mensch ein Herz,

das Theil nimmt an den Leiden und Freuden seiner Mitmenschen? -- Und

doch könnte ich heute von Neuem mein Leben beginnen, ich würde von

Neuem so anfangen. Es gibt Irrungen, die so süß sind, daß man viel

Bitteres in den Kauf nehmen und doch sagen kann: „Das Leben ist werth,

gelebt zu werden!“

Zwei unheilvolle Jahre trennen uns. Höre also! Ich hatte damals den

Adel refüsirt; Du weißt, ich verachte Alles, was äußerlich ist.

Innerlich fühlte ich mich jedem Adeligen mindestens vollkommen

ebenbürtig, wozu der Tand also? Das konnte man mir bei Hofe nicht

verzeihen. Der Kronprinz hatte mir zuvor seinen Besuch anzeigen lassen,

angeblich wollte er meine Gemäldegalerie in Augenschein nehmen, er

kam hernach nicht; meine finanziellen Unternehmungen wurden in den

der Regierung ergebenen Blättern einer strengen Kritik unterzogen;

man konnte mich nicht direct angreifen, doch man unterminirte das

feindliche Terrain. Meine Freunde, o ja, ich hatte deren, machten mich

aufmerksam, jener bedeutsamen Großmacht, „öffentliche Meinung“ genannt,

mehr Beachtung zu schenken. Ich, im Vollgefühle dessen, was ich zur

Hebung des Volkswohls gethan, zuckte verächtlich die Achseln. Hätte

ich, durch den Tausende und abermals Tausende an allen Grenzen des

Vaterlandes Arbeit und Fortkommen gefunden, erst um die Gunst Einzelner

buhlen sollen, damit ich richtig beurtheilt würde? Ich verachtete das

elende Zeitungsgeschwätz, ignorirte die Weitschweifigkeit, mit der

einzelne Volksredner, die nach Popularität rangen, meine Unternehmungen

mit der Leuchte ihres beschränkten Unterthanenverstandes kritisirten.

Doch so sehr ich mich selbst überzeugt hielt, nur das Rechte und Gute

zu wollen, es kam bald eine Zeit, da ich selbst meine Nächsten nicht

davon überzeugen konnte. Meine Gattin zeigte sich, je mehr die Wogen

der allgemeinen Unbill mich umdrängten, um so kälter und gefühlloser;

sie hielt mich heute für einen waghalsigen Speculanten, morgen für

einen hirnlosen Phantasten, kurz, wenngleich ich ein verständnißvolles

Eingehen auf meine Intentionen nie bei ihr gekannt habe, so hätte

ich doch gern nach des Tages Arbeit und Anfeindungen ein herzliches

Entgegenkommen von ihr gewünscht; sie war kalt und rücksichtslos. Ich

war der arme, reiche Mann, der Tausenden ein Heim bereiten konnte und

selbst keines besaß. Ella konnte mir nicht verzeihen, daß ich die Gunst

des Hofes verscherzt; als künftige Freifrau hätte sie sich vielbeneidet

gesehen! Ihrer Phantasie war alles Bürgerliche bereits entfremdet;

das Tafelservice, die Livreen für die Dienerschaft, Alles war schon

mit Kronen und Wappen bestellt worden, und da begeht der „tölpelhafte

Bourgeois“ die Lächerlichkeit, die Auszeichnung von sich zu weisen! Es

war auch zu tölpelhaft!

Eines Morgens warte ich vergeblich, Madame beim Kaffee erscheinen zu

sehen; ich habe schon diverse Zeitungen durchblättert, hier und dort

das Damoklesschwert über meinen waghalsigen Unternehmungen hängen sehen

-- man hatte in Volksversammlungen gewarnt, sich an Emissionen, die

meinen Namen tragen, zu betheiligen -- doch das Alles sollte mir meinen

Morgenimbiß nicht stören; ich gehe, um nicht länger zu warten, in

Madames Boudoir, sie zu bitten, den Kaffee mit mir zu nehmen, da finde

ich statt ihrer ein Billet und die Zofe sagt mir, die gnädige Frau sei

diesen Morgen 7 Uhr verreist. Ich öffne das Billet.

„Mein Herr! Sie können nicht verlangen, nachdem ich nun jahrelang ihr

abenteuerliches Leben getheilt, daß ich demselben ferner meine Jugend

und Lebensfreude opfere. Ich lebe um zu genießen, zu glänzen; Ihre

philisterhaften Marotten müssen Sie in’s Unglück stürzen; ich mag es

nicht theilen. Baron L. bietet mir Herz und Hand; willigen Sie in die

Scheidung, ich bitte Sie darum; mein Platz ist nicht an Ihrer Seite.

Ich habe kein Verständniß für Ihre Bestrebungen. Sie nicht für die

meinigen. Lassen Sie uns gute Freunde bleiben!

Lebensbilder · 第 11 / 23 题