Doctor Richard hatte bei Professor Wenzel die freundlichste Aufnahme
gefunden. Wenzel war dem reichen Onkel, der ihn während seiner ganzen
Studienzeit und auch noch hernach, als er schon die Examina hinter
sich hatte, unterstützte, zu größtem Danke verpflichtet und sichtlich
erfreut, eine Gelegenheit zu haben, diesen Dank abzustatten. Eine
Professur an der Prager Universität war zu vergeben, doch war dies
Sache des Unterrichtsministers, dem sich Dr. Richard, versehen mit
Empfehlungsschreiben und eingeführt durch die denkbar günstigsten
Protectionen, demnächst vorstellen sollte. Professor Wenzel galt als
ein unparteiischer, streng rechtlicher Mann, dessen Empfehlung ein
großer Werth beigelegt wurde. Gar bald stand es außer allem Zweifel,
daß Dr. Richard demnächst als außerordentlicher Professor angestellt
sein würde. Ueberglücklich meldete er dies dem guten Buchler, der
sich ganz in die Rolle seines Beschützers hineingelebt hatte. Camilla
wußte nicht, wie und wodurch sie dem kreuzbraven Mann, der, obgleich
er ein Fremder war, ihnen ein so lebhaftes Interesse entgegenbrachte,
danken sollte. Sobald sie ihn sah, leuchtete ihr Gesicht, sie eilte auf
ihn zu und drückte ihm mit Herzlichkeit die Hand; sie hatte so viele
kleine Aufmerksamkeiten für ihn, daß die Räthin, die sonst Camilla’s
Zurückhaltung den Herren gegenüber stets getadelt hatte, fast zu
glauben begann, Camilla liebe ihn wirklich. -- Wenn sie dann mit ihr
von der glänzenden Zukunft sprach, lächelte das junge Mädchen still
vergnügt in sich hinein und sagte wohl manchmal: „Mütterchen, Du ahnst
gar nicht, wie und warum ich unsern braven Buchler so lieb habe!“
„Ja aber, warum macht ihr denn nicht endlich Anstalt?“ fragte die sehr
praktische Frau; „sein Haus ist eingerichtet, Deine Aussteuer ist
längst fertig, ich weiß wirklich nicht, worauf ihr wartet.“
„Ein Geheimniß, Mütterchen,“ flüsterte Camilla überglücklich.
„Aber, beste Tochter, wer wird vor der eigenen Mutter Geheimnisse
haben!“
„Ein klein wenig will ich Dir verrathen, aber Du darfst, nach dem, was
ich Dir mitgetheilt habe, nicht weiter fragen!“
„Du machst mich wirklich neugierig.“
Camilla rückte ihren Sessel ganz dicht an den der Mutter und flüsterte
ihr in’s Ohr: „Buchler strebt einen Titel an! Er hat schon die
einleitenden Schritte gethan!“
„Ah so!“ rief die Räthin erleichtert; „nun wird mir Alles klar! Aber
was für einen Titel kann er denn --“
„Lieb’ Mütterchen, nicht weiter fragen!“ unterbrach sie Camilla, „das
wäre gegen die Verabredung!“
„Du meinst einen Orden, mein Kind!“ entgegnete wiederum die Räthin,
die ihren Scharfsinn vergeblich anstrengte, zu erdenken, welchen Titel
ein Mann in Buchler’s Stellung erhalten könne. Doch Camilla hielt
consequent den Finger auf den Mund gelegt und antwortete nichts weiter.
„Nun, die Sache ist spaßhaft,“ sagte die Räthin nach einer Weile,
„nicht minder spaßhaft, wie das, was mir Buchler gestern über die
Lorenz mitgetheilt.“
„Und was denn?“
„Denk’ Dir, diese alte Hexe bildet sich ein, er werde sie heiraten, und
sie wendet alle möglichen Schönheitsmittel an, ihm zu gefallen.“
Camilla lachte laut auf. „Das ist in der That sonderbar! Ich vermuthete
wohl, daß irgend Jemand seinem Herzen nahe stehe und weiß sogar, daß
er, um Professor Detmold, der seine erste Gattin wie eine Heilige
verehrt, zu schonen, nie davon sprach, doch -- die Lorenz, die sollte
doch längst über die Zeit, in der man Heiratsprojecte hegt, hinüber
sein!“
„An ihr hat meine Camilla keine Concurrentin,“ sagte die Räthin, die
anmuthige Gestalt des jungen Mädchens mit den Augen verschlingend.
„Darüber kannst Du beruhigt sein, Mütterchen,“ entgegnete Camilla
sichtlich belustigt; „Derjenige, der mich liebt, kennt keine Madame
Lorenz!“
Wochen waren wiederum vergangen, Dr. Richard war zurückgekehrt und
glaubte seine Professur so gut wie gesichert. Mit warmen Worten dankte
er dem guten Buchler für seine Empfehlung, doch dieser wies jede
Anerkennung zurück.
„Macht mir ja selbst die größte Freude,“ sagte er, „wenn ich Andern
nützlich sein kann. Habe da nämlich,“ fuhr er nach einigem Besinnen
fort, „einen verteufelt schönen Plan, an dessen Ausführung ich schon
lange arbeite. -- Denken Sie, Ihr Decret in vier Wochen haben zu
können?“
„Wenn ich überhaupt der Glückliche bin, auf den die Wahl fällt, schon
in vierzehn Tagen!“
„~Very well!~ Da versprechen Sie mir, Ihr Geheimniß so lange zu wahren,
bis --“
„Doch Camilla darf erfahren,“ unterbrach Dr. Richard, „daß ich --“
„Camilla, ja, wenn sie schweigen und sich beherrschen kann. Ich
erwarte nämlich heute in vier Wochen lieben Besuch, dem zu Ehren ich
ein hübsches Familienfest arrangiren möchte. Ich habe die Räthin und
auch Frau Lorenz schon für das Arrangement desselben interessirt und
durchblicken lassen, daß man ein Verlobungsfest feiern wird. Beide
gehen mit riesigem Eifer in’s Zeug, denn sonderbarerweise glauben sich
Beide bei der Verlobung interessirt.“
„Meine Schwiegermama ~in spe~ wird doch nicht gar auf ihre alten
Tage --“
„Ihre Braut war zartfühlend genug, Sie nicht von den Plänen ihrer
Mutter in Kenntniß zu setzen,“ unterbrach Buchler; „die vorsorgliche
Frau glaubte nämlich eine Verbindung ihrer Tochter mit --“
„O, ich errathe!“ rief Dr. Richard, indem er sich entfärbte und fast
ohnmächtig in den Stuhl sank; doch bald sich fassend, fuhr er fort:
„Und wie soll ich Ihnen nun doppelt, nein zehnfach danken, verehrter
Freund, daß Sie, der Sie ja, wie ich weiß, Camilla so überaus schätzen,
mir zuliebe Verzicht leisteten!“
„Machen Sie mich nicht zum Helden!“ entgegnete Buchler still lächelnd;
„wer weiß, wenn --“ er hielt inne.
„Wenn Camilla Ihnen nicht kluger Weise gebeichtet hätte, daß sie mich
liebt?“ forschte Dr. Richard.
„Nein, mein Freund, es spielt da noch ein anderes ‚Wenn‘, das bis in
vier Wochen mein Geheimniß bleibt; -- doch vertrauen Sie mir, Ihre
Camilla wird die Ihrige, so wenig auch heute unsere gute Räthin daran
denkt! Hat sie erst einmal die Einladungen zur Verlobung ausgesendet,
die Arrangements getroffen und sieht sie, daß der alte Buchler so ein
unverbesserlicher Hausnarr ist, der stets seine Extra-Possen im Kopf
hat, so wird sie schon hernach --“
„Aber sie wird all’ ihren Bekannten sagen, daß Camilla ihre Verlobung
mit Ihnen feiern wird?“ unterbrach Dr. Richard, die Stirne finster
runzelnd.
„Halten Sie mich für einen solchen Schwachkopf, daß ich, wenn ich etwas
in Scene setze, die Pointen vergesse. Ihre liebe Schwiegermama muß mir
das Wort geben, Niemandem zu sagen, mit wem sich Camilla verlobt; es
soll ihr und vielen Anderen eine Ueberraschung sein.“
Und in der That. Woche auf Woche verging, die sehnlichst erwartete
Ernennung war eingetroffen, die beiden Liebenden hätten es zwar gern
hinaus gejubelt in alle Lüfte, doch sie schwiegen eben so gern, da der
gute Papa Buchler, wie sie ihn nun nannten, es so wollte. „Kinder,“
sagte er, zwei Tage vor dem längst besprochenen Feste, „heute begleitet
Ihr mich zu der Bahn. Um 6 Uhr treffen meine Gäste aus Innsbruck ein!“
„Aber Sie wissen ja, bester Freund,“ entgegnete Dr. Richard, „daß
Camilla nach dem neuesten Verdict der gestrengen Mama sich nicht mit
mir zeigen darf!“
„So fahre ich mit Fräulein Camilla zur Bahn und wir treffen Sie
draußen, Herr Professor,“ sagte Buchler, das letzte Wort so stark
accentuirend, als thäte er sich selbst auf die neu verliehene Würde
etwas zugute.
„Wollen Sie uns heute auch noch nicht sagen,“ forschte Camilla, „wen
Sie erwarten?“
„Nun, meinethalben, wenn Sie mir versprechen, Freund Detmold nichts zu
verrathen!“
Beide gelobten Schweigen und so begann Buchler, während sein Auge in
Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, strahlte: „Bald drei Monate
sind es, daß ich mit meiner Frau in Triest landete --“
„Mit Ihrer Frau?“ unterbrachen Beide wie aus Einem Munde.
„Mit meiner Frau!“ bestätigte Buchler schmunzelnd. „Der gute Detmold
hat mich hier in den Ruf eines trauernden, womöglich gar eines
heiratslustigen Witwers gebracht, und da mich die Sache zuerst
amüsirte, ich hernach, da ich sah, mit welcher Pietät er das Andenken
an meine verstorbene Gattin bewahrte, sein zart besaitetes Gemüth durch
die Mittheilung, daß ich seit zwei Jahren wieder vermält sei, zu
verletzen fürchtete, störte ich die vorgefaßte Meinung nicht, um so
weniger, da ich mich in jeder Hinsicht gut dadurch befand. Ihre Mama,
liebe Camilla, wußte mir das Haus sehr angenehm zu machen, Detmold
blieb mir ein treuer Freund und ~last, not least~ selbst meine gute
Frau Lorenz hegte und pflegte mich, daß ich mich durchaus bei meiner
Witwerschaft wohl fühlte. Vielleicht hätte ich schon eher den Schleier
gelüftet, denn gar oft drückte es mir das Herz ab, daß ich zu Niemandem
von meiner braven Gattin sprechen konnte, doch da kam Euer Liebesroman
dazwischen, den ich mir nun einmal, ein närrischer Kauz, wie ich es
bin, vorgenommen, zum definitiven Abschluß zu bringen. Consequent mußte
ich also meine Rolle durchführen, sonst hätte ich morgen nicht das
Vergnügen, Euer Verlobungsfest feiern zu können!“
„Sie guter, edler Mensch,“ riefen Beide, ihm zärtlich die Hände
drückend.
„Doch nun,“ begann Camilla mit feinem Tact, „nun plaudern Sie uns von
Ihrer Gattin, die ich wie eine Schwester lieb haben will!“
„Auch sie sehnt sich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Camilla, und zählt
die Stunden bis --“
„Aber, verzeihen Sie meine Frage,“ unterbrach das junge Mädchen,
„wie konnten Sie, ein so gemüthvoller, häuslicher Mann, es über sich
gewinnen, drei Monate von einer sicher sehr liebenswürdigen Gattin
getrennt zu sein?“
„Meiner Anna,“ entgegnete Buchler, „war schon in Calcutta eine Cur
in Franzensbad verordnet worden; von Triest aus fuhren wir direct
dorthin und nachdem meine Gattin einen geeigneten Kreis von Bekannten
gefunden, beschloß ich, nach Wien zu reisen, um das Haus inzwischen so
einzurichten, daß, wenn sie einträfe, Alles geordnet sei, in längstens
vier Wochen hoffte ich, meine Gattin hier zu sehen, da will es der
böse oder der glückliche Zufall, ich weiß es selber nicht, daß sie
in Franzensbad eine Nichte trifft, die sie einladet, die Nachcur auf
ihrem Gute bei Innsbruck zu halten. Der Aufenthalt in Franzensbad wurde
auf sechs Wochen ausgedehnt, die Nachcur sollte nur vierzehn Tage in
Anspruch nehmen, doch da erwartet man im Hause der Nichte einen kleinen
Weltbürger und meine gute Anna kann selbstverständlich die Verwandte
in dieser hoffnungsvollen Zeit nicht allein lassen; nun, Gottlob, ist
aber Alles überstanden und -- wenngleich ich mich in der Zeit meines
Strohwitwerthums recht wohl befunden, zähle ich doch die Minuten, bis
ich endlich meine Gattin in ihr Heim einführen kann!“
„Was nun die Mama sagen wird!“ rief Camilla nachdenklich; „ich glaube
gar, sie bekommt einen ihrer Nervenzufälle!“
„Von denen sie der ‚Professor‘ heilen wird,“ entgegnete Buchler
zuversichtlich. „Und nun, Herr Professor,“ fuhr er fort, „eilen Sie
voran, ich folge in einer halben Stunde mit Fräulein Camilla.“
„Ob ich nicht doch besser thäte,“ begann diese, „die Mama
vorzubereiten?“
„Sie würden mir meine ganze Freude verderben!“ entgegnete Buchler.
„Die Mama kommt noch sehr gelinde mit einem kleinen Schreck für das in
meinen Augen sehr strafbare Vergehen davon, daß sie des lieben Mammons
willen ein junges, in echter Liebe für einen edlen, kenntnißreichen
Mann entflammtes Mädchens einem abgelebten müden Manne zuführen wollte,
den ihr Kind nicht lieben, ja kaum achten kann, wenn er herzlos genug
ist, ihre Jugend an sein Alter zu ketten.“
„Verurtheilen Sie die Mama nicht!“ bat Camilla; „sie hat den Ernst des
Lebens kennen gelernt und nach ihren Begriffen denkt sie am besten für
mich zu sorgen, wenn --“
„Auch dem alten Detmold wollte sie Sie vermälen,“ unterbrach Buchler
unwillig; „er ist mein Freund, doch ein eingefleischter Sonderling,
daß ich nicht verstehen kann, wie eine sonst so praktische Frau, wie
Ihre Mama, da so ganz unpraktisch verfahren kann, wo es gilt, das Glück
ihres Kindes zu begründen!“
„Und Frau Lorenz?“ fragte Camilla nach einigem Nachdenken, „wird sie
schweigen?“
„Glauben Sie nicht, daß meine Anna mir zuliebe ein wenig Comödie
spielen kann? Niemand im Hause wird ahnen, daß sie meine Gattin ist;
sie gilt für meine Nichte, bewohnt das Zimmer neben dem meinigen, zu
dem Frau Lorenz schon in gutgemeinter Vorsorglichkeit den unlängst
abhanden gekommenen Schlüssel hat anfertigen lassen; o glauben Sie,
liebe Camilla, wir werden unsere Rollen trefflich durchführen und das
Verlobungsfest noch lange in gutem Andenken behalten.“
„Wie habe ich es mir verdient, daß Sie sich meiner so warm annehmen?“
fragte Camilla, eine Thräne in ihren schönen Augen zerdrückend.
„Keine Reflexionen, Püppchen!“ sagte Buchler, ihr die Wangen
streichelnd; „jetzt eilen Sie zu Mama und bitten sie um die
Erlaubniß --“
„Madame Buchler feierlichst einzuholen!“ unterbrach Camilla, muthwillig
lächelnd.
„Bei Verlust meiner Freundschaft, keinen Verrath!“ sagte Buchler,
mit dem Finger drohend. Doch schon war das junge Mädchen die Stiegen
hinuntergesprungen und sandte bald hernach die Nachricht, daß Herr
Buchler sie abholen könnte.
Im Salon empfing ihn die Räthin, die heute gegen ihre Gewohnheit ein
ziemlich böses Gesicht machte. „Bester Freund,“ sagte sie, ihre Worte
abwägend, „meine Camilla nimmt sich jetzt oft das Recht, ohne meine
oder der Schwestern Begleitung in Ihre Wohnung zu gehen, sie verlangt
sogar jetzt meine Einwilligung, allein mit Ihnen eine Spazierfahrt
machen zu dürfen. Sie werden begreifen,“ fuhr sie nach einer Pause
fort, „daß ihr Ruf --“
„Aber meine beste Räthin,“ unterbrach sie Buchler, ihr gutmüthig die
Hand auf die Schulter legend, „gedulden Sie sich nur noch zwei Tage
und Alles wird sich klären! Glauben Sie mir, Camilla’s Ehre ist mir so
heilig wie meine eigene und ich möchte um Alles in der Welt nicht --“
„Ich verstehe,“ unterbrach ihn die Räthin, durch seinen Hinweis
sichtlich befriedigt, „ich weiß sie ja auch in Ihrer Gesellschaft
gut aufgehoben und will nicht gleich einer bösen Schwiegermutter ein
Störenfried sein --“
„O, dazu wird es nie kommen!“ entgegnete Buchler, verschmitzt lächelnd;
doch die Räthin verstand ihn nicht und da Camilla freudestrahlend jetzt
eben eintrat, sagte sie gut gelaunt: „Nun Kind, da mir unser Freund
Buchler mittheilt, daß sich in den nächsten Tagen etwas vorbereitet,
will ich Dir die Erlaubniß, mitzufahren, nicht versagen. --“
„Wie, Sie haben geplaudert?“ fragte Camilla erröthend.
„Nein, meine liebe Camilla,“ sagte Buchler, der schon fürchtete, daß
das junge Mädchen, ihrem Drange nach Mittheilungen folgend, seinen
ganzen wohldurchdachten Feldzugsplan stören werde; „bei mir heißt es
nicht: Weß das Herz voll ist --“
„Nun, nun,“ drohte die Räthin mit dem Finger, „der Mund geht doch
manchmal über, wenn er es auch nicht eingestehen will!“
Doch schon hatte Buchler, um sich auf keine Discussion einzulassen,
Camilla’s Arm in den seinen gelegt und war mit ihr, höflich grüßend,
hinausgeeilt.
Zufrieden lächelnd, blickte ihr die Räthin nach, wie sie in die
elegante Equipage einstieg, und murmelte still vor sich hin: „Ist sie
nicht ein rechtes Glückskind?“