Leopold Buchler hatte seine herrlich eingerichtete Wohnung im ersten
Stock bezogen; die Räthin war ihm in besonderer Liebenswürdigkeit bei
der Beschaffung der Einrichtung hilfreich gewesen, sie hatte Tapezierer
und Decorateure bei ihren Arbeiten überwacht, eine Haushälterin
engagirt, Dienstboten aufgenommen -- Buchler wußte in der That nicht,
wie er der ihm vollständig fremden Dame ihre Freundlichkeit danken
sollte. Madame war klug genug, bis jetzt nichts von ihren Töchtern
hören zu lassen, Camilla hielt sich, so oft der „Nabob“, anders
titulirte sie ihn nicht, bei ihnen vorsprach, consequent verborgen.
Doch nun gab es zur Einweihung der neuen Wohnung ein Fest, bei
dem selbstverständlich die Räthin die Honneurs machte und „sammt
Familie“ eingeladen war. Buchler war in der That überrascht, die noch
jugendliche Frau mit drei jungen Damen erscheinen zu sehen, die für
ihre Schwestern hätten gelten können. In chevaleresker Weise machte
er den jungen Damen, aber nicht minder der Mutter Complimente, und
fast stieg schon in der noch immer feschen, lebenslustigen Frau die
Idee auf: „Wie, wenn er Dich meint?“ Sie war vierundvierzig Jahre,
konnte aber noch gut für sechsunddreißig gelten; einst eine berühmte
Schönheit, waren ihre Züge immer noch angenehm, ihre Figur litt zwar
durch die zunehmende Körperfülle, doch verstand sie so prächtig
Toilette zu machen, daß Jedermann noch die schöne Räthin Sturm von
ehemals sah.
Nur einen Augenblick konnte sie jenem Gedanken nachhängen, das
Muttergefühl war stärker als der Wunsch für ihr persönliches Glück.
Camilla glänzend verheiratet zu sehen, war ihr Hauptziel. Geschickt
wußte sie Buchler in eine Unterhaltung mit Camilla zu verflechten und
schien sichtlich erfreut, die Tochter so gesprächig und liebenswürdig
zu finden, wie sie sie lange nicht gesehen.
Auch Camilla hatte ihren Plan; war die Mutter berechnend, so glaubte
die Tochter noch berechnender sein zu sollen. Ja, sie wollte sich die
Gunst des reichen Buchler, dessen Neffe, wie sie wußte, Professor
Wenzel in Prag war, gewinnen. Wenn dieser ihrem angebeteten Adalmar
zu einer Stellung an der Prager Universität verhalf, konnte selbst
die ehrgeizige Mutter, die durchaus für sie eine „glänzende Partie“
anstrebte, nichts gegen ihre Verbindung einzuwenden haben.
Diesem Plane gemäß war Camilla von ausnehmender Freundlichkeit
gegen Buchler, sie wußte ihm mit schalkhaftem Ernst dies und jenes
pikante Histörchen zu erzählen, dann wieder ihn selbst zum Reden zu
veranlassen, und da sie gar bald gewahrte, daß er mit Vorliebe von
seinen fernen Besitzungen, seinem früheren Geschäft, der Seereise etc.
sprach, war sie bald die aufmerksamste Zuhörerin, der zuliebe er die
ganze, ihn umgebende Gesellschaft zu vergessen schien.
Die Räthin strahlte vor Wonne und Glück; nie hatte sie geglaubt,
daß Camilla denn doch noch Raison annehmen und auf ihre Pläne
eingehen werde. Man setzte sich zur Tafel; Buchler, der ursprünglich
beabsichtigt hatte, die Räthin zu Tisch zu führen, fühlte sich derart
von dem Reiz, den das junge Mädchen auf ihn ausübte, bestrickt, daß er
an ihrer Seite blieb und auch, nachdem die Tafel aufgehoben war, stetig
um sie bemüht blieb. Bald holte er Noten herbei, um sie zum Singen
zu veranlassen, bald Kupferstich-Sammlungen, die sie, wie er meinte,
interessiren müßten. Im Grunde interessirte sie nur, daß sie im Laufe
der mehrstündigen Unterhaltung herausgebracht, Professor Wenzel sei
ein sehr zugänglicher, liebenswürdiger Mann, dessen Besuch er, sobald
die Hörsäle geschlossen, erwarte. Sie selbst nahm Buchler, als man
sich trennte, das Versprechen ab, recht oft ihr Gast sein zu wollen,
und um in ihrem ~bon-homme~ nicht etwa Hoffnungen zu nähren, die sie
nicht zu erfüllen gewillt war, theilte sie ihm ganz im Vertrauen und
unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses mit, daß sie ihn mit einem
hochbegabten jungen Manne, einem enthusiastischen Verehrer seines
Neffen bekannt machen wolle, der, so sehr er ihr gefalle, das Unglück
habe, der Mama zu mißfallen, da er stellenlos sei.
Buchler schien sich sichtlich durch das ihm geschenkte Vertrauen geehrt
zu fühlen und gestand sich gar bald, daß er lange kein Mädchen gesehen,
das bei eminentem Geist und gediegener Unterhaltungsgabe so viel
Wahrheit und Natürlichkeit besäße.
Als er wenige Tage hernach in der Wohnung der Räthin einen Besuch
machte, fand er Dr. Adalmar Richard anwesend, der ihm, zum nicht
geringen Erstaunen der Räthin, mit herzgewinnender Freundlichkeit
entgegen kam. „Ahnt Adalmar in ihm keinen Nebenbuhler?“ fragte sie
sich. Thut der doch sonst, wenn er irgendwo einen Rivalen wittert, als
wollte er ihn vergiften.
Buchler seinerseits betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen den
schönen jungen Mann, dessen edle hohe Gestalt, dessen geistfunkelndes
Auge Jedem imponiren mußten. Mit Freuden nahm er Dr. Richard’s
Vorschlag, ihn auf seinen Ausflügen in der Umgegend zu begleiten, an,
lud auch die Räthin und Camilla zu denselben ein, da, wie er ziemlich
unbeholfen sagte, „die Equipage ja nun doch einmal täglich gemiethet
sei“.
Einem Andern würde die Räthin eine derartige taktlose Einladung nie
verziehen haben, doch in diesem speciellen Falle schien die sonst in
Etiquettefragen ungemein subtile Dame keine Verletzung des guten Tones
zu finden; war ihr auch die Gesellschaft Adalmar’s ziemlich lästig, so
hoffte sie doch, diesen bald in geschickter Weise beseitigen zu können,
und dann galt ja auch die Gelegenheit, täglich des Nabob elegante
Equipage zur Verfügung zu haben, sich an seiner Seite zeigen zu können,
nicht wenig.
Die gute Frau legte sich gar manche Strapaze auf, sie war auf
Promenaden, Landpartien, in Theatern und Concerten stets die
vorsorglichste Garde-Dame und stellte es, wenn gute Freundinnen auf ein
intimes Verhältniß hindeuteten, kaum in Abrede, daß Mr. Buchler ihr ein
erwünschter Schwiegersohn sei.
Dr. Richard war einige Wochen hernach, wie es hieß, nach seiner Heimat
abgereist, in Wirklichkeit aber nach Prag, wo er sich auf Anrathen
und Empfehlung Buchler’s an Professor Wenzel wenden sollte, um dessen
Protection zu gewinnen. Täglich sandte er Briefe an Camilla, doch da
die Räthin energisch gegen einen Briefwechsel protestirt hatte, machte
der gutmüthige Buchler den Mittler und erntete für jedes Briefchen,
das er Camilla heimlich zusteckte, tausend Dank. Diese Heimlichkeiten
entgingen dem sorglichen Auge der Räthin nicht, doch lag ihr Alles
ferner, als sie zu stören; sie war sogar unvorsichtig genug, ihrer
Busenfreundin mitzutheilen, daß Buchler sterbensverliebt sei und
Camilla täglich Correspondenzen sende, so liebeglühend, so feurig, daß
sie sicher seiner Erklärung entgegensehen könne.
Buchler sprach jetzt auch öfter von einem Feste, das er demnächst zu
geben beabsichtige, von lieben Verwandten, die zu demselben eintreffen
sollten. Niemand fragte, wer diese Verwandten wären, Professor
Detmold, der täglich im Hause verkehrte, hatte wohl gelegentlich von
einer Nichte gesprochen, die bei Innsbruck auf einem Gute lebe, --
vermuthete man, daß diese oder eine andere Verwandte kommen werde?
Da man den zu erwartenden Besuch nicht kannte, interessirte man sich
nicht für ihn. Gerne ließ sich die Räthin vom Professor Detmold von
Buchler’s verstorbener Gattin unterhalten. Er schilderte sie als
eine eminent schöne, geistbegabte Frau, der Buchler von ganzer Seele
zugethan war. „Sonderbar,“ sagte die Räthin, „daß Buchler nie an eine
Wiederverheiratung gedacht hat!“
„Das wundert mich durchaus nicht!“ entgegnete der Professor; „wer
einmal wahr und rein geliebt hat, bleibt dieser Liebe getreu!“
Die Räthin lächelte im Stillen; sie glaubte in Buchler’s
Herzensangelegenheiten besser unterrichtet zu sein.
Die Beiden hatten nicht bemerkt, daß gleich bei Beginn ihres Gespräches
die Portiere leicht gehoben worden, doch eben so schnell wieder fiel.
Buchler, der gerade seinen Namen nennen hörte, war zurückgetreten. „Der
gute Professor wird es Dir nicht verzeihen können,“ dachte er, „wenn er
denn doch über kurz oder lang die große Neuigkeit erfahren muß.“ Leise
ging er wieder hinaus und traf im Vorzimmer Camilla, der er ein eben
erhaltenes Briefchen zusteckte. Sie dankte ihm herzlich und verschwand
sogleich im anstoßenden Gemach. Die Räthin hatte die Thür gehen hören,
ja, sie glaubte sogar Buchler’s Tritt erkannt zu haben. Eilig war sie
hinausgegangen und kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, wie Camilla
einen Brief freudestrahlend aus Buchler’s Hand in Empfang nahm.
Wiederum lächelte sie und dachte still für sich: „Was doch so ein
Professor ungeachtet seiner Gelehrsamkeit stockdumm ist!“ Buchler
eilte die Stiegen hinauf; die Haushälterin erwartete ihn schon an der
Thür, um ihn zu fragen, ob er heute zum Frühstück Rinderfilet oder
Kalbsbraten, Roth- oder Weißwein, Compot oder Salat wünsche.
„Liebe, beste Frau Lorenz,“ sagte er, sie um die Taille fassend,
„fragen Sie mich nicht, ich weiß ja, was Sie mir vorsetzen, ist gut und
schmackhaft.“
Frau Lorenz schien überglücklich ob dieses Compliments und tänzelte wie
ein Backfischchen hinaus, um für den gnädigen Herrn Alles herzurichten.
„Alte Närrin!“ sagte Buchler ihr nachsehend, „ich glaube gar, sie hat
sich heute geschminkt!“
„Jean,“ rief er dem eintretenden Diener, „recherchire doch mal, ob die
Lorenz nicht gar Schminktöpfchen und derlei Kleckserei gebraucht; es
schien mir heut ganz“ --
„O, gnädiger Herr,“ unterbrach Jean lachend, „ich selbst habe sie ihr
holen müssen und könnte Ihnen noch Manches erzählen, was sie anstellt,
um Ihnen zu gefallen.“
„Nun was denn?“ fragte Buchler augenscheinlich belustigt.
„Früh vor dem Kaffee trinkt sie beispielsweise drei rohe Eier -- das
gibt klaren Teint, sagt sie, dann läßt sie sich kalt abreiben und
frägt jedesmal hernach das Stubenmädchen: ‚Sehe ich jetzt frisch aus?‘
Dann geht es an’s Schnüren und Schminken, ich glaube sie braucht zwei
Stunden, bis sie mit ihrer Toilette fertig wird.“
„Aber, mein Gott,“ unterbrach Buchler, „für wen putzt sie sich denn,
die alte Schachtel?“
Jean lächelte verschmitzt. „Sie glaubt,“ entgegnete er, „der gnädige
Herr würden sie“ --
Plötzlich schien ihm die Zunge wie gelähmt; das verhängnißvolle Wort
wollte nicht über seine Lippen.
„Was würde ich?“
Jean blieb stumm.
„Aha,“ lachte Buchler hell auf; „ich bin ja für Euch -- schon gut,
schon gut,“ unterbrach er sich plötzlich und bedeutete Jean, das
Zimmer zu verlassen. „Spaßhaft!“ sagte er dann; „hat mir der gute
Detmold überall den Ruf eines reichen Witwers gemacht und noch heut
habe ich nicht das Herz, ihm seinen guten Glauben zu nehmen!“ „Doch,“
fuhr er nach einigem Nachdenken fort, „weshalb auch? Die Sache ist
amüsant! Meine liebenswürdige Wirthin glaubte, ich sei ein Prätendent
auf Camilla’s Hand, die gute Lorenz hegt und pflegt mich wie ein
neugebornes Kind, putzt sich für mich, schminkt sich, träumt wohl
gar von mir -- wahrlich, die alten Junggesellen sind gar nicht so
bedauernswerth, wie ich stets geglaubt!“
Soeben öffnete die holde Hausfee die Thür und brachte auf einem
silbernen Cabaret so viel herrlich duftende Speisen, daß man auch, ohne
Appetit zu haben, sich zum Essen veranlaßt gefühlt hätte.
„Oho, meine gute Lorenz,“ sagte Buchler, „weshalb lassen Sie Jean nicht
serviren?“
„Ich bringe es dem gnädigen Herrn lieber selbst!“ entgegnete die
Angeredete, verschämt lächelnd.
„Sie denken, es schmeckt mir besser, wenn --“
„Wie gut der gnädige Herr meine Gedanken errathen können!“ unterbrach
die Haushälterin.
Schon hatte sie Alles appetitlich aufgestellt und schickte sich eben
an, einen Stuhl zu nehmen und sich dem Hausherrn gegenüber zu placiren.
„Warum, liebe Lorenz, halten Sie sich in so angemessener Entfernung?“
fragte Buchler gutmüthig lächelnd; „wollen Sie nicht bei mir auf dem
Divan --“
„O bitte, gnädiger Herr,“ unterbrach sie erröthend, „das würde sich
nicht schicken; muß unser Einer nicht auch auf Ehre und Reputation
halten?“
Indem glättete sie die weiße, reich mit Stickereien besetzte Schürze,
zog den Brustlatz gerade und lächelte so stillvergnügt in sich hinein,
als hätte sie einen Haupttreffer gemacht.
„Wie alt sind Sie eigentlich, meine liebe Frau Lorenz?“ fragte
Buchler, nachdem er sich reichlich bedient. Die Angeredete wurde über
und über roth. „Achtundzwanzig!“ sagte sie, verschämt die Augen
niederschlagend. Buchler lachte hell auf. „Achtundzwanzig? Da haben Sie
sich ja prächtig conservirt! Ich hätte Sie höchstens für zweiundzwanzig
gehalten!“
Das war denn doch zu stark! Ungläubig schaute ihn die
Achtundzwanzigjährige, die bei sich selbst recht gut wußte, daß sie
nahezu vierzig Lenze hinter sich habe, an, doch Buchler hatte sein
Gesicht in so ernste Falten gelegt, daß sie in der That glaubte, sie
habe sich mittelst der in letzter Zeit angewandten Schönheitsmittel
derart verjüngt, daß man sie noch zu den Jugendlichen zählen könne.
Diese Annahme steigerte ihre gute Laune; Buchler schien sich prächtig
zu amüsiren, indem er mit Kennerblick beobachtete, wie sein keineswegs
feines Compliment die Lebensgeister der alten leichtgläubigen Coquette
erregte.
„Haben Sie mir, meine liebe Lorenz, gute Anschaffungen in Speis und
Keller gemacht?“ fragte er nach einigem Nachdenken. „Wir werden da
nächstens ein Verlobungsfest zu feiern haben, zu dem es --“
„Ein Verlobungsfest?“ unterbrach ihn die Lorenz, an allen Gliedern
bebend.
„Ja, ein Verlobungsfest, meine Liebe, und Sie sind die Erste, die
in das große Geheimniß, das Sie aber gehörig respectiren müssen,
eingeweiht ist. Niemand im Hause darf eine Ahnung davon haben; ich
beabsichtige eine große Ueberraschung und hoffe, daß, wenn schon
gewisse Leute sehr verwundert sein werden, doch Alles nach Wunsch gehen
und zwei Menschen dauernd --“
„O, Sie sind so gut, wie sie klug sind!“ unterbrach ihn Frau Lorenz,
seine Hände ergreifend. „Ja, es ist besser, Alles bis dahin discret
zu halten, sich nicht zu verrathen! Ich verstehe Sie vollkommen und
theile Ihre Ansicht.“ Dabei schaute sie ihn mit ihren ehemals gewiß
schönen, funkelnden Augen so überselig an, daß Buchler, dem dann doch
ein klein wenig um seine Herzensruhe bangte, es für das Beste hielt,
schnell aufzustehen und sich zu entfernen. --
„Wie rücksichtsvoll und edel er ist!“ sagte Frau Lorenz überglücklich,
indem Freudenthränen über ihre Wangen flossen. „Er fühlt sich nicht
standhaft genug, mit mir allein zu bleiben, und entfernt sich lieber,
um mich nicht zu compromittiren!“
Mit der noch eben schneeweißen Schürze trocknete sie die
rothgeschminkten Wangen und, das Unheil bemerkend, das ihre
Thränendrüsen angerichtet, eilte auch sie schnell in ihr Gemach, um
durch Schmink- und Puderbüchsen ihrem, wie sie meinte, bezaubernden
Gesichte seinen früheren Glanz zurückzugeben.