II.

Leopold Buchler hatte seine herrlich eingerichtete Wohnung im ersten

Stock bezogen; die Räthin war ihm in besonderer Liebenswürdigkeit bei

der Beschaffung der Einrichtung hilfreich gewesen, sie hatte Tapezierer

und Decorateure bei ihren Arbeiten überwacht, eine Haushälterin

engagirt, Dienstboten aufgenommen -- Buchler wußte in der That nicht,

wie er der ihm vollständig fremden Dame ihre Freundlichkeit danken

sollte. Madame war klug genug, bis jetzt nichts von ihren Töchtern

hören zu lassen, Camilla hielt sich, so oft der „Nabob“, anders

titulirte sie ihn nicht, bei ihnen vorsprach, consequent verborgen.

Doch nun gab es zur Einweihung der neuen Wohnung ein Fest, bei

dem selbstverständlich die Räthin die Honneurs machte und „sammt

Familie“ eingeladen war. Buchler war in der That überrascht, die noch

jugendliche Frau mit drei jungen Damen erscheinen zu sehen, die für

ihre Schwestern hätten gelten können. In chevaleresker Weise machte

er den jungen Damen, aber nicht minder der Mutter Complimente, und

fast stieg schon in der noch immer feschen, lebenslustigen Frau die

Idee auf: „Wie, wenn er Dich meint?“ Sie war vierundvierzig Jahre,

konnte aber noch gut für sechsunddreißig gelten; einst eine berühmte

Schönheit, waren ihre Züge immer noch angenehm, ihre Figur litt zwar

durch die zunehmende Körperfülle, doch verstand sie so prächtig

Toilette zu machen, daß Jedermann noch die schöne Räthin Sturm von

ehemals sah.

Nur einen Augenblick konnte sie jenem Gedanken nachhängen, das

Muttergefühl war stärker als der Wunsch für ihr persönliches Glück.

Camilla glänzend verheiratet zu sehen, war ihr Hauptziel. Geschickt

wußte sie Buchler in eine Unterhaltung mit Camilla zu verflechten und

schien sichtlich erfreut, die Tochter so gesprächig und liebenswürdig

zu finden, wie sie sie lange nicht gesehen.

Auch Camilla hatte ihren Plan; war die Mutter berechnend, so glaubte

die Tochter noch berechnender sein zu sollen. Ja, sie wollte sich die

Gunst des reichen Buchler, dessen Neffe, wie sie wußte, Professor

Wenzel in Prag war, gewinnen. Wenn dieser ihrem angebeteten Adalmar

zu einer Stellung an der Prager Universität verhalf, konnte selbst

die ehrgeizige Mutter, die durchaus für sie eine „glänzende Partie“

anstrebte, nichts gegen ihre Verbindung einzuwenden haben.

Diesem Plane gemäß war Camilla von ausnehmender Freundlichkeit

gegen Buchler, sie wußte ihm mit schalkhaftem Ernst dies und jenes

pikante Histörchen zu erzählen, dann wieder ihn selbst zum Reden zu

veranlassen, und da sie gar bald gewahrte, daß er mit Vorliebe von

seinen fernen Besitzungen, seinem früheren Geschäft, der Seereise etc.

sprach, war sie bald die aufmerksamste Zuhörerin, der zuliebe er die

ganze, ihn umgebende Gesellschaft zu vergessen schien.

Die Räthin strahlte vor Wonne und Glück; nie hatte sie geglaubt,

daß Camilla denn doch noch Raison annehmen und auf ihre Pläne

eingehen werde. Man setzte sich zur Tafel; Buchler, der ursprünglich

beabsichtigt hatte, die Räthin zu Tisch zu führen, fühlte sich derart

von dem Reiz, den das junge Mädchen auf ihn ausübte, bestrickt, daß er

an ihrer Seite blieb und auch, nachdem die Tafel aufgehoben war, stetig

um sie bemüht blieb. Bald holte er Noten herbei, um sie zum Singen

zu veranlassen, bald Kupferstich-Sammlungen, die sie, wie er meinte,

interessiren müßten. Im Grunde interessirte sie nur, daß sie im Laufe

der mehrstündigen Unterhaltung herausgebracht, Professor Wenzel sei

ein sehr zugänglicher, liebenswürdiger Mann, dessen Besuch er, sobald

die Hörsäle geschlossen, erwarte. Sie selbst nahm Buchler, als man

sich trennte, das Versprechen ab, recht oft ihr Gast sein zu wollen,

und um in ihrem ~bon-homme~ nicht etwa Hoffnungen zu nähren, die sie

nicht zu erfüllen gewillt war, theilte sie ihm ganz im Vertrauen und

unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses mit, daß sie ihn mit einem

hochbegabten jungen Manne, einem enthusiastischen Verehrer seines

Neffen bekannt machen wolle, der, so sehr er ihr gefalle, das Unglück

habe, der Mama zu mißfallen, da er stellenlos sei.

Buchler schien sich sichtlich durch das ihm geschenkte Vertrauen geehrt

zu fühlen und gestand sich gar bald, daß er lange kein Mädchen gesehen,

das bei eminentem Geist und gediegener Unterhaltungsgabe so viel

Wahrheit und Natürlichkeit besäße.

Als er wenige Tage hernach in der Wohnung der Räthin einen Besuch

machte, fand er Dr. Adalmar Richard anwesend, der ihm, zum nicht

geringen Erstaunen der Räthin, mit herzgewinnender Freundlichkeit

entgegen kam. „Ahnt Adalmar in ihm keinen Nebenbuhler?“ fragte sie

sich. Thut der doch sonst, wenn er irgendwo einen Rivalen wittert, als

wollte er ihn vergiften.

Buchler seinerseits betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen den

schönen jungen Mann, dessen edle hohe Gestalt, dessen geistfunkelndes

Auge Jedem imponiren mußten. Mit Freuden nahm er Dr. Richard’s

Vorschlag, ihn auf seinen Ausflügen in der Umgegend zu begleiten, an,

lud auch die Räthin und Camilla zu denselben ein, da, wie er ziemlich

unbeholfen sagte, „die Equipage ja nun doch einmal täglich gemiethet

sei“.

Einem Andern würde die Räthin eine derartige taktlose Einladung nie

verziehen haben, doch in diesem speciellen Falle schien die sonst in

Etiquettefragen ungemein subtile Dame keine Verletzung des guten Tones

zu finden; war ihr auch die Gesellschaft Adalmar’s ziemlich lästig, so

hoffte sie doch, diesen bald in geschickter Weise beseitigen zu können,

und dann galt ja auch die Gelegenheit, täglich des Nabob elegante

Equipage zur Verfügung zu haben, sich an seiner Seite zeigen zu können,

nicht wenig.

Die gute Frau legte sich gar manche Strapaze auf, sie war auf

Promenaden, Landpartien, in Theatern und Concerten stets die

vorsorglichste Garde-Dame und stellte es, wenn gute Freundinnen auf ein

intimes Verhältniß hindeuteten, kaum in Abrede, daß Mr. Buchler ihr ein

erwünschter Schwiegersohn sei.

Dr. Richard war einige Wochen hernach, wie es hieß, nach seiner Heimat

abgereist, in Wirklichkeit aber nach Prag, wo er sich auf Anrathen

und Empfehlung Buchler’s an Professor Wenzel wenden sollte, um dessen

Protection zu gewinnen. Täglich sandte er Briefe an Camilla, doch da

die Räthin energisch gegen einen Briefwechsel protestirt hatte, machte

der gutmüthige Buchler den Mittler und erntete für jedes Briefchen,

das er Camilla heimlich zusteckte, tausend Dank. Diese Heimlichkeiten

entgingen dem sorglichen Auge der Räthin nicht, doch lag ihr Alles

ferner, als sie zu stören; sie war sogar unvorsichtig genug, ihrer

Busenfreundin mitzutheilen, daß Buchler sterbensverliebt sei und

Camilla täglich Correspondenzen sende, so liebeglühend, so feurig, daß

sie sicher seiner Erklärung entgegensehen könne.

Buchler sprach jetzt auch öfter von einem Feste, das er demnächst zu

geben beabsichtige, von lieben Verwandten, die zu demselben eintreffen

sollten. Niemand fragte, wer diese Verwandten wären, Professor

Detmold, der täglich im Hause verkehrte, hatte wohl gelegentlich von

einer Nichte gesprochen, die bei Innsbruck auf einem Gute lebe, --

vermuthete man, daß diese oder eine andere Verwandte kommen werde?

Da man den zu erwartenden Besuch nicht kannte, interessirte man sich

nicht für ihn. Gerne ließ sich die Räthin vom Professor Detmold von

Buchler’s verstorbener Gattin unterhalten. Er schilderte sie als

eine eminent schöne, geistbegabte Frau, der Buchler von ganzer Seele

zugethan war. „Sonderbar,“ sagte die Räthin, „daß Buchler nie an eine

Wiederverheiratung gedacht hat!“

„Das wundert mich durchaus nicht!“ entgegnete der Professor; „wer

einmal wahr und rein geliebt hat, bleibt dieser Liebe getreu!“

Die Räthin lächelte im Stillen; sie glaubte in Buchler’s

Herzensangelegenheiten besser unterrichtet zu sein.

Die Beiden hatten nicht bemerkt, daß gleich bei Beginn ihres Gespräches

die Portiere leicht gehoben worden, doch eben so schnell wieder fiel.

Buchler, der gerade seinen Namen nennen hörte, war zurückgetreten. „Der

gute Professor wird es Dir nicht verzeihen können,“ dachte er, „wenn er

denn doch über kurz oder lang die große Neuigkeit erfahren muß.“ Leise

ging er wieder hinaus und traf im Vorzimmer Camilla, der er ein eben

erhaltenes Briefchen zusteckte. Sie dankte ihm herzlich und verschwand

sogleich im anstoßenden Gemach. Die Räthin hatte die Thür gehen hören,

ja, sie glaubte sogar Buchler’s Tritt erkannt zu haben. Eilig war sie

hinausgegangen und kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, wie Camilla

einen Brief freudestrahlend aus Buchler’s Hand in Empfang nahm.

Wiederum lächelte sie und dachte still für sich: „Was doch so ein

Professor ungeachtet seiner Gelehrsamkeit stockdumm ist!“ Buchler

eilte die Stiegen hinauf; die Haushälterin erwartete ihn schon an der

Thür, um ihn zu fragen, ob er heute zum Frühstück Rinderfilet oder

Kalbsbraten, Roth- oder Weißwein, Compot oder Salat wünsche.

„Liebe, beste Frau Lorenz,“ sagte er, sie um die Taille fassend,

„fragen Sie mich nicht, ich weiß ja, was Sie mir vorsetzen, ist gut und

schmackhaft.“

Frau Lorenz schien überglücklich ob dieses Compliments und tänzelte wie

ein Backfischchen hinaus, um für den gnädigen Herrn Alles herzurichten.

„Alte Närrin!“ sagte Buchler ihr nachsehend, „ich glaube gar, sie hat

sich heute geschminkt!“

„Jean,“ rief er dem eintretenden Diener, „recherchire doch mal, ob die

Lorenz nicht gar Schminktöpfchen und derlei Kleckserei gebraucht; es

schien mir heut ganz“ --

„O, gnädiger Herr,“ unterbrach Jean lachend, „ich selbst habe sie ihr

holen müssen und könnte Ihnen noch Manches erzählen, was sie anstellt,

um Ihnen zu gefallen.“

„Nun was denn?“ fragte Buchler augenscheinlich belustigt.

„Früh vor dem Kaffee trinkt sie beispielsweise drei rohe Eier -- das

gibt klaren Teint, sagt sie, dann läßt sie sich kalt abreiben und

frägt jedesmal hernach das Stubenmädchen: ‚Sehe ich jetzt frisch aus?‘

Dann geht es an’s Schnüren und Schminken, ich glaube sie braucht zwei

Stunden, bis sie mit ihrer Toilette fertig wird.“

„Aber, mein Gott,“ unterbrach Buchler, „für wen putzt sie sich denn,

die alte Schachtel?“

Jean lächelte verschmitzt. „Sie glaubt,“ entgegnete er, „der gnädige

Herr würden sie“ --

Plötzlich schien ihm die Zunge wie gelähmt; das verhängnißvolle Wort

wollte nicht über seine Lippen.

„Was würde ich?“

Jean blieb stumm.

„Aha,“ lachte Buchler hell auf; „ich bin ja für Euch -- schon gut,

schon gut,“ unterbrach er sich plötzlich und bedeutete Jean, das

Zimmer zu verlassen. „Spaßhaft!“ sagte er dann; „hat mir der gute

Detmold überall den Ruf eines reichen Witwers gemacht und noch heut

habe ich nicht das Herz, ihm seinen guten Glauben zu nehmen!“ „Doch,“

fuhr er nach einigem Nachdenken fort, „weshalb auch? Die Sache ist

amüsant! Meine liebenswürdige Wirthin glaubte, ich sei ein Prätendent

auf Camilla’s Hand, die gute Lorenz hegt und pflegt mich wie ein

neugebornes Kind, putzt sich für mich, schminkt sich, träumt wohl

gar von mir -- wahrlich, die alten Junggesellen sind gar nicht so

bedauernswerth, wie ich stets geglaubt!“

Soeben öffnete die holde Hausfee die Thür und brachte auf einem

silbernen Cabaret so viel herrlich duftende Speisen, daß man auch, ohne

Appetit zu haben, sich zum Essen veranlaßt gefühlt hätte.

„Oho, meine gute Lorenz,“ sagte Buchler, „weshalb lassen Sie Jean nicht

serviren?“

„Ich bringe es dem gnädigen Herrn lieber selbst!“ entgegnete die

Angeredete, verschämt lächelnd.

„Sie denken, es schmeckt mir besser, wenn --“

„Wie gut der gnädige Herr meine Gedanken errathen können!“ unterbrach

die Haushälterin.

Schon hatte sie Alles appetitlich aufgestellt und schickte sich eben

an, einen Stuhl zu nehmen und sich dem Hausherrn gegenüber zu placiren.

„Warum, liebe Lorenz, halten Sie sich in so angemessener Entfernung?“

fragte Buchler gutmüthig lächelnd; „wollen Sie nicht bei mir auf dem

Divan --“

„O bitte, gnädiger Herr,“ unterbrach sie erröthend, „das würde sich

nicht schicken; muß unser Einer nicht auch auf Ehre und Reputation

halten?“

Indem glättete sie die weiße, reich mit Stickereien besetzte Schürze,

zog den Brustlatz gerade und lächelte so stillvergnügt in sich hinein,

als hätte sie einen Haupttreffer gemacht.

„Wie alt sind Sie eigentlich, meine liebe Frau Lorenz?“ fragte

Buchler, nachdem er sich reichlich bedient. Die Angeredete wurde über

und über roth. „Achtundzwanzig!“ sagte sie, verschämt die Augen

niederschlagend. Buchler lachte hell auf. „Achtundzwanzig? Da haben Sie

sich ja prächtig conservirt! Ich hätte Sie höchstens für zweiundzwanzig

gehalten!“

Das war denn doch zu stark! Ungläubig schaute ihn die

Achtundzwanzigjährige, die bei sich selbst recht gut wußte, daß sie

nahezu vierzig Lenze hinter sich habe, an, doch Buchler hatte sein

Gesicht in so ernste Falten gelegt, daß sie in der That glaubte, sie

habe sich mittelst der in letzter Zeit angewandten Schönheitsmittel

derart verjüngt, daß man sie noch zu den Jugendlichen zählen könne.

Diese Annahme steigerte ihre gute Laune; Buchler schien sich prächtig

zu amüsiren, indem er mit Kennerblick beobachtete, wie sein keineswegs

feines Compliment die Lebensgeister der alten leichtgläubigen Coquette

erregte.

„Haben Sie mir, meine liebe Lorenz, gute Anschaffungen in Speis und

Keller gemacht?“ fragte er nach einigem Nachdenken. „Wir werden da

nächstens ein Verlobungsfest zu feiern haben, zu dem es --“

„Ein Verlobungsfest?“ unterbrach ihn die Lorenz, an allen Gliedern

bebend.

„Ja, ein Verlobungsfest, meine Liebe, und Sie sind die Erste, die

in das große Geheimniß, das Sie aber gehörig respectiren müssen,

eingeweiht ist. Niemand im Hause darf eine Ahnung davon haben; ich

beabsichtige eine große Ueberraschung und hoffe, daß, wenn schon

gewisse Leute sehr verwundert sein werden, doch Alles nach Wunsch gehen

und zwei Menschen dauernd --“

„O, Sie sind so gut, wie sie klug sind!“ unterbrach ihn Frau Lorenz,

seine Hände ergreifend. „Ja, es ist besser, Alles bis dahin discret

zu halten, sich nicht zu verrathen! Ich verstehe Sie vollkommen und

theile Ihre Ansicht.“ Dabei schaute sie ihn mit ihren ehemals gewiß

schönen, funkelnden Augen so überselig an, daß Buchler, dem dann doch

ein klein wenig um seine Herzensruhe bangte, es für das Beste hielt,

schnell aufzustehen und sich zu entfernen. --

„Wie rücksichtsvoll und edel er ist!“ sagte Frau Lorenz überglücklich,

indem Freudenthränen über ihre Wangen flossen. „Er fühlt sich nicht

standhaft genug, mit mir allein zu bleiben, und entfernt sich lieber,

um mich nicht zu compromittiren!“

Mit der noch eben schneeweißen Schürze trocknete sie die

rothgeschminkten Wangen und, das Unheil bemerkend, das ihre

Thränendrüsen angerichtet, eilte auch sie schnell in ihr Gemach, um

durch Schmink- und Puderbüchsen ihrem, wie sie meinte, bezaubernden

Gesichte seinen früheren Glanz zurückzugeben.

Lebensbilder · 第 9 / 23 题