[Illustration]
Weihnachtsschäfchen.
Skizze nach dem Leben.
Es war an einem jener eisig kalten, sternenhellen Winterabende, als
ein ärmlich gekleidetes, ungefähr sechsjähriges Mädchen zitternd und
frierend an einem Eckhause der Königsstraße in Berlin lehnte und, ach
wie oft vergeblich, seine kleinen Schäfchen den Passanten zum Kauf
anbot.
„Kaufen Sie, lieber Herr,“ bat sie, „die Mutter ist krank und hat heute
noch nichts gegessen!“
Niemand schien ihre Worte zu beachten.
War es ja heute Heiliger Abend; Jeder hatte mit sich selbst, seinen
Einkäufen und Geschenken so viel zu thun, wie sollte man da auf die
ärmliche Kleine Acht haben können!
Bald kam auch ein Schutzmann, der sie zum Weitergehen antrieb,
da er sie sonst arretiren müsse. Unter Thränen nahm das Kind die
schön aufgebauten Schäfchen in einen Korb und wanderte weiter, die
Kurfürstenbrücke entlang; -- sie sah sich um, ob ihr der Polizist
folge; Gottlob, nein; er hatte Kehrt gemacht; noch einmal wagte sie es,
an einer Stufe der Brücke Halt machend, ihre Schäfchen auszupacken
und sie den Vorübergehenden anzubieten; zwei Silbergroschen hatte sie
eingenommen und doch war sie schon seit 2 Uhr vom Hause fort. „Wenn ich
sie alle verkauft hätte,“ seufzte sie, „könnte ich der Mutter einen
Christstollen kaufen! Ach, wie würde sie sich freuen!“ Und in der
Vorstellung dieser Freude begann sie wieder mit neuem Muthe, wenngleich
mit halbheiserer Stimme:
„Kauft Schäfchen! Kauft Schäfchen!“ -- Sie hielt die erstarrten Hände
an den Mund, um sie mit ihrem Hauch zu erwärmen; sie trappelte mit den
kleinen Beinchen, als wollte sie den Boden zerstampfen -- bald ward
es ihr unmöglich, ihren zarten, dürftig bekleideten Körper gegen die
rauhe Winterluft zu schützen; da kam auch noch ein eisiger Nordwind,
der ihre kleine Heerde, die sie so zierlich auf einem Brettchen postirt
hatte, vor sich her fegte. Laut weinend sank sie zusammen und rief mit
gefalteten Händen: „O Gott, nun sind wir ganz arm!“
„Beruhige Dich, Kleine!“ hörte sie in ihrem Herzeleid die volltönende
Stimme eines Mannes, der eifrig bemüht war, ihr einige der hier und
dort zerstreut auf dem Pflaster liegenden Schäfchen einzusammeln; „wie
viele hattest Du denn?“
„Zwölf Stück, Herr!“ rief die Kleine unter Schluchzen.
„Und was kostet ein solches Stück?“
„Drei Pfennige!“ entgegnete das Kind, ihre thränenumflorten Augen zu
dem Manne aufschlagend, der so freundlich mit ihr sprach.
Dieser blickte sie theilnehmend und aufmerksam an und stand eine Weile
vor ihr, ohne ein Wort zu sprechen.
„Wie heißest Du?“ fragte er endlich.
„Anna Masson!“ erwiderte die Kleine zaghaft.
„Hast Du Eltern?“
„Eine Mutter, Herr!“ entgegnete das Kind.
Der Fremde wurde immer aufmerksamer. „Ganz seine Augen, seine Stirn!“
sagte er halblaut vor sich hin. „Wo wohnt Deine Mutter?“ fuhr er dann
theilnehmend fort. -- Sie nannte ein Haus in der Linienstraße.
„Willst Du mich zu Deiner Mutter führen?“ fragte der Fremde, nachdem er
sie noch eine Weile aufmerksam betrachtete.
„O, Herr, ich mag ohne Geld nicht zu Hause kommen!“ entgegnete Anna,
der nun wieder die ganze Schwere des erlittenen Verlustes auf die Seele
fiel; „die Mutter ist so krank und --“
„Hier hast Du Geld!“ unterbrach sie der Fremde, ihr einen blanken
Thaler in die Hand drückend, „doch nun komm!“
Anna aber stand wie festgewurzelt. Ein Strom Freudenthränen entquoll
ihren Augen und während sie mit der einen Hand nach ihrem Körbchen
griff, legte sie die andere in die dargebotene Rechte ihres
Wohlthäters, der sie eilig mit sich fortführte. Bald schien er
einzusehen, daß die Kleine zu schwach sei, ihm zu folgen; er nahm
einen Fiaker und hob das zitternde Kind hinein. „Du wirst Hunger
haben?“ fragte er, sich plötzlich besinnend. „Seit wann hast Du nichts
gegessen?“
„Seit heute Morgen, Herr!“ entgegnete das Kind verlegen.
Eiligst stieg er wieder aus und machte an einer Pfefferkuchenbude
verschiedene Einkäufe. Mit einer großen Tüte beladen, kam er an den
Wagen zurück. Wie hüpfte der Kleinen das Herz! Ja, es war wirklich
Weihnacht; sie fühlte, daß ein Band der Liebe alle Menschen umschlang,
denn auch ihr, dem armen, verlassenen Menschenkinde dachte man eine
Freude zu machen.
Noch nie war sie so schnell die vier Stiegen zu ihrem Dachkämmerchen
hinaufgeeilt. „Herzmütterchen!“ rief sie, die Tüte und das blanke
Silberstück hoch empor haltend, „sieh, was ich Dir mitbringe. Und
draußen ist ein feiner Herr, der Dich sprechen will,“ fuhr sie fort,
indem sie eine bleiche, junge Frau, die auf elendem Lager ausgestreckt
lag, in ihre Arme nahm und herzte und küßte.
Der Fremde war schon eingetreten und erklärte der Kranken mit kurzen
Worten, wie er Anna getroffen, daß eine auffallende Aehnlichkeit
mit seinem verstorbenen Bruder ihn veranlaßt, ihr sein Interesse zu
schenken und er ihr dankbar sein würde, wenn sie das Kind dann und wann
in sein Haus schicken wolle; seine alte Mutter könne den Verlust des
geliebten Sohnes noch nicht verschmerzen und würde sicher durch den
Anblick der Kleinen, die ihm so ähnle, angenehm berührt werden.
Plötzlich schwieg er; wie festgebannt hing sein Auge an einem Bild,
das in elegantem Rahmen auf dem Nähtisch der Kranken stand. Lange sah
er sie prüfend, sprachlos an. „Sie kannten ihn?“ rief er, plötzlich
ihre magere Hand ergreifend und mit ängstlicher Miene in ihren Blicken
lesend. „Er war der Freund meiner Seele!“ entgegnete sie leuchtenden
Auges; „seit ich ihn verloren, weiß ich nicht mehr, daß ich lebe!“
„Und Anna?“ fragte der Fremde gespannt.
„Ist seine Tochter!“ entgegnete die Kranke; „sie ist das einzige Band,
das mich noch an das Leben fesselt, sonst --“
„Regen Sie sich nicht auf!“ bat der Fremde, da er sah, wie eine kaum
niederzukämpfende Rührung sich der Kranken bemächtigte; und ihr lange
in die noch immer schönen, wenngleich gramdurchfurchten Züge schauend,
fügte er mit bangem Seufzer hinzu: „O Gott, was müssen Sie gelitten
haben!“ Dann nahm er die kleine Anna in seine Arme, drückte einen
herzlichen Kuß auf das blonde Lockenköpfchen und sagte, während Thränen
auf Thränen ihm über die Wangen liefen: „Gott sei gelobt! Endlich werde
ich Ruhe finden!“
Die Kranke sah ihn sprachlos an. Eine fieberhafte Aufregung bemächtigte
sich ihrer, je länger sie ihn anblickte; als er dann innig ihre beiden
Hände ergriff und sagte: „Schwägerin, können Sie uns verzeihen!“ da
sank sie mit lautem Aufschrei in ihre Kissen zurück und lag lange wie
leblos da. Endlich that sie die müden Augen wieder auf: „Habe ich
geträumt?“ fragte sie wirr um sich blickend; doch als sie den hohen
stattlichen Mann, der jetzt seinen eleganten Zobelpelz abgelegt hatte,
vor sich sah -- da verfinsterte sich wieder ihre Stirne, Bild auf Bild
trat vor ihre Seele und auf jedes fiel der Schatten dieses Unseligen,
den sie als den Feind ihres Lebens, ihres Glückes betrachtet.
Sie gedachte ihrer Brautzeit mit Adolf von Salmen, dessen Liebe sie,
die arme Lehrerstochter, so unendlich reich und glücklich gemacht
hatte, dann der Weigerungen seiner Familie, sie anzuerkennen, der
steten Kränkungen, die sie erfahren, -- ihrer heimlich geschlossenen
Ehe -- des plötzlichen Todes des geliebten Mannes! -- Sie begrub ihr
Gesicht in beiden Händen und weinte bitterlich.
„Wollen Sie mich hören?“ fragte Ernst von Salmen im warmen Tone; „ich
habe Ihnen noch die Botschaft eines Sterbenden zu überbringen und suche
Sie seit sechs Jahren vergeblich allüberall!“
Die Kranke richtete sich empor: „Von ihm?“ fragte sie, indem eine
brennende Röthe das zarte Gesicht überflog.
„So hören Sie!“ begann Ernst von Salmen und eine Centnerlast schien mit
jedem Worte von seinem Herzen zu weichen.
„Da ich vor sechs Jahren die Reise nach Wiesbaden mit Adolf unternahm,
war er elend und fast aufgegeben; er hielt sich noch für gesund und
glaubte, daß sein Husten nur ein anhaltender Catarrh sei, von dem er
in Wiesbaden geheilt zu werden hoffte. Als ich eines Abends von einer
Reunion zu Hause kam, hörte ich zu meinem Entsetzen, daß er einen
Blutsturz gehabt; — ich fand einen Sterbenden! ‚Gut, daß Du kommst!‘
rief er mit stockender Stimme; ‚ich habe — Dir — Wichtiges — mit‘
— ein abermaliger Blutstrom entquoll seinen Lippen. Als er zu sich
gekommen: ‚Helene ist meine — Frau — sorge — — für sie!‘ Kaum hatte
er diese Worte ausgehaucht, so war auch sein Leben entwichen! Und wie
habe ich Sie gesucht — um den letzten Willen des geliebten Todten
zu erfüllen! Sie waren verschwunden!“ O, weinen Sie nicht! bat er, da
er sah, wie die arme Frau in ein convulsivisches Schluchzen verfiel.
„Sehen Sie, es giebt eine Vorsehung, die meine Schritte durch diesen
Engel“ — er zog die Kleine herzlich an sich — „zu Ihnen geleitet!
Lassen Sie uns jetzt gut machen, was wir Ihnen damals wehe gethan! Wir
kannten Sie nicht! Sie wissen, daß Adolf dem Willen des verstorbenen
Vaters gemäß seine Cousine Alma heiraten sollte — daher unsere
Weigerung! Adolf’s Liebe zu Ihnen war stärker als der Respect, den er
dem Verewigten schuldete — er heiratete Sie ohne unser Wissen, wie
ich nach seinem Tode aus seinen Briefschaften ersah. Meine arme Mutter
machte sich die heftigsten Vorwürfe! Sie hatte den innigsten Wunsch,
ihres unvergeßlichen Sohnes geliebtes Kind an ihr Herz zu drücken —
Sie waren indeß mit dem Kinde verschollen!“
„Als ich die Nachricht von Adolf’s Tode erhielt,“ entgegnete Helene
unter Schluchzen, „verfiel ich in ein heftiges Nervenfieber. Meine
Tante Ida nahm mich zu sich, pflegte mich, und als ich genas, verblieb
ich den Sommer hindurch auf ihrem Landgute. Im Herbste trat ich eine
Stelle als Erzieherin an -- die Tante Anna hatte meine Kleine -- von
der ich mich, ach, wie schwer trennte, bei sich behalten! Mit Absicht
habe ich jede Nachforschung unmöglich gemacht; ich wollte nach meines
Adolf Tode kein Almosen von einer Familie, die mich einst -- weil ich
arm war -- für unwürdig gehalten, in ihren Kreis einzutreten. Mein
Stolz hat sich empfindlich gerächt. Nach einem Jahr starb die gute
Tante -- ich mußte meine Stellung aufgeben und das Kind zu mir nehmen.
Fünf Jahre habe ich mein Leben als Privatlehrerin gefristet -- o Gott,
welch’ ein Leben! Was nützten mir meine Kenntnisse -- ich konnte sie
nicht verwerthen! Kaum verdiente ich, was wir zum Essen brauchten. Seit
einem Jahre bin ich krank. Alles, was mir lieb und theuer war, ist
in’s Leihhaus gewandert -- mit blutendem Herzen trennte ich mich von
meinen Kleinodien, die mir Adolf in jenen sonnenhellen Tagen des Glücks
geschenkt!“
„Genug!“ unterbrach sie Ernst von Salmen, da er sah, wie von Neuem
ein Thränenstrom ihren Augen entquoll. „Ich danke Gott, daß er meine
Schritte endlich zu Ihnen geleitet! Ich weiß, Sie sind keine Unwürdige
-- meine Mutter wird Sie und die gute Anna mit Freuden aufnehmen! Ich
kann ihr keine schönere Weihnachtsfreude bereiten, als wenn ich ihr
sage: Ich habe sie gefunden!“ „Können Sie mich begleiten?“ fragte er
nach einer Weile. -- Die Kranke schüttelte das Haupt. -- „So führe ich
meine Mutter noch heute zu Ihnen,“ entgegnete Ernst von Salmen, „aber
das Kind, die liebe, süße Anna müssen Sie mir gleich mitgeben.“
Anna holte ihr verschossenes Wollkleidchen aus dem Schrank, die
Kranke frisirte, während ihre Thränen reichlich floßen, das blonde
Lockenköpfchen und begleitete sie mit ihren besten Segenswünschen, als
der Onkel sie, wie er sagte, in ihre neue Heimat führte.
Kaum eine Stunde hernach kam ein gallonirter Diener mit einem
großen Korbe in die ärmliche Stube. Er packte unzählige Pakete aus:
Weinflaschen, Kuchen, Fleischspeisen, Kleidungsstücke -- der kleine
Tisch schien unter der Last zusammenzubrechen.
Bald nachdem er gegangen, trat, auf einen Stock gestützt, eine alte
Dame mit silberweißen Locken in das Zimmer: „Laßt mich allein!“ bat sie
die draußen Stehenden; dann wankte sie hin an das Bett der Kranken,
nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte sie lange und innig: „Meine
Tochter!“ rief sie endlich, „kannst Du mir verzeihen? Willst Du mir
gestatten, all das Unrecht gut zu machen, das --“
„Ich bin eine Sterbende,“ unterbrach Helene; „meine Tage sind gezählt;
mir kann man wenig noch helfen, aber meine Anna lege ich Ihnen an’s
Herz, seien Sie ihr --“
„Regen Sie sich nicht auf!“ unterbrach Ernst von Salmen, der jetzt mit
Anna an der Hand eintrat; „Anna ist das Vermächtniß meines verstorbenen
Bruders -- damit ist Alles gesagt. Doch was können wir jetzt für Sie
thun?“ -- Helene schwieg.
„Sie kommen zu uns, Helene!“ bat die alte Dame; „mein Wagen wartet; wir
packen Sie in Betten, daß kein Lüftchen Ihnen nahe kommt!“
Traurig schüttelte die junge Frau das Haupt. -- „Ich würde Ihnen nur
eine Last sein!“
„Gönnen Sie mir die süße Beruhigung, Sie in meiner Nähe zu haben!“ bat
die alte Dame. „Wie habe ich Sie doch so lange und leider vergeblich
gesucht, nachdem ich wußte, was Sie meinem Sohn gewesen.“
Da Helene fühlte, wie aufrichtig es Frau von Salmen meinte, gab sie
bald ihren Bitten nach. --
Welch’ ein Weihnachtsabend! Im Salon der Räthin Salmen waren die
Kronleuchter angezündet, ein herrlich geschmückter Tannenbaum prangte
in der Mitte und hinein in dieses Meer des Lichtes trug man in ihren
Kissen die Kranke, die daheim kaum ein ärmliches Talglicht auf ihrem
Tisch hatte. -- Es gibt Freudengefühle, die jeder Beschreibung spotten!
* * * * *
Zehn Jahre sind nach jenem glücklichen Abend vergangen. Wieder
ist es Weihnachten; wieder strahlen die Kerzen und Kronen in dem
hochgewölbten, prächtig geschmückten Saale. Man erwartet glänzende
Gesellschaft. -- Helene von Salmen trifft mit bewunderungswerther
Umsicht alle Vorkehrungen, sie empfängt die herzlichsten Glückwünsche
der nach und nach Erscheinenden -- ein Feuer reinsten Glücks strahlt
aus ihren immer noch schönen Augen.
Man feiert heute das Verlobungsfest ihrer Anna mit dem Finanzrath
Ernst von Salmen! Aus dem zärtlichen Onkel ist ein feuriger Liebhaber
geworden, der kein anderes Glück kennt, als die „kleine Anna“ sein
zu nennen. Anna ist zu einer herrlichen Mädchenknospe erblüht, deren
körperliche und geistige Schönheit Jeden bezaubert. Doch wo weilt sie?
Der Saal ist schon mit Gästen gefüllt. -- Man frägt nach dem Brautpaar.
Endlich öffnet sich die Thür -- Ernst von Salmen führt das bezaubernd
schöne Mädchen in den Salon. Wie glüht es vor Freude und Leben! „Wir
haben uns zu lange aufgehalten!“ bittet er um Entschuldigung, „aber
Anna konnte sich von ihren Armen nicht trennen! Das gab ein Danksagen,
eine Thränenfluth, eine Freude!“
„Ich habe meinen Armen ihren Weihnachtsbaum angezündet!“ erklärte Anna,
„und nun, da ich Andere beglückt, will ich mich des eigenen Glückes
freuen!“ Mit herzgewinnendem Lächeln nahm sie die Glückwünsche der
Versammelten entgegen -- es war als ob eine Wonne-Atmosphäre das ganze
Haus durchströmte.
Niemand schien glücklicher, als Ernst von Salmen; mit bewundernden
Blicken hing er an der anmuthigen, jugendfrischen Erscheinung, die dem
geliebten Onkel heute zugesagt hatte, ihm für’s Leben anzugehören.
Endlich führte er sie, nachdem Anna mit Allen freundliche Worte
ausgetauscht, unter den reich geschmückten Weihnachtsbaum.
„Such’ Dir Dein Theil, Herz!“ sagte er. Sogleich fiel ihr Blick auf
ein weißes, ungefähr handgroßes Schäfchen, das mitten unter Blumen
versteckt schien. -- Tausend Erinnerungen durchwogten ihre Brust --
durch einen Druck sprang ein Deckel auf, -- welch’ ein Meer des Lichtes
strahlte ihr da entgegen! Ein herrlicher Brillantschmuck, wie sie ihn
schöner nie gesehen! „Mutter, schau her!“ rief sie mit freudig erregter
Stimme; dann sank sie ihrem Verlobten an die Brust und schien in der
Gluth der Erinnerungen, Hoffnungen und seligen Gefühle, die auf sie
einstürmten, zu vergessen, daß es nach diesem Augenblick noch eine
Zukunft gebe, die ihr in goldenen Farben entgegen lachte. -- Zwei
Weihnachtsabende waren von Bestimmung für ihr Leben geworden -- beide
erhellt durch die Liebe eines edlen, gemüthreichen Mannes, dem sie
heute ihr Lebensgeschick einte.
[Illustration]
[Illustration]
Ein improvisirtes Verlobungsfest.
Humoreske.
Vor einem der belebtesten Cafés der Ringstraße sahen wir einen älteren,
behäbig aussehenden Herrn seinen Mocca schlürfen, dann eifrig die
Zeitungen durchstöbern, auch wohl die Passanten mustern. Auf hundert
Schritt Entfernung glaubte man zu erkennen, daß er ein Ausländer sei,
und doch ist Leopold Buchler ein gutes Wiener Kind, das noch in seinen
alten Tagen von der Sehnsucht heimwärts getrieben wurde und die weite
Reise unternommen, um seine Tage da zu beschließen, wo er sie begonnen,
in seiner geliebten trauten Kaiserstadt, nach der es ihn, als er seine
Geschäfte in Calcutta abgewickelt, wie mit Zauberbanden zurückzog. Da
ist er nun heute nach zwanzigjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, Alles
ist ihm so fremd und neu, er hat noch keinen seiner alten Bekannten
aufgesucht, doch späht er eifrig aus, ob ihm nicht ein günstiger
Zufall den Einen oder den Andern entgegen führen würde. Wohl ist
vielleicht Mancher, mit dem er sich einst gut Freund nannte, schon an
ihm vorbeispaziert, doch vermochte er ihn nicht zu erkennen; in seiner
Vorstellung sind sie Alle noch „flotte Bursche“, die da jetzt mit
weißen oder ganz haarlosen Köpfen, in gebückter Haltung, sorgenvoll,
gedankenschwer einhergehen; zwanzig Jahre sind in unserer leichtlebigen
Welt, die die Menschen schneller altern, ihnen keine Zeit zur Ruhe
und Erholung läßt, ein Zeitraum, der aus lebensfrischen Menschen müde
Greise macht.
Leopold Buchler erkannte Niemanden, auch nicht den jetzt sinnend vor
ihm stehen bleibenden breitschultrigen Mann, der dann einige Schritte
vorwärts ging, sich alsbald umwandte und ihm dann derb einen Schlag auf
die Schulter versetzte.
„Grüß Dich Gott, alter Freund!“ rief jener, der jetzt seiner Sache
sicher zu sein schien; „was führt Dich wieder heim in unsere liebe
Vaterstadt?“
„Roderich!“ rief Buchler jetzt, beide Arme ausbreitend und den
Jugendfreund herzlich umarmend; „Dich, Dich habe ich nicht erkannt!“
„Dafür ich Dich auf den ersten Blick!“ rief jener, auf dessen
gefurchtem, eingefallenem Gesicht jetzt Freude und Glück strahlte; „Du
hast Dich aber auch prächtig conservirt!“ fuhr er, am Tische Platz
nehmend, fort, „man sieht es Dir an, daß Du nur die Lichtseiten des
Lebens kennen gelernt --“
„O Freund,“ unterbrach Buchler, „auch die Schattenseiten sind mir nicht
verborgen geblieben!“
„Ich weiß,“ entgegnete Professor Detmold; „Du hast Deine gute Frau in
der Blüthe der Jahre verloren. Wir sprachen gar oft von ihr und meine
Anna weinte wie ein Kind, als die Nachricht von ihrem Tode einlief.“
„Sie war eine seltene Frau!“ sagte Buchler, eine Thräne im Auge
zerdrückend; „Jahre sind darüber hingegangen, ehe ich --“
„Das kann ich Dir nachfühlen“, unterbrach ihn der Freund; „auch ich
habe, seitdem ich meine Anna verloren, keine rechten Freuden genossen.“
„Anna todt!“ sagte Buchler mit aufrichtigem Mitgefühl. „Wann hat Dich
das Unglück getroffen?“
„Vor fünf Jahren!“ entgegnete Detmold, den Blick zur Erde gewendet.
„Und hast Du nie daran gedacht, Deinem Witwerstand ein Ende zu machen?“
forschte Buchler.
Der Andere sah ihn groß und fragend an. Ein stummer Vorwurf schwebte
auf seinen Lippen, doch er vermochte ihm in seinem Schmerz nicht Worte
zu leihen. „Wer wäre würdig genug gewesen, den Platz einzunehmen, den
Anna inne gehabt!“ sagte er nach einer Pause. Beide Männer schwiegen;
Buchler wollte offenbar etwas entgegnen, doch er besann sich und, auf
ein anderes Thema übergehend, suchte er den Freund zu erheitern; er
erzählte ihm, wie er vor einem halben Jahre sein Geschäft verkauft,
wie dann die Sehnsucht nach der Heimat in ihm mächtig geworden und
er beschlossen, alle Verbindungen abzubrechen und sobald als möglich
westwärts zu steuern; so sei er denn vor drei Monaten von Calcutta
abgereist und nach mancherlei Unterbrechungen, Aufenthalt in Italien,
der Schweiz und dem Salzkammergute gestern glücklich in seinem lieben
Wien angelangt.
„Und Du denkst Dich hier dauernd niederzulassen?“ forschte der Freund.
„Ich suche soeben eine hübsche Stadtwohnung, von vier bis fünf Zimmern,
die ich mir mit allem Comfort herzurichten gedenke!“
„Siehst Du, alter Knabe!“ rief Detmold hocherfreut, „das ist die
gescheiteste Idee Deines Lebens! -- Doch was willst Du mit einer so
großen Wohnung?“ fuhr er nach einer Pause fort.
„Nun, nun,“ erwiderte jener sichtlich verlegen, „man mag doch nicht
immer allein bleiben und dann erwarte ich“ -- er hielt inne, da ihm
ein Geständniß, das ihm schwer auf den Lippen schwebte, nicht so recht
herunter wollte.
Doch Detmold schien dies kaum zu bemerken. „Hast auch Recht,“ nahm
er das Wort, „daß Du Dir, nachdem Du auf eine gesegnete Thätigkeit
zurückblicken kannst, das Leben angenehm machen willst! ~A propos!~“
begann er nach kurzer Pause, während er mit Behagen seinen Mocca
schlürfte, „da fällt mir ein, daß die Sectionsräthin Sturm in ihrem
neu erbauten Hause am Ring eine prächtige Wohnung zu vergeben hat; sie
bewohnt das Parterre, im zweiten Stock wohnt ein Börsianer, der erste
Stock ist noch frei. Du kommst da gleich zu einem sehr angenehmen,
geselligen Verkehr, die Räthin ist eine charmante, sehr gastfreie
und unterhaltende Dame, die Töchter sind gebildete, überaus reizende
Mädchen, in deren Umgang Du sicher --“
„Aber bester Freund, Du willst mir doch nicht gar eine Partie
aufschwatzen?“
„Das will ich nicht, bei Gott!“ entgegnete Detmold ernsthaft; „weiß ich
ja, daß Du Deine Marie nie vergessen wirst, und wenn schon die Räthin
nach einem reichen Freier für ihre älteste Tochter ausspäht, lag mir
eine solche Combination fern. Mich leitete nur der Gedanke, Dir, der
Du hier fremd bist, ein gastliches Haus zu eröffnen --“
„Ich verstehe,“ unterbrach ihn Buchler, „und bin Dir dankbar für Deine
Fürsorge. Wollen wir mit einander die Wohnung anschauen?“
„Du hast heute ganz über mich zu verfügen, alter Freund!“ entgegnete
Detmold.
Gar bald standen die beiden Männer vor einem großen stattlichen Hause.
„Frau Räthin zu sprechen?“ fragte Detmold den Portier.
„Die Gnädige muß jeden Augenblick zurückkehren!“ entgegnete Jean.
„So nehmen wir einstweilen die Wohnung in Augenschein!“ sagte Detmold,
die Treppe hinaufgehend. Kaum hatten die beiden Männer die Runde durch
die mit allem Comfort eingerichteten Räume gemacht, als man unten einen
Wagen vorfahren hörte.
„Unsere Frau Wirthin!“ sagte Detmold, der an’s Fenster getreten war,
„willst Du mit ihr sprechen?“
Doch ehe dieser noch zu einem Entschluß kommen konnte, stand schon ein
Diener vor ihnen, der die Herren bat, in den Salon der Frau Räthin
hinunter zu kommen.
„Bist Du hier Hausfreund?“ neckte Buchler; „Madame ist ja sehr
pressirt, Dich zu empfangen?“
„Oder richtiger, ihre Wohnung zu vermiethen! Der Portier hat ihr
vermuthlich gesagt, daß ich mit einem Fremden hinaufgegangen.“
„Mein lieber, werther Professor, wie lange haben wir Sie nicht
gesehen!“ erscholl es, als sie noch kaum den Salon betreten, aus dem
Munde einer kleinen, runden Frau, der Detmold alsbald seinen Freund
Buchler aus Calcutta mit dem Zusatze: „Millionär außer Dienst!“
vorstellte.
Die Räthin machte eine augenscheinlich tiefere Verbeugung, als sie
eigentlich beabsichtigt, der „Millionär“ schien ihr gewaltig zu
imponiren. Mit überaus gewinnender Liebenswürdigkeit lud sie ihn
ein, neben sich auf dem Divan Platz zu nehmen und hatte gar bald mit
der klugen Frauen eigenen Unterhaltungsgabe erkundet, was sie wissen
wollte. Buchler war enorm reich, fünfundvierzig Jahre, wollte sich
hier niederlassen, eine Wohnung mit allem Comfort einrichten, das
Leben genießen! Er war noch ein hübscher, ansehnlicher Mann, mit dem
selbst ein achtzehnjähriges Mädchen, so meinte sie, hätte glücklich
sein können. Gar schnell war in dem Köpfchen der klugen Frau ein Plan
gereift; ihre Camilla war 24 Jahre alt, aus der Verbindung mit dem
mittel- und stellunglosen Doctor Richard könnte nichts werden, der
Millionär, den ihr der Zufall in’s Haus geschneit hatte, mußte mit
allen Mitteln der Coquetterie und Liebenswürdigkeit derart gefesselt
werden, daß er, mochte er Heiratspläne haben, oder nicht, um Camilla
werben mußte.
Dem arglosen Buchler sagte die sympathische unterhaltende Dame sehr
zu; er fragte kaum nach dem Preis der Wohnung und erklärte, daß,
obgleich er gern noch ein Fremdenzimmer eingerichtet hätte, er doch der
angenehmen Geselligkeit wegen, die ihm Madame in Aussicht gestellt, auf
eine größere Wohnung verzichten und diese miethen werde. Die Räthin
war überselig; das war ihr in ihrer jahrelangen Praxis als Hausherrin
noch nicht vorgekommen, ein Miether, der nicht einmal nach dem Preise
fragte!
„Er muß ein Nabob sein!“ sagte sie, nachdem die Herren gegangen, zu
ihren Töchtern, die im Nebenzimmer die Unterhaltung mit angehört
hatten, „wir können uns Professor Detmold zu aufrichtigstem Danke
verpflichtet halten, daß er uns diese Bekanntschaft vermittelt.“ „Beste
Mama,“ entgegnete Camilla, ein hübsches blondlockiges Mädchen, dem
Freude und Lebenslust aus den Augen schauten, „wenn Du doch nur den
alten, langweiligen Professor --“
„Thörin,“ unterbrach sie die jetzt völlig metamorphosirte Mutter,
deren Blick ernst und finster geworden war, „Du könntest leicht Frau
Professor sein, wenn Du es verstanden hättest, Deine Vorzüge zur
Geltung zu bringen.“
„Soll ich dies vielleicht, da ich es bei Detmold unterließ, bei dem
indischen Nabob versuchen?“ fragte Camilla schelmisch lächelnd.
Die Räthin schien den Spott nicht herauszuhören. „Gut, daß Du endlich
einmal zur Vernunft kommst, Mädchen,“ sagte sie, dicht zu ihr heran
rückend. „Ich will Dir all’ Deine bisherigen Unklugheiten verzeihen,
wenn Du mir in diesem Punkte zu folgen versprichst!“
„Also, was soll ich thun, Mütterchen, um Deine Zufriedenheit zu
erwerben?“ fragte Camilla, sich zum Ernste zwingend. „~Mon Dieu~,“
entgegnet die Räthin nach Worten suchend, „soll ich denn einem Mädchen
von vierundzwanzig Jahren Vorschriften geben, wie sie sich benehmen
soll, um ihre Zukunft zu sichern? Mr. Buchler wird unser Hausgenosse
sein, wir werden selbstverständlich Gelegenheit haben, ihn öfter zu
sehen, ihm bei seiner Einrichtung und Wirthschaftsführung an die Hand
zu gehen, Du wirst Dich ihm als praktische Haustochter unentbehrlich
machen, unser Freund Detmold ist sein Intimus, selbstverständlich wird
das ‚Motto‘ gelten: ‚~Les amis de mes amis sont aussi mes amis‘!~“
„Und weiter nichts als ~amis~?“ spottete das übermüthige Mädchen. „Gut,
Mama, auf diesen Vorschlag will ich eingehen; ich werde den alten
indischen Nabob mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu umstricken
suchen, verspreche Dir, ihm sogar, und wenn er uns täglich besuchen
sollte, etwas vorzulesen, vorzusingen, vorzuspielen, vorzuweinen --“
„Du bist und bleibst eine Närrin!“ unterbrach sie die Räthin unwillig.
„Doch ich erkläre Dir fest und entschieden, Camilla, daß, wenn Du all’
meine Pläne consequent kreuzen wirst, ich Dr. Richard von heute an den
Verkehr in unserem Hause untersage.“
Das schöne Mädchen wurde nachdenklich.
„Aber Mutterlieb“, begann sie, ihre Arme um den Hals der kleinen Frau
schlingend, „was hat Dir denn Adalmar gethan? Ist er nicht der beste
Gesellschafter, der aufrichtigste Freund?“
„Und die aussichtsloseste Partie, die Du nur anstreben kannst!“
entgegnete die Mutter.
„Strebe ich denn eine Partie an?“ fragte Camilla verwundert.
„Das ist ja eben Dein strafbarer Leichtsinn, daß Du es nicht thust!
Ein Mädchen in Deinen Jahren, ohne Vermögen, ohne Versorgung, hat die
Pflicht --“
„Aber Pardon, beste Mama, sich doch nicht etwa einem alten, abgelebten
Manne als Krankenpflegerin zu opfern?“
„Du kannst mich mit Deinen albernen Ansichten bis zur Verzweiflung
bringen!“ entgegnete die Räthin mit dem Fuße stampfend; man sah
jetzt, wie die noch eben im Verkehr mit den beiden Herren so äußerst
einnehmende Frau bitterbös sein konnte, so daß sich ihre Züge bis zur
Unkenntlichkeit entstellten. Schmollend verließ sie das Zimmer. Kaum
war die Thür hinter ihr in’s Schloß gefallen, als Camilla ein Bild aus
ihrem Notizbuch hervor nahm, und es, indem ihre Augen sich mit Thränen
füllten, herzlich küßte. „Mein Adalmar, Dein auf ewig!“ flüsterte sie,
„und wenn zehn indische Nabobs mir ihre Schätze zu Füßen legen wollten!“