sprang auf, und er sah im Mondschein, der weiß auf den Dielen lag, eine
große Schlange ihre Ringe auf sein Lager zuwälzen; all sogleich lag sie
neben ihm, und er fühlte schaudernd ihren kalten Kopf an seiner rechten
Wange. Und gleich darauf ringelte sich ein zweites Ungetüm herein und
schmiegte sich gleichermaßen von der Linken dicht an ihn. Eine dritte
legte sich ihm mit der Last ihrer kalten Ringe über Brust und Hals, daß
sie ihn wie ein Mühlstein drückte. Vor Grauen und Todesangst lag er
starr und steif, bis nach einer Stunde Verlauf die drei Ungeheuer von
ihm ließen und blitzschnell verschwanden. Da ward sein Herz froh, und
er dachte: »Nun soll mir nichts mehr bange machen!« drehte sich aufs
Ohr und schlief ganz prächtig, bis die Sonne ihn weckte.
Als er am Morgen, von seinem Tischleindeckdich wieder brav gespeist, in
den Schloßhof kam, flogen die Schwäne sogleich auf ihn zu und taten
gar freundlich mit ihm, und siehe da, sie waren nicht mehr am ganzen
Leibe schwarz: Köpfe und Hälse leuchteten silberweiß. Er streichelte
ihr weich Gefieder, und sie schauten ihn gar menschlich an, daß ihm
ganz eigen ums Herz ward.
In der zweiten Nacht mußt' er nun freilich das gleiche Schrecknis
wieder überstehen und tat's, obschon die Schlangen heut' noch
atembenehmender auf ihm lasteten, schon mit getrosterem Herzen,
wofür ihn dann am folgenden Morgen die Schwäne, die bis auf ein paar
schwarze Schwanzfedern nun ganz weiß schimmerten, mit noch freudigerer
Zärtlichkeit koseten. In der dritten Nacht vermeinte er zwar, jetzt
drücke ihm die Last die Brust ein; doch eben da ein Schrei sich ihm
entwinden wollte, tat es einen furchtbaren Ruck, als stürze der ganze
Bau in Trümmer. Dann ward's still. Ihn aber übermannte eine tiefe
Ohnmacht nach der Todesnot, die er gelitten, und die Sinne schwanden
ihm.
Neugestärkt erwachte er, die Sonne lachte goldig auf sein Lager, er
hörte mit Staunen draußen den Lärm eilender Füße und stürzte hinaus: da
wimmelte es von Männern und Frauen, einem stattlichen Schloßgesinde,
alle gar herrlich angetan, die stellten sich ehrerbietig auf und
ließen durch ihre Reihen drei fürstliche, überaus schöne Jungfrauen
schreiten. Die traten zu ihm, reichten ihm jede ihre Wange zum Kusse
dar, die sammetweich und duftigkühl wie ein Rosenblatt war, und
sprachen: »Dank dir, mannlicher Held! Du hast uns erlöst; wir waren
die Schwäne und die Schlangen. Nun kehren wir heim zum Vater; das
Schloß aber mit allen Schätzen drin ist dein.« Dann küßten sie ihn alle
drei auf den Mund, setzten sich in einen herrlichen Wagen und fuhren
holdseligen Grußes von dannen.
[Illustration]
Unser glücklicher Konrad mußte wohl zu einem hohen Herrn geschaffen
sein. Er fand sich merkwürdig leicht in die Würde des Schloßherrn
und Gebietigers über ein stattlich Gefolge, versah sich mit
fürstlichen Gewändern, ließ anspannen und fuhr bei seinem hartnäckigen
Schwiegervater in allen Prächten vor. Dem leuchtete jetzt der Freier
schon besser ein, und er drängte die Prinzessin: »Er hat sein Leben
eingesetzt für dich, recht wie ein ritterlicher Held, kehrt nun wieder
wie ein Prinz, hat ein Schloß und unermeßliche Schätze; was verlangst
du mehr?«
Sie aber hatte nun ihr Herz in starrem Trotz verhärtet, da sie sah,
wie ihm alles zum besten gedieh, und er nun so herrisch einhertrat.
»Was Schätze!« rief sie heftig! »Er soll erst vom Kaiser von Marokko
das Geld holen, das der uns seit zehn Jahren schuldet. Kann er das, so
geb ich mich drein, anders nicht!« Damit eilte sie in ihre Kemenate,
verschloß sich drinnen und weinte, weinte, daß ihr die Brust weh tat --
warum, wußt' sie wohl selber kaum.
Der Freier aber hub stolz das Haupt, neigte sich und ging schweigend
davon. Er fuhr zu seinem Schlosse zurück, versah sich reichlich mit
Reisegeld und zog dem Meere zu. Seine Geige aber vergaß er nicht. Er
hatte gelernt an sein Glück glauben, und dachte: »Du entgehst mir
nicht, du Böse, du Trotzige, du Liebe, du Einzige!« und es war ihm
verwunderlich, daß, wie einem von der Sonne Geblendeten die purpurnen
Flecken über Gras und Hecken schweben und hüpfen, ihm immerfort das
verschmitzte Antlitz des Pelzkappenkobolds aus der Bauernschenke vor
den Augen tanzte, ihn mit den wasserhellen Augen anstierte und mit den
großen weißen Zähnen recht spitzbübisch angrinste; auch lag ihm des
Wichtes Lachen und Raunen unablässig im Ohr, so daß er unwillig den
Kopf schüttelte wie ein Ackerpferd, das sich des schwärmenden Geziefers
um seine spielenden Ohren nicht mehr erwehren kann.
Es hatte wohl auch allerlei zu bedeuten! Denn in einem Walde, den
Konrad durchzog, entsetzte ihn ein Krachen und Rumoren, als wenn
Bäume übereinanderstürzten, und alsbald traf er einen Kerl, der, die
Tabakpfeife im linken Maulwinkel, gemächlich Bäume ausriß wie unsereins
Rüben; die packte er zuhauf, drehte eine junge Eiche und band sie
damit zusammen. So was sieht man denn doch nicht alle Tage, und unser
Geiger erbat sich höflich Name und Stand dieses Burschen. »Wer werd
ich denn sein?« lachte der und spuckte einmal aus. »Der Hans bin ich
halt.« »Ach so, der Hans!« lachte der Geiger. »Guter Freund, es gibt
der Hänse mehr auf der Welt! Welcher Hans?« -- »Nun der,« lachte der
Bursch und wuchtete seinen Riesenpacken auf die Schultern, »der sieben
Jahre an seiner Mutter Brust gelegen und dann sieben Jahr Löwenmilch
getrunken.« -- »Aha! Darum auch! Nun sag mal, Hans, kommst du wohl
mit mir in die weite Welt? Ich geb dir Kost und guten Lohn. So einen
Kerl wie dich such ich grade.« -- »Warum nicht!« sprach Hans. »Muß nur
schnell meiner Mutter das Reisigbündel heimbringen; sie hat Wäsche!
Bin gleich wieder da!« Und er hielt Wort. Da grinste dem Spielmann vor
den Augen wieder wie ein hüpfender Nebelfleck das Spitzbubengesicht des
Pelzkappenmännleins; doch wenn er genau zusah, war nichts da.
Selbander zog er fürbaß und sah plötzlich von einer luftigen Höhe
herab siebenundsiebzig Windmühlen hurtig die Flügel drehn. »Hans, was
sagst du zu dem schnurrigen Ding? Spürst du einen Wind, der die Mühlen
triebe?« -- »Keinen Hauch, Herr, die Mücken tanzen.« Da trafen sie
auf der andern Seite der Höhe einen närrischen Kumpan, der hielt sich
ein Nasloch zu und blies mit dem andern, was hast du, was kannst du.
»Was treibst denn du da?« fragten die beiden. »Die Windmühlen, wie
ihr seht.« -- »Warum nimmst du denn nicht beide Naslöcher?« fragte
Hans. »Da tät nicht viel von den Mühlen übrig bleiben.« »Auch eine
Profession,« dachte Konrad; »aber der Blasius könnt' mir frommen!« und
ward kurzerhand mit ihm handelseins -- und wieder spukte das närrische
Nebelbild!
Selbdritt wanderte er fröhlichen Mutes weiter und atmete schon erquickt
den Salzhauch der nahen See. Da sprang auf einer Waldwiese ein Rudel
Rehe und Hasen übereinander und dazwischen ein langbeiniger Kerl, der
sichtlich eins fangen wollte, aber stets über die Tiere hinwegsprang,
so rasch, daß man seine Gestalt nur wie einen Schatten huschen sah.
»Rackerzeug!« schimpfte er, »kann doch keins erwischen, kriechen ja
wie die Schnecken!« -- »Du bist mein Mann,« dachte Konrad, »was meinst
du, Kobold?« und er sah das Gesicht lachen und nicken. Der Läufer aber
ging mit Freuden zur See hinab, wo sie sogleich ein Schiff antrafen,
das nach dem Kaiserreich Marokko fuhr. Bald lag ein starker Wind in
den Segeln, und unser Freund, der nun dreien ganz ausbündigen Gesellen
gebot, rieb sich die Hände und schmunzelte: »Mir kann's nicht fehlen!«
und spielte jeden Abend gar fröhliche und minnige Weisen.
Der Kaiser von Marokko saß just bei der Tafel, da der Fiedler ihm sein
Gewerbe vortrug, und war wohl etwas betrunken. Er lachte greulich
albern, als hätte der Sendling einen riesenhaften Witz gemacht, strich
sich dann den rabenschwarzen Bart, kniff das linke Auge ein und zog
die schwarze rechte Braue erschrecklich hoch, wodurch das ganze braune
Gesicht in die Kreuz und Quer verschoben ward und pudelnärrisch aussah,
und grinste: »Sitzt wohl arg in der Klemme, dein dicker König, he?
daß er's so nötig hat, der arme Schlucker? Nun, meinetwegen, man muß
der Armut auch was gönnen; laß dir vom Schatzmeister meine Kammern
aufschließen und sack dir in drei Teufels Namen soviel auf, als ein
Mann schleppen kann!« Da lachte der ganze Hofstaat über den witzigen
Kaiser. Der Geiger aber dachte: »Wart, du Großmaul, du sollst dich
umschaun: Der eine Mann soll nun Hänschen sein!« Ließ eine Kiste
zimmern, so groß wie ein Haus, und Hans packte einen ganzen Tag vom
Morgen zum Abend daran. Der marokkanische Schatzmeister aber hielt sich
den Bauch vor Lachen über den verrückten Kerl, der die endlosen Kasten
von Gold, Silber und edlem Gestein aus einem Haus ins andre verlud.
Das Lachen verging ihm aber, da Hans das zweite, das hölzerne Haus
mit leichtem Wupdich auf die Schultern schwang und damit lostrabte.
Der Läufer war mit einem Satze schon zum Hafen vorausgeeilt, das
Schiff bemannt und klar die Anker. Da watete Hänschen, der soeben das
Stadttor, durch das er mit seinem Hause nicht durchgekommen war, fein
säuberlich zusammengetreten hatte, mit seiner Riesenkiste durchs Wasser
und stellte sie quer über Deck, daß das ganze Schiff erschreckend tief
sank und im Sande festsaß. Gab ihm der Hans einen Tritt, daß es flott
ward, und heidi, saß er mit oben, die Anker rasselten hoch, der Wind
wehte vom Lande her kräftig in die Segel und das Schiff gewann die hohe
See.
Jetzt hatte man sich aber am Hofe des Kaisers von der ersten
Verblüffung erholt, und nur kurze Zeit stund's an, da sah der Geiger
eine mächtige marokkanische Flotte hinter ihnen dreinjagen. »Jetzt
sei Gott uns gnädig,« sprach er, »sonst geht's zuguterletzt doch noch
schief und uns allen an den Kragen.« »Lächerlich!« sprach Blasius,
kletterte aufs Heck, auf die Riesenkiste, dort setzte er sich gemütlich
auf den hinteren Rand, ließ die Beine baumeln und trommelte in heiterer
Erwartung mit den Fersen gegen die Holzwand. Da kam die Flotte näher,
man hörte das wilde Geschrei, sah die braunen Gesichter unter den
weißen Turbanen und sah die krummen Klingen, die Lanzen und Schilde
blitzen. »Achtung!« sprach Blasius und, hast du nicht gesehn, schnob
er aus beiden Naslöchern zugleich der feindlichen Flotte einen solchen
Sturm entgegen, daß alles auseinanderflog, die Schiffe umschlugen und
Mann und Maus ersaufen mußten.
Zehn Tage danach war's, da fuhren mit knarrenden Achsen zwanzig
Lastwagen vors Schloß des Königs; die Prinzessin stund am Fenster
und erschrak. Sie kam sich vor wie's Mäuslein in der Falle und wußt'
garnicht, daß sie sich heimlich, ganz heimlich sehnte, von dem
Schwerenots-Geiger, der alles durchsetzte, eingefangen zu werden. Der
König, der reichen Schätze froh, verstund nun keinen Spaß mehr: »Morgen
ist Hochzeit, Punktum! Streusand!« rief er und warf die Tür zu.
Noch eine letzte Ausflucht ersann die Prinzessin: »Ich will zufrieden
sein, so er mir zum Hochzeitsbraten drei Rehe schafft, die nicht
geschossen, nicht geschlagen, noch von Hunden gebissen sind.« Das
hatte der Leibarzt geraten, der dem Geiger gar nicht grün war. Der
König wütete: »Eigensinn und kein Ende! Da wird nichts draus!« Doch
der Geiger neigte sich dem Königskind und sprach spöttisch: »Ist
auch recht!« Im Geheimen dacht er: Das ist ein Stücklein für meinen
Springfuß! Der zog mit dem Bläser zu Holze, dieser mußte das Wild zu
Tausenden aus dem Walde pusten, der Läufer sprang den Rehen nach und
fing sie einzeln, Hans steckte sie dann alle in einen riesigen Sack.
Am Abend ließ dann der König auf des Geigers Geheiß die Straßen vorm
Schlosse absperren, Hans tat seinen Sack auf, da liefen an achthundert
Rehe über den Schloßplatz, und der Geiger rief zur Prinzessin hinauf:
»Wählt euch drei zum Hochzeitsbraten.« Da gab sie sich drein.
[Illustration]
Am Abend noch ward das Verlöbnis begangen, und als der Geiger von
seiner Braut durch die mondhelle Stadt des Nachts nach seinem Losament
zog, da hörte er einen Dudelsack. Trieb da ein kurioser alter Kerl,
eine Pelzkappe auf dem einen Ohr, drei tanzende und quiekende
Schweinchen vor sich her -- der Musikant traute seinen Augen nicht. Da
schwenkte er die Mütze und warf die Beine hoch: »Fahrwohl, Geigerlein,
ich wandre heim! findest wohl jetzt allein deines Weges weiter!«
Der wollte ihm nacheilen und ihm von ganzem Herzen danken, da war
der Kobold verschwunden, als hätt' ihn samt seinen drei Ferkeln der
Mond eingeschluckt. Aus weiter Ferne noch klang's wie ein Dudelsack.
Tags darauf war Hochzeit. Wie erschrak aber die Prinzessin, als ihr
Bräutigam, der, seit er Schloßherr worden, stets in fürstlichen
Gewändern stolzierte, ihr den Arm bot, sie in den Dom zu führen: Er
trug sein schäbiges Spielmannswams, die Geige auf dem Rücken, das
fleckige, zerdrückte Käppel mit dem Orden für Kunst und Wissenschaft
auf dem Kopfe! So hatte der stolze Hochzeiter sich's ausgedacht, ihre
Hoffart und ihren Trotz zu beugen. Da er sie aber fest aus seinen Augen
anblickte, legte sie getrost ihren Arm in den seinen, der König aber
lachte vor sich hin und brummte: »Geschieht ihr schon recht.« Da wurden
sie Mann und Frau, und der Geiger ward nach kurzer Frist, da der König
bald keinen Orden mehr für ihn hatte, zum Vizekönig ernannt, und alle
waren zufrieden, der Hof, und das Volk; am meisten aber die schöne Frau
Vizekönigin.
[Illustration]
Mausfallenwenzel
Amtmanns Fritz, wie hatte der's doch gut, viel besser als der kleine
Walter, des Schullehrers Bube! Aber rote Backen hatten sie beide, wenn
auch Walters schmaler waren und zarter; und blanke Augen hatten sie
auch, ob auch die des Schulmeisterkindes verträumt und traurig zugleich
ins Leere starrten; und guter Dinge waren sie zumeist, der arme wie der
reiche Junge, und hatten einander obenein von Herzen lieb, recht, als
ob sie Brüder wären.
Frohe Tage waren das hüben und drüben: hüben im vornehmen
Amtmannshause, wo weiche Teppiche dem schmalen Fuße des Lehrerkindes
so linde taten, wo schwere goldene Kronen mit einer Fülle weißer
Kerzen so feierlich von dem dunklen Deckengebälk herniederschwebten,
wo in der schönen Vorhalle mit den bunten Scheiben, unter den leise
wiegenden Fächern einer hohen edlen Palme ein grauer Papagei im
blitzenden Bauer sich schaukelte, der wie ein Mensch sprechen konnte
-- sogar was Französisches, meinte Fritz -- und furchtbar vornehm und
apart tat, wozu er nach Walters ehrfurchtvoller Ansicht auch ein gutes
Recht hatte. Aber eben so schön war's drüben im Schulmeisterhäuschen,
dem efeuübersponnenen, wo freilich auf blank gescheuerten Dielen nur
weißer Sand knisterte, wo's aber so geheimnisvoll dumpfig nach den
vielen, vielen alten Büchern roch, deren Bilderpracht den Kindern von
allen Wundern der Welt erzählte, fremden, fernen Ländern und ihren
schnurrigen Menschen und Tieren; im Schulmeisterhäuschen, wo's so viel
zu sehen gab: den ausbündig klugen Laubfrosch, der in seinem Glase ein
Leiterlein auf- und niederstieg, die Gläser all mit den buntfleckigen
Pflanzen und Molchen in Spiritus, ausgestopftes Getier aller Art und
herrliche Muscheln; in den ganz großen hörte man, wenn man sie ans Ohr
drückte, das Meer brausen und singen. Freilich, das eine hatte das
Amtmannshaus vor dem des Schulmeisters voraus: Eine Mutter gab's nur
dort; Walters Mutter war gestorben, als ihr Kind eben zu leben begann,
so hatte früher einmal der Vater erzählt und schwer, ach so schwer
geseufzt dabei, und Walter hatte sich an ihn schmiegen und bitterlich
weinen müssen; er vergaß die Stunde nie. Aber er sagte zu Fritzens
Mutter auch »Mama«, die gütige Frau mit den lichten, lachenden Augen
wollte es so haben; und so lebten die beiden kleinen Freunde frohe
Tage hüben und drüben. Am schönsten aber waren die freien, die reichen
Stunden, da sie beide in Wald und Feld streiften. O, sie wagten sich
schon weit hinaus, ganz allein, bis zur Försterei, wo die Förstersfrau
die köstliche Milch bereit hielt; sie fürchteten sich nicht, auch
wenn der Wald dichter und dämmeriger um sie ward, und längst ihr
lieber Tyras mit seinem Gebell daheim nicht mehr in ihre schweigende
Waldeinsamkeit hinreichte, noch der stolze Hahn vom Amtshofe mit seinem
hellen Kikeriki. Walter zumal, so scheu und zart er sonst war, konnte
nicht genug haben der heimlichen, bangen Lust, ins blaue Ungewisse, in
immer tiefere Waldesgründe zu tauchen; dann glühten seine Wangen in
seltsamer Erregung, und seine Augen wurden weit und groß, als sollte
hinter jedem Buchenstamm ein Märchenwesen und Abenteuer hervortreten.
Das war gruselig-schön; doch so ein rechtes Fürchten kannten sie wohl
beide noch nicht, es gab für sie noch nichts Unholdes in der Welt.
Doch halt, daß ich's nicht vergesse: ein Wesen war da, das mochten
sie beide nicht leiden, vor dem war ihnen bang, dem hätten sie doch
um Himmels willen nimmer im Walde begegnen mögen -- das war der
~Mausfallenwenzel~! Was war das für ein Wesen?
Fritzchens Mutter hatte ihre liebe Not, den Kindern klar zu machen,
er sei ein Mensch wie sie alle, nur ein armer Tropf, mit dem man von
Herzen Mitleid haben müsse, und er tue keiner Fliege ein Leides.
Umsonst. Sie wußten's im geheimen besser.
Ein kleines schmutzstarrendes Krüppelchen war der Wenzel, ein bucklig
Geschöpf mit schwarzem Haar, das ihm struppig in die niedrige braune
Stirn hineinhing, unter stachligen Brauen die schwarzen Augen funkelten
bald wie Rattenaugen, bald blickten sie wehleidig in kriechender
Demut, wie die Augen eines verprügelten Hundes. Wenn er mit seinem
rasselnden Pack von rostigen Mausefallen und schlechtem Küchenplunder
auf dem Buckel, den Knotenstock wie einen Tamburstab schwingend, sich
schief zum Hoftor hereinschob, dann nahmen unsere zwei Buben schreiend
Reißaus. Das war aber auch ein Bild: Die eine Schulter immer voran,
schlurfte er daher und plärrte: »Der Wenzel ist da, der Wenzel ist da!«
Die Zehen lugten ihm aus den zerschlissenen, breitgetretenen Schuhen,
sein speckig Hütel schob er vom rechten Ohr aufs linke, das war sein
Gruß, dazu grinste er breit und frech mit den weißen Zähnen, als freue
er sich hämisch, daß er frohe Menschen durch seinen Anblick erschrecke
und den Kindern ihre gute Laune trübe. Dann aber hättet ihr Tyras,
Amtmanns Wachthund, sehen sollen, Fritzchens besonderen Freund und
auch hierin mit ihm ganz eines Sinnes! Wie rasend fuhr er gesträubten
Nackenhaares aus seiner Hütte, riß und tobte bellend an der Kette. Den
Kopf vorangestreckt, seinen Knotenstock quer zwischen die weißen Zähne
genommen, schlurfte dann der Wenzel langsam dem wütenden Tiere entgegen
und schaute es scharf an. Dann kroch Tyras mit eingeklemmtem Schwanz
und krummem Buckel zum Ärger Fritzchens winselnd in seine Hütte zurück.
Wenzel aber hockte breitgrinsend auf der Steintreppe des Hauses nieder,
nachdem er sein rasselndes Bündel neben sich geschleudert hatte. Oben
auf der Schwelle erschien die Frau Amtmann, hinter ihr Trine, die Magd.
Dann ging's an ein Atzen des müden Krüppels: Alles, was an Abhub in der
Speisekammer nur zusammenzukratzen war, das schlang der Wenzel, der
die Kunst verstand, auf Vorrat zu essen, mit häßlichem Schmatzen zum
Staunen und Grausen von Frau und Magd hinein. Waren dann die Teller
rein abgeputzt, dann hub der Unhold an, für Amtmanns Küche zerbrochenes
irdenes Geschirr mit Draht zu flechten, und während die schwarzen,
knochigen Hände mit den höckrigen Gelenken den harten Draht flochten,
zogen und spannten, erzählte er der gütigen Frau des Hauses, die an
dem tollen Wicht ihren Spaß hatte, in einer närrischen Mundart von
seinen Reisen von Dorf zu Dorf. Trat dann der gestrenge Herr Amtmann
in die Tür, so sprang er auf und wurde ganz nur Buckel vor hündischer
Demut und Unterwürfigkeit. »Schon gut, Wenzel,« sagte dann der Amtmann,
»nun troll dich wieder,« und Herr und Frau Amtmann hatten dann,
wenn das kleine Untier unter tausend Kratzfüßen und »Vergelts Gott«
abgeschoben war, noch lange Meinungsverschiedenheiten auszugleichen,
wovon die Kinder nichts verstanden. Diese hatten die ganze Zeit in
Grauen und doch Neugier fern abseits gestanden; ihnen war's gewesen,
als sei mit dem Auftauchen »Mausefallskis«, wie die Dorfkinder hinter
dem Kobold herschrieen, die Sonne bleicher, der Tag trüber, die Welt
freudloser und häßlicher worden. Sie hatten nur den verschüchterten
Tyras wieder aus seinem Häuschen hervorgeschmeichelt, ihm den glatten
Kopf gekraut und ihn getröstet: er solle nur nicht bange sein, der
kleine Tückebold dürfe ihm nichts tun; und sie möchten ihn ja auch
nicht leiden und -- »noch den einen Topf da muß er Mutter flicken, dann
muß er sich aber packen!« Tyras verstand sie gar wohl und war wieder
einmal ganz ihrer Ansicht.
Der Mausfallenwenzel machte den Kindern gar viel zu schaffen in ihrem
Sinne. Oft sprachen sie von ihm, zumal wenn sie abends dicht zusammen
rückten und die Lust sie ankam, sich selber bang zu machen: Es war doch
ein Geheimnis um ihn! Wer war er, von wannen kam er, was wollt er, was
konnt er? Sicher mehr denn Brot essen, das stand fest. Ein Zauberer
war er zum mindesten, man hatte es ja an Tyras gesehen, den er mit
einem Blicke bannte. Es gab ja auch gute Zauberer; der aber war gewiß
keiner; nein, alles Unheimliche, Spukhafte, Böse, was sie nur erträumen
mochten, trug für sie Wenzels Züge. Er spukte in vielen Märchen, die
der Schulmeister und Fritzchens Mutter ihnen erzählt; die ahnten nichts
davon, woran die Kinder dabei dachten, doch diese sahen einander nur an
und verstanden sich.
Ein erschütterndes, beinahe verhängnisvolles Erlebnis sollten die
beiden Kinder dem Popanz ihrer Jugend verdanken. Einst hatten sie
sich weiter als je im Walde verloren, Walters abenteuernder Sinn war
schuld daran; doch diesmal war's wirklich bedenklich, über den Kronen
des Waldes hing ein schweres Gewitter. Mutter wird schön in Sorge
sein, dachte Fritz, aber er sagte es nicht; Walter dachte von seinem
Vater nicht dergleichen, denn er dachte überhaupt nichts, er schaute
und lebte nur das bange Leben des wetterharrenden Waldes mit, das
Todesschweigen der wehrlosen Erwartung, die regunglose Stille der
Buchenfächer, das Versinken in Grau und Grauen ringsum -- das nahm ihn
ganz dahin. Es war, als stünde Entsetzliches zu erwarten; und wär's
sein eigener Untergang gewesen, er mußte das mit anschauen! Er schrak
zusammen, mit schrillem Pfeifen, einem Angstschrei gleich, schoß
ein Vogel, den er nicht kannte, über ihn hin, und aus dichtem Laub
antwortete erschreckt und kleinlaut der zarte Ruf eines Meisleins. Dann
wieder bange Todesstille: »Die Mutter wird schön in Sorge sein,« sagte
Fritz jetzt doch laut vor sich hin, und die Kinder faßten sich an den
Händen, ihre Füße waren ihnen schwer wie Blei, und ihre kleinen Herzen
pochten. Er war so schwül, zudem keuchten sie jetzt berghinan; weit und
breit deckte den hügeligen Waldgrund die braungoldene, weiche Decke
gefallenen Buchenlaubes. Die müden Füße stolperten immer häufiger,
weinen hätten sie mögen. Nur ein rechter Junge weint nicht gleich,
dachte Fritz -- Walter dachte gar nichts, er träumte und schaute nur,
und seine schmalen Wangen glühten. Da rollte fern ein erster langer
Donner, ein leises, feines Trommeln begann rings im Buchenwald, ein
schwüler Atem wie aus schwer beklommner Brust ging dem beginnenden
Regen voran. Den Kindern stand der Schweiß auf der Stirn, Fritz machte
den Versuch zu pfeifen.
[Illustration]
Da riß ihn Walter mit einem leisen Schrei zurück; vor ihnen am
Boden, am braunen Waldboden, da regte sich was, kroch, humpelte,
krabbelte, flatterte -- ein schnurrig Klümpchen Federn, ein wunderlich
Häufchen Lebens. Da starrten zwei große, dunkelblaue Augen schrecklich
menschlich zu den Kindern empor. Sie standen von Schrecken gelähmt. Was
war's? Ein junger Waldkauz, der, aus dem Nest gefallen, hilflos die
halbgespreizten Flügel am Boden schleifte, mit den Augen blinzelte und
mit dem krummen Eulenschnabel gnappte.