von seinem Vater stets dazu angehalten worden, in ihnen leidende,
brüderliche Geschöpfe zu ehren. Dies Ding da zu ihren Füßen war ihnen
fremd, unheimlich; diese ängstlichen, großen Augen in dem runden Kopfe,
diese zuckenden Krallen, und an dem ganzen Häuflein Federn kein rechtes
Oben und Unten. Und das zu dieser Stunde, in dieser Einsamkeit -- und
aus allen Schattenwinkeln der Bäume ringsum raunten Märchen, unholde
Märchen von verwunschenen Menschenwesen, von foppenden Spukgebilden
und Zauberblendwerk darein. -- Fritz hatte unwillkürlich im ersten
Abscheu mit dem Fuße nach dem Dinge gestoßen -- es kollerte, purzelte,
statterte ein Stückchen weiter, gnappte und schaute noch ängstlicher
aus den runden Augen. Fritz, der sich seiner Roheit schämte, haßte das
Geschöpf darum; ja es hatte was Hämisches, Feiges, Niederträchtiges;
Walter aber sah noch mehr: wie's den dicken Kopf so eingezogen
hatte, sah's so bucklig und knüpplig aus, und die menschlichen Augen
so demütig, so scheußlich demütig flehend -- die Augen kannte er
doch -- das war ja, das war ja ... er packte Fritz am Ärmel, und --
»Mausefallenwenzel« -- flüsterten beide Kinder zumal.
Sie haben das Ding totgemacht, mit fiebernden Sinnen, fliegenden
Händen, Angst und Entsetzen und tiefem, tiefem, blutigem Erbarmen. Sie
haben's getan, sie wußten selbst nicht, wie; alles, was zwischen Haß
und Mitleid, Wut und Jammer, Trotz und bebender Angst liegt, haben
sie dabei empfunden und dann eine Welt voll Scham und Zerknirschung
und Todestrauer, die nichts von Trost weiß, heimgetragen, eine
ganze Kainsseele in jeder Kinderbrust; so sind sie in strömendem
Gewitterregen heulend und mit klappernden Zähnen daheim angekommen, sie
wußten selbst nicht, wie. Der Schulmeister und die Frau Amtmann waren
in Angst und Sorge gewesen, die Jungen haben sich jeder schluchzend
an sie geklammert -- »Rein aus dem Häuschen!« meinte kopfschüttelnd
Fritzchens Mutter: »Das bißchen Gewitter, du lieber Gott!« Sie hätte
den beiden doch mehr Strammheit zugetraut.
Walter sollte diese Nacht, wie schon manchmal, bei Amtmanns
schlafen. Fritz mochte ihn nicht von sich lassen. So waren sie denn
hinaufgebracht worden in die Kinder- und Schlafstube, unten aber
saßen der Amtmann und seine Frau und der Lehrer noch beim Glase Wein
im Gespräch und bedachten, was den Kindern wohl geschehen sei; denn
sie fieberten beide und waren, besonders der kleine Walter, in einer
fremdartigen, ganz krankhaften Erregung. Sollte man nicht doch nach
dem Arzte schicken? Der Amtmann nahm die Sache nicht so ängstlich.
Sie haben sich eben verlaufen, Furcht ausgestanden vor dem Gewitter,
der Einsamkeit, vielleicht auch vor Strafe; pudelnaß sind sie ja auch
geworden; morgen wird bis auf einen tüchtigen Schnupfen alles vergessen
sein. Jedenfalls war's ein heilsamer Denkzettel für ähnliche Ausflüge.
-- Seine Frau und der Lehrer schüttelten den Kopf: Nein, nein! das
sitzt tiefer. Da ist etwas Besondres geschehen, womit die jungen
Gemüter nicht fertig werden; da hilft nur Vertrauen, Aussprache; eher
finden die kleinen Herzen keine Ruhe. --
Sie wurden also in ihren Nachtkitteln heruntergeholt und traten
bleich und zitternd in den Lichtkreis der Lampe. Eben soll das Verhör
beginnen, da klopft es -- »Herein!« Hartmann ist's, der Feldjäger. Er
meldet dem Herrn Amtmann: »Droben im Walde ist der Mausefallenwenzel
tot aufgefunden worden.« Keiner bemerkt, wie eisiges Entsetzen beide
Kinderaugen starren macht. Der Beamte meldet weiter: allem Anscheine
nach sei er erschlagen; zwar sei es nicht auszudenken: um der paar
Lumpendreier willen, die der Strolch in der Hosentasche geführt! --
Der Amtmann ist ernst aufgestanden: »Lieber Hartmann, ich hab meine
besondern Gedanken: der Wenzel war selber ein Spitzbube, da hat ihm
wohl ein ungetreuer Kumpan einen Raub abjagen wollen. Er war euch nur
zu schlau, mein Freund, aber ich hab's meiner Frau immer gesagt ...!«
Er bricht ab. -- Walter liegt wie leblos auf dem Teppich, Fritz
klammert sich schreiend an den Hals der Mutter.
Bange Tage gab's im Schullehrerhause. Das Kind lag lange zwischen Leben
und Sterben, und der Lehrer gedachte seines Weibes und sprach: »Aber
nicht wie ich will, sondern wie du willst. Nimm mir auch den vom Herzen
...!« Dann kam der Tag, da der von Nachtwachen erblichene Mann dem Arzt
die Hand zusammenpreßte, daß der hätte aufschreien mögen, dem Arzt, der
ihm das eine Wort gesprochen: Gerettet.
Dem Knaben aber, der den Wahn seines seltsamen Abenteuers später
begreifen lernte, blieb ein tiefer reicher Segen davon. Was viele nie
verstehen, und ob's ihnen mit Menschen- und Engelszungen gepredigt
werde, das hatte er in tiefster, furchtbarster Erschütterung an sich
selbst ~erlebt~: die Einheit und Gleichheit alles Lebendigen; und
ihm ward davon die Segensfrucht verstehender Liebe und weltumfassenden
Erbarmens mit allen, was da lebt, es sei schön oder häßlich, gut oder
böse.
[Illustration]
Dritte Auflage. Die Zeichnungen sind von Hans Schroedter, Karlsruhe.
Die Buchaustattung besorgte H. M. Bungter, Leipzig-Mölkau.
Druck Orbis A. G. Prag.
Copyright by Erich Matthes, Leipzig, 1925.