»sonst ist die Nacht hin,« und wunderte sich, daß noch keine
Morgendämmerung die Dunkelheit lichte. Da stieß er mit dem Stocke
gegen etwas an! Er tastete, es war eine Tür. Er suchte nach Schloß und
Klinke, sie war offen. Er trat ein.
Erstaunt hemmte er den Fuß, drinnen war geheimnisvolles Morgengrauen:
Ein weiter Schloßhof, ein großer Weiher inmitten, von regungslosem
Schilf umkränzt, auf der fahl schimmernden Flut kreisten drei schwarze
Schwäne und ließen die Köpfe hangen, als ob sie gar traurig wären.
Seine Schritte hallten von den Schloßmauern wider; er erschrak und
ging auf den Zehen weiter durch das herrliche, reich verzierte Portal,
dessen Tür sich gleichfalls lautlos seinem schüchternen Drucke öffnete.
Drinnen waren Säle an Säle gereiht, Zimmer an Zimmer, da stunden
Schätze und Kostbarkeiten, daß ihm wirblig im Kopfe ward; aber alle
Wände waren mit schwarzem Samt ausgeschlagen. Er gedachte aber zum
Glück der Warnung des Alten mit der Pelzkappe und schritt leise auf den
Zehen weiter. Im letzten Zimmer endlich schien etwas Lebendiges sich
zu regen. Er spähte vorsichtig und bänglich um die Tür. Stund da doch
wahrhaftig am Boden ein Körbchen, darinnen drei allerliebste, rosige
Ferkelchen sich drängten und quiekten. Das nahm er auf, stieß die
gegenüberliegende Tür mit dem Fuße auf. -- »Hm, das hätt' ich bequemer
haben können!« rief er erstaunt. Er stund außerhalb des Schlosses im
Walde, und der Wald war morgenhell und duftete reine Taufrische, die
Buchfinken schmetterten, die Meislein schlüpften durchs Gezweig und
lockten und pfiffen, der Meister Specht war schon an seiner Arbeit. Da
ging unsern Konrad das Herz auf in solcher Fröhlichkeit, daß er seinen
Ferkelkorb ins Moos setzte, seine treue Fiedel hernahm und in den
lauten Jubel der Waldvögelein mit einer lustig klaren Weise einstimmte.
Da geschah ein drollig Wunder: die drei Ferkelchen sprangen aus ihrem
Korb, stellten sich auf die Hinterbeine und huben ein Tanzen an,
quieksten auch artig darein, daß Konrad vor lauter Lachen falsche Töne
griff und das Fiedeln aufgeben mußte, um sich erst einmal Bauch und
Seiten zu halten. »Euch laß ich für Geld sehn, ihr rosiges Gesindel.
Wenn ihr unterm lichten Galgen tanzt, da lachen ja die armen Sünder
noch, die droben hangen. Wir bleiben zusammen, wir vier, gelt? Juchhe!
jetzt kann mir's nimmer fehlen! Wer der Welt zu lachen gibt, der hat
die Wurst!«
[Illustration]
Und er zog freudigen und getrosten Mutes der Hauptstadt des Königreichs
zu. Ein paarmal probierte er's noch in einem Dorfe hier oder da mit
seinem Ferkeltanz, überall lachten die Menschen Tränen und sprangen ihm
die Batzen in den Hut; aber er dachte: »Nur zur Probe, ob's vorhält;
ich muß mich rar machen, bis ich vor die rechte Schmiede komme; so ein
König will immer was Apartes haben, da darf das Volk nicht das Beste
davon weglachen; und hört er gar von dem vergnüglichen Wunder schon, eh
denn er's geschaut, so ist's ganz gefehlt.« Behielt also, je näher er
der Hauptstadt kam, seine Kunst fein für sich und machte dafür lange
Beine; denn zahlten die Bauern mit Kupfer, so mußte doch von Anstands
wegen der König mit Gold zahlen!
Endlich war er durch das Stadttor eingezogen und stellte sich vors
Schloß mit seiner Geige und seinem verschlossenen Korbe. Da trat ein
dickleibiger Herr mit roten Backen und einer Weinnase zu ihm, der
sichtlich aus dem Ratskeller kam, daher, wo er am tiefsten ist, schlug
ihm auf die Schulter und lachte, daß ihm der Bauch hotzelte. »Guck,
wieder ein Narr! Willst du's auch versuchen, Geigerle? Gib's auf, sag
ich dir, du schaffst es auch nicht!« -- »Was denn, werter Herr?« sprach
unser Freund und lüpfte sittsam das Käppchen. »Stell dich an!« knurrte
der Dicke und wollt' weiter schreiten. »Bei Gott, würdiger Herr,«
sprach der Geiger, »ich weiß nicht, was ihr meint, bin des Ortes unkund
und komm soeben von ungefähr daher« ... -- »Von ungefähr, so so? Und
da haben dir's vom Stadttor bis zum Schloßtor die Hunderle auf den
Gassen noch nicht erzählt? Nun, das nimmt mich Wunder, Freund. Na, so
kann ich dir's ja anmelden, vielleicht jückt dich dann der Fürwitz,
die Prinzessin zu frein, und ich leg mich dann heut nacht ins Bette
mit dem lustigen Gedanken, einen Narren mehr gemacht zu haben. Unsere
Prinzeß nämlich, ansonsten eine kreuzbrave Person und hübsch wie der
Daus -- da ist nix darwider zu reden -- die leidet dir an der dümmsten
Krankheit, die die Ärzte erfunden haben: Sie kann nicht lachen!« --
Und dabei lachte er selbst, des zum Zeichen, daß er dieser Krankheit
frei sei, daß ihm der Bauch hupfte. »Zwanzig Jahre ist das saubere
Frauenzimmer alt und hat all die Zeit ein Gesicht geschnitten wie'n
verregnet Heiligenbild. Wenn das so weiter geht, so verholzt sie bei
lebendigem Leibe und wir können sie als hölzerne Dolorosa in ein
Tabernakelchen setzen. Da hat denn der König verkünden lassen, dem
vor ihrem ernsthaften Geschau wohl sein täglich Gläschen Weins sauer
wird: Wer das Mädel zum Lachen bringt, der soll sie haben. Denn die
Ärzte haben's ihm vordemonstriert, daß nur ein tüchtiger Lachanfall sie
heilen könnt', durch den die üble Materie der Trübsal von ihr ginge,
gleichsam durch ein Platzen von irgend einer Wehmutbeule, die sich dem
armen Ding am Herzen wo zusammengezogen habe. Nun, die Doktors können
einem viel weismachen; soviel ist gewiß: das Wort des Königs gilt,
und somit hast du nun alles, was du brauchst, mein Freund, um binnen
einer Stunde ein würdig Glied der Narrengilde zu sein, die an diesem
Königswort kleben blieben ist; nun gehab dich wohl und -- guten
Erfolg.«
Damit ging er lachend und schütternd davon. Konrad aber fühlte sich gar
nicht als Narr, wenn er die tolle Hoffnung sofort mit beiden Fäusten
erpackte: Er könne der sein, der hier not wäre! Jetzt lag's ihm ja
taghelle vor Augen, wo der Pelzkappenkobold in der Dorfschenke mit ihm
hinauswollte und zu was Ende er ihn geheißen, fein die drei lustigen
Schweinchen mitzunehmen! »Hoho! das Ding kriegen wir,« lachte der
Fiedler und hub die Geige ans Kinn. »Wirst der Ärmsten zuerst ein recht
traurig Stückel spielen, das lockt sie heraus, dann wollen wir schon
weiter sehn.«
Und er gedachte der Tage, da ihm selber die Trübsal bis zum Halse
gestanden, nach seines lieben Grafen Tode, wie er sich so verraten
und verkauft gefühlt in der weiten Welt, und schaute nicht rechts und
nicht links und versank ganz in das grenzenlose Weh jener unseligen
Tage. Da stund die Prinzessin auf dem Söller und weinte herzbrechend,
hinter ihr der König, und sah zornig auf den Geiger herab, der mit
seinen langgezogenen Strichen, dem Klagen und Schluchzen und Seufzen
seiner Fiedel, alles Weh aus dem Herzen seines Kindes gleichsam
heraushaspelte. Rings umher sammelten sich die Menschen und sahen
drein, als stünden sie um ein offenes Grab, die Frauen zogen ihre
Tüchel und war ein Schluchzen und Naseschneuzen zum Gotterbarmen. Von
alledem sah und hörte unser Geiger nichts, er war ganz allein mit sich,
vergaß, was ihn hierhergeführt und trank die selbstgeschaffene Trauer,
die aus seinem Bogen floß. Da quiekte ganz leise eins der Ferkelchen,
und der Spieler erwachte, sah auf und erblickte droben die Prinzessin,
die eben wehüberwältigt an ihres Vaters Brust sank. Da blieb ihm der
Mund offen stehen, so schön war sie in ihrem Leide. Der König aber rief
zornig hinab: »Man nehme den Kerl in Haft!«
Hui, fegte da in die verhallenden Klagetöne ein Hopser drein, daß all
die wehmütig herabhangenden Nasen emporschnellten; der Korbdeckel
flog auf und die drei Schweinchen traten zum zierlichen Tanze an.
Nein, war das närrisch, sie übertrafen sich heut aber auch selber,
als wüßten sie, vor wem sie tanzten! Sie waren lächerlich vom
Ringelschwänzchen und den feisten Hinterbäckchen bis zum schnuffelnden
Schnäuzchen, den zwinkernden Äuglein, den schlappenden Ohren, den
rudernden Vorderpfoten. Dazu sah's, weiß der Himmel, aus, als ob
sie richtig lachten, dabei quiekten sie wie betrunkene Studenten.
Der König verlor die Krone vom Kopfe, so gewaltig mußte er lachen,
die Prinzessin lag in seinem Arme, die Hand auf dem Herzen und rang
nach Luft. Auf dem Schloßplatz die Menschen wogten und schrieen und
brüllten durcheinander, schlugen mit den Köpfen zusammen, purzelten
und kugelten übereinander. Der dicke Herr von vordem, der, durch den
Tumult angelockt, zurückgekehrt war, stund inmitten der Menge, blau
anzusehn, um ihn waren drei Mann bemüht, seinen springenden Bauch zu
halten. »Kinder,« keuchte er, »haltet mir bloß den Bauch fest! Ich
überleb's nicht, er fliegt mir weg! Habt ihr ihn? Habt ihr ihn? So
ein verfluchter Kerl! Tritt denn keiner die Ferkel tot? Pu! zu Hilfe!
Ich sterbe!« Über die Saiten aber hüpfte und sprang der Fiedelbogen,
und die Schweinchen drehten sich unermüdlich im Tanze und quiekten.
»Aufhören!« schrie da der König vom Söller herunter, er sah ganz
zerzaust und zerstrobelt aus; die Prinzessin aber war von unten
garnicht mehr zu sehn, sie lag auf einem Ruhebett, eine Kammerfrau
öffnete ihr das Mieder, da dehnte sich ihre junge Brust in tiefem,
tiefem Aufatmen; der Leibarzt aber legte den Finger an die dicke Nase
und sprach langsam und würdevoll in tiefstem Baß: »Sie ist geplatzt.«
--
»Um Gotteswillen, wer?« schrie der König. »Die Wehmutbeule an Dero
Tochter Herzen, Majestät. Majestät wollen sich erinnern, wie ich
dermalen sehr richtig voraussagte, daß es solcher lächerlichen
Erschütterung bedürfe, will sagen: Zwerchfellerschütterung durch einen
starken Lachanfall -- sehr richtig ....« Dies »sehr richtig« sprach der
Leibarzt selber, er hatte die reizende Angewöhnung, gleichsam als sein
eigener Zuhörer, seinen eigenen Worten stets durch bewunderndes »Sehr
richtig« -- »optime!« -- »Vortrefflich!« Beifall zu spenden -- »daß es
also sotaner Erschütterung bedürfe, damit die üble morose Materie frei
und abgeführt werde. Sehr richtig.«
Der König griff in die Seitentasche seines Schlafrocks und reichte dem
Doktor einen blitzenden Orden dar, den dieser sich verneigend neben
die vielen anderen Sterne an seinen betreßten Rock steckte. Dann fuhr
er fort, indem er der Prinzessin schlanke Hand faßte und den Puls
zählte: »Nachdem nun anjetzo diese von mir sehr richtig vorausgesagte
glückhafte Wendung eingetreten, werden sich Eure Hoheit zu Bette
begeben haben, Kamillentee trinken und durch eine kräftige Schwitzkur
der Natur zu Hilfe kommen -- Natur zu Hilfe kommen, sehr richtig.«
Da geschah etwas Schreckliches: die Prinzessin hatte kaum in das
rote Gesicht des Arztes, der sich bedeutsam seine dicke Nase rieb
und knetete, einen Blick getan -- einen Blick, als säh sie ihn
jetzt zum erstenmal, als sie von neuem in ein schallendes Lachen
ausbrach, daß der gelehrte Herr die Augenbrauen so hoch zog, daß sie
unter der großen Perücke verschwanden. »Doktor! um Gotteswillen,«
schluchzte sie, »gehn Sie weg, sie sehen zu lächerlich aus!« Der
Doktor wurde nicht eigentlich blaß, denn das vermocht' er mit seinem
blühenden Antlitz nicht, aber er verfärbte sich, so gut's eben ging,
ins Grünlich-Graulich-Gelbliche und sprach: »Sehr bedenklich!« --
»Aber Kind!« tadelte der königliche Vater -- »Du auch!« schrie die
lachende Prinzessin! »Du auch! Ihr bringt mich um! Nein, Papa, bist
du lächerlich, du glaubst es gar nicht!« Unter uns gesagt, sie hatte
eigentlich recht, weder der König noch sein hochgelehrter Leibarzt
sahen sonderlich geistreich und würdig aus. Der König prallte betroffen
zurück, schob seine schiefgelachte Krone grade, knöpfte den Schlafrock
zu, stellte das eine Bein mit dem perlengestickten Pantoffel am Fuß mit
königlichem Anstand vor und schüttelte sehr ernst verweisend das Haupt:
»Kind, weißt du auch, was du da Furchtbares gesprochen?« Da lachte das
schöne Mädchen noch toller und stürzte, die Kammerfrau hinter ihr her,
in die inneren Gemächer ab mit dem lachenden Schrei: »Ihr bringt mich
um!«
Da stunden König und Leibarzt und schauten sich verdutzt an, und wenn
sie Witz gehabt hätten, so hätten sie einer über den anderen gelacht,
statt dessen zogen sie beide ihre Dosen und schöpften sich jeder
eine Prise, die sie gedankenvoll und gewichtig in ihre dicken Nasen
stopften. »Was sagt ihr, Leibarzt?« sprach dann der König. »Majestät,
diese Erscheinung dünkt mich freilich nicht unbedenklich. Wir werden
zur Ader lassen müssen, auch eine gelinde Purganz reichen. Jedennoch,
wohl erwogen, daß Dero Fräulein Tochter zwanzig Jahre um und um
jeglichen Lachens sich enthalten, scheint es mir räsonnabel, so Dero
Natura anjetzo das Versäumte allsogleich nachzuholen sich beeilet,
wo dann freilich weder der Anblick der gekrönten Majestät noch die
Würde der Wissenschaft davor sicher sind, zum untauglichen Objekto
solcher krampfhaften und annoch krankhaften Lachlust entwürdigt zu
werden -- Lachlust entwürdigt zu werden. Sehr richtig. Ich bin der
wissenschaftlichen Überzeugung, daß wir in den nächsten Tagen, ehbevor
Ihre Hoheit wiederum gänzlich normal geworden, das betrübende Spektakul
erleben werden, daß Hochderselben jegliche Persona, von Eurer Majestät
herab bis zum Hofjuden und Henker, als eine überaus lächerliche
Verzerrung von Gottes Ebenbilde erscheinen wird -- Ebenbilde erscheinen
wird, sehr richtig, optime! Ich darf nur bitten, der Prinzessin als
einer Patientin solche Anfälle nicht übel vermerken zu wollen,
denn ...«
Der Hofarzt hätte noch weiter gesalbadert, wenn nicht ein Kammerdiener
jetzt den Geiger gemeldet hätt'. Und da stund er auch schon, die Geige
unterm Arme, das Käppel in der braunen Faust -- den Ferkelkorb hatte er
wohl beim Pförtner unten eingestellt -- verneigte sich nicht allzutief
und fragte frischweg: »Nun also, Herr König?« -- »Wieso also?« fragte
der König. -- »Nun begehre ich die Prinzessin zur Frau, da ich sie
lachen gemacht habe.« -- »Ja so, hm, freilich, selbstverständlich,
mein Lieber, ich hab's ja versprochen.« -- »Das will ich meinen, Herr
König.« -- »Junger Freund,« sprach der Arzt gewichtig, »Ihre Hoheit ist
infolge des Lachanfalls, den ihr der Patientin, den Vorwurf darf ich
euch nicht ersparen, in allzu heftiger Dosis appliziert habt, leider
wiederum krank geworden und zur Zeit jedlicher Schonung bedürftig.«
-- »So ist's,« fiel der König ein, »drum sprecht bei gelegener Zeit
wieder vor. Wir bleiben euch in Gnaden gewogen.« Damit griff er in die
Schlafrocktasche und reichte dem verdutzten Musikanten den hohen Orden
des Königlichen Hauses. Den drehte der verlegen in den Händen und schob
ihn dann in die Hosentasche. »Herr König, ich will aber doch hoffen
...« -- »Gewiß sollt ihr hoffen, Teuerster, da habt ihr noch einen,«
und holte aus dem Schlafrock den Orden für Kunst und Wissenschaft,
den der Fiedler vorn auf sein Käppel steckte. Damit war er huldvoll
entlassen, und hatte auf der Marmortreppe draußen so seine besonderen
Gedanken. Im Schlosse war nun wirklich, die »wissenschaftliche
Überzeugung« des Arztes hatte da einmal das Richtige getroffen, eine
heillose Wirtschaft eingerissen. Die Prinzessin sah plötzlich ihre
Umgebung mit neuen Augen und fand tatsächlich jeden Menschen am
Hofe, der sich ihr nahte, in die Maßen närrisch und lächerlich, die
würdigsten Hof- und Standespersonen mit den gewichtigsten Perücken,
ernstesten Mienen, Verbeugungen und den funkelnden Ordensbrüsten am
allerlächerlichsten. Das war eine Not! Da gab's viele tief beleidigte
Gesichter, Abschiedsgesuche, Zank und Mißverständnisse und Erklärungen,
Schadenfreude und Hohn und Herausforderungen, da half kein Aderlaß und
keine Purganz -- sie lachte, lachte über alle!
Was das Schrecklichste war: über ihren königlichen Papa am
allermeisten! Der Leibarzt war ratlos, war verzweifelt und kam nur
selten noch dazu, anerkennend seine Nase zu streicheln und zu husten
und sich selbst ein bewunderndes: »Sehr richtig!« und »Vortrefflich«
zu gönnen. Da verfiel der Kanzler, über dessen lange Nase und dünne
Beine die Patientin auch gar unehrerbietig gelacht hatte, auf den
guten Gedanken, der ihm sogleich einen neuen Orden eintrug: Man möge
den Geiger, der zuerst Ihre Hoheit so sehr zu Tränen gerührt, zu Hofe
laden, daß er der Leidenden eine recht ~traurige~ Weise spiele.
So geschah's. Konrad trat ans Bett der Prinzessin, die schon wieder auf
eine neue närrische Erscheinung gefaßt war, und -- faltete ergriffen
die Hände, da er sie in ihrer jungen Schönheit, das goldig schimmernde
Seidenhaar auf das Kissen gebreitet, vor sich liegen sah, er war nicht
imstand, nur ein »Grüß Gott« zu sagen. Das schöne Mädchen aber sah
ihn mit ihren übermütigen Blauaugen an, errötete dann betroffen und
-- lachte zum ersten Male nicht! »Aha!« sprach der Kanzler leise, der
hinter einem Vorhang mit dem König das Ding beobachtete. Die Prinzessin
zog die seidene Decke über ihren Busen und fragte beklommen: »Was
wollt ihr?« -- »Spielen soll ich, allerschönste Prinzessin,« stammelte
der Musikant. »So spielt, aber stellt euch dort am Fußende des Bettes
hin. Warum ich im Bett liegen soll, weiß ich nicht, ich bin gesund wie
der Fisch im Wasser. Aber der Leibarzt ...« Da mußte sie wieder laut
auflachen, wie sie des würdeschweren Herrn mit dem Finger an der dicken
Nase gedachte. »Spielt zu,« rief sie, »und schaut mich nicht immer so
an.«
[Illustration]
Und Konrad, der Prinzessin zu Füßen, spielte. Er spielte alles, des
sein ehrlich Herz voll war, seiner Liebe und Sehnsucht klagende Not:
»Wie darf ich armer heimatloser Gesell, ich zerlumpter Fiedelstreicher
mein Auge zu dir erheben, die du so schön, so fein, so edel, so
ohnegleichen unter den Frauen!« und er spielte ihr die Liebe ins Herz,
daß sie erseufzte, ihre Brust sich hub und linde Tränen ihr Kissen
netzten. Und er sah's, und seine Geige ward inniger und süßer, und
sang von allen Wundern der schönen Welt, und der Liebe, der Wunder
größtem; und seine Sehnsucht ward weich wie die flaumigen Schwingen
des Traumes, und vor ihren Augen, die sie geschlossen hatte, leuchteten
bei seinem Spiel goldige Abendhimmel über schimmernden Weihern, und
die glühenden Abendwolken dehnten und zogen sich breiter und weiter,
wurden loser und duftiger, und der Blick ins Licht ward tiefer, ward
unendlich, und nahm ihre Seele hindann. Da war sie entschlummert,
leise, leise verklang die Geige. Der Musikant sah sie ruhen,
engelschön, sah ihr Unschuldgesicht und das Rot der Gesundheit auf
ihren Wangen und das friedsame Atmen der jungen Brust; eine Träne rann
über seine wetterbraune Wange in den Bart und leise, leise schlich er
hinaus.
Draußen stunden der König, der Kanzler und der Leibarzt. Der König
heftete ihm einen großen, funkelnden Orden an sein fleckig Wams und
sprach: »Brav, brav, mein Sohn!« -- »Wie steht's mit der Abrede?«
fragte der Geiger barsch, den der Anblick der drei Würdenträger
schnell der Erde wiedergegeben hatte, und der sich sagte, hier gilt's
dein gutes Recht behaupten! Der König, dem zu Ohren gekommen, daß das
Volk murre und schelte, weil er dem schlichten Geiger, der sich durch
sein Spiel und sein männlich-würdiges Gebaren aller Herzen gewonnen
hatte, sein Recht vorenthalten wolle, schob sich die Krone aufs eine
Ohr, nahm eine Prise und sprach: »Wollen sehn, was sich machen läßt.
Es kommt auf die Prinzessin an, Verehrtester! Im übrigen bleib ich
euch in Gnaden gewogen.« Damit war er entlassen und schlug sich auf
dem Schloßplatz drunten verdrossen durch die Menge des Volkes, das
ihn umdrängte mit Fragen der Ungeduld: »Nun, wird's enden? Ist die
Prinzessin gesund?« Er ging in das Haus des dicken Ratsherrn, der
nicht dulden wollte, daß er im Gasthof wohne, und ihn zu sich geladen
hatte, damit er ihm täglich die Ferkel tanzen lasse, setzte sich an den
Tisch, stemmte beide Fäuste unter das Kinn und weinte herbe Tränen der
Sehnsucht und des Zornes.
Derweile lag das Prinzeßlein in süßem Genesungsschlummer und träumte
von dem stillen, schimmernden See und von dem rosigen Abendhimmel, in
den sie in einem selig gleitenden Schifflein selbander gradhinein fuhr.
Der andre war ein adliger Ritter in schimmernder Rüstung, der saß am
Steuer, zu Handen eine Harfe, und sang eine Weise, die sie überirdisch
schön deuchte, und er trug die ernsten Züge des armen Geigers. Da
wachte sie auf, rief nach ihrer Kammerfrau: »Ich steh jetzt auf, es ist
mir zu dumm, ich bin gesund wie nie.« Und sie ließ sich ankleiden und
ging aus ihrem Gemach herfür schöner und klarer denn je, war freundlich
und gütig gegen jedermann, dazwischen oft verträumt, aber jedermanns
Freude und Wonne.
Am folgenden Tage stund Meister Spielmann wieder hoch und schlank und
mannlich, mit trotzig gespreizten Beinen vor dem König und seinem
ganzen Hofe und forderte seinen wohlverdienten Lohn. Drunten vorm
Schlosse stund das Volk geschart und rief: »Gerechtigkeit! Wort
halten!« Der König wandte sich verlegen an die Prinzessin und sprach:
»Ei nun ja, ist alles ganz recht, doch wie dünket dich der Freier, mein
Kind?«
Die Schöne sah hocherglühend den trotzigen Burschen in seinem Wams von
Wegstaub grau, hörte das Murren der Menge, die sie zwingen wollte, und
warf stolz das Haupt zurück: sie war doch schließlich eines Königs
Tochter, und der da --! Je mehr sie fühlte, daß sie sich innerlich
sein erwehren mußte, so abscheulicher schien ihr der Fiedelmann: »Was
fragst du mich, Vater? Soll ich eines Landstreichers Gemahl sein?«
stund auf und ging, ganz Hoffart und Prinzessin, zürnend hinaus. »Da
haben wir's,« stöhnte der König. »Gottlob!« seufzte der Leibarzt.
»Lächerlich!« nasrümpfte die Oberhofmeisterin. »Gerechtigkeit!« rief
draußen das Volk. Doch nichts -- sagte der Spielmann. Er hatte nur
wieder tief erkannt, wie herrlich sie sei, und seufzte: »Was hab ich
denn für sie getan? -- Gebt mir ein Werk zu tun, König!« rief er laut
-- »ein Werk, das keiner wagt, auf daß ich erweise, ob ich ihrer
würdig sei. Nicht nur in Rittern und Edelgeborenen lebt hoher Mut, sich
ritterlicher Tat zu erkühnen!« -- »Tut das, Majestät!« flüsterte der
Kanzler, »dann kommt ihr des Narren los! Schickt ihn wohin, woher es
keine Wiederkehr gibt.« -- »Wohlan, wir wollen's erwägen,« sprach der
König, und der Hof zog sich zurück. Die Prinzessin ward zur Beratung
gezogen: »Tut, was euch gefällt!« sprach sie. »Ich will dankbar sein,
so ihr mir den Schmutzkittel vom Halse schafft.«
Drei Aufgaben wurden dem Freier gestellt. Zum ersten sollte er drei
Nächte in dem verwünschten Waldschlosse zubringen. »Ho,« lachte er im
Herzen, »da sind wir ja schon zuhause!« verneigte sich und sprach: »Es
sei.«
Am folgenden Tage machte er sich auf nach dem Walde, doch wie den Weg
wiederfinden? Da hatte er den guten Einfall, sein Körbchen mit den drei
Ferkeln mitzunehmen; die sprangen lustig heraus und trabten nun hurtig
voran, und ehe er sich's versah, da er noch meinte, am Anfang seiner
Wanderung zu sein, stund er schon vor dem Schlosse. Die drei schwarzen
Schwäne auf dem Weiher huben die Köpfe und schlugen rauschend mit den
Fittichen, gleich als freuten sie sich seiner Wiederkehr. Er schritt
durch alle schwarzen Gemächer, hatte -- solange hielt zum Glück die
Warnung des Pelzkappenkobolds aus der Dorfschenke vor -- hatte all
der aufgespeicherten Schätze und Kleinodien weniger acht, als wenn's
Kienäpfel wären, und fand im letzten Zimmer einen wohlbesetzten Tisch
und ein bereitetes Ruhelager. Beides ließ er sich wohl behagen und
legte sich, an Speis und Trank gesättigt, früh zu Bett; denn wer weiß,
dachte er, was dir die Nacht Närrisches vorkommt; für alle Fälle hast
du schon ein paar Stunden gesunden Schlafes weg.